Ausgabe 
31.12.1940
 
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Aus der Stadt Gießen.

Neujahrsgedanken.

Don Anton tzolzner.

Nach schönem alten Brauch zieht man sich am Jahresende einmal ein Stündchen mit seinen An- gehörigen zurück, läßt die letzten Kerzen des Lich. terbaumes oder die Jahresfestkerze der Familie abbrennen und hält ein wenig besinnliche Rückschau über das vergangene Jahr

Mit Freude. Stolz und Befriedigung stellt man dabei fest, was man im vergangenen Jahr Gutes geleistet. Troßes geschafft. Schönes erlebt und Liebes erfahren hat. welchen Anteil man am großen Geschehen des Volkes hatte und wie das Leben d«s Volkes sich vorwärts entwickelte Diese stolze Rückschau auf die Leistung und das Erleben des vergangenen Jahres gibt dem Menschen Kraft

Verdunkelungszeit

In der Woche vom 29. Dezember 1940 bis 4. Januar 1941: 17.15 Uhr bis 9.30 Uhr.

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und Selbstvertrauen, kettet ihn an die große Ge- meinschast des Volkes und verbindet ihn mit dem lebendigen Geschehen der Gegenwart. Es entspricht deutscher Art. sich voll frohen Stolzes über alles freuen, was man gut und recht gemacht, was man geschaffen und was man Großes erlebt hat.

Deutscher Stolz ist nie dumm und überheblich. Je «rößer das eigene Werk ist. um so inniger wird Bk Verbundenheit mit den göttlichen Kräften des Lebens, um so tiefer wird die Dankbarkeit gegen­über der Gottheit sein Gerade am Jahresende wird man deshalb gch der Verpflichtung gegenüber dem Göttlichen bewußt sein, wird man Gott nahe sein unb Gott danken für alles Leben des vergangenen Jahres. Ehrliche Gottgläubigkeit und tiefe Fröm­migkeit zeigen sich beim deutschen Menschen auch hier in ihrer ganzen Lebensnähe.

Voll Dank denkt man am Jahresende aber auch en alle lieben Menschen, durch deren Kameradschaft, Hilfe, Freundschaft und Liebe man im vergangenen Jahr Großes und Schönes erlebt hat, denen man Freude, Bereicherung und Frohsinn verdankt. Mit ffrohem Dank denkt man an alle, die in Füh­rung und Gefolgschaft im Laufe des Jahres in treuer Arbeitsgemeinschaft zusammenstanden. Ganz großer Dank gilt besonders der Führung von Volk und Reich. Ehrfürchtiges Gedenken widmet man aber nicht zuletzt allen Toten, besonders denen, die im vergangenen Jahr aus dem Leben geschieden jlnb ober ihr Leben für uns zum Opfer brachten.

Am Jahresende hält der deutsche Mensch dann auch Rückschau über alles, was er im vergangenen Jahr nicht recht gemacht hat, was er besser hätte machen können, was er gefehlt hat. Er überlegt in feinem Innern, welche seiner Taten und was in einer Haltung vor seinem Gewissen nicht bestehen kann. Er denkt darüber nach, wo er mehr Idealis­mus, mehr Glut seines Herzens, mehr restlose Hin­gabe, größeren Opfersinn, tiefere Kameradschaft, cnnigere Liebe, reinere Selbstlosigkeit, stolzeres Ehr- Gefühl, mehr lautere Wahrhaftigkeit, zähere Aus- Lauer. mutigere Tapferkeit hätte aufbringen müs­sen. Offen und wahrhaftig hält er diese stille per­sönliche Rechenschaft mit sich selbst und sieht, wie er

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seine Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber ©er Gemeinschaft erfüllt hat

