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Nr.76 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)5reitag,2.April 1937

Nichts bars verloren gehen!

Gehr wichtig für alle Haushaltungen! Ausschneiden und aufbewahren!

NSG. Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger hat den Gauwirtschaftsberater beauftragt, für die Erfassung der in den Haushaltungen und kleingewerblichen Betrie­ben anfallenden Alt- und Abfallstoffe eine einheitliche Regelung zu treffen. Gauwirt­schaftsberater Eckardt wendet sich in fol­gendem Aufruf an alle Hausfrauen und Kleingewerbetreibenden des Gaues Hessen- Nassau und gibt die organisatorischen Richt­linien zu der am 1. A p r i l 1 937 begon­nenen Sammelaktion bekannt.

In Ausführung einer vom Beauftragten für den Vierjahresplan, Ministerpräsident Generaloberst Göring, gegebenen Weisung hat mich der G au- lei t e r beauftragt, die Organisation einer Dauer­sammlung der in den Haushaltungen und Kleingewerbebetrieben anfallenden Alt- und A b f a l l st o f f e durchzuführen.

Nachdem alle notwendigen Vorbereitungen im engsten Einvernehmen mit der Fachgruppe Roh­produktengewerbe getroffen worden sind, setzt mit dem heutigen Tage im Gau Hessen-Nassau diese regelmäßige Sammlung ein.

Während es bisher unzählige Haushaltungen gab, von denen niemals irgendwelches Alt- und Abfallmaterial abgegeben wurde, wird in Zu­kunft die Partei dafür Sorge tragen, daß die in den haushalten und kleingewerblichen Be­trieben anfallenden Alt- und Abfallstoffe hun­dertprozentig erfaßt werden.

Zu diesem Zweck ist das gesamte Gebiet des Gaues Hessen-Nassau in bestimmte Sammel­bezirke eingeteilt worden, so daß künftig die Haushaltungen und Kleingewerbebetriebe stets von dem gleichen Sammler aufgesucht werden, der in jedem Monat mindestens einmal alles gesammelte Material abholen wird. Dieser Sammler ist mit einem besonderen Ausweis und einer numerierten grünen Armbinde ver­sehen.

Wenn die Partei von dem Rohproduktengewerbe verlangt, daß es regelmäßig jeden Haushalt auf­sucht, dann muß sie von den Hausfrauen und Klein­gewerbetreibenden erwarten, daß alle irgendwie verwertbaren Alt- und Abfallstoffe auch gesammelt und den eingeteilten Sammlern ausgeliefert werden.

Die Sammler vergüten für Altmaterialien fol­gende Preise. Für ein Kilogramm:

Lumpen aller Art.

Stoffreste, Hausschneiderabfälle, alte Gar­

dinen usw. 5 Pf.

Weiße Lumpen 8

Wollumpen (Strickwolle) 40

Sacklumpen 2

Nichteisenmetallabfälle und Gegenstände aller Art, aus:

Kupfer

Messing

Nickel (reines Nickel) Aluminiumgeschirr Blei

Zinn (nach Qualität)

Zink

Allgegenstände

Eisen und Stahl Gußeisen Blech

Altpapier aller

25 Pf-

20

50

40

17

100200

10

aus:

1

1^ nach Vereinbarung.

Art:

Zerknäultes Korbpapier:

in kleinen Mengen unentgeltlich

Größere Posten nach Vereinbarung.

Glattes Papier einschließlich Zeitungen VA Pf.

Gummiabfälle:

Auto- und Motorraddecken 2 Pf.

Auto- und Motorradschläuche 68

Fahrraddecken 1

Fahrradschläuche / 5

Sonstige Gummiabfälle nach Vereinbarung.

Knochen:

Soweit nicht durch Schulen gesammelt 1 Pf.

Lederabfälle und gebrauchte Schuhe: nach Vereinbarung.

Felle:

Hasenfelle nach Vereinbarung.

Kaninchenfelle nach Vereinbarung.

Flaschen aller Art (außer Medizinflaschen): für eine

Flasche

Weißweinflaschen, % Liter 4 Pf.

Rotweinflaschen, % Liter 2

Weißweinflaschen, 1 Liter 5

Rotweinflaschen, 1 Liter 3

Kognakflaschen 2

Sektflaschen 3

Sonstige Flaschen nach Vereinbarung.

In den Kreisen des Gaues, in den Weinbau ge­trieben wird, erhöhen sich die vorstehenden Flaschen­preise um je 1 Pf. pro Flasche.

