Mittelmeer-Kne-e.
Der Wortlaut des am 2. Januar unterzeichneten englisch-italienischen Mittelmeerab- kommens überrascht durch seine Kürze. England und Italien erkennen gegenseitig die Einfahrt, Ausfahrt und Durchfahrt im Mittelmeer als lebenswichtig für beide Staaten an und betonen damit einen Zustand, der nur durch die Einwirkungen des italienischen Ausdehnungsdranges nach Abessinien und durch die betonte Dölkerbundspolitik Englands zeitweilig unterbrochen, wenn auch nicht abgeändert worden ist. Denn Mussolini hatte von vornherein erklärt, Italiens Interesse sei lediglich auf Abessinien gerichtet, im Mittelmeer bliebe alles beim alten Zustand. Dagegen hatte England seine Heimatflotte und seine Ostasienflotte im Mittelmeer konzentriert, und es hing von England ab, ob es die Hauben von den Geschützmündungen abnehmen, ob es in Befolgung der sogenannten friedlichen Völkerbundspolitik und als deren Ausführungsorgan Italien jnit Gewalt zwingen wollte, von feinem Sprung nach Abessinien abzustehen.
Die Pazifisten aller Länder waren für dieses riskante Spiel, aber Eden, dessen Völkerbundspolitik doch zwischen dem Wortlaut der Völkerbundssatzung und dem Sinn des Völkerbundes zu unterscheiden vermag, befürwortete lediglich die wirtschaftlichen Sühnemaßnahmen gegen Italien, die kläglich zusammenbrachen, ohne die weitere Vorschrift des Artikels 16 der Völkerbundssatzung zu befolgen, wonach gegen einen Angreiferstaat die wirtschaftliä)en Sanktionen durch militärische für den Fall verstärkt werden müßten, daß die wirtschaftlichen Maßnahmen nicht zögen. Das brachte die Entscheidung. Man stand sich gegenseitig bis an die Zähne bewaffnet gegenüber, aber hütete sich, eine Gebärde zu machen, die das Pulverfaß zur Entzündung und zur Explosion brächte. Die Dölkerbundspolitik hat im Abessinienfall gänzlich Schiffbruch gelitten, und England, das sich ursprünglich auf diese Polittk versteifte, mußte, da es die Kanonen nicht sprechen lassen wollte, sehen, wie es sich mit Anstand aus der Angelegenheit herauszog.
Mussolini hat mit diplomatischem Geschick die unbequeme Lage Englands nicht verschärft, sondern gemildert. Die Erklärung vom 12. Dezember, wonach Italien nicht daran dächte, den gegenwärtigen Zustand im Mittelmeer abzuändern, eine Erklärung, die sich auf die von einer gewissen Presse ausgestreuten Lügen richtete, Italien habe sich im Verlauf des spanischen Krieges auf den Balearen festgesetzt, räumte den Stein aus dem Wege und machte die Bahn für das neue Abkommen frei, das als Gentleman Agreement bezeichnet wird und dem von vornherein die italienische Presse die Auslegung gibt, daß es sich nicht um einen Pakt, sondern um die Anerkennung eines Zustande s handele. Wenn der „Messaggero" schreibt: „Die Achse Rom-Berlin bleibt in ihrer schöpferischen Antriebskraft erhalten, sie ermöglicht jede Mitarbeit anderer Staaten, wenn ihre Politik vom gleichen Geist getragen ist", und diese Stellungnahme ausdrücklich durch die faschistische Presse unterstrichen wird, dann liegt darin eine Absage an die Spekulationen vornehmlich gewisser französischer Zeitungen, die davon faseln, Italien werde sich nunmehr dem Kurs der westlichen Demokratien anschließen und die Achse Berlin-Rom verlassen. Das Gegenteil ist richtig und das fühlt man vor allem in Paris, wo man bekniffen die Friedensbotschaft und die Liquidation des englisch-italienischen Gegensatzes aufnahm.
