junge Frau nicht mehr gesehen, und nun liegt er da in der stillversonnenen, nächtlichen Stunde.
Weißt du, liebe Frau, wo die Träume all dieser Männer münden?
Kein Weihnachtsbaum läßt uns hier seine Lichter flackern. Draußen tastet die Kälte um die.einsame Kate, des Postens Stiefel knirschen im Schnee, zwölf Schritte hin, zwölf Schritte her. Manchmal hält der Posten inne, vielleicht geht sein Blick zu den Ster- nen, den milden und versöhnenden Kameraden am winterlichen Fimmel —
Er wird sich gar nicht schämen, zu gestehen, daß er mit seiner Frau, mit seinem Jungen, innige Zwiesprache hält. Und ist kein falscher Klang dabei, wenn er sagt: Ich bin dir gut.
Gleich, liebe Frau, werde ich mich zwischen die Schlafenden legen. Ich werde die Gedanken wandern lassen durch die Träume und werde zu euch kommen. Ich werde ganz nahe bei euch sein, ganz nahe bei dir und den Kindern.
„3n Gedanken bin ich bei Euch!" Ein Weihnachtsbrief von der Front an Frau und Kinder.
Von Kriegsberichter Walter Henkels (PK).
Heimat-Traum.
von Maria Kahle.
Nun brennt im hohen vterngefunkel Des Noröens ewiger Lichterbaum/ Unö LLeöer schwellen aus öem Dunkel Dom Meer bis an öen Alpenraum.
Vom Meer bis zu öen fernsten Zonen/ was sonst auch Lanö unö Staaten schieö/ wo immer öeutsche Menschen wohnen. Da klingt öas öeutsche weihnachtslieö. Es steht ein Daum in harter Lröe, Die wurzeln trieb er in öle Welt, Auf öast er breit unö mächtig weröe, Auf öast kein Sturm öen vtamm zerspellt. Unö Zweig an Zweig in weiten Kernen Träumt öiese Nacht öen Heimat-Traum- Es leuchtet unter fremöen vternen Der öeutschen Weihnacht Lichterbaum.
Weihnachten ohne Vater
Von Hildegard Burwick.
weicher geworden ist. Um mich versammelt sind die schlafenden Kameraden. Mir ist wunderlich zumute, denn mitsamt dem Schnarchen des einen segelt nun meinerseits ein tiefströmendes Gefühl des Glückes, der Dankharkeit durch den engen Bereich unseres Gemaches. Man hat es nie glauben wollen, daß diese rauhen Seelen, die dort schlafen, die schossen und auf die geschossen wurde, so schlafen könnten.
Ich weiß, wohin auch ihre Träume gehen. Der da, der hat ein Kind von zehn Monaten, das hat er noch nicht gesehen; diese beiden, Ernst und Robert, sind genau ein Jahr lang nicht mehr zu Hause gewesen. Der Leutnant hat elf Monate seine
kommen, um bei Euch zu sein, wenn die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet werden. Ich bin gekommen nur in Gedanken, ja, nur so.
Es ist wunderbar, nur in Gedanken zu reisen. Ich spürte ganz deutlich, wie meine Schritte vom Bahnhof beschwingt wurden, wie ich um die Ecke bog, wie meine Stiefel im Schnee knirschten; dort drüben unser Haus, im Gärtchen die schützend abgedeckten Rosenbüsche. Ich klingelte, dreimal ganz kurz, wie früher; dreimal kurz, das war ich. Ein leichter Schreck wird dir ins Herz gefahren sein, denn niemand außer mir würde dreimal klingeln. Das Schleichen der Kinderbeinchen hörte ich im Flur. Wer ist da? rief die Große. Gleichsam wie aus einem fernen Traum hast du den Schrei der Kinder gehört, den Jubel ihrer hellen Stimmen.
Ich hin nun da, liebe Frau. Ich bin bei euch, obschon ich geschrieben hatte, daß ich nicht kommen würde. In Gedanken bin ich bei euch.
Ich denke jetzt daran, als ich damals auszog, im August 1939. Ich denke daran, wie die Tage und Wochen wuchsen. Ich denke yn die erste Kriegsweihnacht im Bunker am Westwall, wo ein kümmerliches und beklagenswertes,Bäumchen den Weihnachtsabend erhellte, ich denke an die zweite Weihnacht im einsamen Unterstand am Meer, und nun ist die dritte Kriegsweihnacht da.
