des großen Krieges und bie ersten Soldaten des neuen Deutschlands.
Im Reichskriegerbund werden nun die alten Frei- korpskämpfcr jetzt in die große Front der alten Soldaten eingereiht, damit auch sie unter einheit- stcher Führung zu den Zielen marschieren, die ihnen Adolf Hitler gewiesen hat. Als Kameradschaft der Freikorpskämpfer im großen Bund, sollen sie sich in ihrem Kampfgeist üben und schulen, für den Augenblick, in dem der Führer auch sie einmal rufen wird. Nachdem sie eingereiht sind, wird ihnen auch ihre alte Fahne wiedergegeben werden, damit sie auch nach außen hin ihre Eigenart zeigen können. Die Ueberreichung der Anerkennungsurkunden für ihren Einsatz für Deutschland soll später in feierlicher Form erfolgen. Mit dem Treuegelöbnis zum Führer vollzog der Kreisverbandsführer die Uebernähme in den Kyffhäuserbund und Kameradschaftsführer Paul Euler sagte dem Kreisoerbandsführer und dem Reichsführer treue Gefolgschaft aller Kameraden zu. Nachdem Kam. Weber auf die großen Ziele, an denen die Kameraden nun Mitarbeiten können, hingewiesen, Kam. Gond- n e r als Schießreferent der Kameradschaft über die Zusammenarbeit mit dem Kyffhäuserbund gesprochen hatte und Kam. Euler organisatorische Fragen besprochen hatte, gab Kam. M o n n a r d die Richtlinien für die weitere Arbeit an. Er sicherte der Kameradschaft eigene Zusammenkünfte zu, forderte sie auf, bei Kyffhäuserveranstaltungen mitzumarschieren, gab ihnen die Erlaubnis, die Farben und Abzeichen des Kyffhäusevbundes zu tragen und sicherte ihnen die Teilnahme an den Wohl- sahrtseinrichtungen des Reichskriegerbundes zu. Gleichzeitig gab er bekannt, daß der bisherige Kameradschaftsführer Euler aus Gesundheitsrücksichten von der Führung zurückgetretcn sei und der Kreisoerbandsführer ernannte Kam. PostaMtent Fritz A u d e r e r zum Kameradschaftsführer. Kam. Kostorz sprach dem Kreisverbandsführer den Dank für die Anerkennung der ehem. Freikorpskämpfer aus und dankte auch dem scheidenden Kameradschaftsführer Paul Euler dafür, daß er unter persönlichen Opfern die Fahne der Freikorpskämpfer aufrecht getragen hat. Kreispropagandaleiter des Kyffhäuferbundes Köhres forderte zur Werbung aller ehem. Kameraden für die neuen Ziele auf und ernannte Kam. Osman-Bey zu seinem Stellvertreter innerhalb der neuen Kameradschaft. Der Kreisverbandsführer würdigte die Verdienste des Kam. Euler um die Kameradschaft und deren Ueberführung. In einer schwungvollen Ansprache gab dann Kam. Weißenstein der Ueberzeugung für die Ueberführung Ausdruck und schilderte Erinnerungen aus der'Freikorpszeit. Beim Gesänge alter Lieder und beim Austausch von gemeinsamen Erlebnissen blieben die Kameraden noch einige Zeit zusammen.
** Eine Fünfundsiebzigjährige. In körperlicher und geistiger Frische konnte am Samstag, 2. Januar, Frau Marie Dechert, Lähn- straße 3, ihren 75. Geburtstag feiern.
** Oeffentliche Bü-cherhalle. Im Dezember wurden 2080 Bände ausgeliehen. Davon kamen auf: Zeitschriften 37, Gedichte und Dramen 24, erzählende Literatur 1218, Jugendschriften 360, Länder- und Völkerkunde 135, Kulturgeschichte 2, Geschichte und Biographien 231, Kunstgeschichte 5, Naturwissenschaft und Technologie 30, Heer- und Seewesen 17, Haus- und Landwirtschaft 1, Gesundheitslehre 2, Religion und Philosophie 6, Staatswissenschaft 10, Sport 2 Bände. Nach auswärts kamen 12 Bände.
NunSfunkprogramm.
Mittwoch, 6. Januar.
