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Nr. l27 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Zreitag, 4. Mi (937

Menschen. Auch wenn es galt, das Antlitz der deut­schen Heimat vor bedenkenlosen Eingriffen zu schützen, war Henneberg auf dem Plan. Seinem un­ermüdlichen Kampf ist es bekanntlich zu danken, daß der Enzianbestand im Osten der Stadt gerettet und unter Naturschutz gestellt werden konnte.

Wie der zweite Vorsitzende der Gesellschaft in der letzten Sitzung unter dem lebhaften Beifall der Ver­sammlung mitteilen konnte, hat die Oberhessische Ge­sellschaft beschlossen, Herrn Professor Henneberg an­läßlich seines 70. Geburtstages zu ihrem Ehren­mitglied zu ernennen. Die Mitteilung von dieser höchsten Ehrung, die die Gesellschaft zu vergeben har, wird den Jubilar in Form einer Ehrenurkunde erreichen. Die Oberhessische Gesellschaft spricht Herrn Professor Henneberg dabei ihren Dank und ihre herzlichsten Glückwünsche aus. Sie möchte den Jubi­lar noch viele Jahre in Rüstigkeit der Freude an der Natur, der Beobachtung und Forschung hinge­geben sehen und unter seiner Leitung und Mitarbeit auf dem eingeschlagenen Wege fortschreiten. A.

*

DerGießener Anzeiger" grüßt Prof. Henne- b e r g als einen geschätzten Mitarbeiter, der in den Kriegsjahren als Leiter des Verwundeten-Unter- richts und der Lazarettberatung eine Reihe von Artikeln imGießener Anzeiger" veröffentlichte, aber auch nach dem Kriege bis auf den heutigen Tag oft interessante Beiträge für unsere Spalten schrieb. Als treuer Bezieher seit 1895 gehört der Jubilar zu den bewährten Freunden desGießener Anzeigers".

Dornoiizen.

Tageskalender für Freilag.

NSLB. Fachschaft Höhere Schule: 16 Uhr in der Oberrealschule Vortrag:Die Balladendichterin Agnes Miegel". Gloria-Palast (Seltersweg)Die göttliche Jette". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße) Vor Liebe wird gewarnt". Gleiberg-Verein: 20.15 Uhr Cafe Leib Festabend mit Aufführung Im Gasthaus zur Spießpforte zu Gleiberg".

Fünfziger 1887/1937.

Die Alterskameradschaft der Fünfziger 1887/1937,, als Stifterin der Baumallee beiderseits des Skager- rak-Ehrenmals auf dem Platz vor der Neuen Pesta« lozzischule, beteiligt sich am nächsten Sonntagvvrmit« tag an der feierlichen Einweihung des Skagerrak« Platzes. Die Einweihungsfeier beginnt pünktlich um

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.

Belr.: Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend (Gef. 5/116 bis 17/116).

1 Meldungen über Ort und Zeit der Wettkämpft abgeben

2 . Je Gefolgschaft 50 Siegernadeln bei der Ver« waliungsstelle des Bannes 'abholen.

'Bett.: Beurlaubungen am 6. Juni.

Am 6. Juni sind alle Beurlaubungen aufgehoben^

Bett.: Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend, Unterbann 1/116.

Es treten an:

Univerfitätssportplah:

8.00 Uhr: TNarinegefolgschaft 1/116,

8.45 Uhr: Gefolgschaft 3/116,

9.45 Uhr: Rachrichtenschar 1/116,

Rlotorschar 1/116, Fliegergefolgschaft 1/116.

Waldsporlplah: (VfB.-Reichsbahn):

8.00 Uhr: Gefolgschaft 1/116,

8.45 Uhr: Gefolgschaft 4/116,

9.45 Uhr: Gefolgschaft 2/116.

Die Gefolgfchaftsführer melden ihre Einheiten dem Leitenden und bleiben für die Dauer des TBett- kampfes bei der Leitung. Für sorgfältiges Ausfüllen der Wettkampflisten ist Sorge zu tragen. Apelle in Sportzeug abhalten. Witzubringen: je Kamerad-

Aus der Stadt Gießen

Professor Henneberg 70 Jahre alt.

