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19»00.,
llr.3l Zweites Blatt
Raum ohne Volk.
Von Dr. Wilhelm Grotkopp, Paris.
Gelegentlich veröffentlichen französische Zeitungen !D5-Rufe folgenden Inhalts: Bon 1871 bis 1936 feg die Bevölkerungszahl Deutschlands von ;i auf 64 Millionen, die Englands von 26 auf <ji Millionen, die Italiens von 25 auf 44 Milanen, die Frankreichs einschließlich Elfaß- Othringen dagegen nur von 38 auf 41 Millionen, liefe und ähnliche Zahlen veranschaulichen beson- i rs deutlich, daß Frankreich ein Raum chne Volk zu werden droht. Schon jetzt ist dies rvn der Natur so begünstigte, überaus fruchtbare lmd von den westeuropäischen das am dünn st en t oölkerte. Es zählt pro Quadratkilometer nur 75 (■ nwohner, Deutschland dagegen 141. Neun euro- siische Länder weisen eine größere Bevölkerungsdichte auf. Mit einer nennenswerten Erhöhung der ! ZXvölkerungszahl aus eigener Kraft ist für absehbare Zeit nicht zu rechnen. 1935 war wieder en Unterschußjahr und auch 1936 wird i vchl trotz eines ansehnlichen Rückgangs der Sterbe- z fer die Zahl der Geburten modriger sein als die dir Todesfälle. Die zukünftige Entwicklung ist vor a.em deswegen ungünstig zu beurteilen, weil aus rrtfchaftlichen Gründen und infolge der zahlen- rüßigen Schwäche der jetzt ins heiratsfähige Alter kmimenden Kriegsjahrgänge die Eheschlie- fingen stark zurückgehen.
Die oben erwähnte Bevölkerungszahl von 41 Milli nen gibt aber noch ein zu günstiges Bild von dr bevölkerungspolitischen Lage, denn in diese sind fr vielen Fremden mit einbegriffen. Zahllose fremde hat Frankreich nämlich in der Nachkriegs- zi.t heranholen müssen, weil die eigene Bevölkerung , ncht mehr in der Lage oder geroiÜt war, die wirt- : staftlichen und politischen Ausgaben zu lösen. Nach , vl" soeben veröffentlichten Statistik des Jahres 131 gab es damals in Frankreich 2,7 Millio- n n Fremde, während in den letzten Bor- ! krsgsjahrzehnten, seit etwa 1880, die Zahl der F^mden mit 1,1 Millionen nur geringen Schwan- : fugen unterworfen gewesen war. Der Anteil der tumben an der Bevölkerungszahl ist von knapp !3 d. S). in der Vorkriegszeit auf 4 v. H. im Jahre ; jßl, 6 v. $). im Jahre 1926 und 6,6 v. 5). im Imre 1931 gestiegen, während in Deutschland die Zlhl 1)er Fremden nie 2 v. 5). der Bevölkerung er- i recht hat. In den Krisenjahren wurden zwar ^Fümde in Massen ausgewiesen, aber es ist noch iinner mit 2,3 Millionen Fremden zu rechnen und dc allem wird die Neuzulassung von Fremdarbei- tein für unbedingt notwendig gehalten, da es lii-ran an Arbeitskräften fehlt.
3m Gegensatz zur Vorkriegszeit sind diese Fremde nicht so sehr Rentiers, Künstler, Wissenschaftler ob r Studenten, die das Leben im schönen Paris gi ießen wollen, sondern vor allem Fremdar- bitter, 1931 1,6 Millionen. Diese Fremdarbeiter mußten die Beschäftigungen übernehmen, die der frinzösische Arbeiter als körperlich zu schwer und gu unangenehm ablehnt, wie z. B. auf dem Lande, in ben Kohlenbergwerken, in den Steingruben, an b: Hochöfen u. a. Zum Teil mußten auch Fremde sii die Arbeiten eingesetzt werden, die eine innere D.-bundenheit mit dem modernen Großbetrieb vor- ou>setzten, also für typische Qualitätsleistungen. Ent- Ich ibenb sind aber die Fremdarbeiter auf dem ■£nbe, 1931 250 000 an ber Zahl, in den Bergin-ken und auf den Steinbrüchen, 167 000, und inieinzelnen Zweigen ber metallurgischen Industrie, insgesamt hier über 400 000. Auf dem Lande und iniben Steinbrüchen sind es vorwiegend Jtalie- r, Spanier und Belgier, in den Kohlenbergwerken Belgier und Polen.
