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Nr. 77 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)

Samstag, 3. April 1937

Die Provinz Ovecheffen.

Durch das Gesetz über die Aufhebung der hessi­schen Provinzen Starkenburg, Oberhessen und Rheinhessen ist unsere Provinz als staatlicher Ver­waltungsbezirk und als öffentliche Gebietskörper­schaft mit dem Recht der Selbstverwaltung er­loschen. Oberhessen als politische Provinz hat also künftighin nur noch in der Geschichte seinen Platz. Dieser bedeutsame Vorgang im Rahmen der ge­samtdeutschen Verwaltungsreform ist begründeter Anlaß, rückblickend in großen Zügen den Werde­gang der Provinz Oberhessen und besonders ihr Wirken als Selbstverwaltungskörper der öffentlichen Versorgungswirtschaft im Rahmen der jüngsten Zeitgeschichte zu betrachten. Dabei kann man' zu­gleich ein wertvolles Stück Heimatgeschichte an dem Meilenstein des 1. April 1937 festhalten

Vom geschichtlichen Standpunkt aus wäre zu er­wähnen/daß etwa vom Beginn des 19. Jahrhun­derts ab bis zum Jahre 1832 für jede hessische Pro­vinz eine besondere Regierung bestand, der alle übrigen Behörden der Provinz untergeordnet waren. Durch ein Edikt vom Jahre 1832 wurden die Regierungen von Oberhessen und Starkenburg als selbständige Regierungen aufgehoben und durch Provinzialkommissäre ersetzt, die jeweils mit dem Kreisrat in Gießen bzw. in Darmstadt in Personal­union verbunden war. Im Jahre 1835 folgte eine gleiche Regelung für Rheinhessen. Dieser Zustand blieb bis zum Jahre 1848 bestehen, wo die Einrich­tung des Provinzialkommissärs und des Kreisrats aufgehoben und dafür zehn Regierungsbezirke über das ganze Land Hessen gebildet wurden. Diese Neu­regelung dauerte aber nur wenige Jahre an, denn schon im Jahre 1852 wurde die alte Kreiseinteilung wiederhergestellt. Im Jahre 1860 folgte sodann die Einrichtung von Provinzialkommissaren, die man damals auch Provinzialdirektoren nannte, deren Amt jeweils mit der Person der Kreisdirektoren von Darmstadt, Gießen und Mainz verbunden war; diese Regelung bedeutete also die Wiederherstellung des Rechtszustandes der Verwaltung von 1832 Von diesem Stand aus ist die Einrichtung der Provin­zialdirektoren bis zum jetzigen 1. April 1937 ge­blieben. Das organische Landschaftsgebilde der hes­sischen Provinzen ist natürlich viel älter als diese Verchaltungsorganisation, jedoch kann im heutigen Zusammenhänge unserer Betrachtung auf jene Seite des geschichtlichen Werdens nicht eingegangen werden.

Die Provinzialdirektion in der soeben dargeleg­ten Verwaltungsorganisation wirkte etwa bis zur letzten Jahrhundertwende als reine Verwaltungs­und Aufsichtsbehörde. Die große Wendung, von der das wirtschaftliche Leben unserer Provinz Ober­hessen und ihrer Bewohner einen nachhaltigen Auf­stieg erfuhr und die unsere Provinz in die Funk­tion eines wirtschaftlichen Selbstverwaltungskörpers brachte, setzte erst zu Beginn unseres 20. Jahrhun­derts ein. Die damals an maßgebender Stelle der Provinz Oberhessen und ihrer Kreise wirkenden Männer kamen immer mehr zu der Ueberzeugung, daß es im Interesse der Bevölkerung der oberhessl- schen Städte und Dörfer unbedingt notwendig fei, die heimischen Schätze und Kräfte zum Wohle der Gesamtheit zu mobilisieren. Dabei richtete sich der Blick naturgemäß zuerst auf dieweiße Kohle", die zahlreichen Quellen und Wasserläufe unserer Pro­vinz. Im Vordergrund standen dabei die Quellen in der Gemarkung Inheiden und in der Gemarkung Lauter. Während im Jahre 1905 die Quellen der Gemarkung Lauter vom Staat als Eigentümer zur Wasserversorgung von Bad-Nauheim und Fried­berg und einer Anzahl von Landorten im Bereiche dieser Leitung benutzt wurden, erwarb die Provinz Oberhessen im Sommer 1906 die Jnheidener Quel­len und den benachbarten Grundbesitz, der teils

Neuer Rektor der Universität Gießen.

Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:

Der Herr Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den ordentlichen Professor Dr. Gerhard Pfähler auf seinen Antrag mit Ende März 1937 von dem Amt des Rektors der Ludwigs-Universität Gießen ent­bunden und ihm gleichzeitig für seine verdienstvolle Mitarbeit als Rektor bei dem Aufbau des neuen Staates feinen Dank ausgesprochen.

Mit Wirkung vom 1. April 1937 ab hat der Herr Minister den ordentlichen Professor für Forst­wissenschaft Dr. Gustav Baader zum Rektor der Ludwigs-Universität Gießen ernannt.

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Dr. Gustav Baader wurde am 4. April 1878 in Alzey (Rheinhessen) geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er in der Pfalz. Das Maturum bestand er in Darmstadt, dann studierte er Forstwissenschaft an der Universität Gießen. Seine Lehrer waren hier die Professoren Geheimrat Heß und Wirn- m e n a u e r. Im Jahre 1902 bestand er das Referen­darexamen, 1905 das Assessorexamen. Anschließend war er auf einer Reihe von hessischen Forstämtern praktisch tätig.

Im Jahre 1914 habilitierte er sich an der Gieße­ner Universität. Nach einer einsemestrigen Lehr­tätigkeit trat er in den Heeresdienst und machte als Hauptmann den Feldzug bis 1917 an der West­front und im letzten Kriegsjahr bei der Kriegsamts­stelle des stellvertretenden 18. Armee-Korps in Frankfurt a. M. mit.

Im Winter 1918/19 nahm er die Lehrtätigkeit wieder auf und erhielt im Frühjahr 1919 einen Lehrauftrag. Im Jahre 1921 wurde er ordentlicher Professor an der forstlichen Hochschule in Ebers­walde. Im nächsten Jahre trat er wieder in den praktischen Dienst ein und wurde Oberforstmeister in Schotten. Im Jahre 1929 wirkte er als Ober­forstmeister in Darmstadt und wurde zugleich or­dentlicher Honorarprofessor an der Technischen Hoch­schule zu Darmstadt. 1931 erhielt er eine Berufung als ordentlicher Professor für Forstbetriebslehre und Ertragskunde an der Universität Gießen. Gleichzei­tig wurde ihm die Versuchsleitung bei der Hessischen

Professor Dr. Baader. (Aufnahme: Neuner.) forstlichen Versuchsanstalt übertragen. Während der Jahre 1933 bis 1936 war er Dekan der 2. Abteilung der Philosophischen Fakultät.

Professor Dr. Gustav Baader ist Mitheraus­geber der ältesten forstwissenschastlichen Zeitschrift, derAllgemeinen Deutschen Forst- und Jagd-Zei­tung", die bereits im 113. Jahrgang erscheint. Seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten erschienen in dieser Zeitschrift. Aber auch in. zahlreichen anderen Zeitschriften wurden seine Arbeiten veröffentlicht. Der neue Rektor unserer Universität gehört dem Beirat des Deutschen Forstvereins, der führenden forstlichen Gesellschaft Deutschlands, an, deren Ar­beiten richtungsweisend für die Forstwirtschaft des Reiches sind.

eingerichteten und mit großer Sorgfalt betreuten Pflegestätte den hohen Wert der sozialen Hilfe er­fahren, deren gewissenhafte Betreuerin die Pro­vinzialverwaltung mit ihren berufenen Mitarbeitern stets gewesen ist. Das Chemische Unter­suchungsamt der Provinz erfüllte in vorbild­licher Weise seine Dienstobliegenheiten, mit deren Wahrnehmung die Provinz Oberhessen gleichfalls ein wichtiges Stück Gemeinschaftsarbeit zum Besten unseres oberhessischen Heimatgebietes, darüber hin­aus aber auch durch dieses Institut zum Wohle aller Kreise der Volksgemeinschaft leistete. Diese beiden Einrichtungen gehen nunmehr auf das Land Hessen über.

Es ist außerordentlich erfreulich, daß das Ueber- landwerk Oberhessen und das Wasserwerk Inheiden im Rahmen eines Zweckverbandes mit der Verwaltung in Gießen, an dessen Spitze Staatsrat Reiner steht, weiterhin zum Wohle der vberhefsischen Kreise und ihrer Bevölke­rung nutzbar gemacht werden. In der Leitung die­ses Zweckverbandes werden die oberhessischen Kreife in dem Verbandsausschuß durch den Porsitzenden der Kreisausschüsse und die jeweiligen Kreisleiter der NSDAP, der oberhessischen Kreise vertreten sein. Das segensreiche Wirken als gemeinnützige wirtschaftliche Versorgungseinrichtung, das bisher von der Provinz Oberhessen durch diese Werke ent­faltet wurde, wird in der neuen Verwaltungs­organisation in gradliniger Richtung fortgesetzt werden.