Das Ehrenmal auf dem Skagerrak-Platz.

Der emeritierte Professor Dr. med. Bruno Henneberg. ehemaliger Direktor des Anato­mischen Institutes, begeht am morgigen Samstag 5. Juni, im Harz in der Nähe des Stammgutes der Familie im Kreise der Seinen den 70. Ge­burtstag. Henneberg entstammt einem alten braun­schweigischen Geschlecht, das weit über hundert Jahre Besitzer der braunschweigischen Post war, die den Verkehr zwischen Hamburg und Braunschweig vermittelte Sein Großvater heiratete Lessings Stieftochter Molchen Koenig, wodurch die Familie Beziehungen zu Lessing gewann mit Traditionen, die auch heute noch nicht erloschen sind.

Hennebergs Vater war Arzt in Magdeburg. Der Sohn besuchte das Gymnasium vom Kloster Unser Lieben Frauen. Sein Stäatsexamen machte er in Berlin und wurde dort auch zum Dr med. pro­moviert. Die Promotion (1894) vollzog sich in alt­hergebrachter Feierlichkeit, mit öffentlicher Verteidi­gung einer Reihe von Thesen. Hennebergs Oppo­nenten waren seine drei jüngeren Brüder, gewiß ein seltenes Vorkommen. Seine akademische Lauf­bahn hat er in Gießen begonnen und beendet. Nach­dem er mehrere Jahre unter Bonnet Assistent und Prosektor gewesen war, habilitierte er sich 1899 unter Strahl, wurde 1904 außerordentlicher Pro­fessor und 1920 als Nachfolger Strahls Direktor des Anatomischen Institutes. Oktober 1933 wurde er emeritiert.

In seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat er sich in erster Linie mit der Entwicklungsgeschichte der Säugetiere und des Menschen befaßt, aber auch mit mikroskopischen Untersuchungen und mit funktionel­len Fragen. Eben befindet sich eine große entwick­lungsgeschichtliche Monographie im Druck, an der er viele Jahre gemeinsam mit seiner inzwischen ver­storbenen Gattin gearbeitet hat. In den letzten zehn Jahren hat er auch eine Anzahl Beobachtungen aus der Biologie und Entomologie veröffentlicht, sei­nen alten Lieblingsgebieten, die er nebenbei immer gepflegt hat. Denn er war nie reiner Fachgelehr­ter, und er kennt die Sterne am Himmel so genau, wie die Käfer auf den Blumen und auch Shake­speare so gut wie die griechischen Tempel. Auf weiten Reisen hat er Studien gemacht, und eben erst ist er von einer Mittelmeerfahrt zurückgekehrt, die ebenso seiner Neigung zu den Stätten alter Kultur galt, als naturwissenschaftlichen Beobach­tungen.

Im Kriege war Henneberg zuerst als Arzt im Lazarett tätig. Später übernahm er in Gießen die Leitung des Verwundeten-Unterrichts und die Re­gelung der Lazarettberatung. Mancher seiner Hel­fer wird sich gewiß auch noch an seine Bericht­erstattung in der Lazarettzeitung und im Gießener Anzeiger erinnern.

Wenn Henneberg heute, erfrischt und gestärkt von der südlichen Sonne, seinen 70. Geburtstag in vol­ler Rüstigkeit begeht, so gedenkt seiner ein großer Kreis von Freunden und Schülern mit den herz­lichsten Wünschen. E.

Am kommenden Sonntag, um 11 Uhr, findet die feierliche Einweihung des Skagerrak-Platzes mit dem Ehrenmal an der Schlageter-Anlage statt. Im Anschluß an diese Einweihung, zu der die gesamte Bevölkerung von Gießen eingeladen ist, wird in der Aula der Pestalozzi-Schule eine Skagerrak- Kunstausstellung mit einem einführenden Vortrag eröffnet werden. Um 12 Uhr folgt ein Vorbeimarsch

der an der Feier teilnehmenden Formationen am Skagerrak-Platz.

