die Schwalbe auf einen Blick, und zieht sich bald wieder zurück!" Also soll Sankt Jürgen noch einmal seinen Schimmel, den Schnee, satteln; dann aber ist's genug, selbst für den wetterwendischen Oster- mond, in dem dies Jahr Ostern sogar schon vorbei ist! Aber es bleibt dabei: „Man mot den April nämen, es he kämt", wie man in Niedersachsen sagt; denn des Wetters ist noch keiner Meister geworden, und des Aprilwetters schon gewiß nicht! W. L.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr Uraufführung „Das Schloß im Wind". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Etappenhase". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die graue Dame".
Uraufführung „Das Schloß im Wind" im Stadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Uraufführung des neuen Schauspiels „Das Schloß im Wind" von H. A. Weber statt. Bon dem jungen hessischen Dichter wurde bereits das Volksstück „Holzappel", welches von vielen Bühnen gespielt wurde, im Stadttheater uraufgeführt. Die Spielleitung hat der Intendant. Es wirken mit: Inge Birkmann, Charlotte Krause; Hans Geißler, Victor von Gschmeidler, Heinrich Hub, Wolfgang Kühne, Heinz Rosenthal, Hans Seitz, Fritz Walter. Karl Löffler schuf die Bühnenbilder. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind angefertigt nach Entwürfen von Sophie B u ch- ner, ausgeführt von Willi End r ich. Die Uraufführung erfolgt in Gegenwart zahlreicher geladener Gäste. Auch die Vertreter großer Tageszeitungen des Reiches haben ihr Erscheinen zugesagt. Die Vorstellung findet als 27. Vorstellung der Freitag-Miete statt, Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
NSDAP. Amt für Beamte.
Am Mittwoch, 7. April, 20 Uhr, findet im Cafe Leib in Gießen für die Kreisabschnitte des RDB. Mendorf (Lda.), Gießen, Grünberg, Hungen und Lollar ein Gemeinschaftsabend der Berufskameraden statt. Familienangehörige und Gäste sind willkommen.
Die deutsche Arbeitsfront N.9.-6emeinschM „Kraft durch freudc"
Amt Feierabend.
Sondervorstellung der Operette „Der Opernbal l". Am Samstag, 10. April, und Montag, 12. April, bringen wir als Sondervorstellung im Gießener Stadttheater die Operette von Heuberger „Der Opernball". Beginn 20 Uhr. Die Eintrittspreise sind 80 Pfennig und 1 RM. Bestellungen werden auf der Kreisdienststelle entgegengenommen.
Amt Reisen. Wandern, Urlaub.
Tages - Omnibusfahrt an die Bergstr a ß e. Am Sonntag, 11. April, führen wir eine Omnibusfahrt an die Bergstraße durch. In dieser Zeit steht die Bergstraße in voller Blüte, und so wird diese Fahrt jedem Teilnehmer zu einem Erlebnis werden. Der Fahrpreis beträgt pro Teilnehmer 5,50 RM. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen.
T a g e s o m n i b u s f a h r t an die Edertal s p e r r e. Am Sonntag, 18. April, führen wir eine Omnibusfahrt an die Edertalsperre durch. Der Teilnehmerpreis beträgt 5 RM. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen.
Osterfahrt der Nachrichtenschar 1/116.
Für die Osterfeiertage waren von der Bannführung Fahrten vorgeschrieben. Auch die Nachrichtenschar hatte ihre Osterfahrt schon lange vorbereitet und wartete gespannt auf den Tag der Abfahrt. Endlich war es fo weit. Nach Erledigung verschiedener Formalitäten ging es los.
