Nr. 2 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 4.Zanuar M7
Aus der Provinzialhauptstadt.
Im Winter schauen mich alle an!
Mein Freund hat sich ein kleines Einfamilienhaus gebaut. Er hat auch meinen Rat befolgt und sich m dem behaglichen Wohnzimmer einen Kachelofen einbauen lassen. Die Wände sind mit dunkelbraunem Holz bekleidet, und in der Mitte der Wand — nicht in irgend einer Ecke — steht stolz und behäbig der dunkle, glänzende Ofen. Zu beiden Seiten schließen sich bequeme Ofenbänke an, die weich ausgepolstert würben.
Der Ofen brennt Tag und Nacht. Es ist ein Allesbrenner. Die Wärme, die er auj-strahlt, ist so mild und gleichmäßig, daß wir ihn ruhig anfassen können. Ich freue mich immer auf die stillen Stunden, die wir in diesem schönen Zimmer verplaudern können. Wenn es draußen so recht stürmt, wenn der Wind durch die kahlen Bäume jagt und an den Fensterläden rüttelt, dann sitzt es ffdj mollig in der Nähe des warmen Ofens.
Und gern erinnern wir uns an die Jugendzeit, in der in unserm Elternhaus der alte, eiserne Ofen das Zimmer wärmte. Er stand noch auf vier Beinen und hatte gar viele Türchen, denn die Mutter wollte doch auch darin einiges kochen. Damals wurde nur Holz gebrannt. Wie schön war es dann, wenn die Abenddärnerung hereinbrach und das Zimmer ganz dunkel wurde. Durch die kleinen Löcher im Ofen- türchen aber leuchteten die Flammen und sandten ihren goldnen Schein in die Stube.
Wir saßen ganz still und horchten auf das leise Knacken des brennenden Holzes. Im Ofen aber brieten die dunklen Maatäpfel! Der Duft erfüllte das ganze Zimmer. Oder wenn wir vom Eise, von der Schneeballschlacht heimkamen, ganz durchfroren, mit roten Nasen und roten Fingern! Wie kuschelten wir uns dann in die Nähe des geliebten Ofens. Er war doch ein rechter Zauberer, dieser alte Ofen, wenn er auch manchmal etwas rauchte und Nisse bekam.
So steht der alte Ofen wie ein lieber Kindertraum in unserer Erinnerung. Die schönsten Stunden verbrachten wir in seiner Nähe, wenn wir unsere Bilderbücher betrachten, da wir Häuser mit unserem Baukasten bauten. Wenn gar am Abend die Großmutter anfing, von fernen, vergangenen Zeiten zu erzählen, dann war der Ofen der Mittelpunkt des Hauses. Hier saß die ganze Familie und lauschte.
„Im Winter schauen mich alle an." — So hieß doch wohl das Rätsel, das wir als Kinder in unserm Lesebuch fanden? „Im Sommer schaut mich niemand an, im Winter schauen mich alle an!" Ja, unsere liebe Oefen! Sie füllen die Räume, mit wohliger Wärme, sie begrüßen uns, wenn wir durchnäßt und durchfroren nach Haufe kommen.
Aber danken wir ihnen auch und denken wir an diese unsere besten Freunde im Winter? Behandeln wir sie als Freunde? Werden wir nicht ärgerlich, wenn so ein Ofen etwas müde wird und Rauch ausstößt? Und dabei sind wir doch selber schuld. Wir haben vergessen, daß auch die Oefen gepflegt werden müssen. Wir dürfen nicht immer nur Taten von den andern verlangen, wir müssen auch selber was tun. So ist es im Leben.
So ist es bei unferm Ofen. Denken mir manchmal daran! Ein Ofen muß auch manchmal cusge- putzt und gereinigt werden.
Dann erst wird er uns während des langen Winters ein guter und zuverlässiger Freund sein. M. N.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Julika." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Jugendsünde."
Ortsgruppe Gießen-Süd.
Kohlenscheinabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine, Serie C, am Dienstag, 5. Januar 1937, von 19.30 bis 20.30 Uhr auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24,
Kameraden im Dienste des Mnierhilsswerks.
