Aus der Gia-i Gießen.
Lulitage...
In dtzn Gärten und Anlagen verströmen prachtvolle Rosen ihren Wohlgeruch, und über den Himmel gleiten weiße Wolken wie die aufgeblähten Segel stolzer Schiffe. Der Juli läßt feine lichten Banner über der Landschaft wehen, die reich mit Blau und Gold gestickt sind. Wohin das Auge schaut, sieht es in diesen Tagen das farbenfrohe Bild des Sommers.
Mitunter kommt allerdings auch ein Tag, an dem die Wolken einen grauen Vorhang über den Himmel spannen. War es einige Tage vorher heiß, dann wird ein solcher Tag von den meist kritisch veranlagten Erdenbürgern lebhaft begrüßt. Wehe jedoch, wenn auch der vorhergehende Tag schon Wolken oder gar Regen gebracht hat. Was das Wetter anbetrifft, so sind die Menschen eben nicht so leicht zufriedenzustellen. Im Winter wünschen sie möglichst angenehme Wärme, im Sommer wäre ihnen erfrischende Kühle lieber, und in den Zeiten des Uebergangs ist ihrs Meinung genau denselben Schwankungen unterworfen wie die Quecksilbersäule im Thermometer. Kaum jemals werden alle Wünsche erfüllt, und deshalb ist es kein Wunder, wenn mancher am Juli etwas auszusetzen hat. Gewöhnlich ist es die Hitze, über die gestöhnt wird. Kommt aber ein erfrischender Regen auß, dann darf er sich beileibe nicht sehr ausführlich betätigen, sonst ist gleich wieder das Klagelied vom schlechten Wetter fällig. Es wäre das undankbarste Amt, das es geben könnte: für das Wetter verantwortlich zu zeichnen. •Sei es auch nur für den Monat Juli.
Daß der Reiseverkehr, der sonst im Juli wahre Rekordziffern aufzuweisen hatte, in diesem Jahre zeitbedingte Einschränkungen erfahren mußte, betrachtet jeder mit Verständnis, der den Blick für Notwendigkeiten besitzt. Wer jetzt seinen Urlaub an- tritt, kann trotzdem die Ferienfreuden in schönster Weise genießen, auch wenn er nicht einige hundert Kilometer vdn dannen fährt. Es gibt nichts Schöneres, als bei strahlendem Wetter am schattigen Waldrand zu sitzen imb das Bild der Heimat in sich aufzunehmen. Mancher entdeckt dabei mehr, als er jemals erwartet hätte. Er braucht es nur einmal zu versuchen. H.W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Kopf hoch, Johannes". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Verräter am Nil".
Nur ein Gedanke!
Tag für Tag lesen wir die Berichte über das Morden und Wüten, über das Sengen und Brennen, über die bisher unvorstellbaren Grauens- und Satanstaten der bolschewistischen Horden. Wir lesen von den verlausten und verdreckten Siedlungen, von der beispiellosen menschlichen Verwahrlosung im Inneren der Sowjetunion ...
Wer von uns hätte nicht schon einmal beim Lesen dieser Berichte und beim Betrachten der Bilder aus dieser Hölle den Gedanken gehabt: was für ein Unterschied! Bei uns Friede, Sauberkeit, Ordnung, • trotz vieler Arbeit glückliche Menschen ... und was wäre gekommen, wenn uns die bolschewistischen Häuptlinge den Dolch hätten in den Rücken stoßen können, wenn diese Meute vertierter Menschen unsere Grenzen überrannt hätte, um, wie man es vorhatte, Deutschland mit Stumpf und Stiel auszurotten! So wollten es bekanntlich die jüdischen Drahtzieher.
Und wen erfüllt nicht tiefste Dankbarkeit für unsere Soldaten, tiefstes Mitgefühl für alle jene von ihnen, die im Ringen mit den Mördern und Bolschewiken verwundet wurden? Du hast Gelegenheit, Mann und Frau in der Heintat, diese Dankbarkeit durch die Tat zu beweisen: am Wochenende pochen für die 4. Haussammlung des Deutschen Roten Kreuzes Volksgenossen an deine Türe. Dann halte dir vor Augen, und recht deutlich, was dir unsere Soldaten ersstart haben! Und dann wirst du wissen, daß es deine Ehre ist, noch mehr zu spenden, dein Bestes zu geben!