Die Fährt ging zunächst mit einigen Hindernissen über Butzbach, Bao-Nauheim nach Friedberg. Hier legten wir eine kurze Pause ein. Bei Anbruch der Dunkelheit fuhren wir im Lichte unserer Scheinwerfer über Bad Homburg nach Dornholzhausen, das Ziel unseres ersten Tagesabschnitts. Hier war alles, dank der Bemühung des stellvertretenden Bürgermeisters, sowie des Ortsgruppenleiters aufs Beste vorbereitet. Dankbar, aber erschöpft fielen wir auf unser Stroh nieder, und bald tönte ein kräf-
DieGinsterfelderlinseresGaiiesalsRohstoffquelle
NSG. Zum erstenmal für das ganze Reich wird im Gau Hessen-Nassau die maschinelle Bearbeitung der Ginsterfaser durchgeführt. Wolle und Haarfilz als devisenraubende Rohstoffe können dadurch eingespart werden. Die Faser des Ginsterstrauches wird im Rahmen des Vierjahresplans eine wichtige Rolle in der Rohstoffversorgung unseres Volkes spielen: sie kann der Wolle und dem Haarfilz beigemischt werden, ja sogar Wolle ersetzen.
Diese Tatsache, die vor kurzem der Beauftragte für den Vierjahresplan, Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe, der Presse bekanntgab, erhält ihre besondere Bedeutung dadurch, daß die maschinelle Ausnützung zum erstenmal im Gau Hessen-Nassau
systematisch durchgeführt wird; sie ermöglicht es, was wesentlich ist, die Herstellungskosten so zu gestalten, daß die Verarbeitung im Hinblick auf den Weltmarktpreis für Wolle rentabel wird. Gleichzeitig wird durch diese Art der Verwertung die Güte der Produktion gesteigert.
Es ist beabsichtigt, durch ganz neuartige maschinelle Einrichtungen den reichen Bestand der weiten Ginsterfelder in unserem Gau durch Gemein- s ch afts l eistun g e n nach einem großzügigen Plan auszunützen. Die Vorarbeiten sind schon soweit gediehen, daß demnächst mit der Durchführung, die noch bekanntgegeben wird, begonnen werden kann.
Vezirksversammlung des Mchwirtschastsverbandes Heffen-Aaffau.
Im Hotel Hopfeld fand aeftern nachmittag eine Versammlung des Milchwirtschaftsverbandes Hessen- Nassau statt, zu der sich zahlreiche Betriebsführer und Betriebsleiter, wie auch Mitarbeiter aus den Molkereien Oberhessens eingefunden hatten. Die Versammlung hatte insbesondere den Zweck, darüber Aufklärung zu verschaffen, in welcher Form und mit welchen Mitteln die Aufgaben, die der Milchwirtschaft und dem Molkereiwesen innerhalb des Vierjahresplanes gestellt sind, zu lösen sind. Eine Aussprache sollte außerdem dazu beitragen, manche Frage aufzuwerfen und zu beantworten, die der Erfüllung der gestellten Aufgaben dienen kann.
Den Vorsitz führte der Leiter des Milchwirtschasts- verbandes Hessen-Nassau Bauer Desch (Oberwetz). Die Versammlung brachte zunächst einige Vorträge. Der Geschäftsführer und stellvertretende Vorsitzende des Milchwirtschaftsoerbandes Birkenholz sprach zunächst über den „Einzug der Ausgleichsabgabe bei Selbstmarktern". In einem zweiten Referat beschäftigte sich Abteilungsleiter Li n g g mit molkerei- wirtschaftlichen Fragen. Sachbearbeiter K a b l 6 sprach anschließend über die technische Betriebs
kontrolle. Den vierten Vortrag hielt Sachbearbeiter Hoffmann über das Berichtswesen der Molkereien. Die Vorträge lösten eine rege Aussprache aus, während der eine Fülle wichtiger Probleme angeschnitten wurde und aus der manche wertvolle Anregung für die praktische Arbeit gewonnen werden konnte. Vor allem ging es um die Qualitätsverbesserung der Butter und die damit verbundene Möglichkeit der verlängerten Einlagerung. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß das Butteraufkommen nur zu 80 v. H. des Oktoberbedarfes aus- gegeben, der übrige Teil aber zur Sicherung des Spitzenbedarfs an die Zentrale in Frankfurt a. M. abgeführt werde.
