Nr. 78 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, S.April (937
Aus der Stadt Gießen.
3m Kaffeehaus.
Es dürfte schwierig sein, eine erschöpfende und umfassende Definition des Begriffes „Kaffeehaus" zu geben. Es ist eine Gaststätte und gleichzeitig ein Plaudersalon, oder ein Arbeitszimmer, oder ein Lesesaal. Jedenfalls ist es ein weit verbreiteter Irrtum, der da meint, man ginge nur ins Kaffeehaus, um dort Kaffee zu trinken. Trotz der Mannigfaltigkeit des Trink- und Eßbaren, das dort geboten wird, spielt das Leibliche nur eine untergeordnete Rolle.
Viel näher kommt man der Sache schon, wenn man in die Reize des Kaffeehauses die gesamte Atmosphäre mit einschließt. Selbst eingeschworene Wein- oder Bierhausbesucher werden häufig auf ihrem spätabendlichen Heimweg von dieser Atmosphäre noch angezogen und geben sich ihr hin wie einem Ausklang und einem letzten geselligen Halt. Aus Theater, Bällen, Konzerten, Sitzungen und Versammlungen zieht es den Menschen, der nach
Kinderlandverschickung ist die große Sommeraufgabe der NSV. Hilf auch du mit!
Austausch und wohligem Abebben sucht, dorthin. Nicht was er verzehren wird, ist ihm das Wichtige, sondern daß er dort sitzt und teilhat an der besonderen Atmosphäre.
Entscheidend jedoch für das Wesen des Kaffeehauses sind nicht diese Gelegenheitsgäste, entscheidend sind jene andern, die seltener abends, dafür aber um so häufiger am Vor- oder Nachmittag kommen. Da ist einmal die große Gemeinde derer, die sich ausgiebig in die Zeitungen und Zeitschriften vertieft, vom Kommen und Gehen, von der leise geführten Unterhaltung am Nebentisch, von der diskreten Tätigkeit der Kellner nicht nur nicht gestört, sondern angeregt und belebt. Da sind zum andern die, denen daran gelegen ist, dem oder jenem zu begegnen, um mit ihm zu sprechen oder sich mit ihm in einer Partie Schach zu messen. Und wieder sind da jene andern, die zwischen Arbeit und Mahlzeit noch eine Stunde ihren Gedanken nachhängen, unbeansprucht ihre Zigarre oder Zigarette rauchen, und wenn es sich gibt, mit einem der vielen Bekannten aus dem Kaffeehaus plaudern wollen.
Denn im Grunde sind alle diese regelmäßigen Besucher nichts anderes als eine Gemeinde von Bekannten. Sie kennen sich zumindest von Ansehen, und nur das Bedürfnis nach unbedingter Freizügigkeit im Kaffeehaus hindert sie daran, sich in allen Fällen auch persönlich kennen zu lernen. Auf der Straße könnten sie sich grüßen, und wenn sie sich um elf Uhr begegnen, wissen sie, daß sie sich wahrscheinlich um Viertel nach elf nur um einige kleine Tische von einander entfernt in ihrem Kaffeehaus wieder treffen werden.
Man könnte, wenn man es versuchen wollte, das alles — wie gesagt — nur sehr schwer in einer allgemein gültigen Definition zusammenfassen, und wenn man etwa einen dieser Kaffeehausstammgäste fragen wollte, warum und weshalb gerade dieses Kaffeehaus und diese Stunde, dann würde er einen zuerst wohl erstaunt ansehen und dann die Antwort finden: Es ist dort gerade so viel Leben und Begegnen, daß es einen nicht stört, und gerade so viel Störung, daß sie einen nicht allein läßt. Die Atmosphäre macht's, verstehen Sie, und nicht die Tasse Kaffee. D.
Bornotizen.
Tageskalender für INonlag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Menschen ohne Vaterland". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Stimme des Herzens — Der Sänger Ihrer Hoheit".
