Dienstag,I.Zuli 1941
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
ltr.154 Zweiter Blatt
Führerin im Reichsarbeitsdienst.
Ein Beruf für unsere jungen Mädel.
3ft es nicht der Wunsch jedes jungen Menschen, einen Berus zu sinden, der ihn mit all seinen Fähigkeiten, Anlagen und Entwicklungsmöglichkeiten ganz und gar ausfüllt? Kann es heute einen größeren Wunsch für einen jungen, begabten Menschen geben als sein Können, seine ganze Kraft in den gewaltigen Aufbau unseres deutschen Vaterlandes einzusetzen?
Im Reichsarbeitsdienst werden junge Mädels gebraucht und können als Führerin einen der schön- stey, befriedigendsten und verantwortungsvollsten Berufe ausfüllen. Führerin im Neichsarbcitsdienst sein heißt, einen verantwortungsvollen und befriedigenden Frauenberuf erfüllen. Sei es als Lagerführerin draußen in einem Lager der Arbeitsmaiden zu stehen, wo es gilt, den Bauern fiilfe zu bringen, die Partei in ihrer politischen und kulturellen Arbeit zu unterstützen oder jeder Arbeitsmaid neben der Führerin auch gute Kameradin zu sein, und sie im politischen Unterricht, bei der Leibeserziehung, beim Singen und beim Volkstanz sowie im gesam- ten Lagerdienstbetrieb in jeder Weise zu fördern.
Als Wirtschaftsgehilfin ist sie verant- wörtlich für den gesamten Wirtschaftsbetrieb des Lagers: sie leitet die Arbeitsmaiden in alle praktischen Arbeitsgebiete ein, erteilt hauswirtschaft-
lichen Unterricht, führt die Wirtschaftsbücher und stellt den Küchenzettel auf. Die gesamte Wirtschaftsführung liegt also in ihrer Hand.
Als Verwalterin hat sie1 die Verantwortung für das Kassen- und Abrechnungswesen, sie verwaltet die Bekleidung, die Lebensrnittel und siihrt den Schriftverkehr, der im Lager zu erledigen ist.
Als Gehilfin der L a g e r f ü h r e r i n wird sie in die umfassende Aufgabe der Lagerführerin eingeführt, überprüft mit ihr den Einsatz bei den Bauern, erteilt Unterricht und Leibeserziehung und kann bei Eignung mit der Führung eines Lagers betraut werden.
Neben diesen Berufen als Führerin im Lager gibt es noch weitere Einsatzmöglichkeiten: in den Schulen, Lagergruppen und Bezirksleitungen gliedert sich die 'Arbeit in einzelne Sachgebiete, die zum Teil fachliche Kenntnisse und Ausbildung voraussetzen: die Sachbearbeiterin für Unterricht und Feierabend, für hauswirtschaftliche Erziehung, für Leibeserziehung, die Reichsarbeitsdienstärztin, die Juristin u. a. m. lieber alle Ausbildungsmöglichkeiten geben Auskunft jeden Montag von 15 bis 19 Uhr die Lagergruppen, führerinnen des RADwI. der Lagergruppen 110 Limburg, Diezer Straße 46; 111 Darmstadt, Palaß- wiesenstraße 25; 114 Wiesbaden, Adelheidstraßö 37.
Kkiegersiedlung, Gemeinnützige Vaugenossenschasl mb. H.Gießen.
Die Kriegersiedlung, Gemeinnützige Daugenossen- schäft m. b. H. in Gießen hielt am gestrigen Mon- tagabend in der Gastwirtschaft „Zur Germania" ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung unter Leitung des Vorsitzers des Aufsichtsrats, Der- waÜungsdirertor Martin, ab.
