NGOAV. — Amt für Dotkswoblfahrt. Ortsgruppe (Sießen-Noro.
Am Montag, 2., Dienstag, 3., und Mittwoch, 4. August, wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen- Nord der Lebensmittelopferring durchgeführt.
Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfundpäckchen bereitzulegen.
NSDAP Amt für Beamte
Kreis Detlerau.
Der bereits angekündigte Karneradfchaftsabend mit der „Hitler - Urlauber - Kameradschaft W e t t e r a u" findet am 6. A u a u st um 20 Uyr im Caf6 Leib statt. Zahlreiches Erscheinen mit erwachsenen Familienmitgliedern itt Pflicht. Reichhaltiges Programm mit nursrtalischen und humoristischen Darbietungen.
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** Wer will Pilzkenner werden? Im August und September veranstaltet die hessische Landesstelle für Pilz- und Hausschwamm-Beratung in Verbindung mit dem Mykologischen Institut der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde in Darmstadt Lehrgänge zur Einführung in die praktische Pilzkunde, zur Weiterbildung und zur Unterrichtung über den Hausschwamm. Die Lehrgänge sind mit
Ausflügen verbunden. Außerdem finden Führungen durch die ständige Pilz- und Hausschwamm-Aus- stellung statt. Schon jetzt ist die vorläufige Anmeldung erforderlich mit der Angabe, welche Zeit am gelegensten ist. Lehrwanderungen in anderen Teilen Deutschlands werden folgen. Anmeldungen mit Angabe, ob Wohnung benötigt wird, sind an die Landesstelle für Pilz- und Hausschwamm-Beratung, Darmstadt, Neckarstraße 3, Fernruf 4755, zu richten. Besondere Kosten entstehen den Teilnehmern nicht.
** Aerztli cher Fortbildungskursus. Dom 14. bis 16. Oktober findet der von dem Beauftragten des Reichsärzteführers für das ärztliche Fortbildungswesen genehmigte Fortbildungskursus der Medizinischen Fakultät Gießen statt. Der Kursus wird sich speziell mit der Früherkennung und Frühbehandlung von Krankheiten befassen. Bortragende sind die Leiter der Kliniken und Institute.
** Unfälle. Der 45 Jahre alte Arbeiter Ernst Fleck erlitt bei der Arbeit einen Unterarmbruch. — Der 8 Jahre alte Sohn des Ofensetzers Somme r l a d, Mühlstraße 28 wohnhaft, trug bei einem Fall einen Oberarmbruch davon. — Am hiesigen Bahnhof stürzte am Samstagabend das in Grünberg wohnende Fräulein Maria Hahn so unglücklich, daß sie mit einer Gehirnerschütterung und einer Kopfwunde in die Klinik eingeliefert werden muhte.
Hitler - Urlauber - Kameradschaft herzlich willkommen.
Im Laufe des gestrigen Sonntags trafen aus allen Teilen des Reiches Kameraden aus dem Kreise der Partei und ihrer Gliederungen, 40 an der Zahl, in unserer Stadt ein, um hier für 14 Tage einen Urlaub zu verbringen, der ihnen viele Erlebnisie bringen, aber auch einen Eindruck vermitteln soll von unserer Landschaft, von der Be- völkeruna, der Wehrmacht und unserer heimischen Wirtschaft. In zahlreichen Führungen und Fahrten werden die Urlauber-Kameraden hier einen Teil unseres deutschen Vaterlandes kennenlernen imb heimkehren im vertieften Bewußtsein unserer gesamtdeutschen Zusammengehörigkeit. Die Hitler- Urlauber-Kameraden haben für die Zeit ihres Auf- enthaltes in Gießen im Studentenheim am Leih- gefterner Weg ihr Standquartier.