Anwärter
für die Marineoffizierslaufbahn.
Die Kriegsmarine stellt Anwärter für die Seeoffizier., In'genieuroffizier-, Waffenoffizier- und Verwaltungsoffizierlauflmhn im Oktober d. I. ein. Bewerbungsgesuche sind baldmöglichst bei der Inspektion des Bildungswesens der Marine in Kiel
Steuerliche Erleichterungen für arbeitende Ehefrauen.
Wesentliche Vereinfachung des Lohnabzugs.
Der Reichsfinanzminister hat eine Verordnung erlassen, die den Lohnabzug wesentlich vereinfacht und damit zugleich steuerliche Erleichterungen' für viele Volksgenossen verbindet. Wie Staatssekretär Reinhardt in einer Erläuterung der Verordnung ausführt, kann dos Ziel, alle Abzüge vom Arbeitslohn in einem Betrage zusammenzufassen, vorläufig nur schrittweise erreicht werden. Durch die Verordnung wird aber die Vereinfachung schon ein wesentliches Stück vorwärts gebracht. So wird ab 1. Oktober fast ausnahmslos für alle Lohnabzüge die gleiche Bemessungsgrundlage gegeben sein. Die Unterschiede in der Behandlung der ArbeitsentgSlte werden soweit wie möglich beseitigt werden. Die Sachleistungen werden für die Zwecke aller Lohnabzüge einheitlich bewertet. Gleichzeitig werden die Tarife aller Lohnabzüge mit Ausnahme der Bürgersteuer einheitlich ausgerichtet. Es wird demgemäß ab 1. Oktober eine einheitliche Lohnabzugstabelle verwendet werden können, in der Lohnsteuer, Beiträge zur Rentenversicherung und DAF.-Beitrag auf einer Zeile hintereinander abgelesen werden können. Auch die Krankenkassenbeiträge, soweit sie nach Lohnstufen erhoben werden, werden ab 1. Januar 1942 auf die Lohnstufen der Lohnsteuerlabelle ausgerichtet werden. Jeder Lohnbuchhalter kann also dann auch die Krankenkassenbeiträge und die Beiträge zum Reichsstock für Arbeitseinsatz zusätzlich in die Tabelle aufnehmen.
Am 1. Oktober tritt ferner eine neue Lohn- fteuertabeHe in Kraft. Die gegenwärtige Größe der Steuerstufen führt bei nur uübedeuten- der Ueberschreitung oft zu Härten. Die Lohnstufen werden deshalb erheblich verengt. Sie betragen statt bisher 6,50 bis 52,— RM. künftig nur 1,30 bis 13,— RM. Neben dieser Verengung der Lohn stufen im Tarif wird es nicht mehr vor
kommen, daß die Freude an Mehrarbeit durch ein außergewöhnliches Mehr an Lohnsteuer getrübt wird. Die neue Lohnsteuertabelle wird außerdem eine Abrundung der Steuerbeträge in der Monatstabelle auf volle 10 und in der Wochentabelle auf volle 5 Rpf. enchalten. In vielen Fällen wird sich durch diese Neuregelung eine leichte Senkung der Lohnsteuer ergeben.
Ab 1. August tritt auch eine steuerliche Besserstellung der mitoerdienenden Ehefrauen in Kraft. Bei ihnen war bisher für die Berechnung der Lohnsteuer dem Arbeitslohn monatlich ein Betrag von 52 RM. hinzuzurechnen und auf der Steuerkarte zu vermerken. Diese Hinzurechnung fällt weg. Diese Maßnahme dient zugleich der Förderung des Arbeitseinsatzes der Ehefrauen.