6 Uhr: Choral, Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Werkskonzert. 11: Hausfrau, hör zu! 11.30: Gaunachrichten. 11.40: Landfunk. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. Musikalische Kurzweil. 13: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. 13.15: Mit- taqskonzert II. 14: Nachrichten. 14.10: Die schöne Stimme (XXXI). Elisabeth Ohms. 15: Volk und Wirtschaft. 16: Kammermusik. 16.30: Unterhaltungsmusik. 17.30: Oberwesel am Rhein, die alte Winzer- und Schifferstadt. Hörbild. 18: Unser singendes, klingendes Frankfurt! 19.45: Der Zeitfunk bringt den Tagesspiegel. 20: Nachrichten. 20.15: Stunde der jungen Nation. „Oesterreich, Volk und Land". 20.45: Tanzende Flocken. Eine lustige Uebertragung aus Herrn und Frau Holles Winterreisebüro. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk, Sportbericht. 22.30: Chormusik.
Familienfeier der erblindeten Krieger.
In bewundernswerter Kameradschaftlichkeit feierten auch in diesem Jahre wieder die im Bezirk Gießen der Fachabteilung Bund erblindeter Krieger zusammengeschlossenen alten Soldaten mit ihren Angehörigen ihre Weihnachts-Familienfeier in Gießen. Aus Oberhessen und dem Lahngebiet waren sie gern dem Rufe ihres verdienten Landes- und Bezirksobmanns I. Kranz aus Friedberg gefolgt, um bei klingenden Weisen der Kapelle Daubertshäu- s e r, bei ausgezeichneten Chorgesängen und mit einer Fülle freundlicher Ansprachen erlebnisreiche Stunden zu verbringen.
Bezirksobmann Kranz begrüßte vor allem die tapferen Kameradenfrauen, die sie so sicher durch ihr dunkles Leben führen, die Kinder und viele Behördenoertreter als Gäste. Besonderen Dank sprach er dem Kameraden Franz Adam, Gießen, dafür aus, daß er ihnen im letzten Augenblick noch die Durchführung dieser Zusammenkunft ermöglichte. In herzlicher Weise sprach er von dem Weihnachtsfest, das auch die Familie der erblindeten Krieger im Gemeinschaftsgeist umschließt und zu dem er allen die besten Wünsche aussprach. Dann gedachte er des verstorbenen Kameraden Karl Sandrock und ganz besonders des so schmerzlich vermißten Kameraden Georg Vogel, der seinen Kameraden neun Weihnachtsfeiern von bleibender Erinnerung bereitet hatte und nun zur großen Armee abberufen wurde. Er würdigte in Dankbarkeit die Hilfsbereitschaft und Aufopferung dieses Helfers der blinden Kameraden und fand anerkennende Wor^e für den Frontgeist und die Herzensgüte dieses Freundes und Kameraden.
Der dem Bund der erblindeten Krieger als Ehrenmitglied angehörende Bauersche Gesangverein bereitete den Kameraden durch einige schöne Männerchöre wieder besondere Freude.
Einige aufmunternde Worte sprach der Gauamtsleiter und Gauobmann der NSKOV., Kamerad Ziegler, zu den Kameradenfrauen und den Kameraden, denen er die stolzen Erfolge des Führers im letzten Jahr in die Erinnerung rief und ihnen alle Fürsorge und Verbundenheit auch in der Zu
kunft versicherte. Er bestärkte sie in dem Glauben an die Zukunft des Reiches, für die sie das größte Opfer gebracht haben und ermunterte sie zu neuem Mut und tapferem Aush-arren auf ihrem beschwerlichen Lebensweg.
Auch Bürgermeister Professor Dr. Hamm ließ es sich nicht entgehen, wie alljährlich mit den Kameraden einige frohe Stunden zu verbringen und ihnen die besten Wünsche der Stadt Gießen zu übermitteln. Er erzählte ihnen von den Tagen stolzer Freude der alten Garnisonstadt über die Wiederaufrichtung des ruhmreichen 116er Regimentes. Wenn 1938 die große Jubiläumsfeier abgehalten wird, dann sollen auch die erblindeten Kameraden unter den Ehrengästen nicht fehlen. Landesinspektor Arnold von der Hauptfürsorgestelle Wiesbaden überbrachte die herzlichsten Grüße und Wünsche des Landeshauptmannes und seiner Dienststelle und gab Aufschluß über neue Fürsorgemaßnahmen. Für das Versorgungsamt Gießen übermittelte Amtsoorstand, Regierungsrat Klahr, Grüße und Wünsche. Von den Hauptfürsorgeämtern Kassel und Darmstadt waren herzlich gehaltene Schreiben eingegangen.
