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der Gegenwart und Glauben an die Zukunft. Man muß sich vor Augen halten, welche Kraftströme, welche Fülle des Nationalbewußtseins und des Le­bensgefühles hier beschlossen liefen und mühelos zu entbinden sind, und was das gesicherte Wissen, ja selbst nur die dämmernde Ahnung solchen Be­sitzes für ein kämpfendes Volk bedeutet. Der Mann, der mit solchem Vermächtnis, mit solchem Reichtum hinter sich an der Front steht und kämpft, muß auf die Dauer jenem überlegen sein, dem eine seelische Rückendeckung gleichen Äusmcrßes mangelt.

Des unendlichen Reichtums an immateriellen Werten, der Tröstung und Kräftigung, der Heilung und Bestätigung, deren wir im Umgänge mit der Kunst teilhaftig werden, kann der Mensch, kann ein Volk in ungefährdeten Zeiten der Ruhe, des Frie­dens, des wolkenlosen Wohlstandes viel eher ent- raten als in den Zeiten der Entscheidung: gerade in diesen vielmehr werden sich die unergründliche Kraft des Herzens und des Gemütes, die Beständigkeit des Glaubens und die unerschütterliche Zuversicht zu bewähren haben, die den Einzelnen wie die Ge­meinschaft im Erlebnis der Kunst durchfluten und jedermann die innere Haltung verleihen, welche eine Zeit wie die gegenwärtige von uns verlangt.

Das gilt für die Heimat wie für die Front. Für jeden, der heute Soldat ist, bedeutet der Krieg, den er kämpfend besteht, ein gewaltiges neues Erlebnis; für den künstlerischen Menschen, der jetzt an der Front steht, bedeutet der Krieg, darillier hinaus, eine mächtige schöpferische Pause, deren Früchte mit dem deutschen Siege reifen werden. Jedem Soldaten aber er magsonst" mit der Kunst in irgendeiner Form, ausübend oder teilnehmend, zu tun gehabt haben oder nicht legt die Zeit sei­nes Einsatzes Entbehrungen künstlerischer Art auf, für die er nach dem Naturgesetz kulturell hochstehen­der Völker über kurz oder lang einmal entschädigt werden will und muß. Ein Blick auf die weitver­zweigte Organisation der geistigen Betreuung der Truppe läßt erkennen, wie sehr das Oberkommando der Wehrmacht Hand in Hand mit den Dienst­stellen derKraft durch Freude" bemüht ist, schon jetzt, während des Krieges, im Rahmen des Erreich­baren einen Ausgleich zu schaffen. Wer in diesem oder im letzten Kriege Soldat ist oder gewesen ist, weiß aus eigener Erfahrung und vielen großen und kleinen Beobachtungen und Erlebnissen rings- um, wie gerade in den Zeiten des Kampfes und der Entscheidung die kulturellen Bedürfnisse sich mehren und vertiefen; wieviel Lesehunger, wieviel Erlebnisbereitschaft, wieviel Sehnsucht nach geistigen 9 Werten und künstlerischen Eindrücken der Krieg mit sich bringt; man muß sich klarmachen, wie alles, was jetzt' notgedrungen brach liegt, einmal tausend­fältig neubestellt werden wird: welch ein gewal­tiger Ansturm auf alle kulturellen Werte steht uns bevor, wenn die Unzähligen, denen durch den Krieg die natürliche Befriedigung ihrer kulturellen Be­dürfnisse verwehrt ist, mit neuerwachter Lust, un­endlich gesteigerter Bereitschaft und Aufnahmefähig­keit zurückkehren werden zu den geistigen Gütern, mit denen die Heimat sie erwartet.

Das wäre allein schon nicht nur ein hinreichen­der Grund, sondern sogar eine hohe Verpflichtung, gerade im Kriege mit inniger Sorgfalt und tiefem Verantwortuncssbewußtsein der Kunst zu. dienen, sie rein und groß und gesund zu erhalten in allen ihren Ausdrucksformen. Daß die Heimat ihrerseits sich der unendlichen Kraftströme bewußt ist, die von . der Kunst auf ein Volk auszustrahlen vermögen, dafür ist der eingangs erwähnte vorläufige Rechen­schaftsbericht von der Münchener Ausstellung nur ein Beispiel für viele. Während diese Zeilen ge­schrieben wurden, erschienen zwei andere, nicht min­der beispielhafte Berichte von der Tagung des Auslandsamtes der Dozentenschaft der deutschen Universitäten und Hochschulen, aus der ein höchst eindrucksvoller Ueberblick über unser Kulturschaffen im Kriege gegeben wurde, und von der Preisver- teilung auf der Internationalen Filmkunstschau in Venedig, wo die jüngste deutsche Produktion mit neun ersten Preisen ausgezeichnet wurde.