Aenderungen und Ergänzungen der L o h n -- steuerkarte konnten bisher nicht mit rückwirkender Kraft vorgenommen werden. Auch dies hatte oft Härten zur Folge. Nach der neuen Verordnung find Aenderungen und Ergänzungen rückwirkend bis zum Beginn des Kalenderjahres möglich. Zuviel einbehaltene Lohnsteuer wird erstattet. Durch anderweitige Festsetzung der Zeitpunkte wird gleichzeitig die Abführung der Lohnsteuer an das Finanzamt wesentlich erleichtert. Ebenso erfolgt eine radikale Vereinfachung der Bürgersteuerabführung, die künftig zusammen mit der Lohnsteuer an das Finanzamt erfolgt. Bisher hatten manche große Unternehmungen wegen der Bürgersteuer mit fast 500 verschiedenen Gemeinden zu tun. Schließlich ist noch wichtig, daß die W e h r st e u e r bis auf weiteres nicht mehr erhoben wird. Die Zahl der Wehrsteuerpflichtigen ist wegen des Krieges stark zurückgegangen, und der Arbeitsaufwand steht in keinem Verhältnis mehr zum Aufkommen dieser Steuer.
Der Kampf gegen -en nassen Tod.
Oie Rettung eines Ertrinkenden.
Während der Badezeit mehren sich die Fälle, in denen der nasse Tod feine Opfer fordert. Da nicht immer gleich ärztliche Hilfe zur Stelle ist und jeder in die Lage kommen kann, einem Ertrinkenden erste Hilfe bringen zu müssen, ist es wichtig und erforderlich, einmal darüber nachzudenken, wie einem Ertrinkenden geholfen werden kann und muß.
Befindet sich der Ertrinkende in der Nähe des Ufers, so genügt oft schon das Hinhalten oder Hin^ werfen eines Stockes, Schirmes oder einer Stange, an denen sich der Ertrinkende festhalten kann. Ist die Entfernung vom Ufer größer, so benutzt man zweckmäßig einen schwimmenden Gegenstand, z. B. Rettungsring ober -ball. Hierbei ist jedoch das Zuwerfen dieser Rettungsgeräte nicht immer zu empfehlen, besser und sicherer ist es schon, wenn ein Schwimmer mit dem Ring ober Ball zu dem Ertrinkenden hinschwimmt und bann an der baran besinblichen Leine die Rettung vollzieht.
Schwieriger wird sich die Rettung gestalten, wenn der Retter dem Ertrinkenden ins Wasser nachspringen muß. Hier ift. es in allen Fällen ratsam, bie hinderlichen Kleidungsstücke abzuwerfen — Rock, Schuhe —, um die nötige Bewegungsfreiheit zu haben, weil stets damit zu rechnen ist, daß der Retter von dem in Todesangst Befindlichen festgehalten und in seiner Rettungsarbeit behindert wird. Sein Bestreben muß darauf gerichtet fein, den Verunglückten von hinten zu fassen, um ihn bann, selbst auf bem Rücken schwimmend ans Ufer zu ziehen.
Ist der Verunglückte in bewußtlosem Zustande
ans Ufer gebracht, so muß unverzüglich mit den Wiederbelebungsversuchen begonnen werden. Da das Opfer meist viel Wasser geschluckt hat, ist es erforderlich, baß bas Wasser zunächst aus bem Körper entfernt wird. Zu biefem Zweck legt man ben Verunglückten über das Knie mit bem Kopf nach unten, schwerere Menschen auf ben Bauch, wobei unter bem unteren Teil der Brust unb der Magengegend eine erhöhte Unterlage anzubringen ist, und übt dann mit der flachen Hand einen Druck auf ben Rücken aus. In dieser Lage kann bas Wasser aus Mund und Nase gut ablaufen. Dabei ist zu beachten, baß zuvor etwa eingebrungener Schlamm aus Mund und Nase mit einem Tuch entfernt werben. Nachdem bas eingedrungene Wasser aus bem Körper entfernt ist, ist sofort mit der künstlichen Atmung zu beginnen, bie unter Umständen noch Stunden nach dem Unfall sortzusetzen ist. Jedenfalls soll nicht eher damit aufgehört werden, bis bas selbsttätige Atmen eingesetzt hat, oder von einem Arzt der Tod festgestellt worden ist. Setzt bas selbsttätige Atmen wieder ein, so ist mit der Herzmassage zu beginnen, um die Herztätigkeit anzuregen. Alsdann sind Vorkehrungen zu treffen, die bem Körper bie ihm im Wasser entzogene Wärme wieber zuführen — Einhüllen in Tücher ober Decken ober vorgewärmtes Bett. Jetzt können dem Kranken auch vorsichtig kleinere Mengen warmer Flüssigkeit eingeflößt werben, sofern er zum Schlucken imstande ist.
