Kr.54 Drittes Statt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Kreitag, 5. März 195Z
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Die Probleme des Fremdenverkehrs im Rhein-Wain-Gebiet.
Oberbürgermeister Ritter spricht als Letter des Landesverkehrsverbandes Rhein-Main.
Anläßlich der Iahreshauptversamlunq des Kur- und Verkehrsvereins Wiesbaden am gestrigen Donnerstag hielt Oberbürgermeister Ritter (Gießen) in seiner Eigenschaft als Leiter des Landesfremdenverkehrsverbandes Rhein-Main in Wiesbaden einen Vortrag, in dem er sich mit dem Thema „D i c Probleme des Fremdenverkehrs im Rhein-Main-Gebiet" beschäftigte.
Im ersten Teil seines Vortrages hob Oberbürgermeister Ritter hervor, daß es ein Unding sei, etwa zu versuchen, ein Land nach außen hin von dem Verkehr mit anderen Ländern und Völkern abzuschließen. Er betonte dabei: Einen solchen Standpunkt hat das nationalsozialistische Deutschland von jeher abgelehnt.
Es ist vielmehr unser Bestreben, unter der Voraussetzung einer gesunden eigenen Volkswirtschaft einen regen, freundschaftlichen Verkehr mit allen Rachbarstaaten und darüber hinaus mit der ganzen Welt zu pflegen.
Dabei liegt es keineswegs im Interesse unseres Volkes, durch diesen wechselseitigen Verkehr irgendwie Einfluß zu nehmen auf die innere Struktur des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens anderer Völker, sondern es liegt uns vielmehr daran, in diesem wechselseitigen Wirtschafts- und Kulturaustausch einJnstrument der friedlichen Zusammenarbeit unter den Völkern zu sehen.
Der Vortragende bejahte dann mit allem Nachdruck die Notwendigkeit, die Fremdenverkehrswerbung unter stärkster Anspannung aller Kräfte durchzuführen. Denn der Fremdenverkehrswerbung komme gerade heute eine Bedeutung zu, die über den augenblicklichen wirtschaftlichen Erfolg weit hinausgehe. Er unterschied hierbei den Einfluß des Fremdenverkehrs nach außen, d. h. auf das Ausland, und nach innen, d. h. auf die Tausende und aber Tausende von Volksgenossen im eiaenen Land. Hinsichtlich der Einflußnahme des Fremdenverkehrs nach außen erinnerte Oberbürgermeister Ritter an die Lügenmeldungen in ausländischen Zeitungen, wo noch genügend Kräfte am Werk seien, die ihre einzige Aufgabe darin erblicken, Deutschland und das deutsche Volk in jeder nur möglichen Art und Weise zu kritisieren. Nur durch persönlichen Augenschein könne sich der Ausländer überzeugen, daß alle derartige Meldungen der Phantasie internationaler Hetzer entspringen, und daß das deutsche Volk in Wirklichkeit sich dem Besucher ganz anders darbietet, als es in solchen übelwollenden Auslandsmeldungen dargestellt wird. Mit Genugtuung wies der Redner auf die Tatsache hin, daß gerade d i e Ausländer, die unser Deutschland in den letzten Jahren besucht und es in seinen wahren Verhältnissen kennengelernt haben, die besten Propagandisten für unser Land geworden sind.
Die besondere Aufgabe der deutschen Fremdenverkehrswerbung bestehe nun darin, die steigenden Verkehrsziffern der letzten Jahre nicht nur zu halten, sondern sie ständig zu erhöhen. Zu diesem Zwecke müssen alle Möglichkeiten für eine wirksame Fremdenverkehrswerbung unter allen Umständen ausgenuht werden.
