Ausgabe 
5.11.1937
 
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Hr.259 Erstes Blatt

18Z. Jahrgang

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Metzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Die Ostasienkonferenz berät eine neue Note an Japan. Wenig Hoffnung in Paris und London.

Um den Volksfront-Kurs in Frankreich.

(Nachdruck verboten.)

Wenn die Kantonalwahlen nach der Som­merpause gewissermaßen den Auftakt für die mit dem Zusammentritt des Parlaments zu erwartende Belebung der französischen Innenpolitik bildeten, so stand der radikalsoziale Parteitag im Mittelpunkt der innerpolitischen Ausrichtung der Mehrheitsparteien. Ihm folgen in den nächsten Tagen die Beratungen der sozialdemokrati­schen Partei und der von Flandin geleiteten demokratischen Vereinigung. Die Nach­barn der Radikalsozialen zur Linken und zur Rech­ten werden somit an das Ergebnis des Parteitages von Lille anknüpfen können. Ministerpräsident Chautemps äußerte vor dem Zusammentritt seiner Partei, er hätte nichts dagegen wenn bei dieser Gelegenheit die verschiedenen Auffassungen zu­tage treten würden, die den rechten und den linken Flügel der Radikalsozialen kennzeichnen, voraus­gesetzt, daß die Einheit der Partei gewahrt bleibe. Sein Wunsch ist in jeder Hinsicht in Erfül- Jung gegangen: es hat nicht an einer sehr starken Kritik der Zusammenarbeit mit den Kommunisten und Sozialdemokraten gefehlt. Eine Entschließung des Parteitages geißelt sogar sehr deutlich die marxi­stische Finanzpolitik während des ersten Volksfront­kabinetts, aber die allgemeine Entschließung des Parteitages hat viele dieser Spitzen wieder urnge- bogen. Von radikalsozialer Seite ist also kein Druck auf die übrigen Parteien der Volksfront erfolgt, und die neuen Richtlinien der Partei zwingen auch die Sozialdemokraten nicht, sich von dem zweiten Volks­frontkabinett unter radikalsozialer Führung zu tren­nen. Die Sozialdemokraten werden, mit einigen Wenn und Aber", der Regierung ihre weitere Mit­arbeit versprechen.

Soweit ist die Lage also unverändert, aber auch nur soweit, denn in Wirklichkeit haben die Radikalsozialen deutlich durchblicken lassen, daß sie ihre Unabhängigkeit anstreben. Während sie sich noch im vorigen Jahr lediglich als Mitarbeiter an der Volksfrontregierung fühlten, geben sie sich heute als Träger der französischen ' Politik. Sie haben die Selbstsicherheit wiedergefunden, die sie nach den Mißerfolgen seit dem Jahre 1932 ver­missen ließen. Sie wollen nicht mehr Mitläufer sein, sondern die Haltung Frankreichs nach innen und außen bestimmen. Ihrer Uebertieferung gemäß haben die Radikalsozialen ihre Politik so geschmeidig umrissen, daß eine Spaltung der Volks­front zunächst nicht zu erwarten ist; aber sie haben nachdrücklich zu verstehen gegeben, was sie nicht wollen, nämlich keine Störung des von Chautemps und Bonnet eingeleiteten langsamen Gesundungs­werkes. Die berühmtePaus e" wird also wei­ter durchgeführt, und die von den Marxisten durch ihre Parteien und durch die Gewerkschaften bean­tragten Reformen werden nur nach Maßgabe ihrer Tragbarkeit zugelassen. Die Linkspar­teien haben zunächst keine Handhabe, um das Ka­binett Chautemps zu stürzen und zu revolutionären Versuchen zurückzukehren, denn sie laufen damit Gefahr, die Radikalsozialen in das Lager der rech­ten Mitte abzudrängen. Es wird sich zeigen, ob so eine Entwicklung, die von der Mehrheit der Ra- dikalsozialen noch nicht gewünscht wird, nicht all­mählich doch eintreten wird; fürs erste aber bleibt die Volksfront unter radikalsozialer Führung be­stehen.