Soll ich noch einmal diese unvergeßlichen Tage beschwören, die Wochen des Westfeldzuges, unsere Märsche auf dem Balkan und die unerhörten Monate des Kämpfens und Ringens gegen den Bolschewismus, die hinter uns liegen? Ich vermag es nicht in Worte zu fassen. Kaum, daß ich an Einzelheiten denke; ein Bild steht vor mir, vor dem alle homerischen Schlachtenbilder erlöschen. Nie, soweit wir denken können, hat es ähnlich Großes und Gewaltiges gegeben.
Aber nun bin ich bei euch. Du hast die Kerzen angezündet, dein Wesen ganz und gar dem Augenblick zugewandt. Ein tiefes Strömen ist in dir. Dort stehen die Kinder, siedelnd, glühend, was der Weihnachtsmann gebracht hat. Drei Paar Kinderaugen sind unverwandt auf die flackernden Kerzenlichter gerichtet. Stumm und beglückt stehe ich in der Ecke, sehe die Gesichter der Kinder, das Leuchten und Glänzen ihrer unschuldigen Augen, aus denen eine unzerstörbare Gewißheit erwächst. So und nicht anders sehen die Engel des Himmels aus. Der Weihnachtstisch ist nicht so reich gedeckt wie einst; es ist gut so, daß wir uns bescheiden müssen. Kein Klagen und Jammern ist bei dir laut geworden, kein. Wort des Unzufriedenseins, des Kleinmutes und des Haders. Ein tiefströmendes Glücksgefühl will mich überkommen, liebe Frau.
Es ist jetzt, während ich den Briefe schreibe, drei Uhr des Morgens. Ein kleines Kerzenlicht wirft
Vätern, seinen Söhnen, seinen Frauen an ihrer Seite steht und ihnen seinen Männern, seinen Brüdern und auch mit die Hand reicht, zieht auch sie hinein in die deutsche Weihnacht.
Für uns alle aber ergibt sich die Forderung und », daß wir einer dem anderen helfen und uns eihnachtsfest ganz besonders der großen Zusammengehörigkeit bewußt werden, daß wir in liebevollem Verstehen manchen Schmerz tragen helfen oder uns bemühen, die Trennung, die der Krieg fordert, durch herzliches Zusammensein und Kameradschaft zu überbrücken.
Weihnachten in Kriegsbriefen gefallener Studenten.
Bei F o u r n e s, Weihnachten 1914.
Weihnachten im Felde! Wir lösten gerade den 24. abends ab, so um 10 Uhr. Die Engländer sangen auch Weihnachtslieder, z. B. ein herrliches Quartett. - Auch bei uns klangen die schönen, alten Lie- >der, nur hier und da ein Schuh dazwischen.
Die Postenstände im Graben schmückte man sich mif Tannenzweigen und Flittergold aus der Heimat, auch die Erdbuden. Dann um 10 Uhr kam eine andere Kompanie, wir marschierten ins Quartier, anderthalb Stunden lang. Es war die schönste, klarste Nacht seit langer Zeit, so still, und herrlich rein, wie Weihnachten sein muß. Es wurde Frost, und damit ein Ende des Schlammes und Drecks. Ich dachte sehr an zu Hause und bedauerte, daß Ihr keinen Weihnachtsbaum gemacht habt, denn so konnte ich mir Euch gar nicht vorstellen.
Schön war es, wie die Leute zusommenstanden, die Namen ayfgerufen wurden und die Pakete dann über die Köpfe hinweg hingereicht wurden — alle waren Weihnachtskinder, die vor ihren Paketen knieten und kramten, bei Kerzenlicht, an den Krippen im Kuhstall, wie in der ersten Weihnacht.
Freudig ist es zu sehen, wie religiös die Grundstimmung ist, wie — wenn man die Religion als Mittelglied ansieht, — die Scheu und Ehrfurcht vor Stillem zu fühlen ist. Frivolitäten kommen kaum mehr vor. Alles wird neu erlebt. Köstlich diese tragisch späte, ungeschickte Reise und Stille! Bei alten Volksliedern weinen Leute, denen man ganz anderes zutraute, die einen wohl gar an das erinnerten, was man früher Proleten nannte. Vaterlandslieder, Soldatenlieder und Choräle fließen mit ganz neuer, ungehemmter Unmittelbarkeit chervor. Fast immer auf Nachtposten hört man Choräle singen. Das Glück in diesem reichen, unmittelbaren Erleben unseres Volkes ist mir sehr wertvoll, zumal es sicher eine Neugestaltung ist.
R o u l e r s, 26. Dezember 1914.