Ergebnis: über 4000 Mark in der Stadt Gießen.
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Das vergangene Wochenende brachte die vierte Reichsstraßensammlung des WHW. 1936/37, die wiederum ein schöner Ausdruck deutscher Opferbereitschaft und Opfergemeinschaft wurde. Kaum ein Volksgenosse in unserer Stadt ließ vergeblich bitten, wenn er das Zeichen der Sammlung, die Rose, noch nicht trug, und viele fanden sich mehrmals bereit, in den Geldbeutel zu greifen, wenn ihnen Freunde und Bekannte die Sammelbüchse entgegenhielten. So begegnete man am Samstagabend kaum jemanden mehr, der nicht die schöne Rose am Mantel trug. Unter Volk ist im wahrsten Sinne des Wortes
(Aufnahme: Pfaff, Gießen.)
zur Opfergemeinschaft geworden.
Das galt am Samstag und am Sonntag nicht nur für diejenigen, die den Sammlern die Büchsen füllen halfen, sondern auch für jene, die sich willig bereitfanden, Stunde um Stunde der Sammelarbeit zu opfern. Die Kameraden aus den Reihen der SA., der Marine-SA., des NSKK. und der SS. wurden in ihrer Bemühung um ein gutes Ergebnis ihrer Sammlung zu einer wahrhaft verschworenen Gemeinschaft. Vom Brigadeführer oder Standartenführer bis zum SA.-Mann stand jeder im Dienste der Sammlung.
Ehrensache, daß jeder der Sammler zunächst einmal selbst seine beiden Groschen in die Büchse warf! Außerdem: in der Büchse mußte ja überhaupt erst einmal Geld klingeln —
Am Standarten-Gebäude, an der Senckenbergstraße, herrschte zum Beginn der Sammlung, am Samstag um 15.30 Uhr, ein Leben wie vor einem Bienenstock im Hochsommer. Nach allen Richtungen zogen je zwei Kameraden im braunen Tuch aus, dahin, wo sie hofften, bas beste Sammelergebnis zu erzielen. Am Kreuzplatz gab es am Samstagnachmittag ein Platzkonzert des Musikzuges der SA.-Standarte, das viele Zuhörer fand und den
Sammlern viel Möglichkeit brachte, die spendenden Volksgenossen mit der Rose auszuzeichnen.
Am Samstagnachmittag war das Wetter der Sammlung außerordentlich günstig, denn viele Einwohner unserer Stadt waren bei Einkäufen unterwegs. Am Sonntag hatten es die Sammler schwieriger, denn das wenig schöne, regnerische Wetter ließ nicht viel Lust zum sonntäglichen Spaziergang aufkommen. Immerhin, die Kameraden wußten sich zu helfen und haben sicherlich alle ihre Abzeichen abgesetzt. In den Wohnungen und in den Gaststätten wurden die Volksgenossen aufgesucht, in Straßenbahnen wurde gesammelt, im Bahnhof standen die Kameraden mit den Sammelbüchsen, ja, selbst auf den Bahnsteigen gingen sie an den haltenden, durchweg vollbesetzten Schnellzügen entlang und verkauften dabei noch manche Rose. Manches Scherzwort flog dabei hin und her.
Dank der eifrigen Bemühung, dank aber vor allem der Opferbereitschaft der Bevölkerung hatte die Sammlung ein sehr erfreuliches Ergebnis. Der Sammelertrag belief sich auf über 4000 Mark, eine Summe, die einen weiteren schönen Beitrag der Bevölkerung unserer Stadt für die großen Aufgaben des Winterhilfswerkes darstellt.
einzureichen. Später eingereichte Gutscheine werden nicht mehr angenommen.
NGD., Ortsgruppe Mitte.
Kohlenabrechnung am 5. Januar 1937.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlen- scheine der Serie C am Dienstag, 5. Januar 1937, 20.30 Uhr, auf unserer neuen Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Moeser), Eingang Löwengasse, einzureichen. Es wird hiermit darauf hingewiesen, daß die Rückseite der Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers und die genaue Bezeichnung der Kohlensorte tragen muß. Nach dem 5. Januar 1937 eingereichte Scheine sind wertlos.