Reichsfachschaftsleiter Grieb gab im Verlauf der Versammlung seiner Freude darüber Ausdruck, daß an der Versammlung auch die jüngeren Kollegen und späteren Träger des Milchwirtschaftswesens der Tagung beiwohnten und auf diese Weise ihr Wissen und ihre Kenntnis um große Zusammenhänge in der Milchwirtschaft erweitern. Schließlich wurden im Verlaufe der Versammlung noch zahlreiche interne Angelegenheiten zur Sprache gebracht.
tiges Schnarchen durch das sonst so „stille" HJ.- Heim.
Am anderen Morgen wurden wir, nach umfangreicher Morgentoilette, von dem stellv. Bürgermeister zum Kaffee eingeladen. Gern folgten wir dieser Einladung und haben es auch später nicht bereut. Neu gestärkt zogen wir dann durch den herrlichen Frühlingswald zur Saalburg. Es folgte eine eingehende Besichtigung des Kastells. Dann gings in flottem Marsch zurück nach Dornholzhausen, von wo aus
Meldet einen Freiplah für die Kinderlandverschickung der 3XS13.
die Weiterfahrt nach Eschborn erfolgte. Beim Ein- zua in diesen Ort wurden wir herzlich empfangen. Schnell waren wir in unseren Quartieren untergebracht, in denen wir außerordentlich freundlich ausgenommen wurden. Abends folgten wir einer liebenswürdigen Einladung des Ortsgruppenleiters zu einem Kameradschaftsabend, den wir mit der örtlichen HI. beim „Aeppelwoi" verbrachten. In fröhlicher Stimmung erreichte jeder fein Quartier.
Rechtzeitig zur befohlenen Zeit war am nächsten Morgen alles an der Sammelstelle erschienen. Nach herzlichem Abschied ging es in flotter Fahrt zum Luftschiffhafen „Rhein-Main". Gewaltig war der Eindruck, als wir unter dem gerade zurückgekehrten Luftriesen standen. Anschließend fuhren wir an der Reichsautobahn entlang nach Frankfurt a. M. Wir warfen dort noch fchnell einen Blick in das Funkhaus und machten uns dann gemächlich auf den Heimweg.
Nach einer wunderbaren, glatt verlaufenen Nachtfahrt tauchten um 22 Uhr die Lichter Gießens vor uns auf. Eine Viertelstunde später war alles zu Haufe angelangt. Jedem von uns wird diese Fahrt, die bei schönstem Wetter stattfand, immer in Erinnerung bleiben. HJ./d>l.
Zeitgemäß — artgemäß.
Eine Kleiderschau für Frauen und doch keine Modenschau im alten Sinne. Diese Schau artgemäßer Kleidung soll in der Frau die Verantwortung wecken und den Blick schulen für eine praktische, gut durchdachte Form. Schon beim Einkauf ist auf haltbaren, licht- und waschechten Stoff Wert zu legen, ebenso verlangt die zeitgemäße Kleidung einwandfreie-Verarbeitung mit Berücksichtigung des Tagesstils bei Vermeidung'jeder modischen Ueber- treibung. Die Kleider zeigen durchweg eine schlichte Note. Es wird dadurch vermieden, datz die Kleidung der Trägerin vorzeitig zuwider wird, eine Kleidung, die sie lange an sich sehen kann, weil sie dem Zweck entspricht, für den sie geschaffen ist.