Mit dem Heiligen Abend gingen zwei furchtbare Tage zu Ende. Achtundvierzig Stunden hatten wir da des Schrecklichen hinter uns ... Den ganzen 24. lagen wir in der Deckung. Der Feldwebel-Zugführer lag neben mir. Wir rauchten andauernd und zählten die Schüsse. Der Feldwebel war in Südwest, hat seit dem 8. August alles mitgefochten, ist beim Todessturm auf Dixmuiden ^dabeigewesen, und im Granathagel an der $fer. Aber das achtundvierzigstündige, mit kurzer Nachtruhe unausgesetzte Granatfeuer in den Schützengräben mit Volltreffern
Kriegsweihnacht bedeutet für viele Verzicht auf die gewohnte Gemeinsamkeit des Festes. Hunderttausende deutscher Soldaten werden auch diesmal das Weihnachtsfest nicht zu Hause verleben können, und Frau und Kinder, Eltern und Geschwister wer- den ohne sie das Fest begehen müssen. Mancher wird in solchem Falle vielleicht sagen: „Dann feiern wir überhaupt nicht. Wir schmücken auch keinen Weihnachtsbaum, denn Weihnachten ohne Vater ist doch kein rechtes Fest--•.*
Aber hat eine Mutter ein Recht, daran zu denken, ihren Kindern die Weihnachtsfreude vorzuenthalten, weil Vater im Felde ist? Wer so denken wollte, versetze sich ein wenig in die Lage all der deutschen Männer, die diesmal fern der Heimat im Kameradenkreise Weihnachten feiern.
Gerade an diesem Abend werden ihre Gedanken bei den Lieben zu Hause sein. Sie sehen im Geiste ihre Frau mit den Kindern oder die Eltern um den Weihnachtsbaum sitzen, und sie wissen: Daheim denken sie an mich, sprechen von mir und werden meine Briefe lesen und schließlich doch froh sein, auch wenn ich nicht bei ihnen bin.
Weil wir um diese Empfindungen und Gedanken unserer Soldaten wissen, wollen wir in der Heimat Weihnachten feiern, denn wie sollten sich die Männer im Felde im Gedenken an ihre Lieben freuen, wenn sie sie ohne Weihnachtsbaum, ohne eine schöne, stille Weihnachtsfreude wüßten? Vor allem dort, wo Kinder sind, liegt auf den Müttern doppelte Verantwortung, denn sie sollen'dafür sorgen, daß ihren Kindern die Kriegsweihnacht zwar im Wissen um den Ernst der Kriegszeit, aber doch in kindlicher Freude lebendig wird.
In diesen Tagen und Wochen sind ungezählte Weihnachtspäckchen und Weihnachtsbriefe ins Feld gereist, oft weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, irgendwohin, wo Väter, Männer und Söhne Wacht für Deutschland halten. Mit heißen Wangen und brennendem Eifer haben Tausende deutscher Kinder zusammen mit der Mutter Weihnachtspäckchen für den Vater gepackt, und ungeschickte Kinderhände haben lange Briefe an Vater geschrieben. Und am Weihnachtsabend, obwohl diesmal Mutter und Kinder allein find, werden sie das Bäumchen an- zünden, werden Vaters Bild darunterstellen und natürlich besonders viel von ihm reden. Vielleicht sind auch die Großeltern da und berichten aus Vaters Jugend ^und es kann fein, daß auch Großvater von seinen Kriegserlebnissen aus dem Weltkrieg erzählt. Um so mehr aber wird in unseren Kindern das Verständnis für die Notwendigkeiten des Krieges, für die höchste Einsatzbereitschaft jedes deutschen Mannes aufkeimen.
Es wird eine ernste und stille Weihnacht sein. Aber gerade aus ihr werden uns allen die stärksten Kräfte erwachsen, denn aus dem Erlebnis der Weihnacht wissen wir, wofür wir kämpfen: Für das deutsche Lebensrecht, für deutsche Art und Sitte, für das deutsche Wesen, für die deutsche Zukunft. Und darum dürfen bei dieser deutschen Weihnacht, die unser ganzes Volk trotz Krieg und Trennung feiert, auch jene nicht, abseits stehen, die das schwerste Opfer gebracht haben und im leidvollsten Sinne Weihnachten ohne den Vater, ohne den Sohn, ohne den Mann begeben müssen. Das Bewußtsein, daß unser ganzes Volk mit allen seinen
Ich bin heute zu euch gereift, ohne Urlaubsschein, seinen Schein in die enge Bleibe, in der nun alles ohne Fahrschein, nur mit dem leichten Gepäck mei- “-:J--------"" "iA ------(i"h ""
ner Träume und Gedanken beladen. Ich bin ge-
Weihnachtsbrlef einer Braut.
von Karl Vröger.v
Möcht mich wieder halten still an deiner Brust, wo du in der kalten Nacht nun wachen mußt.