Auf dem Heimweg erstochen.
Das Opfer eines unversöhnlichen Gegners. - Der Täter begeht Selbstmord.
In unserer Ausgabe vorn Samstag berichteten wir über die Auffindung eines toten Mannes auf einem Wiesengrundstück in der Nähe des Leimen- "ourerweges. Nach den Informationen, die wir aus verschiedenen Umfragen erhielten — da zuständige .Nördliche Stellen am Samstagvormittag trotz ^U^lgster Bemühungen bis kurz vor Redaktionsschluß leider nicht zu erreichen waren —, mußte zunächst mit einem tragischen Unglücksfall gerech- net werden, zumal von einer Feindschaft gegen den loten nichts bekannt geworden war. Die Ergebnisse der polizeilichen Feststellungen machten dann aber einwandfrei klar, daß man es hier mit einem Verbrechen zu tun hat. lieber den Sachverhalt ist nach den Klarstellungen, die im Laufe des Samstags erzielt wurden, folgendes mitzuteilen:
Der Tote, den man am Samstag früh auf dem Wiesengrundstück beim Leimenkauterweg auffand, ist der 35 Jahre alte Emil Wisker, der am Leimenkauterweg wohnte, verheiratet und Vater mehrerer Kinder war. Er hatte sich am Freitagabend in der Stadt aufgehalten und dabei auch Gastwirtschaften ausgesucht. In angeregter Stimmung strebte er etwa um Mitternacht singend seiner Wohnung zu, wobei man ihn in der Nachbarschaft noch hörte. Dann wurde es still, so daß die Nachbarn annahmen, der fröhliche Zecher habe feine Gesangsübung abgebrochen und sei still und ruhe- bedürftig in fein Heim zurückgekehrt. Am Samstag früh fand man ihn tot im Straßengraben liegend bei einem Drahtzaun auf. Die Untersuchung der Leiche ergab, daß dem Toten ein Stich in die linke Schlüsselbeingrube beigebracht worden war. Dadurch trat innere Blutung ein, die den alsbaldigen Tod des Mannes herbeiführte.
Bei den Nachforschungen nach dem Täter kam zunächst ein Mann in Betracht, von dem bekannt war, daß er mit dem Toten in Feindschaft stand. Bald stellte sich aber heraus, daß dieser Mann der Täter nicht sein konnte, da er für alle in Betracht kommenden Zeiten ein einwandfreies Alibi aufweisen konnte. Die weiteren Erkundigungen brachten Mitteilungen von Hausnachbarn Wiskers, die erzählten, am Freitagabend, also wenige Stunden vor der Tat, habe sich ein Mann namens Gustav Appel, der in der Wetzsteinstraße 7 wohne, bei ihnen angelegentlich nach dem Aufenthalt Wiskers erkundigt. Diesem Anhaltspunkt wurde sogleich alle
Aufmerksamkeit geschenkt. Bei dem Versuch der Polizei, den Appel in seiner Wohnung zu sprechen, fand man die Wohnungstür verschlossen vor, während Appel nicht zu Hause war. Nach der gewaltsamen Oeffnung der Tür fand man in der Wohnung blutbesudelte Schnürschuhe und Ledergamaschen, deren Blutspuren frisch waren, ferner frischgewaschene Wäschestücke, die am Ofen zum Trocknen hingen und an denen durch das Waschen jedenfalls Blutspuren beseitigt worden waren. Diese Feststellungen verstärkten den Verdacht gegen Appel in höchstem Maße.
Appel hatte sich am Samstagfrüh an seiner Arbeitsstelle im Botanischen Garten seine Papiere geben lassen und dabei erklärt, er wolle sich einer anderen Arbeitsstelle zuwenden. Beim Arbeitsamt war jedoch nicht bekannt, daß er einen anderen Arbeitsplatz erhalten hatte. Der Mann war mit seinen Papieren losgegangen, natürlich ohne beim Arbeitsamt sich gemeldet zu haben, weil er ja damit rechnen mußte, daß die Polizei sehr rasch hinter ihm her sein werde. Die Ermittlungen wurden mit allem Nachdruck fortgesetzt.