Die Zahl der in Frankreich lebenden Jta l iener ftiig von 1921 bis 1931 von 451000 auf 808 000, ii( der Polen von 46 000 auf 508 000 und die i?i Spanier von 255 000 auf 352 000» Ange- fici-elt sind diese Fremdarbeiter vorwiegend in den Grnzgebieten. In dem an Italien angrenzenden M-Jartement mit Nizza als der wichtigsten Stadt fin) z. D. 28 v. H. der Bewohner Italiener und cn'ere Fremde. In den Departements des frühe-
K-L. Lindt md Karl Viergardt: „Lehrling gesucht!"
vmufführung am Gretzener Stadttheater.
: ^arl-Ludwig Lindt, geschätztes Mitglied unse- rre Schauspiel-Ensembles, ist uns auch als Schwank- 2u:or nicht mehr unbekannt: bereits 1934 erlebten v: die erfolgreiche Premiere seines heiteren Drei« clli-rs „Parole: Heiraten!" Diesmal war es sogar tm* Uraufführung, noch dazu die alleinige, und mdi t bloß ein Schwank, sondern eine Schwank-Ope- ttiee, also halb und halb, eine Kreuzung, ein Mischling, ein Schwank mit Musik, von beibetn gerade si »iel, wie zu einem runden Publikumserfolg ge- bioucht wird. Wenn man bedenkt, baß Herr Lindt ai: Autor auch noch selber mitspielte (und nicht ein« M bie kleinste Rolle, hat er ganz recht) — bann i|i das alles zusammen ein bißchen viel für den Qirjelnen. Also tat man sich zu einer Gernein- schcsftsarbeit zusammen: Karl D i e r g a r b t, ein junger Darmstäbter Komponist, schrieb die Musik;
Altendorf stiftete die Gesangstexte.
Wenn der Vorhang aufgeht, fängt das eigentliche Eiirf noch gar nicht an, sondern vor dem Zwischen- »orjang erscheint erst, ziemlich leicht bekleidet, der Rmmerfänger Meyer, der mit der ganzen Ge- Ichhte überhaupt nichts zu tun hat, aber er singt zleich einen stürmischen Gesang, der alsbald alle virUich Mitwirkenden vor den Vorhang holt, und bom legen sie alle zusammen los, und das gefällt bm Leuten, der Kapellmeister kann gleich richtig einigen, und Komponist und Autor haben mit bi^r improvisatorischen Theatergeste einen hüb-
Auftakt und die nötige Stimmung für alles, 02$ noch kommt.
Herr Wendeborn, Besitzer der Einhorn-Drogerie n einer kleinen Stadt, sucht einen neuen Lehrling, dir Schauspielerin Vera Brückner vom Casino- tieiter möchte die Stelle für einen hoffnungsvollen fielen, der leider nicht rechtzeitig von auswärts lin.fle troff en ist. Wendeborn will nicht warten und jätijt (statt eine Annonce aufzugeben!) ein Schild )cr bie Tür: Lehrling gesucht! Die Brückner ge- uncht eine List und beschwatzt eine Freunbin, bie i' auch von auswärts, also unbekannt) besucht, in Männerkleider zu stürzen, sich engagieren M roieber hinauswerfen zu lassen, wenn der , 'Qiimige Neffe erscheint. Da sich anderseits Herrn Rmöeborns Neffe, Kurt Lieske, sozusagen Prokurist
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Samstag, b.Zebruar 1957
ren Deutsch - Lothringen und des französischen Lothringen machen die Fremden 19 bzw. 16 v. H. aus, in dem Bezirk um Marseille 15 v. H., in den spanischen Grenzbezirken um Perpignan 12 bis 13 d. H. und anderseits in Groß-Paris fast 10 v. H. In einigen Orten der Kohlen- und Metallindustrie ist die Zahl^ der Fremdarbeiter fast ebenso groß ober noch größer als die der französischen.
