Nr. 77 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)
Samstag, 3. April 1937
Die Provinz Ovecheffen.
Durch das Gesetz über die Aufhebung der hessischen Provinzen Starkenburg, Oberhessen und Rheinhessen ist unsere Provinz als staatlicher Verwaltungsbezirk und als öffentliche Gebietskörperschaft mit dem Recht der Selbstverwaltung erloschen. Oberhessen als politische Provinz hat also künftighin nur noch in der Geschichte seinen Platz. Dieser bedeutsame Vorgang im Rahmen der gesamtdeutschen Verwaltungsreform ist begründeter Anlaß, rückblickend in großen Zügen den Werdegang der Provinz Oberhessen und besonders ihr Wirken als Selbstverwaltungskörper der öffentlichen Versorgungswirtschaft im Rahmen der jüngsten Zeitgeschichte zu betrachten. Dabei kann man' zugleich ein wertvolles Stück Heimatgeschichte an dem Meilenstein des 1. April 1937 festhalten
Vom geschichtlichen Standpunkt aus wäre zu erwähnen/daß etwa vom Beginn des 19. Jahrhunderts ab bis zum Jahre 1832 für jede hessische Provinz eine besondere Regierung bestand, der alle übrigen Behörden der Provinz untergeordnet waren. Durch ein Edikt vom Jahre 1832 wurden die Regierungen von Oberhessen und Starkenburg als selbständige Regierungen aufgehoben und durch Provinzialkommissäre ersetzt, die jeweils mit dem Kreisrat in Gießen bzw. in Darmstadt in Personalunion verbunden war. Im Jahre 1835 folgte eine gleiche Regelung für Rheinhessen. Dieser Zustand blieb bis zum Jahre 1848 bestehen, wo die Einrichtung des Provinzialkommissärs und des Kreisrats aufgehoben und dafür zehn Regierungsbezirke über das ganze Land Hessen gebildet wurden. Diese Neuregelung dauerte aber nur wenige Jahre an, denn schon im Jahre 1852 wurde die alte Kreiseinteilung wiederhergestellt. Im Jahre 1860 folgte sodann die Einrichtung von Provinzialkommissaren, die man damals auch Provinzialdirektoren nannte, deren Amt jeweils mit der Person der Kreisdirektoren von Darmstadt, Gießen und Mainz verbunden war; diese Regelung bedeutete also die Wiederherstellung des Rechtszustandes der Verwaltung von 1832 Von diesem Stand aus ist die Einrichtung der Provinzialdirektoren bis zum jetzigen 1. April 1937 geblieben. Das organische Landschaftsgebilde der hessischen Provinzen ist natürlich viel älter als diese Verchaltungsorganisation, jedoch kann im heutigen Zusammenhänge unserer Betrachtung auf jene Seite des geschichtlichen Werdens nicht eingegangen werden.
Die Provinzialdirektion in der soeben dargelegten Verwaltungsorganisation wirkte etwa bis zur letzten Jahrhundertwende als reine Verwaltungsund Aufsichtsbehörde. Die große Wendung, von der das wirtschaftliche Leben unserer Provinz Oberhessen und ihrer Bewohner einen nachhaltigen Aufstieg erfuhr und die unsere Provinz in die Funktion eines wirtschaftlichen Selbstverwaltungskörpers brachte, setzte erst zu Beginn unseres 20. Jahrhunderts ein. Die damals an maßgebender Stelle der Provinz Oberhessen und ihrer Kreise wirkenden Männer kamen immer mehr zu der Ueberzeugung, daß es im Interesse der Bevölkerung der oberhessl- schen Städte und Dörfer unbedingt notwendig fei, die heimischen Schätze und Kräfte zum Wohle der Gesamtheit zu mobilisieren. Dabei richtete sich der Blick naturgemäß zuerst auf die „weiße Kohle", die zahlreichen Quellen und Wasserläufe unserer Provinz. Im Vordergrund standen dabei die Quellen in der Gemarkung Inheiden und in der Gemarkung Lauter. Während im Jahre 1905 die Quellen der Gemarkung Lauter vom Staat als Eigentümer zur Wasserversorgung von Bad-Nauheim und Friedberg und einer Anzahl von Landorten im Bereiche dieser Leitung benutzt wurden, erwarb die Provinz Oberhessen im Sommer 1906 die Jnheidener Quellen und den benachbarten Grundbesitz, der teils
Neuer Rektor der Universität Gießen.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Der Herr Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den ordentlichen Professor Dr. Gerhard Pfähler auf seinen Antrag mit Ende März 1937 von dem Amt des Rektors der Ludwigs-Universität Gießen entbunden und ihm gleichzeitig für seine verdienstvolle Mitarbeit als Rektor bei dem Aufbau des neuen Staates feinen Dank ausgesprochen.
