ltr.125 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 2.Zuni 1957
Lire 2rZleoerieyens,e,er der ersten Gießener Reservisten.
Aus der Stadt Gießen.
Don Grillensang und Srillenfang.
Wenn die Sonne heiß auf die Felder und Wiesen strahlt, dann ist großes Konzert in Gottes freier Natur: die Grillen zirpen, feilen und fiedeln luftig darauf los, und von fern und nah stimmen die monotonen, aber unermüdlichen Sänger und Geiger 3n einem Tonstück zusammen, das etwas eigentümlich Ansprechendes für den Menschen hat. Ja, ist man ganz allein unter goldglühendem Himmel Hörer dieser vertrauten Weise, so kann man es begreifen, daß abergläubische Menschen in diesem Summen, Surren und Sirren unsichtbarer Lebewesen etwas Unheimliches finden; so sagt man beispielsweise in manchen Gegenden Hessens, das Murmeln und Girren stamme von einem Acker- gefpenst oder Korvdämon her, der in schweigender Mittagsstunde sein Wesen in den goldenen Aeckern und grünen Wiesen treibe.
Eine Grille zu Gesicht zu bekommen, ist nicht leicht; es gehört große Geduld dazu. Denn die Grillen sind schlau, sie lassen sich nicht leicht überlisten; bleibt man nämlich stehen und schaut sich zwischen den Aehren oder Halmen nach ihnen um, so schwiegen die nächstsitzenden Tiere, rufen einem aber bald wieder nach, wenn man sich entfernt. Wer also Grillen sehen oder gar fangen will, wappne sich mit Ausdauer! Daher sagt man denn auch von einem Menschen, der mit verbissener Hartnäckigkeit trüben Gedanken und unerfreulichen Vorstellungen nachhängt: er „fängt Grillen".
Bezeichnend für das klirrende, schwirrende Singen der Grille — althochdeutsch „der grill" — sind auch andere volkstümliche Namen. In der Pfalz sagt man „Kricksel", in der Steiermark „der Zirp" zur Feldgrille. Sein Vetter ist das H e i m ch e n, die Hausgrille: sie gilt im allgemeinen als guter, traulicher Hausgeist; auch sagt man, Zwerge, Heinzelmännchen lieben es, sich in Grillengestalt am Herd oder Backofen aufzuhaltezi.
Eine mitteldeutsche Sage erzählt: Heimchen und Grillen halfen den Bauern fleißig auf dem Felde, der Bauersfrau beim Brotbacken daheim. Als dann „ernste, fromme Männer" — also die christlichen Missionare! — kamen, hätten diese die Zwerge, die sich in Grillengestalt so nützlich machten, dadurch beleidigt, daß sie behauptet hätten, solche Ungeister seien die Seelen verstorbener, ungetaufter Kinder. Da das Volk anfing, diesen Aberglauben nachzuschwätzen, seien die Zwerge abgezogen aus dem Lande, und dort wohnen jetzt nur wirkliche Grillen und Heimchen, die statt zu helfen nur musizieren, sonst aber nichts nützen, ja manchmal sogar ein wenig Schaden durch ihre Genäschigkeit machen. Bemerkenswert ist — zumal wenn man die Ähnlichkeit der Bezeichnung „Heimchen" und „Heinzelmännchen" beachtet — die beiden Wesen angedichtete Neigung, „inkognito" Gutes zu tun, aber bei Erkanntwerden zu verschwinden, wie auch Kopischs Sage von den Kölner Heinzelmännchen so hübsch erzählt. Und dazu stimmt ja die Tatsache, daß — wie die Feldgrille — auch das Heimchen sich sehr selten und ungern sehen läßt.
Verhaßt ist, wo sie in Mengen auftritt, dem Bauern die gefräßige Maulwurfsgrille, die vor allem die Wurzeln des Wiesengrases und der Gartenpflanzen zerbeißt und die Pflanzen und Gräser dadurch zum Welken bringt. Die Werre, wie man in Oesterreich, oder der Werrrn wie man in Baden sagt, frißt nach altern Volksglauben im Jahre „sieben Laib Brot", das bedeutet, es zerstört so viel Korn oder andere Nutzpflanzen, daß der Wert des Vernichteten sieben großen Bauernbroten entspricht. W. L.