Diese Zunahme der Zahl der Fremdarbeiter ist in wirtschaftlicher, politischer und soziologischer Hinsicht von weittragender Bedeutung für das Schicksal Frankreichs. Einst glaubten die Franzosen, daß diese Fremdarbeiter keinen größeren Ehrgeiz hätten, als sich naturalisieren zu lassen, und daß es für die französische Rasse ein leichtes sei, diese Fremden zu assimilieren. Manche Beobachtung sprach für diese Ansicht. Groß war z. B. in der Vorkriegszeit die Zahl derer, die sich naturalisieren ließen, und erheblich ist heute noch die Zahl derer, die als Kinder von Fremden in Frankreich geboren werden und von der mit dem jus soll gegebenen Möglichkeit des Erwerbs ber französischen Staatsangehörigkeit Gebrauch machen. Während über diesen Prozeß der Assimilierung genauere Zahlen nicht vorliegen, ist es auffallend, daß neuerdings die Zahl der Naturalisierung im Vergleich zu ber der Fremdarbeiter gering ist. Unter den Beschäftigten Frankreichs machen nämlich die Fremdarbeiter 7,4 v. H. aus, die Naturalisierten aber nicht einmal 1 v. H.
Die Gegenkräfte der Heimatländer machen sich hier stark bemerkbar. Vor allem tun die
Italiener und die Polen alles, damit ihre in Frankreich tätigen Landsleute ihre Nationalität nicht einbüßen, dem Heimatland erhalten bleiben. Deswegen stößt die Assimilierung neuerdings auf erhebliche Schwierigkeiten, somit erlangt das Problem der Fremdarbeiter eine wachsende Bedeutung. Immer häufiger wird aus Grenzgebieten über Schwierigkeiten im Verkehr mit den Fremdarbeitern berichtet, wobei vorwiegend nationalpolitische und soziale Momente im Vordergrund stehen. Die Streikbewegung des letzten Jahres ist z. B. zu einem erheblichen Teil auf die soziale Unzufriedenheit der Fremdarbeiter zurückzuführen, bie ja die am wenigsten angesehenen Arbeiten verrichten müssen und selbstverständlich die damit gegebene soziale Degradierung nicht ohne weiteres hinnehmen. Was diese Entwicklung politisch bedeutet, hat sich in den letzten Wochen am krassesten in Perpignan an der französisch- spanischen Grenze gezeigt. Bei einer Würdigung ber bärtigen Ereignisse kommt nämlich auch dem Moment eine große Bedeutung zu, daß das tägliche Leben in den Grenzgebieten schon weitgehend von den Fremden bestimmt wird und somit diese auch auf die Behörden und auf die politischen Instanzen einen erheblichen Einfluß ausüben können. Was sich in Perpignan abfpielte, kann sich zu jeder Zeit in anderen Grenzgebieten wiederholen, wenn Frankreich in den politischen Kamps des Nachbarlandes hineingezogen wird. In weiten Grenzbezirken ist Frankreich nämlich heute schon ein Raum ohne französisches Volk.
Handwerk hat goldenen Boden.
Die große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung des Handwerks ist vom Nationalsozialismus im Gegensatz zu früheren Epochen voll und ganz erkannt worden. So erfährt heute das deutsche Handwerk auch die staatliche Förderung, die es schon allein als die große Schule solider Arbeit verdient. In zwanglos sich folgenden Aufsätzen wird nun der Gießener Anzeiger feinen Lesern ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine Reihe der wichtigeren Handwerkszweige in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage vorstellen. Der einleitende Aufsatz „Handwerk und Volkstum" zeigt die kulturellen Grundlagen auf, die allen deutschen Handwerken gemeinsam ist.
I.
Handwerk und Volkstum.