Don den bitteren Worten, mit denen das soge­nannte Experiment Blum von vielen radi­kalsozialen Rednern bedacht wurde, und von dem zutage getretenen Führungsanspruch der R a d i k a l s o z i a l e n abgesehen, haben die Bera­tungen in Lille zwei interessante Punkte gebracht: einmal das Bekenntnis zur Verhältniswahl 'und zum zweiten die starke Herausstellung des Ehrenvorsitzenden der Partei und gegenwärtigen Kammerpräsidenten H e r r i o t Der Wahlreform soll zwar ein neuer Parteitag gewidmet sein, aber schon diese Tatsache zeigt, daß die Frage ins Rol­len gebracht ist. Eine Einführung der Verhältnis­wahl würde die Selbständigkeit der radikalsozialen Partei fördern.

Herriot ist so sehr in den Vordergrund getreten, daß Augenzeugen seiner rednerischen Erfolge in Lille in ihm bereits den künftigen Mi n i - fterpräfibenten sehen wollen. Es ist in der Tat auffallend, daß Herriots Auftreten in Lille in innen- und außenpolitischer Hinsicht auch von den Nachbarparteien der Radikalsozialen mit starkem Beifall ausgenommen worden ist. Herriot wäre also nötigenfalls der Mann, der eine Brücke von links bis zu der demokratischen Vereinigung von Flandin schlagen könnte. Damit ist ein Weg an= xedeutet, den die Radikalsozialisten sich vielleicht ousgeüacht haben für den Fall, daß ein äußeres Ereignis eine breitere Mehrheit erfordert oder 'aber daß die augenblickliche Volksftont ausein- ünderbricht. Den Radikalsozialen kann es nicht als wünschenswert erscheinen, mit der Rechten allein regieren zu müssen, da sie dadurch weite Kreise wieder in die Opposition drängen würden, die jetzt langsam zu ihren Fahnen zurückfinden. Es wird interessant sein, wieweit die demokratische Vereini­gung sich auf ihrem Parteitag zu diesem Plan bereiterklären wird. Flandin ist immer für die neu- ! ch von Daladierallen Republikanern" hinge- s reckte Hand gewesen. Er würde sicherlich einschla- I en, wenn die Gelegenheit sich böte. Zunächst ge- pren solche Erwägungen der weiteren Zukunft an. °e tiefer der Schatten ist, der sich auf die Volks- f ont senkt, je lauter es im Gebälk dieses hauvt- sichlich von einer Negation, der Negation des Fa­schismus, getragenen Gebäude knistert, ,Lesto be-

Brüssel, 4. Nov. (DNB.) Am Donnerstagvor­mittag versammelten sich im belgischen Außenmini­sterium die in Brüssel anwesenden Vertreter der Signatar floaten des Neunmächteoer­trages. In der Sitzung berichtete Außenminister S p a a k über die japanische Antwort auf die Einladung zur Konferenz Er hob hervor, daß Japan an sich das Fortbestehen des Neunmächte­oertrages anerkenne, daß es aber die gegenwärtige Konferenz ablehne, weil sie eine Veranstal - t u n g des V ö lkerbundes und außerdem zu umfangreich fei. Spaak hielt eine Stellungnahme der Konferenz zu diesen beiden Punkten für erfor­derlich. Da sich ergab, daß keiner der anwesenden Delegierten eine individuelle Verantwortung für einen Schritt bei der japanischen Regierung über­nehmen wollte, wurde grundsätzlich beschlossen, die Antwort an Japan von einem engeren Aus­schuß der Konferenz erteilen zu lassen. Der italienische Delegierte kam auf seinen Vorschlag einer Vermittlungsaktion zurück, die das Ziel haben sollte, China und Japan wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Einer derartigen Aktion widersprach der amerika­nische Vertreter Norman Davis energisch; er wurde darin von Eden und Delbos unter­stützt. Delbos erklärte sich jedoch bereit, einem Angebot der guten D i e n st e" an die bei­den Parteien zuzustimmen, woraus man sich dann auch einigte. Die für Donnerstag abend anberaumte neue Sitzung der Dollkonferenz, in der die Note an Japan endgültig gebilligt werden sollte, ist auf Freitag vormittag verschoben wor­den. Wie es heißt, konnte noch keine Einigung über die Zusammensetzung d e s Konferenz­ausschusses, der die Angelegenheit weiter be­handeln soll, erzielt werden

