Nr. 267 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberh essen)Montag, 10. November Ml
Die Wehrmachtberichte.
DRV. Aus dem Führerhauplquarlier, 9. November. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Auf der Krim fetzten die deutschen und rumänischen Truppen die Verfolgung des geschlagenen Feindes entlang der Südküste und auf der Halbinsel Kertsch erfolgreich fort. Jalta wurde genommen.
Im Kampf gegen die britische Versorgungsschiff- fohrt war die Luftwaffe in der letzten Nacht besonders erfolgreich. Vor der englischen und schottischen Ostküste versenkten Kampfflugzeuge aus Geleitzügen heraus sechs feindliche Handelsschiffe, darunter einen grotzen Tanker. mit zusammen 38 000 BRT. 3m Seegebiet der Färöer wurde bei Tage ein kleiner Frachter durch Bombenwurf vernichtet. Sturzkampfflugzeuge belegten in der Nacht zum 9. November die Hafenanlagen von Dover mit Bomben schweren Kalibers. Ls entstanden mehrere ausgedehnte Brände.
Bei Versuchen, am gestrigen Tage die besetzten Gebiete am Kanal anzugreifen, erlitt die britische Luftwaffe wieder schwere Verluste. 3äger schossen in heftigen Luftkämpsen 2 3, Flakartillerie zwei feindliche Flugzeuge ab.
Britische Bomber unternahmen in. der letzten Nacht Angriffe auf Westdeutschland. Die Zivilbevölkerung hatte einige Verluste. Neun der angrei- jenben Flugzeuge wurden abgeschosfen.
♦
DNV. Aus dem Führerhauptquartier. S. Nov. Vas Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Bei den Verfolgungskämpfen auf der Krim vernichteten deutsche und rumänische Truppen am Südhang des 3aila-Gebirges eine sowjetische Kavalleriedivision. Bei der Enge zur Landzunge K e r t sch wurde eine 10 Kilometer tiefe, neuzeitlich ausgebaute Slellungszone durch st otzen. Die Verfolgung des hier geschlagenen Gegners ist im Gange.
Die Luftwasfe vernichtete in den Gewässern s ü d - l i ch 3 a l t a einen Transporter von 8000 BRT.
Ein rumänisches Unterseeboot versenkte im ^Schwarzen Weer sowjetische Transport- sch i f f e von insgesamt 12 000 BRT.
3m Atlantik versenkten Unterseeboote vier feindliche Handelsschiffe mit zusammen 28 000 BRT.
An der b r i t i ss ch e n N o r d o st k ü st e griff die Luftwaffe bei Tage mit guter Wirkung Dockanlagen in Blyth an. 3n der letzten Nacht bombardierten starke Kampffliegerverbände in Ost- und Süd- o st en g l a n d verschiedene Hafenanlagen, besonders in Sunderland. Volltreffer in Werften und Verforgungsbetrieben riefen heftige Explosionen und ausgebreitete Brände hervor. Ostwärts Aberdeen wurde ein britischer Zerstörer durch Bombenwurf versenkt.
Der Feind flog in der letzten Nacht an vielen Stellen in das Reichsgebiet ein. Durch Bombenwurf auf Wohnviertel, u. a. auch in der Reichs- Hauptstadt, hatte die Zivilbevölkerung geringe Verluste an Toten und verletzten. Die angerichtelen Schäden find unbedeutend. Demgegenüber hatte die britische Luftwaffe besonders schwere Verluste. 27 der angreif en den Bomb er fielen der deutschen Abwehr zum Opfer.
Aus der Stadt Gießen.
Ein halbes Gramm Salz.
Muß unbedingt auf jebetn gedeckten Tisch auch ein Salzfäßchen stehen? Und ist es notwendig, sich die Kartoffeln zum Gemüse noch zu salzen, bis schließlich ein gutes Teil ihres Eigengeschmacks verloren geht? Eine alte Koch- und Feinschmeckerregel sagt, daß eine Speise bereits versalzen-ist, sobald man herausschmeckt, daß sie überhaupt gesalzen wurde. Salz soll immer nur würzen, aber den Geschmack nicht beeinflussen.