Wie das deutsche Volk seinKriegsgesetz" begrif­fen und befolgt hat, zeigt, an der Schwelle des drit­ten Jahres, der flüchtigste Blick zurück: in der Ge­wißheit deM endlichen Sieges vermag uns nichts zuversichtlicher zu bestätigen als die Erinnerung an alles, was seither geleistet und erreicht worden ist; im Glauben an eine schöne und reiche Zukunft kann uns nichts unerschütterlicher machen als die Besinnung aus eine iahrtausendalte Kultur, auf den immer sich erneuernden, lebendigen Vorrat großer deutscher Kunst. hth.

-ÄV

ir sehen Leningrad."

Von Kriegsberichter Bert Nägele.

DNB. . . ., 18. September. (PK.) Woroschilows großsprecherischer Ausruf zur Verteidigung Lenin- arads ist noch kaum verhallt, da haben schon deut­sche Panzer- und Infanteriedivisionen in todesmu­tigem Ansturm den äußeren Befestigungs- ring um die Metropole des Nordens durchbro­chen. In zähem erbitterten Ringen überwändeck Stoßtrupps der Infanterie die Panzerhindernisse und nahmen im Kampf mit dem in Bunkern, und vredeckten Gräben sitzenden Feind Stellung um Stellung. Im Feuer der sowjetischen Artillerie, im Geschoßhagel von MGs. und Schnellfeuergeschützen überqueren die deutschen Angreifer Minenfelder und Drahtverhaue, vernichten im Nahkampf feind­liche Panzerwerke und reiben die Werkbesatzungen, die sich mit dem Mut der Verzweiflung wehren, auf. Fast fünf Stunden dauerte der Kampf, dann war die Bresche geschlagen.

Noch am selben Tage wurde der deutsche Ein­bruchskeil weiter in den Feind hineingetrieben. Es gab keine Atempause. Am frühen Morgen des näch­sten Tages zogen schon wieder Stukas und Kampf­flugzeuge hinüber, luden, ungeachtet der feindlichen Flak, ihre Bombenlasten über dem zweiten B e - f est i g u n g s g ü r t e l ab. Die Artillerie legte ihr Feuer auf die Stellungen und hämmerte sie mürbe. In ständigen Kämpfen gewannen die stürmenden deutschen Bataillone Raum. Am Abend des zweiten Angriffstages wurde auch der innere Ver­teidigungsgürtel durchbrochen.

Bei strahlendem Sonnenschein stehen wir am näch­sten Morgen auf einem der Berge. Um die Höhe rechts wird noch gekämpft. Unsere Panzer- und Schützenpanzerwagen schieben sich den kahlen Hang hinauf, Die Artillerie räuchert in direktem Beschuß

den auf der linken Hälfte des Kammes eingegrabe­nen Feind aus. Dort, wo jetzt die bolschewistischen Gräben sind, stand einst der Zar inmitten sei­ner Generalität und sah den Frühjahrsmanövern seiner Truppen zu. Welch eine Zeit zwischen da­mals und heute.

Links weitet sich das Land. Der Blick schweift frei, endlich einmal ohne durch endlose Wälder aufaehal- ten zu werden, nach Norden, und dort ja, Dort liegt Leningrad. Gewaltig dehnt sich die Stadt. Die großen Wohnblöcke leuchten in der Sonne, die Schlote der Fabriken am Newa-Ufer rauchen, und darüber hebt sich aus dem Dunst die riesige Kuppel der Isaaks-Kathedrale. Noch weiter im Nordosten schimmert die See, dazwischen qualmt winzig klein ein Kriegsschiff und droht ein dunk­ler Fleck, die Insel Kotlin mit der FestunaK ron« ft ad t. Ob all die vielen hunderttausend Menschen, die dort in dem Häusermeer leben, wohl ahnen, daß nur noch knapp 29 Kilometer uns von ihnen trennen?