Ein vom erblindeten Kameraden Biedenkopf aus Grünberg verfaßtes und vorgetragenes Gedicht über das Weihnachtserleben des Blinden und ein gemeinsam gesungenes Weihnachtslied leitete über zur Bescherung der Kinder, za denen der Nikolaus kam.
Eine Kaffeetafel bereitete besondere Freude. Den Dank an alle freundlichen Spender, die Mitwirkenden und Helfer kleidete Bezirksobmann Kranz in schöne Worte. Bei den munteren Weisen der Kapelle Daubertshäuser, Gedichtvorträgen des Kam. G e r l a ch, Vetzberg, und Klaviervorträgen eines erblindeten Schülers des Bezirksobmannes und des Sohnes des Kameraden Biedenkopf, blieben die alten Krieger mit ihren Angehörigen noch fröhlich beieinander. Die Kameraden Kranz und Steinmüller brachten zusammen mit Herrn Daubertshäuser (Violine) einige Marsch- und Volksweisen zu Gehör.
OieLagd im Januar.
Das Kalenderjahr ging zu Ende, das Jagdjahr läuft weiter. Aber auch es hat seinen Höhepunkt überschritten, und der Jagdschein zeigt wieder viele schwarze Felder: Schonzeit! Die Zeit der Ernte ist vorüber, die Zeit der Hege und Pflege setzt verstärkt ein, um die Grundlage für das kommende Jahr zu sichern.
Im Rotwildrevier wird der Abschuß an Hirschen und Kahlwild im Hartung zu Ende geführt. Auch das Damwild hat noch Schußzeit.
Dem Schwarzwild kommt der abnorme Winteroerlauf zunutze, der die Hoffnung des Jägers auf Schnee bis jetzt nicht erfüllt hat. So fehlt die Möglichkeit zum Spüren und Festmachen der Sauen, und alles Jagen ist in seinem Erfolg in stärkstem Maße vom Zufall abhängig. Hoffen wir, daß es nicht so bleibt und der Januar das bringt, was der Dezember mit seinem Frühjahrswetter versagte.
Die Schußzeit des Rehwildes ging zu Ende.
Auch des Hafen schwere Zeit neigt sich ihrem Ende zu. Die erste Hälfte des Monats wird die letzten Treibjagden bringen, und dann heißt es wieder „Hahn in Ruh!" Die Hasenjagd hat die im Spätsommer auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, weil offenbar die Verluste durch Krankheiten größer waren als viele Jäger wußten. Nur wenige Reviere haben normale oder gar darüber liegende Strecken erzielt. Um so mehr wird es nötig sein, im kommenden Frühjahr durch geeignete Maßnahmen Mümmelmann zu helfen, daß er ungestört seine Sippe wieder heranziehen kann.
Während das Rebhuhn ja schon wieder den Schutz des Gesetzes genießt, hat der Fasan noch bis zur Monatsmitte Schubzeit.
Ringeltauben, Schnepfen und Bekassinen, dazu wilde Gänse sind dem Jäger noch zum Abschuß freigegeben, die Wildente dagegen hat wieder Schonzeit.
So tritt die Jagd auf Nutzwild immer mehr zurück, und der Januar verdient im Jägerkalender den Namen: Raubwildmond. Zwar kann von unserem einheimischen Naubwild der Dachs, in dessen Bau sich bald Junge finden, nicht mehr besagt werden, dafür ist die beste Zeit zum Besagen von
Fuchs, Edel- und Steinmarder, Iltis und Hermelin gekommen.