Bei der Schau finden wir jede Art von Frauenkleidung: das schlichte Kleid der berufstätigen Frau; die Arbeitskleidung der Land- und Siedlerfrau, die der Arbeit angepaßt aus praktischem, wetterfestem, waschechtem Stoff, eine vielfache Reinigung überdauert, ohne an Aussehen und Form zu leiden. Handgewebte Woll- und Leinenstoffe, neue Mischgewebe, handbedruckte Stoffe aus allen Gegenden des Reiches und die guten stdffgerechten Durchbruchsarbeiten aus der bayerischen Ostmark haben bei den Vorbildern Verwendung gefunden. Auch das festliche Kleid für gesellige Veranstaltungen zeigt in schönem Material und tadelloser Verarbeitung den neuen Zeitgeschmack. Die Schau will auch dem ortsangesessenen Handwerk Anregung geben für gute Beratung der Frau beim Einkauf, und sie will ferner der Industrie zeigen, wie sich die deutsche Frau die deutsche Kleidgestaltung denkt.
Deutsche Stoffe, von deutschen Händen verarbeitet, in artgemäßer Form, sehen wir auf der Kleiderschau des Deutschen Frauenwerks, die am 5. April im Cafe Leib zu fehen ist. F. K.
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** Eine Achtzigjährige. Am morgigen Samstag, 3. April, wird Frau Katharina Schneider Witwe, Riegelpfad 104 wohnhaft, in geb
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Schuhcreme a
Ferner hatte sich das Gericht mit dem R. I. aus Wiefeck, der K. D. aus Gießen und dem K. Sch. aus Nidda, die wegen fchweren Diebstahls und Beihilfe dazu angeklagt waren, zu befassen. Dem Angeklagten I. war zur Last gelegt, sich in mehreren Fällen des schweren Diebstahls schuldig gemacht zu haben. Er hatte bei verschiedenen Darmhändlern von Gießen und einem Darmhändler in Reiskirchen in der Zeit von April bis August 1936 zur Nachtzeit — nachdem er teilweise vorher die Lagerräume sich hatte zeigen lassen — Besuche abgestattet und bei dieser Gelegenheit größere Mengen Därme mitgehen heißen. Nachdem er wegen dieser Taten in Untersuchungshaft genommen, aber nach wenigen Tagen wegen Haftunfähigkeit entlassen worden war, brach er bei einem Sackhändler ein und stahl ungefähr 450 Säcke. In der gestrigen Hauptoerhand- lung war er im wesentlichen geständig. An sich wäre bei der Vielzahl der Fälle eine Zuchthausstrafe am Platze gewesen. Nur mit Rücksicht auf die Jugend des Angeklagten und seine schwere Krankheit und , auf die Tatsache, daß er bisher noch unvorbestrast
stiger und körperlicher Rüstigkeit 80 Jahre alt. Die hochbetagte Frau versieht ihren Haushalt noch ganz allein.
Schöffengericht Gießen.
Vor dem Schöffengericht hatte sich gestern der einschlägig vorbestrafte August St. aus Bad- Nauheim wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Unterschlagung zu verantworten. Der Angeklagte hat als, Hausverwalter in Bad-Nauheim sich zunächst eines fortgesetzten Betruges schuldig gemacht, indem er sich durch die Vorspiegelung, er müsse notwendige Ausgaben für die abwesende Hauseigentümerin bestreiten, von verschiedenen Geschäftsleuten Geldbeträge geben ließ und diese für sich behielt. Außerdem hatte er in zwei weiteren Fällen schwere Urkundenfälschungen begangen. Steuerquittungen hatte er mit dem Namen des zuständigen Steuerbeamten unterschrieben und dadurch erreicht, daß er die Steuerbeträge nicht mehr angefordert bekam. Erft durch den Vollziehungsbeamten kamen die Fälschungen heraus. Weiterhin hat er sich in zwei Fällen einer Unterschlagung schuldig gemacht, indem er die erlangten Steuerbeträae für sich behielt und ausgab. Obwohl der Angeklagte einschlägig vorbestraft ist, billigte ihm das Gericht nochmals mildernde Umstände zu.' Mit Rücksicht auf das Geständnis und die gezeigte Reue glaubte das Gericht ihn dadurch vor dem Zuchthaus bewahren zu können. Es wurde dem Angeklagten aber an- ged roht, daß bei weiteren strafbaren Handlungen der gleichen Art er nicht mehr mit mildernden Umständen rechnen könnte. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Gesamtgefängnis st rafe von sieben Monaten und zu den Kosten des Verfahrens. Zwei Monate der Untersuchungshaft wurden dem Angeklagten auf die Strafe angerechnet.