(Einstellungsbüro) einzureichen. Die Bewerber müssen Schüler höherer ober gleichzuachtender Lehranstalten sein, bas Reifezeugnis besitzen ober minde- bens in bie 8. Klaffe versetzt fein. Das Merkblatt für ben Eintritt in bie Offizierslaufbahnen der Kriegsmarine ist bei allen Wehrersatzdienststellen und bei der Inspektion des Bildungswesens der Marine in Kiel erhältlich. Nach bem siegreichen Ausgang bes Krieges wird die Kriegsmarine vor allem dazu berufen fein, das Reich auf allen Meeren zu vertreten und deutsches Wesen in die Welt hinauszutragen. Große Aufgaben find damit gestellt, die ganze Männer erfordern.
Gefahren bei Gewitter.
Wenn der Hochsommer uns die zu ihm gehörige Hitze bringt, entstehen gern Gewitter. Gegen Blitzschläge im Haus ist man im allgemeinen ziemlich gefeit, wenn man die Nähe des Ofens meidet und sich nicht unter hängende Lampen ober an bas zugige Fenster stellt. Auf ber Straße ist man in der Nähe von Mauern, bßfonbers von Dachrinnen mehr gefährdet als in der Mitte bes Weges. Im Walb suche man bas Innere auf, wo bie Bäume gleich hoch stehen. Einzelne Bäume finb stark ge- fährbet. Auf dem Feld soll man vor allem mit
eisernen Spitzen versehene landwirtschaftliche Gerate weglegen. Schnelles Laufen erhöht die Gefahr. Aus völlig freiem, baumlosem Flachland bieten bei hes» tigen Gewittern nur Gräben ober Furchen Schutz, wenn man sich in ihnen nieberlegt. Ebenso ist man unter steinernen Brücken verhältnismäßig sicher. Eisenbahnkörper unb ihre Umgebung sowie Eisenbahnzüge finb erfahrungsgemäß ziemlich blitz- geschützt.
Warnung vor der Tollkirsche.
Don den drei Schicksalsgöttinnen ber alten Griechen war Atropas bie Erfülle rin des Unabwendbaren; sie schnitt als dunkle Todesgöttin den von ihrer Schwester Klothe gesponnenen Lebensfaden. Ihr gefürchteter Name ist zur Bezeichnung einer der gefährlichsten Giftpflanzen gewählt worben, die jetzt in unseren Wäldern heranreift. „Atropa Belladonna” ist der botanische Name der Tollkirsche. Der Beiname Belladonna — schöne Frau — deutet auf bie besonders gefährliche Eigenschaft dieser Pflanze hin, auf ihre verlockend schönen Früchte, die schon manches Kind zum todbringenden Genuß verfuhrt haben. In jedem Jahre kommen während der Sommermonate Vergiftungen hurch Tollkirschen
Die Leistungen der Front im Osten mahnen dich an dein Opfer. Gib reichlich zur 4. Haussammlung für das Deutsche Rote kreuz am Sonntag, dem 13. Juli.
vok, und es ift deshalb Pflicht ber Eltern und Erzieher, die Kinder auf diese Gefahr hinzuweisen. Die giftigen schwarzen Beeren, die an niederen Sträuchern wachsen, sind schön wie Kirschen anzusehen und laden verführerisch zum Naschen ein. Wurzel, Stengel, Blätter und Blüten, auch die Frucht selbst enthalten ein äußerst giftiges Alkaloid, das Atropin. Die Tollkirschen bringen — wie der Name „Tollkirsche" schon unmißverständlich an» deutet — den Menschen, der sie genießt, von Sinnen. Das Sehvermögen wird gestört, der Kranke erblindet. Sonderbare Gehörtäufchungen treten auf, und die Sprache wird schwer und lallend. Die Gesichtsmuskeln zucken, und der Atem geht schwer. Nach Herzbeschwerden und Harnbrennen führt das tückische Gift den Tod herbei.