Am gestrigen Sonntagabend fand die Begrüßung der Urlauber in aller Oeffeytlichkeit vor dem Studentenheim statt. Zahlreiche Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen sowie der Behörden hatten sich hierzu eingefunden. Der
Gauamtsleiier der NSV. Haug, Darmstadt,
hielt zur Begrüßung eine längere Ansprache. Er wies darauf hin, daß derjenige, der den National- sozialismus kennenlernen wolle, sich nicht auf die Theorie zu beschränken brauche. Der Nationalsozialismus finde in vielen feiner Werke äußeren und starken Ausdruck. Für andere Institutionen möge es notwendig sein, lange Rechenschaftsberichte und Statistiken zu geben, der Nationalsozialismus beweise l-tmgegenüber allenthalben, daß das Wort, das dem Volke gegeben worden sei, allüberall mit der Tat eingelöst werde. Unerschütterlich sei deshalb der Glaube an die Größe und die Gewalt der Idee. Immer wieder werde das aufbauende Wollen
und Wirken unter Beweis gestellt. Ein neuer Beweis sei die Schaffung der Hitler-Urlauber-Kame- radscbaften, die ein Hohelied der Kameradschaft überhaupt seien. Die Kameraden, die hier nun vereinigt seien, sollten den Beweis erbringen, daß die nationalsozialistische Idee niemals eine Phrase sei, sondern eine verpflichtende Idee, die uns groß und stark gemacht habe und unser Volk in eine größere Zukunft führen werde.
Der Redner erinnerte in seinen weiteren Ausführungen an die Kampfzeit und wies darauf hin, wie der Geist jener Zeit nun ausgeströmt sei auf das ganze Volk und Deutschland zur Einheit geführt habe. Er forderte die Urlauber-Kameraden auf, jederzeit auch im Alltag die Pflichten zu erfüllen, die jedem einzelnen gestellt sind und ihre natio- nalsozialistische Gesinnung stets durch die Tat zu beweisen.
Der Redner wandte sich bann in herzlichen Worten der Begrüßung an die zahlreichen Gäste und dankte ihnen für die tatkräftige Unterstützung der Sache, nicht zuletzt aber dem Kreisamtsleiter Frank für die hervorragende Organisation der Urlaubstage der Kameraden aus dem ganzen Reich.
Sodann begrüßte er die Urlauber-Kameraden durch Handschlag und ließ sich von jedem einzelnen den Namen und den Ort seiner Heimat sagen. Da klangen Namen und Orte aus allen deutschen Gauen auf, da stand der Hannoveraner neben dem Bayern, der Schlesier neben dem Kameraden von der Wasserkante. Mädchen vom BDM. hatten vorher die Urlauber mit Blumen bedacht.
Für die restlichen Stunden des Abends fand man sich im großen Saal des Studentenheimes zu kameradschaftlicher Unterhaltung ein. Die Urlauber-Kameraden saßen in bunter Reihe zwischen den Gästen dieser Feier, so daß sich bald eine angeregte Unterhaltung entspann.
Eröffnung Ser Ausstellung „Deutsche Werkstoffe im Handwerk".
Am Samstagmittag wurde in der „Liebigshöhe" die Ausstellung „Deutsche Werkstoffe im Handwerk", die der besonderen Aufmerksamkeit aller Volksgenossen empfohlen ist, in Anwesenheit geladener Gäste in feierlicher Form eröffnet.
Kre shandwerksmeLfler (Stäbler
hieß die Vertreter der Partei, der Behörden, der Architektenschaft und der verschiedenen handwerklichen Berufe herzlich willkommen. Er wies einleitend auf die Sachlage hin, wie sie noch vor Jahren im Handwerk festzustellen war, da der Handwerker selbst des Glaubens war, daß er sich nicht mehr werde halten können. Erst der Führer habe dem Handwerk neue Lebensmöglichkeiten geschaffen. In
seinen weiteren Ausführungen ging der Redner dann auf die Lage am Rohstoffmarkt ein und kennzeichnete das Wirken der deutschen Techniker und Erfinder im Dienste der Unabhängigmachung Deutschlands von ausländischen Rohstoffmärkten. Er wies auf die zahlreichen hochwertigen Werkstoffe, die im Rahmen der Ausstellung gezeigt werden, hin und betonte, daß die neuen deutschen Werkstoffe den bisherigen Rohstoffen zum Teil schon überlegen seien. Mit Ruhe und Sicherheit könne Deutschland angesichts der hervorragenden Leistungen seiner Techniker und Wissenschaftler in die Zukunft sehen. Das Handwerk werde sich jederzeit feiner Pflichten der Volksgemeinschaft gegenüber bewußt sein und die ihm gestellten Aufgaben zu lösen wissen.