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Der Alfred Guhl aus Breslau, der Johann Haller aus Spital (Oesterreich) und der Johann Schieß aus Montsee (Oesterreich) hatten sich wegen Tierquälerei zu verantworten, ©ie hatten am 7. Dezember 1936 in Friedberg eine Katze zunächst in einem Zimmer gejagt und mit einem Besen geschlagen, sodann das ermüdete Tier in einen Eimer mit Wasser geworfen, den Eimer mit einem Gegenstand zugedeckt und ihn dann auf den heißen Ofen gestellt. Nach einiger Zeit hatten sie den Eimer geöffnet; die Katze sprang heraus und auf die fast glühende Ofenplatte. Aber auch dann erlösten sie das Tier noch nicht von. seinen Qualen, sondern warfen die noch lebende Katze in einen Koksofen, worin sie verbrannte. In der Hauptverhandlung machten die Angeklagten keinen guten Eindruck. Einer versuchte die Schuld auf den anderen zu schieben. Da nach dem Tierschutzgesetz vom November 1933 für solche Rohlinge Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren angedroht ist, verurteilte das Gericht den Haupttäter Guhl — der bereits wegen Tierquälerei vorbestraft ist — zu einer Gesäng- nisstrafe von elf Monaten, den Angeklagten Haller zu einer solchen von sechs Monaten und den Angeklagten Schieß zu einer . Gefängnisstrafe von drei Monaten. Außerdem wurden den Verurteilten die Kosten des Verfahrens auf erlegt.
Skandal um Dr.Vandergnien
Roman von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.
6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Seine ganze gute Laune ist wie weggeblasen. Er hat mit Maria plaudern, hat ihr von der Konferenz und von den Andeutungen des Direktors erzählen wollen. Sie weiß doch, wie er diese halbe Stunde liebt, dies kurze, ungestörte Beisammensein vor dem Beginn des Tagewerkes.
Else trägt den Kaffee auf.
„Meine Schwester hat — Besuch. Da will ich nicht stören. Bringen Sie mir das Frühstück ins Studierzimmer!" sagt er und stampft in seine Stube hinüber.
Die Diele durchquerend, schielt er seitwärts nach oben. Als er dort zwei weibliche Gestalten auftauchen sieht, beschleunigt er seine Schritte und knallt dann, nicht eben sanft, die Tür hinter sich zu.
Ja, so ist er nun einmal beschaffen, dieser Mann — dieses große Kind, um es genauer zu sagen. Gut, daß Maria ihn kennt und ihn zu behandeln weiß, den „achtkantigen" Dickschädel, wie sie ihn zu nennen pflegt. Eine andere hätte ihre liebe Not mit ihm.
Als Maria die Tür knallen hört, weiß sie gleich, wieviel es geschlagen hat. Sie ärgert sich ein wenig, natürlich, gleichwohl empfindet sie Gisch gegenüber keine Peinlichkeit.
Sie hat ihrem Gast ein schwarzes Samtkleid zum Anziehen gegeben, denn Fräulein Amelungs eigenes Fähnchen muß erst geplättet werden.
Dieses Kleid, das weich und liebkosend an ihrem jungen Körper hinab fließt, ist für Gisch wie geschaffen. Es gehört zu ihr, wie die Musik zum Tanz.
Dem Mädchen selbst mag von der Gewalt dieses Gewandes, das ihr festlich dünkt, etwas überkommen fein. Ihre Schritte sind edler, reifer, die Verhaltenheit der Bewegungen. Dies aber geschieht ihr gänzlich unbewußt.
Maria hält ihren Arm locker um Gischs Schultern gelegt und so kommen sie am Tische an, zwei Schwestern, Frucht und Blüte.
