Nr. irr Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für Vberheffen)
IHoittog, 28. Juli 1041
Aus der Stadt Gießen.
Kühlung.
Wenn mir uns an heißen Tagen, wie es in den meisten Fallen wohl sein maa, ohne Eis behelfen müssen, bann ist die frische Luft, auch der Luft zug unser Freund, und wir machen es uns zunutze daß durch die Verdunstung von Wasser wohltuende Kühle entsteht. Die Wohnung wird schön ausgekühlt, wenn wir nachts in allen Zimmern und Gangen, außer in den Schlafzimmern, Durchzug machen und am Tage stets diejenigen Fenster schließen, auf denen die Sonne liegt. Im Schlafzimmer können mir keinen Durchzug machen, da wir uns sonst erkalten wurden, aber in ganz heißen Nächten verschaffen wir uns kühlere Luft, wenn wir feuchte Tücher aufhängen. Während sie trocknen, genießen wir die „Verdunstungskälte". Auch im Krankenzimmer ist das Aufhängen von feuchten Tüchern eine gute Hilfe und Erquickung für den Kranken.
Nun kommt die nächste Frage: Was geben wir den erhitzten und durstigen Angehörigen, wenn sie aus der Stadt nach Hause kommen? Der rechte kalte Trunk oder Eis hat schon manchem mehr Schaden als Nutzen gebracht, ja zu schweren Erkrankungen geführt. Außerdem ist diese nur augenblickliche Abkühlung physiologisch als falsch anzu- sehen. In diesem Falle könnten mir etwas von der japanischen Bevölkerung lernen, die in heißen Tagen erst recht ein heißes Bad bevorzugt. Man wird zuerst erstaunt darüber sein, aber leicht die Begründung einsehen: Der Körper regelt eine starke Erhitzung durch den Ausbruch von Schweiß, es wird also dadurch eine innere Abkühlung herbeigeführt. Starker Schweißausbruch nach einem heißen Bade
Verdunkelungszeit
28. Juli von 21.19 bis 5.32 Uhr.
fstlbst, oder vielmehr erst recht an heißen Tagen bringt wahre, richtige Abkühlung des Körpers und daher wirkliche Erholung. Nun ist es nicht nötig, daß man heiß badet, zumal bei uns die Einrichtung heißer Bäder nicht so allgemein ist wie in Japan, aber wir können uns helfen, indem wir statt eines kühlen Trunkes eine Tasse heißen Tee trinken. Wer sich einmal überwunden hat und statt des kühlen diesen heißen Trunk zu sich nahm und nach dem Schweißausbruch die gute Erholung empfunden hat, wird wissen, wie er es künftig halten muß!
In der Speisekammer sorgen mir für kühle Luft Hurch Lüften in der Nacht, so weit dies nur rnäg- ich ist, und machen uns dann am Tage die „Der- iMinftungstälte" in jeder Form zunutze. Die früher »iel gebrauchten unglasierten Tonbehälter sind für »eiße Tage ein Vorteil. In ihnen heben wir Gemüse auf, das nicht sofort gebraucht wird, oder den schnell welkenden Salat, und decken außerdem (in feuchtes Tuch darüber. Wenn wir es ganz fein nachen wollen, stellen wir den Tontopf in ein größeres Gefäß mit Wasser und lassen noch die Zipfel l<s darüber gedeckten Tuches in das Wasser tauchen. 5o saugt es sich immer von neuem voll Wasser, las im Verdunsten kühle Luft spendet. Besonders : iit sind zu diesem Zwecke Tücher aus stark saugen- em Stoff, wie aus Frottierwäsche. Ein altes Frot- ftertud) wird in passende Stücke geschnitten und Nient nun als Hülle über Töpfe und Schüsseln. Benn wir außerdem noch guten Luftzug haben vollen, damit viel Wasser aus den Tüchern Der- unstet, stellen wir die Töpfe in das Heizungsloch es Ofens, das wir vorher fauber ausgefegt haben, nt> lassen die Ofentür offen. Dr. O. W.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Hohe Schule". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die blonde Christel".
Mehr Taktgefühl!