Es mag merkwürdig erscheinen, daß die französische Außenpolitik England bei den Verständigungsoersuchen mit Italien den Vortritt ließ, ob- gleich gerade Frankreich während des Konfliktes Roms mit dem Völkerbund alles tat, um Italien nicht so vor den Kopf zu stoßen, wie es England getan. Aber mittlerweile ist die furchtbare Explosion in Spanien erfolgt, die Italiener haben nicht nur die nationale Regierung des Generals Franco anerkannt, sondern erklärt, sie duldeten keine Sowjetrepublik in Spanien. Vorher wurde die Regierung Blum in das Dornengestrüpp der Volksfront-Politik gestoßen. Denn die französische Volksfront mit ihren kommunistischen Hintermännern tut alles, um die Befehle Moskaus aus- zuiühren. Die Regierung Blum, die den Nichteinmischungspakt vorschlug, möchte sicherlich diese Nichteinmischung durchführen, auf der anderen Seite aber muß sie die Interessen der französischen Linksparteien wahrnehmen, die sich rücksichtslos für die spanischen Bolschewisten einsetzen und im Ministerium Blum sehr prominente Freunde, z. B. den
Luftfahrtminister Pierre Cot haben. Wenn die römische Presse sehr betont sagt, mit England habe Italien keine Streitpunkte mehr, wenigstens keine wesentlichen, dagegen sei die widerspruchsvolle französische Politik der Anlaß gewesen, um Frankreich auszuschalten, dann ist das die gebührende Antwort auf die französische Verärgerung, die sich deutlich kund gibt und die AUeinschuld für Frankreichs Abseitsstehen nach altem Muster anderen Staaten aufbürden möchte.
Wenn man sich Wortlaut und Sinn des neuen Abkommens vergegenwärtigt, dann entfallen nicht nur die Kombinationen der Pariser, sondern auch eines Teiles der englischen Presse. Die „Times" möchten aus ihm eine indirekte Anerkennung der Völkerbundspolitik Edens herauslesen und prophezeien so etwas wie eine fröhliche Auf - erstehung des Völkerbundsgedankens. Das mag das eigentliche Ziel der englischen Außenpolitik gewesen sein, aber Italien ist weit entfernt davon, nun auf Dick und Dünn mit der
englischen Politik zu marschieren. Denn einmal hat Mussolini bewiesen, daß Italiens Außenpolitik nur den italienischen Interessen gemäß gestaltet wird und dann ist die Haltung Italiens in der Spanienfrage so ausgesprochen, daß die weitgehenden Spekulationen auf eine Abänderung dieses Kurses wohl in sich zusammenfallen. Es mag sein, daß nun der Beitritt Italiens zum Meer- engen- Abkommen von Montreux erleichtert wird, auch, daß gewisse Flottenbesprechungen zwischen England und Italien sich reibungsloser gestalten, aber die Völkerbundspolitik im westlich-demokratischen Sinne hat mit diesem Übereinkommen nichts zu tun. Sie geht zurück auf die Unrevidierbarkeit der bestehenden Verhältnisse, wie der marxistische „Populaire" hervorhebt, auf die Fesselung des Revisionsbegehrens. Und eine derartig rückschrittliche Politik kann Italien, das eine Auflockerung im Abessinienfalle erreichte, niemals mitmachen. rt.
Berlin, 4. 3an. (DJIB.) 3n den Abendstunden des 4. 3anuar 1937 verstarb nach kurzer schwerer Krankheit der frühere Chef der Blarineleifung, Admiral Daul Behncke.