Daß der gesunde Körper eine gewisse Salzmenge braucht und verbraucht, steht fest, aber er braucht bedeutend weniger, als ihm die meisten Menschen zukommen lassen, denn der Kulturmensch hat sich einen viel zu großen Salzappetit angewöhnt. Nimmt der Mensch mehr Salz zu sich, als er braucht, so wird das überschüssige Salz im Körper aufgespeichert, weil nämlich nur ein Teil davon wieder ausgeschieden werden kann, da schließlich auch die Niereü ihre Höchstleistungsgrenze haben. Diese Salzaufspeicherung aber verursacht alle möglichen Gesundheitsschäden. Was zuviel ist, wandert in die Knochen und Gewebe ab, wo es aber in dieser Menge nicht hingehört, was man schon daran erkennen kann, daß bei Salzliebhabern Wunden besonders schwer heilen. Zu alledem werden durch eine den normalen Bedarf überdeckende Salzzufuhr Herz und Blutgefäße gefährdet.
Wenn die Arbeit der Nieren oder der Blutkreislauf — wie etwa bei zu hohem Blutdruck — gestört ist, muß man daher vor allem seinen Salzverbrauch einschränken oder überhaupt eine kochsalzfreie Diät einhalten, wie denn auch Personen, deren Magensaft zu viel Salzsäure enthält, ihre Speisen so wenig wie möglich salzen sollen. Es kann allerdings auch beim gesunden Menschen ab und zu vorkommen, daß sein Essen mehr gesalzen ist als nötig, was besonders für die im Salzwasser konservierten Nahrungsmittel gilt, die man deshalb vor dem Kochen immer recht gründlich wässern muß. Diese „Versalzung" wirkt sich dann bekanntlich immer in einem starken Durst aus, der davon herrührt, daß das Salz im Körper Wasser an sich zieht und man infolgedessen dieses entzogene Wasser durch Trinken wieder zu ersetzen sucht.
Bei Menschen bestimmter Berufsgruppen ist ein . starkes Salzbedürfnis jedoch vollauf berechtigt, weil es auf einem durch ihre Berufsarbeit bedingten Salzverlust des Körpers beruht. So wurde im Ver
lauf von Untersuchungen festgestellt, daß körperlich schwer arbeitende Männer nach einem zweistündigen Schwitzen während ihrer Arbeit nur durch die Schweißabsonderung bis zu 7 Gramm Salz verloren hatten. Arbeitet also ein Mensch unter beträchtlichem Schweißverlust, so kann er im Laufe eines Arbeitstages tatsächlich eine gute Menge Salz absondern, da der Schweiß fast bis zur Hälfte der Trockenmasse Salz enthält. Es versteht sich von selber, daß dem Körper jeder Salzverlust wieder ersetzt werden muß.
Für den normal arbeitenden, gesunden Menschen ist schwäch gesalzene Nahrung jedoch weitaus bekömmlicher als ein Essen, das man sich durch Salz zu würzen versucht. So manches körperliche Unbehagen läßt nach und verschwindet bald ganz, wenn man den gewohnten Salzgenuß etwas einschränkt. Tatsache ist jedenfalls, daß viel mehr Menschen zuviel Salz essen als zu wenig. Tatsache ist aber auch, daß, wenn jeder Mensch nur ein halbes Gramm Salz im Tag weniger zu sich nehmen würde, es bei 80 Millionen. Menschen zu einer ersparten Tagesmenge von 40000 Kilogramm käme! M.A.v.L.
Dornotizen.
Tageskalender für INontag.
Stadttheater: 18.30 Uhr NSG. „Kraft durch Freude" „Die Zauberflöte". — Gloria-Palast, Set- tersweg: „Wetterleuchten um Barbara". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Kleine Mädchen — große Sorgen".
Für unsere Verwundeten.
Am Donnerstag hatten die Kriegerwitwen in der NSKOV. eine größere Zahl Verwundete in den hiesigen Lazaretten zu Kaffee mit Kuchen nach der Gaststätte „Karlsruh" eingeladen. Nach Begrüßungsworten der Betreuerin, Frau Zammert, wurde von den Frauen selbstgestaltete Unterhaltung geboten, so daß die Nachmittagsstunden für die Gäste schnell dahinflogen. Die NSV. hatte für Rauchmaterial und Bier gesorgt. Der kom. Kameradschaftsführer G r a v e l i u s dankte im Namen der Verwundeten und Gäste für die schönen Stunden und schloß die Feier mit dem Gedenken an den Führer. — Am gestrigen 9. November war zur Feier im Theater der Universitätsstadt Gießen eine größere Zahl Verwundeter eingeladen. Am gleichen Tage folgte eine große Zahl Verwundeter einer Einladung der Kreisamtsleitung der NSV. zu einer Mor- I genfilmvorführung im „Gloria-Palast". Es wurde
die „Wochenschau" und „Feind hört mit" vorgeführt. — Durch Vermittlung der Kreisfrauenschaftsleiterin Wrede überbrachten die Ortsfrauenschaf- ten Dorf-Gill und Grüningen eine große Zahl schöner Kuchen, die an die Lazarette abgeliefert wurden.
