Nr. 104 Zweites Via«
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)
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Die neuen „Pioniere der Arbeit".
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Nationalfeiertag des deutschen Volkes wurde auf einer Tagung der Reichsarbeitskammer in den Messerschmitt-Flugzeugwerken in Augsburg, wie schon berichtet, vom Stellvertreter des Führers drei bekannten Persönlichkeiten die Ernennung zu „Pionieren der Arbeit" mitgeteilt. — Links: Reichsleiter Amann, Reichsminister Dr. Ohnesorae und (stehend) Professor Messerschmitt während dieser feierlichen Auszeichnung. — Rechts: Rudolf He ß, der auf dieser Tagung die Betriebe bekannt- gab, denen der Führer die Bezeichnung „Nationalsozialistischer Musterbetrieb" verlieh. — (Scherl-M.)
Leichter, widerstandsfähiger, besser.
Wunder aus Kohle und Kalk, Wasser und Lust.
Ebenso unbestritten wie auf dem Gebiet der Pro- buktion von Zellwolle und vollsynthetischen Fasern, marschiert das Reich auf den Gebieten der Kun ft» und Werkstoffe und denen der Leichtmetallforschung und -Verwertung an der Spitze. Aus Kohle, Kalk, Wasser und Luft erstehen unaufhörlich neue „plastische Massen", wie die Kunststoffe richtig genannt werden müßten, immer neue Industrien erwachsen, und ständig weitere Anwendungsmöglichkeiten werden für diese neuen Erzeugnisse gefunden, zumal sie gegenüber bislang gebrauchten Materialien viele Vorzüge besitzen.
Nach Vulkanfiber, Zelluloid und Zellglas, den ältesten Werkstoffen, die auf Zellulosebasis entstanden sind, haben Wissenschaft und Technik seit rund 10 Jahren immer neue Grundmatcrialien entwickelt. Sie sind durchweg Kun st harze rein synthetischen Ursprungs und fallen bei der Einwirkung von Formaldehyd auf Phenole und Amine an. Ihre wichtigste Eigenschaft ist die, daß sie nach erfolgter Härtung durch Wärme nicht mehr verformbar sind, daß also Wärme sie nur einmal zu gestalten erlaubt. Sie_ werden mit Füllmassen verarbeitet, d h., das künstliche. Harz bildet das Bindemittel für Holzmehl, Papier, Zellstoff, Asbest o. ä. m., und unter hohem Druck werden Fertigwaren gepreßt: Zahnräder, Lagerschalen, Autokarosserien sind einige solcher Produkte.
Sehr viel wichtiger aber noch ist die jüngste Gruppe wärmebildsamer KunWoffe, die sich vom Acechylen ableitet, also aus Mßle und Kalk über Kalziumkarbid hergestellt wird Ihre Beständigkeit ?gegenüber Chemikalien ist überraschend hoch, und ehr bedeutsam ist die Eigenschaft dieser Stoffe, sich beliebig bohren, sägen drehen und fräsen usw. zu lasten. Hierzu gehören insbesondere Plexiglas und A st r a l o n, die namentlich für Deutschlands Flugzeugindustrie cme große Rolle spielen, weil sie durchsichtiger als Glas, wenig zerbrechlich, leicht formbar und elastisch sind. Außerdem gehört in diese Gruppe das Polystyrol, ein wichtiger Bestandteil unseres künstlichen Kautschuks Buna.
Am vielseitigsten aber ist hier fraglos ein Erzeugnis, das chemisch Polyvinylchlorid und technisch einfach Igelit heißt. In gewissen Lösungen liefert
Igelit einen vorzüglichen Lack, der sehr elastisch und außerordentlich chemikalienfest ist. Igelitverbindungen lassen sich in Wasser so fein verteilen, daß diese Emulsionen für die Herstellung von Kunstleder und wachstuchähnlicher Stoffe ausgezeichnet zu gebrauchen sind. Zum Bau säure-, laugen- und salzfester Apparate wird Igelit in Form von Folien, Platten, Rohren und in mannigfacher anderer Gestalt verwendet. Da es elektrischen Strom nicht leitet, wird es für die K a b e l p r o - duktion herangezogen: in Schläuchen verarbeitet ist dieser Kunststoff altersbeständiger als Naturkautschuk. Igelit liefert schließlich wasserdichte Stoffe für Regenmäntel und ähnliche Gewebe. Endlich ist es für die Textilindustrie sehr bedeutsam: die P ec e-Faser, ein vollsynthetisches Produkt von großer Chemikalienfestigkeit, braucht Igelit als unumgänglich notwendiges Erzeugnis.