Admiral Behncke wurde 1866 bet Lübeck als Sohn eines Landwirtes geboren, besuchte das Ca- tharineum in Lübeck und trat 1883 in die kaiserliche Marine ein. Nach Auslandfahrten nach Asien und Afrika wurde er 1892 Kapitanleutnat, kam 1897 zur Marineakademie in Kiel und 1900 in das Reichsmarineamt. 1903 wurde er Kommandant des in Ost- afien stationierten kleinen Kreuzers „Falke". Als Kapitän zur See war er Kommandant der Linienschiffe „Wettin" und „Westfalen". Von 1911 bis 1914 war er Abteilungschef im Admiralstab der Marine. Bei Kriegsausbruch geriet er in der U-Bootsfrage in Meinungsverschiedenheiten mit dem Großadmiral von Tirpitz und übernahm 1915 die Führung des dritten Kampfgeschwaders, mit dem er an der Seeschlacht vor dem Skagerrak teilnahm, wobei er, außerhalb des Kommandoturmes stehend, durch eine Granate schwer verwundet wurde. Als Vizeadmiral nahm er im Herbst 1917 an der Eroberung der baltischen Inseln teil. Für sein überraschend schnelles Eintreffen in Moonsund,
das das Entweichen der russischen Flotte verhinderte, wurde ihm der Pour le mörite verliehen. Im September 1920 wurde er als Nachfolger des Vizeadmirals von Trotha Chef der Marineleitung, an deren Spitze er bis 1924 verblieb. Ungeheures hat Admiral Behncke in jenen Jahren für den Neuaufbau der Flotte geleistet. Er bemühte sich erfolgreich, die kleine Streitmacht, die Deutschland auf Grund des Versailler Diktats verblieben war, aus dem politischen Tageskampf herauszulöfen und ihr den Geist einer fast gänzlich verlorengegangenen Tradition wiederzugeben.
Nach feiner endgültigen Verabschiedung übernahm Admiral Behncke die Leitung der Deutsch- Japanischen Gesellschaft und erwarb sich hierbei große Verdienste um die Festigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan. Als Anerkennung für seine Tätigkeit auf diesem Gebiete wurde ihm am 8. Mai 1936 vom Kaiser von Japan der Orden der Aufgehenden Sonne Erster Klasse verliehen, eine Ehrung, die nur selten Nichtjapanern zuteil wird. Der Admiral hat wegen seines lauteren Charakters in ganz Deutschland hohe Wertschätzung und Verehrung genossen.
Der Dank der Kriegsmarine.
Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine widmet dem verstorbenen Admiral folgenden Nachruf:
„Am 4. Januar verschied im 71. Lebensjahre Admiral Paul Behncke, Ritter des Ordens pour le merite. Mit ihm geht ein Führer von uns, der durch das Wesen und Wirken seiner klaren und lauteren Persönlichkeit seinen Namen in die Geschichte der Kriegsmarine eingetragen hat. Vornehm im Denken, unbeirrbar im Zielerkennen und Zielsetzen, gradlinig und solgerichttg im Handeln, kühn im Wagen, steht der Mitarbeiter des Großadmirals von Tirpitz, der Führer des Küstengeschwaders in der Skagerrak-Schlacht, der See- defchlshaber bei der Eroberung der baltischen Inseln, der Mitschöpfer und Vorkämpfer der Reichsmarine vor unseren Augen. In stolzer Trauer senkt die Kriegsmarine ihre Flaggen an der Bahre dieses Führers der Marine, dieses ritterlichen Seemannes und vorbildlichen Soldaten.
Admiral Paul Behncke gestorben.
Eine Mitteilung des Prinzen zur Lippe.
Oerprinzmißbil>igtalles,wasdie deutsch-holländischen Beziehungen trübenkönnte.