Die Möglichkeiten, den roten Schelm aus Malepartus zur Strecke zu bringen, sind so mannigfaltig, daß der Jäger, den die Jagdleidenschaft wirklich erfüllt, an seiner Jagd viel und mannigfache Freude hoben kann. Es ist zwar etwas mühsamer als früher, der Fang mit dem Tellereisen, dafür in seinem Erfog, vom Standpunkte des Jägers aus gesehen, viel befriedigender. Jetzt kommt die Zeit, wo der Erdhund wieder zur Geltung kommt. Denn die Rollzeit des Fuchses beginnt, und oft stecken dann zwei, drei und mehr Füchse in dem Bau, den die Fähe annahm. Wenn sie dann vor Waldmann oder Erda, vor dem Dackel oder dem schneidigen Fox, „springen" und im Schüsse Rad schlagen, dann ist das wahre Waidmannsfreude, die der Fänger nie empfinden kann. Wer fein Revier kennt, weiß auch, wo seine Füchse über Tag stecken und wo ihr Paß ist. Den Fuchs dann beim Drücken zu schießen, ist oft leichter als einen Hasen. Wer den Reiz einer hellen Schneenacht schon einmal auf sich wirken ließ, wenn er im Schneehemd den Fuchs mit des Hasen Todesklage, der Hasenquäke, oder mit dem Mausepfeifchen oder dem Fieplaut des Kitzes sich vors Rohr holte, der sehnt solche Nächte herbei, die von einzigartigem Reize sind. Wer Geduld hot, kann dazu am Bau oder am Wechsel passen. Kurz, es gibt Wege genug, den Fuchs kurz zu halten, wenn sie nur beschritten werden. Daneben gibt es natürlich auch Fallen, denen die Nachteile des Tellereisens nicht anhaften und die Reinecke sofort tödlich fangen. Bei der Mäuseplage, die zur Zeit im Walde herrscht und viele Kulturen ernstlich gefährdet, mag der Fuchs ein willkommener Helfer sein. Er ist ja nicht nur der vielgelästerte Hühner- und Gänsedieb, als den ihn das kleine Kind schon kennen lernt, sondern einer unserer allerbesten Mäusejäger. Wir Menschen neigen nur dazu,' beim Tier und vor allem beim Raubtier nur den Schatten zu sehen und das Licht zu verkennen. Der I Jäger wird trotzdem bestrebt fein, den Fuchsbestand kurz zu halten, weil er für fein Niederwild fürchtet 1 und auch dem Hühnerbesitzer helfen will, obwohl
Vas fremde Gesicht.
ORomon von Goren.
7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Pfui, wie gräßlich? Ina zog schaudernd die Schultern hoch. Immer tiefer grübelte sie sich in eine fieberische Erregtheit hinein, die sie noch lang nach Mitternacht wach hielt. Immer wieder verglich sie im Geist die Züge des Geliebten mit diesem unbekannten Gesicht, das sich ihrem Gedächtnis unauslöschbar eingeprägt hatte. Wer war der Mensch, der sich zu dieser fremden Maske Gestalt und Gebärden Richard Stubensands geliehen hatte? Sie mußte den Mann wiederfinden, muhte — und wenn sie ganz Zürich nach ihm ablaufen sollte! Einmal mußte er ihr wieder in den Weg kommen. Und dann sollte er ihr nicht mehr entwischen, nicht eher, als bis sie diesem unheimlichen Rätsel auf die Spur gekommen war.
*
Als Dr. Alland das Gebäude der Hauptpolizei betrat, empfand er ein beklemmendes Unbehagen. Bei dem Pförtner holte er sich Auskunft.
Langsam und, wie jetzt meistens, tief in Gedanken stieg er die Treppen hinauf. Unglaublich, wie viele Leute offenbar irgendwie mit der Polizei au tun hatten! Und alle trugen dabei eine etwas sorgenvoll gedrückte Miene zur Schau, als wären sie nicht ganz sicher, ob man sie auch ohne weiteres wieder aus diesem Gebäude fortlassen würde.
„Zimmer 146 bis 168" zeigte ein Pfeil rechts an der Wand, dort, wo ein etwas schmalerer Seitengang von dem breiten Hauptkorridor abbog.
Wieder Türen und vor jeder ein paar wartende Leute, sorgenvoll gelangweilt. Endlich Nr. 157. Alland hatte Glück, gerade hier gab es keine Wartenden, er konnte, „ohne anzuklopfen", wie die Aufschrift an der Tür empfahl, eintreten.