Neben der Betreuung dieser Provinzeinrichtungen hatte die Provinzialdirektion Oberhessen, nachdem mit Wirkung vom 1. April 1927 ab die Verwal­tung der Landstraßen von den Kreisen auf die Provinzen übergegangen war, auch das Stra- tzenbauwesen in der Provinz Ober- Hessen wahrzunehmen. In Erfüllung dieser Auf­gaben, die nunmehr Landessache ist, hat die Pro­vinz von 1927 bis Ende 1936 im oberhessischen Provinzgebiet folgende Straßenbauleistungen voll­bracht: 176 Kilometer Landstraßenkleinpflasterung, 42 Kilometer Landstraße mit schweren bitumenösen Decken, 188 Kilometer Landstraße mit mittelschweren Decken und 166 Kilometer Oberflächenbehandlung an den verschiedensten Landstraßenstrecken. Insge­samt wurden von der Provinz Oberhessen 572 Kilo­meter Landstraße in Oberhessen den zeitgemäßen Anforderungen entsprechend geschaffen. Neben den Reichsmitteln (insbesondere den Anteil aus der Kraft- fahrzeugsteuer) für diese Aufgaben hat die Provinz Oberhessen auch noch Millionenbeträge aus eigenen Einnahmequellen bzw. durch Anleiheaufnahmen für das Werk des Landftraßenbaues aufgewandt und

Quellen-, teils Schutzgebiet war, vom Staat, bzw. vom Kreis Gießen und der Gemeinde Inheiden. Nachdem auch mit Frankfurt a. M. als Großab­nehmer von Wasser eine vertragliche Regelung herbeigeführt war, wurde im Herbst 1909 mit dem Bau des Wasserwerks Inheiden begon­nen, das am 1. April 1912 eingeweiht wurde. Von diesem Werke ging im Laufe des Vier­teljahrhunderts feines Bestehens als Provinz- einrichtung reicher Nutzen für die Volksgemeinschaft nicht nur unserer Provinz Oberhessen, sondern auch der an diese Wasserversorgung angeschlossenen preu­ßischen Nachbarschaft aus Als nächste wirtschaft­liche Einrichtung entstand dann vom Jahre 1912 ab das Ueberlandwerk Oberhessen mit dem Sitz in Friedberg, das seinen Stromversor- gungskreis innerhalb weniger Jahre ganz gewal­tig ausdehnen konnte und heute die Elektrizitäts­versorgung fast der ganzen Provinz Oberhessen wahrnimmt. Um diese bedeutsamen Betriebe stets auf der leistungsfähigsten Höhe zu erhalten, hat die Provinz große Kapitalien in den Unternehmungen investiert und damit das erfreuliche Ergebnis er­reicht, daß beide Werke allen modernen Anforde­

rungen in vollem Ausmaße genügen können. Wie vom Wasserwerk Inheiden, so hatte unsere Pro- vinzbevölkerung auch vom Ueberlandwerk Oberhes­sen durch die auf eigenen Bodenschätzen (Braun­kohle von Wölfersheim und Wasserkräfte aus dem Vogelsberg) aufgebaute Stromerzeugung größtmög­lichsten wirtschaftlichen Nutzen, zumal das Ueber­landwerk noch durch das Wasserkraftwerk L i ß b e r g, das im Mai 1922 in vollen Betrieb genommen wurde, als Spitzenausgleichswerk eine fruchtbare Verstärkung erfuhr. Auch das Wasser­kraftwerk Lißberg wurde von der Provinzialver­waltung technisch auf dem leistungsfähigsten Stand erhalten und dadurch zu einem starken wirtschaft­lichen Faktor der öffentlichen Versorgungswirtschaft unserer Provinz Oberhessen gemacht.

Als weitere segensreiche Einrichtung stellte die Provinz die Provinzial-Pflegeanstalt in den öffentlichen Dienst, der im Laufe der Jahre und besonders noch in der Nachkriegszeit ein Altersheim und ein Kinderheim ange­gliedert wurden. Tausende von hilfsbedürftigen Männern, Frauen und Kindern aus allen Teilen der Provinz Oberheffen haben in dieser vorbildlich

damit ebenfalls ein bedeutsames Stück Gemein­schaftsarbeit im öffentlichen Interesse geleistet.