Damit ist sedoch die Bedeutung dieses Stoffes keineswegs erfchöpft. Igelit ist ein sehr gewichtiger A u s t a u s ch st o f f für uns fehlende oder nur knapp vorhandene Metalle und hat als solcher manche Eigenschaften, die den zu ersetzenden Stoff übertreffen. Igelit ist erheblich wider st ands- fähiger als die bis heute im Apparatebau gebrauchten Verbindungen von Kupfer, Bronze, Zinn und Blei und selbst als Edelstahl mit Nickel- und Chromlegierungen? Ein Abkömmling des Igelits, V i n i d u r, kann jetzt sogar geschweißt werden und liefert völlig korrosionsfeste Röhrensysteme. Ein anderes Produkt auf Igelitbasis, das Oppanol. ist weit wetterfester als die üblichen Dachpappen.
Aehnlich erstaunlich ist das, was auf dem Gebiet der Leichtmetallgewinnunq und -technik in wenigen Jahren geleistet worden ist. MitD uraluminium und Elektronmetall, den vor etwa dreißig Jahren geschaffenen Legierungen aus Aluminium und Magnesium, hat man bis zu ihrer Anwendung im modernen Flugzeugbau eigentlich nichts Rechtes anzufangen gewußt. Dabei find diese Verbindungen st a h l h a r t und wiegen nur Bruchteile im Vergleich mit dem Stahl. Davon wird künftig sehr stark auch das Auto profitieren. Werden bei einem großen Personenwagen die eisernen Teile in Kurbelgehäuse, Getriebegehäuse, Motorträger
Aus der Giadi Gießen.
Oer Frühling beginnt.
Schnell hat der Frühling sich breitgemacht: dabei ist er ein langsamer Wanderer Im Voranschreiten von Süden gen Norden braucht er etwa vier Tage, um einen neuen Breitengrad zu erreichen. Im Zuge von West nach Ost rechnet man auf 111 Kilometer seines Vormarsches ungefähr 24 Stunden. 3m Anstieg auf die Berge geht er bedächtigen Schrittes. Für je 100 Meter Steigung braucht er schätzungsweise vier Tage.
Die erste Mainacht ist die Walpurgisnacht. Bringt sie Niederschläge, so gibts nach alter Dolksregel gefüllte Tennen und Keller. „Ist der Mai heiß und trocken, kriegt der Bauer kleine Brocken, ist er aber feucht und kühl, dann gibts Frücht' und Futter viel." Die Kühle ist vor allen Dingen von Wert zur Unterbindung der Entwicklung zahlreicher Schädlinge. „Wir essen, was uns die Insekten übrig lassen!"
Dom Dach und den Telegraphenleitungen zwitschern die Rauchschwalben: „Wenn du müßt', was i wäß, und i müßt, was du wäßt — so wüßte wir's alle zwä". Hand aufs Herz: wer kann unsere Schwalbenarten unterscheiden? Die blauschwarze Rauchschwalbe ziert Rostrot an Stirn und Kehle, die Mehlschwalbe hingegen trägt einen weißen Bürzelfleck. Die kleine Uferschwalbe ist auf der Oberseite grauschwarz. Die Stare haben bereits Junge. Vielfach sind sie am Himmelfahrtst-age schon flügge. Eine gefräßige Gesellschaft? In einer Stunde schnappt jeder Schwarzrock zwölf Raupen oder Schnecken, Maikäfer. Auch dem Ungeziefer des Weideviehes gehen sie zu Leibe, holen die Larven der Dasielfliege, die sich zum Verpuppen auf den Boden fallen lassen Warum singen eigentlich die Vogel? Die Tonreihe unserer gefiederten Freunde ist Werbegesang um das Weibchen, ist Kampfansage gegen den Nebenbuhler, ist Kundgebung des Besitzers eines Reviers.