Im Laufe des Tages lief dann von der Gendarmerie in Großen-Linden eine Meldung ein, in der mitgeteilt wurde, daß man in dem Waldstück zwischen Klein Linden und Großen-Linden, in der Richtung des dortigen Bergwerkbetriebes, an einem 23 a u m e hängend einen Mann tot aufgefunden habe. Bei der Leiche feien Papiere gefunden worden, die auf den Namen Gustav Appel lauteten.
Die sofortige Besichtigung der Leiche und die Prüfung der Papiere ergaben, daß dieser Tote der Täter war, durch dessen Hand Wisker den Tod gefunden hatte. Appel, an dessen Körper keinerlei Verletzungen festzustellen waren, hatte es vorge- zogen, durch Freitod aus dem Leben zu scheiden.
Heber die Beweggründe zu -er blutigen Tat können natürlich nur Vermutungen geäußert werden. Eine dieser Annahmen geht dahin, daß wohl E i - fersucht die Triebfeder Appels zu seiner grausigen Tat gewesen sein dürfte. Appel soll sich nämlich früher vor der Verheiratung Wiskers um dessen Frau bemüht haben, dabei aber abgewiesen worden fein, weil die Frau es vorzog, Wisker zu ihrem Lebensgefährten zu erwählen. Diese Abweisung soll Appel so tief Erbittert haben, daß er seitdem zum unversöhnlichen Feind Wiskers wurde.
— Deutsches Frauenwerk: 15 und 20 Uhr Kleid erschau im Cafe Leib. — Schützenverein Gießen: 20.30 Uhr Mitglieder-Dersammlung im Schützenhaus.
NSDAP. Ami für Beamte.
Arn Mittwoch, 7. April, 20 Uhr, findet im Cafe Leib in Gießen für die Kreisabschnitte des RDB. Allendorf (Lda.), Gießen, Grünberg, Hungen und Lollar ein Gemeinschaftsabend der Berufskameraden statt. Familienangehörige und Gäste sind willkommen.
NSV., Ortsgruppe Mitte.
Vetr. Kohlenabrechnung am 5. April.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlenscheine der Serie F am Montag, 5. April, 20.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Moeser), Eingang Löwengasse, einzureichen. Es wird hiermit darauf hingewiesen, daß die Rückseite der Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers, dessen Wohnung, Straße und Hausnummer und die genaue Bezeichnung der Kohlensorte tragen muß. Nach dem 5. April eingereichte Scheine sind wertlos.
Ortsgruppe Gießen-Nord.
Velr. Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine (Serie F) bis spätestens Montag, 5. April, 20.30 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße 38, einzureichen. Später eingehende Kohlengutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Auf der Rückseite des Gutscheines ist die Art des gelieferten Brennmaterials anzugeben, gleichzeitig müssen die Gutscheine den Stempel oder Namen der Kohlenhändler und die Unterschrift, Straße und Hausnummer des Hilfsbedürftigen tragen.
Ortsgruppe Gießeu-Süv.
Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine der Serie „F" am Montag, 5. April, von 19.30 Uhr bis 20 Uhr auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine werden nicht mehr angenommen.
Vier Werkskonzerte in einer Woche!
NSG. Der Reichssender Frankfurt bringt am Dienstag um 8.30 Uhr aus Alsfeld ein Merks- konzert des Betriebes Georg Dietrich Bücking. Am
Mittwoch um 8.30 Uhr kommt aus Freiburg aus dem Verlag und der Druckerei „Alemannen" ein Werkskonzert. Um 12 Uhr am gleichen Tags überträgt unser Reichssender das Werkskonzert der Staatlichen Bade- und Brunnendirektion Bad Ems. Als viertes Werkskvnzert dieser Woche bringt der Reichssender Frankfurt am Donerstag von 12 bis 14 Uhr ein Mittagskonzert aus dem Betriebe der Firma Voigt und Haeffner, Frankfurt am Main.