Die zahlreichen Ausstellungen, die von dem Schaf- fensdrana unseres Volkes künden, dienen in hervorragender Weise diesem Zweck. Der Vortragende erinnerte dabei an die Leipziger Messe mit ihrer umfassenden Schau deutscher Leistungen, an die
Ausstellung „Schaffendes Volk" in Düsseldorf und an sonstige Veranstaltungen von internationaler Bedeutung. Im besonderen Maße werden in diesem Jahre die kulturellen Werte unseres Volkes in den Vordergrund gestellt werden, und die Fremdenverkehrswerbung wird in erster Linie darauf bedacht sein müssen, ihre Arbeit unter diesen Gesichtswinkel zu stellen und die großen kulturellen Leistungen unseres Volkes dem Interesse des Ausländers näherzubringen versuchen. Daneben werden größere sportliche Veranstaltungen und sonstige Ereignisse ihre Wirkung im Auslande nicht verfehlen.
Durch eigenen Augenschein habe sich der ehrliche Ausländer davon überzeugen können, daß das deutsche Volk friedlich seiner Arbeit nachgeht und nicht im entferntesten daran denkt.
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irgendwelche imperialistische Experimente zu machen.
So wird sich allmählich auch im Ausland ein Umschwung in den Anschauungen über Deutschland bemerkbar machen, und damit wird der Fremdenverkehr zu einem Instrument von politischer Bedeutung.
Oberbürgermeister Ritter hob dann hervor, daß nicht minder wichtig die wirtschaftlichen Auswirkungen sind, die zwangsläufig einem Wandel der Einstellung im Ausland folgen müssen. Nicht zuletzt wird der politische und wirtschaftliche Einfluß des Fremdenverkehrs wirksam unterstützt und gefördert durch den kulturellen Meinungsaustausch.
Außerordentliche Bedeutung sei auch für die Fremdenoerkehrsaufgaben im eigenen Lande festzustellen, stelle doch der Fremdenverkehr im Jn- lande den größten Anteil am Gesamtsremdenverkehr dar. Man brauche nur an die Hunderttausende von Volksgenossen zu denken, die mit „Kraft durch Freude" reisen. Eine vordringliche Aufgabe werde es sein, dem deutschen Volksgenossen die Heimat zu erschließen. Der größte Teil unseres Volkes sei auch heute noch kaum über die engen Grenzen des eigenen Wohnbezirks oder des eigenen Gaues hinausgekommen, Tausenden und ' aber Tausenden deutscher Volksgenossen seien die Schönheiten anderer Gaue noch nicht nähergebracht.
Wenn durch gesteigerten Fremdenverkehr im Innern die deutschen Volksgenossen die Verhältnisse in anderen Gebieten kennenlernen und den Menschen dort näherkommen, so fördere der Fremdenverkehr die Volksgemeinschaft. Fremdenverkehrswerbung sei daher auch eines der
Wittel zur Verwirklichung der Einheit unseres Volkes!
Oberbürgermeister Ritter betonte sodann, daß alle diese Gesichtspunkte in besonderem Maße für unser Rhein-Main-Gebiet gelten. Er erinnerte daran, daß im Rhein-Main-Gebiet sich die großen Autobahnen kreuzen, die Straßen Adolf Hitlers, die von Hamburg nach Basel, von Schlesien ins Saargebiet, von Bayern nach Köln führen. Hier ist der Knotenpunkt zahlreicher internationaler Eisenbahnlinien, und der Flug - und Luftschiffhafen Rhein-Main ist ein Zentralpunkt des Luftverkehrs, von dem aus die Luftlinien in alle Welt führen und die deutschen Luftschiffe ihren Weg über den Ozean nehmen. Solche günstigen Verkehrsbedingungen fördern auch die wirtschaftliche Entwicklung unseres Gebietes.
Das Rhein-Wain-Gebiek war dank feiner verkehrspolitischen günstigen Lage schon immer ein maßgebender Faktor im internationalen handel. Industrie und Handwerk haben von dieser Verkehrslage Ruhen gehabt, heute ist dieses Gebiet ein nicht wegzudenkender Faktor in der Gesamtwirtschaft unseres Volkes, hinzu kommt, daß das Rhein-Wain-Gebiet auch landschaftlich zu den reizvollsten gehört, nicht zuletzt durch die
Das bevorstehende Treffen der Artilleristen in Gießen wird sicherlich bei manchem alten Soldaten in unserer Heimat die Erinnerung daran wachrufen, daß die Langs- dorferArtilleristen schon bei verschiedenen Festlichkeiten von Kriegerkameradschaften in besonders stattlichem und eindrucksvollem Aufzug mit einer Kanone auftreten konnten.