Unsere beiden Bilder (Aufnahmen: Neuner, Gie­ßener Anzeiger) zeigen den Skagerrak-Platz in sei­ner vor wenigen Tagen vollendeten Gestaltung. Das Bild links stellt die gesamte Anlage des Ehren­mals, von der Schlageter-Anlage her in Richtung Pestalozzi-Schule gesehen, dar, das Bild rechts '.äßt

den über die Wasseroberfläche herausragenden Steinsockel erkennen, auf dem der von der Marine- Kameradschaft Gießen gestiftete Lorbeerkranz zu Ehren der am Skagerrak gefallenen deutschen Ka­meraden angebracht wird. Dieser Kranz wird dauernd dort befestigt sein und als Symbol der Seefahrt gewissermaßen ständig auf dem Wasser schwimmen.

der deutschen Wissenschaft so besonders fruchtbar erwiesen hat. Als Ordinarius der Anatomie kannte man ihn vom Präparierboden und aus dem Hör­saal oder sah ihn bei der Arbeit am Mikroskop; in seinen freien Stunden aber traf man ihn oft weit draußen in Gießens Umgebung, wenn er z. B. auf dem Hvhervdskopf der Entwicklung, den Lebens- äußerungen und dem Erbverhalten eines Blatt­käfers nachspürte, ober wenn er durch systematische Fütterungsversuche an Hühnern benachbarter Höfe den wahren Wert von Schutz- und Schreckfarben prüfte, die gewissen Insekten zukommen. Selbst der frühbeginnende Tageslauf war von solchen Studien begleitet, wenn Henneberg, über 16 Jahre hinweg, im Sommer den Zeitpunkt beobachtete, an dem die Schwarzdrossel vor Sonnenaufgang mit ihrem Lied beginnt. Nach seiner Emeritierung hat Professor Henneberg sich dann mit ganzer Hingebung diesen naturwissenschaftlichen Studien gewidmet Es ist eine Selbstverständlichkeit geworden, daß er die biologischen Lehrausflüge in die nähere und weitere Umgebung Gießens mitmacht, er begleitet sie als rüstiger Marschierer, als fröhlicher Kamerad der Studenten oder als ihr erfahrener Lehrer, wie es sich gHade gibt. Und wer an sternklaren Abenden noch em wenig vorm Tor spazieren möchte, kann draußen nicht selten Professor Henneberg treffen,

Die Oberhesfische Gesellschaft für Natur- und Heil­kunde hat allen Anlaß, Herrn Professor Dr. Br. Henneberg, dem 1 Vorsitzenden ihrer natur­wissenschaftlichen Abteilung, in Freude und Dank­barkeit zu seinem 70. Geburtstage ihre herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Gehört doch Professor Henneberg seit 1894, also seit über 42 Jahren, der Oberhessischen Gesellschaft als Mitglied an, und zwar den beiden Abteilungen, der medizinischen so­wohl, wie der naturwissenschaftlichen. Seine beson­dere Liebe und unermüdliche Tätigkeit hat Henne­berg, der Mediziner, in diesen Jahren besonders der naturwissenschaftlichen Abteilung zugewandt und da­durch in sich die Vereinigung der Naturkunde mit der Medizin verkörpert, die sich in der Geschichte

wenn er feinen astronomischen Studien nachgeht.

17% Jahre hat Henneberg dem Vorstand der na­turwissenschaftlichen Abteilung angehört, die unter seiner Leitung (er war mit Unterbrechungen zwei Jahre zweiter und 8% Jahre erster Vorsitzender) einen bemerkenswerten Abschnitt ihrer Entwicklung durchgemacht hat. Die Veröffentlichungen der Abtei­lung sind ein getreues Spiegelbild eines unablässigen Bemühens, die Gesellschaft, anknüpfend an das, was sie in den vergangenen hundert Jahren geleistet hat, zu einer Pflegestätte heimatgebundener Naturfor- schung und zur Vermittlerin der Früchte deutscher Naturwissenschaft zu machen, die Türe zu öffnen zwischen der Gelehrtenstube und dem allen Fragen und Wundern der Natur aufgeschlossenen deutschen

Sprache und Schrift in Japan.

Von Rudolf Weise, Tokio.