Die im Dritten Reiche mit Nachdruck geforderte und mit Hingabe geforderte Wiedererstarkung des deutschen Handwerkes wirkt sich nicht nur sichtbar nach ber wirtschaftlichen Seite unseres volklichen Zusammenlebens aus. Auch bie kulturelle Befruchtung unseres Volkstums burch die Wiederbelebung ehrwürdiger Sitten und bewährter Bräuche, die dem alten Zunftwesen zu eigen waren und nun neue Blüten tragen, ist offensichtlich. Und ganz gewiß kann die wirtschaftliche Sicherung des Handwerks als des sozialpolitischen Mittelpunktes des deutschen Bürgertums um so fester und dauerhafter begründet werden, je mehr weite Volkskreise mit freudiger Anteilnahme erkennen, wie reich an kulturellen Gedanken das Schaffensgebiet unserer deutschen Handwerker ist. Ist doch das Handwerk — wie auch der Bauernstand — nicht nur zur Erzeugung von Werten berufen, sondern zum Hüter deutschen Geisteslebens bestellt!
Schon die Entwicklung des Handwerkertums aus dem dörflichen Gemeinschaftsleben zeigt uns ja, wie innig diese Zweige deutscher Volkheit miteinander verwachsen sind.' Der älteste Stand bleibt unbezweifelbar der bäuerliche Stand. Er erzeugte ehedem den gesamten Bedarf an Geräten, Bauwerk und Kleidung neben der Erfüllung seiner eigentlichen Aufgabe, der Gewinnung ber Nahrungsmittel, selbst. Dann aber wurde die Hausarbeit „spezialisiert" und einzelne Anfertigungen
besonders Geschickten übertragen, die dann auch für ben Nachbarn und schließlich auf Vorrat zwecks Veräußerung Gebrauchsgegenstänbe anfertigten. So erwuchs der Handwerker, der Facharbeiter. Man hat gewiß nicht recht, wenn man diese Umschichtung erst in die letzten IV2 bis 2 Jahrtausende verlegt. Zeigt uns doch die uralte Sage bereits den Handwerker, z. B. Wieland den Schmied und die werkelnden Zwerge verschiedener Sagenkreise. Und diese mythischen Wurzeln können wir gar nicht weit genug zurückoerlegen. Nicht nur die Eisenzeit, die bereits frühzeitig — um beim Beispiel des Schmiedes zu bleiben — es verstand, kunstvolle Schwerte „im Gesenke" zu schmieden, muß zweifellos Facharbeiter zu dieser Kunst ausgebildet haben; auch die hervorragenden Erzeugnisse der Bronzezeit tragen den Stempel künstlerischer Vertiefung; und selbst die Mengenfunde von Steingeräten der nach ihnen benannten Steinzeit deuten auf „Serienfabrikation" hin, zumal auch nicht selten Funde von Haufen aus Splittertrümmern, Abfälle der Geräteherstellung, darauf hinzeigen, daß hier und dort regelrechte Werkstätten bestanden haben. Und setzt nicht das Vorkommen jener wunderlich kleinen, zur Landarbeit ungeiqneten Bronzesicheln, die man als Tauschobjekte, also als ein frühestes gemünztes „Geld" gedeutet hat, voraus, daß diese genormten Wertgegenstände aus einer oder einigen einheitlich herstellenden Werkstätten stammen? Ganz sicher ist also das Handwerk — althochdeutsch „hant- werah", angelsächsisch „handvoerc" und alemannisch „hamberch" — sehr alt. Das zeigt uns auch diese sprachliche Sonderbarkeit, daß bereits im Alt- alemannischen das Wort „hamberch" doch schon deutliche Zeichen der „Zersprechung", der „Abgeschliffenheit" aufweift.
Wie weit ein gildenmäßiger Zusammenschluß einiger Handwerker in frühgeschichtlicher Zeit statt- qefunben haben könnte, kann man nur mit einiger Kühnbeit vermuten ober mit Vorsicht bezweifeln. Die Dölkerwanberung hat ja viele Spuren uralter Seßhaftigkeit verwischt. Aber ist eine Annahme früh beginnender Zünftebildung so ganz ausgeschlossen, wo wir doch hören, daß der älteste Zeuge solchen Brauchtums, bie Bauhütte, als zunftähnliche Organisation bereits im 7. Jahrhundert bei den Langobarden auftritt? Kann man nicht vielleicht sagen „wieder auftritt"? Und wenn auch vielleicht die Erstellung riesiger Kirchenbauten einen verstärkten Anreiz dazu gegeben haben mag, daß die Stein-1
nutzen mit den anderen Facharbeitern in Standes« gerneinschast zusammentraten, die sie z. B. zur Geheimhaltung technischer Kunstgriffe gegenüber den Nichthandwerkern verpflichteten, so dürften ähnliche Bedürfnisse der Exklusivität (Ausschließlichkeit in Hanbwerkserlernung), Warenerzeugung und Absatz ber Erzeugnisse boch auch bei anderen Facharbeitern Vorgelegen haben, z. B. beim Waffenhanbwerk! Stellt doch bereits die Sage manche Schmiede eben deshalb in ben Mittelpunkt ihrer Erzählung, weil sie es besonders gut verstanden, Eisen oder Stahl zu Härten und zu wirksamster Form zu gestalten. Auch hier tritt oft die Neigung zutage, diese Kunstgriffe zu verheimlichen ober aber nur an Erwählte weiterzugeben.