„Ich werde meinen Bruder holen, greifen Sie nur I einstweilen zu!"
Seltsam, Maria hat dies Mädchen auf eine gewisse Art liebgewonnen, in einem Zwang des Gefühls, gegen den sie sich vergebens zu wehren versucht.
Por einer Stunde, als sie, vom Lager sich erhebend, vor die noch Schlafende hingetreten war und das befriedete, im Traume, lächelnde Antlitz eine Weile betrachtete, da hatte sie ganz stark diese Neigung gefühlt gleich einem strömenden, bittersüßen Schmerz.
Sie hatte Gischs Hand genommen. „Du!" Und dann noch einmal, mit einer Stimme, die wie Lachen klang: „Du!"
Davon war Gisch erwacht, hatte erst verwundert um sich gesehen und war dann mit verstörter, vor Scham ersterbender Miene emporgeschreckt.
„Haben Sie gut geschlafen, Kind?"
Gisch hatte mit hilflosen Augen in das über sie gebeugte Gesicht geschaut.
Und Maria hatte gesagt: „Es geht mir recht merkwürdig mit Ihnen. Da kommen Sie dahergeschneit, wie vom Himmel gefallen, und kaum sieht man Sie an, muß man schon eine Entscheiduna treffen. Man kann nicht an Ihnen vorübergehen.
„Aber--" hatte Gisch gestottert und wußte
nicht aus noch ein, du lieber Gott, wer hätte jemals so etwas zu ihr gesagt!
Doch dann war ihr der Mann an der Haustür eingefallen, wie der sie behandelt hatte, einfach gemein. Wäre sie nicht so arg auf dem Hund gewesen, dann hätte der Herr was erleben können.
„War das — Ihr Mann — gestern?" Es hatte halb neugierig, halb ärgerlich geklungen, denn nun erst war ihr so recht zum Bewußtsein gekommen, was sie — doch immerhin eine junge Dame — sich hatte bieten lassen müssen.
„Mein Bruder! Aber Sie dürfen seine Grobheit nicht allzu tragisch nehmen. Wenn er ausgeschlafen hat, ist er ganz annehmbar. Sie werden es ja selber sehen, wenn wir zum Frühstück hinunterkommen."
Gisch hatte den Mund aufgerissen. „Wie? Soll ich etwa — —?"
„Natürlich sollen Sie mit uns frühstücken. Wir werden den Herrn Doktor für seine Ungezogenheit bestrafen, indem wir glühende Kohlen auf sein Haupt sammeln." —
i Aber wohin nun mit den glühenden Kohlen,
wenn das ftagliche Haupt unsichtbar zu bleiben gewillt ist?
Maria ärgert sich ein wenig, und nicht mit Unrecht. Man kann es wirklich nicht taktvoll nennen, wenn der junge Mann seine Abneigung gegen einen unwillkommenen Gast so offensichtlich merken läßt.
„Wir hatten gestern mittag eine kleine Meinungsverschiedenheit, daran scheint sich mein Herr Bruder jetzt erinnert zu haben. Machen Sie sich's einstweilen bequem, ich werde ihm schnell mal ein bißchen den Kopf zurechtsetzen."
Gisch nimmt zögernd Platz, sie hat so ein mulmiges Gefühl in den Kniekehlen. Die fromme Lüge von der Meinungsverschiedenheit ist gar zu durchsichtig. Die beiden haben sich doch vorhin in aller Eintracht guten Moraen gesagt, toll überhaupt, daß man glaubt, Gisch Amelung einen solchen Bären aufbinoen zu können.
,Lch wollte eigentlich — ich möchte doch lieber jetzt fortgehen, denn ich habe Sie wirklich schon lange genug belästigt."
„Das wäre ja noch schöner. Reden Sie nicht solch törichtes Zeug, sondern probieren Sie lieber die Radieschen! Garantiert eigenes Erzeugnis! Radieschen schmecken fabelhaft bei nüchternem Magen, aber man muß sie ohne Salz essen."