Der Anblick, der sich von der beherrschenden Höhe aus bietet, ist überwältigend. Das Ziel unserer Panzergruppe, der Lohn für viele Wochen härtesten Ringens, liegt fast greifbar vor uns. Was kümmert es uns, daß die Geschütze des Gegners wieder zu sprechen anfangen, was macht es, daß sich die Bol­schewiken in starken Befestigungen verschanzt haben? Es wird weiter angegriffen. Kaum zu bändigen ist der Dorwärtsdrang unserer Soldaten, denn: hinter den Sprengwolken der Artillerieeinschläge, die jetzt den Horizont zu verfinstern beginnen, winken die Türme von Leningrad, schimmert das stählerne Blau des Finnischen Meerbusens bis zu uns her­über.

Oie Eroberung -er Dnjepr-Brückenköpse

Berlin, 17. Sept. (DNB.) Die Bildung der deutschen Brückenköpfe auf dem Ostufer des Dnjepr, die der Bericht des OKW. am 16. 9. bekanntgab, ist das Ergebnis gewaltiger Leistungen der deutschen Truppen. Der Dnjepr ist an seinem Unterlauf stellenweise mehr als 1000 Meter breit. Trotzdem und gegen heftige bol­schewistische Abwehr gelang den deutschen Truppen an mehreren Stellen der Uebergang über den Fluß und die Bildung mehrerer Brückenköpfe. In harten Kämpfen wurden diese Brückenköpfe dann gehalten und erweitert. Deutschen Panzer­kampfwagen gelang es, mit den fliehenden Bolsche­wisten zugleich über eine 1200 Meter lange Behelfs­brücke über den Dnjepr vorzustoßen. Die Panzer­schützen vereitelten im letzten Augenblick durch ver­wegenes Zupacken die Sprengung dieser Brücke, die die» Sowjets für ihren Rückzug gebaut hatten. In den folgenden Tagen versuchten die Sowjets in hef­tigen und immer wiederholten Gegenangriffen den deutschen Brückenkopf wieder einzudrücken. Unauf­hörlich griff sowjetische Infanterie, unterstützt durch Panzerkampfwagen und massiertes Artilleriefeuer aller Kaliber, die deutschen Stellungen an. In har­ten Kämpfen wurden jedoch alle bolschewistischen Angriffe mit schwersten Verlusten zurückgeschlagen. Jrn Zusammenwirken aller Waffen gelang es dar­über hinaus den deutschen Truppen, den einmal gewonnenen Brückenkopf weiter auszubauen. Im feindlichen Feuer wurden schwere Waffen, Brenn­stoff und Munition über den Dnjepr geschafft. Auch an anderen Stellen des Dnjepr drangen Infante­risten und Pioniere unter dem Feuerschutz der Ar­tillerie und mit Unterstützung durch die Luftwaffe auf das Ostufer des Dnjepr vor. Die Bolschewisten stürmten in immer neuen Wellen gegen die neu­gebildeten Brückenköpfe an. Auch hier scheiterten ihre Angriffe an der energischen Abwehr der deut­schen Truppen.

Einen Maßstab für die Härte dieser Kämpfe geben die schweren bolschewistischen Verluste. So griffen die Sowjets in dem Abschnitt eines deutschen Ar­meekorps die deutschen Stellungen mit 100 Panzer- kampfwagen an. Bereits beim ersten Angriff wur­den 68 von ihnen vernichtet. Am Tage darauf blie­ben 29 sowjetische Panzerkampfwagen zerschossen liegen. Die bolschewistische Infanterie erlitt eben­falls schwerste blutige Verluste. Eine leichte deutsche

Division hat-in den Kämpfen mehrerer Tage 127 sowjetische Panzerkampfwagen vernichtet. Eine deut­sche Infanteriedivision machte in schneidigem An­griff aus einem Brückenkopf heraus in IV2 Tagen 3700 Gefangene.

In zehntägigen harten Kämpfen um die Gewin­nung eines anderen Brückenkopfes wurden in schwie­rigem Gelände und unter ungünstigen Witterungs­verhältnissen 13 000 Gefangene gemacht, 75 Panzer­kampfwagen und 48 Geschütze vernichtet, in Lust­kämpfe n 76 Flugzeuge abgeschossen, davon 57 durch Jäger und 19 durch Flak. Alle Versuche der Sow­jets, auf dem Westufer des Dnjepr wieder Fuß zu fassen, scheiterten an der Wachsamkeit der dort ein­gesetzten deutschen, italienischen, rumänischen, un­garischen und slowakischen Truppen. So wurde die Voraussetzung für das weitere deutsche Vorgehen geschaffen.