Heute brennen Kerzen auf dem Tannenbaum, und mir glüht im Herzen tief ein schöner Traum.
von dem süßen Knaben, der verkündet war, daß wir Zrieden haben, von der Engel Schar.
Mrd er mir geboren? Meg ich ihn im firm? Geht er mir verloren, bin ich alt und arm.
Durch den Kerzenschimmer, durch das matte Licht seh ich. Liebster, immer ihn und dein Gesicht.
Du bist in der Zerne, lang schon, viel zu lang. Droben gehn die Sterne ihren alten Gang.
Möcht mich wieder halten still an deiner Brust, wo du in der kalten Nacht nun wachen mußt.
fei bis jetzt nicht bagemefen. Dann kam die ftern« klare Heilige Nacht. Das Schreien der Verwundeten, das Pfeifen der Gewehrkugeln, das Platzen dec Granaten — eine furchtbare Weihnachtsmusik. Endlich, um zwei Uhr, kam die Ablösung.
Mit welchem Wonnegefühl ich um Weihnachtsmorgen nach stark siebenstündigem Marsch in die diamantglitzernde Winterlandschaft mit der goldroten Sonne schaute, beschreibe ich nicht. Morgen geht's wieder vor. Leb' wohl, ich danke Dir für alles.
Chiry, westlich Noyon, 25. Dezember 1914.
Das Schönste, das ich im ganzen Kriege erlebt habe, mar heute der Gottesdienst in der franzöfijcyen Kirche, der erste im Felde, denn bisher hatten wir dazu keine Zeit, wußten auch kaum, wann Sonntag war. Da saßen sie: Infanteristen, Artilleristen und Pioniere, so wie sie aus dem Schützengraben herauskamen, und fangen: „Das ist der Tag, den Gott gemacht" — und durch zerschossene Fenster fuhr der Wind und der rollende Kanonendonner ersetzte die Bässe der Orgel. Auch hier in der Kirche brannten die Weihnachtslichter und gaben ein heimisches Licht zu den Worten, die der Leutnant von der Artillerie sprach. Und wie Erz unt> Eisen klangen die Worte über das Wesen des Deutschen, dessen Höchstes die Treue und die Liebe ist ...
An der Bzura, Ende Dezember 1915.
Den Heiligen Abend verbrachten wir in der Feuerstellung, jeden Augenblick gewärtig eines Angriffs der Russen, die sich uns“ gegenüber an der Bzura verschanzt haben. Ich war dazu noch Wachhabender, und nie vergesse ich den Zauber dieser Nacht auf der unermeßlich weiten Ebene im Scheine des Mondes. Schwarz und drohend lagen die Geschütze, aus einem beleuchteten Unterstand klang es trotzig „Ein feste Burg ist unser Gott" — das war unsere Weihnacht! Nichts Weiches, nichts Versöhnendes, mit dem Feinde Äug' in Äug'; und doch war es gut so, man wäre leicht zu weich geworden. Erst deuchte mich Weihnachten Hohn und Spott: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". Aber freilich, es ist der Friede des Herzens gemeint, und den haben wir; immer sagten wir uns: Wofür wir hier kämpfen und entbehren, es ist die Gesamtheit; es ist gut, daß wir hiev liegen, und wenn mir fallen, so ist's unsere schönsts Vollendung.
Oie Wunderwurzel.
Von Waldemar Bonsels.
Da hat man mich nun gebeten, über das schönste Weihnachtserlebnis der Kindheit eine kurze Erzählung zu schreiben, und während ich mir die Erlebnisse dieser Hellen und glücklichen Stunden der Vergangenheit durch den Sinn gehen lasse, wird mir deutlich, daß alles sich mehr und mehr zu einer lichten Atmosphäre der Erinnerung vereinigt hat, in der die Einzelheiten beinahe bedeutungslos werden. Nur eines weiß ich zuversichtlich, um keinen Takt schlägt das kleine Herz, das um diese Stunden groß und weit wird, und das erfahrene Herz, das um diese Stunden jung wird, anders, als die Herzen einst im Lichterglanz schlugen. Das holde Wunder unseres Glaubens ist vom Wandel der Zeit um seinen alten, tiefen Ruhm gebracht worden, nicht um den Schein der Freude.