Hier und da huscht ein Eidechslein über den Weg. Die braune Deckfarbe entzieht die oft reglos Verharrenden unserem Blick. Beim Zufassen ist Vorsicht vonnöten. Der Schwanz bricht leicht ab. Die einzelnen Wirbel sind auffällig lang und können in der Mitte leicht durchbrechen. Das neu sich bildende Zäglein ist ein Stummel im Vergleich zum
erstgewachsenen. Es zeigen nicht alle Eidechsen starkes Regenerationsvermögen. Blindschleichen, die keine Schlangen, sondern fußlose Echsen sind, bleiben nach Abwerfen der letzten Wirbel schwanzlos. Die Ringelnatter wechselt im Mai ihr Gewand. Sie löst durch leichtes Rühren am Boden die Haut am Rand der Mundspalte, und nun beginnt sie, das Kleid auszuziehen. Sie zwängt sich durch Steinlücken hindurch: Stück um Stück schiebt sich der alte Kittel von ihrem Körper und bleibt als dünnes Häutchen irgendwo hängen. Die Ringelnatter aber bat ein neues Schuppenhemd.
Schmetterlinge bringen in die blütengetupsts Landschaft vielfältiges öeben durch Flügelschlag und Farbe. Der schöne Aurorafalter sucht sich das blaßviolette Wiesenschaumkraut, an welchem er seine Jugendzeit als unauffällige Raupe verlebt hat. Bienen summen? Mücken schwirren! Ueberall ist Wachsein — Frühling — Frühlingsseligkeit! Dr. E. 8.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NSG. „Kraft durch Freude": Zu Gunsten des 2 Kriegshilfswerkes ab 14 Uhr Unterhaltung auf Oswaldsgarten — Gloria-Palast, Seltersweg: „Hochzeitsnacht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße; „... reitet für Deutschland".
Tageskalender für Sonntag. 1
NSG. „Kraft durch Freude": Zu Gunsten des 2 Kriegshilfswerkes ab 14 Uhr Unterhaltung auf Oswaldsgarten Stadttheater 19 bis 22 Uhr: „Das Land des Lächelns". — Konzertring: 19.30 Uhr in der Großen Aula der Universität Konzert des Musischen Gymasiums Frankfurt a.M. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Hochzeitsnacht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „... reitet für Deutschland". — Kriegerkameradschaft 1874: 15.30 Uhr im „Burghof" Lichtbildervortraq von Dr. A. Kaufmann über „Landschaften und Bevölkerung auf den Kriegsschauplätzen in Afrika und auf dem Balkan".
Stadttheater Gießen.
Am morgigen Sonntag wird die bekannte Lehär- Operette „Das Land des Lächelns" wiederholt. Musikalische Leitung: Arthur Apelt. Spielleitung: Harry
G NEDA-SCHLÄNK'Kä
und Kompressorteilen durch Aluminium-Magnesium- Derbindungen ersetzt, läßt sich ein totes Gewicht von 300 Kilogramm ersparen Ohne zu hoch gespannte Erwartungen wird man annehmen dürfen, daß das Auto der Zukunft nur noch ein Drittel des heutigen Gewichts aufweisen, mit einem wesentlich schwächeren Motor auskommen und große Ersparnisse an Energie und Betriebsstoff bringen wird.
Zwei andere Leichtmetallverbindungen von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung sind Hydrona - l i u m und Automatenmetall. Das Hydro- nalium ist eine Legierung von Aluminium und Magnesium mit kleinen Mengen von Mangan und Silizium: es ist selbst bei langem Aufentbalt in Seewasser unangreifbar und korrosionsfest. Aehnlich ist das Automatenmetall zusammengesetzt. Diese Verbindung trägt ihren Namen davon, daß sie einen großen Nachteil des Aluminiums beseitigt hat, nämlich den, in automatischen Werkzeugbänken nicht bearbeitbar zu sein.