Die Abgrenzung zwischen dem Allerheiligsten des Büros und dem für das Publikum bestimmten Vorhof, eine ziemlich hohe Holzbarriere, war offenbar gerade frisch gestrichen und wirkte in ihrem hellen Grün beinahe wie ein Gartenzaun. Auch der Beamte, der sich dahinter soeben von seinem Schreibtisch erhob, hatte etwas angenehm Freund
liches, wie Alland feststellte. Die Schweizer sind eben doch im Grunde ein Hirtenvolk, selbst die Polizisten sehen noch aus, als ob sie nur mit Kuh- herden zu tun hätten und nicht mit der so viel zweifelhafteren Menschenherde — spann Alland seinen Gedanken weiter, während der Beamte in seinem kehligen Deutsch ihm nähere Erläuterungen über die umständliche Prozedur erteilte, die zur Erneuerung des Führerscheins gehörte. „Nehmen Sie inzwischen Platz, bis ich den Akt herausgesucht habe", schloß der Beamte seine Rede und machte eine Kopfbewegung nach der Bank hin, die an der Wand entlang lief. Aber Alland hatte eine Abneigung gegen das harte Bänkchen, er zog es vor, die „Wandzeitung" zu studieren, die hier wie in allen Polizeibüros der Welt eine ziemlich ab-- wechslungsreiche Lektüre bot. Da waren allerhand Bekanntmachungen in umständlichem Amtsdeutsch, aber es gab sozusagen auch ein Feuilleton, sogar ein illustriertes. Aha — „der Mord in der Akazienstraße" — mit minutiöser Schilderung aller Details. Sogar das Beil mit den Blutflecken war photographiert, ebenso wie die übrigens auffallend häßliche Handtasche des Opfers. Das große rote Plakat beherrschte die ganze Wand. Wie hieß der Mann? „Jo la Terreur...?" Aha, irgendein französischer Gauner, aber offenbar eine Art internationaler Berühmtheit, wenn hier sogar sein Steckbrief, freilich schon ein alter Steckbrief, aushing. Eine anständige Liste von Verbrechen, die der Mann auf dem Kerbholz hatte! Aha, sogar zur Deportation verurteilt — 1929 aus Guyana entflohen. In diesen französischen Bagnos scheint es geradezu Reisebüros zu geben, jedes Jahr brechen ein paar hundert Sträflinge aus. Aber jedenfalls sind sie vorher genau gemessen, photographiert, daktyloskopiert usw. — daher auch die genaue Personalbeschreibung.
Wie ist das...? Auf der linken Stirnseite ein blaurotes, erhabenes Muttermal von vier Zentimeter Durchmesser? Auf der Brust eine Tätowierung, darstellend eine Frauengestalt mit der Inschrift.. . Wie — wie war das? Ein Muttermal — eine Tätowierung...!
Alland fühlt, wie ihm das Blut in den Kopf schießt und sein Blick sich verdunkelt. Aber er muß sehen, wo ist das Bild? Da, dieser glattgeschorene Sträflingskopf von vorn, von rechts, von links —
nein, nie gesehen —- ein fremdes Gesicht. Gott sei Dank!
Aber dieser Blick, der dem Beschauer entgegendroht ... Alland sucht verzweifelt in seiner Erinnerung, um sich das Bild eines Mannes zu vergegenwärtigen, der diesen Blick gehabt hat. Unwillkürlich schließt er die Lider. Als er sie wieder öffnet und fein Auge von neuem auf den Steckbrief fällt, glaubt er zu träumen. Ist das eine Halluzination? Das Bild, das er sucht — da ist es ja! Da in her unteren Ecke des Plakats — dieser gepflegte, elegante Herr, dem eine flach hereinge- rämmte Haarwelle über die linke Stirnseite fällt—, das muß er fein. Freilich, das Bild ist ohne Bart und wirkt viel jugendlicher. Aber doch — wie heißt es: „Ausgenommen im Moment feiner Verhaftung im September 1928. Der Gesuchte führte damals den Namen Jean Monno."
Die Buchstaben beginnen plötzlich vor Allands Augen zu tanzen, werden riesengroß, kommen auf ihn zu wie im Kino — wie im Kino neulich das Wort „Ende" —, riesengroß: Jean Monno — das ist das Ende! Das ist das Ende für mich — für Evelyn ... Für Evelyn —?
Mein Gott, darum also? Jetzt erst verstehe ich! Verzeih, verzeih, Evelyn — wie konnte ich an dir zweifeln! Nie mehr, nie mehr ... Du bist mir wiedergeschenkt, Gott sei Dank! Nicht steht mehr Ä uns ... Aber das dort — diese furchtbare
3, die da aus der Vergangenheit auftaucht — das ist das Ende für uns. Für uns beide ...