Der Wagnermeister Wirth in Langsdorf hatte zusammen mit einigen anderen Kameraden im Jahre 1926/27 ein Feldgeschütz gebaut, das ganz äus Holz hergestellt war und ein naturgetreues Abbild eines richtigen Feldgeschützes darstellt. Das Geschütz, das ausgezeichnet gelungen ist, wurde schon bei verschiedenen großen Festlichkeiten gezeigt. Die Langs- dorfer Artilleristen führten es schon zweimal in Darmstadt, außerdem in Worms, in Gießen im Jahre 1927 beim damaligen Kavalleristentag, in Hattenrod und auch bei eigenen örtlichen Veranstaltungen mit sich und verliehen damit dem Auftritt der Kameradschaft, zusammen mit ihrer schönen Fahne, immer besonderen Nachdruck.
zahlreichen Bäder, die sich durch ihre Heilwirkung Weltruf erworben haben.
Alle diese Dinge müssen bei der Fremdenverkehrswerbung gebührend berücksichtigt werden. Durch Prospekte, durch die Presse, durch Plakate usw. muß der Fremde immer wieder auf die landschaftlichen Schönheiten unseres Gebietes, auf die günstigen Verkehrsbedingungen, auf die außerordentlich reichen kulturellen Werte und auf die wirtschaftliche Bedeutung des Rhein-Main-Gebietes hingewiesen werden
Der Vortragende begründete sodann die Notwendigkeit, bei der Vielgestaltigkeit der Werbemöglichkeiten gerade in unserem Gebiet eine einheitliche Planung und Lenkung anzuwenden. Es könne nicht angehen, daß jeder, der sich berufen fühle, Fremdenoerkehrswerbung zu betreiben, einfach aus der Quelle dieser vielseitigen Möglichkeiten wahllos schöpfe, ohne dabei auf das Gesamtgebiet Rücksicht zu nehmen. Damit will Oberbürgermeister Ritter aber keineswegs sagen, daß den einzelnen Fremdenverkehrsgemeinden irgendwelche beengende Vorschriften gemacht werden sollen, die die Arbeit der Gemeinde auf diesem Gebiet beeinträchtigen. Vielmehr soll gerade
durch ein einheitliche Zielsetzung der gesamten
Fremdenverkehrswerbung im Rhein - Wain-
Gebiet ein möglichst großer Erfolg der gesamten
Werbung sichergestellt werden.
Arn Schluß seines Vortrags rief Oberbürgermeister Ritter alle in der Fremdenverkehrswerbung tätigen Kräfte zu enger Zusammenarbeit und
Aus Anlaß des bevorstehenden Arttlleristentref- fens in Gießen zeigen wir hier das originelle Geschütz, das nicht nur ein Ausdruck begeisterten Soldatentums, sondern auch ein Beweis tüchtiger handwerklicher Arbeit ist.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Die Holzkanone von Langsdorf.
Begeisterte Artilleristen schufen sich ein Paradestück.
Das Mädchen mit Sem Silberhaar.
Vornan von Anny von panhuys.
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er fand, die Ehikagoer Corneci-beel-Prinzesfin ging zwar sehr energisch auf ihr Ziel los, aber das störte ihn nicht. Er erklärte seine Bereitwilligkeit zur Mitfahrt nach Versailles.
„Ich schlage vor, wir fahren in meinem Auto, Miß Jonson", meinte er. Sie nickte lächelnd, und es wurde verabredet, daß er sie morgen vormittag um zehn Uhr vom Hotel Continental abholen sollte.
Der alte Graf nahm ihn später beiseite.
„Du engagierst dich da wohl schon, Junge?"