Mit Wirkung vom 1. April 1937 ab hat der Herr Minister den ordentlichen Professor für Forstwissenschaft Dr. Gustav Baader zum Rektor der Ludwigs-Universität Gießen ernannt.
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Dr. Gustav Baader wurde am 4. April 1878 in Alzey (Rheinhessen) geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er in der Pfalz. Das Maturum bestand er in Darmstadt, dann studierte er Forstwissenschaft an der Universität Gießen. Seine Lehrer waren hier die Professoren Geheimrat Heß und Wirn- m e n a u e r. Im Jahre 1902 bestand er das Referendarexamen, 1905 das Assessorexamen. Anschließend war er auf einer Reihe von hessischen Forstämtern praktisch tätig.
Im Jahre 1914 habilitierte er sich an der Gießener Universität. Nach einer einsemestrigen Lehrtätigkeit trat er in den Heeresdienst und machte als Hauptmann den Feldzug bis 1917 an der Westfront und im letzten Kriegsjahr bei der Kriegsamtsstelle des stellvertretenden 18. Armee-Korps in Frankfurt a. M. mit.
Im Winter 1918/19 nahm er die Lehrtätigkeit wieder auf und erhielt im Frühjahr 1919 einen Lehrauftrag. Im Jahre 1921 wurde er ordentlicher Professor an der forstlichen Hochschule in Eberswalde. Im nächsten Jahre trat er wieder in den praktischen Dienst ein und wurde Oberforstmeister in Schotten. Im Jahre 1929 wirkte er als Oberforstmeister in Darmstadt und wurde zugleich ordentlicher Honorarprofessor an der Technischen Hochschule zu Darmstadt. 1931 erhielt er eine Berufung als ordentlicher Professor für Forstbetriebslehre und Ertragskunde an der Universität Gießen. Gleichzeitig wurde ihm die Versuchsleitung bei der Hessischen
Professor Dr. Baader. — (Aufnahme: Neuner.) forstlichen Versuchsanstalt übertragen. Während der Jahre 1933 bis 1936 war er Dekan der 2. Abteilung der Philosophischen Fakultät.
Professor Dr. Gustav Baader ist Mitherausgeber der ältesten forstwissenschastlichen Zeitschrift, der „Allgemeinen Deutschen Forst- und Jagd-Zeitung", die bereits im 113. Jahrgang erscheint. Seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten erschienen in dieser Zeitschrift. Aber auch in. zahlreichen anderen Zeitschriften wurden seine Arbeiten veröffentlicht. Der neue Rektor unserer Universität gehört dem Beirat des Deutschen Forstvereins, der führenden forstlichen Gesellschaft Deutschlands, an, deren Arbeiten richtungsweisend für die Forstwirtschaft des Reiches sind.
eingerichteten und mit großer Sorgfalt betreuten Pflegestätte den hohen Wert der sozialen Hilfe erfahren, deren gewissenhafte Betreuerin die Provinzialverwaltung mit ihren berufenen Mitarbeitern stets gewesen ist. Das Chemische Untersuchungsamt der Provinz erfüllte in vorbildlicher Weise seine Dienstobliegenheiten, mit deren Wahrnehmung die Provinz Oberhessen gleichfalls ein wichtiges Stück Gemeinschaftsarbeit zum Besten unseres oberhessischen Heimatgebietes, darüber hinaus aber auch durch dieses Institut zum Wohle aller Kreise der Volksgemeinschaft leistete. Diese beiden Einrichtungen gehen nunmehr auf das Land Hessen über.
Es ist außerordentlich erfreulich, daß das Ueber- landwerk Oberhessen und das Wasserwerk Inheiden im Rahmen eines Zweckverbandes mit der Verwaltung in Gießen, an dessen Spitze Staatsrat Reiner steht, weiterhin zum Wohle der vberhefsischen Kreise und ihrer Bevölkerung nutzbar gemacht werden. In der Leitung dieses Zweckverbandes werden die oberhessischen Kreife in dem Verbandsausschuß durch den Porsitzenden der Kreisausschüsse und die jeweiligen Kreisleiter der NSDAP, der oberhessischen Kreise vertreten sein. Das segensreiche Wirken als gemeinnützige wirtschaftliche Versorgungseinrichtung, das bisher von der Provinz Oberhessen durch diese Werke entfaltet wurde, wird in der neuen Verwaltungsorganisation in gradliniger Richtung fortgesetzt werden.