Männlich klar und entschloßen wendet sich am Jahreswechsel der Blick in die Zukunft. Ernst sieht man den Gefahren und Schwierigkeiten entgegen, die bevorstehen Stolz und kraftvoll blickt man auf die Aufgaben, die der Lösung harren, auf die Werke, die zu gestalten sind, auf die Arbeit, die im *ommenben Jahr zu leisten ist Man überdenkt bns Lrbeitsziel, das man sich für das neue Jahr gesteckt bat. Man hält ' Vorschau auf das bevorstehende Jahreswerk Gläubig und tapfer, voll Idealismus unb Optimismus und doch frei von aller Oderfläch- ichkeit faßt man entschlossene Vorsätze für das neue Jahr An die Gottheit richtet man dabei die Ditte um Beistand und Segen.

Wenn man zum Jahreswechsel in diesem besinn­lichen Stündlein innere Einkehr gehalten, dann hat man hernach auch die Berechtigung, das Jahres- f'nbe mit Freude und Frohsinn und fröhlicher Ge- «lligkeit zu feiern. Alle Lebensfreude und Lebens- Bejahung ist dann am Platze, wenn sie aus tiefen Quellen strömt Die Feier des Jahreswechsels wird 'm ein Ausdruck des unerschöpflichen Reichtums un­teres Menschenlebens.

Zer Mchtlmg auf Korsika

Nomon von Heinz üorenz-üombrecht

W.Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Trotz ihrer Standrede setzt sie sich an seine Seite, tßber sie schweigt jetzt und grübelt vor sich hin. Mehrmals sieht sie nach Viktor hin, der sich auf die t eine Bank neben dem Eingang in die Kajüte ge- ! tzt hat und, die Beine lang von sich gestreckt, eine Z igarette raucht.

Nach einer Weile steht sie auf, geht langsam zu hem hin und setzt sich neben ihn. Viktor zieht die keine an und wirft die Zigarette ins Meer. Die kant hat kaum Platz für zwei Personen.

Ancia Maria muß einen Grund haben, aus dem te sich neben ihn gesetzt hat Aber sie spricht nicht, t ie sitzt vorgebeugt und nimmt ihr Sinnen wieder M Dann lehnt sie sich zurück und sitzt nun fest an iftor geschmiegt. Er hört, wie sie langsam und tief Mahnet, fast ist es ein Seufzer, der heimlich sein s>ll Wieder beugt sie sich vor . Es muß eine Un- "he. eine sonderbare Gemütsbewegung in ihr fein.

Schließlich fetzt sie zu einer Frage an, bie dann teckend herauskommt und leise, als ob die andern f* nicht hören sollten, obwohl sie ganz harmlos ist: »Frie frieren Sie nicht?"

Wegen des unfreiwilligen Bades, meinst dur rlber das hat doch nichts auf sich "

Es war so so mutig von Ihnen. Er hat es !ur nicht verdient. Es tut mir so leid*

Aber was? So etwas kann doch immer mal vor- limmen. Denk nicht mehr daran. Wir wollen auch Nichts davon erzählen, fönst hast du am Ende noch Unannehmlichkeiten daheim." _ .

Da ergreift sie plötzlich seine Hand:Sie sind so 6nt ... Es ist so" Sie bricht ab, kann mit eiemmai nicht mehr sprechen.

.Aber kleines Mädchen!*

-Da hebt sie rasch den Kopf und steht ihn mit ffafjen ernsten Augen an:Nein, bitte, nicht. Sagen tie nicht kleines Mädchen zu mir, bitte 1"

Mer warum denn nicht auf einmal, Ancia Varia?"

...Weil .. Wieder versagt ihr die Stimme. Plötz-

Hundert Jahre auf Liebigs Grundlagen.

Gießen gedenkt des Begründers der modernen Agrikulturchemie.

Don Dr. Aadolf Schreiber, Agrikuliurchemisches Institut der Universitär Gießen.

Zum Gedenken an die Erstauflage Liebigs berühmten BuchesDie Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie" im Jahre 1840.