Ein anderes Zeichen des Alters unseres Gildewesens ist darin zu sehen, daß es eben die Hand» werkszünste waren, die jenen von Tacitus überlieferten Schwertertanz bis in unsere Gegenwart erhielten. Konnte bas ber Fall sein, wenn bie Zünfte erst im Mittelalter entstanden wären und nicht mehr unmittelbar mit frühgeschichtlichem Brauchtum verknüpft gewesen wären? Keineswegs ist annehmbar, daß dieser alte kultische Tanz willkürlich von den Zünften nachgeahmt und übernommen wurde, zumal er sich noch bis ins vorige Jahrhundert in Dithmarschen, Steiermark, Westfalen — also in ganz weit voneinander getrennten Gauen — erhalten hat, während er heute fast allein noch in Ueberüngen am Bodensee von den Rebbauern betrieben wirb, bie aber hier nicht als Landleute, sondern als Ackerbürger — und zwar vorwiegend a l s städtische Handwerker — zu betrachten sind.
Auch die Jünglingsweihe unserer altgermanischen Voreltern ist im Handwerkerstände unvergessen. Das „Freisprechen" der Lehrlinge und ihr Uebertritt in die Gesellenschaft ist die neuere Form für ben uralten Brauch. Allerdings ist hier auch die Ritterschaft Brauchtumsträger. Der„Ritter- schlug" ist gebanklich bas gleiche wie die letzte Ohrfeige, die der Lehrling bei der Freisprechung als letzte Handhabung des meisterlichen Züchtigungsrechtes empfing: Eine Parallele ist das „Fuchsen- turn" der akademischen Verbände. Hier ist der Leibbursch an derselben Stelle wie der Altgeselle, der den Junggesellen in die Sitten der Innung, in die Fertigkeiten des Meisters und in geheime Bräuche einzuführen hat.
Bemerkenswert ist es auch, daß neben dem Ritter- turne und Soldatenstande sowie der Studentenschaft es in ganz hervorragender Weise der Handwerkerstand war, ber das Volkslied, diesen wichtigen Kulturzeugen, gehegt, gepflegt und vermehrt hat. War der roanbernbe Hanbwerker doch ganz besonders dazu befähigt, diese Schätze unseres Volkstums zu verbreiten. Machte er diese Lieber weit bekannt, so hütete er aber pflichtgemäß den „Handwerksgruß", den er nur dem Meister und Gesellen seiner Zunft gegenüber aussprach, sich damit zugleich als Gilde- genoffen auspeifenb.
Wert legte man mit Recht stets darauf, daß ein Handwerker fein Fach voll beherrschte und sich nicht an Nachbargebiete verzettelte. Sebastian Brant sagt 1494 im „Narrenschiff": „Gar offt verdürbt ein Hantwerksmann, ber vil Gewerb unb Hantwerk kann", unb Johann Agricola sagt in seinem Buche „Dreyhundert gemeyner Sprichwörter" (1529): „Wer vil Hanbtwercke zugleich lernet, der lernete selten eynes wol." Also — alt ist die Weisheit: „Schuster bleib bei deinem Leisten!" Für den, ber sich in ber Beschränkung als Meister zeigt, gilt bann das Wort des altniederdeutschen Vvlksmundes: „Een Handwerk is een Graafschap". Und Goethe äußert sich im „Wilhelm Meister" allgemeingültig: „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen, welches nur in ber Beschränkung erworben wird." Noch vor ihm, ber selbst ein Sproß
Urquell
im „Einhorn", mittlerweile für die fremde junge Dame interessiert hat, sieht man bald, wie der Hase läuft; nach berühmtem Muster: „meine Schwester und ich", „mein Bruder und ich", wir alle beide, aber in einer Person, gewissermaßen siamesischer Zwilling, abwechselnd Claus und Lotte Conradi.