Explosionsunglück bei der schwedischen Marine.

Stockholm, 17. Sept. (DNB.) Ein schweres Explosionsunglück erfolgte am Mittwochoormittag auf einem Zerstöreroerband der schwedischen Flotte im Stockholmer Schärengebiet. Drei Zer­störer wurden so stark beschädigt, daß sie alle drei gesunken sind. Als Ursache des Unglücks wird Explosion von Munition angenommen. Es handelt sich um die ZerstörerGoeteborg" (1024 T.), Klas Hom" (1004) undKlas Uggla" (1004). 31 Tote und 11 Verletzte sind zu beklagen.

Oie Norweger protestieren gegen den britischen Terror zur See.

Oslo, 17. September. (DNB.) Vor der Osloer Universität fanden sich viele tausend Osloer ein, um gegen den britischen Mord an 200 Männern, Frauen und Kindern zu protestieren, die a n B 0 cd unbewaffneter norwegischer Küsten- schisse in Nordnorwegen dem englischen Terror zur See zum Opfer fielen. Kommissarischer Staats­rat Dr. Lunde bradjte die Empörung über den brutalen britischen Ueberfaü auf friedliche Post­schiffe zum Ausdruck und geißelte besonders das un­menschliche Verhalten der Engländer, die sich noch

nicht einmal um die in den Fluten um ihr Leben kämpfenden norwegischen Frauen und Kinder küm« merken. Er wandte sich auch gegen die wahllos; Vernichtung norwegischen Eigentums auf Spitz, bergen und forderte zu innerpolitischem Kampf ge. gen die Englandfreunde im Lande auf. Die Nas- jonal Sämling wolle klare Fronten schaffen.

Aus dem Reich.

Wohnungs- und Siedlungsümtep.

Wohnungs- und Siedlungsämter werden bei den Lenkungs- und Steuerungsbehörden für den sozia« len Wohnungsbau, die die Behörde des Reichsstatt' Halters ist, errichtet. . Die Aemter haben nach Wei» fung des Gauwohnungskommissars den Wohnungs­bau nach dem Kriege vorzubereiten und die jähr­lichen Wohnungsbauprogramme aufzustellen, den Einsatz der gemeinnützigen Wohnungsunternehmen und der sonstigen Bauherren zu regeln und den Einsatz der für den sozialen Wohnungsbau zur Ver­fügung gestellten Mittel zu steuern.

Eine Milliarde Reichsmark jährlich fürffamilienbeihilfen.

Staatssekretär Reinhardt hat in der Deut, schen Steuerzeitung betanntgegeben, daß seit Au- gust 1933 1,8 Millionen Ehestandsdarlehen, seit Oktober 1935 1,1 Millionen einmalige Kin- derbeihilfen, seit April 1938 400 000 Aus. bildungsbeihilfen und seit Oktober 1938 180 000 Ein« richtungszuschüsse und Einrichtungsdarlehen für dis Landbevölkerung gewährt worden sind. Seit August 1936 werden auch laufende Kinderbeihilfen gewährt, gegenwärtig an 2,5 Millionen Familien für 5 Mil­lionen Kinder. Die Aufwendungen für diese Maß, nahmen haben bis jetzt mehr als drei Milliarden betragen. Sie betragen seit dem gegenwärtigen Rechnungsjahr mindestens eine Milliarde im Jahr. Die Zahl der Eheschließungen ist im Alt- reich von 517 000 im Jahre 1932 auf 772 000 im Jahre 1939 gestiegen, im ehemaligen Oesterreich von 49 000 im Jahre 1937 auf 121 000 im Jahre 1939. Die Zahl der Lebendgeborenen hat im Alt- reich betragen: 1933 971 000 ober 14,7 vom Tau- send, 1939 1407 000 oder 20,3 vom Tausend dec Bevölkerung. Diese Aufwärtentwicklung ist auf die allgemeine Verbesserung der Lebensverhältnisse un- ter nationalsozialistischer Staatsführung, aber auch auf die besonderen Maßnahmen zur Förderung dec Eheschließungen und zur Erleichterung der Fami- lienlasten zurückzuführen. Dazu dient auch die stär. kere Berücksichtigung des Familienstandes bei den Steuern. Alle Maßnahmen werden fortentwickelt werden mit dem Ziel des vollständigen Ausgleichs der Familienlasten.