Die Sondermarke
zum Geburtstag des Führers.
Lpd. Arn heutigen 5. April beginnen die Poftanstal- ten mit dem Verkauf der Sondermarke der Deutschen Reichspost zum Geburtstag des Führers. Es ist bestimmt mit einer großen Nachfrage zu rechnen. Die an den Schaltern bereitgestellten Mengen werden aber so bemessen sein, daß alle billigen Wünsche der Käufer auch schon in den ersten Tagen erfüllt werden können.
Vorsicht beim Genuß der Lorchel!
Der Genuß der Lorchel, Frühlingslorchel (Hel- vella oder Gyromitra esculenta), die fälschlich meist als Morchel bezeichnet wird, verursacht fast alljährlich im Frühjahr zahlreiche, in einzelnen Fällen sogar tödlich verlaufende Erkrankungen. Um die schädliche Wirkung dieses Pilzes zu vermeiden, ist es erforderlich, die zerkleinerten frischen Pilze mit einer reichlichen Menge Wasser zum Kochen zu bringen, mindestens fünf Minuten im Kochen zu erhalten, das Kochwasser wegzuschütten und die Pilze auf einem Sieb abtropfen zu lassen. Einfaches Abwaschen ist nutzlos, auch Abbrühen schützt nicht vor Erkrankungen.
Größere Mengen als ein Pfund zubereiteter frischer Lorcheln sollten von einer Person bei der Mahlzeit nicht genossen werden. Auch ist zu vermeiden, eine zweite Lorchelmahlzeit kurz nach der ersten einzunehmen. Daher kaufe und bereite man nur soviel Lorcheln zu, wie zu einer Mahlzeit erforderlich sind, damit kein Rest bleibt, der zum nochmaligen Genuß von Lorcheln am gleichen oder folgenden Tage verleitet. Einen etwa gesammelten Ueberschuß trocfne man scharf, um ihn gelegentlich zum Würzen von Speisen zu verwenden.
Getrocknete Lorcheln, wie sie auch im Handel erhältlich sind, haben ihre Giftigkeit verloren und bedürfen keiner besonderen Vorbehandlung. (Dgl. Pilzmerkblatt des Reichsgesundheitsamts 1928.)
Offensive gegen Frühjahrsmüdigkeit.
ZdR. Ja, da hat man sich nun auf die erste Frühlingssonne gefreut und gehofft, mit ihren ersten Strahlen ein ganz neuer Mensch zu werden — da stellt es sich mit einem Male heraus, daß stärker als sonst das Gefühl häufiger Ermüdungen uns zu schaffen macht. Ausgerechnet! Woher kommt das bloß? Die Wissenschaft hat längst eine überzeugende Erklärung gefunden. Diele Monate lang im Jahreslaufe liefert uns die Natur reichlich immer neuen Segen der Erde in Gestalt von Gemüsen und Früchten, zum Winter hört sie damit auf, und allmählich werden unsere Vorräte knapp. Das ist die Zeit, da wir zu unerwünschten Tageszeiten Müdigkeit verspüren, wenige Wochen vor dem Erscheinen der ersten Frühjahrsgemüse, die denn auch alle Beschwerden wieder rasch vergessen lassen. Nichts dagegen zu machen? Ueberraschend kommt uns diesmal ein Helfer. So reich war im vorigen Herbst der Erntesegen an Kohl, daß er auch jetzt noch ttotz starken Verbrauches in beträchtlichen Mengen zur Verfügung steht. Seit die Kohlmieten nach der Frostperiode wieder geöffnet wurden, rollen viele Güterwagen aus den Erzeugungsgebieten durch das deutsche Land, um in jedes Haus das willkommene Kohlgemüse zu bringen. Ein bißchen spät zwar, denn bald schon locken die berühmten „jungen Gemüse". Aber welche rechte Hausfrau brächte es übers Herz, ein wertvolles Nahrungsmittel der Gefahr des Verderbs auszusetzen! So eröffnet sie jetzt eine regelrechte Offensive
Gießener Giadiiheater.