Abschied von Professor Brüning.
Eine große Trauergemeinde war am Freitagnachmittag in der Kapelle des Neuen Friedhofs versam- melt, um von dem aus reichem und bis zuletzt unermüdlichen ärztlichen Schaffen abberufenen Chirurgen und Orthopäden Professor Dr. August Brüning, Oberstabsarzt d. R. an einem hiesigen Reservelazarett, Abschied zu nehmen und ihm die letzte Ehre zu erweisen. Nach einem Orgeloorspiel ergriff der evangelische Wehrmachtpfarrer Li.z. Tro in« mershausen das Wort zu seiner Trauerrede, während vier Unteroffiziere der Wehrmacht am aufgebahrten Sarg die Ehrenwache hielten. Die hohe
Wertschätzung, deren sich der Verewigte als Mensch und als Arzt zu erfreuen hatte, kam — wie in der Trauerrede des Wehrmachtgeistlichen — auch in den folgenden Ansprachen in reichem Maße zum Ausdruck. Es legten Kränze nieder der Standortältests Oberstleutnant Kühne, Oberfeldarzt Dr. TschaA m e r als stellvertretender Kommandeur der Sanitätsabteilung, zugleich für den Standortarzt und in seiner Eigenschaft als Chefarzt des Lazaretts, der Rektor Professor Dr. Kranz im Namen der Universität und der Medizinischen Fakultät, Professor Dr. Bernhard als Chef der Chirurgischen Klinik, Landgerichtsrat T r ü m p e r t für die Kriegerkameradschaft, ein Vertreter der Altersvereinigung 1874 und der Superior des Schwesterordens. Dann erklang , während die Fahnen sich senkten, das Lied vom guten Kameraden, und drei Ehrensalven über hnm Sarg aohrn der militärisch schlichten Trauer» feier einen würdigen Ausklang.
Helden-LhrenseierderASDAP.zumy.Aovember
Hans Hehberg: »Oer Tod und das Reiche.
Die Kreisleitung Wetterau veranstaltete am Sonntagvormittag im Theater der Universitätsstadt Gießen eine eindrucksvolle Feierstunde der NSDAP, und ihrer Gliederungen zum Gedächtnis unserer Gefallenen. Während auf der mit den Farben des Reiches, mit dem Eisernen Kreuz und dunklem Grün geschmückten Bühne Fahnengruppen und Chöre der Partei und ihrer Gliederungen Aufstellung genommen hatten, intonierte das Städtische Orchester unter der Leitung von Otto Zöllner die Feierstunde mit ernsten, weihevoll getragenen Klängen. Darauf ertönte das Wort des Führers vom Kampf des Soldaten: er ist der erste Repräsentant des Lebens, in ihm werden die Nationen gewogen. Die Worte wurden ausgenommen und weitergetragen von dem Chor „Heilig Vaterland in Gefahren" und von der Mahnung an die Vergänglichkeit des Einzelnen wie der Sippe, an die Ewigkeit des Tatenruhmes der Toten. Hermann Löns' schöne Verse „Ich trat an ein Soldatengrab" und Orchesterklänge leiteten über zur feierlichen Ehrung der toten Helden. Während die Fahnen sich senkten, die Versammelten sich erhoben und die alte Soldatenweise vom guten Kameraden erklang, verlas Brigadeführer Schwarz die Namen der 16 Gefallenen von der Feldherrnhalle, mit deren Gedächtnis sich das Andenken an die Gefallenen des Weltkrieges und des gegenwärtigen Freiheitskampfes verbindet. Worte des Totengedenkens und der Chor „Deutschland, heiliges Wort" beschlossen die Ehrung.
