ÄOM., Llntergau 116.
Derkarbeit und Derkausslellung im BDM.
Während der Sommer dem Sport, der Fahrt und dem Lager gehört, wird der Dienst im Winter ins Heim verlegt. Neben Heimabenden, Feierstunden und Liederabenden sind eben alle Mädel- und JM.- Einheiten eifrig bei der Werkarbeit.
Da wird gebastelt, genagelt und geklebt, Tiere, Hampelmänner werden ausgesägt, dort wird gepinselt, eine andere schreibt einen Spruch für das Heim.
In einer anderen Gruppe werden Flugmodelle gebaut, wieder eine andere Schar webt, strickt, häkelt oder macht allerlei Brauchbares aus Stroh, Leder oder Peddigrohr. Zwischendurch wird gesungen, auch schimpft mal eine, wenn ihr bei der Arbeit etwas schief geraten ist.
Alles dies mag für eine angebrachte Beschäftigung und Zeitausfüllung gelten, uns bedeutet die Werkarbeit mehr.
So wie jeder Zunge nach Kraft strebt, so wird jedes Mädel nach Schönheit streben. Unser Schönheitsideal hat allerdings nichts mit Puder und Schminke, oder mit unechtem, übermäßigem Schmuck, mit Rüschen, Schleifen, Schleppen und
Das nutzlos herumliegende Alteisen muß für die Allgemeinheit verwandt werden! helft alle bei der Alteisen-Entrümpelung von Landschaft und Dors!
Fransen zu tun, nichts mit jenen überspitzten Modeschöpfungen aus dem Westen, möglichst direkt vom Modebüro Paris. Wir werden diesen falschen, glitzernden Plunder entbehren können und so zu einer uns artgemäßen Form und Gestaltung kommen.
Unser Schönheitsbegriff, mag er uns selber, unsere Kleidung, unsere Wohnung oder sonst die kleinen Dinge des Alltags betreffen, besteht in einer klaren, strafjen und wesensgemäßen Einfachheit, geboren aus einem volkhaften und rassegebundenem Gefühl.
So wird unsere Werkarbeit unsere Mädel erziehen zum Artgemäßen, in natürlicher Einfachheit das Schöne zu sehen. So werden wir auch unsere Heime, von denen noch viele gebaut werden müssen, ausgestalten und hier unserem jungen Wollen Ausdruck verleihen. Hier wird man keinen wilhelminischen Nippfigürchen aus einer spießbürgerlichen Welt mehr begegnen.
Die Mädel, die heute noch in diesen Heimen singen, werden morgen die Frauen in unserem Volke sein und in ihren Wohnungen wird dann diese falsche Pracht und dieser Zauber verschwunden sein.
Schon unter diesen wenigen Gesichtspunkten betrachtet, ist unsere Werkarbeit und die abschli-eßen- den Ausstellungen jeder Mädel- und Jungmädelgruppe Gestaltung und Ausdruck einer weltanschaulichen Haltung, ist der Wille zu wahrer schöpferischer Arbeit.
Zahrestagung und Hausweihe des DHL.
Der Vogelsberger Höhenclub wird seine diesjährige Hauptversammlung am Sonntag nach Pfingsten, 23. Mai, auf dem Hoherodskopf abhalten. Die Hauptversammlung wird verbunden sein mit der Einweihung des Anbaues an das Klubhaus, das durch diesen Erweiterungsbau eine erhebliche Verbesserung erfahren hat.
Gießener Wochenmarktpreife.
* Gießen, 2. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk. Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse B 12, Klasse C 11^, Klasse D 10%, Wirsing, % kg 10 bis 15,
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Roman von Anny von panhuyö.
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Armes Ding, wie kannst du dich nur in die Idee verrennen! Du sollst mir glauben, Leute wie Grevenstein denken nicht daran. Er ist ein ganz Heller Kopf und gar nicht fähig, den Unsinn zu beabsichtigen, den er dir in dem blöden Brief vorgesetzt hat. In Barcelona ist der Brief aufgegeben, aber ich glaube nicht, daß der windiae Geiger von dort nach Afrika gefahren ist. Ich glaube eher, er drückt sich jetzt in London oder Paris herum und hochstapelt da weiter, wie er so talentvoll hier bei uns angefangen hat. Weinen macht häßlich, Tilli- chen, und besonders schön ist die Familie Bergschlag leider überhaupt nicht, wenn du auch für mich das schönste Mädel der Welt bist."