Alland fühlt sich taumeln. Die Knie geben nach, wie ein Blinder tastet er nach der Bank ...
Der Beamte, der eben von seinem Aktenschrank zum Schreibtisch zurückkehrt, sucht einen Moment vergeblich mit dem Blick nach dem Herrn Doktor. Weggegangen ...? Er beugt sich etwas über die Barriere vor und sieht plötzlich dort in der Ecke einen Ohnmächtigen auf der Bank lehnen, die Augen geschlossen, das Gesicht vor Blässe fast grünlich. Mit unerschütterlicher Ruhe wendet sich der Beamte ab, geht zur Wasserleitung und kommt gleich darauf mit einem Glas in der Hand durch den grünen Gartenzaun. Faßt den Zusammengesunkenen derb, aber hilfsbereit an der Schulter und hält ihm mit der anderen Hand das Glas an die Sippen, das Alland automatisch in kurzen, hastigen Schlucken leert ...
dieser durch sein sorgloses Herumlaufenlassen der Hühner meist selbst an den Verlusten schuld ist. Eine stärkere Bejagung des Fuchses ist auch deswegen gerade in unserer Gegend erwünscht, weil ein hot er Prozentsatz räudig ist und gerade in der Rollzeit die Weiterverbreitung besonders begünstigt wird. Kommt es doch zur Zeit vor, daß die gesamte Fuchsstrecke einer Jagd verbrannt ober vergraben werben muß, weil die Füchse unoerroertbar sind. In diesem Zusammenhänge seien sowohl die Besitzer von Erdhunden wie von Vorstehhunden darauf hin- gewiesen, daß sie ihre Hunde nach der Arbeit im Bau ober nach dem Bringen eines Fuchses unbe- bingt waschen und mit einem Desinfektionsmittel behandeln müssen, weil die Fuchsräude auf den Hund übertragen werden kann. Ihre Beseitigung ist mühevoll und langwierig, drum ist Vorbeuge am Platze'
Das große oder Hermelinwiesel, einer unserer größten Feinde der Niederjagd, ein Räuber von Eiern und Jungwild, dessen Zahl von den Jägern meist gewaltig unterschätzt wird, wird am zweckmäßigsten in den heute ganz billig zu habenden Kastenfallen gefangen. Ein einziges Wiesel, das noch weiß ist, deckt die Anschaffungskosten von 2 bis 3 Fallen! Don diesen Fangmöglichkeiten wird zum Schaden der Niederjagd viel zu wenig Gebrauch gemacht.
In der Zeit, wo es draußen an Deckung fehlt, ist das Wild den Räubern aus der Luft natürlich stärker ausgesetzt. Ein einziges Sperberweibchen kann eine Kette Hühner ganz aufreiben. Daneben kommt für den Abschuß noch der wesentlich weniger vertretene Habicht in Frage. Auch der Mäusebussard kann wie fein rauhfüßiger Vetter bis zum 31. März besagt werden, wenn er irgendwo sich unliebsam an Fasanen- ober Hühnerfütterungen bemerkbar macht. Seine große Bebeutung als Mäusejäger soll der Jäger dabei aber nicht aus dem Auge verlieren. Denn an der Mäusefrage sind nicht nur Bauer und Förster direkt interessiert, sondern indirekt auch der Jäger. Denn fehlen die natürlichen Mäusefeinde, so greift der Mensch zum Gift. Durch unvorsichtiges Auslegen von Mäufeaift wird aber mehr Wild vernichtet als den Mäusejägern zum Opfer fällt. Es muß leider die Feststellung gemacht werden, daß beim Auslegen von Giftweizen u. ä. z. T. ganz unverantwortlich leichtsinnig verfahren wird und daß die gesetzlichen Vorschriften dafür keine Beachtung finden. Die Jäger haben vielfach keine Ahnung davon, was sich da draußen abfpielt und wohin z. B. ihre Fasanen gekommen sind. Hier gibt es nur rücksichtslose Strafanzeige, wenn auf einem Acker offenes Auslegen des Giftes festgestellt wird, und wird Wild verendet gefunden und Vergiftung einwandfrei nachgewiesen, dann Schadenersatz. Das hilft am besten, daß es dahin kommt, daß einer auf die Interessen des anderen Rücksicht nimmt.