Fortschritte in der Forschung und technische Weiterentwicklung haben die Herstellung und Anwendbarkeit der sog Hartmetalle ermöglicht. Chrom-, Nickel-, Wolfram- usw. -Zusätze sind seit langem als Mittel zur StaWärtung bekannt. Werden nun diese und ähnlich^ Stoffe wie z. B. Osmium nicht geschmolzen, sondern pulverisiert, mit Kohlenstoff gemischt, gehärtet und bis dicht vor den Schmelzpunkt erhitzt (gesintert), gewinnt man Werkstoffe von Diamantenhärte. Kleine Plättchen hiervon machen Werkzeuge gegen Abnutzung und Abstumpfung unempfindlich. Maschinen mit entsprechender Ausrüstung können sehr viel rascher laufen und eine vielfach erhöhte Menge von Werkstücken Herstellen usw. Die Berylliumbronze verleiht dank kleiner Zusätze von Beryllium dem Kupfer eine große Härte und die Eigenschaft,
! bei Stoß und Schlag keine Funken zu bilden, was besonders für feuergefährdete Betriebe sehr wichtig ist. Neue Magnetlegierungen Hellen Nickel ersparen, ja, mit Hilfe des Ultraschalls können die magnett- schen Eigenschaften des Nickels verachtfacht werden, und es gibt sogar schon Magnetlegierungen von hoher Leistung ohne eine Spur von Nickel! Das gestattet z. B., In Zukunft Lichtmaschinen für Auto und Flugzeug, Telephongerät und Elektromotoren erheblich leichter als bis heute zu bauen.
Auch hier ist bisher kaum mehr als ein erster Schritt in ein vorerst noch unübersehbares Gebiet hinein getan worden, und große Möglichkeiten tun sich auf. Es mag nur am Rande vermerkt werden, daß es keine Utopie mehr ist, Benzin aus Waffer und Luft zu gewinnen. Erst unlängst hat Professor Fischer, einer der Bahnbrecher auf dem Gebiet der Gewinnung künstlichen Benzins, betont, es sei durchaus möglich, Motorentteibstoffe synthetisch aus Kohlenwosserstoffoerbindungen dergestalt zu gewinnen, daß Wasserstoff aus Wasier und Kohlensäure bzw. Kohlenstoff aus der Luft abgespalten und miteinander zur Reaktion gebracht werden. Noch ist dieser Weg umständlich und kostspielig, aber das । Verfahren ist dem Prinzip nach auch in der Praxis durchzuführen. Also auch die Kohlenstoffchemie birgt noch ebenso große und gewichtige Ueberraschungen wie ihre jüngste Schwester, die Chemie und Industrie der plastischen Massen. FZ.
MeAliim imM.
Roman von Elisabeth Holt.
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Gerda glaubte ihm aufs Wort. Aber etwas anderes glaubte sie nun nicht mehr, nämlich daß er, Gredler, der diskrete Empfehlungsschreiber an das Dermittlungsbüro gewesen war.' Wer um Gottes willen könnte es aber dann gewesen sein? Es fiel ihr niemand ein. Mit niedergeschlagenen Augen saß fie da und zeichnete nachdenklich Männchen auf ihren Dormerkblock.
,^urz und gut", erzählte Gredler eifrig weiter, „jetzt setzt Pola Himmel und Hölle in Bewegung, um denselben Pelz zu kriegen. Braune russische Zobel muß sie haben. Aber die Geschichte spießt sich irgendwo — entweder will Birinsky nicht so viel Geld hergeben oder aber Felle derselben Qualität sind nicht aufzutreiben. Jedenfalls trägt die Pa- choven immer ihren Zobel, wenn sie herkommt, und wirkt damit auf Pola wie das rote Tuch auf den Stier."
Gerda zeichnete' noch immer--. „Sie kommt
morgen abend--."
Eine Stunde später flog die Sängerin ins Haus. Ihre Ankunft vollzog sich immer mit der Explosionskraft einer einschlagenden Granate. Erst hupte der Chauffeur auf der Straße wie verrückt, dann ging auch schon die Klingel los, und gleich darauf erfolgte der Knall der zuschlagenden Tür.
„Was Neues?" rief Pola, durch dis Halle stürmend. „Besuche? Telephon? Post?" Fräulein Rosa lief atemlos neben ihr her und gab Bescheid. „Kammersänger Kornbeißer war dagewesen wegen der Partitur von ,9Jlanon‘ — auch Professor Brix. $r kommt abends noch einmal herüber. Post ist mcht gekommen."
