Ausgabe 
10.7.1941
 
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Roosevelt läuft dem Kriege nach.

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Schlägen in Norwegen und in Frankreich, im Mit­telmeer und in Libyen, jetzt auch in Rußland hat sich der sehr qualifizierte Washingtoner Korrespon» dent des anglo-jüdischen Reuterbüros in der ersten -schäumenden Hoffnung dazu hinreißen lassen, jen­seits aller diplomatischer Finessen den unmittelbaren Eindruck der Besetzung Islands durch die amerika­nischen Marinefüsiliere nach London zu kabeln. Er schreibt, daß diese Maßnahme bedeutende Folgen nach sich ziehen werde. Denn Island befände sich außerhalb der Zone, die bisher von den USA. als westlich« Halbkugel bezeichnet werde, und dafür innerhalb der Zone, die die Deutschen amtlich als Kriegszone bezeichnet hätten. Und dann malt sich in dem Bericht des Reuterburos die Ueberraschung in der breiten amerikanischen Oeffent- lichkeit. Ausdrücklich heißt es, daß diese Besetzung Islandsganz ohne Zweifel" zu einemSturm von Kritik der -Isolationisten" führen werde. Die weitesten amerikanischen Kreise seien außerordent­lich überrascht.Einige Leute" gemeint ist: das Rüstungskapital und die Börse seien der Meinung, daß die Besetzung Islands den Trans­port von Kriegsmaterial nach Eng­land erleichtern werde. Die Transportschiffe könn­ten bis zu ihrer Ankunft in Island von amerika­nischen Kriegsschiffen geschützt werden; auch werde Island als Stützpunkt für amerikanische Luft­patrouillen dienen. Die bisher in Island eingesetzten britischen Streitkräfte könntenganz ohne Zweifel wo anders nützlicher eingesetzt werden". Diese Drah­tung des Washingtoner Reuter-Korrespondenten ist in ihrer Offenherzigkeit die schlüssigste Erläuterung zu dem Handstreich des Yankee-Imperialismus auf

Mit der Besetzung Islands hat Roosevelt seine Nation wiederum einen Schritt näher an den europäischen Krieg gebracht, obgleich über jeden solcher Schritte nach der demokratischen Verfassung der Bundeskongreß zu Washington abzustimmen hat. Die Begründung für diesen diktatorischen Schritt besteht in hahnebüchenen Unwahrheiten, in einem, um mit Schopenhauer zu reden, Dischiwaschi von Worten. Roosevelt zerschlägt die Mon­roe d o k t r i n , den bisher wichtigsten Eckpfeiler der traditionellen USA.-Außenpolitik, in Stücke. Vor 120 Jahren hatte der damalige USA.-Präsident James Monroe den Grundsatz proklamiert, daß die USA. eine europäische Einmischung nicht nur in die eigenen Angelegenheiten, sondern auch in die der übrigen amerikanischen Festlandsvölker als Zeichen unfreundlicher Gesinnung g-egen sie be­trachten werde. Da Präsident Monroe die Zusiche­rung gab, die USA. würden sich auch ihrerseits einer Einmischung in die europäischen Angelegen­heiten enthalten, stimmten die europäischen Ratio­nell zu Roosevelt hätte nicht in Worten, aber in Werken, versucht, diesen Grundsatz zu durchbrechen. Das Englandhilfegesetz widerspricht nicht nur dem gellenden Völkerrecht, sondern auch der Monroe- Doktrin. Jetzt hat er aus beiden Kleinholz gemacht.

Roosevelt hat sein eigenes Volk belogen. Bekannt sind seine feierlichen Versprechungen vom