(Siebener Dochenmarktpreise.
Nachstehende Preise sind Händlerpreise und verstehen sich für A-Ware. Für B-Ware ober abfallende Ware sowie für Selbsterzeuger liegen die Preise niedriger.
* Gießen, 10. Juli. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, bas Stück 8 bis 9, Kartoffeln, alte, 5 kg 47, Wirsing, % kg 15, Weißkraitt 15 bis 20, gelbe Rüben, bas Bund 16, rote Rüben, % kg 10, Bohnen, grün, 70, Erbsen 28 bis 38, Mischgemüse 10 bis 12, Tomaten 70 bis 80, Stachelbeeren 31, Johannisbeeren 45, Erdbeeren 60 bis 80, Blumenkohl, bas Stück 20 bis 50, Salat 5 bis 12, Salatgurken 30 bis 40, Oberkohlrabi 8 bis 12, Rettich, bas Bunb 15 Rpf.
Vom Heumagen gestürzt.
* Saubringen, 9. Juli. Unsere Mitbürgerin Frau Rudolph fiel heute beim Einbringen ber Heuernte so unglücklich vorn Heuwagen herab, daß sie einen komplizierten Knöchelbruch erlitt. Die bedauernswerte Frau mußte von ber Bereitschaft Gießen des Deutschen Roten Kreuzes nach Gießen in die Klinik gebracht werden.
Oie Patrone im Holzstück.
LPD. Hanau, 9. Juli. Als ein älterer Mann in der Fischerstraße Holz hackte, gab es plötzlich eine Explosion. Eine Zündkapsel oder eine Patrone, die auf unbekannte Weise in das Holz geraten war, war durch den Beilhieb zur Entzündung gebracht worden. Der Mann wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Auch zwei in der Nähe spielende Kjnder trugen Verletzungen davon.
„Peter, die Hausschuhe!" $
'S L Endlich Ruhe für die geplagten / I \ Füße! Wenn nur dos Hühnerauge / LA nicht... Aber bitte, das ist doch
ganz einfach: Elastocorn mit dem -Filzring drauflegen, dann ist er bald sein Hühnerauge los!
ELASTOCORN
Die Dominiks.
Roman von Hellmuth M. Böttcher.
26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er hält es für richtiger, damit abzubrechen. Denn die Fortsetzung der Geschichte ist für Frinzka recht verdrießlich und eignet sich nicht zum Wiedererzählen. Die Sache brach ihm ein Dutzend Jahre später das Genick. Solange hat es gedauert, bis Dominik stark genug geworden war, den Geist, ben er in einer bösen Stunde gerufen hatte, wieber loszuwerben. Aber Frinzka war in biesen Dutzend Jahren durch Gehaltsersparnisse, viel mehr aber durch Tantiemen, Dividenden und Kapitalerhöhungen zu Vorzugskursen zum wohlhabenden Mann geworden.
„Na", wirft Lind in Fortsetzung feiner Gedankengänge hin und geht zum direkten Angriff vor, „da find Sie ja jedenfalls billig zu Ihren Aktien gekommen."
„Billig?" fährt Frinzka auf. „Ein langes Leben voller Arbeit! Das ist ein teurer Preis. Der teuerste, sage ich Ihnen. Ich würde die Papiere selbst nicht aus ber Hand geben. Aber mein Junge, der Kurt, rft soweit, daß er sich eine Existenz gründen will. Der Kleine studiert. Das Mädchen will eine Aussteuer. Dazu muß natürlich Vater^ helfen. Meine Frau ist eigentlich ganz dagegen, toagen Sie mir Ihr bestes Gebot, daß ich es ihr leichter klarmachen kann. Sie wissen, Frauen wollen runde Summen sehen, bann werden sie weicher."
„Sie nehmen verdammt viel Rücksicht auf bie Meinung Ihrer Frau Gemahlin ... Solch ein buntes Pantöffelchen wiegt manchmal mehr als eine Männersaust!" spottet Lind vorsichtig.