NGLB., Iachschaff Höhere Schule.
Abteilung höhere Schule, Fachschaft „Deutschkunde".
Nächste Sitzung am Freitag, 4. Juni, um 16 Uhr, pünktlich, in der Oberrealschule. Vortrag: „Die Balladendichterin Agnes Miegel."
Während am Sonntag auf dem Bahnhofsvorplatz eine unübersehbare Menschenmenge dem Konzert des Musikkorps des IN. 116 lauschte und die Sonderzüge immer neue Teilnehmer am 116er-Tag brachten, bereiteten sich die ersten Gießener Reservisten des Dritten Reiches zu ihrer ersten Wiedersehensfeier vor. Aus Saarbrücken, von der Mosel, Frankfurt a. M. und aus der näheren Umgebung waren die ersten „Achtwöchentlichen" in der Unterkunft eingetroffen, vor der eine SA.-Kapelle konzertierte, während es sich die mit ihren Frauen erschienenen Gäste in dem provisorisch errichteten Vorgarten gemütlich machten. Die Unterkunft war zur Besichtigung freigegeben, um auch den Frauen einmal zu zeigen, was Opfersinn und Kameradschaft aus eigenen Kräften zu gestalten vermochten.
Den Höhepunkt der Wiedersehensfeier bildete eine längere Ansprache des
Kommandeurs des E-Datl. Major Junker
an die auf dem Uebungsplatz gegenüber der Unterkunft angetretenen Schützen und Reservisten. Einleitend verwies der Major darauf, daß sie nicht mehr, wie zu Beginn, E.-Batl. Gießen ober später Nr. 53 bezeichnet werden, sondern eingereiht wurden in das Inf.-Regt. 116. Wer die Wiedersehensfeier dieses alten stolzen Jnf.-Regts. „Kaiser Wilhelm" (2. Großherzoglich-Hessisches) Nr. 116 — so hob der Major hervor — miterleben durfte, wird etwas davon gefühlt haben, wie sehr Tradition, Zusammengehörigkeitsgefühl und Kameradschaft verpflichten.
In großen Zügen machte der Bataillonskommandeur dann die ersten Reservisten dieses Regiments mit der großen und ruhmreichen Geschichte des
Nachdem erst vor wenigen Wochen etwa 75 Kinder der ersten Einweisungen in Pflegestellen den Kreis Wetterau der NSV. verlassen haben, kam gestern wieder ein großer Transport der Kinderlandverschickung der NSV. in unser Gebiet. Ein Zug aus dem Gau Groß-Berlin hielt in Gießen. Der Zug war mit etwa 800 Kindern besetzt, von denen 200 in Gießen ausstiegen. 120 dieser Kinder kamen in den Kreis Wetzlar, die übrigen wurden im Stadtrandgürtel unserer Stadt untergebracht.
400 Kinder aus ebenfalls diesem Zug fuhren weiter und wurden von Butzbach bzw. von Friedberg aus in Orte der Wetterau gebracht. Den Kindern war anzusehen, daß sie sich auf die kommenden Wochen des Ferienaufenthaltes in unserer schönen oberhessischen Heimat freuten. Es besteht wohl kaum ein Zweifel darüber, daß sich die Kinder bei der spende- und opferfreudigen oberhessischen Bevölkerung sehr wohlfühlen werden. Für die Kinder ist ein Ferienaufenthalt von 5 Wochen vorgesehen.
Diese umfangreichen Kindertransporte, die gerade in der jetzigen Zeit unterwegs find, erfordern umfangreiche organisatorische Maßnahmen. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit besteht in der Sicherstellung der Verpflegung der Kinder während der Reise. Ueberall greifen die Mitglieder der NS.-Frauenschaft und des Frauenwerkes hilfreich ein. Viele Hunderte von Kindern werden in einer verhältnismäßig kurzen Zeit gut und ausreichend verpflegt.