Herbst 1940, unter allen Umständen die USA. aus dem Kriege herauszuhollen und nichts zu tun, was iroendwie die USA. in die Gefahr eines Krieges brächte. In seiner berühmten Rede vom 14. August 1936 in Chautauqua drückte sich Roosevelt noch schärfer aus und sagte:Wir sind insofern Isolatio­nisten, als wir versuchen, Amerika vollständig gegen einen Krieg zu isolieren ... Ich hasse den Krieg... Ich werde dafür 'sorgen, daß keine amerikamsche Handlung einen Krieg hervorruft oder ihn fördert.. Wenn wir die Wahl haben zwischen Kriegsgewmnst- lern und Frieden, wird die Nation antworten muß sie antworten, wir wählen den' Frie­den." Roosevelt hat durch seine Handlungen sein eigenes Volk betrogen, seine feierlichen Worte und Zusicherungen gebrochen und die Partei der jüdi­schen Kriegsgewinnstler und Hetzer genommen. Roosevelt erklärte die Besetzung Islands als defen­siver Natur; denn Island fei von den Deutschen bedroht, die die USA. von Ost und West in die Zange nehmen wollten. Nur ein Wahnsinniger kann so etwas glauben. Wenn Roosevelt das sagt, spricht er ganz bewußt die Unwahrheit. Die eigen­mächtige Aktion Roosevelts ist Ausdruck des per­versen Bündnisses Roosevelt-Churchill-Stalin zur Niederhaltung und Vernichtung der abendländischen Kultur.

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in Dänemark.

Island.

Roosevelt weiß, daß er mit seinem bisherigen Vokabular nicht auskommt. Er muß seine eigenen bisherigen Thesen, die in den Satz kulminierten, die USA. würden für England alles außer un­mittelbarer Kriegshilfe (short of war) tun, ver­leugnen und unter den Tisch fallen lassen. Er tut dies mit einem zynischen Riesenbluff. Er erklärt in der Pressekonferenz, daß seine Auffassung von dem Umfang derwestlichen Hemisphäre" sich stets da­nach "richte, mit welchem Geographen er zuletzt gesprochen habe. Diese proklamierte Grundsatzlosigkeit ist der Freibrief für jede Kata­strophenpolitik. In seiner Botschaft an den Kon­greß erwähnt Roosevelt, daßbedeutende ameri­kanische Streitkräfte jetzt in die Stützpunkte ent­sandt worden sind, die im vergangenen Jahr von Großbritannien in Trinidad und Britisch- Guayana uns zugestanden wurden". Die vom Weißen Hause inspirierteWashington Post" schreibt denn auch, daß die Besetzung Islandsnur der erste Schritt in einer Serie, die am 27. Mai (von Roosevelt in einer ,,Kamin"-Rede) angedeutet wurde, gewesen ist". Das Blatt fährt fort:Genau wie Island das Einfallstor für Nordamerika ist, so fungieren die Azoren, die Kapverdischen Inseln und Dakar als Einfallstor nach Süd­amerika. Mit anderen Worten: die Pankees wollen sich in Afrika genau so festsetzen wie durch die Be­setzung Islands in den europäischen Gewässern.

Dr. Ho.

Sämtliche angreifende Sowjetflugzeuge abgeschossen.

Berlin, 9. Juli. (DBB.) Sin beutfdjes Jagd- geschwader schoß bei einem Angrisfsversuch von 27 Sowjetbombern auf einen Feldflugplatz lm Osten innerhalb 15 Minuten sämtliche sowjetischen Flug­zeuge ab.

81 Sowjetpanzer vernichtet.

Berlin, 9.Juli. (DRV.) Die deutsche Luftwaffe griff auch im Verlaufe des Dienstag, 8. Juli, wieder an der gesamten Ostfront mit durchschlagender Wir­kung in den Erdkampf ein. Ein deutscher Verband vernichtete aus der Luft in einem einzigen Ab­schnitt 81 zum Gegenangriff sich sammelnde Sowjet­panzer.

17 britische Jagdflugzeuge an der Kanalküste abgeschoffen.

Berlin, 9. Juli. (DBB.) 17 britische Jugbflug- zeuge wurden in den Rachmittagsstunden des Mitt­wochs in Luftkämpfen an der Sanalküste abge­schossen. Ein eigenes Flugzeug wird vermißt.