Im Mittelpunkt der Feierstunde stand die Gedenkrede von Kreisleiter Backhaus, der u. a. etwa folgendes ausführte: Der 9. November 1923, dessen wir heute gedenken, ist ein schwarzer Tag füx die Bewegung und für das ganze deutsche Volk gewesen. Im Vertrauen auf die Versprechungen Wilsons hatte das deutsche Heer die Waffen nieDeivlegt. Es stellte sich bald heraus, daß wir schmählich betrogen waren. Mit dem Diktat von Versailles begann eine Kette endloser Leiden für unser Volk. Da, als die Rheinlandbesetzung und die Inflation über uns hereingebrochen waren, faßte der Führer den Entschluß, durch gewaltsamen Umsturz das Schicksal zu wenden. Leider scheiterte der Versuch am Verrat. Wenn wir nun «fragen, warum die 16 Helden von der Feldherrnhalle heute so hoch geehrt werden, bann lautet die Antwort: weil sie die ersten Blutzeugen der x nationalsozialistischen Bewegung und die ersten waren, die an den Führer geglaubt haben. Ihr Tod soll eine ewige Mahnung für uns alle sein, nie wieder auf Fremde, aus Juden und Judengenossen zu vertrauen.
Warum kamen 1938 Staatsmänner der Westmächte nach Deutschland? Nicht um des Friedens willen, sondern weil sie noch nicht fertig waren mit ihrem Plan, Deutschland zu vernichten. Aber der Führer hat sich nicht täuschen lassen. Am 3. September 1939 haben die anderen uns den Krieg erklärt, ohne in ihrem blinden Haß zu ahnen, daß das deutsche Volk inzwischen durch den Nationalsozialismus ein anderes geworden war. Wenn wir die Kriegsjahre Überblicken, müssen wir feststellen, daß sich der deutsche Soldat als der beste der Welt erwiesen hat. Die Opfer der zwei Millionen des Weltkrieges sind dem deutschen Soldaten dieses Krieges ein heiliges Vermächtnis geworden. Wenn wir hellte der 16 Gefallenen von der Feldherrnhalle gedenken, dann schließen wir auch ein die 400 SA - Männer, die später gefallen sind, die zwei Millionen des Weltkrieges und alle, die in diesem Kriege
ihr Leben gaben für Deutschlands Größe und Freiheit.
Die Opfer sind für den Einzelnen sehr schwer. Wir haben die Pflicht, alles zu tun, um den Angehörigen ihren Schmerz zu lindern; das ist vor allem die Aufgabe der Partei, lieber den Gräbern der Helden wird einst wieder das Leben blühen; sie werden unsterblich fein. Wir aber, vor allem die Juaend, werden weiterkämpfen in ihrem Geiste für unser ewiges Volk: „Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen." — Mit dem Gruß an den Führer, an die Gefallenen und unsere siegreichen Soldaten, sowie mit den Liedern der Nation klang die Feierstunde aus.
Der zweite Teil brachte die Uraufführung des chorifchen Spieles „Der Tod und das" Reich" von Hans R e h b e r g mit der Musik von Oswald E n t e r I e i n in der Inszenierung von Wilhelm Michael Mund. Auf wenigen Seiten nur hat der Dramatiker Rehberg in der neuen melodramatischen Form des chorischen Spieles eine Reihe symbolischer Gestalten einander gegenübergestellt, die in Rede und Gegenrede, im Wechsel von Chor und Einzelstimmen, begleitet von den dunklen Akkorden einer feierlich-ernsten Musik, den Gedanken Ausdruck geben, welche uns am Gedenktage der Gefallenen und ihres Opfertodes für die Größe des neuen Reiches bewegen. Nach einer Zwiesprache zwischen dem Tode und dem „irrenden Geschlechte" der Abgestorbenen erhebt sich die lichte Gestalt des „Knaben Reich": „Krieg muß sein und der göttliche Krieg, zeigend den Mann und beweisend das Weib, werde geführt." Während die Abgestorbenen und die Blinden zur Seite weichen, ruft der Knabe Reich die Gefallenen auf, die mit wallenden Fahnen und schweren Marschtritt durch bas aufspringende Tor der neuen Zeit hereindringen: „Wir sind's, wir sind's, die braunen Bataillone." Der Tob, von der jungen Kraft des Knaben Reich überwunden, reicht diesem kniend die Krone: „Ich bin der Lebenspendende nicht minder. Ich, Knabe, bin nicht nur der Tob." Der mahnende Grundgedanke des Spieles ist im Chor der Gefallenen zusammengefaßt: „Wir wachten, daß die Stunde blieb. Wir wachen, daß das
das Kalknähr- und Kräftigungsmittel für jedes Lebensalter\
Hergestellt nach Vorschrift der UniversftMts- professoren Dr. med. Emmerich und Dr. Loew.
Kalzan festigt Knochengerüst und Zähne und erhöht die Widerstandskraft gegen Krankheiten. Von besonderem Wert für Mutter und Kind. Kalzan beugt Gesundheitsstörungen vor, die sich im Älter leicht einstellen.