So konnte man zum Beispiel gestern in Friedberg beobachten, wie sehr rasch nicht weniger denn 710" Kinder mit Brötchen und Würstchen und mit etwa 350 Litern Tee bewirtet wurden. Allenthalben steht ausreichendes Sanitätspersonal zur Ver
alten Gießener Regiments vertraut, dessen Anfänge vor 150 Jahren er schilderte. Ausgehend von den Kämpfen dieser hessischen Formation um 1790 unter dem Korsen, über den Anschluß 1812/13 an die Preußen und die Beteiligung an der Niederwerfung einiger Aufstände, erinnerte er an das Denkmal des hessischen Löwen vor dem Friedberger Tor in Frankfurt a. M. als dem Ehrenmal für die tapferen hessischen Soldaten. Er ging dann auf die Ereignisse beim deutsch-österreichischen Krieg ein und ließ ein Bild der Heldentaten der Hessen im 70er-Krieg entstehen. Als Auszeichnung wurde das Regiment 116 aufgestellt und Gießen ihm als Garnison zugewiesen.
Der Major ging dann auf die erfolgreiche Friedensarbeit ein, die dem Regiment hohe und höchste Schießauszeichnungen einbrachte, wie keinem anderen Regiment in der deutschen Armee, und es zu Heldentaten befähigte, wie sie mit ehernem Griffel in die Geschichte des deutschen Volkes eingetragen sind. Den Ruhmestag von Anloy muß sich jeder Reservist merken. Die stolze, ruhmreiche Vergangenheit verpflichtet auch den Reservisten, aus der Geschichte zu lernen und Verständnis dem ewigen Werden der neuen soldatischen Form unseres Volkes entgegenzubringen. Neben der rein waffenmäßigen Ausbildung soll der Reservist die Größe deutschen Soldatentums begreifen lernen, das ein Grundpfeiler für den Aufbau unseres Volkes bedeutet. Mit dem Treuegelöbnis zum Führer wurde der Wiedersehensappell beschlossen.
In den Speiseräumen war Gelegenheit zur Einnahme eines Eintopfessens gegeben, von der sehr reichlich Gebrauch gemacht wurde. Nach einer kurzen angeregten Unterhaltung rückte das E.-Batl. dann zum Wehrsportfest auf dem Trieb ab.
fügung. Selbstverständlich ist immer auch ein NSV.- Arzt zur Stelle. Um den Kindern außerdem eine besondere Freude und Unterhaltung zu bieten, fehlen auch Musikkapellen nicht, die den Aufenthalt auf den Bahnhöfen den Kindern kurzweilig gestalten.
Aus dem KreisamtsgebietWetterau ist der Kindertransport in diesen Tagen abgeschickt worden, und zwar nach Schleswig-Holstein, hauptsächlich in die Gegend von Schleswig und Flensburg. Die Kinder sind dort fast ausnahmslos am Ostseestrand in Pflegestellen untergebracht.
Dornoiizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSLB. Kreis Wetterau: 15.30 Uhr Kreisoer- farnrnlung in der neuen Peftalozzifchule; Gauredner Jordan spricht über „Schule und Vierjahresplan". — Jugendluftschutztag: 20 Uhr Oswaldsgarten Brandbekämpfung und Gasmaskenschutzübung. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr Abschiedsvorstellung für Heinrich Hub: „Der blaue Heinrich". — Gloria- Palast, Seltersweg: „Die göttliche Jette". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Grenzpolizei Texas".
NS. Kriegsopferversorgung, Kameradschaft Gießen.
Vetr.: Fahrt nach Vadhomburg am 6. Juni.
Die Fahrkarten für diese Fahrt können bis spätestens 4. d. M. gegen Zahlung von 2 Mark auf unserer Geschäftsstelle, Bahnhofstraße 38, in der Zeit von 8 bis 13 Uhr oder 15 bis 17 Uhr abgeholt werden.
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NSDAP. Ortsgruppe Gießen-Süd.
Hilfskasse.
Alle Angehörigen der SA., SS., Marine-SA., Reiter-SA. und des NSKK., die im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd wohnen und nicht der Partei angehören, zahlen ihren Beitrag zur Hilfskasse für die Monate Juli, August und September 1937 am Dienstag, 1. Juni, Mittwoch, 2. Juni, und Donnerstag, 3. Juni, jeweils in der Zeit von 20 bis 22 Uhr auf der Geschäftsstelle der Ortsgruppe, Frankfurter Straße 29 H.