NSDAV. — Amt für Bolkswohlfahrt.
Ortsgruppe Gießeu-Mitte.
Pfundsammlung.
Arn Mittwoch, 6. Januar 1937, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarten zur Quittungseinzeichnung bereitzuhalten. Die Pfundsammlung
erstreckt sich während der Dauer des WHW. wieder auf alle Volksgenossen.
7lGD., Ortsgruppe Gießeu-Ost.
Delr.: LebensmiltelOpferring.
Die Sammlung wirb Dienstag, 5. unb Mittwoch, 6. Januar, von der NS.-Frauenschaft durchgeiührt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten unb bie Mitgliedskarte zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Es wird gebeten, daß sich außer den Mitgliedern auch diejenigen Volksgenossen beteiligen, die in der Lage sind, das WHW. zu fördern.
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Belr.: Kohlenversorgung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine bis zum 5. Januar, täglich in der Zeit von 17 bis 19 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Kaiserallee 52, gegen eine Wertquittung umzutauschen. Später eingereichte Kohlengutscheine können nicht mehr in Zahlung genommen werden.
Kreisfilmstelle.
Der Groß-Tonfilm „Der höhere Befehl" und „lag der Freiheit — Unsere Wehrmacht"
wird von der Gau-Filmstelle Hessen-Nassau an folgenden Terminen und Orten vorgeführt:
Sonntag, 3. Januar in Großen-Buseck, nachmittags und abends;
Montag, 4. Januar in Reiskirchen, nachmittags und abends;
Dienstag, 5. Januar in Londorf, nachmittags und abends;
Mittwoch, 6. Januar in Allendorf, nachmittags und abends;
Donnerstag, 7. Januar in Treis, nachmittags und abends;
Freitag, 8. Januar in Steinbach, nachmittags und abends;
Samstag, 9. Januar in Heuchelheim, nachmittags und abends;
Sonntag, 10. Januar in Großen-Linden, nachmittags und abends;
Montag, 11. Januar in Holzheim, nachmittags und abends;
Dienstag, 12. Januar, in Gambach, nachmittags und abends;
Mittwoch, 13. Januar in Wohnbach;
Donnerstag, 14. Januar in Steinfurt;
Freitag, 15. Januar in Beienheim;
Samstag, 16. Januar in Dorheim, nachmittags und abends;
Sonntag, 17. Januar in Wölfersheim, nachmittags und abends;
Montag, 18. Januar in Reichelsheim.
Den Film „Der höhere Befehl" zeichnen eine aufrüttelnde, dramatische Handlung, die von Leben, Liebe, Taten und Kampf eines aufrechten Deutschen in Zeiten bitterster vaterländischer Not erzählt, und eine schöpferisch gestaltende Jnszenierungskunst, die Wucht und Spannung, Tragik und Heroismus, packende Milieuschilderung und überwältigende Dramatik zur Auslösung bringt, aus. — Ein Film vom Kampf des starken Herzens, von Triumph der unwandelbaren Treue und vom Sieg des ewigen Deutschtums.
llniversitätsprofeffor i. 2R. £»r. med. Hans Koeppe 70 Jahre.
Am heutigen Montag kann der frühere Direktor der Universitäts-Kinderklinik, Universitätsprofessor Dr. Hans Koeppe, Alicestraße 6 wohnhaft, seinen 70. Geburtstag begehen. Der sowohl als Praktiker wie als Wissenschaftler bekannte Gelehrte hat sich besonders durch eine nach ihm benannte Säuglingsnahrung große Verdienste erworben. Er begann seine Laufbahn als praktischer Arzt zuerst in Darmstadt und später in Gießen. Nach mehreren längeren Studienreisen habilitierte er sich in Gießen, wo er 1907 außerordentlicher Professor wurde. 1910 wurde er ärztlicher Leiter der Zenttale für Mutter- und Säuglingsfürsorge in- Hessen. Außer zahlreichen praktischen Laboratoriumsarbeiten hat er eine große Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten auf den Gebieten der Kinderheilkunde und Säuglingsfürsorge herausgegeben.