Kopenhagen, 9.Juli. (Europapreß.) Die Be­setzung Islands durch nordamwrkairische Truppen hat in Dänemark grüßte Ueberraschung und Bestürzung ausgelöst. Den nordamerikani- schen Versicherungen einer Respektierung der Sou­veränität Islands wird nach den mit Grönland ge­machten Erfahrungen keinerlei Glaube geschenkt. Man glaubt an Amerikas Entschlossenheit, die er­oberte Position freiwillig nicht wieder aus der Hand zu geben. Die Behauptung von dem Bestehen einer Uebereinkunft zwischen Roosevelt und dem isländi­schen Ministerpräsidenten wird in Kopenhagen mit äußerstem Vorbehalt ausgenommen.

Man kann das Demokratie nennen, ober es ist Diktatu r", so kommentiertNattonal-Tidende" Roosevelts eigenmächtige Politik. Anstatt mit seinem Parlament zu verhandeln, einige er sich mit Eng­land über diese Frage und gab detn Kongreß Mit­teilung von feinem Beschluß, nachdem bereits die ersten Nordamerikaner auf Island eingetroffen waren. Nachdem somit Roosevelts Politik schon längst die Grenze der Monroe-Doktrin überschritten hat, entstehe folgende Frage, so fährtNatwnal- Didende" fort:Wenn Nordamerika unter dem Vorwand, sich gegen europäische Angriffe sichern zu müssen, europäische Stützpunkte besetzen darf, kann dann nicht auch Europa amerikanisches Territorium besetzen, um sich vor dem amerikanischen Imperia­lismus zu schützen?" Amerikas Eingreifen sei wahr­scheinlich der gefährlichste Schritt zu einem Kriegs­eintritt.

Politiken" unterstreicht besonders den Umstand, daß zum erstenmal in diesem Kriege amerika­nische Truppen auf europäischem B o - d.e n stehen. Ein angeblich neutraler Staat wage es, die Truppen einer kriegführenden Macht abzu­lösen und sich offensichtlich von starken Flotten- oerbänDen -gestützt in einem Gebiet festzusetzen, das von deutscher Seite als Kriegszone er­klärt worden ist.Politiken" findet es empörend, welche rücksichtslose Machtentfaltung mit dem is­ländischen Brudervolk getrieben werde, nur weil Islands geographische Lage von milttärischer Be­deutung für die Sicherung der neuen Schiffahrts­linie von USA. nach England sei. Es sei heute mehr den je eine Entfremdung der isländischen Nation dem Norden gegenüber zu befürchten.

Das Echo in Rom.

Rom, 9. Juli. (Europapreß.) Der Entschluß Roosevelts, so sagtGiornale d'Jtalia", sei eine neue Herausforderung zum Kriege und der Ver­such, mit dem Bolschewismus in Moskau zusam­menzuarbeiten. Ohne jeden Beweis für in der Tat nie bestandene Angriffsabsichten auf Nordamerika sei Roosevelt mit bewaffneter Kraft in die euro­

päische Hemisphäre eingefallen und habe mit nach Europa gerichteten Geschützen und Flugzeugen eine europäische Insel besetzt. End­gültig sei nun in der Geschichte dieses Krieges ver­ankert, daß Roosevelt, ohne herausgefordert gewesen zu sein, in kaltem Entschluß die Jnittative durch festumrissene und direkte Angriffsgesten gegen die Achsenmächte und das ganze europäische System er­griffen habe. Im gegenwärtigen Augenblick seien diese Gesten auch «in offener Beweis der Solidarität und Zusammenarbeit mit dem Bolschewismus.

Das halbamtlichePopolo d'Jtalia" erklärt, die von unversöhnlichen Kriegshetzern und maßlosen Imperialisten energisch geleitete nordamerikanische PolM suche in der Eroberung von Island weniger eine neue Basis zum Schutz des Verkehrs zwischen Großbritannien und USA. zu schaffen, als einen neuen Vorposten der Vereinigten Staaten. In Wirklichkeit entspreche die Schaffung dieses Vor­postens mit der herausfordernden Einmischung in die Angelegenheiten und Lebensräum« Europas einem weit um sich greifenden Expansionsplan der USA.

Schweizerische Stimmen.