Unter den vielen neuen Eindrücken, die beim Be­treten japanischen Bodens auf den harmlosen Frem­den einstürmen, ist das kraule, scheinbar sinnlose Gewirr der rätselhaften japanischen Schrift­zeichen vielleicht der erschütterndste. Vergeblich schaut man in seiner Hilflosigkeit nach den lieben, altgewohnten lateinischen Buchstaben aus, die nur selten als gönnerhaftes Zugeständnis an denun­gebildeten Fremden" zu finden find.

Wenn der Fremde in Japan sich feiner Hilflosig­keit bewußt geworden ist, drängt ihn fein Gewis­sen zu schwerwiegenden Entscheidungen. Entweder wird der ganze Schriftkram geflissentlich übersehen, ist einfach nicht vorhanden, und man bleibt dumm und ungebildet wie bisher oder aber die Schande, weniger als jeder Dolksfchüler des Lan­des zu wissen, läßt das erwachende Ehrgefühl nicht ruhen, und man setzt sich hin und fängt an zu büf­feln wie ein ABC.-Schütze. Und auf das Erlernen der vier- bis fünftausend Zeichen, die zu jeder höheren Bildung nötig sind, vier bis fünf Jahre seines Lebens zu 'verwenden auch bei eisernem Fleiß kann man es nicht kürzer machen dazu gehört schon ungewöhnliche Entschlußkraft. Freilich gibt es auch hier, wie in allen Angelegen­heiten des Fernen Ostens, den Mittelweg. Man lernt die Zeichen fürEingang",Notausgang" und für andere manchmal dringend benötigte Orte, für Bier" undTabak" und kommt sich dann schon ganz gebildet vor.

Die japanische Umgangssprache ist nicht allzu schwer zu erlernen, und da der Durchschnittsjapaner den Ausländer grundsätzlich als nicht eben hoch­gebildet ansieht, kommt es auf ein paar Sprach­fehler mehr oder weniger nicht an. Das rein gehör­mäßige Erlernen der japanischen Sttache hat frei­lich, verglichen mit dem Erlernen anderer Fremd­sprachen mit lateinischem Alphabet, den großen Nachteil, daß man das täglich Gehörte nicht durch tägliches Zeitungslesen üben kann, wenn man sich nicht eben auf das Erlernen der Schriftzeichen stürzt. Eine japanische Zeitungsredaktion, deren Blätter jeder Mann auf der Straße lesen kann, ge­braucht zum Druck durchschnittlich 2500 Schrift­zeichen und ist dem Ausländer ein Buch mit sieben Siegeln.

Das erste, was dem Ausländer an der japanischen Sprache auffällt, ist das nach jedem dritten Wort eingefügte Wörtchenne", das etwanicht?",nicht wahr?" bedeutet. Manche Japan-Deutsche, die viel und fließend japanisch sprechen streuen, ohne es zu beachten, das Wörtchenne" auch in ihre deutsche Umgangssprache ein. Wenn man dem Japaner

beim Telefonieren zuhört, durchzieht dasne" in gleichem Rhythmus das ganze Gespräch. Dieses praktische Wort dient in der japanischen Sprache zur Abteilung endlos inemandergeschachtelter Genitive, die sehr geläufig sind und die Sprache für den Aus­länder erleichtern. Es gibt auch andere Erleichte­rungen in der japanischen Sprache. Es gibt keine Unterscheidung zwischen Ein- und Mehrzahl, keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Wirklich schwer ist die höfliche Umgangssprache, die für den Bildungsgrad des Japaners maßgebend ist. Der Durchfchnittseurvpäer in Japan spricht, wenn auch fließend, meist wie em Kleinbürger. For­melle Höflichkeit spielt aber im Umgang in Japan eine besonders wichtige Rolle. Die jedem Japaner geläufige Höflichkeitsform verlangt, daß alles, was sich auf den Sprecher bezieht, bescheiden im Wert herabgesetzt wird. Während man von der Frau des Angeredeten alsokusarna" (ehrenwerter Frau Ge­mahlin) spricht, darf man die eigene Frau nur als kanai" (die innerhalb des Hauses) oder noch bes­ser alsgufai" (meine dumme Frau), seinen eige­nen Sohn nur alsnichtsnutzigen Lausbuben" be­zeichnen. Diese Höflichkeitsphrasen sind aber auch im alltäglichen Leben, in der Bahn, in Autobussen geläufig. Man braucht in Japan einen größeren Wortaufwand als in anderen Ländern und unend­lich viel Zeit.