Als im Jahre 1824 Juftus Liebig, erst 21 Jahre alt, zum Professor der Chemie ernannt wurde, da ahnte wohl noch niemand, daß dieser Mann, 16 2ahre später, eine wahre Revolution in der Land­wirtschaft Hervorrufen würde.

Schon lange vor Liebig war durch Lavoisier zwar bekannt, daß bei Verbrennungsoorgängen von pflanzlichen und tierischen Substanzen, wie Eiweiß, Fett, Zucker, Harze, Hefe usw. die nur in der be­lebten Natur vorkommen, ein Stoff, nämlich der Sauerstoff, zu den verbrennenden Körpern hinzu- tritt. Man nahm an, da es damals noch nicht mög- lich war, organische Stoffe auf künstlichem Wege her^ustellen, daß zum Aufbau dieser organischen Stoffe, die alle Kohlenstoff enthielten, eine be­sondere Kraft, die Lebenskraft, notwendig sei, um die organischen Substanzen zu erzeugen. Diese sog. oitalistische^ Theorie wurde unhaltbar, als Liebigs Freund und Kollege an der Universität Göttingen im Jahre 1828 bei der Herstellung des Ammonium- cyanates den Harnstoff entdeckte. Durch diese Ent­deckung des Harnstoffes, eines ausgeprägten Stoff- Wechselproduktes des tierischen Körpers, wurde der Beweis erbracht, daß im Aufbau organischer und anorganischer Substanzen kein Unterschied besteht.

Mit einem Feuereifer ohnegleichen warf sich Lie­big aus die Ausgestaltung der Elementaranalyse, der Bestimmung des Kohlenstoffs, Sauerstoffs, Wasserstoffs und des Stickstoffs und legte damit den Grundstein zu einem Gebäude, das inzwischen ein Wolkenkratzer geworden ist. Für Liebig war damit aber auch das Interesse an derreinen" Chemie erloschen und er konnte sich nun Aufgaben derangewandten" Chemie zuwenden, welche neu und bahnbrechend sich gestalteten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand man auf dem Standpunkt, daß die Pflanzen ausschließlich von den Zersetzungsprodukten der Humusstoffe leb­ten, und wies dem Ackerboden lediglich die Auf­gabe zu, Träger der Pflanzen zu fein. Diese von Albrecht, Dan. Thaer gestützte Humustheorie legte den bei der Verbrennung entstandenen Asche- oder Mineralbestandteilen keinerlei Bedeutuna bei; man hielt sie nur für zufällige Erzeugnisse Des pflanz­lichen Lebensvorganges. Schon K. Sprengel hatte aber bargelegt, daß die Bodenfruchtbarkeit durch den Mangel an Mineralftoffen verursacht ist. Er konnte sich jedoch nicht vollkommen von der Humus­theorie trennen, da er die düngende Wirkung noch teilweise durch die Ausnahme der Humusstoffe er­klärte. Liebigs Buch, das die erwähnte Revolution in der Landwirtschaft hervorrief, erschien vor 10 0 Jahren im Jahre 1840 unb hieß:Die organische Chemie in ihrer Anwenbung auf Agri- cultur unb Physiologie", später kurzAgrikultur­chemie" genannt. Er erlebte in rascher Folge meh­rere Auslagen. Was ist nun ber Inhalt bieses Buches, bas so revolutionierend auf bie bamalige West einwirkte?