*
Cläuschen wird engagiert, Kurt hat sich in Lotte verliebt und verabredet mit ihr einen Spaziergang im Bergwerkswalb, dafür geht er mit Claus Kräuter sammeln, gerät in ein Gewitter unb muß mit ihm in einem ländlichen Gasthof übernachten. Nur ein Bett vorhanden, man kennt das schon, unb jetzt, im zweiten Akt, kommt der Schwank erst auf Touren. Nur Kurt merkt nicht, daß Claus eigentlich Lotte in Männerkleidern ist. Lotte will nicht in das gejneinfame Bett, sucht Schutz bei einem weiblichen Logiergast, selbst bei der Wirtin, was naturgemäß Befremden erregt. Aber dieser Gast ist die Brückner, die sich hier heimlich mit ihrem Mann trifft, weil bas Theaterpublikum sie für unverheiratet halten soll. Man kann sich denken, wie es zugeht. Am Ende fliehen die beiden Freundinnen, während der inzwischen eingetroffene Gatte Veras Claus des Ehebruchs bezichtigt und selbst der Wirt, der helfend eingreifen will, von seiner Ehehälfte schnöde verdächtigt wird.
Im dritten Akt kommt alles ins Reine. Aber es dauert eine ganze Weile, bis sich der verliebte Kurt von der Identität von Claus und Lotte überzeugt hat. Ein kleiner Claus kommt wohl noch später, der kann bann als Lehrling eintreten. Veras Neffe hat sich's mittlerweile anders überlegt unb ist Flieger geworden. Nun steht der Verlobung nichts mehr im Wege, unb wie zu Anfang erscheint (aber diesmal ohne Herrn Meyer) das ganze Ensemble wieder an der Rampe und verabschiedet sich mit gemeinsamem Gesang. — *
Herr Lindt hat den Einfall mit richtigem Theaterinstinkt auszuschöpfen verstanden, behält die Fäden übersichtlich in der Hand, weiß, was zu einem richtigen Schwank dazugehört, und versteht es, eine Situation auf den Höhepunkt der Verwirrung zu treiben. Hans Aliend 0 rf hat eine Reihe von leicht fangbaren Schlagertexten beigefteuert, die besten im ersten Akt; das Lied vom Eintopf, ganz aktuell, zündete sofort und mußte alsbald wiederholt werden. Karl Diergardts Vertonung erwies sich als eine leichte, anfpruchslos-heitere, gefällig intonierte unb rhythmisch saubere Begleitung, die sich dem Text ungezwungen einfügt; der hübscheste
Einfall: das melodiös gefetzte kleine Liebesduett im zweiten Akt. —
Die Spielleitung hatte Herr Kühne, ber für ein munteres Tempo sorgte und die Hauptszenen drastisch herausarbeitete. Herr Hampel als Kapellmeister betreute die kleine Partitur und hielt das Orchester mit den Vorgängen auf der Bühne sauber im Einklang. Herr Löffler hatte das „Einhorn" in einen altfränkisch-gemütlichen Kleinstadtwinkel gestellt und für den zweiten Akt ein prächtig zweischläfriges Bauernbett aufgefahren.
Es wurde auf der ganzen Linie mit Hingabe und guter Laune gespielt: alle setzten sichtlich ihren Ehrgeiz darein, dem Kollegen Lindt nach besten Kräften zum Siege zu verhelfen. Er seinerseits hat es ihnen so leicht wie möglich gemacht; es gibt recht dankbare Schwankrvllen in diesem Stück, und insbesondere Frl. Prinz als Claus und Lotte, als siamesischer Zwilling, darf sich beim Autor und Partner bedanken; ihr machte die Verwandlung und Verdoppelung ihres Ich augenscheinlich selber Spaß, sie war (auch bei Gesang und Tanz) in ausgelassener Stimmung bei der Sache. Herr Lindt hatte sich den Neffen Kurt ausgesucht und offenbar genau gewußt, was ihm bekommt und was ihm steht — bis auf das obligatorische Negligö im zweiten Akt. Der leichte, glatte, aufs Stichwort klappende Dialog war stets seine Domäne.