Aus dem vom geschäfts führend en Vorstandsmitglied, Verwaltungsmspektor Schirmbeck, erstatteten Geschäftsbericht war zu entnehmen, daß die Genossenschaft in 30 Häusern 90 Wohnungen besitzt, von denen sich 84 Wohnungen in der Frie- densstraße und 6 Wohnungen im Aulweg befinden. Durch die von dem Prüftmgsverband für alle Mieter geforderte Mitgliedschaft hat sich vie Zahl der Mitglieder von früher 25 auf 71 bis zum 31. Dezember 1940 erhöht und hat inzwischen die Zahl von 100 Mitgliedern überschritten. Diese Erweiterung des Mitglieder kreis es bedeutet eine wesentliche finanzielle Stärkung der Genossenschaft, die dadurch instand gesetzt werden dürfte, sich nach Kriegsende tatkräftig für das Wohnungsbauprogramm des Führers einzusetzen.
Wie sich aus dem vom Vorsitzer des Aufsichtsrats erstatteten Bericht ergab, haben regelmäßig Prüfungen der Geschäfts- und Kassenführung stattge- sunden, die zu Beanstandungen keinerlei Anlaß gaben.
Aus den Erläuterungen zum Jahresabschluß, der in der Bilanz auf der Aktiv- und Passiv-Seite mit je 872606,17 RM. und in der Gewinn- und Ver- lustrechnung auf beiden Selten mit 64 762,90 RM. abschließt, war zu entnehmen, daß die Genossenschaft in finanzieller Hinsicht eine weitere Aufwärtsentwicklung genommen hat. Die Erwerbshäuser sind
noch mit einem Wert von 820 500 RM. ausgewiesen, wozu die hypothekarisch gesicherte Forderung an die Hegernag mit 30 305 RM. sowie verschiedene kleinere Posten kommen. Die Geschäftsguthaben der Mitglieder haben sich auf 7 306,50 RM. erhöht, die Rücklagen belaufen sich auf 14 297 RM., wozu die Bauerneuerungsrückstellung mit 21 589 RM. kommt. Die Hypothekenschulden haben sich unter Berücksichtigung einer Tilgung in Höhe von 13 607 RM. Im laufenden Jahr auf 716 968 RM. vermindert. Hier- zu kommen die Einlagen der Hausanwärter mit 56 682 RM. Ferner stehen noch zu Buch ein vorerst unverzinsliches Darlehen der Stadt Gießen mit 43 000 RM., sowie Straßenbaukosten mit 10 805 Reichsmark.
Aus der Gewinn- und Derlustvechnung ergibt sich, daß die Stadt Gießen weiterhin einen Zinszuschuß in Höhe von 12 045 RM. leistet. Der Jahresabschluß ist vom Aufsichtsrat geprüft, Beanstandungen haben sich nicht ergeben. Antragsgemäß wurde beschlossen, den erzielten Reingewinn in Höhe von 1526,33 RM. in folgender Weise zu verwenden: Zuführung an die Baue rne u e rüng s rü ckste llun g 1200 RM., 3 v. H. Dividende auf die Geschäftsgut- haben 117,27 RM., der Rest mit 209,06 RM. wird aus neue Rechnung vorgetragen.
Vorstand und Aufsichtsrat wurde Entlastung er, teilt. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Anfsichtsrals Balser und Becker wurden durch Zuruf einstimmig wiedergewählt. Nach Vornahme geringfügiger Satzungsänderungen wurde die Versammlung mit dem Treuegruß an den Führer geschlossen.
Aus der Stadt Gießen.
Juli.
Hochsommer liegt über dem Land. Das freudige Blühen und Sprossen, die fubilierenbc Glückseligkeit, die noch dem Monat Juni eigen war, die in ihm seinen höchsten Gipfel erreichte, ist vorüber. Die hellen bunten Frühlingsfarben in Wald und Flur haben einem gleichmäßig ernsten Grün, einem fahlen Gelb Platz gemacht. Es ist die hohe, stille Zeit der Reife kurz vor der Ernte. Auf den Feldern neigen sich die Aehren täglich tiefer unter der Last ihrer Körner, täglich färben sie sich im Strahl der Sonne mehr ins Goldgelbe. Bäume und Sträucher haben ihre Blüten abgeroorfen und kleine runde Früchte angesetzt. Im Wald sind an den dichtesten und schattigsten Stellen die Farnkräuter hoch cm- porgeschossen, wie lebendige Erinnerungen an Ur- weltzeiten stehen sie da in ihren geheimnisvoll bizarren Formen. Und noch eine andere Pflanze hat sich jetzt im Walde aufgetan, besonders in Berg- wäldern, an sonnigen Abhängen und an Stein- brächen: der Fingerhut, auch er mit seinen hohen üppigen Stauden und den großen roten Blüten feit- fam tropisch in unseren nordischen Breiten, prächtig und giftig.