Kreisschulungskeiier Micbel
überbrachte die Grüße der Kreisleitung und wies auf die Bedeutung der Ausstellung hin, die weit über das hinausgehe, was sonst eine Ausstellung deutschen Schaffens und Wirkens zeigen könne. Der Ausstellung wohne tiefer, erzieherischer Sinn inne; sie beweise, daß der Dierjahresplan nicht nur auf dem Papier stehe. Die Ausstellung beweise Umformung in mancher Hinsicht. In der Vergangenheit habe immer nur das Fremde gegolten. Heute sei die Meinung wesentlich anders. Restloses Vertrauen genieße alles das, was aus deutschen Händen hervor- ging. Die Ausstellung beweise darüber hinaus aber auch, daß Deutschland auf eigenen Füßen zu stehen in Der Lage sei. Das bedeute nun nicht etwa, daß sich das deutsche Volk nach außen hin abschließen wolle, es wolle aber auch nicht abhängig sein. Mit einem Wort des Führers schloß Kreisschulungsleiter Michel seine Ansprache.
ZRegierungeirat Weber
Dom Kreisamt Gießen überbrachte die Grüße der Behörden. Er wünschte der Ausstellung allen Erfolg und jenes Echo in allen Kreisen der Bevölkerung, das sie verdiene.
Mit dem Gruß an den Führer schloß Kreishandwerksmeister Stühler die Feier.
Sodann besichtigte man die Ausstellung. Der Vertreter des Landeshandwerksmeisters, Ingenieur Spieger, gab bei dem Rundgang lehrreichen Aufschluß über die Einzelheiten der sehenswerten Schau.
Filmvorführungen am Sonntag.
Eine schöne und sinnreiche Ergänzung fand die Ausstellung am Sonntagvormittag durch die Vorführung zweier hochinteressanter Filme. Unter dem
Adolf Hitlers „Mein Kampfs in Oer Blindenschrift.
3m Besitz der Gießener Universitätsbibliothek.
Seit kurzer Zett befindet sich im Besitz der Bibliothek unserer Universität Gießen eine Ausgabe in Blindenschrift des Buches des Führers „Mein Kampf", das in 6 Foliobänden den ganzen Text enthätt. Wie uns die Universitätsbibliothek mitteilt, können die Bände von interessierten Blinden kostenlos enlliehen werden. Die Ausgabe des Führer-Werkes wurde unter großem Arbeitsaufwand im Verlag der Blinden-Hochfchul- bücherei Marburg hergestellt. Das mehrbändige Werk wurde unserer Universitätsbibliothek durch einen Freund der Kriegsblinden geschenkt mit der Bitte, es den Blinden nach Belieben lechweise zur Verfügung zu stellen.
Titel „Fäden, die die Welt umspinnen", lernte man in vielen Bildern den Herstellungsweg der Kunstseide kennen. Man hatte berechtigten Anlaß, über diese Großtat deutscher Technik zu staunen. Ein zweiter Film führte unter dem Titel „Lernen — Können — Leistung" in die Werkstätten deutscher Handwerker ein und ließ die Vielseitigkeit deutschen handwerklichen Schaffens erkennen. Den zweiten Film begleitete eine Ansprache des Reichswirtschaftsministers Dr. Schacht, der richtungweisend über die Ausbildung des deutschen handwerklichen Nachwuchses sprach.