DieTimes" meint, daß Außenminister Spaak einen Entwurf für eine neue Einladung Japans nach Brüssel vorbereiten werde, und daß Japan, falls es erneut ablehne, ersucht werden olle, demArbeitsausschuß seine Beschwerden vorzu­legen.Daily Herold" spricht von einemtoten Punk t", an dem sich die Neunmächtekonferenz chon am zweiten Tage ihrer Sitzung befunden habe. Das Blatt gibt den Hinweis, daß Frankreich, um Italien aus dem Arbeitsausschuß herauszuhalten, ich vielleicht mit einem Dreierausschuß, be- tehend aus Amerika, Belgien und England, abfin­den könnte.

Petit Parisien" erklärt, man mache sich in Kon­ferenzkreisen keine große Hoffnung hinsichtlich der Wirkung eines an Japan zu richtenden Aufrufes. Echo de Paris" spricht von einem Versuch einer englisch-amerikanischen Zusammen­arbeit, von dem Amerika sich jedoch schon wieder zurückzuziehen beginne. Eden t)abe sich wohl auch keinen trügerischen Hoffnungen hingegeben, sondern im Unterhaus nur zum Ausdruck bringen wollen, daß er nichts zur Annäherung der angelsächsischen Welt unterlassen habe.Jour" erklärt, der ameri­kanische Vertreter Davis tue in Brüssel praktisch gesehen eigentlich gar nichts. Die Ereignisse gin­

gen dort genau denselben Gang, wie es ilt Genf der Fall gewesen wäre.

Japan konzentriert die Miegssührnng.

Ein kaiserliches Hauptquartier.

Tokio, 5. Nov. (DNB. Funkspruch.) Im heuti­gen Kabinettsrat wurde beschlossen, den Reichs­tag auf den 24. Dezember einzuberufen und hierzu die Genehmigung des Kaisers einzuholen. Man er­wartet die Errichtung eines kaiserlichen Hauptquartiers für den 10. November, um Öen vereinigten Einsatz aller Kräfte unter militä- nscher Führung zur entschlossenen Durchführung und Beendigung des Konfliktes bereitzustellen". Das Hauptquartier werde ein rein militärisches Ö r g a n in Gestalt einer obersten Kommandobe­hörde unter der vereinigten Führung der Chefs des General- und Admiralstabes sein. Der Kriegs­und der Marineminister seien Chef des gesamten militärischen Verwaltungsapparates zur Sicher­stellung aller für die Durchführung des Konfliktes notwendigen Maßnahmen. Der Ministerpräsident, der Präsident des Staatsrates und die Minister würden jeweils zu den Beratungen hinzugezogen. Die wichtigste Ausgabe des Hauptquartiers fei neben einer zentral geleiteten militärischen Führung die völlige Umstellung auf die Kriegs- wirtschaft.

Schwere Kampfe an allen Fronten

Der Sutschau-Bach überschritten.

Weiterer Vormarsch auf Tayuanfu.

Schanghai, 4. Nov. (DNB.) An der Schanghai- Front haben wieder schwere Kämpfe stattgefunden, besonders am Sutschau-Bach, der von den Japanern nach erbittertem Ringen an drei Stellen überschritten werden konnte. Die erste erfolgreiche Landung auf dem Südufer des Baches gelang etwa sieben Kilometer westlich des Eisen­bahnüberganges, wo mit Hilfe von flachen Flößen im Schutze der Dunkelheit eine Notbrücke geschla­gen wurde.