Wer seinen- Beitrag nicht rechtzeitig entrichtet, wird bei der Hilfskasse in München abgemeldet und hat sich daraus entstehende Folgen selbst zuzuschreiben.
Hundert Jahre Gleiberg-Berein.
Am 4., 5. und 6. Juni begeht der Gleiberg-Verein die Feier feines hundertjährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß wird am Freitag in Gießen ein Festabend mit der Aufführung des Festspieles „Im Gasthaus zur Spiespforte zu Gleiberg" von Oberstudiendirektor Philipps, Friedberg, stattfinden. Am Samstag soll dieser Abend in Krofdorf-Gleiberg wiederholt werden. Für Sonntag nachmittag ist großes Volksfest auf der Burg vorgesehen.
Wie uns aus dem Kreise des Vereins-Vorstandes mitgeteilt wird, hat Ministerialrat Ringsh au- j e n, unter dessen Schirmherrschaft das Fest stattfinden wird, sein Erscheinen bei der Veranstaltung am Freitag in Gießen bestimmt zugesagt. Er wird dort zu den Besuchern des Abends sprechen.
Schwere Derkehrsunfälle in Gießen.
Am geflogen Dienstagnachmittag ereignete sich in der Rodheimer Straße, Nähe der Schützenstraße, ein schwerer Verkehrsunfall, dem leider ein Menschenleben zum Opfer fiel. Dort befand sich der Regierungslandmesser Schlösser aus Wetzlar mit seinem Fahrrad auf der Fahrt in Richtung Heuchelheim, um nach feinem Wohnort Wetzlar zurück- zukehreü. Auf dem Gleis der Biebertalbah-n stand eine Pferdefuhrwerk, das ein schwer mit Kies beladenes Lastauto eines hiesigen Fuhrunternehmers überholen wollte. In diesem Augenblick passierte der Radler die kritische Stelle und geriet dabei unglücklicherweise vor das Lastauto, von dem er zu Boden gerissen und durch Ueberfahren auf der Stelle getötet wurde. Nach Feststellung des Sachverhalts durch die behördlichen Organe wurde die Leiche des bedauernswerten Mannes zur Bestattung freigegeben. Die weiteren polizeilichen Ermittlungen sind im Gange.
Am heurigen Mittwoch früh gegen 7.30 Uhr ereignete sich in der Marburger Straße ein weiterer Verkehrsunfall, der einen Personenkraftwagen aus Berlin betraf. Das Auto, mit einer Dame und zwei Herren besetzt, wollte unmittelbar an der Einmündung des Wiesecker W-ges in die Marburger Straße einen in der gleichen Richtung (nach Lollar zu) fahrenden Lastkraftwagen überholen. Im gleichen Augenblick bog ein Mädchen auf einem Fahrrad vom Wiesecker Weg in die Marburger Straße nach der Stadt zu ein, ohne den herannahenden Personenkraftwagen bemerken zu können, da der Radfahrerin durch den Lastkraftwagen die Sicht versperrt war. Der Führer des Personenkraftwagens riß geistesgegenwärtig das Steuer nach links, um das Mädchen nicht zu überfahren. Dabei fuhr der Wagen auf den linken Bürgersteig und mit großer Wucht gegen einen Baum. Die Insassen erlitten, da bei dem heftigen Anprall einige Scheiben in Trümmer gingen, mehr oder weniger schwere Schnitt- verletzungen. Einer der Insassen, ein älterer Herr, zog sich einen Unterarmbruch zu. Durch die Sanitätskolonne vom Deutschen Roten Kreuz wurden die Verunglückten in die Poliklinik gebracht. Die Polizei nahm sofort die Ermittlungen über die Schuldfrage auf. Der Kraftwagen wurde erheblich beschädigt und mußte abgeschleppt werden.
Gchauspielmusik.