Bern, 9. Juli. (Europapreß.) Zu Oer Landung nordamerikanischer Truppen auf Island schreibt Der Bund", Roosevelt setze sein Lund direkt in einen Teil der Kriegszone fest und rücke damit auch dem Kriege selbst und der Möglichkeit, in den Krieg verwickelt zu werden, näher. Er begebe sich mit seinem Land bewußt in die Gefahr. Die Konsequenz könne nur die aktive Verwicklung in den Krieg sein. Soweit sei aber die nordamerikanische Bevölkerung immer noch nicht. Die Mehrheit halte daran fest, daß Roosevelt während der Wahlkam­pagne in striktester Form versichert habe, er wolle England jede Hilf« zukommen lassen, soweit er dies ohne ein Eingreifen in den Krieg tun könne. Das nordamerikanische Volk wolle in seiner Mehrheit immer noch nicht in den Krieg verwickelt werden. Es könne jedoch der Fall eintreten, daß es durch die Umstände und gegen seinen Willen hereinge­zogen werde. Die Besetzung Islands erhöhe diese Gefahr. ,

Die BaselerN a t i o n a l ze i tu n tz" meint: Die USA. tasten sich langsam gegen das G es ahr enzentrum vor. Es ist kein Zweifel daran möglich, daß sich Roosevelt über die Konse­quenzen seiner Politik völlig im klaren ist. Wenn er versucht, dem Gegner die Verantwortung für eine mögliche Entwicklung zuzuschieben, indem er ihm auf Umwegen näherrückt, ohne ihn direkt an­zugreifen, so bleibt doch, objektiv betrachtet, die Tatsache bestehen, daß die Vereinigten Staaten von der offenen Anteilnahme an der Schlacht im Atlan-

Jagdgeschwader Richihofen.

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Der Wehrmachtbericht ist über die operativen Ent- Wicklungen an der Ostfront sehr summarisch. Er hebt hervor, daß die Kämpfe an der gesamten Ostfront erfolgreich verlaufen. Um so heftiger sind die Eng­länder auf dem Kiek. Wie sich jetzt herausstellt, ist W a v e l l gar nicht für Indien bestimmt, sondern für die Sowjetunion. Man erinnert sich, daß der bis­herige Oberkommandierende im Vorderen Orient während des Weltkrieges der zaristischen KaukastlS- armee zugeteilt und zeitweise auch zum britischen Militärattache in Moskau bestallt gewesen ist. Sem Nachfolger im Oberkommando für den Vorderen Orient, General A u ch i n l o ck , hat inzwischen in einem Presse-Interview reichlich phantastische Ge­dankenblitze von sich gegeben. Nach seiner Meinung würden die Deutschen versuchen, zum Kaukasus durchzustoßen, um so Großbritannien zu zwingen, große Steitkräfte in Indien und im Mittleren Orient zu behalten. Unsere Truppen sind zwar in 14 Tagen über 500 Kilometer im Osten vormarschiert, aber trotz dieser enormen Marschleistungen ist unsere eigene Phantasie nicht flügge genug, um den opera­tiven Plänen des Generals Auchinlock im Sause­tempo zu folgen. Wir begnügen uns mit der be­scheidenen Feststellung, daß am Nordflügel bte ver­bündeten Finnen unter Marschall Mannerheim, am Südflügel die Rumänen unter dem Condu- cator General Antonescu mit vorbildlicher Tapfer­keit und Zähigkeit kämpfen und die Schwierigkeiten des Geländes wie der raffinierte* Feldbefestigungen der Sowjets meistern.

In dem Wehrmachtbericht vom 9. Juli nnrh her- vorgehoben, daß das I a g d g e s ch w a d e r R i ch t- hofen in den bisherigen 22 Kriegsmonaten mit dem 644. Luftsieg die Zahl von Abschüssen erreicht hat, die das Traditionsgeschwader Rtchthofen bis zum Ende des Weltkrieges erzielt hat. Die Gerechttg- feit legt allerdings die ergänzende Bemerkung nahe, daß die technischen Voraussetzungen, unter denen 1914/18 das ursprüngliche Geschwader Richthofen zum Kampf antrat, ganz andere waren als heute. Da­mals mußte nicht nur das Flugzeug als Waffe erst entwickelt werden. Es mußten auch die taktischen Formen des Kampfes gefunden und erprobt wer­den, die der neue Kampf in der Luft verlangte. Niemand weiß bester den unendlichen Wert Oer damaligen Leistungen zu schätzen als Reichsmarschall Göring, der selbst der letzte Kommandeur des Richthofen-Geschwaders wurde und diesem durch die Neuauflage der SchriftDer rote Kampfflieger" im Jahre 1933 das treueste Andenken bewahrte.