Günther Grevenstein antwortete zwinkernd und in vergnügtester Stimmung:
„Vielleicht ist sie die reiche Frau, die ich heirate. Ein armes Mädel ist nichts für mich. Und die Amerikanerin gefällt mir ausnehmend. Sie ist forsch, und ihre allzu große Offenherzigkeit wird man ihr ja wahrscheinlich abgewöhnen können."
Am nächsten Vormittag Punkt zehn Uhr meldete ein Hotelboy Miß Jonson, das Auto nach Versailles wäre vorgefahren. Fast ein wenig ungeduldig wartete Günther Grevenstein in der Eingangshalle des Hotels. Denn seit gestern hatte er immer mehr die Ueberzeugung, daß das Schicksal stets zur rechten Zeit für ihn weiter sorge.
Als er in tausend Schwierigkeiten saß, lernte er Tilli Bergschlag kennen, und mit dem Geld ihres Vaters konnte er gut und bequem leben. Nachdem er dann förmlich vor der häßlichen Braut geflohen, verschlug ihn der Zufall in die kleine Stadt, er fand das Diadem und half sich damit vorwärts; fetzt aber führte ihm das Schicksal eine ungewöhnlich reiche Amerikanerin in den Weg, die gerade die richtige Frau für seine Wünsche sein würde.
Mabel Jonson erschien, und er fand, daß sie interessanter und schicker aussah, als er sie im Gedächtnis gehabt.
Sie trug ein braunes Kostüm mit Aufschlägen von mattem Leder in etwas hellerer Tönung und einen schrnalkrernpigen Hut aus brauner Seite mit großer Lederrosette. Ihre Ohren schmückten Goldtopase, in einen Kranz von Brillanten eingefaßt, und über ihrem linken Arm lag ein hermelinbesetzter brauner Mantel aus dem Stoff des Kostüms mit braun- und goldkariertem Futter.
Das selbstbewußte Gesicht Mabel Jonsons gefiel ihm, ihr sicheres Auftreten imponierte ihm.
Sie reichte ihm die Hand, drückte sie fest und kameradschaftlich, lächelte: „Ich freue mich auf die Fahrt und auf Versailles."
Der Graf hatte geraten: „Zeige dich nobel, lieber Junge, wenn du gefallen willst! Frauen von Miß Jonsons Art lieben Äußerlichkeiten."
Nun fuhren sie durch Paris. Anfangs sprachen sie nur wenig. Der Eiffelturm kam dann in Sicht, und sie gewannen die breite Straße nach Sevres.
Mabel Jonson wurde lebhafter. Sie begann: „Paris gefällt mir von allen Großstädten, die ich kenne, am besten. Ich möchte gern für immer hier leben, glaube ich."
Er lächelte, weil sie sich schon wieder bemühte, recht deutlich zu sein: „Vielleicht finden Sie in Paris den Mann, den Sie mir gestern beschrieben haben, Miß Jonson, und können hierbleiben, llebrigens, Graf Rethel, dessen Namen ich ja bald führen werde, würde sich sehr freuen, wenn Sie ihn, das heißt uns, im Palais Rethel besuchen würden. Die Gräfin Ciboure wird bann, was sie schon öfter getan, die Dame des Hauses vertreten. Der Graf wurde schon sehr jung Witwer."
Miß Jonson nickte sichtlich zufrieden.
„Natürlich, ich komme sehr gern." Sie sah ihn aufmerksam an. „Ich möchte sogar recht bald kommen, der Palais Rethel interessiert mich ungemein."
Er dachte, später würde er das Palais Rethel kaufen. Es hörte sich so armselig an, daß es nur gemietet war. Er wollte einmal mit dem Grafen darüber reden. Aber erst mußte die Adoption fest sein und auch die zukünftige reiche Frau.
Sie unterhielten sich sehr angeregt, und Günther Grevenstein war von dem kleinen, ungemein gepflegten Persönchen ganz begeistert. Immer vergnügter wurde er, und sie schien gern zu lachen.