In Japan muß der Ausländer auf alle Erleich­terungen verzichten, die in anderen Fremdsprachen durch international gebrauchte Fremdworte bestehen. Kein Durchschnittsjapaner hat eine Ahnung, wenn man ihn nachTelephon", .Telegraph",Station" fragt. Auch für die neuesten technischen Erfindungen hat der Japaner ein japanisches Wort und auch ein eigenes zusammengesetztes Zeichen, wie für Flug­zeug, Tanz, Kurzwellenempfänger usw. Außer aus dem Chinesischen sind nur wenige Fremdworte ins Japanische übernommen worden. Aus dem Deut­schen z. B., auf Hannes Schneiders Lehrtätig­keit in Japan zurückzuführen, die Fachausdrücke des Schi-Sports, die WorteRucksack" undHütte".

Nicht so einfach ist es mit den japanischen Schrift­zeichen. Das japanische Wörterbuch weist 1 5 000 Zeichen auf, oft schwierige zusammengesetzte Zei­chen, die alle aus China flammen. Und um die Sache noch verzwickter zu machen, werden die Zei­chen, je nach dem Zusammenhang, ganz verschieden ausgesprochen. Manche Zeichen lassen ähnlich wie in der altägyptischen Bilderschrift das Bild des Wortes noch erkennen, wie die Zeichen für Baum, Mund, Zähne usw. Wenn japanische Wissenschaft­ler miteinander diskutteren und Unklarheit über einen Begriff herrscht, schreiben sie oft das Zeichen für den umstrittenen Begriff mit den Fingern auf die Handfläche, und sofort verstehen es die anderen. Es ist auch bekannt, daß chinesische und japanische Gelehrte mit Hilfe der chinesischen Schriftzeichen,

die in beiden Sprachen dieselben Begriffe aus­drücken, ihre wissenschaftlichen Werke austauschen und lesen können, obwohl chinesisch und japanisch sowohl als Sprachfamilie wie auch lautlich grund­verschieden sind. Ein Mann, der die 15 00Ö Zei­chen des Wörterbuches beherrscht, ist auch unter den gebildetsten Japanern äußerst selten, wenn er nicht gerade ein Sprachwissenschaftler ist. Für die große Masse des japanischen Volkes reicht die Zeit der sechs Schuljahre eben aus, um 1500 Zeichen zu erlernen. Die übrigen, zum Lesen der Presse nö­tigen Zeichen werden durch den täglichen Umgang gelernt.

Im Gegensatz zum Chinesischen hat der Japaner schon seit Jahrhunderten eine Silbenschrift erfunden, mit deren Hilfe er alle Laute feiner Sprache wiedergeben kann Freilich gibt es unter den 15 000 Zeichen des Wörterbuches ungezählte Zeichen, die lautlich ganz gleich ausgesprochen wer­den, deren Bedeutung erst durch das Einsetzen des chinesischen Zeichens klar wird. Die japanische Sil­benschrift, Katakana, umfaßt 48 Silbenzeichen. Dazu benutzt der Japaner noch feine Hiragana-Schrift zum Umschreiben chinesischer Zeichen und für gram­matikalische Endungen, so daß im japanischen Schrifttum drei verschiedene Zeichen­gruppen nebeneinander bestehen. Japanische Schulfibeln und Kinderbücher sind in der Silben­schrift Katakana gedruckt. Diese Silbenzeichen er­möglichen es dem Japaner zu telegraphieren und Schreibmaschine zu schreiben, während der Chinese mit seiner Zeichenschrift die Worte in umständlich­ster Weise zerlegen muß. In Japan können ge­wöhnliche Telegramme durch die Silbenschrift ge­funkt werden, für jedes der 48 Silbenzeichen gibt es eine Morsezusammenstellung, wie für unser lateinisches Alphabet.