Freude — du altes, hohes Wort! Wer es zu sagen und zu hören versteht, dem grflingt es über das Trümmerfeld der tausendfachen Tagesbedrang- niffe hin wie eine Glocke von unaussprechlicher Reinheit. In diesem Klang wird das mildeste Wort zum mächtigsten, her zarteste Gedanke königlich, das verborgenste Gefühl zum Thron der Güte. Die Wundertat dieses Wortes ruht in der Macht, alle Dinge und Gaben ihres errechenbaren Wertes zu entkleiden, und den Schimmer der freundlichen Gesinnung wie eine Gloriole auch um das Nichtigste zu legen, dem vergänglichen die unsterbliche Seele einzuhauchen, und sei es nur für den Augenblick, in dem dies Vergängliche von einer liebenden Hand in eine nehmende wandert.
Was wußten wir von diesem Licht, als wir in ihm noch schritten da wir fein Herz und Angesicht im Freudenrausch erlitten.
Erinnerung, mach die Seele still!
. Nur einmal noch, nur heute;
so klingt, was ich am liebsten will im dunklen Nachtgeläute.
lieber allem Unnennbaren bleibt mir jedoch ein kleines Erlebnis, das sich in der Heimatstadt zu
trug, unvergeßlich in der Erinnerung haften, wie sich denn das Bedeutsame oft an den kleinsten Geschehnissen zu entzünden vermag und in ihnen fort» besteht.
Aus dem Weihnachtsmarkt meiner Kindheit, der unter den Fenstern des Elternhauses stattfand, war dicht an der Eingangstreppe zu unserem Haus ein Zeltdach aufgeschlagen, nicht größer als ein Familienregenschirm. Es brannte darunter in der Abenddämmerung eine wild zischende Lampe, dicht über dem Gesicht des Verkäufers, und der Tauschnee leckte durch das angewärmte Segeltuch. Der Händler pries seine Ware mit so wildherziger lieber» zeugungskraft an, daß es ihm nach meiner Meinung fein Pfarrer, kein Bühnenkünstler und kein Volksredner hätte gleichtun können. Er trug einen weißgrauen Vollbart und einen langen, blauen Mantel, unk verkaufte eine kleine, graue Wurzel, von der große Mengen in einem ungeordneten Haufen vor ihm auf einem Holzbrett lagen. Diese Wurzel war ein Heilmittel gegen Melancholie und Zahnschmerzen, sie verbannte böse Geister und löste das Hühnerauge, sie war gut gegen Magenschmerzen und Ohrenreißen, auch half sie, zerrieben mit Wasser geschluckt, gegen den Liebeskummer, dies vor allem.
Wie ich diesem zugleich ehrwürdigen und übereifrigen Beschwörer glaubte! Besonders, wenn es ihm gelang, das Läuten der Kirchenglocken mit seiner Stimme zu übertönen. Der Duft aus . einer Bonbon-Gießerei nebenan stärkte die Andacht bis zur Gehobenheit. Nqch beendeter Anpreisung schlug der Alte eine Wurzel nach der anderen in einen Papierfetzen, hoch aus der geschwungenen Hand, als erlegte er einen Panther mit der Faust, und reichte sie ins Publikum, das meinen Glauben teilte und kaufte.
Ich schrieb diese Wurzel an erster Stelle auf meinen Wunschzettel, und all meine Hoffnung auf die kommende Festfreude wanderte mit dieser Wurzel in die Unterwelt des Heils, die sich mit solchem Besitz eröffnen sollte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit wachsender Enttäuschung unter dem Schaukelpferd, im Kuchenteller und schließlich im Christ- bäum danach gesucht hatte.
Meine Mutter bemerkte bald, daß Blick und Ver
langen nach etwas ganz Bestimmtem ttachteten, das ich vermißte, und sie fragte mich. Ich jagte ihr, was mich so sehnsüchtig bewegte und erzählte ihr von den Wunderkräften, die die geheimnisvolle Wurzel barg. In ihrem Angesicht entstand über meinen Worten ein aufmerksames und forschendes Lächeln. Ich sah ihr Angesicht im Glanz der Kerzen, im silbergrünen, glitzernden Rahmen des Baumes.
„Hast du denn Liebeskummer?" fragte sie mich zart und ohne Herablassung, „daß du diese Wurzel so notwendig brauchst?"