An der S ch a n s i - Front ist es der mechani­sierten japanischen Abteilung Fukuda in enger Zu­sammenarbeit mit der Infanterie gelungen, den er­bitterten chinesischen Widerstand nach sechsstündigen Nahkämpfen zu brechen und die chinesischen Trup­pen in die Flucht zu schlagen. Die japanischen motorisierten Streitkräfte ließen den Chinesen nicht einmal Zeit, ihre vorbereiteten Verteidigungslinien Kuantschengtschen zu besetzen und überschritten den letzten großen Gebirgspaß von Schihling, der weniger als 30 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Schansis, T a y u a n f u , liegt. Gleich­zeitig erreichten japanische Kavallerieabteilungen bei lhrem Vormarsch aus östlicher Richtung die Ort­schaft A n l o t s ch e n , die nur noch 24 Kilometer von Tayuanfu entfernt ist.

Bilanz des Grauens.

20 Jahre Sowjetrepublik in Rußland.

Die Wurzeln der bolschewistischen Revolution reichen weit in die Geschichte des zaristischen Ruß­land zurück. Aber erst während des russisch-japani­schen Krieges 1905/06 gewannen die inneren Be­wegungen des Riesenreiches ihre ausgesprochen marxistisch-jüdische Richtung, die zu den blutigen Unruhen führte. Die Einführung des Parlamenta­rismus brachte zunächst die junge Schicht des Bür­gertums zur Geltung, die bestrebt war, die revo- futionären Tendenzen durch die panslawistische Pro­paganda abzulösen, aber dadurch immer stärker in das deutschfeindliche Fahrwasser geriet. Insofern wurde diese Periode zum Wegbereiter des Welt­krieges. Nach den Niederlagen des zaristischen Staates traten die internationalen Strömungen an die Oberfläche empor. In den führenden Kreisen herrschte teils Verblendung, teils Ratlosigkeit. Die Ermordung des beim Hofe allmächtigen Wunder- mönches Rasputin wurde zum Signal der Revo­lution des 18. März 1917 (28. Februar alten Stils, daherFebruar-Revolutio n"). Am 15. März wurde die Abdankung des Zaren erzwungen. An die Stelle der Volksvertretung (Duma) traten die Soldatenräte, die sich bald zur wilden Neben­regierung ausweiteten. Gutschkow, Jwow und Mil­jukow suchten das Reich in ein demokratisches System hinüberzuretten, verloren aber immer mehr an Bo­den zu Gunsten des roten Umsturzes. Bald hatten die Bolschewisten Lenin, Trotzki und Radek die großen Städte in der Hand und erweiterten ihren Einfluß durch Terror und Sabotage. Nach einem gegenrevolutionären Versuch Kornilows wurde dann am 7. November 1917 d i e Diktatur des Proletariats ausgerufen (Oktober-Re­volution nach dem Datum vom 25. Oktober alten Stils).

Am 9. November erließen die neuen Machthaber, die sog.Volkskommissare" ein heuchlerisches Frie­densangebot an alle Welt. Die Siege der deutschen Waffen und der Zerfall der Front zwangen sie am 20. November zu einem Waffenstillstandsangebot an die Mittelmächte. Am 3. März 1918 begannen die Verhandlungen von Brest-Litowsk. Lenin hatte dem roten Rußland dieVerfassung" der Sow­jets (Arbeiter- und Soldatenräte) aufgezwungen. Die Rote Armee wurde geschaffen, die sich 1918 bis 1920 im Bürgerkriege mit denWeißen" unter Denikin, Koltschak, Wrangel und Judenitsch herum- chlug. Von der Entente im Stich gelassen, unter­lagen die weißen Armeen, doch scheiterte der rote Vorstoß nach Polen im Jahre 1920 unweit von Warschau. Blutherrschaft und Hungersnot regie­ren seitdem das weite Rußland.