Die primitive japanische Schreibma­schine hat etwa 150 Tasten für Silbenzeichen, Zahlen und die im täglichen Leben immer wieder­kehrenden unentbehrlichen chinesischen Zeichen. Es gibt wohl auch komplizierte japanische Schreibma­schinen mit 2000 Zeichen, die mühsam zusammen- gefudjt. werden müssen. Solche Schreibmaschinen werden nur zur Klarheit der Schrift verwendet, eine Zeitersparnis bringen sie nicht Im allgemei­nen ist die Verwendung der Schreibmaschine in Japan gering. Alle Manuskripte für die großen Zeitungen werden z. B. mit der Hand geschrieben.

Es ist verständlich, daß das Erlernen der schwie­rigen, einander oft sehr ähnlichen japanischen Schriftzeichen und das Schreiben dieser Zeichen un- wöhnliche Handfertigkeit und Klarheit der Schrift erfordert. In Japan gibt es keineHandschriften­deuter" und keinecharaktervolle, persönliche Hand­schrift". einfach, weil niemand sie lesen könnte. Schreiben wird in Japan als Kunst angesehen. Die zeremonielle Schrift wird mit schwarzer Xu»

s ch e und Haarpinsel geschrieben, im täglichen Leben und bei kleiner Schrift wird der Füllfeder­halter verwendet. Handschriften bilden den höchst- geschätzten Bildschmuck am Ehrenplatz des japani­schen Hauses, stehen gleich im Wert wie gemalte Bilder von Künstlerhand. Merkwürdig ist, daß in Japan unter amtliche Dokumente keine Namens­unterschrift gegeben wird. Die gültige Unterschrift in Japan ist das persönliche ftempe'lartige Siegel, das zu wichtigen Anlässen mitgebracht wird.

Nach dem Ausdruck der japanischen Sprache wird ein Bildgeschrieben" und nicht gemalt. Oft wun­dert sich der Fremde darüber, daß der japanische Fabrik- und Erdarbeiter auch im Sommer bei der Arbeit weiße Baumwollhandschuhe trägt. Der Grund dafür ist, daß die Hand des Japaners, schon von Natur viel feiner und sensibler als die des Europäers, geschützt werden muß, um die Klarheit der Schrift zu erhalten.

Der nach Japan kommende Ausländer fragt regelmäßig: Warum gehen Japan und China nicht wie die Türkei zum lateinischen Alphabet mit 25 Buchstaben über? Eine Umstellung der japani­schen Schreibweise auf die lateinische ist jedoch un­denkbar. Die Schristzeichen Chinas und Japans sind ureigenstes Kulturgut, das bei der heute immer stärker werdenden Bewegung gegen öie Ver­westlichung Japans von der nationalistischen Welle stärker denn je verteidigt wird. Die ganze rassisch bedingte Denkart der ostasiatischen Volker und ihre künstlerische Kultur findet in dieser Zei­chenschrift ihren Ausdruck. Wobl bedeutet das Er­lernen von nur 1500 Schriftzeichen schon für den Volksschüler eine ungeheure Augen- und Gedächt­nisarbeit. Und viel Zeit, die der Schüler in Ländern mit lateinischem Alphabet auf Fachstudium verwen­den kann, wird in Japan nur für die Erlernung der Schriftzeichen gebraucht. Die vielen Brillen­träger in Japan zeugen von der rein physischen Beanspruchung der Augen durch die oft klein und schlecht gedruckten Schriftzeichen.

Die Schriftzeichen Ostasiens sind über einen weit- ausgedehnten Raum der Erde verbreitet, in dem 600 Millionen Menschen leben Die ungeheuren Menschenmassen Chinas, Koreas, der Mandschurei, Tonkings, Annams, der Südjeegebiete, die Japaner und Chinesen in Hawai und den Vereinigten Staa­ten reden die verschiedensten Sprachen. Und doch ist der geistige und kulturelle Zusammenhalt dieser Völker ohne Rücksicht auf die Sprache, die sie reden, in der Zeichenschrift des Fernen O st e n s , die sie alle verstehen, ausgedrückt.

Wer sich aufrafft und in die Tiefe diefer Schrift­zeichen einbringt, bekommt einen Einblick in die rätelhafte, geheimnisvoll scheinende Denkweise des japanischen Volkes, versteht etwas vom lächerndem undurchsichtigen Gesicht des Fernen Ostens.