So sehen wir jetzt, an dem geschichtlichen Wende­punktes liebertritt der politischen Provinz Oberhessen aus der Existenz des Wirkens in den Bereich der Ge­schichte, eine Arbeitsbilanz, deren Ergebnisse die Feststellung rechtfertigen, daß unsere Provinz Ober- Hessen als Selbstverwaltungskörper und als Faktor der öffentlichen Versorgungswirtschaft, wie auch als Betreuer großer öffentlicher Aufgaben ihren Ver­pflichtungen in vollem Umfange gerecht geworden ist. Sie wird damit einst vor dem Urteil der Ge­schichte bestehen können. B.

Ablauf einer einzigen Nacht zusammengedrängt, zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang. Auch sonst verlaufen die Hauptlinien hier plastischer, schärfer profiliert, verkürzt gleichsam, auf die Ab­grenzung von Spiel und Gegenspiel gerichtet. Zwei Liebesgeschichten sind in der Fabel auf eine wun­derlich-schicksalhafte Weise ineinander verschlungen und ursächlich miteinander verknüpft. Zwei soziale Sphären tun sich auf: die des Adels und desge­meinen Volkes". Zwei Generationen stehen einan­der gegenüber, Alter und Jugend, das heißt zu­gleich: zwei Welten und Weltansichten. Der kon­servative, im absolutistischen Denken des 18. Jahr­hunderts erzogene Geist des kleinstaatlichen Souve­räns und ein junges, natürliches Gefühl, das sich über veraltete Vorurteile und Standesgrenzen hin­wegsetzt, nur der Stimme des Blutes, des Herzens und dem leidenschaftlichen Drang nach persönlicher Freiheit und Wahrhaftigkeit gehorsam.

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Prinzessin Anna, einzige Tochter des regierenden Fürsten Konrad von Wylburg, ist dem Prinzen von Greiffenstein als Gemahlin bestimmt: so will es der Vater, so verlangt es dieStaatsräson . Sie selbst liebt einen Mann aus dem Volke, den Sergeanten Brand, dem sie sich unerkannt,als Zofe ihrer selbst , nähert und erst zu erkennen gibt, als sie auch seiner Liebe gewiß ist. Ursula. Annas Zofe, hinwiederum liebte einen von Brands Kameraden, den Sergeanten Streck, hat sich aber von ihm losgefagt und ihre Neigung dem jungen Kadetten Hans-Chnstoph zu­gewendet. Während des rauschenden Verlobungsfestes im Wylburger Schloßpark, dem Pnnzen und der Prinzessin zu Ehren, wird Anna vermißt geraten der Kadett und der Sergeant Streck um der Zofe willen tätlich aneinander. Unter bem 3tmmer ber Prinzessin, in dem Anna und Brand sich heimlich in Liebe begegnen, fallen Schüsse: im Port liegt, wah­rend die höfische Festgesellschaft aufge schreckt und verstört zusammenströmt, der ^eme Kadett erschossen. Brand, der die Prinzeß schnell und heimlich verließ, wird im nächtlichen Park, nahe beim Tatort, aus- aeqriffen und des Mordes beschuldigt, den Streck in Enttäuschung, Wut und Eifersucht beging.

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In der großen Gerichtsszene des letzten Aktes beschwört Brand an der Bahre des toten Kadetten seine Unschuld, gesteht Streck mannhaft die Tat be­kennt Anna stolz und frei ihre Liebe zu dem Sol­daten Brand.Ich habe mehr zu verteidigen als mein Herz. Ich habe meine Ehre vor dem Manne 7u °°rt°wiq°n den ich liebe" Sie nimmt dem Ge­liebten die Antwort ab, die er ewig verschwiege, die Antwort aus die Verhörfrage:Was suchtest du Zu dieser ungewohnten Stunde in dem Park. Dem alten Fürsten brich, mit dieser Antwort diesem Geständnis alles zusammen: er versteht die Welt nicht mehr. Der greife Hosmarfchall aber hat fein Regelbuch starrer höfischer Etikette verbrannt und

H. A. Weber:Das SchloßimWind."

Urausführung am Gießener Stadttheater.