Baltikum- und ffreikorpskämpfer im Kyffhäuserbund.
Feierliche Uebernahme der Ortsgruppe Gießen.
Die Uebernahme des Bundes ehem. Baltikum- und Freikorpskämpfer, Ortsgruppe Gießen, in den Reichskriegerbund „Kyffhäuser" fand am Samstagabend im „Bayerischen Hof" statt. Kameradschaftsführer Paul Euler begrüßte hierzu den Kreis- verbandsführer des Kyffhäuserbundes, Kam. Ober» veterinärrat Dr. Monnard und dessen Führer-- stab. In einer von soldatischem Geist beseelten Ansprache fand der Kreisverbandsführer mannhafte Worte der Anerkennung für die letzten Soldaten
Hainer Maria Hilfe: „Die weiße Fürstin."
Uraufführung im Gietzcner Stadttheater.
Vor zehn Jahren, am 29. Dezember 1926, ist Rainer Maria Rilke in Muzot gestorben. Wenn wir seiner jetzt gedenken, so werben wirb bie inneren Abstänbe so wenig übersehen wollen, bie uns von diesem Dichter heute trennen, wie wir bie ungeheure Ausstrahlung leugnen können, die von Rilkes Werk bei seinen Lebzeiten und nach seinem Tode ausgegangen ist in die Breite wie fortwirkend in die Tiefe. Es würde zu weit führen und kann in diesem Zusammenhang nicht die Aufgabe sein, Rilkes menschliche und dichterische Erscheinung, die wir vielleicht erst heute (nach dem Erscheinen seiner Briefe) vollkommen zu übersehen vermögen, in ihrer adligen und unvergleichbaren Einmaligkeit zu würdigen.
Kein Zweifel, daß sich unser Stadttheater ein ehrenvolles Verdienst damit erworben hat, seine achte sonntägliche Morgenveranstaltung als eine Gedenkstunde für Rilke auszugestalten und sem Andenken durch die Uraufführung der „Weißen Fürstin" zu ehren. Intendant Schultze - Griesheim sprach zu Beginn Worte des Gedenkens und der Einführung. Es fei nicht die kalendarische Zufälligkeit der zehnten Wiederkehr von Rilkes Todestag, so sagte er unter anberm, über das Wesen und Werk des Dichters in dieser Zeit nachzudenken; in Zeiten großen kulturellen Umbruchs wie ber unfern fei bie Dichtung nie schlecht daran gewesen, doch fehle in solchen Zeiten oft die Muße, sich in Das dichterische Werk zu versenken. Das Endziel aller solcher Zeiten bleibe stets, eine neue Kultur und eine neue Veredlung des Lebens zu schassen; darum gelte es, sich auf das echte und ewige dichterische Wort zu besinnen und es zu bewahren. Rilkes Wort fei ganz schwingende, tönende See e, ein Hauch gewordenes Göttliches; sein Werk lei ganz deutsch im Sinne einer Erziehung des Herzens. Die Veröffentlichung der Briefbände nach |eu nem Tode lasse erkennen, daß Rilkes menschnche Erscheinung gleichberechtigt und gleich gewichtig neben seiner llVirkung als Dichter vor uns stehe. Or habe den unveräußerlichen, zeitlosen Wert des Dichterischen sehr klar erkannt, habe den Begriff der Kunst erhöht und ihren religiösen Ursprung betont i'Dies wurde durch die Verlesung von Briesstellen über die Kunst, über Rodin, über Rilkes eigenes Empfinden und Schaffen verdeutlicht.) In der strengen Zucht seines einsamen Lebens sei er, ganz
deutsch, ein Hüter der Tradition gewesen: das Erbe ber Geschichte war in ihm so lebenbig wie die Vision des ewigen Reiches der Deutschen. Aus einem Brief über den im Kriege gefallenen Bernhard v. d. Marwitz spricht deutsch die Sorge um die Zukunft unseres Volkes und bie Einsicht in bie bebeut- fame Aufgabe ber deutschen Jugend bei der Gestaltung unseres neuen Lebensbildes.