Neben der Betreuung dieser Provinzeinrichtungen hatte die Provinzialdirektion Oberhessen, nachdem mit Wirkung vom 1. April 1927 ab die Verwaltung der Landstraßen von den Kreisen auf die Provinzen übergegangen war, auch das Stra- tzenbauwesen in der Provinz Ober- Hessen wahrzunehmen. In Erfüllung dieser Aufgaben, die nunmehr Landessache ist, hat die Provinz von 1927 bis Ende 1936 im oberhessischen Provinzgebiet folgende Straßenbauleistungen vollbracht: 176 Kilometer Landstraßenkleinpflasterung, 42 Kilometer Landstraße mit schweren bitumenösen Decken, 188 Kilometer Landstraße mit mittelschweren Decken und 166 Kilometer Oberflächenbehandlung an den verschiedensten Landstraßenstrecken. Insgesamt wurden von der Provinz Oberhessen 572 Kilometer Landstraße in Oberhessen den zeitgemäßen Anforderungen entsprechend geschaffen. Neben den Reichsmitteln (insbesondere den Anteil aus der Kraft- fahrzeugsteuer) für diese Aufgaben hat die Provinz Oberhessen auch noch Millionenbeträge aus eigenen Einnahmequellen bzw. durch Anleiheaufnahmen für das Werk des Landftraßenbaues aufgewandt und
Quellen-, teils Schutzgebiet war, vom Staat, bzw. vom Kreis Gießen und der Gemeinde Inheiden. Nachdem auch mit Frankfurt a. M. als Großabnehmer von Wasser eine vertragliche Regelung herbeigeführt war, wurde im Herbst 1909 mit dem Bau des Wasserwerks Inheiden begonnen, das am 1. April 1912 eingeweiht wurde. Von diesem Werke ging im Laufe des Vierteljahrhunderts feines Bestehens als Provinz- einrichtung reicher Nutzen für die Volksgemeinschaft nicht nur unserer Provinz Oberhessen, sondern auch der an diese Wasserversorgung angeschlossenen preußischen Nachbarschaft aus Als nächste wirtschaftliche Einrichtung entstand dann vom Jahre 1912 ab das Ueberlandwerk Oberhessen mit dem Sitz in Friedberg, das seinen Stromversor- gungskreis innerhalb weniger Jahre ganz gewaltig ausdehnen konnte und heute die Elektrizitätsversorgung fast der ganzen Provinz Oberhessen wahrnimmt. Um diese bedeutsamen Betriebe stets auf der leistungsfähigsten Höhe zu erhalten, hat die Provinz große Kapitalien in den Unternehmungen investiert und damit das erfreuliche Ergebnis erreicht, daß beide Werke allen modernen Anforde
rungen in vollem Ausmaße genügen können. Wie vom Wasserwerk Inheiden, so hatte unsere Pro- vinzbevölkerung auch vom Ueberlandwerk Oberhessen durch die auf eigenen Bodenschätzen (Braunkohle von Wölfersheim und Wasserkräfte aus dem Vogelsberg) aufgebaute Stromerzeugung größtmöglichsten wirtschaftlichen Nutzen, zumal das Ueberlandwerk noch durch das Wasserkraftwerk L i ß b e r g, das im Mai 1922 in vollen Betrieb genommen wurde, als Spitzenausgleichswerk eine fruchtbare Verstärkung erfuhr. Auch das Wasserkraftwerk Lißberg wurde von der Provinzialverwaltung technisch auf dem leistungsfähigsten Stand erhalten und dadurch zu einem starken wirtschaftlichen Faktor der öffentlichen Versorgungswirtschaft unserer Provinz Oberhessen gemacht.
Als weitere segensreiche Einrichtung stellte die Provinz die Provinzial-Pflegeanstalt in den öffentlichen Dienst, der im Laufe der Jahre und besonders noch in der Nachkriegszeit ein Altersheim und ein Kinderheim angegliedert wurden. Tausende von hilfsbedürftigen Männern, Frauen und Kindern aus allen Teilen der Provinz Oberheffen haben in dieser vorbildlich
damit ebenfalls ein bedeutsames Stück Gemeinschaftsarbeit im öffentlichen Interesse geleistet.