Als sie in Versailles ankamen, waren sie schon gute Freunde geworden. Aber sie gingen gar nicht in das Schloß, sondern spazierten nur in den Gärten umher, plauderten und plauderten. Schließlich lud Günther Grevenstein Miß Jonson zum Essen ein, und sie nahm sofort an.
Er fuhr mit ihr vor einem Pariser Restaurant vor, in dem nur das zahlungsfähigste Publikum verkehren konnte, und ganz ungeniert lächelte der kleine scharfgeschnittene Mund der Miß: „Wenn ich Ihnen gefalle, dürfen Sie mein Verehrer werden. Das sein ein feines Mittel für ein rasches Kennenlernen, finde ich."
Anscheinend hatte sie das schon praktisch erprobt, dachte er belustigt. Natürlich, ein so hübsches, verwöhntes, reiches und selbständiges Wesen wie Miß Jonson hatte sicher schon viele Verehrer gehabt.
Er fand ihre Art des Draufgehens immer amüsanter und erklärte sich sofort bereit, die Rolle ihres Verehrers zu übernehmen.
Sie stießen mit Champagner an. Wagte er aber, ein wenig dreister zu werden, legte sich über ihr hübsches Gesicht sofort die Maske eisiger Abwehr.
„Sie paßt ausgezeichnet zur Gräfin", dachte er und kam sehr vergnügt und mit den rosigsten Zukunftsplänen nach Hause. Er fand den Grafen noch nicht daheim, der in letzter Zeit oft länger im
Büro zu tun hatte, wie er ihm erzählt. Gerade wollte sich Günther Grevenstein auf einen kleinen Abendbummel begeben, da kam Graf Rethel.
Er war sehr guter Laune und sagte: „Ich habe heute einen äußerst netten Brief von Herrn Radix aus Deutschland erhalten. In ungefähr vier Wochen kommt er mit feiner jungen Frau nach Paris und werden wir wohl dann öfter zusammen sein. Wir werden die beiden natürlich auch hier einladen. Ich freue mich schon auf den Besuch. Herr Radix schreibt mir, seine Frau kenne Paris noch gar nicht. Na, da sollte man Sorge tragen, daß sie es kennenlernt, was, mein Junge?"
Günther zeigte sehr wenig Interesse für den angekündigten Besuch aus Deutschland. Er hatte jetzt an eine schicke reizvolle Amerikanerin zu denken, deren Reichtum seine Zukunft endgültig sicherstellen sollte.
Vierzehn Tage später war er mit Mabel Jonson, die keinen Anstoß an seinen steifen Fingern nahm, völlig einig, aber sie wünschte die Verlobung erst zu veröffentlichen, wenn er Graf Rethel hieß, was ganz seiner Meinung entsprach.
Es hatte der Miß sehr gut im Palais Rethel gefallen, und sie hatte ihrem Onkel nach Chikago gefabelt, daß sie sich hier verloben und verheiraten wollte, nach der Hochzeit aber mit ihrem Mann in Amerika Besuch machen würde, um ihm ihren Mann vorzustellen und ihre Geldangelegenheiten zu regeln.
Miß Mabel war vor kurzem vierundzwanzig Jahre alt geworden.
15.
Es wurde Herbst. Franziska saß in ihrem behaglichen Wohnzimmer, in dem auch ein paar Möbel aus Großchens Besitz Aufstellung gefunden, und dachte über ihr Glück nach. Ihr Mann hatte zu einer Sitzung gehen müssen, ihre Schwiegermutter war eingeladen, und so verbrachte sie, was sie gar nicht mehr gewohnt war, ein paar Abendstunden allein.
Nähkathrin klopfte an.
Sie fragte: „Wünschen Sie noch irgend etwas?"
Sie war immer besorgt um Franziska, war wie ein treuer Hund.
Franziska schüttelte den Kopf.