In der „Weißen Fürstin", um bas Jahr 1900 entstanden, spreche schon, obwohl sie mehr Gedicht als Drama sei, das Wesentliche Rilkes sich aus, — in der Reinheit der Sprache, in der Fülle der Bilder; und auch das dunkle Grauen der Generation an der Jahrhundertwende vor den kommenden Jahrzehnten sei darin lebendig. — Der Intendant schloß mit dem Wunsche, diese Morgenfeier möge, wie die vorausgegangenen, dazu beitragen, der echten Dichtung und der echten Theaterkunst eine verschworene Gemeinde zu bilden.
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„Die weiße Fürstin", „eine Szene am Meer", ist eines von Rilkes Jugendwerken. In der vorbildlichen Gesamtausgabe des Insel-Verlages erscheint es im ersten Bande, unmittelbar hinter den ersten und den frühen Gedichtsammlungen; es ist Rilkes einziger dramatischer Versuch, in der Tat mehr Lyrik als Drama, ein Stück reiner Dichtung, gleichsam nur zufällig in szenischem Gewände ver- leiblicht, ein sehr feines, sehr zartes Gespinst aus Traum und Phantasie. Es ist uns wertvoll und wichtig nicht so sehr um seiner selbst willen denn als Vorstufe, als ein Keim, in dem freilich, wenn nicht der ganze spätere Rilke, der berühmte, geliebte und weithin wirkende, so doch entscheidende und unverwechselbare Züge seines Wesens und Werkes bereits in einer erstaunlichen Reinheit enthalten und vorgebildet sind: das lyrische Grundelement zunächst und vor allem, die klare und betörende Musik der Sprache der Adel des reinen, dichterischen Wortes, bie Fülle unb ber Reichtum ber Silber und Gedanken; es ist barin auch das ganze Weltgesuhl der dichterischen Generation um die Jahrhundertwende eingefangen, die neuromantische Lebensferne die Flucht in die unerschütterbare Welt der Kunst ber Phantasie und des Traumes, wie wir sie aus ähnlichen, bekannter und berühmter gewordenen Szenen jener Zeit kennen. (Die Verse der Fürstin: „Bedenk, ist irgend Leben mehr erlebt als deiner Träume Bilder..." sind höchst charakteristisch nicht nur für Rilke, fondern für die Entt stebunqszeit dieses Frühwerkes überhaupt.) Auch sonst klingen allenthalben Elemente und Leitmotive des späteren Werkes an; schon hier wird jene un- veraänqliche Weise von Liebe und Tod intoniert, bie bann im „Kornett" Weltberühmtheit erlangte;
Liebe und Tob sind schon hier, „am Meer", im stillen Park ber italienischen Spätrenaissance, die beiben Pole, um welche Gespräch, seelische Entwicklung unb bramatische Bewegung kreisen — noch ohne die innere Spannung freilich, ohne die verzehrende Leidenschaft des Herzens, die das unsterbliche Abenteuer des ritterlichen Fähnrichs bewegt: alles ist hier verhalten, stilisiert, nach innen getrieben, maßvoll und sparsam in Gebärde und Ausdruck, mehr Andeutung als Wirklichkeit, und immer auch in jenem Symbolismus verfangen und verschleiert, der wiederum nicht nur für Rilkes frühe Dichtung kennzeichnend war. Auch von der stummen und doch so eindringlich spürbaren Magie und Beseelung der leblosen Dinge ist schon hier etwas zu empfinden, die im späteren Werk so hellsichtig erschlossen wurde; endlich auch eine Ahnung von dem erschütternden Ringen um Gott, das sich in immer neuen, immer kühneren Bildern Ausdruck und Ausbruch erzwang, wenn wir hier etwa die Schilderung der Betenden in der Kathedrale von Sarzana vernehmen: . Sie aber schrien, es
war, als zöge Gott sie an dem obern Ende der langen Stimmen wie an langem Haar ..."