So sehen wir jetzt, an dem geschichtlichen Wendepunktes liebertritt der politischen Provinz Oberhessen aus der Existenz des Wirkens in den Bereich der Geschichte, eine Arbeitsbilanz, deren Ergebnisse die Feststellung rechtfertigen, daß unsere Provinz Ober- Hessen als Selbstverwaltungskörper und als Faktor der öffentlichen Versorgungswirtschaft, wie auch als Betreuer großer öffentlicher Aufgaben ihren Verpflichtungen in vollem Umfange gerecht geworden ist. Sie wird damit einst vor dem Urteil der Geschichte bestehen können. B.
Ablauf einer einzigen Nacht zusammengedrängt, zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang. Auch sonst verlaufen die Hauptlinien hier plastischer, schärfer profiliert, verkürzt gleichsam, auf die Abgrenzung von Spiel und Gegenspiel gerichtet. Zwei Liebesgeschichten sind in der Fabel auf eine wunderlich-schicksalhafte Weise ineinander verschlungen und ursächlich miteinander verknüpft. Zwei soziale Sphären tun sich auf: die des Adels und des „gemeinen Volkes". Zwei Generationen stehen einander gegenüber, Alter und Jugend, das heißt zugleich: zwei Welten und Weltansichten. Der konservative, im absolutistischen Denken des 18. Jahrhunderts erzogene Geist des kleinstaatlichen Souveräns und ein junges, natürliches Gefühl, das sich über veraltete Vorurteile und Standesgrenzen hinwegsetzt, nur der Stimme des Blutes, des Herzens und dem leidenschaftlichen Drang nach persönlicher Freiheit und Wahrhaftigkeit gehorsam.
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Prinzessin Anna, einzige Tochter des regierenden Fürsten Konrad von Wylburg, ist dem Prinzen von Greiffenstein als Gemahlin bestimmt: so will es der Vater, so verlangt es die „Staatsräson . Sie selbst liebt einen Mann aus dem Volke, den Sergeanten Brand, dem sie sich unerkannt, „als Zofe ihrer selbst , nähert und erst zu erkennen gibt, als sie auch seiner Liebe gewiß ist. Ursula. Annas Zofe, hinwiederum liebte einen von Brands Kameraden, den Sergeanten Streck, hat sich aber von ihm losgefagt und ihre Neigung dem jungen Kadetten Hans-Chnstoph zugewendet. Während des rauschenden Verlobungsfestes im Wylburger Schloßpark, dem Pnnzen und der Prinzessin zu Ehren, wird Anna vermißt geraten der Kadett und der Sergeant Streck um der Zofe willen tätlich aneinander. Unter bem 3tmmer ber Prinzessin, in dem Anna und Brand sich heimlich in Liebe begegnen, fallen Schüsse: im Port liegt, wahrend die höfische Festgesellschaft aufge schreckt und verstört zusammenströmt, der ^eme Kadett erschossen. Brand, der die Prinzeß schnell und heimlich verließ, wird im nächtlichen Park, nahe beim Tatort, aus- aeqriffen und des Mordes beschuldigt, den Streck in Enttäuschung, Wut und Eifersucht beging.
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In der großen Gerichtsszene des letzten Aktes beschwört Brand an der Bahre des toten Kadetten seine Unschuld, gesteht Streck mannhaft die Tat bekennt Anna stolz und frei ihre Liebe zu dem Soldaten Brand. „Ich habe mehr zu verteidigen als mein Herz. Ich habe meine Ehre vor dem Manne 7u °°rt°wiq°n den ich liebe" Sie nimmt dem Geliebten die Antwort ab, die er ewig verschwiege, die Antwort aus die Verhörfrage: „Was suchtest du Zu dieser ungewohnten Stunde in dem Park. Dem alten Fürsten brich, mit dieser Antwort mü diesem Geständnis alles zusammen: er versteht die Welt nicht mehr. Der greife Hosmarfchall aber hat fein Regelbuch starrer höfischer Etikette verbrannt und
H. A. Weber: „Das SchloßimWind."
Urausführung am Gießener Stadttheater.