Tilli schluckte noch ein paarmal, sagte dann — und es war aufsteigender Zorn in der Stimme: „Du hast recht, Vater. Du hast mich überzeugt, und ich glaube jetzt auch seine Worte nicht mehr, die so poetisch klingen und mir mit einem Male hohl und gekünstelt erscheinen." Sie sprang auf. „Bitte, Vater, schicke mir Marie, ich werde in einer Viertelstunde fertig sein. Wir sehen uns die Modenrevue an. Dann reisen wir, Vater. Reisen nach Italien oder noch lieber nach Paris. Don Paris hat Günther immer am meisten geschwärmt. Vielleicht sehen wir ihn dort. Das wäre besonders aut, denn von Minute an würde ich sehr vernünftig sein, würde lachen über das, worüber ich jetzt weine, und wäre bald wieder deine alte Tilli."
Albert Bergschlag nickte zu allem. Ihm kam es ja nur darauf an, seine einzige, über alles geliebte Tochter ihrem Kummer zu entreißen, in den sie ein Schuft gestürzt.
„Ist recht, Tillichen", versprach er, „wir reisen nach Paris."
Sie fuhren dann in die Modenrevue, aber am nächsten Tage lag Tilli, die sich eine schwere Erkältung zugezogen, im Bett. Sie konnte keine Toiletten bestellen — ein Fieber rüttelte sie durch und durch. Schließlich genas sie, doch an eine Reise nach Paris konnte man zunächst nicht denken: es wurde ein Frühlingsaufenthalt in Davos daraus.
Aber den Plan, nach Paris zu fahren, gab Tilli nicht auf. Sie dachte ständig daran — es war bei ihr förmlich zur fixen Idee geworden —, daß sie den Mann, an den sie ihr ganzes Herz gehängt, in Paris treffen müßte. Ein fast schmerzhaftes Verlangen quälte sie, ihm unvermutet gegenüberzustehen und ihm ihre Verachtung ins Gesicht zu
Weißkraut 7 bis 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 28 bis 30, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat, 50 g 10 bis 12, % kg 80 Pf. bis 1 Mk., Zwiebeln 10 bis 14, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 44 Pf., 50 kg 3,50 bis 3,70 Mk., Aepfel, % kg 15 bis 45 Pf., Dörrobst 15 bis 25, Blumenkohl, das Stück 30 bis 50, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 15 Pf.
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** Ein Dreiundachtzigjähriger. Am heutigen Dienstag, 2. März, kann Herr August Delke, Hammstraße 11, seinen 83. Geburtstag feiern.
„Häuser der
Deutsche Arbeitsfront und Deutsche E
Lpd. Der Führer und Reichskanzler hat eine Verordnung erlassen, welche die Deutsche Arbeitsfront zur alleinigen Trägerin der Berufsausbildung macht. Entsprechend dieser Verfügung ist im Einvernehmen mit dem Organisationsamt der Deutschen Arbeitsfront zwischen döm Amt für Berufserziehung und Betriebsführung und der Reichsführung der Deutschen Stenographenschaft ein vertragliches Uebereinkommen getroffen worden, wonach die Lehrgänge in deutscher Kurzschrift und im Maschinenschreiben zum überwiegenden Teil gemeinsam durchgeführt werden. Sonderlehrgänge in Volksschulen, bei der Wehrmacht, in SA.-Lagern, in alten Systemen usw. bleiben davon unberührt.