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Indem wir so im Frühwerk Wurzeln und Keimzellen des späteren zu erkennen oder anzudeuten versuchen, glauben wir den Sinn der Uraufführung reiner und klarer umreißen zu können, als mit einer „Inhaltsangabe", die hier noch unzulänglicher bleiben müßte, als sie es sonst schon zu sein pflegt. Diese Renaissancefürstin, still und schön und reif, die sich an der Seite eines strengen und ungeliebten Gemahls „aufspart" in gesammeltem Gefühl für den erträumten (Beliebten, wartend auf bie Erfüllung unb auf bas Wunberbare wie jene nor- bische Nora; ihre zarte, junge Schwester, bie aus ber behüteten unb unerschlossenen Welt fürstlicher Einsamkeit bem wirklichen, dem „erlebten" Leben zudrängt; der Bote aus der andern Welt, aus der Außenwelt (den wir aus vielen Dramen der gleichen Zeit kennen), mit dem bie Realität unb bas (Brauen einer nahen Wirklichkeit in ben behüteten Bezirk einbrechen; bie schmerzliche Melancholie bes Abschiedes und Ausklangs, der die vorübergleitende Erscheinung des erhofften Ankömmlings in der Gestalt der beiden Maskenmänner und Todesboten auf eine unwiderrufliche Weife ins Gegenteil verkehrt und verdoppelt —: dies alles sind nur bie Sinnbilber einer längst untergegangenen Zeit, die doch noch immer zu uns herüberleuchtet — über Jahrzehnte hinweg, welche bas Antlitz ber Welt von (Brunb auf verwcmbelt haben. —
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Jntenbant Schultze-Griesheim gab ber kleinen Dichtung selbst bie stille, noble Bühnenform, bereu sie bebarf. Er hat bie fast naturalistisch genauen Anweisungen Rilkes auf ein anbeutendes Maß Hurückgeführt und in einem Bilde (Entwurf: Karl Löffler) bewahrt, das ein wenig von der Stimmung der Feuerbach'fchen „Iphigenie" in sich ausgenommen zu haben schien. Dem äußern Rahmen entsprach die imiere Haltung der Aufführung; die Spielleitung, mit eindringender Liebe und behutsamer Sorgfalt am Werk, war sich, wie jedermann empfinden mußte, bewußt, wie sehr hier alles auf sprachliche Durchdringung und Beseelung ankam, auf gehaltene Gebärde, maßvollen Ausdruck, Sparsamkeit im rein Schauspielerischen. (Die Wirkung wird sich gerade hier für alle vertieft haben, welche die Szene zuvor gelesen hatten; den andern sei dies nachträglich empfohlen.)
Fräulein B i r f m a n n verband in ihrer Darstellung alle Elemente, die man von der Trägerin der Titelrolle verlangen muß: die stille, frauenhafte Würde der Haltung, Verinnerlichung und Beseelung des Ausdrucks, Musikalität und Gliederung im Sprachlichen — und über allem jene leise Transparenz der Erscheinung, welche die Herkunft dieser Gestalt aus den Grenzbezirken zwischen Phantasie und Wirklichkeit ins Bewußtsein bringt. Fräulein Krause als Manna Lara traf sowohl den Ton verhaltener schwesterlicher Zärtlichkeit und Hingabe als auch das Wesen des mit noch unklarem Gefühl nach dem großen Erlebnis sich sehnenden Mädchens. Herr Schorn als Bote gab, sprachlich zuchtvoll» verhalten, eine farbige, persönlich bewegte Schilderung der Stätten des Todes. —
Noch in keiner der bisherigen Morgenfeiern war das Theater so gut besucht wie gestern; die Zuhörer dankten mit großem Beifall. Es wäre erfreulich, wenn die verschworene Gemeinde, von der vor der Aufführung die Rede mar, auch in Zukunft so zahlreich versammelt wäre. Thyriot.
Zeitschriften.
— Von einer großen Pariser Luftschutzübung, bei der nicht alles vor sich ging, wie es hätte gehen müssen, erzählt ein interessanter Bildbericht im neuen Heft der „S i r e n e", der illustrierten Zeitschrift des Reichsluftschutzbundes. Weitere Bildberichte zeigen die „Luft-Infanterie" (Fallschirm-Ab- springer) bei großen Massenübungen, Tarnung tt» Tierreich, einen deutschen Fliegerhorst und die Rettung einer amerikanischen Stadt durch „Bomben- Angriffe".