Bevor wir das Schauspiel selbst betrachten, fei ein Wort über seine Entstehung vorangeschickt, die ungewöhnlich und interessant ist. Das Berliner Staatstheater hat vor einiger Zeit den neuartigen Versuch gemacht, die dramatische Produktion durch Auftraqsvergebung anzuregen und zu beleben. Das ist natürlich kein unfehlbares Rezept etwa zur Gewinnung brauchbarer und theatergerechter Lustspiele kann aber dazu dienen, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage (kaufmännisch ausgedrückt) — zwischen Dramatiker und Buhne (künstlerisch gesprochen) im Sinne des Theaters unmittelbar fruchtbringend zu beeinflussen. Die ersten Ergebnisse, über die kürzlich berichtet wurde, erscheinen durchaus beachtlich.
Auch das neue Stück von H. A. Weber, dessen Bauernlustspiel „Holzappel" 1935 hier uraufgefuhrt wurde, ist auf solche Weise angeregt worden. Die Intendanz des Gießener Stadttheaters ging bei der Erteilung des Auftrages noch einen Schritt weiter: sie wies'dem Dramatiker zugleich einen Stoff.
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Die Leser unserer „Heimat im Bild" werden sich dieses Roh-Stoffes erinnern: er ist enthalten in einem Beitrag „Alte Liebesballade in Weilburg von Josef H ü s ch (Jahrgang 1936, 20). Hier finden sich, knapp erzählt, die Umrisse der Fabel, einer bezeugten Begebenheit, die noch heute, wenn auch verschwommen und ungewiß, am Schauplatz der Ereignisse lebendig ist: „... der Ort heißt Weilburg. Ein klassischer Boden, und ein altes Schloß dazu. Auch die Konturen der wichtigsten Gestalten tauchen in diesem Bericht schon auf; Zusammenhänge, Triebkräfte, Leitmotive; die schicksalhafte Verkettung von Liebe und Tod. Schon hier wird berichtet von der heimlichen Neigung eines adligen Fräuleins zu einem einfachen Soldaten, von der Ermordung eines jungen Kadetten, von spätem Geständnis und spätem Gericht. * *
Webers Schauspiel ereignet sich in einer „Sommernacht, etwa des Jahres 1820". Das Datum fällt schon in die hessische Buchner-Zeit und es herrscht in diesem Schauspiel, wie man beim fielen und aufmerksamen Hinhören empfindet, ein wenig auch der eigentümliche Buchner-Ton, wie mir ihn aus dem „Woyzeck" und, in etwas anderer Stimm- rnnp ' Leonce und Lena" kennen. Auch jener unruhig umspringende, vortreibende Balladenstil der die fünf knappen Akte in etliche große und zahlreiche kleine und winzige Szenen aufteilt.
Was sich in dem angeführten Bericht der „Heimat im Bild" über Jahre erstreckt, wird von Weber mit natürlichem dramatischen Instinkt tn den
die stärkeren, lebendigen Daseinskräfte erkennen und achten gelernt, denen das fieben und die Zukunft gehört. Im Sonnenaufgang verläßt Anna mit dem Geliebten das Schloß ihrer Väter — „Die ewige Liebe hat das Dunkel all verschlungen."
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Wesentlich scheint dem Betrachter dieses Schauspiels, daß der Dramatiker den ihm gewiesenen Roh- Stoff nicht allein aufgriff, dramaturgisch umformte und den Gesetzen des Theaters gemäß gestaltete; daß er vielmehr in den blinden Zufälligkeiten des überlieferten Falles das Grundsätzliche und wesentlich Bleibende aufspürte: nicht ein merkwürdiger, grausiger und unheimlicher Kriminalfall konnte den eigentlichen Kern des Schauspiels bilden, nicht die rohen Elemente effektreichen Theaterspieles — sondern die zeitlichen und seelischen Triebkräfte des Geschehens. „Die Liebe ... ist ein zartes Licht. Es verlöscht leicht im Schicksalswind" — das hat immer gegolten. Aber der Hofmarschall begreift: „Die Welt beginnt sich zu verwandeln", und erkennt die Zeichen einer neuen Zeit mit neuen Gesetzen, mit neuem Denken und Handeln. Herz und Geist rebellieren gegen den veralteten Sittenkodex und Standesbegriff; die große und reine Leidenschaft der Jugend besinnt sich auf ihr altes Natur-Mecht, das über alle sozialen Grenzen und Abstände triumphierend zueinander findet und sich behauptet im Schicksalswind. —
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Es lag nahe, daß Intendant Schultze-Griesheim, der an dem Zustandekommen dieser Uraufführung in einer mehr als herkömmlichen Weise beteiligt ist, sich auch persönlich für die Verwirklichung des Schauspiels auf dem Theater einsetzte. Die von ihm geleitete Inszenierung arbeitete die balladesk wirkenden Szenen der dramatischen Aktion — vor allem die in der Kaserne, am Parktor, im Zimmer der Prinzessin und an der Bahre des Kadetten — lebendig, farbig und stimmungsstark heraus. Die Regieführung war aber auch sichtlich bemüht, über das Tatsächliche, das Kriminelle und in gewissem Sinne Sensationelle des Falles hinaus zum Grundsätzlichen der Fabel vorzudringen, die innern Triebkräfte im Spiel und Gegenspiel der Handelnden bloßzulegen: in den rein dialektisch geführten Auseinandersetzungen erhielten dadurch die tatsächlich bestimmten Teile des Schauspiels ein gedankliches, wenn man will: weltanschaulich betontes, Gegengewicht.