Die Filmveranstaltung war sehr gut besucht und wurde von Kreishandwerksmeister Stühler mit einer kurzen Ansprache eingeleitet.
Bühnenkünstler in der Lagermannschast.
Burg Gleiberg Ausgangsort neuen Kulturschaffens der HI.
Junge Bühnenkünstler von den Theatern des Rhein-Main-Gebietes und Theaterstudenten aus allen Teilen des Reiches haben sich auf Burg Gleiberg zu dem von der Gebietsführung Hessen-Nassau der Hitler-Jugend gefchaffenen „ßager junger Bühnenkünstler^ eilige» funden, das der Ausrichtung der jungen Schauspieler im Geiste der HI. und zur Erarbeitung des dramatischen Spieles „Bardowiek" von Dr. Hans Geisow dient.
Am gestrigen Sonntagvormittag kam Gießener HI. zur Burg heraufmarschiert, um der Eröffnung dieses Lagers, das unter der Führung des Theater- referenten des Gebietes und Schauspielers am Deutschen Theater in Wiesbaden, Scharführer B l a e ß , steht, das feierliche Gepräge zu geben. An Stelle des verhinderten Gebietsführers erschien dessen Stabsleiter Bannführer Horst Dettmar in Begleitung von Bannführer 116 Rohrbach (Gießen) auf dem Burgfried zur Flaggenhissung. Nach dem Willkommengruß des Lagerleiters leitete ein Kampflied zur Ansprache des Stabsleiters
BannführerHorstNetlmar,Wiesbaden über. Die Hitler-Jugend, der diese Aufgabe übertragen ist, so führte er u. a. aus, will zeigen, daß sie keine primitive Marschierorganisatton ist, die sich nur mit Spezialaufgaben befaßt, sondern daß sie ihr Ziel, den ganzen Menschen in allen seinen Lebensaufgaben zu erfassen, erfüllen will. Es wundert darum nicht, daß sie jetzt ein Theaterlager eröffnet. Die Öffentlichkeit hat leider noch viel zu wenig Ahnung von dem, was in der HI. geleistet wird.
Der Stabsleiter ging dann auf die verschiedenen Versuche zur Erfassung des Künstlers ein und hob hervor, daß das Erlebnis aus dem Lager heraus als der beste Weg gefunden wurde, wie es Ober- aebietsführer Cer ff schon beim Heidelberger Lager feststellte, an dem sich namhafte deutsche Künstler beteiligten. Das Ergebnis dieses Lagers soll in der Erarbeitung des dramatischen Spiels „Bardowiek" bestehen. Dies Lager soll die innere Sammlung und die Leistung hierfür bringen. Und in diesem Lager soll auch die künstlerische Arbeit eine Ausrichtung auf das. eine große Ziel erhalten.
Ganz besonders betonte der Stab sie i ter, daß das Theater erst durch die nationalsozialistische Jugend zu seinem vollen Erfolg kommen könne, die sich
mit innerer Bereitschaft ihm widme und die als Jugend immer der begeisterteste Zuschauer sein wird. „Wenn auf solch breiter Basis", so sagte der Bannsührer zum Schluß, „Arbeit geschafft wird für Hessen-Nassau, so werden die ersten Lagerteilnehmer Pioniere für sich und für ihre Theater sein in der Absicht, wahre und echte Künstler zu werden." Indem er ihnen vollen Erfolg ihrer Bemühungen wünschte, übergab er Scharführer Blaeß (Wiesbaden) die Leitung des Lagers.
Während zwei Fahnengedichte von Herbert Böhme und von Helmut Hansen gesprochen wurden, stteg die HJ.-Fahne in die Höhe. Mit einem Lied klang die Feier aus.
Der Arbeitsplan.