NSG. Während der warmen Sommertage weisen nfere öffentlichen Schwimmbäder einen starken besuch auf. Selbstverständlich sind auch unsere Sollten zahlreich vertreten. Und recht oft ist auch i ner darunter, der den Einsatz für Volk und Vater- lind mit dem Verlust feiner gesunden Glieder ein- labüßt hat. Manch einer ist dabei, der angesichts !-'sunder Menschen seinen Zustand um so härter
empfinden muß. Selbstverständlich muß bann unser ganzes Feingefühl ausgeboten werden, um jenen Kameraden über ihre Lage hinwegzuhelfen. Unb darum ist es ganz und gar unangebracht, diese Amputierten als Schauobjekte oder Sensationen in bcn Schwimmbädern zu betrachten. Jedes widerliche und neugierige Anstarren hat zu unterbleiben. Aufdringliche Hilfsbereitschaft ist ebenso wenig am Plötze, und da zumeist genügend andere Kameraden dabei sind, kann so etwas oftmals mit Recht als plumper Annäherungsversuch ausgelegt werden. Unbefangene Artigkeit, freundliche Unaufdringlichkeit, — das ist die erwünschte Art, den amputierten Kameraden zu begegnen. Statten wir alsd unseren Verwundeten einen kleinen Teil unserer Dankesschuld dadusch ab, daß wir es ihnen ermöglichen, sich ungeniert unter Gesunden bewegen zu können. Denn dadurch helfen wir ihnen am schnellsten, wieder das Gefühl zu bekommen, vollwertige Menschen zu sein.
Frohe Stunden für unsereVerwundeten
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" vermittelte im Auftrage des Oberkommandos de>r Wehrmacht den Verwundeten in unseren Lazaretten wjederum einige schöne Veranstaltungen. In zwei Lazaretten wurde der KdF.-Film „Narren im Schnee" gezeigt, ferner die neue Wochenschau vorgeführt. Unter dem Motto „Heiterer Mozart" fand in zwei Lazaretten je eine Stunde beschwingter Musik statt, ausgezeichnet gesungen und gespielt von Frl. Christel Speth (Sopran) und Elfte B r u cf (Violine), wobei Dr. Georg Kuhlmann Erläuterungen zur Vortragsfolge gab und die Darbietungen der beiden Künstlerinnen in vortrefflicher Weise am Klavier begleitete. Die NSKOV.-Kameradschaft Bad-Nauheim hatte eine Anzahl Verwundete nach Bad-Nauheim zu einer Besichtigung der Kuranlagen und der Sehenswürdigkeiten der Badestadt eingeladen, wobei die Gäste am Teichhaus bei einer Kaffeetafel erfrischt wurden. Für das weitere leibliche Wohl hatte die Kreisamtsleitung Wetterau
der NSV. in vortrefflicher Meise Sorge getragen. Die schönen Stunden gingen den Besuchern nur all. zuschnell dahin. Sämtliche Veranstaltungen fanden verdientermaßen den dankbaren und lebhaften Bei- fall unserer verwundeten und kranken Soldaten.
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** 7 5 Jahre a l t. Am heutigen 28. Juli begeht der Buchbindermeister Justus W o e l k e , Wil- Helmstraße 48 wohnhaft, in aller Frische seinen 75. Geburtstag. Von morgens früh bis abends spät steht er noch heute an seiner Werkbank und druckt selbst noch mit geübter Hand und sicherem Blick Goldzeile um Golozeile auf seine Bücherrücken. Viele Bibliotheken der Heimat und in der Ferne, bei der Universität, in Schlössern und bei Gelehrten und Bücherliebhabern können Zeugnis geben von seiner Handbindekunst. Interessant sind seine Erinnerungen an viele bekannte Persönlichkeiten, für die er „gebunden" hat und mit denen er dadurch in nähere Beziehungen trat. — Natürlich hat ihn nicht aus» schließlich die rastlose Arbeit so frisch erhalten. Seiner Haltung merkt man den früheren Turner an und den Wanderer, der bis heute noch keinen Sonntag vergehen läßt, ohne seinen Waldspazier^ gang gemacht zu haben. Lebhaft anteilnehmend am großen Geschehen unserer Zeit ist er noch vielseitig interessiert. So werden sich viele Liebhaber der Kon zertzither seiner als Leyrer oder Dirigent erinnern.