Von Or. Paul Gerhardt Dippel.
seiner
igen Die Goethes
Das Deutsche Theater in Berlin hat bei , Neueinstudierung von Shakespeares „Coriolan" den Komponisten Rudolf W a g n e r - R e g e n y beauftragt, eine Bühnenmusik zu Der Tragödie zu schreiben. Das ist eine Tatsache, die über Das Alltägliche unseres Theaterbetriebes hinausreicht. Wie Der Darstellungsstil eines überzeitlichen Kunstwerkes einem zeitbeDingten Geschmack und einer jeweiligen „Auffassung" von Wesen unD Struktur Des Dramas entspricht, so ist auch Die Bühnenmusik von jeweiligen Geschmacksrichtungen abhängig, Die mit Der Entwicklungsgeschichte Des Schauspiels aufs engste verknüpft sind. Kann man Doch aus Der Art, wie Die Schauspielmusik zu Goethes „Faust" vor hundert Jahren war unD wie sie ein heutiger Musiker gestaltet, genau erkennen, welche Wandlungen Die Art Der Darstellung unD Wiedergabe von Goethes Dramatischem Gedicht erfahren hat. Auch Das große unD vielfältige Theaterwerk Shakespeares hat zu allen Zeiten nach Musik gerufen, Die Die unmittelbare Wirkung von Der Bühne herab verDichten unD verstärken sollte.
So hat man in letzter Zeit vielfach versucht. Den Zeitcharakter Der Shakespeare-Dramen DaDurch zu betonen, Daß man ihnen Werke von H. Pu reell. Dem größten englischen Musiker, beigab. Das war ein Experiment. Ein Experiment war unD bleibt es auch, wenn vor einiger Zeit Das Deutsche Theater in Berlin als musikalischen Stimmungshintergrund zu „Romeo und Julia" Kammermusik von Franz Schubert wählte. Da erklangen — angedeutet und hinter der Bühne als akustische Szenenwirkung — „Der Tod und das Mädchen", Sätze aus einem Streichtrio und andere Kammermusik von Schubert. Bei dieser Verwendung reiner Kammermusik als Bühnenmusik ergab sich ein innerer Widerspruch zwischen Den Werken, Die mit-, durch- und auseinander wirken sollten.
Wie hat nun Wagner- R 6 g e n y seine Ausgabe gelöst? Er verlegt Die Bühnenmusik hinter Die Szene unD gibt Damit schon rem äußerlich zu erkennen. Daß sie nichts anDeres sein will als Dramatisch, szenisch unD stimmungsmaßig "^tiefender Faktor Der Aufführung, nicht aber eine unlo-liche Zugabe zur Dichtung, wie etwa Beethovens ,^9- mont"-Musik. Wagner-Regeny verwendet «treicher, Bläser unD ein solistisch eingesetztes kleines Or. chefter Das Die VerbinDung zwischen Den einzelnen <5>Cnen herstellt, einen großartigen Triumphtanz melodisch und rhythmisch unterbaut und zur szem- frhen Verdeutlichung eine ungemein packende Ulu- ftratioe Untermol'unfl und Begleitung gibt. Wesens-
beftandteil Der Dichtung als solcher ist Damit Wag- ner-Rägenys Musik keineswegs. Sie ist wie Die vielen und außerordentlich gekonnten Bühnenmusiken von Mark Lothar im Berliner Staatstheater eine Angelegenheit Der Aufführung, nicht Der Dichtung, eine ADdition zur szenischen Verwirklichung, nicht künstlerischer Selbstwert.
Was unterscheiDet nun innerhalb Der Bühnenmusiken Das Wesen Der großen und kongenialen Schauspielmusik von einer auch noch so hochstehenden theatralischen Gebrauchsmusik, unter die wir auch Wagner-Rägenys Arbeit rechnen möchten? Beechoven hat eine sinfonisch konzipierte Musik zu einem Drama „Coriolan" geschrieben, Das von seinem Zeitgenossen Collin stammt. Die unheimliche Düsterkeit, die Die Ouvertüre beherrscht, betont Den tragischen Zug Des Stoffes unD ist keineswegs von Einzelheiten Des Stücks befruchtet. Beethovens „Coriolan" könnte man ebenso gut Der Shake- spearischen TragöDie voranschicken, er wirkt als Bühnenmusik unD lebt als musikalische Leistung nicht weniger im Konzertsaal. Die musikalische Gestalt, Die sinfonische JDee — sie sinD es, Die Das Beet- hovensche Kunstwerk (trotz feiner Bestimmung für Collins „Coriolan") Der Shakespearschen TragöDie näherrücken, als Die aus einer musikalischen Gegenwartssprache heraus entstandene „Coriolan"-Musik unseres Zeitgenossen. Das ist keine Unterscheidung Des Wertes, sondern eine Des Stils unD Der Absicht.