Meine politische Rachrichten.

Deutsche Land- und Seestreitkräfte im Bereich eines Abschnittes an der deutschen Küste erzielten in der erfolgreichen Abwehr britischer Flugzeuge ihren 200. Abschuß. Damit ist die Gesamtabschuß­ziffer durch Einheiten der Kriegsmarine auf 450 britische Flugzeuge gestiegen.

In der Nacht zum 16. 9. griffen deutsche Kampf­flugzeuge einen Flugplatz und Flugstützpunkt der Briten bei Kairo an. Hallen Baracken und An­lagen erhielten Treffer. Drei große Brandflächen und ein Großfeuer mit heftigen Explosionen im Bereich der Hallen und des Brennstofflagers wur­den deutlich erkannt.

Zwei Japaner wurden das Opfer eines Attentats in der internationalen Niederlassung von Schanghai. Beide Japaner wurden durch mehrere Schüsse ver­wundet, denen einer bereits erlegen ist. Die Atten­täter konnten entkommen.

Auf Einladung des Milchleistungsausschusses wer­den die Reichssieger im Milchleistungswettbewerb der landwirtschaftlichen Betriebe als Gäste in Ber­lin weilen. Der Wettbewerb erzielte eine Mehr­leistung von 2,5 Milliarden Liter Milche Mit einer Butterproduktion von jährlich 700 000 Tonnen steht Deutschland heute an der Spitze der Buttererzeu- gung der Welt.

Der Verwaltungsrat derFreien Universität Brüssel" hat vom nächsten Studienjahr ab neben dem Französischen das Flämische als Unterrichts­sprache eingeführt.

M öttl WromgMöek

Vornan von Horst Hiernach

21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Fräulein Zögling richtete sich auf und verharrte eine Weile mit geneigtem Kopf auf der Stelle, aber es drang kein Laut zu ihr herüber. Sie drehte sich langsam um und begegnete erschreckt zusammen­fahrend, als entdecke sie einen unvermuteten Beob­achter, ihrem eigenen Gesicht in dem großen rahmen­losen Spiegel über dem Waschbecken. Sie biß sich auf die Lippen. Für den Bruchteil einer Sekunde überzog ein Schatten ihr Antlitz, der Anflug eines schwachen Schmerzes, das flüchtige Auftauchen elftes verschütteten Gefühls der Scham; es war nicht mehr, als hätte sich ein einziger Blutstropfen rasch bis in die kleinsten Aderverästelungen unter ihrer Haut verteilt. Dann hob sie die Augen wieder empor und trat ihrem Spiegelbilde einen kleinen Schritt entgegen, und noch einen, bis sie dicht vor dem Glase stand, ein paar' Handbreit von dem Glase entfernt, und sah sich aufmerksam und fast neugierig an, als erblicke sie ihr Spiegelbild zum ersten Male. Und plötzlich schüttelte sie die lästigen Gedanken ab und warf den Kopf mit einer trium­phierenden Bewegung zurück. Was hieß hier krumm ober gerade? Der Erfolg allein war ent­scheidend, und bei diesem Spiel war jede Kriegslist erlaubt! Sie öffnete gierig die Lippen, als dürste es sie, ihre Nasenflügel zitterten ein wenig, sie drängte die atmende Brust ihrem Spiegelbilds ent­gegen und schloß die Augen und lächelte.

Drüben im Arbeitszimmer öffnete Hellwang die Schleusen feines Zornes über Kathi. Seine Haltung ähnelte der eines Unteroffiziers, der wegen mangel­hafter Leistungen seiner Gruppe einen Anpfiff von oben bekommen hatte und chn nun mit eingeschal­tetem Verstärker nach unten weiterleitete. Vier Fin­ger in der Jackentasche und die Daumen auswärts gespreizt wanderte er gereizt und bösartig vor Kathi auf und nieder, als schreite er eine ganze Front von Missetätern ab. Seine Tirade begann mit einer etwas allgemein ^gehatteh en Betrachtung über das Wesen eines Hausstandes, worin eben der Teufel los fei, wenn der einzelne sich nicht einordnen und feine persönlichen Untugenden nicht unterdrücken

könne. Wenn jeder nur an sich und nicht an das Wohl der Gemeinschaft dächte.