Als am 7. November 1917 der II. Allrussische Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte die ge- amte Macht des zusammengebrochenen Riesen- reiches Uljanow-Lenin übertrug, als Lenin und Trotzki-Bronstein begannen, den Kampf gegen die überkommene Ordnung aufzunehmen, waren die Bolschewisten in Rußland unzweifelhaft in der Minderheit. Die These von der Diktatur des Prole­tariats wurde in eine Diktatur über das Proletariat abgewandelt. Die bolschewistische Form des Mar­xismus begann demgemäß den Kampf einer kleinen Gruppe gegen die Träger der Kultur, Wirtschaft und deren Ordnungen mit schroffster Gewalt. Vor­her war das Reich des weißen Zaren eine Art Theokratie gewesen. Der Zar war absolut auch in der Kirche, der griechisch-russisch-orthodoxen Konfes­sion, und jeder Russe stand zumVäterchen Zar" in einem patriarchalisch-unterwürfigen Verhältnis. Fetzt wurden die Kirchen zerstört, die Stützen der Gesellschaftsordnung beseitigt, die wirtschaftlichen und völkischen Verhältnisse vollkommen umge­krempelt.

Der Bolschewismus ist konsequent angewandter Marxismus, und seine blutige Verfolgung der west- lerisch angehauchten russischen Schichten, der soge­nannten Intelligenzia, erstreckte sich bald auch auf Arbeiter und Bauern. Mehr als 20 Millionen Men­schen, die fähigsten, tatkräftigsten und russischsten, sind dem Bolschewismus zum Opfer gefallen. Der Gettojude, einst in Rayons im alten Rußland un­schädlich gemacht, trat an die Spitze der bolschewi­stischen Staatsform und mit dem alteingehnpfen Haß verfolgte und unterdrückte er alles, was russisch war. Die unter Stalin in den letzten Jahren weiter verfolgte Politik der Ausmerzung gegenüber den ursprünglichen Trägern des bolschewistischen Mecha­nismus, die Verbannung Trotzki-Bronsteins, die Hinrichtung Kamenew-Karfunkelsteins, Sinowjew- Apfelbaums und die nachfolgenden blutigen Grup­penkämpfe bestätigen, daß die rote Revolution ihre eigenen Kinder frißt. Bei dem passiven Charakter des russischen Volkes sind die furchtbaren Blut­urteile, die physische Vernichtung jeder Intelligenz, mit Stumpfheit ausgenommen worden. Gegen­aktionen wurden mit Hilfe des furchtbaren Instru­ments der Tscheka, die nur dem Namen nach sich in die GPU. wandelte, und der Roten Armee, die bevorzugt gegen das russische Volk angesetzt wird, rücksichtslos unterdrückt. Das Bolschewistenreich hat sich gegen die anderen Nationen mit einem riesigen Stacheldrahtzaun abgesperrt, hinter dem ein Volk von 150 Millionen dem ständigen Martyrium durch eine Handvoll Verbrecher hoffnungslos ausgeliefert wurde.

Nach dem Tode Lenins am 21. Januar 1924 übernahm Stalin, ein Georgier, die diktatorische Macht und vernichtete nach und nach die letzten Regungen des Widerstandes. Die rusische Geschickte hat in dem Zaren Iwan dem Schrecklichen eine nur in alten außereuropäischen Despotien gekannte 'Herr­schaft des Grauens gekannt. Im gleichen Moskau hat nach 350 Jahren Stalin Iwan 5en Schreck­lichen weit übertroffen. Die Weltrevolutionierung

rechtigter sind jedoch solche Ausblicke in die Zu­kunft.