Eines ber schönsten Ergebnisse seiner Betrachtun­gen in biesem Buch ist bas Gesetz vom Kreislauf ber Stoffe in ber Natur, b. i. ber Kreislauf des Lebens. Die grüne Pflanze unb nur diese ist in ber Lage, mit Hilfe bes Sonnenlichtes aus ben anorganischen Bestandteilen ber Luft unb ber Erbe bie verwickelt aufgebauten chemischen Verdinbungen organischer Natur zu erzeugen, indem sie dabei Sauerstoff an bie Luft abgibt. Die Duetten für bas Geben ber Pflanzen sind also nach Liebig aus­schließlich in ber Lust (Wasser, Kohlensäure, Am­moniak) und im Boben (Mineral- ober Aschen- ftoffe) enthalten. Das Tier dagegen lebt nur von den pflanzlichen Stoffen, es fetzt also zu seinem Leden diese organischen Verbindungen ber Pflan­zen als gegeben voraus. Das Tier (unb auch ber Mensch) verwenbet biefe organischen Verbindungen durch die Ausnahme des Sauerstoffs, der Atmung, erst zur Bildung arteigenen Eiweißes und art­eigener Fette, scheidet den unbrauchbaren Teil der Nahrung als Kot und Harn ab, um schließlich selbst, nach dem Tode, wieder zu Staub zu werden. Da­mit schließt sich der Kreislauf.

Um diesen Kreislauf zu erforschen, mußten also bie Pflanzen chemisch untersucht werden, um die

Art der chemischen Bestandteile und das Entstehen derselben in ben Pflanzen festzustellen unb um weiter zu ergründen, wie mit diesen Bestandteilen ber Lebensprozeß ber Pflanze sich vollzieht. Es wurden baher von Liebig unb feinem Schüler Fresenius Verfahren zur Untersuchung ber Pflanzenaschen ausgearbeitet unb zahllose Pflanzen chemisch untersucht.

Im zweiten Teil bieses Buches, welcher die Heber- schriftDie Gesetze bes Feldbaues" trägt, faßte Liebig das Ergebnis seiner Untersuchungen über bie Nährstoffe ber Pflanzen zusammen. Die Pslan- zen enthalten verbrennliche und unoerbrennliche Bestanbteile. Die verbrennlichen Substanzen be­stehen aus Kohlensäure, Ammoniak (Salpetersäure) unb Wasser. Die unverbrennlichen ausPhosphor­säure, Schwefelsäure, Kieselsäure, Kali, Natron, Kalk, Bittererde, Eisen, manche bedürfen Kochsalz. Alle diese Stosse haben sich nach unseren heutigen Kenntnissen, (eine Ausnahme bildet lediglich die Kieselsäure) tatsächlich als unentbehrlich erwiesen. Mit Ausnahme des Irrtums, daß ber Stickstoff, als Ammoniak, aus ber Luft ausgenommen wirb, alle anderen Nährstoffe, mit Ausnahme der Koh­lensäure, für welche er die Nützlichkeit ber Hümus- ftoffe annahm, jeboch burch die Würzeln, haben sich biefe Angaben Liebigs als Funbament ber Mine­raltheorie ebenfalls als vollkommen richtig erwie­sen. Jeber dieser Pflanzennährstoffe ist für bas Wachstum ber Pflanzen unentbehrlich. Fehlt einer ber Nährstoffe, ober ist er nur im Minimum vor- hanben, so ist auch ein Ueberschuß aller anberen wirkungslos. Diese wichtige Erkenntnis für bas Wachstum ber Pflanzen, bas sog.Gesetz des Mini­mums" von Liebig, besitzt auch heute noch, wenn auch weiter ausgebaut unb vervollkommnet, volle Gültigkeit. Ein großer Teil ber angeführten Nähr­stoffe ist stets in hinreichenber Menge im Acker­boden vorhanben, so baß ein Ersatz in ber land­wirtschaftlichen Praxis nicht burchgeführt werben muß. Andere Nährstoffe jeboch, bip zugeführt wer- den müssen, sinb ber Stickstoff, bie Phosphorsäure, bas Kali unb ber Kalk; Der Wert bes Stallmistes lag nach ber Meinung Liebigs im Sinne feiner Mineraltheorie bann, baß ein Teil ber burch bie Ernten bem Boben entzogenen Nährstoffmengen, auch ber Stickstoff, bem Boben wieder zugeführt wirb, so baß nach Liebigs Anschauung tiefer orga­nische Dünger burch eine Mineraldüngung ersetzt werben kann. Wir wissen heute jeboch, baß ber Humusgehalt bes Stallmistes, außer ber ernäh- renben Wirkung, auch noch für bie Erhaltung unb Hebung ber Bodenfruchtbarkeit von Wichtigkeit ist. Wir wissen ferner auch, baß mit ben verhältnis­mäßig geringen Mengen an Mineralftoffen, welche ber Stallmist enthält, ber Bebarf aller lanbroirt- schaftlichen Nutzpflanzen nicht gebetfi werben könnte, eine Tatsache, bie schon Liebig feftftettte, und die heute erst recht gültig ist.