** 'Beim Ueberschreiten der Geleise tödlich über fahren. Arn gestrigen Sonntag, früh gegen 7.30 Uhr, ereignete sich im Gießener Bahnhof ein schwerer Unglücksfall, durch den leider ein Menschenleben vernichtet wurde. Der 37 Jahre alte Lokomotivheizer Konrad Tr ö l l e r aus Merlau bei Mücke überschritt nach Verlassen seiner Lokomotive die Geleise und wurde dabei von einem rangierenden Güterwagen, den er nicht bemerkt hatte, zu Boden gerissen. Der bedauernswerte Mann wurde so schwer verletzt, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Der Verunglückte hinterläßt feine Frau und zwei Kinder.
DieDmchsührungdesvereinsachtenLohnabzuges
Von. Steuerberater Dr. jur. et rer. pol. K. Wuth, Berlin.
Die Betriebsführer haben bereits vom 1. 8. 1941 ab die Vereinfachung des Lohnabzuges zu berücksichtigen, die sich aus der Ersten Lohnabzugs-Verordnung vom 1. 7. 1941 ergibt. Ein Durchsührungs- erlaß des Reichsfinanzministers vom 10. 7. bringt dazu wichtige Anordnungen für die Betriebsführer.
Abführung der Lohn- und Btirgerffeuer bis zum 10. — Fortfall der Wehrsteuer.
Die Abführung der vom Arbeitslohn der Arbeitnehmer einbehaltenen Lohnsteuer hat künftig nicht bis zum 5., sondern erst bis zum 10. nach Ablauf jedes Kalendermonats an das Finanzamt der Betriebsstätte zu erfolgen. Die im Juli einbehaltene Lohnsteuer ist nach der Verordnung zwar noch vis zum 5. 8. zu entrichten; der Durchführungserlaß läßt jedoch die Abführung bereits bis zum 10. 8. zu. Gleichzeitig hat die Lohnsteueranmeldung zu erfolgen, sofern dem Arbeitgeber nicht auf Antrag vom Finanzamt gestattet ist, sie vierteljährlich abzugeben.
Die Bürgersteuer, die vom Arbeitslohn der Arbeitnehmer nach dem 30. 6. einbehalten ist, muß künftig gleichzeitig mit der Lohnsteuer erstmalig bis zum 5. bzw. 10. (11.) 8. d. I., und zwar für sämtliche Arbeitnehmer in einem Betrage an das Finanzamt der Betriebsstätte abgeführt werden. Lohnsteuer und Bürgersteuer sind in einem Betrage zusammen — in der Regel nicht In bar, sondern durch Ueberweisung oder Einzahlung auf Postscheck oder Reichsbankgirokonto — der Finanzkasse zu entrichten; jedoch lind auf dem Postscheckabschnitt die Höhe der Loyn- und Bürgersteuer getrennt aufzu- führen. Anzugeben ist auch, auf welchen Zeitraum die Bürgersteuer entfällt, ohne daß die einzelnen Arbeitnehmer wie auch die hebeberechtigten Gemeinden bezeichnet zu werden brauchen. Die Bürgersteueranmeldung ist mit der Lohnsteueranmeldung zu verbinden. Das oorgeschriebene. Muster, das auch für die Wehrsteuer, die vom 1. 8. d. I. ab nicht mehr erhoben wird, bestimmt ist, ist vom Arbeitgeber entsprechend abzuändern; die Worte „zugleich Wehrsteueranmeldung" sind in „zugleich Bürger
steueranmeldung", „Wehrsteuer" in „Bürgersteuer" zu ändern.
Arbeitgeber, die zu Beginn des Kalenderjahres oder bei Betriebseröffnung nicht mehr als fünf Arbeitnehmer beschäftigten, brauchen die Lohnsteuer erst abzuführen, wenn sie 100 RM. übersteigt, spätestens jedoch bis zum 10. Tag nach Ablauf des Kalender- Vierteljahres (z. B. bis zum 10.10.). Trifft dies zu, so ist auch die Bürgersteuer vierteljährlich zu überweisen, ohne daß es auf ihre Höhe ankommt. In gleicher Weise hat die Anmeldung der Lohnsteuer und Bürgersteuer vierteljährlich zu erfolgen. Arbeitgeber, die ausschließlich Arbeitnehmer beschäftigen, für die nur Bürgersteuer, keine Lohnsteuer abzuführen ist, brauchen die Bürgersteuer nur halbjährlich, also bis zum 10. 7. und 10. 1. zu entrichten, insbesondere also Haushaltsvorstände die Bürgersteuer der Hausgehilfin.
Die Bürgersteuer ist vom Arbeitgeber nach wie vor jjn Lohnkonto unter Angabe der hebeberechtigten Gemeinden und der Bürgersteuerbeträge einzutragen.
