Nr. ?80 Erstes Matt
187. Jahrgang
Mittwoch, I.VezemberlyZr
Lrlchernr tüyllch. autzei Sonntags und Feiertags Beilagen; Dre Illustrierte (Biegenei Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monatr-Vezugspretr:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95
Ohne Illustrierte . t.80 Zustellgebühr „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernfprechanfchlüffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten Anzeiger Stehen
Postscheckkonto: firontfurt am Main 11686
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Druck und Verlag: vrühlsche Univerfitatsdruckerei R. Lange irt Sietzen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis8' /,Uhr des Vormittags
Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von 70 mm Breite 50 Rpf..Platzvorschrift nach vorh Dereinbg.2L".„ mehr.
Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Nie angelsächsischen Wiktschastsverhandlungen.
Vr n Or. Garl WeNthor.
Die dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt vor drei Jahren erteilte Ermächtigung zu Wirtschaftsoerhandlungen sieht vor, daß die Ankündigung von Verhandlungen das Stichwort für die Interessenten sein soll, sich mit ihren Wünschen und Bedenken zum Wort zu melden. Diese öffentliche Anhörung (public Hearing) hat natürlich nur dann Zweck, wenn in Vorverhandlungen über Gang und Ziel der Verhandlungen allgemeines Einverständnis erzielt worden ist. Die öffentliche Anhörung dürfte den Rest des laufenden Jahres ausfüllen, so daß die eigentlichen Verhandlungen, die in Washington geführt werden sollen, bald nach Neujahr, spätestens aber Mitte Januar, beginnen dürften.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben bisher mit 16 fremden Ländern auf der neuen Grundlage Handelsvereinbarungen getroffen. Gegenüber Deutschland besteht seit zwei Jahren vertragsloser Zu st and. Auch zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien gibt es nur die beiderseitige Meistbegünstigung, aber keinen Wirtschaftsvertrag. Der Warenaustausch zwischen den beiden angelsächsischen Ländern ist gegenüber dem letzten Hochkonjunkturjahr (1929) stärker gesunken als im Gesamtdurchschnitt. Großbritannien, das im Jahr 1929 für nicht weniger als 4001 Millionen Mark amerikanische Waren ab- aenommen hatte, kaufte in der Union im Jahre 1936 nur noch für 1157 Millionen Mark. Da die beiden Länder in der Zwischenzeit (Großbritannien im Jahre 1931 und die amerikanische Union im Jahre 1933) ihre Währung etwa im gleichen Maß abgewertet haben, sind die Zahlen ohne Einschränkung vergleichbar.
In den Jahren von 1929 bis 1932 zeigte der gesamte internationale Warenaustausch eine scharf rückläufige Bewegung. Wenn aber an der Erholung des Außenhandels feit 1933 der britischnordamerikanische Warenverkehr nicht beteiligt ist, so erklärt sich das ganz überwiegend aus jenem Vertrag, den Großbritannien und seine wichtigsten Gliedstaaten im Jahre 1932 über einen stärkeren Warenverkehr innerhalb des britischen Weltreiches zu Ottawa abgeschlossen hatten. Wenn jetzt Großbritannien sich um einen lebhafteren Handelsverkehr mit den Vereinigten Staaten bemüht, so ist das ein besonders wichtiger Abschnitt in jener Politik, die das britische Mutterland wirtschaftlich von feinen Gliedstaaten — den Dominien —, und größeren Kolonien wegführt. Dies Bestreben war bereits auf der Weltreich-Konferenz Mitte 1937 (im Anschluß an die Krönung Georg VI.) erkennbar. Sie hat ihren Grund in der Sorge, in der Versorgung mit Lebensrnitteln und wichtigen Rohstoffen allzusehr auf die Zufuhr aus solchen Ländern angewiesen zu sein, die weit entfernt liegen, und zu denen die Zufahrtlinien unter gewissen politischen Konstellationen gesperrt oder doch bedroht werden könnten.
Unter den führenden Männern des britischen Weltreichs hat besonders der kanadische Ministerpräsident Mackenzie King, der vor einigen Monaten auch Deutschland besucht hat und vorn Führer und Reichskanzler empfangen worden ist, 2ie Neuausrichtung der britischen Wirtschafts- und 'Dersorgungspolitik zu fördern gesucht. Kanada hat :mit den Vereinigten Staaten kürzlich einen Vertrag »abgeschlossen, der deshalb so schwierig war, weil 'Kanada nur ein einziges wichtiges Ausfuhr- imtereffe hat: landwirtschaftliche Erzeug- misse und die Vereinigten Staaten selber an Algrarprodukten einen Produktionsüberschuß haben. »Es scheint, daß der Besuch, den der amerikanische Staatssekretär Hüll am 20. und 21. Oktober dem kritischen Generalgouverneur und dem kanadischen Premierminister in Ottawa abgestattet hat, wesentlich zum jetzigen Beschluß beigetragen hat, mit Wirt- ffchaftsverhandlungen zu beginnen.