Justus von Liebig war aber auch ber Mann, seine Erkenntnisse in bie Praxis zu übertragen. SeinPatentbünger", welcher bie Nährstoffs ent­hielt, bie man einem Boben zuführen muß, be- beutete zunächst einen schweren Fehlschlag, und bie- ser Mißerfolg brachte neue schwere Angriffe gegen seine Mineraltheorie. Von dem Gebanken aus- gehenb, baß ber Dünger vom Regenwäßer nicht in ben Untergrunb geschwemmt werden darf, weil er bann ben Pflanzenwurzeln nicht zugänglich ist, ver­anlaßte Liebig, eine Schmelze von Pottasche und Kalkphosphaten herzustellen, bie jeboch schwer lös- lich war. Alle Düngungsoersuche, welche Liebig an- stellte, fielen negativ aus, so auch in Gießen, wo Liebig am Rand bes Philosophenwaldes, auf ber Liebigshöhe", Versuche in größerem Ausmaße burchführte. Doch Liebig ließ sich baburch keines­wegs entmutigen, zumal feftftanb, baß die einzel­nen Bestandteile seinesPatentdüngers" eine gute büngenbe Wirkung ausübten. Es konnte ber Miß­erfolg dqher nur an ber - Herftellungsweife liegen. Liebig hat, wenn auch erst viel später, schließlich boch Recht behalten. In ber Heberzeugung ber über­aus wichtigen Bedeutung ber Phosphorsäure für bie Ernährung ber Kulturpflanzen hat Liebig burch ben Ausschluß von Knochen mit Schwefelsäure die Grundlage zur Superphosphatindustrie geschaffen.

Das Aufsehen, welches das Erscheinen dieses Buches insbesondere in ben Kreisen ber Lanbwirt-

lich kommen ihr Tränen. Sie will sie verbergen, erhebt sich hastig unb stürzt in bie Kajüte. %

Die anberen sehen ähr lachenb nach.

Flipo jagt ungelenk:Ach, was ist bas noch für ein Kinb!" Er steht auf, offenbar um ihr zu folgen, fefotjid) bann aber roieber.

Wirb sich roieber geben", meint Enzio in drüber- lid)em Gleichmut.

Da Ancia Maria nicht zurückkommt, geht Viktor nach einer Weile in bie Kajüte. Das Licht barin ist jetzt gelöscht, aber bas. Leuchten über bem Meer sickert burch bie Bullaügen unb verbreitet einen blaß-grünen, unwirklichen Schein.

Viktor sieht bas Mäbchen auf bem Ecksofa sitzen, reglos. Sie weint nicht, sie sinnt, träumt vor sich hin mit weit offenen Augen. Bei seinem Eintritt schreckt sie etwas zusammen.

Er geht zu ihr hin:Ancia? Was hast bu nur, Ancia Maria?"

Nichts ... Fragen Sie nicht ... Ich weiß

0 J?omm boch heraus Wir sinb gleich ba."

Sie steht gehorsam auf, geht aber nicht.

Viktor legt seine Hanb auf ihre Schulter unb streichelt beruhigenb barüber hin. Wie oft hat er diese freunbschaftliche Liebkosung für sie gehabt, ohne daß Ancia Maria etwas habet gefunben hätte.