Eine iDeale Schauspielmusik schuf Beethoven zu Goethes „Egmont". Sie ertönt als Ouvertüre ebenso häufig im Konzert, wie vor Dem Goetheschen Drama, mit Dem sie eng verwachsen ist. Die musikalische Ide«, roirD bis in jeDe Einzelheit von Der dichterischen Idee ergänzt Hier fanden sich zwei Zeitgenossen in einem Werk zusammen, wie nur selten zuvor oder später. Einen ähnlichen Jdealfall haben wir in Griegs „Peer-Gynt"-Musik. Zwei nordische Künst- ser sind hier in einem ebenso bedeutsamen wie volkstümlichen Stoffe aufeinandergestoßen. Genau wie Beethovens Klärchen-Lieder im „Egmont", stehen Griegs Solveig-Lieder im Jbsenschen „Peer Gynt" als unmittelbarer Bestandteil des Kunstwerks ganz im Dienste der dramatischen Wahrheit. Aus gleicher Landschaft geboren, ist Grieg ebenso wenig von Ibsen abzulösen, wie Beethoven von Goethe. Hier ist der Kanon für. die Schauspielmusik der kommenden Zeit aufgestellt. Aehnlich verhält es sich mit Schumanns „Manfred"-Musik. Hier hat ein genialer Musiker zu Byrons wesensverwandter Dichtung eine „Tondichtung" geschaffen, die — trotz Nietzsche — weit mehr ist als eine theatralische Untermalung. Auch Hans Pfitzners Musik zu „Käth- chen von Heilbronn" ist vom gleichen Geist der Romantik, aus Dem Kleists romantisches Drama wuchs. Die art- unD wesensverwanDte Zweieinigkeit, Die
sich im Werk offenbart, verDiente, Daß Pfitzners „Käkhchen"-Musik viel häufiger aufgeführt würDe, als es geschieht.
Die Frage nach Der Schauspielmusik wird Durch Die Wirklichkeit Des Theaters immer neue Beantwortungen finden. Sicher aber ist Dies: Ihr Wesen roirD keineswegs Durch Bemühungen von drama- turgisch-regielicher Seite her eine neue Gestaltung erhalten, sondern auch hier wächst Die Kunst nach einem absichtslosen Gesetz.
Kleines Tischgespräch.
Bei Tisch erzählt Die große Tochter, zehn Jahre alt, mit berechtigtem Stolz von ihren Fortschritten in Der englischen Stunde, Lyzeum, Sexta II. Die Eltern hören mit Interesse zu, die kleine Tochter aber, beinah vier, fühlt sich benachteiligt, weil sie nicht zu Worte kommt, und verkündet schließlich, obwohl sie Den Löffel voll Spinat noch nicht ganz unten hat, mit schallender Stimme: Die Cilli hat ein Loch im Bauch! Unter anDern UmftänDen würDe sie wahrscheinlich zur Ruhe gewiesen worden fein, doch ist Die ganze Familie von Der überraschenden unD beängstigenden Mitteilung so betroffen, daß Die Kleine weiteres von sich geben darf, obwohl Die Große mit ihrem Schulbericht unD Dem ABC auf Englisch noch nicht zu RanDe gekommen ist.
Zum Glück stellt sich gleich heraus, Daß Cilli kein Mensch ist, sondern ein Hund. Dieser Hund gehört einer benachbarten Familie, in Deren Garten Die kleine Tochter Den Vormittag über mit ihrer Freun- Din gespielt hat. Immerhin ist auch ein Hund mit einem Loch im Bauch ein beunruhigender Tatbestand, und Die Eltern erkundigen sich besorgt nach Einzelheiten, schon um sich zu vergewissern, daß zwischen Dem Loch in (Tillis Bauch unD Dem Spiel Der Kinder im ©arten nicht irgenDein dunkler und unheimlicher Zusammenhang obwaltet.