Die Vögel sind im Vergleich zu den vorigen Mo- naten viel stiller geworden, manche verstummen in diesem Monat ganz. Es scheint lange her, daß das Männchen dem Weibchen Liebeslieder sang, jetzt steckt das Nest voller Jungen, und die Sorge für die unersättlich hungrige Brut, bevor sie flügge ist, läßt den Eltern keine Zeit für Lieder. Amseln und Finken zwar, unsere muntersten Sänger, schweigen auch jetzt nicht, und wir dürfen uns morgens und abends an ihren Liedern erfreuen. Im übrigen sorgen Grillen und Heuschrecken, an stillen Abenden und in den warmen Nächten die Frösche dafür, daß es in der Natur nicht allzu still wird, und manchmal mehr, als es uns lieb ist. Auch Schnaken, Fliegen und andere geflügelte Sommergäste machen sich auf wenig angenehme Weise bemerkbar. Im Garten führen wir den Kampf gegen Erdflöhe, Raupen und dergleichen gefräßige Lebewesen, die da meinen, wir hätten unseren Kohl und unseren Salat für sie gepflanzt. Im Blumengarten gilt dem Unkraut ein nie endender Vernichtungsfeldzug. Dafür dankt er uns mit blühender Fülle.
Die Rosen, von denen viele schon in der zweiten Hälfte Juni auf geblüht sind, beherrschen auch noch den Juli. Die roten Rankrosen bedecken Haus- und Laubenwände, von Beeten und Hochstämmen hau- chen uns mannigfache edle Sorten, vom reinsten Weiß bis zum brennendsten Purpur, ihren himmlischen Duft entgegen. Auch die altmodischen Stockrosen, die sich in den Bauemgärten immer erhalten haben und die mit ihren brennend roten Blüten- standen so malerisch wirken, haben neuerdings auch wieder in vielen Stadtgärten ihren Einzug gehalten. Neben der Rose ist der Phlox die eigentliche Sommerblume und wird es von Jahr zu Jahr mehr, je mehr die Kunst der Züchter uns mit immer neuen, an Reichtum und Ausdauer dankbareren Sorten beschenkt. Es gibt kaum etwas Schöneres als ein großes Phloxbeet im Rasen des sommerlichen Gartens, ob es nun aus schneeweißen, lachsfarbenen^ weiß und rot gesprenkelten oder tief roten Blüten besteht. Und ebenso köstlich wie der Anblick ist der Duft, der von einem solchen Phloxbeet empor- steigt. Für Gerüche ist ja überhaupt gesorgt im Inligarten. Da ist der zarte Geruch der bunten Wicken, der kräftige der Nelken, der südlich würzige des Heliotrop, der süße starke und doch nie aufdringliche der unscheinbaren Reseda. Andere Blumen des Monats sind ganz oder fast duftlos, und doch möchten wir ihre bunte Schönheit niemals in unserem Garten missen, so zum Beispiel das vielfarbige Löwenmäulchen, die gold- und bronzefarbenen Kapuzinerkressen, die lila Sommerastem.
Besonders beliebt ist der Juli bei Jägern und Anglern. Fast alle Fische „beißen" um diese Zeit, und für den Jäger bringt das Ende des Monats die Rehbrunst, die beste Zeit zum Pirschen auf den Bock. Auch der Nlchtjäqer kann seine helle Freude daran haben, an den Abenden oder morgens ganz früh das Leben und Treiben der schönen schlanken Tiere zu beobachten, die in der Brunft so viel von ihrer sonstigen Scheu verlieren. Zuweilen liefern sich zwei starke Böcke auch einen Eifersuchtskampf, der allerdings fern von der urhasten Wucht ist, mit der zwei brünstige Hirsche aufeinander losgehen. C. K.