„Telephon? Wer hat angerufen?" verstand man iwd) in der Halle, aber Rosas Antwort wurde bereits von der zufallenden Tür verschluckt. Es blieb nicht lange still, die Tür wurde Ävieder geöffnet, und Fräulein Rosa verlangte nach Frau Maurer.
Gerda warf ihren Bleistift bin und flog, immer jwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben.
. «Was. ist los?. Setzen Sie sich doch, ich möchte
wegen morgen--- wer hat ancrerufen? So setzen
Sie sich doch endlich?" sagte die Sängerin in einem Atem und ließ sich dabei von Rosa ein schönes Kleid nach der neuesten Mode über den Kopf ziehen.
Gerda machte die Ecke eines geräumigen Lehnstuhls frei und erstattete Bericht über die Anrufe des Nachmittags. Es war heute nicht arg gewesen. Professor Brix, das Kostümatelier der Oper wegen der Anprobe, der Manager Leiermann wollte endlich den zweiten Teil des Konzertprogramms wissen --ob denn der immer noch nicht feststehe?
„Leiermann soll mich in Rude lassen", verlangte Pola verdrießlich und sah heidnisch aus, wie sie dastand, in Unterkleidern mit ruinierter Frisur, aber noch immer mit Schmuck behängt wie ein Götzenbild. „Warum soll ich mich groß anstrengen mit dem Konzert? Ich habe jetzt keine Zeit für Leiermann. Das Uebliche werde ich singen. Brahms, Schumann und dann noch zwei Lieder von dem netten Amerikaner — wie heißt er? — Carter. Ja Al^ von Carter werde ich zwei Lieder fingen."
Gerda stenographierte stumm. Morgen wird sie diese Vorschläge Gredler geben, damit er dann etwas Ausführbares daraus macht. „Man joll mich in Ruhe lassen?" Pola hotte den Mund verzoaen wie ein schmollendes Kind „Man soll mich endlich einmal in Ruhe lassen, mehr will ich nicht!"
Ihre Sekretärin wartete gelassen und fuhr dann fort: „Eine Dame hat für morgen abend ihren Besuch angemeldet. Sie nannte nur ihren Vornamen — Alwine."
Dann entstand eine kleine Paule. „Alwine — so!" sagte die Sängerin, und :hr Gesicht war ganz ausdruckslos
„Seht denkt sie an den Zobel", ging es Gerda unwillkürlich durch den Sinn.
„Vergessen Sie nicht, den Namen auf die Liste zu setzen", murmelte die Sängerin mit geschlossenem Mund und zog vor dem Spiegel den Schwung der Oberlippe nach. „Alwine von Pachoven. Es ist wegen der Tischkarten. Wieviel werden wir morgen sein?"
Gerdas Bleistift fuhr die vollbeschriebene Seite entlang und sie sagte: „Vierzehn — vielleicht fünf» zehn." Sie sei sich nicht darüber klar, ob zum Beispiel Architekt Bürger und der Komponist Carter als eingeladen zu betrachten seien
Pola nahm den Sttft von den Lippen fort und
hielt ihn ein paar Sekunden lang starr in die Lust.
„Eingeladen", sagte sie — „natürlich eingeladen' Warum fragen Sie danach')"
„Weil man ihnen noch keine Einladungskarte geschickt hat", hätte Gerda antworten können, zog aber vor, den Mund zu halten. Das war noch schlüpfriger Boden für sie, merkte sie deutlich.
„Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf", sagte die Luckner auch gereizt, „wer kommt also? Lesen Sie vor."
Es waren jetzt sechzehn Gäste, und Pola meinte verdrießlich, daß man viel trinken würde, morgen abend
„Haben Sie ein Abendkleid? Ich möchte gerne, daß Sie dabei sind Vielleicht brauche ich Sie."
Gerda sagte, sie habe ein Kleid, nicht mehr ganz neu, aber nett.
„Gott, wie mir diese fremden Leute zuwider sind, immer muß man aufpassen, damit sie nicht beleidigt sind", sagte Pola und ließ sich von Rosa Schuhe anziehen. Dann verlangte sie nach den Schlüsseln und bekam einen Schlüsselring ausgeliefert.