Das gemeinsame Unterrichtswerk wird „Häuser der Kurzschrift" genannt. Beim Amt für Berufserziehung und Betriebsführung ist zu diesem Zweck eine neue Abteilung IV B geschaffen worden, deren Leitung der Reichsführer der Deutschen Stenographenschaft, Pg. Karl Lang (Bayreuth) über-
** Steckbrieflich gesucht und in Gieße n e r w i s ch t. In der Nacht zum Sonntag übernachtete in einem hiesigen Gasthaus der 28 Jahre alte, aus Raspenau (Oberschlesien) gebürtige Erwin Schroeter. Die Polizei wurde auf diesen Gast aufmerksam, der von der Staatsanwaltschaft in Magdeburg und von der Ortspolizeibehörde in Harbke bei Neuhaldesleben wegen Betrugs, Unterschlagungen und Diebstahls steckbrieflich verfolgt wurde. Dem raschen Zugreifen der Polizei gelang es am Sonntagmorgen, den Mann dingfest zu machen und ihn in das hiesige Amtsgerichtsgefängnis unter Schloß und Riegel zu bringen. Ob auf fein Konto noch mehr Straftaten zu setzen sind, muß erst die weitere Untersuchung ergeben.
Kurzschrift."
tenographenschast arbeiten gemeinsam.
nommen hat. Am Sitze jeder Gauwaltuna wird ein Referat Kurzschrift und Maschinenschreiben neben den übrigen Referaten errichtet, dessen Leiter der jeweilige Gaugebietsführer der Deutschen Stenographenschaft ist. Für den Gau Hessen-Nassau ist das Pg. Werner (Darmstadt). Entsprechend dieser Regelung werden die Ortsgruppenführer der Deutschen Stenographenschaft zugleich Ortsreferenten, die Kreisgebietsführer zugleich Kreisreferenten der Deutschen Arbeitsfront für Kurzschrift und Maschinenschreiben. Die Deutsche Stenographenschaft als solche bleibt unverändert bestehen. Die bestehenden Lehrgänge werden beiderseits ordnungsmäßig zu Ende geführt.
Das gemeinsame Unterrichtswerk wird im Gau Hessen-Nassau vom 1. April 1937 ab durchgeführt. Die Vorbereitungen dazu — Anmeldungen bei den Ortsreferenten, Stellung von Anträgen bei dem Gaureferenten usw. — werden im Laufe des Monats März erfolgen.
Nochmals die „hessische Stammutter".
Einiges über Orth.
Von Herrn Oberkriegsgerichtsrat i. R. Koch in Gießen erhalten wir die nachstehende Zuschrift. D. Schriftltg.
Zu dem Aufsatz im „Gießener Anzeiger" Nr. 35 hat ein mit diesem Stoff vertrauter Familienforscher allerlei zu bemerken. Der Verfasser bezeichnet die mit Daniel Lüncker dem Aelteren verheiratete Apollonia Orth, eine Enkelin des Dönges, als hessische Stammutter und „Geistesmutter".
Diese Ehrennamen gebühren aber nicht ihr, sondern ihrer Großmutter Grede, der Gattin des Dönges, die nach Forschungen des Staatsarchivdirektors Dr. Knetsch wahrscheinlich eine Mardorf war, aus altem Marburger Schöffengeschlecht. Denn sie, die „Dongesen", ist die Ahne oder Schwiegerahne der sämtlichen Gelehrten, die Stadtpfarrer M. Hartmann Mog (so!) in jener Leichpredigt aufzählt, und überhaupt der bemerkenswerten Deutschen, die auf Anton Orth zurückgehen. Von Apollonia stammt nur ein Teil ab, und naturgemäß kein einziger, der den Namen trägt. Goethe ist einmal Nachfahre der Apollonia, aber dreimal des Dönges und der Grede, wie schon bemerkt, nämlich durch deren Söhne Johann der Alte (der Blinde), Ludwig und Johann der Junge (Vater der Apollonia). Nachkommen des Ludwig sind die Brüder D. Johannes Dieterich, Superintendent, und D. Cunrad Dieterich, Professor, beide in Gießen. Cunrad heiratete übrigens eine Lüncker, Enkelin der Apollonia. Aus der Menge Nachkommen des Dönges und Verschwägerter von solchen, die wir in G i e ß e n und Umgebung antreffen, seien nur folgende noch genannt: M. Henrich Orth, Pfarrer zu Gießen 1554 bis 1564, vorher und nachher Professor in Marburg;