Erhältlich in Apotheken und Drogerien in Pulver- und Tablettenpadcung.
Karin Grunelius
Roman von Huiüo ß.Brand
23. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie empfand diese unmerkliche Geste als ein rührendes Entgegenkommen, noch mehr aber glaubte sie zu spüren, daß der Onkel durch die „afrikanische Unordnung", wie sie von Tante Cornelia bezeichnet wurde, beinahe entflammt war. Eindringliches Befragen ihres Studiums, prüflingshafte Antworten und immer mehr kollegiale Unterhaltung über die modernsten Probleme der Vitaminforschung, ihren Anwendungsbereich auf kolonialem Boden, ließen den Onkel keinen Augenblick zögern, ihre Angelegenheit mit feinem Kollegen Gruber zu besprechen.
Weder das Telegramm noch eine gewisse Zurückhaltung Karins vermochten ihn davon abzubringen, diesem interessanten Zwischenfall die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden.
„So leichtfertig geht man denn doch nicht mit seinen Talenten um!" entschied der Geheimrat.
10.
• Niemals hätte sich Karin einen solchen Empfang oder von tausend Dingen angefüllten Tag erträumt. Stunde um Stunde reihte sich mit Gängen m Die Stadt, in Kaufhäuser, um sie mit dem Notwendigsten zu versehen, wieder andere verbrachte sie in der Staatsbibliothek, um in stürmischem Anlaus Lücken ihres Wissens auszufüllen, Neuem aus Die Spur zu kommen. v ,
Karin hatte gewiß keine Angst vor der bald bevorstehenden Begegnung mit Professor Gruber, in dessen Laboratorium sie als Assistentin arbeiten sollte. Aber sie ertappte sich noch manchmal m einer Formel bei der Vorstellung, wie sie in einem Laboratoriumskittel den Inhalt von Reagenzgläsern mischte und plötzlich aufschreien wurde weil sie einen neuen Stoff entdeckt hatte! ''Phantastereien, redete sie sich warnend zu. Dann schalt sie sich, sie
werde die Prüfung nicht bestehen, die Professor Gruber mit ihr vorhatte, stürzte sich von neuem in die Literatur, die sie seit dem Abgang von der Kapstadter Universität nicht mehr verfolgen konnte. Sie kannte weder das Buch des ungarischen Gelehrten Szent-György über die „Avitaminosen", noch das von Lennartz über die „Chemische Physiologie". Don der „Methodik der Vitaminforschung" Monskovs hatte man in Kapstadt keine Ahnung.
Kaum daß sie sich einmal Zeit nahm, auf dem Weg die Ludwigstraße hinunter den Atem der Geschichte aufzuspüren oder an der Feldherrnhalle sich in die Zeugenschaft eines heroischen Aufbruchs zu versenken. Zu viel schien es zu sein, was auf sie einstürmte, so daß sie der Onkel, ohne Widerstand zu dulden, aus ihrer eingeengten Atmosphäre riß und mit ihr nach Nymphenburg hinausfuhr.
Ob sie wollte oder nicht, sie mußte an einer Führung durch das Lustschloß teilnehmen.
Erst als sie mit dem Onkel wieder draußen in der wärmenden Sonne die schnurgeraden Taxushecken entlang ging, dem Spiel der Schwäne zusah, die wie kleine blendendweiße Wolken über die Wasserfläche ruderten, fror sie nicht mehr.
„War es sehr schrecklich, Karin? fragte der Onkel, als wollte er Abbitte leisten. „Aber ich bin der Meinung, daß du dir einmal den Kopf freimachen mußtest,' und ich habe immer gefunden, daß die Beschäftigung mit der Kunst das schönste Gegengewicht ist. Allein schon beim Betrachten von Bildern, wenn ich den Linien folge ober die Farben auf mich wirken lasse, verspüre ich eine wunderbare Entspannung. Wenn du eine richtige Grunelius bist, dürftest du das nicht als abwegig empfinden oder von deinem Vater her wissen, daß wir als Studenten schon zusammen in den Galerien herum- gelaufen sind, um der sttengen Wissenschaft den heiligen Schimmer einer Liebe zur Kunst zu verleihen ..