Der Gesamtbetrag der einbehaltenen Bürgersteuer ist auch bei Ausschreibung der Lohnsteuerbe- lege einzutragen, insbesondere auf der Lohnsteuer- tarte bei Ausscheiden eines Arbeitnehmers oder am Ende des Jahres, 1941 jedoch noch nicht. —
Die Wehr st euer vom Arbeitslohn ist infolge des zeitweiligen Fortfalls erstmalig von Arbeitslöhnen für nach dem 31. 7. endende Lohnzahlungszeiträume (Monate, Wochen usw.), sowie von nach diesem Zeitpunkt gezahlte sonstige Bezüge nicht mehr einzubehalten, ohne daß die Lohnsteuerkarte hinsichtlich des Vermerks über die Wehrsteuerpflicht geändert wird. Anzumelden ist die Wehrsteuer also lctzmalig bis zum 5. bzw. 10. 8., bei vierteljährlichen Anmeldungen bis zum 10. 10.
Aenderungen und Ergänzungen der Lohn- sleuerkarle.
Aenderungen und Ergänzungen der Lohnsteuer- karte (z. B. hinsichtlich des Familienstandes) können rückwirkend bis zum Beginn des K a - lenderjahres auf der Lohnsteuerkarte einge
tragen werden. 'Angegeben wird auf der Lohnsteuer- karte als maßgebender Zeitpunkt der Tag, an dem alle Voraussetzungen für die Aenderung oder Ergänzung der Steuerkarte erstmalig vorhanden waren, insbesondere der Zeitpunkt des maßgebenden Ereignisses, wie Heirat, Geburt des Kindes usw. Für die Eintragung steuerfreier Beträge wegen Werbungskosten und Sonderausgaben (von über 39 RM. monatlich) sowie wegen außergewöhnlicher Belastung ist grundsätzlich der Zeitpunkt maßgebend, an dem der Antrag beim Finanzamt ein- geht.
Der Arbeitgeber darf nach wie vor die । gän zun im tat
erst nach der Vorlage der geänderten bzw. ergänzten Steuerkarte berücksichtigen. Er isl jebod) berechtigt, bei den auf die Vorlage folgenden Lohnzahlungen so viel weniger an Lohnsteuer einzubehalten, als er seit dem. Tage der Rückwirkung zu viel einbehalten hat; Barauszahlung an den Ar- bettnehmer ih nicht gestatte^. In allen Fällen, in denen der Arbeitgeber eine Aufrechnung nicht vorgenommen hat, steht dem Arbeitnehmer ein Rechts- anspruch auf Ersta11ung der zu viel einbehaltenen Lohnsteuer gegenüber drm für seinen 'Wohnsitz (am 10. 10. des Vorjahres) zuständigen Finanzamt zu. Der Antrag muß spätestens am 31. 12. des Kalenderjahres gestellt werben, das auf das Jahr der riickwirkenden Aenderunvl oder Ergänzung der Steuerkarte fällt (z. B. bei Aenderung irn Jahre 1941 bis 31. 12. 42). Die NeiiregeKing gilt für alle Fälle, in denen über einen Antrag auf Aenderung oder Ergänzung der Steuerkarte enhveber am 31. 7. dieses Jahres noch nicht entschieden mar, oder der erst im Juli 1941 gestellt worden ist. Ausrechnung seitens des Arbeitgebers und Erstattung' der Lohn- steuer durch das Finanzamt sind jedoch auch dann zulässig, wenn bep der Aenderung bzw. Ergänzung der Steuerkarte überhaupt ein vor dem 1. 8. 41 eingetragener Zeitpunkt eingetragen worden ist. Nachforderungen sollen anderseits seitens des Finanzamts von dem Arbeitnehmer unterbleiben, wenn sie mangels Verschulden des Arbeitnehmers unbillig find.
Mufrunbung der steuerfreien Beträge lmrch bcn Arbeitgeber.