Er ist innerlich fuchswütend, daß er nicht nur feinen Bock und die Schätze seines Weinkellers umsonst geopfert, sondern sich auch diesen ganzen langen Tag mit diesem faden Kerl um bie Ohren geschlagen hat, ohne einen Schritt voran zu kommen. Auch die verblümten Grobheiten feiner langen Rede finb nutzlos verpufft. Daß der schlaue Junge sich hinter seiner Frau versteckt, ist natürlich nur Theater, um ihn hinzuhalten, ihm die Würmer aus ber Nase zu ziehen und bann zu Dominik zu gehen Und zu sehen, baß er von ihm mehr herausschlägt.
Nun, solche Mätzchen sind nichts Neues. Mattheus Lind ist auch nicht von vorgestern. Er wirb sich hüten, Frinzka bas Geschäft so leicht zu machen, daß er bloß zu Dominik hinzugehen und zu sagen braucht: Lind bietet 187 v. H. Dafür kann er Ihnen bann in jedem Augenblick, wo's ihm paßt, das Fell über die Ohren ziehen. Zahlen Sie tausend Pfund mehr — bas Fell gehört Ihnen!
Er blinzelt durch den Rauch seiner Zigarre zu Frinzka hinüber. Der trinkt sein Glas mit Behagen aus, läßt sich neu einschenken und meint bann:
„Was Sie da von bem Pantöffelchen sagen, Herr Lind, bas ist vielleicht gar nicht so unrecht. Wenn bie Frau einem viermal Kinder geschenkt und eines davon mit ^u Grade getragen hat, dann soll sie auch mehr Rechte haben, als bloß die Suppe zu kochen und das Haus rein zu halten. Ich weiß. Meine Ansicht war schon zur Zeit der Arche Noah veraltet. Aber — ein Pantöffelchen im Haus ist besser, als ein Mittagessen allein in ber Kneipe!"
Lind rückt wütend auf. Dieser Frinzka wird persönlich. Er wird sogar impertinent. Und das Schlimmste ist: er tut es in einer Form, daß man ihm nichts anhaben kann. Er ist dabei sogar geschickter als man selbst.
„Prost", antwortete Lind, um Zeit zum Nachdenken zu finden und seinen Aerger zu verdecken. „Ich glaube, der Schlingel, der Johann, hat einen Schuß Kognak zuviel an die Bowle gegossen. Das macht die Zunge leicht unb den Kops schwer. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir in bie Falle."
„Selbstverständlich — wenn Sie müde sind."
„Man ist nicht mehr gewöhnt, den ganzen lieben Tag lang im Revier herumzustrolchen. Man ist kein Jüngling mehr."
Trotzdem steckt er sich wieder eine Zigarette an. Er will das Spiel des Tages noch nicht verlorengeben. Er will feurige Kohlen auf bas Haupt dieses Sünders sammeln.
„Der Jagdaufseher hat drüben im Revierteil Lahmer Esel — übrigens ein komischer Name, was? — alfn der Mann hat Schwarzwild gespürt. Ein paar Bassen dabei — schwer wie die Ochsen."
„Da werden Sie bald eine schöne Jagdschabenrechnung kriegen. Ich kenne ben Lahmen Esel. Es ist doch ber Revierteil links von ben Rambower Wiesen, wo heute früh mein Bock ins Gras ge
bissen hat? Es finb dort viel Frühkartoffeln bestellt."
Linb knabbert am Mundstück feiner Zigarette. Dieser Frinzka hat heute eine verdammte Art, die bestgemeinte Unterhaltung stets ins Unerquickliche umzubiegen.
Der Mann will seine Jagdleidenschaft verdecken, bloß um sich naher nicht verpflichtet zu fühlen. Nun, wenn es ihm gelingt, morgen einen Bassen als seltene Beute niederzustrecken, wird er vielleicht besserer Laune sein. Vorläufig hat man ihn noch unter ben Fingern, unb man ist mit noch härter gesottenen Sündern fertig geworden.
„Wollen Sie mal Ihr Heil versuchen?" fragt er. „Vielleicht kriegen Sie einen ber riesigen Burschen vor bie Kugelspitze."