Karin wagte nicht, vom Boden aufzusehen. Zum , erstenmal hörte sie den Onkel so sprechen und fürch
tete, sie könnte ihn in seinen Gedankengängen stören. Weshalb hatte er nie zu Hause davon gesprochen? Hatte er irgendeine Scheu vor seiner Frau diese kleine heimliche Kammer seiner Seele zu öffnen? Wie aber kam sie dazu, in dieses Geheimnis eingeweiht zu werden?
Erst nach einer Weile hob sie ihr Gesicht: „Ich verstehe dich sehr gut. Ich stehe diesen Dingen auch gar nicht so fremd gegenüber, wie du vielleicht an- nimmst. Nur fehlt mir in diesen lagen die Zeit. Und es wäre mir nichts lieber, als mit dir einmal all diese herrlichen Dinge erleben zu dürfen. Aber...", sie lächelte, „allein mit dir, ohne einen Erklärer, der in Prinzessinnen besser Bescheid weiß als in der Kunst."
„Dann passen wir ja großartig zusammen und ich denke, mir werden auch die Zeit finden, uns heimlich so ein bißchen in die Kunst Hineinzuschlei- chen, wie?" lachte der Geheimrat. Ueber fein Gesicht lief ein milder Glanz, als sei ihm vom Leben her ein schönes Geschenk zugetragen. „So Sonntags vormittags in der Pinakothek oder in der Neuen Galerie herumzuwandern, das denke ich mir mit dir sehr anregend. Früher habe ich das immer allein getan!"
Es klang ein wenig resigniert, so, als hätte er von feiten feiner Frau auf diesem Gebiet keine rechte seelische Unterstützung gehabt. Karin vermied deshalb die Fortführung dieses Gespräches und begann wie von ungefähr von der kommenden Prüfung bei Professor Gruber zu sprechen. Auf ihr Telegramm an ihren Vater mußten wohl die Uni» oerfitätspapiere schon unterwegs sein. Wenn er sie gleich nach Nairobi geschickt hatte, würden sie mit der Luftpost über Kairo in den nächsten Tagen ein- treffen.
„Bei meinem Kollegen Gruber ist das gar nicht so wichtig", meinte der Onkel lebhaft. „Der hat sofort heraus, wo jemand Lücken hat und wo etwas sitzt! Aber du brauchst keine Angst zu haben! Höchstens, daß dir die Laboratoriumspraxis fehlt. Aber
das lernt sich schnell. Dein theoretisches Wissen ist wohl über dem Durchschnitt. Das sage ich dir nicht als Schmeichelei, sondern ganz nüchtern. In Deiner Nähe könnte einen direkt noch einmal die Lust an« kommen, sich wieder eingehender mit all diesen Problemen zu beschäftigen!"
Karin horchte von neuem auf. Was für seltsame Abspielungen, heimliche Belobigungen waren das! Als lebte 'her Onkel durch ihr Erscheinen irgendwie auf!
Er ging mit gesenktem Kopf neben ihr her, beschleunigte plötzlich feine Schritte, strich sich ein paarmal über das Spitzbärtchen, als wolle er eine innere Unruhe verbergen. Sie sah ihn von der Seite an. Sein Gesicht hatte sich verändert. Es war aufgeschlossener geworden in den Tagen, feit sie da war. Sie erinnerte sich auch, was er zu ihr gesagt hatte, als sie- ihn bat, Thomas Bröger das Geld zu schicken, und als sie sich entschuldigte, daß sie ihm so viel Umstände bereite: „Das versteht sich doch von selbst, liebe Karin, daß wir für dich sorgen. Wir haben keine Kinder und da werde ich es mir wohl erlauben dürfen, mich deiner anzunehmen, und zwar so, als ob du meine eigene Tochter wärst. Ich bin glücklich, daß du gekommen bist!"
Viel Wehmut, viel Besorgtheit hatte Darin gelegen, als müsse er eine Dankesschuld an Das Leden abtragen. Sie selbst fühlte sich seit jener Stunde so geborgen wie seit Jahren nicht.
Jeden Morgen wartete sie Dann auf einen Brief von Günther unD hoffte auf eine nachträgliche Rechtfertigung, denn das Telegramm an den Onkel konnte sie nur für. übereilt halten. Wenn er darüber geschlafen hatte, würde er ihre Gründe wohl verstehen und anderer Meinung werden. Aber Günther ließ sich allem Anschein nach viel Zeit, ohne zu ahnen, daß diese Taktik vielleicht gerade Das Gegenteil hervorries, daß sie immer mehr Kraft zum Widerstand sammeln würde, wenn ihr einmal Der kühne Sprung gelungen war.
(Fortsetzung folgt)