Die auf der Lohnsteuerkarte eingetragenen steuerfreien Beträge für erhöhte Werbungskosten und Sonderausgaben, für außergewöhnliche Belastungen und für Kriegs- oder Dienstbeschädigte sind, jun die Rechenarbeit durch Vermeidung von Pfennigbeträgen zu erleichtern, aufzurunden. Diese Aufrundung ist an sich Sache des Finanzamts. Hinsichtlich der Lohnsteuerkarte 1941 soll jedoch der Arbeitgeber bei dem Abzug der steuerfreien Beträge vom Arbeitslohn die Aufrundung von sich aus vornehmen, und zwar Monatsbeträge auf den nächsten vollen Rcichsmark-Betrag (z. B. 24,68 RM. auf 25 RM ), Wochenbeträge auf volle 10 Rpf., Tagesbeträge ober 4-Stundenbeträge auf volle 5 Rpf. nach oben ab, runden.
Fortfall bes Hinzurechnungsvermerls bei . mitverbienenben Ehefrauen.
Mit mitverdienenden Ehefrauen hat der Arbeitgeber vom 1. 8. an die Hinzurechnung von 52 RM. monatlich (12 RM. wöchentlich usw.) zum lohn- steuerpflichtigen Arbeitslohn trotz Vermerks auf der Steuerkarte nicht mehr vorzunehmen.
Die späteren Aenderungen.
Erst vom 1. 10. 1941 ab wird die neue einheitliche Lohnabzugstahelle gelten, aus der die verschiedenen Lohnabzüge für die Lohnsteuer, die Angestelltenversicherung bzw. Invalidenversicherung und die DAF.-Beiträge, vom 1. 1. 1942 an auch die Beiträge zur Krankenversicherung sowie zum Reichsstock für Arbeitseinsatz — jeder Abzug für sich — abzulesen sein werden. Die Lohnstufen sind zur Vermeidung von Härten stark verengert. Der Arbeitslohn wird nicht mehr abgerundet.
Frankfurter Schlachtviehmarkt.
Frankfurt a. M., 26. Juli. Es notierten je 50 kg Lebendgewicht in RM.: Ochsen a) 47,5 bis 48,5, b) 42,5 bis 44,5, c) 39,5; Bullen a) 45 bis 46,5, b) 41,5 bis 42,5, c) 37,5; Kühe a) 45 bis 46,5, b) 40 bis 42,5, c) 34 bis 36,6, d) 20 bis 27; Färsen a) 46,5 bis 47,5, b) 42 bis 43,5, c) 36,5 bis 38,5; Kälber (Sonderklasse) 70; andere Kälber a) 59, b) 56 bis 59, c) 46 bis 50, d) 35 bis 40; Hämmel b2) 48 bis 51, Schafe a) 42 bis 44, b) 38 bis 40, c) 12 bis 32; Schweine a) 64, bl) 64, b2) 63, c) 61, d) 58, e) 56, gl) 64. Marktverlauf: alles zugeteilt.
blieb stehen, blickte in die Höhe, aus der ihm der bunte Farbenfall gekommen war, schüttelte den Kops und sagte mit der ganzen Gemütlichkeit seiner heimischen Mundart: „Nu hör emol! Ihr seid Körle! Siebenhundert Jahre habt ihr Zeit gehabt, un ausgerechnet heile mißt ihr das Haus streichenI"
Worauf Friedrich, in der Haustür stehend, erwiderte: „Jo, min Söhn, dat is man so. Säben» hunnert Johr hev wi up di luert, dat du tarnen deihst und bin Sägen trägst."
Der Sachse nickte ihm zu und sagte ti-fsinnigl „Un das nennt mer Weltgeschichte!^
Und Friedrich rief selig hinter ihm drein: „Dorüm mak wie sche ook Jubilium."
Oie Fahnenstange.
Von Otto Anthes.