Die verlustreichen Einflüge der Engländer an der Kanalküste und auch in Westdeutschland wurden durch starke Bombardierungen englischer Ziele er­widert. Erst jetzt wird bekannt, daß die konservative Unterhausabgeordnete Lady Astor bereits am 10. Juni als Bürgermeisterin von Plymouth über das Versagen der Regierung heftig klagte und habet mitteilte, daß 12 englische Städtevöllig abge­brannt" seien. Dr. Ho.

tif nur noch durch eine sichtliche Zurückhaltung der Gegner getrennt werden."

Gazette de Lausanne" sagt:Denkt die Regierung von Washington daran, di« Frachtschiffe bis Island begleiten zu lasten, um dann die Ladung auf britische Kriegsschiffe zu verfrachten? Vielleicht? Im gegenteiligen Falle sieht man nicht klar, was die Nordamerikaner auf dieser fernen Insel wollen. Hat Roosevelt, was die angeblichen Gründe an­geht, einen Beweis dafür, daß Berlin sich zur Be- setzung vorbereitete? Man darf daran zweifeln. Weiter ist interessant festzustellen, daß solche Hand­lungen bisher immer das Vorspiel von größeren Ereignissen waren. Wird es auch diesmal so sein?" La S ui ss e", (Genf) meint:Die Gefahr eines Flottenzwischenfalles zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ist größer denn je."

Oer italienische Bericht.

Rom, 9. Juli. (DNB.) Der italienische Wehr­machtbericht vom Mittwoch hat folgenden Wortlaut:

In der Nacht zum 9. Juli haben unsere Flieger­formationen einen Flugplatz auf Malta bom­bardiert.

In N o r d a f r i k a Artillerietätigkeit an der Tobruk-Front. Unsere Flugzeuge haben Be­festigungen von Tobruk und feindliche Stellungen in Ma r sa Matruk sowie östlich davon gelegene Flugplätze getroffen, wobei Brände -ausgelöst wurden. *

In Luftkämpfen haben unsere Jäger ein feind-

Oie Schauspielerin Agnes Straub f.

Die bekannte deutsche Schauspielerin Agnes Straub ist in der Nacht zum 8. Juli unerwartet an den Folgen einer Embolie gestorben. Sie ist noch vor kurzem im Berliner Künstlertheater auf­getreten.

Mit Agnes Straub verliert das deutsche Theater eine seiner großartigsten und universellsten Schau­spielerinnen, eine darstellerische Persönlichkeit von geistigem Rang und ursprünglich komödiantischer Be­gabung. In München als Tochter eines Beamten ge­boren, in ihrer Vaterstadt und in Dachau ausgewach­sen, erhielt sie schon als Schulkind Schauspielunter­richt und stand mit 15 Jahren in Heidelberg als Grill­parzersSappho" zum ersten Male auf Der Bühne. 1911 kam sie nach Bonn, später nach Königsberg, dann, ohne zunächst den erwarteten Erfolg zu haben, ans Berliner Schillertheater. Erst als sie in Wien als Helena imSommemachtstraum" und in HauptmannsGriselda" außerordentliche Lei­stungen gezeigt hatte, wurde man in Berlin auf» merksam und holte sie zurück; sie spielte dort am Deutschen Theater, am Staatstheater und zuletzt an der Volksbühne. Im Herbst 1938, auf einer Gastspielreise mit IbsensGespenstern", Die, wie man sich erinnern wird, auch nach Gießen füh­ren sollte, erlitt Frau Straub in Thüringen einen schweren Autounfall, von dem sie sich lange nicht erholen konnte. (Es scheint nicht ausgeschlossen, daß di« Krankheit, der die Künstlerin jetzt erlegen ist, eine späte Folge jenes Verkehrsu/isalles war.) Erst im Januar 1940 konnte Agnes Straub, noch merklich behindert, ihre Bühnentätigkeit mit der Titelrolle des LustspielsDie erste Frau Selby" am Kleinen Theater in Berlin wieder aufnehmen.