Das in einigen ländlichen Kreisen noch übliche Eintauschen von Altmaterial gegen Haushaltungs­gegenstände, Spielzeuge und dergleichen, ist grund­sätzlich unerwünscht, kann aber dort, wo auch die Hausfrauen auf dem Tauschgeschäft bestehen, bis auf weiteres beibehalten werden. In jedem Falle aber ist der Händler verpflichtet, auf Verlangen die abgelieferten Alt- und Abfallstoffe in bar zu bezahlen.

Die anfallenden Knochen werden im allge­meinen in der Woche zweimal durch Schul­kinder gesammelt. Haushaltungen, die keine schulpflichtigen Kinder haben, liefern die Kno­chen zweckmäßig an ihren Riesiger ob. Auf jeden Fall dürfen aus hygienischen Gründen Knochen nicht länger als drei Tage in den

haushalten aufbewahrt werden. Anderseits sollen Knochen, die bekanntlich einen wertvollen Rohstoff darstellen, nicht mehr in den IHüU ge­worfen oder verbrannt werden.

Leere Konservenbüchsen, Blechschachteln aller Art, Schüsseln aus Emaille und dergleichen sind in Gemeinden, in denen der Wüll abgefahren wird, in den Mülleimer zu werfen. Auf den Müllhalden werden alle derartigen Gegen­stände wieder erfaßt und dort der bestmög­lichen Verwertung zugeführk. In Gemeinden, in denen keine Müllabfuhr erfolgt, sind die ein­gekeilten Sammler verpflichtet, dieses Material allerdings unentgeltlich milzunehmen.

Kleine Metallgegenstände, Tuben, Mekall- folien, Flaschenkapseln, Korkstopfen und der­gleichen, deren Sammlung für das Rohproduk­tengewerbe zu mühselig und zeitraubend ist, werden wie bereits in den letzten Monaten von der Hitlerjugend ohne Entgelt eingesammelt.

Deutsche Volksgenoffen und Dolksgenossinen!

Der vom Führer aufgestellte zweite Vierjahres- plan würde seinen Zweck nicht voll erfüllen, wenn mit dem Bau von großen Werken zur Gewinnung heimischer Rohstoffe und Erzeugung deutscher Neu- stoffe nicht eine dauernde, vollständige Erfassung und Verwertung von bisher zum Teil sinnlos ver­tanen Materialien Hand in Hand gehen würde.

Für den Gau Hessen-Nassau ist in bezug auf die in den Haushaltungen und kleingewerb­lichen Betrieben anfallenden Alt- und Abfallstoffe ab heute eine einheitliche, klare Regelung getroffen, die um so wirkungsvoller sein wird, je mehr alle Beteiligten sich dabei der volkswirtschaftlichen Be­deutung bewußt werden.

Frankfurt a. M., den 1. April 1937.

Eckardt, Gauwirtschaftsberater des Gaues Hessen-Nassau.

Die Sammlullgs-Emleilmg im Kreis Wetterau.

Vom Kreiswirtschaftsberater der Kreisleitung Wetterau ist zu der Altmaterialsammlung in den Haushaltungen des Kreises Wetterau die nachstehende Einteilung der Altmaterialienhänd­ler auf die einzelnen Städte und Ortschaften ge­troffen worden:

Gießen-Stadt: Heinrich Schäfer, Luise Müller, Karl Schmidt, Wilhelm Speyer, Heinrich Schneider VII., Ludwig Müller, Fritz Vetter, Ferd. Pfaff, je zirka 1400 Haushaltungen.

Neuling, Gießen.' Ruttershausen, Staufenberg, Mainzlar, Daubringen, Treis (Lumda), Allendorf (Lumda), Londorf.

Knaf, Gießen: Wiefeck, Kesselbach, Rüddings- hausen, Odenhau^en, Allertshausen, Geilshausen, Trohe, Climbach.

Helfrich, Gießen: Lollar, Alten-Buseck, Beuern, Bersrod, Winnerod, Reinhardshain, Beltershain, Rödgen.

Blum, Gießen: Heuchelheim, Großen-Bufeck, Reiskirchen, Saasen.

Fritz Schneider, Gießen: Klein-Linden, Allen­dorf (Lahn), Annerod, Oppenrod, Lindenstruth, Burckhardsfelden, Steinbach, Albach, Hattenrod.