Oer japanische Vormarsch auf Nanking.
Keine Sicherheitszone in der Hauptstadt.
Schanghai, 30. Nov. (DNB.) (Dftafienbienft des DNB.) Bei ihrem Vorstoß nach Nordwesten haben die Japaner am Dienstag die westlich vom Tai-See an der Straße nach Wuhu gelegene Stadt K w a n g t e h eingenommen.Es scheint beabsichtigt zu sein, den Vormarsch auf Nanking auf vier großen Haupt st raßen durchzuführen, die in den südlichen Außenbezirken der chinesischen Haupt-
Die Pfeile auf unserer Karte bezeichnen den japanischen Vormarsch auf Nanking. — (Scherl-M.)
Wuhu
TAI-SEE
Kwching
25____SO Jan
stadt Zusammentreffen. Aus Hangtschau kommend, sollen weitere japanische Reserven nach Norden vor- stoßen. Ein Teil schiebt sich längs der Hangtschau — Schanghai-Bahn in nordöstlicher Richtung vor, während die andere Kolonne scharf nördlich zum Tai-See vordringt. Bedeutungsvoll ist die Tatsache, daß es den Japanern am Dienstag gelang, nach der bereits gemeldeten Einnahme der Kiangyin-Forts eine Durchfahrtslücke durch die in der Nähe errichtete chinesische Schiffssperre im Dangtse zu erzwingen.
Die Chinesen versuchen jetzt, eine neue von Tschingkiang über Tanyang in nord südlicher Richtung nach hintan verlaufende Stellung zu halten. Auch eine neue Flußsperre wird bei Tschingkiang vorbereitet, um nach Möglichkeit das Vordringen japanischer Kriegsschiffe nach Nanking zu verhindern.
Die elf noch in Nanking verbliebenen deutschen Staatsangehörigen sind an Bord eines auf dem Pangtse liegenden Schiffes untergebracht. - — Ein englisches Kanonenboot hat am Dienstagmittag Hankau verlassen, um sich nach Nanking zu begeben. Die Verhandlungen, Hangtschau aus dem Kriegsgebiet herauszuschneiden und eine Sicherheitszone innerhalb Nankings zu errichten, sind bisher ohne Erfolg geblieben.
OerjapanffcheStaaishaushaft
45 v.H. Militärausgaben.
China-Krieg geht auf Sonderkonto.
Tokio, 30. Nov. (DNB.) Das japanische Kabinett billigte den Staatshaushalt für 1938, der mit 2 868 299 000 Jen abschließt, also eine Erhöhung um 55 Millionen Jen gegenüber dem Etat von 1937 aufweist. Der lausende Militäretat mit insgesamt 1,24 Milliarden Jen macht etwa 4 5 v. H. des Gesamtetats aus; jedoch sind darin dieAusgaben für d e n Eh i n a - K o n f l i k t nicht enthalten, die auf Sonderrechnung gehen. — Neu im Haushalt vorgesehen ist ; die Einrichtung eines „Büros für Gesundheit und l Wohlfahrt" als Vorläufer eines Sozialministeriums mit einem Etat von 85 Millionen; ferner besondere Mittel für Jugenderziehung in nationalem Geiste, i für Erhöhung der Produktionskapazität, Verstärkung der Kontrolle der Kriegswirtschaft, Entwicklung der Flugzeugindustrie und Förderung der Pilotenausbildung.
Haussuchung der GM. in der Warschauer Sowjetbotschast.
Familien der Gowjetdiplomaten werden als Geiseln in Moskau zurückbehalten
Warschau, 30. Nov. (DNB.) In der Warschauer Sowjetbotschast wurde von einer sechsköpfigen Sonderkommission der GPU. eine Haussuchung durchgeführt, die bis in die späten Abendstunden andauerte. Besondere Aufmerksamkeit wurde den privaten Räumen des bisherigen Sowjetbotschaters D a w t j a n und dem Arbeitszimmer seines ebenfalls in Moskau verhafteten Pressechefs zugewendet. Einzelne Sessel aus dem Zimmer Dawtjans wurden auseinandergenommen, Papiere und Privatbriefe beschlagnahmt und nach Moskau transportiert. Die Kontrollkommission habe selbst die Kellerräume nicht ausgelassen und in den Wohnräumen Dawtjans d i e Tapeten und das Parkett aufgerissen.