Bevor wir das Schauspiel selbst betrachten, fei ein Wort über seine Entstehung vorangeschickt, die ungewöhnlich und interessant ist. Das Berliner Staatstheater hat vor einiger Zeit den neuartigen Versuch gemacht, die dramatische Produktion durch Auftraqsvergebung anzuregen und zu beleben. Das ist natürlich kein unfehlbares Rezept etwa zur Ge­winnung brauchbarer und theatergerechter Lust­spiele kann aber dazu dienen, das Verhältnis zwi­schen Angebot und Nachfrage (kaufmännisch aus­gedrückt) zwischen Dramatiker und Buhne (künst­lerisch gesprochen) im Sinne des Theaters unmit­telbar fruchtbringend zu beeinflussen. Die ersten Ergebnisse, über die kürzlich berichtet wurde, er­scheinen durchaus beachtlich.

Auch das neue Stück von H. A. Weber, dessen BauernlustspielHolzappel" 1935 hier uraufgefuhrt wurde, ist auf solche Weise angeregt worden. Die Intendanz des Gießener Stadttheaters ging bei der Erteilung des Auftrages noch einen Schritt weiter: sie wies'dem Dramatiker zugleich einen Stoff.

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Die Leser unsererHeimat im Bild" werden sich dieses Roh-Stoffes erinnern: er ist enthalten in einem BeitragAlte Liebesballade in Weilburg von Josef H ü s ch (Jahrgang 1936, 20). Hier fin­den sich, knapp erzählt, die Umrisse der Fabel, einer bezeugten Begebenheit, die noch heute, wenn auch verschwommen und ungewiß, am Schauplatz der Ereignisse lebendig ist:... der Ort heißt Weilburg. Ein klassischer Boden, und ein altes Schloß dazu. Auch die Konturen der wichtigsten Gestalten tau­chen in diesem Bericht schon auf; Zusammenhänge, Triebkräfte, Leitmotive; die schicksalhafte Verkettung von Liebe und Tod. Schon hier wird berichtet von der heimlichen Neigung eines adligen Fräuleins zu einem einfachen Soldaten, von der Ermordung eines jungen Kadetten, von spätem Geständnis und spätem Gericht. * *

Webers Schauspiel ereignet sich in einerSom­mernacht, etwa des Jahres 1820". Das Datum fällt schon in die hessische Buchner-Zeit und es herrscht in diesem Schauspiel, wie man beim fielen und aufmerksamen Hinhören empfindet, ein wenig auch der eigentümliche Buchner-Ton, wie mir ihn aus demWoyzeck" und, in etwas anderer Stimm- rnnp ' Leonce und Lena" kennen. Auch jener unruhig umspringende, vortreibende Balladenstil der die fünf knappen Akte in etliche große und zahlreiche kleine und winzige Szenen aufteilt.

Was sich in dem angeführten Bericht derHei­mat im Bild" über Jahre erstreckt, wird von We­ber mit natürlichem dramatischen Instinkt tn den

die stärkeren, lebendigen Daseinskräfte erkennen und achten gelernt, denen das fieben und die Zukunft gehört. Im Sonnenaufgang verläßt Anna mit dem Geliebten das Schloß ihrer VäterDie ewige Liebe hat das Dunkel all verschlungen."

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Wesentlich scheint dem Betrachter dieses Schau­spiels, daß der Dramatiker den ihm gewiesenen Roh- Stoff nicht allein aufgriff, dramaturgisch umformte und den Gesetzen des Theaters gemäß gestaltete; daß er vielmehr in den blinden Zufälligkeiten des über­lieferten Falles das Grundsätzliche und wesentlich Bleibende aufspürte: nicht ein merkwürdiger, grau­siger und unheimlicher Kriminalfall konnte den eigent­lichen Kern des Schauspiels bilden, nicht die rohen Elemente effektreichen Theaterspieles sondern die zeitlichen und seelischen Triebkräfte des Geschehens. Die Liebe ... ist ein zartes Licht. Es verlöscht leicht im Schicksalswind" das hat immer gegolten. Aber der Hofmarschall begreift:Die Welt beginnt sich zu verwandeln", und erkennt die Zeichen einer neuen Zeit mit neuen Gesetzen, mit neuem Denken und Handeln. Herz und Geist rebellieren gegen den veralteten Sittenkodex und Standesbegriff; die große und reine Leidenschaft der Jugend besinnt sich auf ihr altes Natur-Mecht, das über alle sozialen Grenzen und Abstände triumphierend zueinander findet und sich behauptet im Schicksalswind.