Daß weltweiter Sinn auch in räumlicher Enge kuchnen kann, und daß man kein bochgelehrter Mensch zu fein braucht, um den Zusammenhang 'Her Dinge zu ahnen, habe ich schon öfter erfahren, (m eindringlichsten an meinem Freund Friedrich, l:r in einer engen Gasse hinter dem Rathaus der den Hansestadt ein kleines Haus fein eigen nennt. $ enn ich „Haus" sage, so tue ich schon ein übriges, hs sonderliche Gebäude hat in der Breite nur en Zimmer mit zwei dicht nebeneinander liegenden k'nstern. Nach der Tiefe hin ist es ebenso be- kränkt, indem die Nachbarn von rechts und links Wen darum herumgreifen und ihm weder Hof noch Törtchen lassen. Was aber die beiden Seiten an- 8gt, so gibt ein Ausspruch Friedrichs Aufschluß, W zu sagen liebt: ich betreibe mein Gewerbe ösedlich zwischen meinen eigenen zwei Wanden. E'is Häuschen hat nämlich tatsächlich nur zwei Cänbe, eine Vorder- und eine Hinterwand. Zu den 6 iten rechts und links müssen ihm die Nachbarn il-shelfen, zwischen deren feste Brandmauern man 'A einer Zeit, als es noch keine Baupolizei gab, Wes seltsame Bauwerk hineinhängte gewisse^ ^fjen. Der Zustand hat sein Gutes, kann aber auch merkwürdigen Erlebnissen führen. So vergrößerte JO erhöhte sich der Nachbar zur Rechten einmal. Rührend nun der Umbau im Gange war, kam 'i'es Mittags, da Friedrich mit feiner Familie bei £id) saß, plötzlich mit ungeheurem Gepolter, unter ^«rtelspritzen und Steinefall, ein eiserner Trager Il-'ch die Wand geschossen, fuhr ein Stückchen ins Immer und saß dann so fest und preislich in der ynuer, als ob er das größte Recht hätte, so in r edrichs Stube hineinzugucken. Als aber dann 16 Bauführer in ziemlicher Betretenheit €r1/7.ieJ1, tr den Schaden zu besehen und meinte, es bliebe J'fll nichts anderes übrig, als das ein gedrungene ''"ck abzusägen, da sagte Friedrich: „Lat dat Enn n,m ruhig sitten! Dat kann ick ganz god gebruten.
7 Und jetzt steht auf der eigenartigen Konsole em <mer Bronze-Elefant von Pagels, den Friedrichs >Ön auf der Kunstausstellung gewonnen hat, uno i-if)t sich sehr gut da. „
; Run war es zur Zett der höchsten vaterländischen
Das Grammophon im Urwald.
Zwischen zwei Negerstämmen Mittelafrikas am Ubangi-Fluß ist es vor einiger Zeit zu erbitterten Kämpfen gekommen. Kriegs gründ: ein altes Grammophon. Eines Tages war nämlich am Ubangi ein Forschungsreisender erschienen, der ethnographische Studien machte und u. a. auch die Stimmen der Schwarzen auf Platten bannte, um sie später einem Museum zu übergeben. Er veranlaßte eines Tages den Stamm, bei dem er zu Gast war, einen anderen Stamm einzuladen, um die Verschiedenartigkeit der Dialekte und Gesänge zu studieren. Alles klappte gut, und die Ausbeute war mehr als befriedigend. Um nun seinerseits den Schwarzen eine Freude zu machen, ließ er einige europäische Schallplatten spielen. Die Eingeborenen waren über die ungewohnte Musik entzückt, und da der Wissenschaftler den unmodernen, schon stark mitgenommenen Sprechavvarat nicht mehr nach Hause schlepven wollte, schenkte er ihn samt ein paar Platten Den Schwarzen. Leider sagte er dabei nicht ausdrücklich, wer nun eigentlich der Beschenkte sei, so daß sich nach seiner Abreise zwischen beiden Negerstämmen bald ein hitziger Streit um das Eigentumsrecht erhob. Dieser artete in so blutiger Weise aus, daß man sich genötigt sah, Polizeisoldaten in das Unruhegebiet zu schicken, um die Ordstung wiederherzustellen. Das gelang aber erst, als durch die bewaffnete Macht Das alte Grammophon „verhaftet" wurde. Seitdem herrscht wieder Einigkeit unter den Eingeborenen. Dafür sind sie aber nun der Polizei bös«.
Begeisterung, damals als die Hansestadt die Feier ihrer siebenhundertjährigen Reichsfreiheit beging, ihr Jubiläum, wie Friedrich sagte. Allenthalben rüstete und richtete man für das seltene Fest, man baute an den Häusern und malte sie, man putzte und scheuerte, und Rewoldt in der Alsstraße konnte nicht Fahnentuch genug für den Feierdrang der Einwohner anschaffen. Das Raunen und Rauschen der großen Begebenheit drang auch in die enge Gasse hinter dem Rathaus, aber Friedrich in seiner Bescheidenheit war noch lange Zeit der Meinung, daß es für ihn in feiner abgelegenen und versteckten Ecke geradezu eine Ueberheblichkeit wäre, sich und sein Häuschen groß herauszuputzen. Bis ihm denn doch klar wurde, daß auch er sich der allgemeinen Verpflichtung zur festlichen Erneuerung nicht entziehen könne. Die Zeit wurde ja nun ein bißchen knapp; aber der Maler, obwohl er alle Hände voll zu tun hatte, schaffte es schließlich doch noch, die Vorderseite des Häuschens in frische Farbe zu legen. Als er fertig mar, fragte ihn Friedrich, wie- viel denn nun wohl eine Fahnenstange koste.