Warschauer Blätter stellen fest, daß die Haussuchung auf alle Beamten der Sowjetbotschaft einen niederschmetternden Eindruck gemacht hat. Ein großer Teil befürchte, daß man ihn demnächst nach dem Beispiel Dawtjans und seiner engster Mitarbeiter nach Moskau a b b e r u f e n und dort verhaften werde. In den letzten sechs Monaten hätten 72 Sowjetbeamte sich geweigert, ihrer Rück- bcrufung in das Sowjetparadies Folge zu leisten Angesichts dieser Erfahrungen sei in Moskau beschlossen worden, künftighin nur noch Personen,
die Familie haben, ins Ausland zu schicken, und zwar ohne ihre Angehörigen, um eine Gewähr dafür zu erhalten, daß sie, wenn sie abberufen werden, auch nach Sowjetrußland zurückkehren. Selbst die nächsten Angehörigen des Sowjetbotschafters D a w t j a n wüßten nicht, was ihm geworden sei. Alexandrow, der Presseattache Dawtjans, soll erschossen worden sein.
Neun Militärattaches der Sowjets „abberufen".
Paris, 1. Dez. (DNB. Funkspvuch.) Der „Ma- tin" will berichten können, daß unter dem Verdacht der „Spionage zugun st en faschi- st i s ch e r Mächte" und des „Attentatsplanes gegen Stalin" zahlreiche sowjetrussische Militärattaches unter verschiedenen Vorwänden nach Moskau zurückberufen worden feien, wo sie vor ein Militärgericht gestellt werden sollen. Als „abberufen" nennt der „Matin" den Militärattache der Sowjetbotschaft in Paris, General Semenoff, sowie die. Militärattaches in Tokio, Nanking, Teheran, Kabul, Rom, Valencia, Athen und in Ankara.
Der Verlauf der Dinge wird folgender sein: die Verhandlungen dürften sich bis in das Frühjahr 11938 hinziehen. Dann müßten die britischen Unterhändler wegen des vorläufigen Ergebnisses mit den Vertretern der Dominien in Verbindung treten und srst bann besteht Aussicht auf Abschluß eines Verlages. Eine Verzögerung über den Sommer hinaus liegt weber im Interesse Großbritanniens, das auf Abschluß eines Vertrages mit der amerikani- chen Union drängt, noch auch im Interesse der Regierung Roosevelt, die sehr gern einen Erfolg in diesen Verhandlungen in die Waagschale der K o n- g r e ß w a h l e n vom November 1938 werfen würde.
Ueberall wird zugegeben, daß die Auseinander- ltzungen schwierig und langwierig werden dürften. Washington scheint darauf verzichtet zu haben, vor Beginn der Verhandlungen eine grundsätzliche Erklärung der britischen Regierung in der Schuldenrage zu fordern. Aber bestehen bleibt die sogenannte Johnson-Akte, die jede Kreditgewährung an solche Länder verbietet, die ihre alten schulden nicht anerkannt haben und in ihren Rückzahlungsverpflichtungen säumig geworden sind. Auch mit Rücksicht auf Frankreich, das gleich Lngland den amerikanischen Gläubigern die laufenden Zins- und Tilgungszahlungen aufgekündigt hat, i»ätte die Londoner Regierung einem solchen An- Lichen der Regierung Roosevelt nicht entsprechen ’iönnen.
Por zehn Jahren waren die Vereinigten Staaten bevorzugte Lieferanten Großbritanniens nicht -,ur für wichtige Rohstoffe (Erdöl, Häute, Baumwolle und gewisse südamerikanische Transit
waren), sondern auch für einige hochwertige I n - dustriewaren, wie Kraftwagen, Buchhaltungsund Werkzeugmaschinen. Weiter erzeugt Amerika Nahrungsmittel, an denen in England starker Bedarf besteht, z. B. Speck und Schweineschmalz. Die neue amerikanische Neutralität s- praxis, die von ausländischen Kriegführenden Bezahlung im Verschiffungshafen und Verfrachtung auf nichtamerikanischen Schiffen verlangt, bedeutet für Großbritannien mit seinen reichen Gold- und Devisenreserven und seiner leistungsfähigen Handelsflotte keinerlei Erschwerung der Versorgung im Fall von internationalen Komplikationen. Für Amerika hätte die Gewinnung eines zahlungsfähigen, unbedingt zuverlässigen Großabnehmers zweifellos einen starken Reiz. Der Warenverkehr mit Großbritannien ist für die amerikanische Union stets hochgradig aktiv gewesen. Großbritannien würde es nicht wie andere Länder nötig haben, auf einen Aktivsaldo im Warenaustausch mit den Vereinigten Staaten zu bringen; es würbe aus ben großen Beteiligungsgewinnen, bie es überall in ber Welt erzielt, auch einen sehr beträchtlichen Aktiv- | falbo ber Amerikaner im Warenverkehr glatt abgelten können.