Ursula Orth, zweite Frau des Gießener Superintendenten D. Jeremias Vietor; Margarethe Orth, eine Gattin des Gießener und Marburger Professors der Theologie D. Balthasar Mentzer I.; dessen Schwiegersohn D. Justus Feuerborn und Schwie- aerenkel D. Peter Haberkorn, beide ebenfalls Professoren der Theologie dahier; Balthasar Orth (Urenkel des Dönges), um 1585 aus Wetter nach Wie- seck eingewandert; Schultheiß Hederich Orth in Steinberg bei Gießen (Brudersohn des Gießener Pfarrers Henrich Orth), Stammvater des namhaften, im Mannesstamm längst ausgestorbenen Juristen- und Beamtengeschlechts Orth in Württemberg und Vater des Schultheißen Alexander Orth in Steinberg, des Stiftsdechanten M. Hermann Philipp Orth in Lich sowie des Dragonerhauptmanns Chri- stoffel Orth zu Gießen. Henrich und Alexander Orth sind Ahnherren des Heimatschriftstellers Rudolf Oeser (O. Glaubrecht), geb. zu Gießen 3.11.1807, und des Strafrechtslehrers Reinhard von Frank, weiland Professor hiepselbst. Weiter seien erwähnt der Krämer, Ratsherr und Bürgermeister Joh. Philipp Orth in Gießen, f 1660, Vater des hiesigen Professors der Rechte, auch Stadtsyndikus, Simon Nicolaus Orth und Vorfahr des Geheimrats Dr. Wilhelm Gail und des Heimatdichters Louis Frech, beide aus Gießen. Ferner M. Henrich Orth aus Wetter, Schulmeister in Lollar, der 1600 eine Gieß- nerin heimführte; Christoph Orth, Fürst!. Ober- schultheiß zu Gießen, f 1654; Joh. Ebert Orth in Lollar, noch 1636; Wilhelm Orth, Hauptmann daselbst, zeitweise Kommandant von Butzbach; Joh. Reinhard Orth von Lollar, Dragonerleutnant, später Landhauptmann in Lützellinden; David Orth von Lollar, Fähnrich, dann Schultheiß zu Heuchel
schreien, unbekümmert um die Umgebung, in der er sich befand.
Sie say jetzt alles nüchtern und klar. Weil sie reich war, hatte er sich ihr genähert, sich mit ihr verlobt. Mit ihres Vaters Geld hatte er sich amüsiert, und da er überhaupt nicht daran gedacht, sich mit einer Musikschule abzugeben, die ihn gewiß sehr gelangweilt hätte, reiste er unter einem Vorwand ab.
Lüge war alles gewesen!
Lüge seine Liebesworte, Lüge seine Küsse und Lüge alle Zukunftspläne, die er mit ihr geschmiedet. Ihre Liebe wandelte sich allmählich in Haß.
Günther Grevenstein aber dachte kaum noch an Tilli Bergschlag.
Er glaubte, diese Episode seines Lebens geschickt aus der Welt geschafft zu haben. Mochte das unschöne Mädchen ein Weilchen weinen und der alte Bergschlag toben, beides brauchte er ja nicht anzuhören, und die zwei würden wieder ruhig werden und ihn vergessen, wie er sie schon beinahe vergessen hatte.
Er lebte jetzt wie beschwingt. Alles ging ihm nach Wunsch. Mit dem Grafen Rethel war er ein Herz und eine Seele. Der ältere Mann ließ sich überall mit ihm sehen, führte ihn in Klubs ein, machte Ausfahrten mit ihm in seinem eleganten Auto, das ihm von der Firma Radio-Radix zur Verfügung gestellt war, und sie bummelten auch viel zusammen durch die Stadt.
Das Palais Rethel sollte schon in den nächsten Tagen gemietet werden. Sie wollten von Anfang an gemeinsam darin wohnen, der Graf und er, wollten wie Vater und Sohn darin leben. Der Mietvertrag lag bereit, das Geld auch. Ueberall stellte ihn der Graf als seinen Adoptivsohn vor.