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Nennen wir außer den schon erwähnten noch eine Reihe von großen Rollen der (Straub die Minna von Barnhelm, Shakespeares Beatrice, Porzia und das widerspenstige Käthchen, Penthesi- lea, Elisabeth, Lady Milford, Klytämnestra, Cä­

cilie (Stella"), Hedda Gabler und Anna Mahr (Einsame Menschen") dann wird aus diesem Repertoire, das natürlick nicht annähernd voll­zählig sein kann, schon der enorme darstellerische Akttonsradius der Schauspielerin Agnes Straub, ihr Vollblutkomödiantentum ersichtlich, das jede enge Rollenfachbegrenzung mit einem hinreißenden Elan und Temperament über Den Haufen warf: sie war (auch sprachlich) eine Heroine großen und klassischen Stils, sie war Liebhaberin, Salondame und Naturkind, sie fand sich in den Seelenabgrün­den von Kleists Amazonensurstin wie in Den Exal­tationen von Ibsens problematischen Frauengestalten mit nachtwandlerischer Sicherheit zurecht. Die Gie­ßener werden sich ihres letzten Gastspiels imWett­lauf mit dem Schatten" von Wilhelm von Scholz erinnern, und vor allem des vorletzten in der Titelrolle von Roland SchachtsSchauspielerin": dies ist gewiß eine ihrer vollkommensten Seiftunaen gewesen, unvergeßlich in Der großen Szene Des zweiten Aktes, unvergeßlich in Der Demaskierung Des Komödiantischen wie zugleich in der triumpha-^ len Bestätigung der ewigen Magie des Theaters; nur eine Künstlerin von Der geistigen Ueberlegen- heit und menschlichen Reife der Frau Straub konnte ein solches Stück so durchsichtig, so lebenswirklich und so zauberhaft theatralisch gestalten und bei­spielhaft machen.

Man kann sich in viel« schweifende Erinnerungen verlieren, wenn man die Begegnungen mit Agnes Straub in Den letzten beiden Jahrzehnten aufsucht. Nur Drei her schönsten und, unverlierbaren seien noch festgehalten: das anmutig-sprühende Mädchen Katharina bei Shakespeare, das so lieblich gezähmt wird; Die Kriemhild in HebbelsNibelungen"- Trilogie (Wormser Festspiele): eine deutsche Fürstin und Sagenaestalt, groß, schlank und blond, im fließenden blauen Gewände, majestättsch, ergreifend und erschreckend zugleich in ihrer Liebe, ihrer Ver­zweiflung und ihrem tödlichen Haß, in manchen Szenen wie eine lebendig gewordene Sttftersigur vom Naumburger Dom; endlich, um eine her we­nigen Filmrollen zu nennen, die russische Kneipen­wirtin Sinajda imPanzerkreuzer Sewastopol", ein verfallenes MenschenbiD von unheimlicher Ein­druckskraft, in dessen Worten und Gebärden das

ganze Grauen des bolschewistischen Schreckensregi­mentes eingefangen war.

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Nack hem Tode her berühmten Düsseldorfer Schauspielerin Louise Dumont stiftete deren Gatte, Generalintendant Gustav ßrnbemann, den Gold- topas seiner Frau mit Der dazugehörigen Halskette, ein Geschenk Der Königin von Württemberg,, xu lebenslänalichem Tragen Der Deutschen Schauspiele­rin, Die Louise Dumont in ihrem menschlichen und künstlerischen Streben am nächsten stehe und scklug als erste Trägerin Agnes Straub vor. htn.

Kampf der Ungleichen.

Von Ben: r Schumann.

Die Schloßteich-'Schwäne eines norddeutschen Kurorts waren mir 4- und ich ihnen durch täg­liches Füttern so vertraut geworden, daß sie schon mit Freud enge schrei an Land tarnen, sobald He mich auf her Brücke gewahrten. Spazierte ich am Ufer entlang, so hielten sie hurtig rudernd mit mir Schritt, kam ich mit leeren Händen, so schienen sic, philosophisch schnatternd, mir das Unziemliche meines Verhaltens klar machen zu wollen.