Hartmann, Assenheim: Assenheim, Nieder- Wöllstadt, Holzhausen, Petterweil, Okarben, Klein- Karben.

Schultheiß, Butzbach: Butzbach (Hälfte), Ost­heim, Steinfurth, Wisselsheim, Schwalheim, Langen­hain-Ziegenberg.

Schlecht, Butzbach: Butzbach (Hälfte), Nieder- Weisel, Hausen b. B., Bodenrod, Maibach, Münster, Fauerbach, Rödgen (Kr. Friedberg), Hoch-Weisel.

W. Klein, Friedberg: Friedberg (Hälfte), Ober- Rosbach.

Heß, Heldenbergen: Heldenbergen, Büdesheim, Kaichen, Rendel, Großkarbcn.

Bonn, Kloppenheim: Kloppenheim, Ober-Erlen- bach, Nieder-Erlenbach, Massenheim, Harheim, Nie- der-Eschbach, Ober-Eschbach, Dortelweil.

Schmidt, Lang-Göns: Großen-Linden, Leih­gestern, Holzheim, Gambach.

Heeb, Lang-Göns: Lang-Göns, Watzenborn- Steinberg, Kirchgöns, Pohlgötts, Griedel, Ober- Hörgern.

Klein sen., Lich: Lich (Hälfte), Nieder-Befsingen, Ober-Bessingen. Münster, Ettingshausen, Harbach, Queckborn, Röthges, Nonnenrod, Garbenteich, Hausen (Kreis Gießen).

Hugo Klein jun., Lich: Grünberg, Göbelnrod, Grüningen, Dorf-Gill, Birklar, Muschenheim, Betten­hausen, Eberstadt, Trais-Münzenberg.

Lotz, Lich: Lich (Hälfte), Langsdorf.

Scherer, Nieder-Florstadt: Nieder-Florstadt, Dorn-Assenheim, Ober-Wöllstadt, Nieder-Rosbach, Ober-Florstadt, Rodheim v. d. H.

Glaser, Ober-Mörlen: Bad-Nauheim (Hälfte), Nieder-Mörlen, Ossenheim.

Bonn, Ober-Mörlen: Friedberg (Hälfte), Ober» Mörlen.

Koch, Ober-Mörlen: Bad-Nauheim (Hälfte), Ock­stadt, Bruchenbrücken.

Jakobi, Staden: Staden, Reichelsheim, Stamm­heim, Böhnstadt, Ilbenstadt, Burg-Gräfenrode.

Opper, Stockhausen: Stockhausen, Stangenrod, Lumda, Weickartshain, Lauter, Weitershain.

Hau, Villingen: Villingen, Hungen, Langd und Rabertshausen.

Groß, Wohnbach: Wölfersheim, Södel, Mel­bach, Beienheim, Weckesheim, Dorheim, Bauerns heim.

Klein, Wohnbach: Wohnbach, Obbornhofen, Bel­lersheim, Inheiden, Trais-Horloff, Steinheim, Rod­heim, Utphe, Münzenberg, Rockenberg, Oppershofen.

Aus der Giadt Gießen.

April.

Der Schalksnarr unter den Monaten, der lustige April, hat schon die ältesten Leute aus dem Häuschen gebracht! Allgemein wünscht sich der Landmann einen feuchten April-, nur wenige Ausnahmen gibt es, die wohl örtlich bedingt einem heiteren, trockenen April Zutrauen schenken. Meist reimt man: Warmer Aprilregen großer Segen!" oderJe mehr im April die Regen strömen, desto mehr wirst du vom Felde nehmen!" Kann es aber kein milder Regen sein, so ist der Bauer mehr als mit trockener Wärme auch mit anderer Feuchtigkeit für die Felder einverstanden:Aprilschnee mästet Märzenschnee frißt!", heißt es. Ueberhaupt will man noch nicht viele Lenzfreuden vom April vorweg­genommen sehen, denn man weißKalter April bringt Brot und Wein viel!" Und dementsprechend stimmt auch diese Bauernregel:Nasser April gibt blumigen Mai". Hingegen:Dürrer April stellt die Mühle still."

Auch auf das Befinden des Menschen ist der Uebergang vom Winter zum Frühjahr von Be­deutung:

Aprilen ziert das Erdreich fein mit schönen Kräutern und Blümelein. Spazier' in Luft, halt mäßig dich, jag', impf', säe, das Erdreich brich? Jetzt erhitzt und mehrt sich das Blut, drumb Aderlässen ist sehr gut."