Die allgemeine Entschließung der radikalsozialen Partei zieht den Rahmen für ihre innerpolitische Betätigung wie folgt: Unterstützung der Volksfront­regierung unter radikalsozialer Führung, Forde­rung der republikanischen Disziplin zum Kampf gegen die Feinde der Republik, Achtung der von den Volksfrontparteien eingegangenen Verpflichtungen in wahlpolitischer Hinsicht, Fortsetzung des Gesun­dungswerkes in der Ordnung und der Gesetzmäßig­keit unter Zusammenarbeit von Kammer und Senat, Ablehnung der Devisenkontrolle, Herstellung des Haushaltsgleichgewichts, Hebung der Erzeugung. Die Betonung dieser einzelnen Dinge schließt-eine Kritik der ersten Volksfrontregierung in sich, aber jedoch so, daß niemand sich getroffen zu fühlen braucht. Und wenn man den übrigen Teil der Entschließung lieft, hat man den Eindruck, daß die Radikalsozialen in allgemeinen Redewendungen allen Richtun­gen, die ihre Partei zusammenschließt, gerecht werden wollten, ohne in irgendeiner Hinsicht ihre Handlungsfreiheit zu beschneiden. In der Berührung mit der Wirklichkeit und auf dem parlamentarischen Gebiet wird sich zeigen, welchen Weg die Radikal­sozialen schließlich beschreiten werden. Jetzt haben die Sozialdemokraten das Wort, aber man kann sicher sein, daß sie Chautemps die Gefolgschaft nicht verweigern werden.

Arsia, Italiens jüngste Stadt.

Mittelpunkt des iftrischeu Kohlengebietes.

Mailand, 5. Nov. (DNB. Funkspruch.) Im Rahmen der großen Feiern zur Erinnerung an das Ende des Weltkrieges wurde am 4. November als sechste der von dem faschistischen Regime gegründe­ten Städte die Kohlen st ad t Arsia in Istrien an der dalmatinischen Küste der Adria von dem Herzog von Spoleto eingeweiht. Arsia ist durch Zusammenfassung einiger Gemeinden in dem istrischen Kohlengebiet der Arsa-Gruben geschaffen worden. Die neue Stadt wurde im Laufe von 11/2 Jahren erbaut und bildet den Mittelpunkt für die Bergbaubevölkerung, deren Zahl sich infolge der

zunehmenden Erschließung der Kohlengruben in den letzten Jahren von 800 auf 7000 Köpfe erhöht hat.

Im Anschluß an die Einweihung der Stadt wurde ein neuer Stollen in das Berginnere von 300 Meter Länge eingeweiht, der den Namen Mus­solini-Stollen erhielt.

Wandlungen in Rumänien.

In Rumänien stehen Neuwahlen bevor und bei rumänischen Wahlen siegt gewöhnlich die Partei, die am R e g i e r u n g 5 r u b e r sitzt. Durch die Berufung des Ministeriums bestimmt also letzthin der König den Ausgang der Wahlen. Man er­wartet in nächster Zukunft eine Entscheidung und nachher baldige Ausschreibung der Wahlen. In­zwischen beschäftigt fid) aber die rumänische Oeffent- lichkeit mit einer Haupt- und Staatsaktion: Zum 1. November sind 4 7 Generale einschließlich des Generalstabschefs, sämtliche Mitglieder des Ober­sten Kriegsrates und fast alle Armee-Inspektoren, 152 Obersten und weitere 800 Offiziere mit einem Schlage pensioniert worden. Diese Massen­pensionierung, die unter dem Schlagwort einer ,,Verjüngung" des Offizierskorps durch die rumä­nische Presse geht, wird auf eine absprechende Kritik des ftanzösischen Generalissimus G a m e I i n zurückgeführt, der unlängst den Herbstmanövern der rumänischen Armee beigewohnt hat.

Bisher über 3 Milliarden Reichsmark

für die englische Aufrüstung

London, 5. Nov. (DNB. Funkspruch.) Vertei­digungsminister Jnskip erklärte, innerhalb von 18 Monaten habe die Regierung Rüstungsaufträge im Werte von 288 Millionen Pfund Sterling (über drei Milliarden Reichsmark) vergeben. 2 6 Son­derfabriken feien nur für Zwecke d ar Flotte geschaffen worden, 17 für die Armee und 15 für Sie Luftwaffe Wenn man die not­wendige Zeit dazu habe, werde auch die Zivilbe­völkerung im Falle eines Luftangriffes nicht mehr schutzlos fein. Die gesamte Rüstung Englands solle nur friedlichen Zwecken dienen.