' In ihrer Frage sttahlte liebevoll eine milde Vorsicht im Gewähren und Beschränken auf mich nieder, ihre Sorge, meine Hoffnung nicht zu enttäuschen und ihr reiner Wille, alles zum Guten zu kehren. Mein Herz war zu jung, diese Wohltat im vollen Bewußtsein zu erkennen ober zu ermessen, aber sie betraf mich in diesem Augenblick zum erstenmal mit solcher Macht, daß ich die kleine Wunderwurzel nie vergessen habe.
Ein atthessisches Weihnachtsspiel.
In der Entwicklungsgeschichte des deutschen Theaters haben die Weihnachtsspiele eine nicht unwichtige Rolle gehabt, indem sie den Sinn des Volkes für bühnenmäßige Darstellung von Vorgängen weckten, die es stark beschäftigten. Der nach sinnlicher Veranschaulichung hinstrebende Geist des mittelalterlichen Gottesdienstes bemühte sich früh, die Geburt Christi und die damit zusammmhängen- den Vorgänge szenisch zu gestalten. Schon im 12. Jahrhundert fanden solche mimischen Darstellungen der Krippe, der anbetenden Hirten und der Heiligen Drei Könige allgemein in deutschen Kirchen statt; es wurde bald darüber geklagt, daß sie den Ernst und die Würde des Gottesdienstes störten, so daß sie 1210 von dem Papst Jnnocenz III. verboten wurden und den Geistlichen aufs strengste untersagt wurde, in solchen Schauspielen aufzutre- ten. Nun übernahm aber das Laienelement die Führung, das sich vorher nur in einzelnen deutschen Versen hatte regen können, und es entstanden Spiele, die in eine ganz andere, uns heute noch heimlich vertraute, naiv gestaltende Welt versetzten.
Als ein Muster der solcher Art aufgeführten
Spiele ist uns ein hessisches Weihnachtsspiel erhalten, das zeigt, wie im 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in der Gegend von Alsfeld die Geburt des Heilands dramatisch dargestellt wurde. Dies Spiel, das zunächst nur als eine grobe Posse erscheint, gewinnt durch seine volkstümlich innige und harmlos gutmütige Behandlung des Stoffes einen besonderen Reiz und erweist, wie konsequent man damals die Vorgänge der heiligen Geschichte in den eigenen Dorstellungskre-is zu versetzen wußte. Gleich zu Anfang eine ganz realistische Szene, in der die Zweifel des Joseph geschildert werden. Dann folgt das Suchen nach einer Herberge. Zwei Gastwirte, Arnold und Czulrich, weisen die Obdachlosen von ihrer Tür, und schließlich müssen sie in das „gemeine Haus" gehen, wo Joseph die Wiege auffteöt. Der Christjubel erhebt sich, die Engel fingen das Gloria und die liebliche Wechselrede des ,Kindelwiegens" klingt mit ihren trauten, damals allgemein beliebten Versen hinein. Joseph und sein Diener, die Jungfrauen, die das Kind verehren, die Engel, alle tanzen im Reigen um die Wiege. Während der Neugeborene sogleich seine hohe Würde und Machtfülle zeigt, fingen und sprechen kann, klagen Maria und Joseph ihre Armut, und der Zimmermann von Nazareth legt schließlich das Kind in „zwo alt Hosen", um es warm zu halten. Dann ruft er die Wirtsmägde Hillegart und Gutte 1 herbei, die sich aber recht grob gegen den alten Mann zeigen und ihn tüchtig verprügeln. Darauf geraten sie sich selbst in die Haare, werfen sich ihre Schandtaten vor und müssen von Joseph getrennt ; werden. Nun kochen sie dem Kindlein den Brei und tanzen mit den Wirten, die vorher so grob gewesen sind, um die Wiege. Rührend ist es, wenn die Hir- | ten vor dem Kindlein niederknien und ihm ihre bescheidenen Wünsche vortragen: es möge Zw'-beln und Knoblauch wachsen llassen und gute Weide, damit sie angenehm und ohne Sorge leben konnten.
Plötzlich erscheinen die Teufel auf der Bildslache, aber sie verbreiten keinen Schrecken, denn es sind gute Alsfelder Teufel, sie haben Alsfelder Namen, reden und lachen ganz alsfeldisch. Dann schließt das । Stück mit her Warnung des Engels vor Herodes .und dem Aufbruch nach' Aegypten, aber Joseph' ist es damit nicht recht ernst, er will lieber „nach denß 1 guden hier-. f 64»