Kathi machte einen ziemlich gelangweilten Ein­druck, der Hellwang aufs tieffte verdroß, und fo polterte er dann in den Hauptteil feiner Ausführun­gen hinein. Was sie sich denn eigentlich in Drei­teufelsnamen einbilde, ob er vielleicht Fräulein Zögling engagiert habe, um Kathi einen Streich zu spielen und um ihr jemand vor die Nase zu setzen, nur, damit sie einen Grund hätte, sich zu ärgern und die gekränkte Leberwuvst zu spielen, he? Es sei für chn, weiß Gott, kein leichter Entschluß ge­wesen, das Haus und die Kinder einem fremden Menschen anzuvebttauen! Was für einen Mißgriff hätte man tun können?! Und wie froh könne man fein, solch einen angenehmen und zuverlässigen Men­schen wie Fräulein Zögling gefunden zu haben! Die Kinder hingen an ihr und verehrten sie, er selbst sei mit Fräulein Zögling zufrieden, ach, mehr als zufrieden, geradezu glücklich fei er darüber, wie gut sie mit den Kindern umzugehen verstände und wie glänzend sie für Ordnung im Hause sorge. Endlich käme er wieder zu seiner Arbeit, endlich sei er wie­der ungestört und unbehelligt von allem äußeren Kleinkram... Und da wären also alle froh und zufrieden und nur dem Fräulein Kathi passe die neue Hausgenosfin nicht. Das Fräulein Kathi Zirn- mofer stänkere und intrigiere und ließe seinem Ei­gensinn und seiner schlechten Laune freien Lauf, und warum? Danke! Sie brauche kein Wort zu ver- Heren! Er kenne diese Gründe sehr genau! Aber al­les verstehen hieße noch lange nicht alles verzeihen! Im Gegenteil, er billige diese Gründe ganz und gar nicht, und am wenigsten werde er dulden, daß Kathi die Kinder gegen Fräulein Zögling aufhetze! Ja, zum Teufel, auf der einen Seite gäbe sie vor, die Kinder gern zu haben, andererseits aber denke sie nicht daran, was sie in den Gemütern der Kinder für Schäden anrithte, wenn sie versuche, in die klei­nen Herzen, die sich so freudig Fräulein Zögling anschlossen, Zwietracht und Mißtrauen zu säen!"

Kathi horte aufmerksam zu. Sie hielt den Kopf höflich vorgestreckt und lauschte, als dürfe sie kein Wort überhören. Ihr Ausdruck dabei war uner­gründlich. Am ehesten schien er noch ein tiefes Er­staunen auszudrücken, als höre sie da Dinge, die ihr völlig neu waren und von denen sie bisher keine blasse Ahnung gehabt hatte.

Hellwang zündete sich eine Zigarette an. Er blies die Zündholzflamme mit einem langen Atemstoß

aus. Und ohne einen rechten Uebergang schlug er plötzlich einen neuen Ton an.Horen Sie zu, Kathi, seien Sie doch vernünftig. Machen Sie mir das Le­ben nicht schwerer, als es ohnehin schon ist. Sie werden mit dem Haus und mit den Kindern allein nicht fertig. Wir brauchen Fräulein Zögling. Erspa­ren Sie mir doch Maßnahmen, zu denen ich mich schließlich trotz unserer alten, immer so guten Freundschaft doch entschließen müßte, wenn dieser Stunk im Hause kein Ende nimmt. Vertragen Sie sich mit Fräulein Zögling und versöhnen Sie sich mit ihrer Gegenwart. Es gehört nichts dazu als ein wenig guter Wille..."

Und a schlechte Gedächtnis..." murmelte Kathi.

Was sagten Sie da?"

Nix..." antwortete Kathi kühl. Hellwang schien ihre Bemerkung, die einzige, die sie in der ganzen Zeit zu machen gehabt hatte, nicht verstanden zu haben. Er zerdrückte den Zigarettenrest im Aschen­becher und überlegte, ob er noch etwas hinzuzufügen habe oder ob er am Schluß deutlich genug gewesen sei. Kathi stand abwartend vor der Tür. Sie be­obachtete Hellwang mit gespannter Aufmerksamkeit. Er kam ihr so merkwürdig verändert vor. Sie wußte nicht zu sagen, was da Neues an ihm war. Aber sie witterte eine Veränderung und schnüffelte wie ein windender Hund. Sie mar bei feinen Aus­brüchen das Gefühl nicht 'losgeworden, er spräche nicht zu ihr allem, sondern sozusagen noch zu einem unsichtbaren Parkett, das sich jenseits der Tür und jenseits des Flures befand.