Wer macht eigentlich den Film?
Von Johannes Jacobi.
Alle Kinobesucher — und wer ist das nicht? — kennen die lange Reihe der Namen, die jedem Film vorauslaufen. Ganz groß geschrieben ist außer den Hauptdarstellern immer der Spielleiter, und ziemlich klein erscheint der Name des Drehbuchautors; meistens sind es sogar mehrere, die häuftg wiederkehren wie eine Firma. Das Publikum kennt den Regisseur, aber weiß es auch nur ein halbes Dutzend von Autoren namen? Das ist merkwürdig genug, wenn man an die Verhältnisse beim Theater denkt. Dort interessiert sich jeder für den Dichter; was auf der Bühne der Spielleiter tut, das bleibt den meisten Theaterbesuchern ziemlich schleierhaft.
Woher kommt dieses Mißverhältnis? Das Theater lebt zu einem großen Teil von der Dichtung, die es darstellt, bet es dient. Am Werke des Dichters erwirbt sich der Schauspieler Ruhm, und der Regisseur richtet alles — Darstellung, Sprache und Raum — auf die schriftlich im Buche niedergelegten Absichten des Dichters aus. Daß man im Theater auch Stücke zu sehen bekommt, die ihren Reiz vor allem von der Bühne beziehen, daß die Schauspieler, die Ausstattung und die Regieein- fälle des Spielleiters wichtiger sind als das „Textbuch", ändert nichts an der Tatsache, daß die großen Dichter unabhängige Erscheinungen sind, an denen sich das Theater zu erprooen hat — nicht umgekehrt — deren Werke immer wieder neu und stets anders inszeniert werden.
Im Film ist zunächst die Industrie da, die eine bestimmte Anzahl Filme für den Bedarf der Lichtspieltheater Herstellen muß. Dafür braucht sie Stoffe. Diese werden ihr zunächst von mehr oder weniger bekannten Leuten, die meistens „vom Bau" sind, also mit der Filmindustrie irgendwie zusammen- hängen, in Form von „3been" geliefert. Diese kurzen Erposss werden angenommen ober abgelehnt. Sind sie von den Kunstausschüssen oder der Pro-
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 19.30 bis 21.30 Uhr Gastspiel Hilde Wagener „Charlotte Ackermann". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Dreimal Hochzeit". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Maja zwischen zwei Ehen".
Schuh den Vogelnestern.
In diesen Tagen ist die junge Brut unserer Singvögel flügge geworden. Wie mancher Meisennistkasten am Baum wird aber von den Katzen ausgeraubt. Hier läßt sich leicht Abhilfe schaffen. Man bindet einfach bornenbewehrte Zweige, etwa von Stachelbeeren oder Weißdorn, in zwei Meter Höhe so um den Baurn, daß sie den Stamm manschetten- artig umgreifen und nach unten ab stechen. Besonders gefährdet sind die Nester in den Büschen. Gerade die Grasmücke, Zaunkönige, Girlitze,Hänflinge,«
duktionsleitung gebilligt, dann wird der Autor aufgefordert, ein Treatment herzustellen, d. h. eine etwas ausführlichere Beschreibung, wie er sich den Ablauf des Films im einzelnen denkt. Daran bessern schon einige Köpfe, z. B. die Dramaturgen, herum. Dann wird das Erzeugnis einem ober mehreren Drehbuchautoren übergeben, bie ben „Betrieb" aus Erfahrung kennen. Manchmal finb es die Leute, bie bie „3been" gehabt haben, oft auch anbere, gleichsam gewerbsmäßige Drehbuchspezialisten. Auch sie haben „schöpferischen" Ehrgeiz. Aber was sie schließlich geschrieben haben — ein bickbanbiges Werk mit vielen numerierten Szenen und Szenchen, ben Dialogen, Vorschriften über bie Einstellung ber Kamera, Kulissen, Landschaft ufro. — bas wirb schließlich bem Regisseur überantwortet.