Aber jetzt zuckt sie zusammen unb flüchtet nach ber Tür hin. Es ist eine fonberbare Flucht, bei ber es aussieht, als ob Ancia Maria bei jedem Schritt, den sie vorwärts tut, zurückgezogen würde zu Vik­tor An der Tür bleibt sie wieder stehen. Erst als sie hört, daß er hinter ihr herkommt, geht sie rasch hinaus.

Gleich darauf sind sie in Genua. Die beiden An- saldikinder verabschieden sich von den anberen unb nehmen mit Viktor zusammen einen Wagen. Ancia Maria sitzt neben Viktor auf einem Rücksitz Sie ist schweigsam geworben und träumt vor sich hin. Sie ist so müde, denkt Viktor. Auch Er>zio gähnt schläfrig und unterdrückt.

Dor dem Haus Ansaldi steigen alle drei aus. Enzio bezahlt den Wagen und geht nach dem Tor, um es aufzufchließen. Ancia Maria steht dicht vor Viktor und sieht ihn an. Sie hat die ganze Zeit über nach­gedacht, was sie ihm beim Auseinandergehen sagen

will. Aber nun vermag sie doch nicht auszusprechen, was sie gefunden hat.

Er streckt ihr die Hand hin:Gute Nacht, Ancia Maria. Du bist sicher sehr müde."

Nein .. .* Jetzt muß sie es sagen, noch kann sie es sagen. Sie öffnet den Mund, da tritt Enzio zu ihnen, und sie sagt leise:Gute Nacht, Herr Gie- nant." Sie wendet sich hastig um und ichlüpft durch das halboffene Tor.

Gute Nacht, Viktor. Schlafen Sie gut."

Gute Nacht, Enzio. Sie auch."

Langsam dreht Viktor um und geht nach seiner Wohnung hin. .Gute Nacht, Herr Gienanf, klingt es in ihm nach. Sonderbar! Herr Gienant! Zum erstenmal hat Ancia Maria ihn Herr Gienant ge­nannt. Warum diese feierliche Förmlichkeit auf ein­mal? Erwartet sie etwa, daß er jetzt auch Sie zu ihr sagt? Alt genug wäre sie ja nachgerade dazu. Aber er wollte damit erst anfangen, wenn sie aus ihrem Pensionat zurückkam. Sonderbares Geschöpf, diese kleine Ancia Maria!

Als er in sein Wohnzimmer kommt, dreht er kein Licht an. Er geht auf die Loggia und späht tri die Sternennacht über dem Meere. Dort in der Rich­tung muß Korsika liegen. Eigentlich sollte er da mal wieder hinfahren, mit Solterbeck zusammen. In flüchtigen Bildern zieht die Fluchtnacht vor zehn Jahren durch seinen Kopf. Aber im Grunde denkt er etwas ganz anderes. Er denkt an Ancia Maria. Er denkt, daß sie ihn bat, sie nichtkleines Mädchen" zu nennen. Er denkt daran, daß sie zusammen­zuckte, als sie feine Hand auf ihrer Schulter spürte, daß sie flüchtete vor ihm, daß sie ihnHerr Gie­nant" nannte.

Plötzlich fühlt er mehr, als daß er es klar erkennt, daß Ancia Maria kein Kind mehr sein will, kein Kind mehr ist, weil sie liebt. Weil sie ihn liebt! Diese überraschende Entdeckung erfüllt ihn mit einer wundersamen Reaung, die er zum Ersten und ein­zigen Mal empfunoen hat, als ihm Thea Jmmenhoff begegnete.