X11L Morgenfeier: Kammermusik und Lyrik.
Die dreizehnte der vorn Stadttheater veranstalteten Morgenfeiern, die sich eines ständig wachsenden Besuches zu erfreuen haben, vereinigte in ihrer Vvrtragsfvlge klassische und nachklassische Kammermusik und' moderne Lyrik. Anton Neuhaus begann mit der Vorlesung aus einem Gedichtzyklus „Lieder von der Landschaft und der Seele" von Alfred P a b st, Gießen. Im Wechsel zwischen freien Rhythmen und einfacher Bindung an den Vers erschlossen sich die in der Ueberschrift angeschlagenen, einander antwortenden und durchdringenden beiden Themen: ganz ins persönlich Menschliche gewendet in der Klage „An die tote Mutter", breiter und allgemeiner sich entfaltend die Naturempfindung des „Liedes von den Jahreszeiten", in liedhafter Schlichtheit die Verse „Der Dichter spricht", den Kreis rundend und zum Ausgangspunkt zurückführend in schmerzlicher Verhaltenheit „Das Lied von der großen Traurigkeit". — Herr Neuhaus bewährte sich in der Wiedergabe als tüchtiger Sprecher.
Für den musikalischen Teil der Morgenfeier hatte die Intendanz die Geigerin Eva R v l o f f, Berlin, verpflichtet. Wir horten zunächst von Brahms die zweite Sonate in A-dur für Klavier und Violine, ein heiter beseeltes, ganz unmittelbar sich erschließendes Werk, dessen kammermusikalische Intimität und lyrisch konzertierende Grundhaltung mit den dichterischen Bestandteilen der Vortragsfolge aufs glücklichste korrespondierte. Fräulein R o l o f f, von Herrn Bräuer am Flügel feinsinnig mitgehend begleitet, stellte sich als Geigerin von musikalischer Kultur und technischer Reife vor; ihr Ton ist, bei leicht angesetzter, lockerer Bogenführung, weich und von warmer Fülle; die Kan- tilene, von blühender Farbigkeit, konnte sich vor allem im zart melodiösen Linienspiel des zweiten und im dunklen Cello-Klang zu Beginn des dritten Satzes sehr rein und eindrucksvoll entfalten.
Nach der Brahms-Sonate las Inge Birk- mann, verhalten und behutsam, einige Gedichte von Hans Thyriot aus dem Bande „Magische Welt", der vor einiger Zeit hier angezeigt wurde. — Den Abschluß der Morgenfeier bildete die Sonate Nr. 11 in G-dur für Violine und Klavier von Mozart (Köchel Nr. 379): Adagio — Allegro; Thema con Variazioni; Andantio cantabile, Adagio, Allegretto. Die Ausführenden, Eva Roloff und Ernst Bräuer, verbanden sich auch in der
Wiedergabe dieses Werkes, in dem der Klavierpart stellenweise dominiert, zu einem rhythmisch und klanglich ausgeglichenen, gepflegten Zusammenspiel. Die klare, plastisch herausgearbeitete Linienführung der Geigerin kam hier besonders der empfindsamen Interpretation des zweiten Satzes in vielfältiger Modulierung zustatten. — Die Hörer folgten mit reger Aufmerksamkeit und dankten mit reichem Beifall.
Hans Thyriot.
Oie Erfindung Gutenbergs.
Von Dr. A. kuppel,
Direktor des Gutenberg-Museums in Mainz.