„Ohne Salz?" wundert sich Gisch, jedoch Maria Vandergruen ist bereits unterwegs in die Höhle des Löwen.
Gisch beginnt mit Todesverachtung zu knabbern.
„Also hör' mal, Steff, was sind das für Kinkerlitzchen? Ich wußte gar nicht, daß du solche Angst vor jungen Damen hast!"
„Junge Dame ist gut!" brummelt Stefan, ohne den Blick von seiner Lektüre abzuwenden. „Du meinst diese zweifelhafte Person von heute nacht?"
Maria seufzt ungeduldig. „Fräulein Amelung ist ein durchaus anständiges junges Mädchen, und ich möchte, daß du dich selbst davon überzeugst."
„Vollkommen überflüssig! Wie stellst du dir das überhaupt vor? Du hast das Mädel bei dir behalten, schön, geht mich nichts an. Du magst ihr etwas zu essen geben, bevor du sie fortschickst — soll mir auch noch recht sein. Wenn du mir aber allen Ernstes zumutest, daß ich mich mit deiner „jungen Dame" an einen Tisch setzen soll, dann ist das wirklich ein starkes Stück, findest du nicht?"
„Aber Steff, es ist doch sonst nicht deine Art, jemand zu verurteilen, den du gar nicht kennst!"
„Halbwegs anständige Menschen pflegen nicht um drei Uhr früh vor fremden Haustüren zu schlafen. — Was würdest du wohl sagen, wenn ich irgendeinen Tippelbruder nachts von der Straße heraufholte und dir zumutete, ihn als Gast zu de« grüßen?"
„Vergleiche hast du manchmal! — Außerdem kann auch in einem Tippelbruder ein wertvoller Mensch stecken."
„Herrje! Mit deinen Gefühlsduseleien!"
Maria geht um den Schreibtisch herum, stützt sich mit beiden Armen auf die Kante auf uyd zwingt so den Bruder, sie anzusehen. „Darum geht es jetzt nicht. Sondern ich will, daß du die Ungezogenheit von heute nacht wieder gut machst. Ich wiederhole: Fräulein Amelung ist nicht das, wofür du sie gehalten hast, sie ist ein sehr lieber, empfindsamer, zarter Mensch. Ich dulde nicht, daß sie unser Haus in dem Gefühl eines erlittenen Unrechtes verläßt."
Stefan stößt einen verzweifelten Seufzer aus. „Unrecht? Wieso Unrecht? Laß mich aus! Herrgott, fei doch gescheit, Mariandl! Es hat keinen Sinn, sich solche Leute auf den fyals zu laden. Wirst sie nachher nicht mehr los!"
Maria zieht die Augenbrauen zusammen. Und damit kann sie ihrem Bruder Angst einjagen. „Also, ich bitte dich darum, sei so gut, und komm jetzt mit herüber. Wenn du das Mädchen siehst, wirst du sofort bekehrt sein."
Jetzt endlich" streckt er die Waffen, fährt sich mit beiden Händen durch den Haarschopf und erhebt sich stöhnend. „Na schön, das scheint ja ein wahres Wunderwesen zu sein. Damit endlich Ruhe wird — schauen wir uns das Kind eben an, kostet ja nichts!"
Er lacht gezwungen auf, als spotte er über seine Nachgiebigkeit, er schließt den Deckel des Schreibzeuges, er rückt umständlich ein paar Bücher zurecht, weiß Gott, er scheint eine Verlegenheit überwinden zu müssen.
„Also los nun! Was soll sich Fräulein Amelung denken?"
Dr. Vandergruen stöhnt noch einmal abgrundtief. „Nein, was du einem alles zumutest!"
Und bann, wahrhaftig, zieht er vor den Glas« scheiben des Bücherschrankes seine Krawatte zurecht.
Maria lächelt. (Fortsetzung folgt.)