„Sperren Sie auf, Rosa, Frau Maurer ist sicher neugierig."
Rosa schloß einen kleinen Wandschrank auf, der wie ein Medizinkästchen harmlos neben dem Bett hing, und als die Tür offenstand, sah man, daß er gar nichts enthielt. Er war nur eine Attrappe und diente dazu, den Safe zu decken, der sich dahinter befand. Kreisrund, stählern und mit einem Kombinationsschloß versehen, schien er tief in der Mauer zu stecken, eine komplizierte, vertrauenerweckende Angelegenheit, trotz der kindischen Verkleidung nach außen.
Pola begann sich ihres Schmuckes zu entledigen, Stück für Stück legte sie ab, hie Armbänder, die großen Perlenohrgehänge und die Halskette.
„Lieben Sie Schmuck?" fragte sie und wog dabei ihre Perlen genießerisch in der hohlen Hand Sie hielt echten Schmuck nicht deshalb für wünschenswert, weil er eine Frau verschönte, sondern weil er in ihren Augen ein Maßstab für die Erfolge einer Frau war, sozusagen ihr persönlicher Schätzungswert.
Gerdy lachte. „Ich weiß nicht, — ich habe nie welchen gehabt." Es klang ein wenig übermütig und ohne Bedauern.
Es klopfte, und der Chauffeur Schütz meldete
respektvoll, es seien soeben Blumen für die Frau
Kammersängerin abgegeben worden. Rosa ging hinaus und holte sie. Es war nichts Besonderes, bloß ein Dutzend langstielige rote Rosen---keine
Karte dabei, kein Brief. Sie waren wirklich nichts Auffallendes, diese Rosen. Baron Birinsky hatte gestern einen Fliederstock geschickt, der in seiner Ueppigkeit das Fenster verdunkelte. Aber Pola errötete leicht, nahm die Blumen zärtlich in den Arm, als wären sie schutzbedürftig. „Wie schön!" sagte sie mit einem Lächeln, das sie um zehn Jahre jünger machte. Gerda sah es, aber es ging ihr Gredlers Warnung durch den Sinn: nichts bemerken —.
„Um wieder auf die Tischordnung zu kommen", --Pola gab die Rosen ihrer Jungfer — „Sie richten es eben ein, so gut es geht."
Gerda stellte sich ihre Aufgabe vor und bekam Angst.
Pola lachte. „Nicht so viel spekulieren: die Filmleute setzen Sie eben zu Professor Brix, und was den Architekten Bürger anbetrifft — wollen Sie den vielleicht in ihrer Nähe haben?"
„O gerne", sagte Gerda in einem zu nichts verpflichtenden Tonfall.
„Er ist ein sympathischer Mensch — aber er will mir die Garage durchaus nicht so bauen, wie ich gerne möchte."
Gerda bemerkte, daß es vielleicht wirklich nicht so leicht ginge, eine unterirdische Garage unter das Haus zu schieben.
„Unsinn! Ist der Mann immer so halsstarrig?"
Gerda wich aus, sie wisse es nicht so genau, dazu kenne sie Paul zu wenig.
„Er ist doch Ihr Detter?"
„Nicht mein Vetter. Der Detter meines verstorbenen Mannes "
Als Rosa mit Manikürekassette und Haarbürste erschien, machte sich Gerda unsichtbar. Sie ging über den mattbeleuchteten Korridor Im Wohnzimmer war der Lautsprecher angedreht. Ein Orchester spielte Derdi — Aida. — „Oh wäre ich erkoren — — —" eine junge, leuchtende Tenor- ftimme--„Dir deinen Thron bis zur Sonn'
erhöh'n"---Wer sang da eigentlich? Gerda
blieb oben an der Treppe stehen, horchte, und dabei fiel ihr plötzlich ein, daß jd gar niemand irrt Wohnzimmer fein konnte. Pola Luckner war irt ihrem Schlafzimmer — und Gredler längst weg — überhaupt, wer hatte den Lautsprecher eingeschaltetL
^Fortsetzung folgt)