Haag, 4. Ian. (DNB.) Der Vertreter des Deutschen Nachrichtenbüros in den Niederlanden hatte am Montag eine Unterredung mit dem PrinzenBernhard zur Lippe Biester- f e l d, in deren Verlauf der Prinz folgende Mitteilung machte:
Was den sogenannten Ftaggenzwischen- fatt gelegentlich des deutsch-holländischen Fuhball- wettfpiets im Haag am 23. Dezember 1936 anbelange, bei dem im übrigen der Prinz persönlich überhaupt nicht anwesend war, erklärte er, es sei für ihn selbstverständlich, daß er als gebürtiger Deutscher es niemals gutheißen
werde, daß die Hoheitszeichen des Deutschen Reiches in irgendeiner Form herabgemindert bzw. das deutsche Rationalgefühl verletzt werde. 3m übrigen verurteile er alles, was die guten freundnachbarlichen Beziehungen zwischen Holland und Deutschland in irgendeiner Weife trüben könnte.
Der Prinz fuhr dann wörtlich wie folgt fort: „Da ich in der letzten Zeit wiederholt den Eindruck bekommen habe, daß das Spielen des alten Soldatenliedes »Lippe - Detmold^ zu irrtümlichen Auffassungen sowohl in
der deutschen wie auch in der holländischen Oeffenk- lichkeit geführt hat, habe ich gleich nach Bekanntwerden des obengenannten Zwischenfalles mein Büro gebeten, dafür zu sorgen, daß in Zukunft niemals in meiner Gegenwart das Lippe-Detmold-Lied gespielt werde, damit unter keinen Umständen irgendwie die Vermutung aufkommen könnte, als ob ich dieses Lied als Ersah für die deutschen Rationalhymnen betrachte."
Bei der Uebermittlung des obenerwähnten Wunsches sei eine im übrigen nicht von ihm gewünschte Form gewählt worden, die bedauerlicherweise zu Unterstellungen geführt habe, durch die der Prinz selbst aufs Tiefste betroffen sei. Er hänge mit Liebe an seinem alten Baterlande, dem er soviel zu danken habe. Selbstverständlich bringe sein neues Amt in Holland, mit dem er gleichzeitig niederländischer Staatsangehöriger geworden sei, für ihn die eindeutige Verpflichtung mit sich, der Königin und dem holländischen Volke in voller Loyalität zu dienen, und dies sei sein selbstverständlicher fester Wille. 3ede Verbesserung der Beziehungen zwischen seinem neuen Vaterland, dem er durch das Gefühl des herzens und durch den der Königin und damit dem ganzen holländischen Volk geleisteten Eid angehöre, und seinem alten deutschen Vaterland liege ihm, wie es ihm jeder gute Holländer und jeder gute Deutsche nachempfinden müsse, sehr am Herzen.
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Damit ist dieser Streitfall zur Zufriedenheit r ,id Genugtuung, wie wir hoffen, f ü r beide Seiten erledigt.
Entrümpelung der Schule.
Dr. M e i n s h a u s e n , der Berliner Stadtschulrat, macht in der „Reichselternwarte" beachtliche Ausführungen über die Einführung der zwölfjährigen Schulzeit. Er geht von der selbstverständlichen Voraussetzung aus, daß eine Ueberalterung der führenden geistigen Schicht Deutschlands unbedingt vermieden werden muß. Sehr richtig fordert er als Folge der Schulzeitverkürzung nicht eine rohe Amputierung, sondern eine sinnvolle Konzentrierung des Schulstoffes unter dem Stichwort: „Die Entrümpelung der Schule muß nun kommen und zwar bald kommen". Für die bei manchen Lehrern beliebten „Steckenpferde" fei heute kein Platz mehr. Dr. Meinshaufen unterstreicht auch, daß die wirklich entscheidende Aufgabe der Höheren Schule auf dem „geistigen Training" liege. Wir stehen sicher nicht im Verdacht, positives Wissen gering anzuschlagen; auch das oft allzu beliebte Wort vom „Schulwissen" hält uns nicht ab, jedem jungen Manne eine ganz tüchtige Portion konkreten Wissensstoffes in den Kopf zu wünschen. Aber richtig ist, daß erst das geistige Training diesem positiven Wissen den inneren Gehalt und die bestimmende Vorstellungskraft gibt und damit das manchmal richtige, manchmal falsche Wort vom „Schulwissen" überflüssig macht. Dr. Meinshausen schreibt auch der Grundschule für die Zukunft die Aufgabe zu, mindestens einen Teil ihrer Schüler schon mit Abschluß des vierten Jahres unter strikter Anwendung des Leistungsprinzipes an die Höhere Schule abzugeben, wobei diese „Anwärter" schon in der Grundschule von einer Sonderschulung erfaßt werden.