Zwischen D e u t s ch l a n b unb ber amerikanischen Union besteht gleichfalls ein v e r t r a g s l o s e r Zustanb. Zwischen Deutschland unb Großbritannien gibt es neben bem Handelsvertrag ein Zahlungsabkommen, bas sich im allgemeinen bewährt hat, inbem es Deutschlanb einen Devisenüberschuß läßt unb ben britischen Inhabern beutscher Schuld- titel bis zu einem gewissen Grabe Deckung verschafft. Deutschlanb hat mit Kanabaunb Süd-
a f ri k a Wirtschaftsabmachungen getroffen und konnte vor wenigen Monaten sogar mit dem bisher sehr zurückhaltenden Dominium Neuseeland ein Abkommen treffen. Schließlich scheint auch der Abschluß -eines deutsch -australischen Wirtschaftsvertrages in erreichbare Nähe gerückt zu fein. Offenbar hat die fortschreitende wirtschaftliche Abkehr des britischen Mutterlandes von seinen Dominien und Kolonien auf die Ausgestaltung der deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu den Gliedern des britischen Weltreiches anregend gewirkt.
Deutschland hat auf dem Gebiete der engeren Politik, aber auch auf dem der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Völkern den Grundsatz vertreten, daß Abmachungenzu zweien wirksamer seien als Abmachungen zu vielen, bei denen sich niemand recht als verantwortlich fühlt. Bereits bei der Erkun- dungsfahrt des belgischen Ministerpräsidenten van Z e e l a n d nach Amerika und nach einigen wichtigen europäischen Ländern hat eine argwöhnische internationale Kritik die Behauptung ausgestellt, Deutschland blicke mit Unbehagen auf Versuche, eine Vielheit von Staaten auf ein gemeinsames Ziel — das wirksamerer Krisenbekämpfung. — hinzulenken. Deutschland hat der Dreimächteerklärung vom September 1936 über eine internationale Währungsordnung ohne Vertrauen zugesehen, aber es würde es aufrichtig begrüßen, wenn zwischen den beiden angelsächsischen Ländern — die doch nun einmal auf dem Geld- und Kapitalmarkt der Erde führend sind —, eine Festlegung d e s Verhältnisses Pfund — Dollar erfolgte, deren späterer Erfolg eine internationale Währungsstabili- f i e r u n g sein könnte.
Erinnerungen eines freimütigen Soldaten.
Es ist wohl eine Laune des Zufalls, daß fast gleichzeitig mit der Biographie des Oberbefehlshabers der britischen Truppen im Weltkrieg, Sir Douglas H a i g, aus der Feder Duff Coopers, die hier kürzlich angezeigt wurde, auch ein anderes Buch in deutscher Übersetzung vorgelegt wird, das eine selbst für englische Verhältnisse überaus offenherzige Kritik an der Kriegführung Lord Haigs im besonderen wie an den Verhältnissen in Kriegsministerium, Generalstab und Truppenführung des britischen Heeres im allgemeinen übt. Es sind die „Erinnerungen eines freimütigen Soldaten" von Generalmajor I. F. C. Fuller, dem Stabschef des britischen Tankkorps im Weltkrieg und, man darf auch sagen, dem glühendsten Propagandisten der Panzerwaffe in der militärischen Literatur der Gegenwart. Die deutsche Uebersetzung ist im Verlag von Ernst Rowohlt in Berlin, gebunden zum Preise von 9,50 Mark — (385) —, erschienen.
Eine Bemerkung im voraus: Fast mehr noch, als die schonungslose KriUk an der britischen Obersten Kriegführung überrascht den deutschen Leser der sich selbst und andere ironisierende Ton des Verfassers, ein Sarkasmus, der in krassem Gegen- satz steht zu dem sachlichen Ernst, mit dem deutsche Offiziere gewohnt find, militärische Probleme zu behandeln. Aber die zahlreichen Zitate aus Denkschriften des Verfassers, mögen sie auch bezeugen, daß der Papierkrieg anscheinend auch auf der anderen Seite in hoher Blüte gestanden, hat, sind doch auch ein Beweis dafür, daß seine Kritik nicht zu der billigen Weisheit gehört, die gewöhnlich erst denen dämmert, die vom Rathause kommen.