„Wenn's Ihnen Freude macht, Herr Lind. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Nichts tut mehr weh als Wildschadenrechnungen. Lieber zahlt man tausend Mark mehr Pacht, als zweihundert Mark Wildschaden."
Lind hält es nicht länger aus.
„Na, dann wollen wir uns mal von innen besehen."
„Gern", antwortet Frinzka und gähnt.
Als er zehn Minuten später die Decke über bie Ohren zieht, ift er mit sich zufrieden.
Er weiß, warum Lind riut einemmal gestern diese auffällige Anteilnahme an feinem Mißgeschick als Iagdpächter an den Tag legte. Er weiß fernerhin, daß hier ein Geschäft lockt, das besser war, als irgendeines in seinem Leben. Und er weiß als Letztes, daß er in drei Monaten seinen Söhnen eine Existenz einrichten kann. Vielleicht paßt es diesmal besser mit Birk & Co. als vor fünfundzwanzig Jahren. Er würde die verlorene Karre schon wieder aus dem Dreck holen. Fünfhunderttausend Mark sind für Otto Frinzka kein Pappenstiel. Und wenn man fein Geld bar auf ben Tisch blättert, bann kann man schon etwas verlangen. Die Branche kennt er. Ob nun Dominik ober Linb ber glückliche Käufer seiner Aktien würbe — wundern sollten sie sich alle beide, wenn er sein Konkurrenzunternehmen auf die Beine stellt. Der Birk-Stahl allein schafft ihm einen Vorsprung. Allerhand Zeichnungen, Kunden- liften und sonstige wertvolle Erinnerungen und Beziehungen aus alter Zeit bewahrt er nicht bloß aus Anhänglichkeit auf. Friedrich Dominik werden einmal bie Augen übergehen.
Mit einem Male fällt ihm etwas ein, was er ganz vergessen, woran er feit Jahr unb Tag nicht mehr gedacht hat.
Der Vertrag!
Der Vorkaufsrechtvertrag, ben er bamols über feinen Aktienbesitz mit Dominik geschlossen hat.
Er hat sich zu jener Zett dagegen gesträubt wie ein Regenwurm, ber an den Angelhaken soll. Aber Dominik war nicht klein zu kriegen gewesen.
Verdammte Geschichte.
Da hing er also noch immer fest.
Nun, man müßte sehen, wie man ba los käme.
Auf alle Fälle wirb er gleich übermorgen mit Rechtsanwalt Speier sprechen. Speier versteht fein Fach.
Am nächsten Morgen um brei Uhr schießt Frinzka an einem kapitalen Keiler vorbei. Er ist wütend. Lind ist es noch mehr. Er bringt aus feinem Mann nichts weiter heraus.
Bei einbrechender Dunkelhett fahren sie nach Haufe. —
Der Burgeff-Grün, bester Jahrgang, den Herr Lind hat kaltstellen lassen, bleibt ungetrunfen. Er würde an diese Sache vorläufig feine Flasche Apfelwein mehr wenden.
Nun muß Frinzka zu ihm kommen!
Und Frinzka wird es tun, falls es ihm überhaupt je mit dem Verkauf ernst gewesen ift.
Die Frucht muß ungestört reif werden ...
Dominik wird ihm nicht dazwischenkommen. Davor hat er keine Angst. Der Mann hat ja kein Geld! Wie soll er imstande sein, eine halbe Million für Frinzka auf den Tisch bes Hauses zu legen? Vielleicht wirb er mit seinem alten Wibersacher überhaupt nicht verhandeln. Man kennt bei bem alten Knaben solche eigenartigen Auffassungen von Stolz von früher her. Und wenn er’s tut — Frinzka wird doch zu Lind zurück müssen. Also abwarten. Frinzka hat Haare auf den Zähnen. Er hat es in diesen Tagen bewiesen.
Vielleicht werden bie Aktien inzwischen etwas teurer. Es wäre schade um bas Gelb — aber 187 v. H. sind für bie Majorität noch immer nicht zuviel bezahlt.
Also abmarten. Abwarten. Abwarten.
Otto Frinzka ist ihm sicher.
Der Bock gestern wirb nicht umsonst geftorbert fein.
'Fortsetzung folgt.)