Für ihre kaum vernarbten Bisse an Den Füßen, die verwundeten Schwimmhäute und die ausge- rupften Federn fand ich lange keine Erklärung, bis ich einmal gegen Mitternacht noch am Schloßteich üorübertam, um nach meinen Freunden zu sehen. Schon von weitem hörte ich heftiges Flügelschlagen, schrilles, ängstliches, doch nicht zu lautes Schnarren, in Dem ein beinahe menschlicher Unterton mit» schwana. Die Nacht war sehr Dunkel, her Monb wolkenbegraben. Auf Dem schwarzen Master kreiste etwas Weißes wild und zornig um Die eigene Achse: es war her alte weibliche Schwan.

Aber feine leuchtende Majestät war ins Bizarre verbogen, in einen tumultuösen Kampf geschleu­dert; sein langer, schlanker Hals schoß steil wie eine Fontäne aus Dem Wasser, ringelte sich Dann schlan- genhaft wieder zurück und stteß, offenbar in irr­sinnigem Schmerz, bald'an dieser, bald an jener Seite des Gefieders ins Wasser, wo Der unsichtbare Feind, hie langschwänzige Wasserratte, ihn rubel- weise angefallen hatte.

An dem eDlen Wasservogel war alles in unge-' wohntem Aufruhr, aber die natürliche Hoheit feines Wesens schien ihn auch in diesen Minuten des gräßlichen Ueberfalls nicht völlig zu verlassen; adlergleich, so Dünkte es mich, erhob er sich mit seinen mächtigen Flügeln über den Wasserspiegel, als erinnere er sich im Augenblick Der Gefahr seines entschwundenen Flugvcrmögens. In den wenigen Sekunden, da er über Dem Feind Der Unterwstt zu schweben schien, rein und in sagenhaftem Weiß, war er wirklich königlich. Jedoch das Bleigewicht in her Tiefe überwog Die Kraft Des Vogels, Die festgebissene Meute zog ihn übermächttg durch ihre VielzahM wieder nach unten.

Nun begann er, während fein ununterbrochen weit geöffneter Schnabel kümmerliche, hell schnar­rende Klagelaute in die Nacht sandte, mit Den star­ken Flügeln rasend aufs Wasser zu schlagen. In diesem Augenblick erkannt« ich auch die anderen Schwäne, Die aufgescheucht von her Schlohmauer, wo die behenden Nagetiere nisteten, her Teichmitte zustrebten, um sich in Sicherheit zu bringen. Der sonst so friedliche Teich, über den still bte stolzen Schwäne zogen, war tn eine unbeschreibliche Re­bellion geraten, Die sich auch auf Das Schloß, Die Brücke und die nachtversponnenen Gärten zu "über­tragen schien. Mir war, als hielte alles Getter ringsum den Atem an. Wieder kreiste Der große Vogel um Die eigene Hchse, um sich endlich mit einem mächtigen Ruck aus dem Kampfbereich fort» zuschleudern. Den Flüchtenden nachzueilen, in Der nun wieder ganz lautlosen Nacht unterzugeben.

Was mich an diesem Kampf erregte, war nicht meine oder Des bedrohten Schwans Machtlosigkeit, auch nicht die Anhänglichkeit der schönen Tiere. Dieses Ringen Der Ungleichen, Unebenbürttgen überwältigte mich durch seine geradezu symbolhafte Gewalt. Es mar, so schien es mir, in jener Nacht und unvergeßlich bis auf Diesen Tag, wie ein Zu­sammenprall von Licht und Dunkel, von Oberwelt und Unterwelt, Des sichtbar Leuchtenden mit dem unsichtbar Versteckten. Die kleine Bestie vermag dem friedlichen Schwan nächtlich Wunden zu schlagen. Aber kann sie hindern, daß er am nächsten Morgen schon, in alter Majestät strahlend, gelassen und ruhevoll wie je über Das Wasser zieht?