Ancia Maria steht ebenfalls im Dunkeln. In ihrem Zimmer steht sie, bie Knie gegen ben Ranb ihres Bettes gestützt unb bie Hänbe über bie Brust gelegt. Ein beseligtes Lächeln gleitet in ihre Munb- winkel, als sie mit geschlossenen Augen leise ins

schäft auslöste, war ungeheuer. Die polemische Ver­fechtung seiner Ansichten in Wort unb Schrift trug bazu bei, baß seine Erkenntnisse in weitesten Krei­sen bekannt würben.

Es liegt ganz im universellen Geist« eines Lie­big, baß er seine Untersuchungen über bie Chemie ber Pflanzennährstoffe auch tzleichzeittg auf bie Chemie ber organischen Verbindungen von Tier unb Mensch ausdehnte. Es sei daher an dieser Stelle eines weiteren Buches gedacht, das ebenfalls in Gießen entstand unb im Jahre 1842 erschien. Es ift dies bas Buch:Die Tierchemie und die or­ganische Chemie in ihrer Anwendung auf Physio­logie und Pathologie". Wenn auch dieses Buch nicht so umstürzlerisch wirkte wie sein erstes, so war es dennoch bahnbrechend, indem es bie moderne Ernährungswissenschaft für Tier und Mensch mit- begründen hals. Durch Diese untrennbare Verbun­denheit der Pflanzenernährungslehre mit der Tier- ernährungslehre, zweier Wissensgebiete, die orga­nisch zusammengehören, ist Liebig der Begründer der modernen Agrikulturchemie geworden.

Gießen, die Stadt, in der Justus von Liebig burch 28 Jahre lebte und hier seine fruchtbrinaend- ften und epochalsten Arbeiten schus, hat alle Ursache, stolz zu sein unb anläßlich bieses Buchsiidiläums seiner In Dankbarkeit zu gedenken.

23oriwtwn

Tageskalender für Dienstag (Silvester).

Stabttheater: 19 bis 22 Uhr Uraufführung mit Kabarett-EinlagenDer Ahnenpaß" Gloria- Palast, Seltersweg:Feinbe". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Beates Flitterwochen"; 13.30 Uhr MärchenvorstellungenDie Sterntaler", .Kaspar bei ben Milben",Der süße Brei",Der kleine Häwelmann".

Tageskalender für Mittwoch (Neujahrstag).

Stabttheater: 15.15 bis 17.30 UhrRotkäppchen"; 19 bis 22 UhrDer Vogelhändler". Gloria- Palast, Seltersweg:Feinbe". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Beates Flitterwochen^; 11 Uhr MärchenvorstellungenDie Sterntaler", »Gaspar bei ben Milben",Der süße Brei",Der kleine Häwelmann.

Silvester unb Reujahr im Stabttheater.

Der Silvester-Abenb gehört bem Schwank! So ist es seit Jahren, und so bleibt es auch heuer. In biesem Jahre wirb, wenn das neue Jahr aus ber Taufe aehoben wird, ein neuer Schwankurauf- geführt^! Der TitelDer Ahnenpaß" ist vielver- fprechenb. Unter ber Spielleitungvon Karl 33 o l cf wirken mit: Anneliese Garde, Waltraub Goettke, Hella Henzky, Hilbe Kneip; Kurt Bosny, Walter Erler, Hans Geißler, Raoul Laporte, Sieafr/ed Lowitz, Hans Albert Schewe, Karl Volck. Bühnen- bilb: Karl Löffler. Die Uraufführung erhält eine besondere Note baburch, daß Kabarett-Einlagen ber heiteren Siloesterstimmung Rechnung tragen wer­ben. Harry Grüneke, bas Herrenquartett, bie Tanz­gruppe, Arthur Apelt und Fritz Dietzmann an zwei Flügeln wirken in biesen Einlagen mit. Außer Miete!

Am Neujahrstag wird nachmittags bas Märchen­spielRotkäppchen" nach Gebr. Grimm von Her­mann Stelter wieberholt. Diese Vorstellung unb die Vorstellung am 5. Januar werben voraussicht­lich bie letzten Aufführungen bes Weihnachtsmär- chens fein müßen. Der Neujahrsabend bringt bie Wieberholung bes großen OperettenerfolgesDer Vogelhänbler" von Karl Zeller. Außer Miete!