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Es lag nahe, daß Intendant Schultze-Gries­heim, der an dem Zustandekommen dieser Ur­aufführung in einer mehr als herkömmlichen Weise beteiligt ist, sich auch persönlich für die Verwirk­lichung des Schauspiels auf dem Theater einsetzte. Die von ihm geleitete Inszenierung arbeitete die balladesk wirkenden Szenen der dramatischen Aktion vor allem die in der Kaserne, am Parktor, im Zimmer der Prinzessin und an der Bahre des Kadetten lebendig, farbig und stimmungsstark heraus. Die Regieführung war aber auch sichtlich bemüht, über das Tatsächliche, das Kriminelle und in gewissem Sinne Sensationelle des Falles hinaus zum Grundsätzlichen der Fabel vorzudringen, die innern Triebkräfte im Spiel und Gegenspiel der Handelnden bloßzulegen: in den rein dialektisch ge­führten Auseinandersetzungen erhielten dadurch die tatsächlich bestimmten Teile des Schauspiels ein ge­dankliches, wenn man will: weltanschaulich betontes, Gegengewicht.

Doch wurde dabei allenthalben dem Theater ge­geben, was des Theaters ist, in einer an Tönen und Abstufungen reichen Aufführung. Trommel­wirbel und eine zarte, rokokohafte Musik während des Tanzfestes im Park begleiteten und unter­malten die Begebenheiten lebhaft und ausdrucks­voll. Die Szenenbilder, von Herrn Löffler ent­worfen, wirkten ausgezeichnet und gaben dem Vor­gang eine sehr einheitlich empfundene, dem Be­

schauer sich mitteilende Atmosphäre; der schlichte Kasernenraum und vor allem das sehr feine Park­bild (denen wohl unmittelbare Anregungen vom nahen Schauplatz her zugrundelagen) verdienen mit hoher Anerkennung hervorgehoben zu werden.

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Das Schauspiel verfügt auch, rein bühnenmäßig betrachtet, über eine Reihe dankbarer und schau­spielerisch entwicklungsfähiger Rollen: das kam dem gegliederten und fließenden Zusammenwirken des Ensembles, dem man die ordnende und führende Hand des Spielleiters anmerkte, zustatten.

Der darstellerisch geschlossenste und nachhaltigste Eindruck des Abends ging von der Erscheinung der Prinzessin Anna aus; Fräulein Birk mann spielte sie mit dem Herzton und aus der inneren Anspannung eines großen, wachen Gefühls, zart, innig, dennoch bei aller Jugendlichkeit dieser zwan­zig Jahre gefaßt und bewußt, mit einer- Klarheit des Zieles und Stärke des Willens in den großen Auseinandersetzungen, in denen sich die menschliche Reife bekundete, mehr als das Abenteuer einer Nacht zu bestehen.

Herr Rosenthal gab den Brand: männlich, soldatisch, durch Erziehung zu unerschütterlichen Be­griffen von Pflicht und Ehre gefestigt, dem verwir­renden und zermürbenden Ansturm widerstreitender Empfindungen standzuhalten. Herr Hub als Streck hatte vor allem in der Trommelszene des zweiten Aktes eine temperamentvoll wahrgenommene, große Chance schauspielerischer Entfaltung; fein Sergeant kam daher wie ein kleiner Napoleon, grimmig, gallig, gefährlich ausbrechend.

Herr v. Gschmeidler gab den alten Fürsten in nobler Haltung, weder als souveränen Wüte­rich noch als tobenden Vater, sondern als den Wortführer einer schmerzlich abschiednehmenden, versinkenden Welt. Der Hofmarschall ist so etwas wie der Raisonneur des Stückes: ihn entwickelte gerr Kühne vom Leichtkomischen, romantisch spielerischen behutsam in die Bereiche abgeklärter und hellsichtiger Altersweisheit hinüber.

Herr Walter gab den Kadetten aus dem drän­genden, lebenshungrigen Gefühlsüberschwang welt­unerfahrener Jugend, Fräulein Krauses mäd­chenhaft scheu, von Schmerz und Schreck über­wältigt, zuletzt still gefaßt die Zofe Ursula. Herr Geißler nahm die nicht sonderlich ergiebige Rolle des Prinzen mit viel Geschick, leicht, kavaliermäßig- lebemännisch und ein wenig ironisch.

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Das festlich geschmückte Haus war stark besucht; eine Reihe geladener Gäste wohnte der Urauffüh­rung bei, die sich zu einem schönen Erfolg gestal­tete; anhaltender Beifall rief zuletzt mit den Dar­stellern auch den Autor und Den Intendanten an die Rampe. Hans Thyriot.