Er ist nun ber Allgewaltige — eingeschränkt „nur" durch bie finanziellen Mittel und bie Zeit, bie ihm ber Probuktionschef zur Verfügung stellt. Wie er bie Sätze ber Schauspieler formt, ben Bau ber Kulissen bestimmt, bie Lichtverhältnisse festlegt unb bie Kamera birigiert, so möbelt ber Spielleiter auch bas Drehbuch oft noch um, wenn es ihm er- forberlid) erscheint. Kommt auf biese Weise, aus einer Unzahl von Arbeitsvorgängen und unterschied- lichen Mitarbeitern ein guter Film zustande, bann nimmt ber Remsieur ben Ruhm für sich in An sprach. 3st ber Film schlecht geworben, bann hat cs am Drehbuch gelegen. So ist bie Praxis.
Man muß biese Zusammenhänge kennen, um als Kinobesucher, ber gute Unterhaltung unb manchmal auch Kunst erwartet, zu wissen, wo man seinen stillen Groll abzuladen hat. Ems aber steht er- sahrungsgemäß ftest: bie großen Filmerfolge, in benen auch bie Regie ihre Triumphe feiern durfte, waren stets getragen von guten Drehbüchern. Unb umgekehrt: wo ein schlechtes Drehbuch vorliegt, ba Hilst bie beste Regie unb bie blendendste Aus- ftattung nichts — ber Zuschauer wirb ein schales, unbefriebigtes Gefühl nicht los. So brdngt alles zu bem Schluß, ben kürzlich auf einer Zusammenkunft von Filmschaffenben unb Filmschriftleitern eth kluger Regisseur des Theaters unb des Films,
Gelbspötter und Singdrossel gehören zu ben beliebtesten Sängern, die wir uns gern erhalten wollen. Da darf man nicht in ben Sträuchern nach Nestern herumstöbern und gar die Zweige auseinanderbiegen, um bie Eier oder die Jungen recht genau betrachten zu wollen. Nur zu leicht verlassen dann bie Alten die Gelege, und die Jungen flattern erschreckt davon und werden vom Raubzeug vernichtet.
Die größte Geißel aller Vogelbruten sind die her- umstrolchenden Katzen. Besonders nachts werden von ihnen die brütenden Weibchen vom Nest weg- gefangen. Wenn die Vögel brüten, hat keine Katze etwas auf fremden Grundstücken zu suchen. Sie kann dort ohne weiteres gefangen werden. Nach der Naturschutzverordnung muß jede gefangene Katze binnen 24 Stunden der Polizei gemeldet werden. Sie ist vier Tage pfleglich aufzubewahren unb kann von ihrem Besitzer gegen eine Gebühr ausgelöst werden. Nach vier Tagen ist sie der Polizeia zur
der Staatsschauspieler Wolfgang Liebeneiner, zog: Der künstlerisch ehrgeizige Film kann sein Heil nicht vom formalen Experiment, von originellen, sich überstürzenden Neuerungen erwarten. Die führen nur zu Unsicherheit und einer schließlich langweiligen äußeren Glätte. Das Problem • muß bei der Dramaturgie, bei der Gestaltung des 3nhalts angepackt werden. Dafür aber ist bie Stärkung ber Position des Autors die Voraussetzung.
Zwei Wege kann man einschlagen, bie Sieben- einer freimütig erörterte. Man kann es ben Amerikanern nachtun und die Autoren wie Angestellte büromähig an ihre Arbeit setzen, sie zu Spezialisten für bestimmte Arten von Filmen und Filmteilchen erziehen. Bei strengster Durchführung dieses industriellen Erzeugungsprozesses auch im „Geistigen" kann eine anständige, sauber durchgearbeitete unb für gehobene Unterhaltungszwecke ausreichende Filmvrobuktion Zustandekommen. Von einer gewiß sen Schablone unb handwerklichen Gleichförmigkeit werben biese Bildstreifen freilich niemals ganz frei- kommen.