Er selbst wohnte noch im Hotel Meudon. Aber er hatte sich schon allerlei zugelegt, was mit seinem neuen Titel verknüpft war. Er dachte an nichts weiter als an die Zukunft. Sein Leben sollte mit dem neuen Namen neu beginnen. Er war getauft worden auf die Namen Günther Werner Franz. Er wollte sich Francois de Rethel nennen.
Eines Tages war es dann so weit. Der Mietvertrag wurde von Jean Louis de Rethel unterschrieben, und der Mietpreis für ein Jahr von dem Vorschuß entrichtet, den Günther Grevenstein auf seine Adoption leistete.
Die Türen des kleinen Palais öffneten sich, um alle einzulassen, die gekommen waren, es drinnen recht sauber und behaglich zu machen. Scheuerfrauen klapperten mit Besen und Eimern, Fensterputzer, Dekorateure rannten einander fast um, und acht Tage später konnte der alte Graf den zukünftigen jungen Grafen auch schon durch das ganze Haus führen und ihn bewundern lassen, wie schön es geworden war.
Mit einer Art Stolz durchschritt Günther Grevenstein die Räume, in denen es viele gediegene alte
Möbel und Bilder gab, die fast alle mit der Geschichte der uralten Grafenfamilie verknüpft waren. Er wählte sich drei Zimmer aus und richtete sie nach seinem Geschmack ein. Warmgetönte Teppiche wurden aufgelegt, die Wände mit farbenfrohen Gobelins behängt, schwere Seidenoorhänge mußten das Tageslicht milde abdämpfen. Ein Auto schaffte er sich jetzt auch an — einen prachtvollen dunkelroten Wagen. Grevenstein verkaufte wieder ein paar Ringe, um aus dem vollen schöpfen zu können. Er machte das äußerst unauffällig.
Beim ersten Mittagsmahl im eigenen Heim bot der Aeltere dem Jüngeren das langerwartete „Du" an, und Graf Rethel dachte, wie sonderbar es war, daß dieser Fremde, dem er seinen Namen geben wollte, ihm sehr ähnelte. Mehr, als ihm sein eigener Sohn geglichen hatte.
Günther Grevensteins Bart wuchs zusehends, und der die Form des Spitzbarts betonende Haarwuchs um Kinn und einen Teil der Wange erinnerte den Grafen an Jugendbilder von sich selbst. Beide waren jedenfalls äußerst zufrieden. Sie bedauerten nur, daß die Adoptionsangelegenheit nicht so schnell vorwärtsging, wie sie beide gehofft hatten. Bis alle Instanzenwege durchschritten sein konnten, würde es wohl Herbst werden.
Aber schließlich fand sich Günther auch damit ab. Für alle Freunde und Bekannten aus der Glanzzeit des Grafen, mit denen man sich öfter traf oder bei ihnen Besuch machte, galt er bereits als „Francois Graf von Rethel".
Manchmal dachte Günther Grevenstein darüber nach, warum der alte Herr seinen vor mehr als zwanzig Jahren verstorbenen Sohn kaum erwähnte und fast schroff abbrach, wenn durch einen Zufall das Thema berührt wurde.