Der Lagerleiter Rudolf B l a e ß , Schauspieler am Deutschen Theater in Wiesbaden, gab dann die Richtlinien der Lagerarbeit bekannt, die-später der Öffentlichkeit unterbreitet wird. Das dramattsche Spiel „Bardowiek" von Hans Geisow wird im Lager einstudiert und am 22. August anläßlich des Gebietssportfestes im Stadttheater Gießen uraufgeführt. Neben dieser Arbeit werden bedeutende Männer des Theaterlebens zu der Gemeinschaft sprechen. Am Dienstag, 3. August, lieft Dr. Hans Geisow aus einer Dante-Uebersetzung vor. Am Mittwoch spricht der Landesleiter der Reichstheaterkammer Wartenberg. Am Donnerstag, dem 5.August, spricht der Intendant des Gießener Stadttheaters Schultze-Griesheim über Dheateraufführung im neuen Deutsch- land. Ferner sprechen in der zweiten Woche Prof. Dr. Nie s se n und Obergebietsführer C e r f f von der Reichsiugendführung sowie der Führer des Gebietes Hessen-Nassau Erich Brandt.
Außerdem sollen Kameradschaftsabende jeden Teilnehmer anregen, die Gemeinschaftsabende der HI. mit ausbauen zu helfen. Ein solcher Abend zusammen mit den HJ.Führern aus Gießen soll beispielgebend wirken. Den Gleibergern und Krofdorfern wird durch Dorfgemeinschafts- abende unter der Linde Gelegenheit geboten fein, den Schauspieler einmal ohne Schminke und Maske kennen zu lernen. Kapellmeister Joseph Dünn- w a l d vom Deutschen Theater in Wiesbaden, der musikalische Leiter des Lagers, wird in Musik- a b e n d e n die Kameraden mit den großen deutschen Meistern und vor allem mit dem Volkslied vertraut machen.
Susannes Tochter.
Noman von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin W 35.
13 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Lyk fährt sich erregt in das dünne Haar: Nein, mit der Flucht — das ist Unsinn. Das geht nicht. Aber was sonst? Wenn es doch ein Mittel gäbe, diesen Lorenz bis ans Ende der Welt zu verschicken! Wenn es doch... er lauscht hinunter auf den Hof.
Sabine... Sie spricht mit jemand, jetzt lacht sie leise auf. Mit wem spricht sie denn? Auf Zehenspitzen schleicht Lyk auf den Balkon und späht hinunter: Sabine sitzt auf der Bank am Haus, vor ihr sitzt der Spitz, macht Männchen und bettelt um den Kipfel von Sabines Hand.
Na, wenn es weiter nichts ist! Lyk hatte schon gefürchtet, daß... „Verdammter Unsinn..." sagt er halblaut zu sich selbst und geht — nun allerdings nicht mehr auf Zehenspitzen, sondern ganz laut und ungeniert — ins Zimmer zurück. Aber dann erinnert er sich, wie grob er Sabine vorhin angefahren hat, und er fühlt das Bedürfnis, ihr ein paar freundliche Worte zu sagen.
Er geht hinunter und tritt wie von ungefähr unter die Haustür. Der Spitz fitzt noch immer vor Sabine und macht „Schön , und Sabine redet noch immer mit ihm. Lyk hört eine Weile zu, dann räuspert er sich. Sabine fährt erschrocken herum, und das Kindliche in ihrem Gesicht erlischt Sie steht auf und wirft den Rest des Kipfels in hohem Bogen dem Hund zu. Dann steht sie verlegen da.
„Warum bleiben Sie nicht sitzen?" fragt Lyk.
„Ich wollte — ich habe noch einen Brief zu schreiben, ich wollte sowieso —"
„Aber vorher können Sie sich doch noch ein paar Minuten zu mir setzen, ja?"
Sabine nickt und setzt sich. Eine Weile schweigen sie.
„Ich war vorhin sehr grob zu Ihnen", beginnt Lyk dann, „es hat mir sehr leid getan, aber es mußte sein."
Sabine wird rot. „Oh, bitte."
„Außerdem war ich sehr aufgeregt", fährt Lyk fort und schiebt mit der Stiefelspitze einen Stein
hin und her, „biefe Begegnung mit dem Mann war..."