Oje verjudete Hinanzverwaltung der Sowjetunion.
Moskau, 4. Ian. (DNB.) Die Sowjetpresse veröffentlicht eine Verordnung, wonach beim Volkskommissariat für Finanzen ein „Rat" aus 105 Persönlichkeiten gebildet worden ist. Eine Durchsicht der Namen ergibt, daß unter ihnen nicht weniger als 42 Juden (!) sind. So ist z. B. Stellvertreter des Volkskommissars für Finanzen der Jude Ruwin Jakobsohn Lewin, Leiter der Sowjetbank der Jude Salomon Lazarussohn Kruglikow, der Rüstungsfinanzierung der Jude Bermann, der Währungsabteilung der Jude Kagan (Cohen), des Finanzkommissariats für die Ukraine der Jude Rekis, der Abteilung für Sparkassen der Jude Rubin, der Abteilung für Steuereinnahmen der Jude Salomon Tamarkin, der Abteilung für Finanzierung der Schwerindustrie der Jude Schaurin.
Oie Bnllantnadel.
Eine Geschichte von Aingelnah.
Der verstorbene Dichter Joachim R i n g e l n a tz war, wie man weiß, ein witziger Kopf und stand als guter Gesellschafter in hohem Ansehen. Daher sah man es auch an seinem Münchener Stammtisch nicht gern, wenn er einmal lange auf sich warten ließ oder ganz fehlte. Eines Abends verzögerte sich fein Erscheinen auffällig, und als er endlich zur Tür hereintrat, merkten die Kumpane sofort seinem Gesicht an, daß ihm etwas Ungewöhnliches widerfahren fein mußte. Nachdem er Platz genommen hatte, sprudelte er auch, ohne sich erst lange fragen zu lassen, gleich los: „Nein, Kinder, was ich vorhin erlebt habe, paßt auf keine Kuhhaut. Im tollsten Roman kann es nicht toller zugehen."
„Nanu!" riefen die Gefährten gespannt.
Ringelnatz stärkte sich erst erheblich und fing dann an: „Die Sache ist die: Ich stehe rauchend auf der Schwanthalerstraße und besehe mir behaglich das bunte Gewimmel ringsum. Da tritt ein Herr an mich heran mit der Bitte um Feuer. Unser beider Zigarrenspitzen berührten sich. Der Herr dankt, und wir gehen in verschiedenen Richtungen auseinander. Gleich darauf höre ich eilige Schritte hinter mir. Wieder steht der Mann da, diesmal rot vor Aufregung, und faucht: „Sie haben mir eben meine Brillantnadel gestohlen." Da ich ihn verständnislos anstarre, brüllt er weiter: „Tun Sie bloß nicht so, Sie, bei Feuerqeben vorhin haben Sie mir die Nadel aus der Aravatte gezogen." „Was habe ich? Bei Ihnen piept's woll! Machen Sie ja, daß Sie weiterkommen!" kollere ich nun meinerseits los. Unsere lauten Stimmen haben bereits Aufmerksamkeit erregt, und im Handumdrehen sind wir von Gaffern umringt. Der Mann tobt fort, beschuldigt mich vor allen Leuten, ich bin in meiner berechtigen Empörung gleichfalls nicht auf den Mund gefallen, der Auflauf wächst, und zu allem Ueberfluß erscheint auch ein Polizist auf der Bildfläche. Trotz meinem Protest muß ich mit dem anderen zur Wache. Der Weg dahin ist wie ein Spießrutenlaufen zwischen den Menschen auf der Straße und an den Fenstern. Ich platze fast vor Wut. Auf der Wache setzt sich der Tumult fort. Mein Gegner behauptet, die Nadel kurz zuvor noch an feiner Kravatte gefühlt zu ha