Er horchte bei Bekannten des Grafen ein bißchen herum. Man zuckte die Achseln: Du lieber Himmel, es war etwas zwischen Vater und Sohn vorgefallen, was schon oft zwischen Vätern und Söhnen Zwietracht gesät. Der junge Jean Louis de Rethel, der in einem feudalen Regiment Offizier gewesen, verliebte sich in ein kleines Mädel ohne Geld, und der alte Jean Louis hatte eine gute Partie für ihn so gut wie sicher. Geld brauchten die Rethels ja sehr nötig. Was dann eigentlich geschehen war, wußte wohl einzig und allein der alte Gras zu sagen. Man hörte nur, daß Vater und Sohn eines Tages eine heftige Auseinandersetzung gehabt hätten, wieder des Mädels wegen, und der junge Graf darauf das Palais Rethel in sinnloser Aufregung verlassen hätte. Durch die Aufregung wäre er unterwegs beinahe unter einen der schweren Autobusse geraten, stürzte und war sofort tot. Gehirnerschütterung. Was aus dem Mädel geworden, wußte man nicht; der Alte war jedoch jahrelang fturrtpf und unzugänglich. Ganz plötzlich aber kam die Lebenslust zurück. Er wurde wieder gesellig und vergnügt. Doch von dem Sohn und allem, was
heim bei Gießen (diese sämtlich im 17. Jahrhundert)? M. Johannes Orth von Lohra, Schulmeister in Ober- Widdersheim, hierauf in Ostheim bei Butzbach, 1616 berufen nach der Reichsstadt Weißenburg i. E., wo er Pfarrer wurde. Joh. Philipp Orth aus Wetter kam Ende 17. Jahrhunderts als Silberkämmerer im Hofdienst nach Butzbach, heiratete dort und hatte Nachkommen. Zwei Orth, Vater und Sohn, waren im 18. Jährhuttdert Pfarrer in Erda.
Dagegen gehören nicht hierher die Orth in Schotten — von da auch nach Butzbach —, in Lich (Türmerfamilie), Lauterbach, Schlitz und Nidda, wo frei» lich auch ein Nachkomme des Dönges wirkte, der Diaconus Henrich Orth, f 1635. Orth in Echzell und in Altenstadt werden ebensowenig aus Marburg fein. Es gibt ferner nicht verwandte Orth in der Rheinpfalz und anderwärts. Wie verbreitet der Name ist, ergeben die Matrikeln. So find in Erfurt im 15. Jahrhundert zwei Ort aus Büdingen genannt; zu Wittenberg studierten im 16. Jahrhundert Ort aus Nördlingen, Schweinfurt, aus Pommern, Neustadt a. Orla, zu Marburg Orth aus Salzkotten und Paderborn. Abkömmlinge des Dönges wiederum ließen sich an der Nahe, bei Saarbrücken, im Elsaß, in Oberramstadt und sonstwo nieder.
Es steht fest, daß Dönges einer der drei Brüder Orth ist, die im Jahre 1475 von Kaiser Friedrich III. im Feldlager bei Neuß einen Wappenbrief erhielten. Das im Briefe gemalte und ausführlich beschriebene Wappen zeigt im roten Schilde drei (2:1) „Oleyfien" (Olivenstämmchen) mit Blättern und Beeren; auf dem Helm eine rvtgekleidete Jungfrau mit offenem gelbem Haar, mit einem Kränzlein aus Olivenblättern und in jeder Hand einen Olivenstamm haltend, wie im Schildbild, alles dies in natürlichen Farben. Der Olioenstamm findet sich auch im alten Wappen der Stadt Wetter bei Marburg.
Das in obigem Aufsatz abgebildete Wappen geht diese Orth nichts an; es ist das Wappen der mit ihnen gar nicht verwandten Orth aus Langenselbold, in Frankfurt a. M., feit 1533 von da auch in Heilbronn und in einem Zweige später nach Frankfurt zurückgelangt. Diese Orth trieben einen bedeutenden Großhandel mit Niederlassung in Hamburg und Vertretungen in London, Amsterdam und anderen Plätzen. Die Brüder Peter und Philipp Orth erhielten im Jahre 1539 einen Kaiserlichen Wappenbrief. Zwei Brüdern aus diesem Hause wurde 1665 der rittermäßige Reichsadelstand und eine Wappenbesserung verliehen. August Benjamin Orth, Handelsherr in Heilbronn, erhielt 1804 den Reichs- ritterstand mit „Edler von". Das alte Wappen dieser Orth ist in Gold ein roter Löwe (so!) mit stoßbereitem silbernem Pfeil in der Rechten. Aus diesem Geschlecht sind die im Aufsatz erwähnten hervorragenden Frankfurter. Daß auf dortigen Ahnentafeln auch Nachfahren des Dönges erscheinen, wird nicht verkannt.