Er verstummt. Ist er verrückt geworden? Hat er nötig, sich in Erklärungen einzulassen? Ist es nicht erlaubt, seine Sekretärin zurechtzuweisen, wenn er es für notwendig erachtet? Albert Lyk — wo gerätst du denn hin? Aber da ist ein anderer, ein Zweiter Lyk in ihm, und wieder einmal hat biefer Zweite Lyk ein heftiges Bedürfnis nach Aussprache über das, was er vorhin erlebt hat.
Und nach einem kurzen Kampf siegt Lyk zwei über Lyk eins, und Sabine erfährt also, daß biefe Begegnung nicht die erste zwischen den beiden Männern war, sondern daß Lyk diesen — hm — Tagelöhner namens Renz schon von früher her kennt und daß Renz einmal bessere Tage gesehen hat. Warum und wodurch er eigentlich so heruntergekommen ist, das hat er, Lyk, noch nicht heraus, aber das ist ja auch Nebensache. Hauptsache ist, daß dieser Renz nun eine Stellung sucht und gehofft hat, Lyk, als alter Bekannter, werde ihn einstellen.
„Aber kann man denn einen Mann einstellen, ber derart heruntergekommen ist, der wer weiß was auf dem Kerbholz hat, der wahrscheinlich sogar trinkt? Ich bitte Sie! — Ich habe es auch glatt adgelehnt, und das war der Grund, daß er so erregt war und — entsinnen Sie sich, Fräulein Sabine, wie er die Hand nach Ihnen ausgestreckt hat? Entsinnen Sie sich?"
Ja, Sabine ist es auch so geroefen ...
"Da hätte er Die um ein Haar um Hilfe gebeten! Sie sollten ein gutes Wort für ihn einlegen, oer- stehen Sie? Und darum hab' ich Sie auch so schnell hinauskomplimentiert. Weil ich nicht wollte, daß Sie mit hineingezogen werden."
Er hält inne und wischt sich mit dem Taschentuch die Sttrn ab. Es ist doch schon sehr heiß hier in der Sonne, so dicht an der Hauswand. Oder ist ihm nur so heiß, weil er... Aber es ist doch alles klar was er gesagt hat — bis auf den einen Punkt! Gr schielt verstohlen zu Sabine hin. Glaubt sie, was er ihr erzählt hat?
Sabine blickt ernst vor sich hin, während sie ein- wirft: „Ich habe den Mann ja nur ganz kurz ge- feben, aber so, als ob er schlecht wäre, sah er nicht aus. 7
setzt sich auf und starrt sie verwundert an.
Sabine gibt den Blick zurück, dann sieht sie wieder geradeaus und lächelt ungewiß.
„Was denken Sie denn jetzt?" fragt Lyk.
Sabine wippt mit den Füßen und betrachtet ihre leichten Schuhe. „Das kann ich nicht sagen!"
„Doch, sagen Sie's nur."
„Nein, es ist sehr ungezogen."
„Trotzdem. Ich bitte Sie darum."
Sabine betrachtet noch immer ihre Schuhe: „Ich dachte", sagt sie langsam, „wenn Sie mal ein Vierteljahr lang nichts zu essen gehabt hätten und mit so einem zerrissenen Anzug ankämen, dann sähen Sie auch nicht besser aus als dieser Renz. Und trotzdem wären Sie tief gekränkt, wenn man Sie deswegen für einen schlechten Kerl halten wollte. Stimmt's?"
„Nein — na — also sowas!" Lyk ist überrascht.
„Sehen Sie", sagt Sabine, „es war ungezogen, was ich gedacht hab', und jetzt sind Sie böse."
„Böse? Aber nein!" Lyk lacht schallend auf. O nein; böse ist er durchaus nicht. Im Gegenteil, er war nur so verblüfft, weil sie ja recht hat.
„Und wenn ich recht habe", hakt Sabine schnell ein, „dann fällt auch der Grund weg, warum Sie den Mann nicht einstellen wollen."