Hubertus.
Der Umgang am Heiligen-Orei-KönigStag.
Ein vergessener heimatlicher Brauch.
Von dem einst geübten reichen Brauchtum unserer Vorfahren ist heute verhältnismäßig wenig noch im Schwange. Vieles ruht vollständig im Schoße der Vergessenheit, manches kennen wir nur aus schriftlicher oder mündlicher Ueberlieferung. Die landschaftlich, ja dörflich verschiedenen bzw. in Abarten vorkommenden Bräuche haben sich naturgemäß am besten in den vorn Verkehr weniger berührten Gegenden erhalten (z. B. Odenwald), und sie gewähren uns mit ihren überaus sinnreichen Erscheinungen einen Einblick in das natur- und oft religionsgebundene Geistes- und Gemütsleben der Ahnen.
Man sagt nicht mit Unrecht, die Franzosenjahre am Anfang des vorigen Jahrhunderts hätten in unserer Hermat ein groß Stück deutsches Brauchtum zerstört. Es ist in der Tat so, daß damals unsere von „Aufklärung" besessenen westlichen Nachbarn bei ihrem Hiersein die vorhandenen Bräuche mitgenommen haben, wie es in einer familiengeschichtlichen Chronik heißt. Ein solcher bis dahin geübte- Brauch war z. B. der „Umgang" der Heiligen Drei Könige am Vorabend des 6. Januar in Krofdorf. Der die Polizeigewalt des Orts- und Polizeidieners und des Nachtwächters in sich vereinigende Spießmann mit seinem langen Spieß als einzige Waffe, ein Schöffe und noch ein dritter im Bunde zogen, der Ueberlieferung getreu, an jenem Abend durchs Dorf von Tür zu Tür fürbaß, ehrfürchtig empfangen von alt und jung. Angetan waren sie mit weißen Hemden aus grobem selbst-
Langsarn bekommt sein Gesicht wieder etwas Farbe. Er sucht nach seinem Taschentuch und wischt sich die mit seinem Schweiß betaute Stirn.
„Entschuldigen Sie — hat weiter nichts zu sagen. Wahrscheinlich ein Grippeanfall. Hab' es schon gestern gespürt."
Er schaut krampfhaft lächelnd in das unbewegliche, aber freundliche Gesicht des Beamten, der die Besserung in Allands Befinden befriedigt feststellt und bann etwas von der Zentralheizung murmelt, die heute zum erstenmal und natürlich wieder viel zu stark funktioniert. Dann drängt sich ein Berufsgedanke vor.
„Sie haben doch nicht öfter solche Schwächeanfälle, Herr Doktor? Ich meine nur wegen des Führerscheins."
Aber Alland steht schon wieder auf den Beinen und bewegt sich, wenn auch mit etwas angestrengter Sicherheit, der Tür zu.
„Keine Sorge, Herr Kommissar, ich bin sonst gesund wie ein Fisch. Aber jetzt muß ich mich eben mal hinlegen und meine Grippe ausbrüten. Ich komme dann nächster Tage wieder vorbei. Nein, danke, einen Taxi brauche ich nicht, ich habe meinen Wagen unten — mit dem Chauffeur", setzt er lächelnd hinzu, als er die besorgte Miene des Beamten sieht.
Und dann steht er schon auf dem Korridor und geht, sehr gerade aufgerichtet, einen langen dunklen Gang entlang, dessen Ende nicht abzusehen ist...
*
Alland wußte selbst nicht genau, wie er nach Hause gekommen war. Ein Glück, daß seit gestern der Chauffeur von seinem Urlaub zurück ist, sonst wäre es ohne Unfall kaum abgegangen — dachte er beim Aussteigen. Wie im Dämmerschlaf stieg er langsam die linoleumbelegten Treppen der Klinik empor. Er fühlte sich noch immer betäubt und geblendet durch diese blitzartig grelle Erleuchtung, die mit unerbittlicher Scheinwerferhelle die unheimlichen, ihm selber unbekannten Hintergründe seines Lebens aus dem Dunkel gerissen hatte und allem Geschehen plötzlich eine neue Deutung gab, bet Gegenwart so gut wie der Vergangenheit. Ja —» auch der Vergangenheit ...!
(Fortsetzung folgt I)