Schon Dönges Orth selbst muß ein Mann von besonderer Begabung und Tüchtigkeit gewesen sein. Daß er Ratsherr und Bürgermeister war, ist in obigem Aufsatz gesagt. Anton wird als „Kramer" bezeichnet, man darf ihn aber auch als Bankherrn ansprechen. Er erwarb großen Reichtum und hatte umfangreiche Geldgeschäfte. Darüber bringt D. Dr. E. E. Becker in feinem ausgezeichneten Werke „Die Riedesel zu Eisenbach", Band 3, viel Lesenswertes.
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinden.
Mittwoch, den 3. März.
Gießen. Lladlkirche. Passionsandacht, Pfarrassistent Bangert. — Daubringen. 20 Uhr: Passionsandacht. — Klein-Linden. 20: Passionsandacht. — Lich. 20: Passionsandacht, Stiftsdechant Kahn. — Langsdorf. 20: Passionsandacht.
katholische Gemeinden.
Mittwoch, den 3. März.
Hungen. 7.15 Uhr: Messe.
damit zusammenhing, sprach er nie. Es hieß, daß alle, die ihn kannten, das wußten und respektierten.
Günther hatte nun erfahren, daß ein Liebesroman das Schicksal des jungen Grafen gewesen war. Er dachte überlegen: Wie kann nur die Liebe so viel Macht über einen Mann gewinnen, daß et ihretwegen Torheiten begeht! So weit würde er seinen Gefühlen nie nachgeben.
Warum mußte er nur gerade jetzt an ein schlankes Mädel im blauen Seidenkleide denken, an ein zartes, feines Gesicht, an herrliche (Brauaugen und silberblond schimmerndes Haar? Für das süße Mädel hätten sich allerdings auch Torheiten gelohnt, wäre es für feine Wünsche erreichbar gewesen.
Ihr war es, als läge die Blonde wieder in feinen Armen, und er küßte sie.
„Komteßlein", dachte er zärtlich, aber ein Frösteln folgte, als ihm einfiel, welchen Wert er ihr unterschlagen, daß er seine ganze neue Existenz auf das Diadem aufbaute, das sich so kleidsam in die seltene Haarpracht gedrückt hatte.
12.
Franziska hatte ihrem Verlobten und seiner Mutter das traurige Geschick ihrer Mutter erzählt, so, viel sie selbst davon wußte, und bekannt: „Mutter war nicht verheiratet. Stört euch das nicht?"
Frau Radix hatte den Kopf geschüttelt.
„Wie kann uns das stören, liebe Fränze? Du kannst doch nichts dafür, und verurteilen dürfen wir nicht; wir wissen ja ebenso wenig wie du, was deine Mutter erlebte, ehe sie wieder heimkam. Gönnen wir ihr den Frieden und freuen wir uns, daß ihr Töchterchen wahrscheinlich glücklich wirb, was sie nicht gewesen ist." Sie küßte Franziska. „Nun hast du wieder eine Mutter, Kind. Ich habe dich schon sehr liebgewonnen, weil mein großer Junge dich so über die Maßen liebhat."
Einige Wochen ging Franziska nun nicht mehr in die Radio-Radix-Werke, doch Eva Zoll kam manchmal zu ihr und half ihr bei den Vorbereitungen zur Hochzeit. Kathrin Hofer nähte chre Wäscheausstattung, und dabei wurde es immer sommer» licher draußen. Als die Bäume im dichtesten Grün prangten, fand die Trauung statt. Die Karolus- kirche war zu klein für die vielen, die der Feier beiwohnnen wollten; auch die Neugierigen kamen auf ihre Kosten. Alle Verwandten und Freunde von Frau Radix und ihrem Sohn waren vollzählig erschienen. Franziskas Schönheit begeisterte alle, und nur bitterer Neid dachte anders. Im weißen dünnen Chiffonkleid mit langem Spitzenjäckchen und schön arrangiertem Schleier, trat Franziska Karsten vor den Altar. In der Villa gab es ein reiches Mahl, auch Eva Zoll war dabei, ebenso der Prokurist Wüst, der die Braut immer wieder heimlich betrachtete, als könne er das Geschehene noch nicht fassen.
(Fortsetzung folgt!)