Ja, das Säen und Setzen will richtig abgepaßt werden: im allgemeinen ist der deutsche Bauer dafür, hier Vorsicht walten zu lassen: denn einzu früh" kann leicht einzu spät" werden. So sagt man im deutschen Böhmen über das Kartoffellegen:

Baust mi im April, kimm i. wann i will?

Baust mi im Mai, kimm i glei!"

Die einzelnen Lostage des April bieten eine Fülle von Anweisungen, die kaum übersehen werden kann. Wir greifen einige heraus. Am 1. April soll man nicht beiraten, das gäbe Untreue in der Ehe: wahr­scheinlich, weil dann derSchalkstag" nachwirken und einer den anderen zum Narren halten würde. Für den Ehristianstag, den 3. April, sagt man: Christian fängt zu säen an", und im besonderen gilt:

Wer an Christian säet Lein,

bringt schönen Flachs in seinen Schrein?"

In Brandenburg ist ein alter Spruch für den 10. April, der Daniel geweiht ist. im Umlauf: Da­niel zum Erbsensäen wähl'!" Der gleiche Tag träat auch den NamenEzechiel", deshalb beikrt's auch:An Ezechiel gebt der Lein nicht fehl?" Der April heißt, wenn auch selten, auch derGauch- monat", dennGauch" ist eine mittelalterliche Be­zeichnung für den Kuckuck.

Don Bedeutung ist dann der 23. April, der St.-- Georgstag. So sagt man:Auf St. Georg zeigt sich

putzt schnell

Oie Helfer.

Von Eberhard Meckel.

Seit Wochen waren in den Bergen Schneestürme gewesen mit anhaltender Kälte und eisigen Winden von Osten. Doch plötzlich schlug das Wetter um. Wer etwas davon verstand, konnte es schon spät in der einen Nacht erkennen: Der Mond, den man die ganze Zeit nicht zu Gesicht bekommen hatte, erschien tief Über den Höhen als halbe Scheibe durch die Wolken. Diese flogen nicht mehr ganz dicht und langsam aus dem Osten, sondern von einer Stunde zur anderen waren sie dünner ge­worden. Um den Mond hatten sich kleine silbrige Inseln gebildet; gekräuselt hatten sie sich mit einer gelblichen milchigen Farbe am Rand, Streifen hingen dazwischen, langgezogen. Kalt war es immer noch, nur hoch oben kündigte sich der Föhn an. Der Wind begann sich zu drehen, und die Bewölkung schob sich allmählich herum, nach Nordwesten erst, nach Norden dann, nach Nordosten, nach Osten: Westwind! Unmerklich wurde es gegen Morgen wärmer.

Die Leute auf den Berghöfen wachten davon auf, daß es unaufhörlich an ihren Fenstern herunter­tropfte. Die Eisblumen schmolzen und rutschten stückweise in ihrem eigenen Wasser die Scheiben hinab. Es tropfte von den Dächern, es tropfte von den Schindeln. Es tropfte hier durch einen Holz- fchopf, dort durch den Stall.

Mitternachts darauf fchlagen die Hunde wütend an. Ein Bauer steht auf und schaut hinaus. Noch einer tut dasselbe. Noch einer. Sie sehen im matten Lichte des Mondes, der sich dürftig hinter eilends dahinfahrenden Wolken verbirgt, einen Mann da­herrennen. Er ruft laut durch die Nacht. Als er näher ist, verstehen sie, daß sie runter ins Tal kommen möchten zu den Höfen; es fei Hochwasser; schnell, schnell kommen zur Hilfe!

Die Bauern von den Berghöfen stürzen, so rasch sie es vermögen, in die Kammern und ziehen sich an, wecken die anderen, die Knechte und Buben, taffen Aexte und Schaufeln und eilen zusammen den Wald hinab ins Tal. Gesprochen wird nichts. Später gesellen sich noch ein paar Nachzügler im Lauf zu ihnen. , . .

An der Talsohle ist kaum mehr durchzudrmgen. Ein kleiner See, der sich dort befindet, ist überge­treten, und das von allen Seiten übermäßig zu­strömende Wasser hat das Eis gebrochen und ge­türmt. Die Männer müssen ein Stück zurück und oben vorbei. Das ganze Tälchen ist einzig vorwarts- schießendes Wasser. Es braust wie von einem Fall.