Herr V 01 ck als bas knotterige „alte Einhorn" und Frau Schubert-Jüngling, die Haushälterin Sophie (ein Mundwerk wie ein Reibeisen), ergänzten sich vortrefflich. Eine hübsch ausgetüftelte Figur brachte Herr F r i ck h 0 e f f e r als der hamburgische Handlungsreisende. Mit schwäbischer Ruhe und Gemütlichkeit machten Herr Geiger und Frl. Gerhardt die biederen Wirtsleute. Ilse Las- k u s (Vera) und Herr Bley (Kammersänger Meyer) erfüllten das Kleinstadt-Milieu mit komödiantischem Temperament —
Die Uraufführung fand eine sehr herzliche Aufnahme. Anhaltender Beifall rief auch den Autor, den Komponisten, Spielleiter und Kapellmeister auf die Bühne, wo zuguterletzt eine richtige Bescherung stattfand. Hans Thyriot.
6od)frf>ufno(b richten
Der ordentliche Professor für allgemeine klinische Röntgenkunde Dr. Hans Hälfe ld er an der Universität Frankfurt ist zum Ehrenmitglied der Argentinischen Ra-diologen-Gesellschaft in Buenos Aires ernannt worden.
Die La France-Hofe ausdemFranzosengrab in den Vogesen.
Von Rothau oder Schirmeck aus steigt man aus dem Breusch-Tal auf waldigem Höhenweg steil empor nach dem Struthof mit herrlichem Ausblick ins weite Land. Dort oben waltete in den Kriegsjahren Madame Jdoux, und wer bei ihr Zuflucht und Erholung suchte, war prächtig aufgehoben. Es gab immer noch einen reinen, starken Kaffee mit dicker Sahne, und in der fchwarzverräucherten Küche briet sie die saftigsten Hähnchen und goldene Eierspeisen.
Wir hatten ringsherum ein großes Jagdgelände gepachtet, und wenn mein Mann uns mal gebrauchen konnte, durfte die Familie über Sonntag mit nach dem Struthof. Es war ein eigenes Gefühl in der großen Stille der Berge dem Krieg doch fo nahe zu fein, von der 12 bis 15 Kilometer entfernten Front herüber rollte der Geschützdonner, und nie wußte man genau, — zog es näher?
Während die Herren ihrer Jagd nachgingen, streifte ich in der Nähe umher, und ich vergesse nie, wie ich unversehens auf einer lichten, stillen Matte vor einem einsamen, umgitterten Grab stand. Das Grabkreuz blickte gerade nach dem Donon hinüber, und in der sinkenden Sonne leuchtete mir ein voll- blühender, in den Kelchen tiefrötlicher Rosenstock voller großer, wunderschöner Ta-france-Rosen entgegen. In der ganzen Umgegend nickten nur Ginster und zarte Wiesenblumen im Winde, — wie kam der edle Rosenstrauch auf das Grab?
Name und Datum auf dem Kreuz bedeuteten einen schon im August 1914 hier gefallenen Franzosen. Als ob das Herzblut des Toten die Blüten gefärbt habe, brannten sie mir entgegen/ unvergeßlich ist mir das stille Grab auf der Waldwiese mit dem Blick nach Frankreich, im Schutze der deutschen Wälder, des goldenen Ginsters, gepflegt und versorgt und still behütet von den Nachbarn, ehrfürchtig verfchont von Kinderhänden, — ein Fleckchen stiller Andacht für die Vorübergehenden.
In der Dämmerung des Sommerabends sah ich einmal eine stille Frauengestalt in der elsässischen Schlupfhaube am Grabe verweilen, ein paar Blüten niederlegen. War es die Braut, die den Rosenstock gepflanzt? Wer wollte fragen, — es bleibt ein Geheimnis in den Vogefenhöhen, wie ja auch bas Elsaß für uns jetzt ein verlorener Besitz und eine märchenumwobene Erinnerung geworden ist. A. M.