Ober aber — bas scheint uns ber wirklich emp- fehlenswerte Weg zu fein — man gewinnt den echten Dichter, ben schöpferischen Menschen für ben Film, befreit ihn als geistig autonome Persönlichkeit von ber Versklavung burch bie 3nbu- ftrie, schützt fein Werk gegen bie Basteleien aller Zwischeninstanzen einschließlich bes Regisseurs unb macht ben Spielleiter nur für bie filmisch-optisch- schauspielerische Uebertragung bes Drehbuchs verantwortlich. Dazu wäre es weiter notroenbig, baß bie Filmdichter ausgearbeitete, gebrauchsfähige Drehbücher vorlegen, die einen selbständigen litera*' rischen Wert besitzen und ähnlich wie beim Theater immer von neuem verfilmungsfähig fein müssen. Auf diesem Wege wäre für das Kunstwerk Film auch ein „Ewigkeitswert" zu erobern, wie ihn bie klassische Dichtung bes Theaters besitzt.
Das finb vorläufig Sortierungen an eine hoffen!- lieh nicht allzu ferne Zukunft. Aber bie Reichs- filmafabemte, an ber Liebeneiner als Dozent unb Fakultätsleiter wirkt, sucht auch schon praktische Wege zu ihrer Erfüllung. Ein erster Drientierungs.
Tötung zu übergeben. Fängt sich bie gleiche Katze in einem 3ahr zum dritten Mal, so fällt die Aufbewahrungsfrist fort. Herrenlose Katzen dürfen vom Fangberechtigten selbst sofort getötet werden Das Ausletzen von Katzen ist noch dem Reichstierschutz- gesetz verboten. Wer also seine Katze behalten möchte, sperre sie bis zum August ein.
Von der Feldpost.
Da eine Anzahl bisher zur Feldpostbeförderung benutzter Züge in beiden Richtungen ausgefallen ist, ist eine Verzögerung ber Laufzeiten für Feld- Postsendungen, besonders für Päckchen-Po st, oft unvermeidbar. Von ber Reichspost und ber Feldpost wirb alles geschehen, um jetzt nach Wieberaushebung der Felbpostsperre ben Verkehr so gut wie möglich zu gestalten Das Oberkommando ber Wehrmacht wendet sich in diesem Zusammenhang mit einem Erlaß auch an die Wehrmachtsangehörigen, die nach Kenntnisnahme ber bestehenden Eisenbahnmöglich- feiten ermahnt werden sollen, ihren eigenen Feldpostverkehr auf ein vernünftiges Maß ein zu schränken. Die Soldaten sollen and) alle die Personen, mit denen sie im Feldpostverkehr stehen, daraus Hinweisen, daß sie sich im Interesse einer geordneten Post« Versorgung der Front die gleiche Beschränkung auf- erlegen möchten, daß sie iusbesondere ben Päckchen- Versand einschränken und den Versand von Lebensmittelpäckchen an die Front, zumal in der marinen Jahreszeit, ganz unterlassen mögen.
Eine Mahnung zur Vorsicht.
Es sei daran erinnert, daß nad^ der Straßenverkehrsordnung verboten ist, ungenügend gesicherte Sensen ober Gabeln auf Räbern ober Karren mit sich zu führen. Denn abgesehen bavon, daß ber Träger selber schwer zu Schaden kommen kann, gefahr- bet er durch ben unvorschriftsmäßigen Transport solcher Sensen und Gabeln in hohem M"ßc bie andern Verkehrsteilnehmer.
Gießener wochenmarktpreise.
* Gießen, 1. Juli. Auf bem heutigen Wochen- markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, bas Stück 8 bis 9, Kartoffeln, alte, 5 kg 47, Wirsing, kg 20, gelbe Rüben, bas Bunb 20 bis 22, Spinat, % kg 13, Rämischkohl 10 bis 12, Spargel 30 bis 60, Erbsen 35 bis 40, Mischgemüss 14, Rhabarber 14, Kirschen 70, Blumenkohl, bas Stück 60 Salat 8 bis 15, Salatgurken 25 bis 40, Oberkohlrabi 10 bis 14, Rabieschen, bas Bund 7 Rpf.