„Dat Meter een Mark", sagte der Maler.
„Und woveel Meter hett fo’n Ding?"
„Nu — dat givt ehr to acht Meter, to kein, to twölf —"
„Uemme großzügig", sagte Friedrich. „Mak mi een to twölf Meter!"
Bier Meter Fahnentuch waren leicht besorgt. Aber es wurde wahrhaftig der Morgen des ersten Festtags, bis der Maler mit der Stange vor das Haus gerückt kam.
„Wohenn barmet?" fragte er.
„Rin in ’t Hus!" sagte Friedrich. Aber das hatte er leicht sagen. Es .zeigte sich, daß die zwölf Meter schlechterdings nicht die kurze und steile Treppe hinaufzubringen waren.
Wat nu?
Aber Friedrich ist nicht der Mann, der sich in schwierigen Lagen aus der Fassuna bringen läßt. Beweis dafür ist sein Verhalten Damals, als er während des Krieges als Landwehrmann auf Sylt die Kühe feines Truppenteils betreute. Da wurde eines Tages ein großes Faß mit Spinat abgeliefert, der sich bei dem ersten Versuch als gänzlich ungenießbar erwies. Was tat Friedrich, um in jener unsäglich knappen Zeit nichts umkommen zu lassen?. Er strich mit dem Zeug, das sich Spinat^
nannte, feine Baracke wunderbar grün an und erhielt bei der nächsten Besichtigung noch ein besonderes Lob für seine Sorge um die Verschönerung der Unterkunft.
Er war auch jetzt nicht verlegen. Kurzerhand ging er zum Rathausherrn und erwirkte sich die Erlaubnis, mit seiner Fahnenstange durchs Rathaus hindurch zum Ziel zu gelangen. Vier Mann hoch — die Helfer fanden sich leicht — zog er nun mit seiner Stange unter den Arkaden hindurch, sperrte auf einige Minuten die Breitestraße, kam durch Portal und Diele die Treppe hinauf in den Bür- gerschaftsfaal und schob das Untier durch die Fenster über die Gasse hinweg in seine Wohnung. Da die Gasse nur drei Meter in der Breite mißt und die ganze Wohnung, zwei Zimmer hintereinander, acht Meter in der Diese, so mußte die Stange noch um einen Meter hinten wieder ins Freie tauchen. Dafür lag sie nun aber auch fest, zumal Friedrich sie erstmals am Fensterkreuz, darauf am Tischbein im Wohnzimmer und letzlich am Bettpsosten im Schlafzimmer gehörig anband.
„De ganze Kommunikatschon war sche nu gestört in de Wohnung", sagt Friedrich, wenn er darauf 0U sprechen kommt. Aver schließlich, wann war man in seiner Wohnung in jenen festlichen Tagen? Und wenn Friedrich zur Nacht über die Stange weg- steigen mußte, um in sein Bett zu gelangen, so hatte er dabei nur das Gefühl, noch etwas Besonderes für die geliebte Vaterstadt zu tun.
Damit sind wir indes zeitlich schon um einiges über den Brennpunkt unserer Geschichte hinausgeraten. Als man nämlich vom Bürgerschaftssaal her mit der Stange nach Friedrichs Fenster zielte, war man zuerst ein paar Zentimeter zu weit seitwärts gekommen und hatte ein Stück des frischen Verputzes abgestoßen. Das so zu lassen ging unmöglich an. Und so mußte der Maler noch einmal herbei und auf einer Leiter stehend den Schaden ausbessern. Inzwischen hatte der Strom der Fremden in die Stabt schon eingesetzt. Dom Markt kommend, zogen sie truppweis durch Friedrichs schmale Gasse der Marienkirche zu. Und gerade als eine Schar sächsischer Waller, Die der Zufall oder der Ruf bes bevorstehenden Festes herbeigeführt hatte, unter der Leiter hindurchtrottete, ließ oer Maler feinen Pin- fei fallen, so daß die schone grüne Farbe einen braven Sachsen von oben bis unten bekleckerte. Er