Wenn wir die großen Erfindungen betrachten, die allen Menschen halfen, die Last ihrer täglichen Arbeit zu erleichtern und trotzdem ihre Leistungen zu verhundertfachen, so fällt uns auf, daß sie, technisch gesehen, alle so einfach sind wie das Ei des Columbus; ihre Größe besteht nicht in komplizierten Apparaten und gigantischen Maschinen, sondern allein in ihrer Wirkung.
Auch die Buchdruckerkunst ist, technisch gesehen, keine komplizierte Erfindung. Der Gedanke, die 25 Zeichen, aus denen sich unsere Schrift zusammensetzt, einzeln, massenweise und widerstandsfähig her- zustellen, um sie zu Wörtern, Sätzen und Seiten zusammenzufügen, diese Seiten mit Farbe einzuschwärzen und ihnen dann einen Beschreibstoff aufzupressen, um so den Abdruck eines Textes zu erhalten, so oft man den Vorgang des Einfärbens und Pressens wiederholen mochte; und dann, wenn man eine beliebig hohe Zahl von Abdrucken her- gestellt hatte, die Seiten, Sätze und Wörter wieder in die einzelnen Buchstaben zu zerlegen, um mit den gleichen Buchstaben andere Wörter und Seiten zusammenzusetzen, um andere Abzüge zu erhalten: dieser Gedanke lag eigentlich schon m der Luft, ei - dem die 25 Zeichen des Alphabetes erfunden, festgelegt und den schreibverständigen Menschen bekannt waren. Hnd doch hat es über 2000 Jahre gedauert, bis ein begnadeter Mensch diesen an sich nahe liegenden Gedanken genial in die Tat um- setzte.
Große Werke stellen sich immer einfach dar; in ihrer Vollendung erscheinen sie uns geradezu als selbstverständlich; wir wundern uns bei ihnen nur über eines, nämlich daß die Menschheit so lange Zeit brauchte, um sie hervorzubringen.
So ist es auch bei der Buchdruckerkunst. Manche technischen Verfahren, die in dem Druckhandwerk angewendet werden und zu seinem eisernen Bestand
gehören, waren längst vor Gutenberg bekannt und meisterlich ausgeübt. Schon die alten Babylonier und Assyrer schnitten Siegelstempel, die Griechen und Römer machten sich eiserne Formen, aus denen sie Münzen prägten und sogar auch schon Münzen gossen. Mit Holzmodeln drückten die Töpfer des Altertums ihre Namen in ihre Erzeugnisse, bevor sie durch Brand hart gemacht wurden. Die alten Aegypter bedruckten schon mit eingefärbten Holzschnitten Leinengewebe. Einzelbuchstaben wurden schon in den Kinderschulen der alten Römer benutzt, in denen die Schüler sie zu Wörtern zusammenfetzten, um so das Lesen zu lernen. Alle diese Dinge sind uralt, das Genie des Erfinders bestand eben darin, diese seit langem bekannten Clemente zu einem Zweck zu vereinigen, der eine ganz große neue Erfindung darstellte.
Nur das Gießinstrument, das es erst ermöglichte, Einzeltypen haargenau aus derselben Matrize und in so großer Zahl in widerstandsfähigem Material herzustellen, daß man auch größere Bücher mit ihnen drucken konnte, war etwas absolut Neues. Aber auch das Gießinstrument ist ein verhältnismäßig einfaches Werkzeug: ein viereckiger Hohlraum, der auf der einen Seite durch eine Matrize (ein Metallstück, in dem vertieft ein Buchstabe eingegraben ist) abgeschlossen wird. Gießt man flüssiges Blei ein, so füllt dieses den Hohlraum der Matrize und des Instrumentes aus und bildet im Erstarren ein einziges Stück, nämlich ein anfaßbares Stäbchen, auf dem oben ein Buchstabe, das Schriftauge, sitzt.