Die Diertelwegstunde, die die Helfer noch zu gehen haben, können sie schon Rufen und Geschrei unter­scheiden. Selbst Widerschein von Licht ist am Wald zu sehen. Als sie näherkommen, sind erst ein paar Helfer von anderen Höfen da mit Fackeln .und brennenden Spänen; sie versuchen vor allem, nach­dem der erste Talhof schon kniehoch von Wasser umgeben ist, die unterhalb liegenden Höfe zu sichern. Wie weit sonst schon Schaden entstanden ist, läßt sich nicht sagen. Auch kommt es jetzt nicht auf Fragen und Worte an. Ein alter Bauer hat die Leitung übernommen; er steht- auf einem Stalldach und gibt mit mächtiger Stimme Anweisungen. Ohne viel Zögern greifen die eben ankommenden Berg­bauern gleich mit an. Bald stehen alle bis zum Knie im Wasser, das eisig kalt vorbeireißt. Fieber­haft werfen sie einen Wall auf und versuchen ihn mit Zweigen und Flechtwerk zu schützen.

Einer schreit nach einem Vorschlaghammer. End­lich hat er einen, und mit weit ausholenden Schlä­gen treibt er Pfähle tief ein, vor die die anderen Holzblöcke und Steine schächten. Die Füße erstarren bald von der Wasserkälte, während oben am Körper der Schweiß den Helfern herunterläuft. Die Fackeln beleuchten den Schauplatz rötlich zuckend, werfen tiefe Schatten in die von der Arbeit verkrampften Gesichter. Aexte blitzen im Widerschein auf. Vom Wald her schleppen Kinder und Frauen Holz, Steine und Erde her. Am Hang hocken ein paar alte Frauen und Männer, die nichts mehr tun können, und halten angstvoll die kleinsten Kinder. Das gerettete Vieh läuft frei zwischen den Stäm­men herum, ab und zu stumpf auf den Schauplatz glotzend. Niemand merkt, daß es allmählich heller wird und der Tag heraufkommt.

Aber als die unmittelbar größte Gefahr gebannt scheint, ist es Nachmittag. Die unteren Höfe sind frei von Wasser geblieben. Und an den oberen fließt jetzt das Wasser vorbei, an dem Wall entlang, den man gebaut hat. Die Flut konnte eingedämmt und auf die andere Seite gelenkt werden, wofür freilich dort das Feld arg mitgenommen werden wird. Sonst ist gottlob nicht viel mehr geschehen. Die Helfer können wieder gehen. Kein Dank für sie; es kommt niemandem der Gedanke, daß es so etwas gibt. Die, denen man ihn fugen würde, könnten nur verlegen werden darum. Ist es nicht felbstver- ftändlich, den anderen zu helfen?

Ihre Müdigkeit spüren die Heimkehrenden erst richtig auf dem Weg zurück. Geredet wird wieder nichts; der Mund versagt den Dienst. Als sie ein Stück zusammen gegangen waren, kommt ihnen ein Bursche nachgerannt und bittet, sie sollten noch ein­mal umkehren: Ein großer Baumstumpf, der vom

Wasser mitgenommen wurde, habe am Wall einen Teil eingedrückt und drohte alles zu zerstören. So gehen sie alle mit ihm rasch zurück und flicken die Stelle aus und wälzen, den Stamm weg. Dann aber, auf dem endgültigen Heimweg, können sie zu­letzt kaum mehr. Nur weil sie zusammen sind, zieht einer den anderen noch mit und weiter.

Oben auf dem Berg quillt und kluckert das Wasser in den Gräben unter der nur noch dünnen Decke von Schnee. Durch die eingefallenen Löcher blitzt es silbrig fort. Das ist das Frühjahr. Die Bauern trennen sich denn mit kurzem Gruß, als sie endlich oben sind. Jeder schleppt sich zu seinem Hof. Und innen in einem von dielen fällt einer wie betäubt und erschlagen vor Müdigkeit über die Schwelle hin in die Stube.

Sochschulnockrickken.

Einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Musikwissenschaft, Prof. Dr. Arnold Schering, Direktor des Musikhistorischen Seminars der Uni­versität Berlin, begeht am 2. April seinen 6 0. Geburtstag. Schering ist in Breslau ge­boren, habilitierte sich 1907 in Leipzig, wo er 1915 zum ao. Professor ernannt wurde; 1920 folgte er einem Ruf an die Universität Halle, 1928 an die Universität Berlin. Scherings musikwissenschaftliche Veröffentlichungen sind außerordentlich zahlreich. Auf seine Doktorarbeit, die die Geschichte des Jn- strumentalkonzerts behandelte, folgte eine Reihe von Untersuchungen über die Geschichte des Orato­riums, über musikalische Bildung, über das öffent­liche Musikbildungswesen in Deutschland u. a. 1926 veröffentliche Schering eineMusikgeschichte Leip­zigs von 1650 bis 1723". 1931 erschien eine Musik­geschichte in Beispielen; 1934 gab er ein Werk über Beethoven in neuer Deutung" heraus. Hohen Wert haben ferner die Ausgaben älterer Musik in seiner Bearbeitung; was er in denPerlen alter Kammermusik" und in denAltmeistern des Vio- linspiels" herausgeholt hat, ist für den Musiker wie für den Musikhistoriker gleicherweise von Bedeu­tung.

Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat dem ao. Professor i.R. Dr. Carl Frank eine freie Planstelle eines ordentlichen Pro­fessors an der Universität Marburg verliehen mit der Verpflichtung, die Assyriologie in Vorlesungen und Hebungen zu vertreten.

Als Nachfolger von Professor von Weber wurde Staatsanwaltschaftsrat Dr. Peters in Köln auf den Lehrstuhl für Straf- und Prozeßrecht an der Universität Jena berufen.

Anekdote um Franklin.

Benjamin Franklin, Buchdrucker, Philosoph, Frei­heitsmann und kühlköpfiger Rechner, gab vor Be­ginn seines eigentlichen Aufstieges in PWadelphia eine Zeitschrift heraus, deren aufklärerisches Fort- schrittlertum von wackeren Männern wohlwollend begönnert wurde. Als indessen das Blatt des rüh­rigen jungen Eigenbrötlers die zeitlichen Gewalten, besonders soweit sie im Auftrage des englischen Kö­nigs atmeten, gar zu heftig angriff, ließen die be­sorgten Gönner eine wohlgemeinte Warnung ver­nehmen: sie könnten, sagten sie, ihn künftig nicht mehr unterstützen, wenn er von der Kritik nun gar zum Umstürzlertum überginge. Zur Antwort dar­auf lud Franklin die Herren eines Abends zum Essen in fein Haus.

Sie kamen, auf kräftige Genüsse hoffend, bereit­willig herbei, wurden freundlich enwfangen und sahen sich alsbald um einen großen Tisch versam­melt, auf dem sie zu ihrem veinlichen Befremden nur einen riesigen Brotpudding von verdächtiger Farbe und einen großen Krug mit Wasser gewahr­ten. Verblüfft und ärgerlich saßen sie da und zer­krümelten, nachdrücklich zum Zulanaen genötigt, den schäbia"n Pudding auf der nackten Tischplatte: wäh­rend Franklin mit einem umsichtig vorbereiteten Appetit tüchtig drauflos. Als er fertig war, sagte er laut und schlicht: ..Dies, meine Herren, ist meine tägliche Nahrung. Wer es vermag, damit auszu­kommen, braucht keine Gönner."

Die Herren waren anfänglich durchaus geneigt, dem kühnen jungen Anfänger diesen anmaßlichen Anschauungsunterricht Übelzunehmen: da aber blick­ten sie in sein Gesicht, das er mit selbstbewußter Ruhe vom einen zum andern wandte: und was sie da sahen, dämpfte ihren Aerger. Sie sahen um den Mund des Mannes die strengen Falten harter und zäher Rechtlichkeit; Stirn und Nase zeugten von dem starren und doch leidenschaftlichen, ja eifernden Sendungsglauben der Pioniere; in der Tiefe der Augen aber glitzerte die kühle und spöt­tische Wachsamkeit, die sich zu rechter Zeit ohne nennenswerte Gewissenshemmungen des überlegen gehandhabten Bluffs zu bedienen weiß. Sie sahen dies alles zusammengefaßt zu einer sieghaften Sicherheit, die sie fachlich und neidlos als Genie anerkannten. So nickten sie ihm zu, nicht mehr gönnerhaft, auch nicht etwa hochachtungsvoll, son­dern mit der trockenen Kameradschaftlichkeit, mit der sie ihresgleichen zu grüßen pflegten, und überliefert ihn im guten Vertrauen seinen Gedanken und weit, greifenden Berechnungen. >

Karl Lerbs. t