Mit nichten: es war Die Katze. Welche Katze? Das ist nicht zu ermitteln. Die Erzählungen Der Kleinen sinD meist so beschaffen, Daß bei Den Großen zuletzt immer noch allerlei ungeklärte Fragen bestehen bleiben. Wie Dem auch sei: Die Katze war es. Jr- genDeine Katze. Sie hat mit Cilli gespielt, Dann wurden sie uneins, Dann gab es — wenn man Dem Bericht Der kleinen Tochter trauen Darf — einen Streit mit Tätlichkeiten, unD Dann hatte Cilli ein Loch im Bauch. Na, unD? Gar nicht unD. Hat es Denn nicht weh getan? Hat sie nicht geschrien? Wie groß war denn das Loch?
Auf alle diese Fragen, die nunmehr auch die große Tochter bewegen, ist kein genauer Bescheid zu bekommen. Nur Dies, Daß Das Loch von Der guten
Mutter Der kleinen Freundin „zugeklebt" worden sei. Mit einem Pflaster wahrscheinlich. War Denn Das rohe Fleisch zu sehen, will Die große Tochter wissen, Die oft ein fatales Interesse für gräßliche Einzelheiten befunDet unD Den Dingen auf Den Grund zu gehen liebt. — Nö, sagt Die Kleine ungerührt. Die inzwischen mit Dem Spinat fertig und im Augenblick mehr mit Dem Nachtisch als mit Den aut- regenDen Begebenheiten Des Vormittags beschäftigt ist.
Hast du denn zugesehen, wie das passiert ist? — Och nö. — Es war also schon passiert. Du hast Das Loch gar nicht selber gesehen? War Das Fell ab? — Haha, lacyt Die Kleine und schwingt einen Löffel voll Pudding, was ihre Eltern mit Mißbilligung betrachten, obwohl auch sie beide Der Entwicklung Des Gesprächs mit einer gewissen Spannung folgen — hahaha, Hunden haben doch gar kein Fell.
Na, Das ist ja ein bißchen reichlich. Die Eltern unD Die Große haben eine solche Offenbarung nicht erwartet. Jetzt hält es Mutti Doch für angebracht, in Das Tischgespräch einzugreifen und ihm eine grundsätzliche Wendung zu geben. Es stellt sich nach einigem Hin und Her, febr zur Belustigung Der Großen, heraus. Daß Die Kleine nur solchen Hun- Den, Die „wuschlig" sinD, ein Fell zuzubilligen geneigt ist; Dem Pudelhund zum Beispiel, Den sie zwar nur von Bildern kennt, der aber zu ihrer Lieblingsrasse gehört. Cilli ist keineswegs ein 'Pudelhund, sondern ein kleiner glatter Dackel, mithin ohne Fell.
Die Große amüsiert sich sehr: was dachtest du denn, was der hat? Der Kleinen ist es einerlei. Sie hat über dieses Problem noch gar nicht nachgedacht. Hunden hohen kein Fell. Nur Der Pudelhund bat eins. Was Cilli hat — wer kann das wissen? Wahrscheinlich Stoff, wie die verschiedenen leblosen „Hunden" im Kinderzimmer ...
Die Kleine ist mit ihrem Pudding fertig und roirD gleich ihr Bett besteigen, um ein Nachmittagsschläfchen zu machen. Während Mutti ihr Das Nachthemd anzieht, ist Dip Große wieder obenauf und deklamiert das ABC auf Englisch. Die Kleine wundert sich derweile, daß die andern sich mit solchen Nebensächlichkeiten aufhalten. Das Interessante an diesem Vormittag war doch wohl unbestreitbar, daß Cilli ein Loch im Bauch hat — nicht etwa, ob dieser Bauch mit Fell oder mit Stoff bezogen ist. hth.
öod)fd)ulnacbricbten.
Professor Dr. Arnold Langen, Ordinarius für Römisches und Deutsches bürgerliches Recht an der Universität Greifswald, wurde von den amtlichen Verpflichtungen entbunden.