„O nein! Ich sagte doch, daß er trinkt!"
„Hungern erträgt sich eben viel leichter, wenn man es mit Alkohol übertäuben kann."
„So. Sehr interessant. Aber wenn einer dann mal nicht mehr zu hungern braucht, schwindet der Hang zum Alkohol meistens doch nicht/7
„Das ist sicher von Fall zu Fall verschieden!"
„Gut und schön. Aber weiß ich, wie's in diesem Fall ausgehen wird? Nein, lieber die Hände weg. Ich werde den Mann mit Geld abschieben."
„Das würden Sie ja nur tun, um Ihr chlechtes Gewissen zu entlasten."
„Aber weshalb muß ich denn dabei ein schlechtes Gewissen haben?"
. "Weil Sie genau wissen, daß es für den Mann mel besser wäre, wenn Sie ihm Arbeit statt Geld geben würden, das Geld hat er in ein paar Wochen verbraucht. Ader die Arbeit bleibt ihm..."
Nun hör' sich bas einer an, denkt Lyk und schwankt zwischen Merger und Vergnügen. Und gleich hinterher packt ihn etwas wie Entsetzen: wenn DaSJrr wüßte, für wen es sich da so eifrig einsetzt?
"Also Sie, an meiner Stelle", erkundig er sich
dann und lacht unbehaglich, „Sie würden den Mann einstellen?"
Sabine nickte heftig: „Weil ich glaube, daß arbeitslos zu fein viel schlimmer für einen Mann ist als alles andere. Und weil ..."
Sie verstummt und preßt die Finger ineinander. Lyk, der sie verstohlen beobachtet, sieht, wie es um ihren Mund zu zucken beginnt.
„Und?" fragt er leise, beinah zärtlich und sehr angerührt: „Und?"
„Ich hab' den Mann vorhin weggehen sehen", sagte Sabine leise. „Er ging so entsetzlich müde, als ob er garn mit sich zu Ende wäre."
Jetzt hält sie mich für einen ganz kalten, herzlosen Menschen, denkt Lyk und öffnet schon die Lippen, um sich zu verteidigen und anzudeuten, daß in diesem Fall die Dinge ganz besonders kompliziert liegen und daß man seinen Gefühlen eben nicht immer nachgeben kann.
Aber er sagt es nicht. Er fühlt plötzlich mit unheimlicher Klarheit, daß er sich diesem Mädchen mit solchen Entschuldigungen nicht näher bringt, und daß — ja, auch dies weiß er plötzlich — ihr ganzes zukünftiges Verhältnis zueinander fast ausschließlich von der Entscheidung abhängt, die er nun treffen wird. Er weiß es! Er sieht es ihr an! Er spürt es bis in die Fingerspitzen. Und zugleich trifft ihn blitzartig die Erkenntnis, daß Sabine, wie sie da so sttll sitzt und auf das entscheidende Wort von ihm wartet, nicht nur gemäß ihrem eigenen Wesen handelt, sondern gemäß jener jungen Generation, der sie angehört. Ja, es ist die Jugend an sich, die Lyk plötzlich neben sich fitzen sieht, die strenge, gerade, kompromißlose Jugend, und wenn er jetzt anders entscheidet, als diese Jugend erwartet, bann sagt sie sich innerlich los von ihm. Nun gut, und wenn es dann aus ist, wenn Sabine sich enttäuscht von ihm abwendet, soll sie es tun!
Ach, warum tut er so großartig erhaben und weiß doch genau, daß um alles in der Welt dieses junge Menschenkind sich - nicht verächtlich von ihm abwenden darf? Er vertrüge es ganz einfach nicht..
Er steht auf und sieht Sabine mit einem merkwürdig aufgewühlten Blick an. Sabine hebt den Kopf, ihre tiefgrauen Augen sind erwartungsvoll auf ihn gerichtet, und sie preßt den Mund zusam- men, als wisse sie schon, daß Lyk nein sagen werde.
Fortsetzung folgt