So, ich glaube, Kathi, daß wir uns nun ver­standen haben. Entweder oder. Sie müssen sich jetzt schon entschließen. Wenn Sie der Meinung sind, daß Sie sich auch in Zukunst nicht mit Fräulein Zögling verstehen können hm dann wäre es mir schon lieber. Sie sagten mir gleich Bescheid und würfen mir den Krempel hin, als daß Sie diese un­angenehme Aufgabe mir überließen. Gern täte ich es nicht, das dürfen Sie glauben ..."

Er wartete. Sekunden verstrichen. Sie wurden endlos lang. Für beide. Hellwang warf Kathi einen fragenden Blick zu. Sie schwieg noch immer. Was mochte in ihrem Schädel vor gehen? Er sah Schweiß­perlen auf ihrer Stirn. Und er schämte sich ein we­nig seines Polterns und der Entscheidungslast, die er auf ihre Seele gewälzt hatte. Ein treuer Mensch wer sollte sie ersetzen? Plötzlich bangte ihm da­vor, daß sie gehen könnte...

Nun, Kathi..." sagte er versöhnlich und in

einem Ton, als gäbe er ihr einen freundschaftlichen Rippenstoß, doch keine Dummheiten zu machen und diesen verfluchten Eigensinn fahren zu lassen. Er sah, wie sie die Oberlippe hochzog und die Zunge an die Zähne drückte; er zog die Schultern ein roc* nig hoch dieses vertrackte Geräusch! es ging ihm jedesmal durch Mark und Bein.

,Lch bleibe!" sagte Kathi laut und hell. Es klang unwiderrufliche Wie eine Fanfare. Und wenn dis Welt voll Teufel wär! Genau fo klang es. Und es war in diesem Klang nichts Versöhnliches und nichts, was darauf hindeutete, daß Kathi nun auch di« Absicht habe, ihr Verhalten zu ändern.

Nicht ganz im Sinne des Erfinders..., dachte er etwas bestürzt; aber er brachte es doch nicht über ein lahmes:Das ist ja sehr schön, Kathi" hinaus.

Also kann ich wohl wieder gehen?"

Er nickte wortlos.

Wahrscheinlich wartete jetzt Fräulein Zögling dar­auf, daß er zu ihr käme oder sie riefe, um ihr das Ergebnis der Unterredung mit Kathi mitzuteilen. Er zögerte ein wenig mit der Antwort. Schließlich entschied er sich doch, diese Gewissensfrage zu be­jahen. Er hatte Kathi seine Bedingungen genannt, und sie hatte sich zum Bleiben entschieden. Unter seinen Bedingungen selbstverständlich.

Hellwang brummte der Schädel ein wenig. Wat Föhn im Anzuge? Das Gebirge versteckte sich hinter Dunstschleiern, und die Lust hatte eigentlich nichts von der gewaschenen, gläsernen Klarheit jener Tage, an denen durch das blaue Wolkenloch über den Zinnen des Karwendels ein Gluthauch über das Land fuhr, Föhnwind, der das Blut erhitzte und an den Nerven zerrte. Merkwürdig, daß er ihn deutlich spürte, während doch die Landschaft das Bild eines heiteren, von weißen Wolkensegeln über­flogenen Sommertages bot. Es lockte ihn, im offe­nen Wagen über die weißen Straßen zu flitzen, tüchtig aufs Gas zu treten und irgendvo draußen am See oder im Forsthaus zu rasten. Warum auch nicht? Was hinderte ihn daran? Die Arbeit war für heute ohnehin ins Hintertreffen geraten. Er steckte die Zigarrentasche ein und verließ das Haus. Die Kinder spielten am Teich. Der Stangl Toni und die Mühlbauer Rest waren auch dabei. Bis auf Söhnchen, der splitternackt herumtobte, steckten fit in bunten Badeanzügen und waren alle braunge« brannt wie eine Negerhorde.

(Fortsetzung folgt.)