ben. Man visitiert mich. Natürlich ohne Erfolg. „Er wird sie unterwegs heimlich weggeworfen haben, der Schuft", kreischt der andere. Da hat der Wachthabende eine Erleuchtung und läßt in der Wohnung des Anklägers telephonisch anfragen, ob dieser die Nadel etwa dort liegen gelassen habe. Und richtig — was sagt ihr? — es kommt der -Bescheid die vermißte Nadel befinde sich unversehrt auf dem Nachttisch. Nur mit Gewalt können mich die Beamten jetzt davon abhalten, dem blöden, frechen Kerl wie ein Tiger an die Gurgel zu springen. Der eben noch ein so großes Maul hatte, knickt förmlich zusammen und windet sich vor verlegener Unterwürfigkeit. Tausend Entschuldigungen stammelnd, holt er zwanzig Mark heraus. Entrüstet lehne ich ab. Er bietet fünfzig Mark. Ich verzichte. Die Beleidigung war zu groß. Jedoch er will durchaus wieder gut machen und hält mir hundert Mark hin. Hundert Mark, liebe Freunde, sind viel Geld. Mir war großes Unrecht geschehen, und eine Entschädigung war in der Tat nicht mehr als recht und billig. Ich fühltz, daß ich an der Grenze meiner Widerstandskraft angelangt bin, und will nach kurzem inneren Kampfe schon nach dem Schein greifen, als--"
Hier machte der Erzähler eine Pause und guckte tieffinnig in sein Glas.
„Als —? Na was denn?" drängten die Zuhörer, kribblig vor Neugierde.
„Tja, als — der Wecker auf der Konsole schnurrt, und mit meinem Nachmittagstraum auch dem schönen Geldschein ein jähes Ende bereitet. Prost!"
Friedrich Ritter.
Fndianer.
Äon Georg Brttttng.
Als vierzehnjähriger schwärmte ich für die Indianer mit einer feurigen Hingabe, über die ich auch heute nicht lächeln kann. Ich schuf mir in ihnen Wesen einer höheren Art, edler und von mehr Größe als die Männer um mich, deren Erbärmlichkeit früh zu durchschauen mir nicht schwer fallen konnte. Das rothäutige Geschlecht, mit den fließenden Wassern, den ziehenden Wolken und dem Rauschen der Bäume brüderlich vertraut, schien mir höchster Verehrung würdig. Ich träumte davon,
zwischen Häuptlingen über die dunkelnde Steppe in den Abend zu reiten. Ich saß unter überhängenden Felsen an Lagerfeuern, während unendlicher Regen aus niederen Wolken strömte. Ueber wogenden Büffelherden zuckten unsere Lassos und zwangen den Stier in die Knie. Beim Morgengrauen durchschwammen wir blaufunkelnde Flüsse und der hohe Mittag fand uns auf der Fährte des Felsenpumas. Ich liebte die roten Männer und die Tränen, die ich vergoß, nicht als Sioux geboren worden zu sein, waren bitterer als jene, die ich meinte, als mich das erste heuchlerische Mädchen verriet.
Die Sehnsucht nach dem erdnäheren Dasein der Waldgesellen oerpflütigte sich, als ich mit zwanzig Jahren durch die breiten Straßen der Großstadt ging, über denen Bogenlampen wie falsche Monde prahlten. Die großen Worte der giattrafierten Männer auf der Bühne setzten mich in Taumel und in Verwirrung das Lächeln auf den geschminkten Lippen der Schauspielerinnen, und das Rasseln der Hochbahn klang mir gewaltiger als der Donner der Berggewitter. Ich bin nicht lang vor diesen Wundern gläubig auf den Knien gelegen. Doch als ich erkannte, daß die sieben Farben des Regenbogens glühender und milder brannten als alle Schmelzöfen der Länder, war mir die Natur nur mehr ein Schauspiel, das ich mit bewundernden und ungerührten Augen genoß.