„Nein, Kathrin, ich habe gar keine Wünsche. Wenn Sie mir aber ein bißchen Gesellschaft leisten wollen, wäre es mir angenehm. Das Alleinsein ist mir jetzt etwas zu Ungewohntes "
Nähkathrin, die hier im Hause das Amt einer Wäscheverwalterin und Ausbesserin innehatte und sich auch sonst durch allerlei Hilfeleistungen nützlich machte, blieb gern zu einem Plauderstündchen da.
Franziska drückte sie auf einen bequemen Stuhl nieder und seufzte wohlig: „Kathrin, wie haben wir es beide doch jetzt so gut! Ich denke manchmal, da drüben, weit in der Ewigkeit, gibt es ein ganz großes Fenster, und von dort fcfjaut Großmutter
zuweilen auf die Erde nieder und freut sich, wie glücklich ihre Fränze geworden ist."
Nähkathrin nickte: „Der Herr Direktor ist aber auch jo verliebt in Sie, wie ich mein Lebtag noch keinen Menschen gesehen habe."
Franziska lächelte: „Wenn wir ganz unter uns sind, sollten Sie mich ruhig wieder »Fränze' und ,bu‘ nennen, Kathrin. Sie kennen mich doch von klein an."
Nähkathrin wehrte lebhaft und mit beiden Händen ab.
„Ich werde mich hüten! Wenn ich das nämlich täte, verspräche ich mich bei der ersten Gelegenheit vor anderen, und nicht wahr, es geht doch nicht, daß ich, wenn jemand nach Ihnen fragt, vielleicht herausplatze: Die Fränze kommt gleich! Oder: Die Fränze ist nicht zu Haufe!"
„Also gut, Kathrin, Sie mögen recht haben", gab die junge Frau zurück. „Und nun erzählen Sie mir ein bißchen. Was gibt es Neues im Städtchen?"
Die Verwachsene zuckte die Achseln.
„Ach, seit ich hier draußen wohnen darf und nicht mehr zu anderen nähen gehen muß, höre ich wenig. Die Komtesse Monchsgut steht vor der Verlobung mit dem Gutsbesitzer Graf Stein, sagt man. Weiter weiß ich gar nichts. Wollen lieber von Ihnen reden. Ich denke mir, Sie müssen sich doch sehr auf die Reise nach Paris freuen."
„Das tue ich auch, Kathrin." Sie wurde nachdenklich. „Aber in meine Freude mischt sich noch ein anderes Gefühl. Trauer ist vielleicht zuviel gesagt. Doch ich muß, wo die Reise nun gewissermaßen vor der Tür steht, viel an meine Mutter denken, die ich ja nicht kannte. Sie war doch in Paris in Stellung, und als sie plötzlich heimkam, wurde ich hier geboren. Mein Geburtstag war ihr Todestag. Ich meine nun, es wird mir in Paris so gehen, daß ich oft nachsinnen muß, hier ober dort ist vielleicht meine Mutter geschritten. Hier oder dort hat sie vielleicht gestanden. Auf diesem Haus ober jener Kirche hat vielleicht ihr Blick geruht, unb vielleicht ist biefer ober jener ältere Herr der Mann, der Mutters Leben zerstört hat. Es muß dort irgend etwas vorhanden jein, bas schon damals ba war, als meine Mutter in Paris lebte, unb ich werbe es spüren wie geheime Grüße von ihr."
Nähkathrin erwiderte leise: „Ihre Mutter war so schweigsam. Keinen Namen hat sie genannt, niemanden angeklagt; nur kurz bevor sie starb, huschte noch ein Name über ihre Lippen, aber Ihre Großmutter konnte ihn nicht verstehen. Sie war auch sehr stolz, Ihre Großmutter. Sie sagte: Ich will kein Geld erbetteln von einem Miserablen und mag nicht erforschen, wie er heißt." Sie sah Franziska treuherzig an. „Die Geschichte liegt weit zurück, und ich rate Ihnen, gnädige Frau, denken Sie möglichst wenig daran in Paris, sonst verderben Sie Ihrem Mann und sich nur die schöne Reise. (Fortsetzung folgt.)