So hoch man auch die Wichtigkeit des Gießinstrumentes einschätzen mag und muß, in seiner technischen Konstruktion ist es so einfach und klar, daß jeder Erstdrucker es sich selbst anfertigen konnte, wenn er in einer fremden Stadt eine Druckerei gründete.
So ist die Buchdruckerkunst im Verhältnis zu anderen späteren Erfindungen, technisch gesehen, außerordentlich einfach. Die Einfachheit und Selbstverständlichkeit ist geradezu ein Teil ihrer Große. Liber darin besteht ihre Größe wahrhaftig nicht allein. Alles Große kann nur nach feiner Wirkung und nach seinem Erfolg beurteilt werden. Keine Entdeckung und keine Erfindung des menschlichen Geistes aber hat eine so weitreichende Wirkung ausgeübt wie die Buchdruckerkunst. Denn diese Erfindung hat alle nach ihr kommenden Dinge der Weltgeschichte miterzeugt, mitbefruchtet, mit» ernährt und mit groß gemacht. Ohne die Druckkunst wäre die Höhe menschlicher Bildung und die Steigerung der menschlichen Einsicht in bisher verborgene Gebiete geistigen Lobens und technischer
Möglichkeiten nicht erreicht worden, die zu neuen großen Entdeckungen führte. Denn erst durch die Druckkunst vermochte ein Mensch seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse allen Mitmenschen, aber auch allen späteren Generationen mitzuteilen, die dann, auf dem Mitgeteilten aufbauend, Neues und vielleicht auch Komplizierteres zu schaffen vermochten. Mögen diese neuen Erfindungen auch komplizierter sein und mehr Scharfsinn, Kenntnisse und technische Fertigkeiten voraussetzen, in ihren Wirkungen und Folgen hat keine dieser Erfindungen die Buchdruckerkunst je erreicht. Und deshalb ist auch der Ausspruch des Franzosen Victor Hugo nicht übertrieben, wenn er sagt: „Die Erfindung der Buchdruckerkunst ist das größte Ereignis der Weltgeschichte". Die Buchdruckerkunst hat tatsächlich das Angesicht der Erde von Grund aus verändert, sie hat die Welt aus ihren verrosteten Angeln gehoben und hat ihr eine neue Laufrichtung gegeben.
Der ganzen Kulturwelt gibt die Gegenwart eine willkommene Gelegenheit, die Erfindung zu feiern und dem großen Erfinder gebührend zu huldigen. In drei Jahren, d. h. im Jahre 1940, wird die erste Halbjahrtausendfeier der Buch- druckerkunst festlich begangen werden. Vorbereitungen hierzu sind bereits in vollem Gange. Ganz besonders rüsten sich Deutschland und die Vaterstadt des Erfinders, Mainz am Rhein, das Gutenberg-Jahr 1 940 würdig zu gestalten. Die Akademien und gelehrten Gesellschaften der ganzen Welt werden sich zweifellos an der großen Ehrung für Gutenberg beteiligen. Aber auch die Regierungen und führenden Persönlichkeiten der verschiedenen Nationen werden sich freudig einreihen in die Schar derjenigen, die dem Genie Gutenbergs ihre Huldigung barbringen.
Hochschulnacbrichten.
Dem Dozenten Dr. Hans Bogner an der Universität München ist unter (Ernennung zum ao. Professor der Lehrstuhl für Klassische Philologie an der Universität Freiburg übertragen worden.
Dem ao. Professor Dr. Reinhard M e ck e l an der Universität Heidelberg ist unter (Ernennung zum Ordinarius i der Lehrstuhl für theoretische Physik an der Universität Freiburg übertragen worden.
Dem Direktor der Hochschule der bildenden Künste in Karlsruhe, Professor Dr. Otto Haupt, ist unter (Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl füfl Architektur an der Technischen Hochschule Karlsi ruhe übertragen worden.