Fuller, der erst verhältnismäßig spät als Gene- ralstabsoffizier an die flandrische Front kommt, hat sehr offenen Sinnes bald die Gefahr erkannt, die für die Moral der Truppe wie für die geistige Beweglichkeit der Führung aus dem Steckenbleiben im Stellungskrieg erwachsen mußte, und er tyat aus dieser Einsicht heraus schon sehr früh in zahlreichen Denkschriften und Dienstvorschriften daraus hingearbeitet, diese Erstarrung zu lösen. Dazu schien ihm die eben in ihren Anfängen stehende Tankwasfe das geeignetste Kriegsinstrument zu sein. Freilich ihr Einsatz in dem zähen Schlamm von Paschen- baele mußte ihre Fürsprecher bereits desavouieren, bevor mit ihr ernsthafte Versuche gemacht worden waren.
Fuller forderte den Einsatz von Flugzeugen gegen die feindliche Artillerie, um zu vermeiden, daß eine langanhaltende Artillerie-Vorbereitung das Dorge- länbe für die angreifende Infanterie und die nachstoßenden Tanks unpassierbar machte, von Kavallerie ganz zu schweigen, deren Einsatz der Oberbefehlshaber bei britischen Offensiven stets vvrsah. Fuller beklagt sich, daß das Tankkorps im Obersten Hauptquartier keinerlei Verständnis für feine taktischen Pläne gefunden habe. Er sagt von Sir Douglas H a i g, daß er ein großer Gentleman, ein Wann von Ehre und lauterem Wesen gewesen sei, aber auch ein Mann, der so wenig Phantasie besäße, daß er in Wirklichkeit niemals den Krieg sah, wie er tatsächlich mar. „Stattdessen", so schreibt Fuller, „sah Haig Phantome vergangener Kriege, und aus diesen geisterhaften Schattengebilden entstanden jene mythologischen Schlachten, die ihm so real und infolgedessen so notwendig erschienen."
Die Schlacht von Cambrai am 20. November 1917 sah zum erstenmal große Massen englischer Tanks im Angriff. Aber trotz erheblicher Erfolge sah nach den Worten Fullers die Oberste Heeresleitung nur das Steckenbleiben, das durch die mangelnde Bereitstellung von Infanterie- und Kavalleriereserven verursacht worden war. Fuller meint, daß das Große Hauptquartier die Kampfwaffe nur deshalb reduzieren wollte, weil es den taktischen Anforderungen, die diese neue Waffe an die Führung stellte, sich nicht gewachsen fühlte. In Churchill und Lloyd George fand der Generalstab des Tankkorps verständnisvolle und willige Helfer im Kampf gegen die angeblichen Doktrinäre des Großen Hauptquartiers. Auch die französischen Generale Fach und Petain zeigten großes Interesse für die Tankwaffe, ebenso französische Frontoffiziere, die in großer Zahl für den Kampf mit Panzerwagen ausgebildet wurden und sich nach dem Urteil Fullers hierfür sehr geeignet zeigten.
Die große Märzoffen sive 1918 brachte die britische Führung in völlige Verwirrung. Das Große Hauptquartier hotte keine Verbindung mehr mit der Front und die Korpskommandeure verloren die Truppen aus der Hand. Fuller beklagt es bitter, daß es in der britischen Armee von „Blindgängern" wimmele, die in der Armee geduldet würden, weil dort Kameradschaftlichkeit über der Tüchtigkeit stehe. Fuller beklagt weiter das völlige Fehlen der Truppenkameradschaft, da die Leute von einer Truppe zur anderen geworfen werden und die jetzt an- langenden Rekruten aus den Schichten stammen, die sich solange dem Kriege fernhielten, wie sie nur konnten. Auf das entschiedene Wort Churchills: „Wir werden, wenn nötig, an der Meeresküste kämpfen!" antwortete Fuller damals dem Minister: „Unsere Generale werden uns schon an die Seeküste bringen, verlassen Sie sich darauf!" Während das Große Hauptguartier noch für den Herbst dieses Jahres mit der Beendigung des Krieges rechnete, glaubte Fuller nicht daran und arbeitete für das Jahr 1919 einen Plan für einen wahrhaft gigantischen Tankangrift aus, der die Vernichtung der deutschen höheren Stöbe und damit die Ausschaltung de? deutschen Führung zum Hauptziel haben sollte. Der Man zeugt von einer außerordentlichen Phantasie, die ja das Vorrecht jeder