Doch wurde dabei allenthalben dem Theater gegeben, was des Theaters ist, in einer an Tönen und Abstufungen reichen Aufführung. Trommelwirbel und eine zarte, rokokohafte Musik während des Tanzfestes im Park begleiteten und untermalten die Begebenheiten lebhaft und ausdrucksvoll. Die Szenenbilder, von Herrn Löffler entworfen, wirkten ausgezeichnet und gaben dem Vorgang eine sehr einheitlich empfundene, dem Be
schauer sich mitteilende Atmosphäre; der schlichte Kasernenraum und vor allem das sehr feine Parkbild (denen wohl unmittelbare Anregungen vom nahen Schauplatz her zugrundelagen) verdienen mit hoher Anerkennung hervorgehoben zu werden.
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Das Schauspiel verfügt auch, rein bühnenmäßig betrachtet, über eine Reihe dankbarer und schauspielerisch entwicklungsfähiger Rollen: das kam dem gegliederten und fließenden Zusammenwirken des Ensembles, dem man die ordnende und führende Hand des Spielleiters anmerkte, zustatten.
Der darstellerisch geschlossenste und nachhaltigste Eindruck des Abends ging von der Erscheinung der Prinzessin Anna aus; Fräulein Birk mann spielte sie mit dem Herzton und aus der inneren Anspannung eines großen, wachen Gefühls, zart, innig, dennoch bei aller Jugendlichkeit dieser zwanzig Jahre gefaßt und bewußt, mit einer- Klarheit des Zieles und Stärke des Willens in den großen Auseinandersetzungen, in denen sich die menschliche Reife bekundete, mehr als das Abenteuer einer Nacht zu bestehen.
Herr Rosenthal gab den Brand: männlich, soldatisch, durch Erziehung zu unerschütterlichen Begriffen von Pflicht und Ehre gefestigt, dem verwirrenden und zermürbenden Ansturm widerstreitender Empfindungen standzuhalten. Herr Hub als Streck hatte vor allem in der Trommelszene des zweiten Aktes eine temperamentvoll wahrgenommene, große Chance schauspielerischer Entfaltung; fein Sergeant kam daher wie ein kleiner Napoleon, grimmig, gallig, gefährlich ausbrechend.
Herr v. Gschmeidler gab den alten Fürsten in nobler Haltung, weder als souveränen Wüterich noch als tobenden Vater, sondern als den Wortführer einer schmerzlich abschiednehmenden, versinkenden Welt. Der Hofmarschall ist so etwas wie der Raisonneur des Stückes: ihn entwickelte gerr Kühne vom Leichtkomischen, romantisch spielerischen behutsam in die Bereiche abgeklärter und hellsichtiger Altersweisheit hinüber.
Herr Walter gab den Kadetten aus dem drängenden, lebenshungrigen Gefühlsüberschwang weltunerfahrener Jugend, Fräulein Krauses mädchenhaft scheu, von Schmerz und Schreck überwältigt, zuletzt still gefaßt die Zofe Ursula. Herr Geißler nahm die nicht sonderlich ergiebige Rolle des Prinzen mit viel Geschick, leicht, kavaliermäßig- lebemännisch und ein wenig ironisch.
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Das festlich geschmückte Haus war stark besucht; eine Reihe geladener Gäste wohnte der Uraufführung bei, die sich zu einem schönen Erfolg gestaltete; anhaltender Beifall rief zuletzt mit den Darstellern auch den Autor und Den Intendanten an die Rampe. Hans Thyriot.