** Von ber Straßenbahn. Die Verlegung der Straßenbahnhaltestelle an ber Anatomie in ber Bahnhofstraße unb bie Aufhebung ber Straßen- bahnhalteftelle Bahnhofstraße/Alicenstraße betrifft eine Bekanntmachung ber Stahlwerke in unserem heutigen Anzeigenteil.
Ein Junge tot aufgefunden.
Lin anderer Junge verletzt.
Ein bis jetzt noch nicht völlig aufgeklärter Vorfall ereignete sich am gestrigen Montagnachmittag in ber Gegend des Bahnkörpers ber Strecke Lollar— Wetzlar nahe bei Abenbstern. Dort würbe der 13 Fahre alte Heinz Burk aus Gleiberg mit einem Schuß in ber Brust tot aufgefunden, währenb der 12 Jahre alte Oswald Hofmann aus Gleiberg eine Schußvexletzung an derHanb aufweist. Wie heute vormittag im Hei- matort ber beiden Jungen zu hören war, feien beide angeblich bei der Erbbeersuche gewesen, als plötzlich mehrere Schüsse gefallen seien. Ob biese Angabe zutrifft ober ob eine andere Ursache bes bebauerns- tuerten Vorfalls in Betracht kommt, muß erst bie zur Zeit noch im Gange befinbliche Untersuchung ergeben.
Kranke Zählte können nur durch gewissenhafte Behandlung gesund gemacht werden. Richtige Zahnpflege aber schlitzt vor Krankheiten und Zahnzersall.
furfus ber Akabemie über das Wesen bes Films biente vor einiger Zeit in Berlin bem ausgesprochenen Zweck, geistig schöpferische Menschen, dichterische Begabungen unb auch bie anerkannten Schriftsteller für bie Mitarbeit an ber jüngsten Kunsts gattung, bem Film, zu gewinnen. Die Kenntnis seiner besonderen Technik ist unbedingt erforberlid), aber bie 3nbuftrie, bie biese Technik verwaltet, wirb sich bazu verstehen müssen, ber einzigen Persönlichkeit, bie ihren Erzeugnissen zeitüberdauernden Wert Fu verleihen vermag, auch ben notroenbigen freien Wirkungsraum zu geben: Platz bem Film- Dichter!
schwäbische Kunde.
Als währenb bes Weltkrieges bie beutfchen Luftschiffe ihre ersten Fahrten nach Englanb machten unb, gleichsam als Vorschuß für bie jetzige enbgültige Abrechnung, ihre Bomben auf Lonbon warfen, saß der prachtvolle alte Graf Zepvelin bei irgendeinem amtlichen Essen zu Frankfurt am Main neben einem höfischen unb höflichen Herrn aus Berlin, ber sich als ein Meister ber brurfreifen Lobrebe erwies. Er pries, was bamals freilich keinen Mut unb keine Sehergabe mehr erforberte, bie unvergänglichen Verdienste Zeppelins um bie Eroberung bes Luftraumes mit farbenprächtigen Worten; aber es zeigte sich, baß er angesichts ber gegenwärtigen Entwicklung einigen Seelenschmerz zu erbulben hatte.
„Muß es nicht eigentlich", sagte er gebämpft, „für Sie, lieber Graf, doch ein recht schmerzliches Gefühl sein, baß 3hre herrliche Erfinbung, bie bem friedlichen Fortschritt zu bienen bestimmt ist, jetzt so vielen Menscyen Tob unb Verderben bringt?"
Der prachtvolle alte Gras Zeppelin sah ben Frager von ber Seite an, unb ein sachtes Lächeln versteckte sich in seinem bitten weißen Schnurrbart. „Eine lobenswerte Gesinnung", sagte er. „Aber unter solchen Umftänben, Exzellenz, ist es boch ein wahres Glück für Sie, baß Sie nicht bas Pulver erfunben haben!" Karl Lerbs.