Wenn ich heute taub und blind durch den Wald gehe und vor dem Schrei des Hähers und dem Rascheln des Eichhörnchens zusammenfahre, bin ich traurig bei dem Gedanken, daß Wald und Wolke und Fluß mir fremd wie fremde Sachen sind und mir im Blut bekannt sein könnten wie der Schlag meines Herzens. Die Säfte, die der Pferde glänzende Schenkel prall machen, die Flügel der Vögel heben, in den Bäumen brausend nach oben steigen, müssen notwendig und innig denen verwandt sein, die durch mich rinnen, von Ufern roten Fleisches eingedämmt. Daß ich diese Verwandtschaft nur mit dem Verstände begreife, sie nicht mit Herz und Blut liebend fühle, ist ein Schmerz, der mich nicht verläßt.
Ich habe viel in Jndianerbüchern gelesen. Immer zur stärksten Erschütterung riß mich Schillers Gedicht von dem Tod des Häuptlings. Ich habe den Band nicht zur Hand und muß die Verse nach dem Gedächtnis wiedergeben. Sie beginnen so:
Seht, da sitzt er auf der Matte, Aufrecht sitzt er da. Mit dem Anstand, den er hatte, Als er's Licht noch sah.
Der große, rote Greis stirbt, aber ihn schüttelt kein schmerzlicher Krampf und splitternd bersten bei ihm keine bösen Stricke, die uns an die kalte Klippe Erde schnüren. Die kristallene Luft um ihn ist wie ein gewaltiger, blitzender Wassertropfen, in dessen Mitte er schwebt, von dem er aufgesogen wird. Lächelnd vergeht er, wie die Blume im Herbst erlöst zerfällt. Ueber den Bergen, im Blauen, liegt Manttou, ein riesiger roter Krieger, und stößt tanzende Wolken aus seiner Pfeife. Er wird neben ihn sich strecken und Frühling und Herbst und alle Jahreszeiten werden wie die Schatten über die Täler wehn.
Ich möchte sterben wie er. Aber wir müssen einmal fliehen von der Erde, die uns eine fremde Insel war. Und zitternd vom Fremden zum Fremden stehlen wir uns fort. Von einer Woge stechender Disteln, die uns unwillig trug, heben wir uns in ein Boot zur Fahrt über ein Meer, vor dessen Erahnen schon uns der Hauch vor dem Munde gerinnt.
Wie alt wird ein Hirschkäfer?
Der Hirschkäfer, als Schmuck unserer Wälder und Zubehör der deutschen Landschaft, ist, wie wir durch einen Abriß seiner Personal-Akten erfahren, schon 6 bis 8 Jahre alt, wenn er das Licht der Oberwelt als fertiges Insekt erblickt, nachdem er sich aus dem tiefen Waldboden, wo er als Larve lange Jahre von totem Holze lebte, herausgebohrt hat. Das Geweih des Männchens, das in seiner Ausbildung individuell sehr schwankt, sieht zwar bedrohlicher aus, als die viel kleineren Beißzangen des Weib- chens, aber die Zeitschrift „Natur und Volk" die uns die Lebensbeschreibung dieser bekanntesten aller Käfer-Arten vermittelt, rät jedem, den die Wißbegierde treibt, sich von einem Hirschkäfer beißen zu lassen, dies möglichst nicht von den kleineren harmlos aussehenden Weibchen besorgen zu lassen, sondern von den stattlicheren, Geweih tragenden Männchen, das trotz seiner riesigen Zangen weit weniger empfindlich verletzt.