Am 2. Januar wirb als roürbiger Abschluß de» heiteren Feiertags - Programms bes Stabttheaters bas weltberühmteMeister-Sextett" gastieren. Was unter dem MottoEin wenig Leichtsinn kann nicht schaden" das Gastspiel desMeister-Sextett" brin­gen wird, soll dem frohen Ausklang der Feiertage dienen. Außer Miete!

* 8 4. Geburtstag. Am heutigen 31. De­zember kann der frühere langjährige Besitzer des Schipkapaß", Gastwirt Jean Arnold, in aller Frische seinen 84. Geburtstag begehen. Dem Jubi­lar, der sich in weiten Bevölkerungskreisen von Stadt und Land aroßer Wertschätzung erfreut, gel­ten auch unsere herzlichen Glückwünsche zum Ge­burtstage und für einen weiteren schönen Lebens­abend.

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Dunkel hineinspricht, was sie vorhin Viktor hat sagen wollen:Ich hab dich so lieb, Viktor"

X.

Von diesem Tag ab ist Ancia Maria von Grund auf verändert. Unmöglich, die bisherige Vertraut­heit Viktor gegenüber fortzusetzen! Unmöglich, Vik­tor zu ihm zu sagen, harmlosen Gemütes in seine Wohnung zu laufen, ihn um diese oder jene Ge­fälligkeit zu bitten! Wahrhaftig, sie könnte ihm ^hre Liebe nicht besser offenbaren als dadurch, daß sie sich vor ihm zurückzieht. Sie beginnt, ein Tagebuch zu führen. Das ist ihr einziger Vertrauter, uno was sie hineinschreibk, ist von so überaus köstlicher Reinheit und Stärke, daß es zu schade ist, um e» einer heutigen, flüchtig dahinlebenden Welt mitzu­teilen, die kaum mehr den Unterschieb kennt zwi­schen kinohaster Sentimentalität unb echtem Geftihl.

Welch süß« Dual muß es ihr bereiten, wenn Vik­tor wie bisher spielerisch feine Hand auf ihre Schul­ter legt ober scherzhaft ihre Wange tätschelt! Sie sehnt sich nach einer solchen Berührung unb meidet sie boch. Sie erschauert barunter und erleibet zu­gleich Dualen, weil sie meint, baß er so gar nichts babei denkt unb empfindet Auch baß ex sie jetzt immer noch Du nennt, schmerzt sie Sie glaubt, auch er müsse von Stund an oerroanbelt sein.

Sie ahnt nicht, daß auch Viktor tatsächlich ver­wandelt ist, unb welche Selbstüberwindung es ihn kostet, weiterhin den fteunbschaftlich vertrauten Ton von bisher beizubehalten Auf keinen Fall will er ihrer Liebe, bie er gerade an ihrer scheuen Zurück­haltung recht gut erkennt, neue Nahrung geben. Das wäre ihm wie ein Vertrauensbruch ben Men­schen gegenüber oorgekommen, denen er so viel Der- bankt. Vor allem aber will er keinen Vertrauens­bruch an Ancia Maria selbst begehen.

Daß er dabei grundfalsch vorgeht, darüber wird er sich nicht klar Nichts kann eine junge, starke Liebe mehr ins Leidenschaftliche, ja ins krankhaft Ueberspannte hineinsteigern, als indem man sie un­erwidert läßt Ancia Maria sucht bie Einsamkeit auf, nur von ihrem kostbarsten Schatz, bem Tage­buch begleitet. Ihr Geheimnis erdrückt sie fast, aber sie hätte sich eher bie Zunge abgebissen, als daß sie sich ihrem besten Freund anvertraut hätte.

(Fortsetzu^ folgt)