ilnaewohnliche Kalte in England.
Nunmehr kommen aus England immer mehr Nachrichten, die auf ernstere Folgen der außergewöhnlichen Kälte Hinweisen. Es wird bekannt, daß tn allen englischen Großstädten in Tausenden von Häusern die Wasserleitungen eingefroren waren und die Haushaltungen ohne Wasserversorgung geblieben sind. 3n der ersten Hälfte des Monats Januar find viele Menschen infolge der Kälte und der Schneestürme ums Leben gekommen. Unter der Kälte hatte vor allem die Süd- und Südostküste zu leiden. In Folkestone hat der Schnee bis an die Dächer der Häuser gereicht, viele Familien waren in ihnen eingeschlossen, einige sogar vier Tage lang von der Außenwelt abgeschlossen. Die Schiffahrt an der Themse-Mündung hat infolge dichtem Nebel s e ch s- unddreißig Stunden lang fest gelegen. In der ersten Januarhälfte war der Frost so stark gewesen, daß zum erstenmal seit 1814 Teile der Themse f e st z u g e f r o r e n waren. Durch Explosionen von Warmwasseranlagen sind zahlreiche Unglücke entstanden, so ist in Newcastle eine ganze Familie mit vier Kindern tödlich verunglückt. In Nordwales sind verschiedene Personenzüge völlig eingeschneit.
Am Montagmorgen trat im Londoner Nah- und
Fernverkehr eine Reihe von Verkehrseinschränkungen in Kraft, nachdem bereits seit Wochen als Folge des für englische Verhältnisse ganz ungewöhnlich harten Winterwetters Z u g - Verspätungen und Zugausfälle an der Tagesordnung gewesen waren. Fernzüge aus Schottland und Nordengland trafen in London mit acht bis zwölf Stunden Verspätung ein. Auf den Bahnlinien, die London mit der Südküste verbinden, war der Fahrplan völlig zusammengebrochen. Auch auf den Vorortbahnen und der Untergrundbahn war die Zugfolge ganz unregelmäßig, was besonders in der Verdunkelungszeit zu ungeheuren Zusammenballungen von wartenden Fahrgästen auf den Bahnhöfen führte. Tausende erreichten in der Nacht zum Montag ihre Heimstätte nicht mehr und mußten im Dunkeln Notunterkunft suchen. Neben dem Wetter sind mangelhafte Kohlenzufuhren nach London für den Zusammenbruch ver- antwortlich. Sie sind eine Auswirkung des Handelskrieges in der Nordsee, der nicht nur eine Reihe von Kohlendampfern vernichtete, sondern durch das Geleitzugsystem und andere Vorsichtsmaßnahmen eine sehr starke Verlängerung der Reisedauer zwischen den Lieferhafen und London mit sich gebracht hat.
Die Velgrader Konferenz des Valkanbundes. Cincar-Markowitsch betont Entschlossenheit zur Wahrung des Friedens und der Neutralität.
Belgrad, 30.Ian. (Europapreß.) Der jugoslawische Außenminister Cincar-Markowitsch gab der Presse Informationen über die bevorstehende Konferenz des Balkanbundes in Belgrad. Die Konferenz werde keinerlei Sensation bringen, sondern nochmals die Solidarität und Entschlossenheit der vier Staaten zur Wahrung des Friedens und der Neutralität bekunden. In dieser Hinsicht sei auch Bulgarien völlig einig mit den Staaten des Balkanbundes. Der Balkanbund verfolge mit Sympathie und Vertrauen d i e Bemühungen Italiens und Ungarns, den Frieden in diesem Teil Europas zu erhalten. Besonders vertrauensvoll verfolge der Balkanbund die Bestrebungen Italiens, zwischen Ungarn und Rumänien, sowie zwischen Rumänien und Bulgarien zu vermitteln. Auf der Konferenz würde kein Block- und Verteidigungsbündnis geschloßen werden, das ge- aen irgend jemand gerichtet sein könnte. Den wirtschaftlichen Fragen werde man auf der Konferenz den entsprechenden Raum einräumen.
Die Lime der Türkei.
B u k a r e st, 30. Januar. (Europapreß.) Wie aus Ankara berichtet wird, hat Außenminister Saracoalu in der Zeitung ,^umhuviet" zum Zusammentritt des Ständigen Rates des Balkan- bundes in Belgrad erklärt, auf dieser Tagung würden die Beziehungen der Balkanstaaten untereinander und mit den Großmächten ebenso wie die einzelnen Phasen der Entwicklung dieser Beziehungen geprüft werden. Die Beziehungen der Türkei zu Bulgarien entwickelten sich in der allergünstigsten Weise. Die Unterredung des Generalsekretärs im türkischen Außenministerium, Menemencioglu, mit dem bulgarischen Ministerpräsidenten Kjosseiwanoff in Sofia hätte erfreuliche Ergebnisse gezeitigt. Die Telegramme, die. Mischen dem türkischen Staatspräsidenten und König Boris gewechselt worden seien, könnten als dke ersten Kundgebungen einer glücklichen Entwick- luna der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten angesehen werden. Auf die Frage, ob der Krieg sich auch aus den Balkan ausdehnen könne, antwortete der türkische Außenminister: „Was uns angeht, so sind wir in einer Lage, die von allen Gesichtspunkten aus Vertrauen einflößt. Wir werden weiter gute Beziehungen mit unseren Nachbarn und mit allen großen und kleinen Staaten unterhalten."
Das Ende
einer Lügenkamvagne.
Berlin, 29. Ian. (DNB.) Nachdem sich die in aller Welt ausgestreuten englisch-französischen Behauptungen, wonach sich deutsche Truppen in Russisch-Ostgalizien befänden, durch Feststellungen von amtlicher deutscher Seite a l s abgefeimte Lügenmanöver erwiesen haben, sucht das bloßgestellte englische Lügenrniniste- rium nunmehr nach einer letzten Rückzugsmöglichkeit aus dieser blamablen Situatton. Als letzte Phase dieser Lügenkampagne läßt es jetzt durch Havas erklären, daß zwar keine regulären deutschen Truppen, wohl aber „schwarze Milizen" und „Totenkopfverbände" in Russisch- Ostgalizien ständen.
Dazu wird von der zuständigen deutschen Stelle festgestellt, daß sich auch keinerlei -^-Formationen in den genannten Gebieten jenseits der deutschen Grenze befinden. Damit ist dem englischen Lügenministerium auch der letzte Rückzugo- weg versperrt. Es steht wieder einmal nackt vor aller Welt am Pranger.
Französisch-englische Besichtigungsreisen in der Türkei.
Istanbul, 29. Ian. (DNB. Funkspruch.) Wie aus Ankara verlautet, tritt der französische General W e y g a n d am Montagabend in Begleitung hoher türkischer Offiziere eine Besichtigungsreise angeblich ,chu r ch das Erdbebengebiet" von Ostanatolien bis Erserum an. Weiterhin soll die Fahrt durch ganz Anatolien bis zur Grenze von Syrien fortgesetzt werden. Gleichfalls unter dem recht fadenscheinigen Vorwand, die in England gesammelten Gelder» für die Erdbebenopfer zu verteilen, ist ausgerechnet der englische General Windham Deeds ausersehen worden, das türkische Erdbebengebiet zu besichtigen.
Wahlsieg derHegierung in Bulgarien.
Sofia, 29. Januar. (Europapreß.) Die Wahlen zur Sobvanje fanden am Sonntag mit den Abstimmungen in den Bezirken Softa und Stara Zagora (Südbutgarien) ihren Abschluß. Von den 51 dort noch zu wählenden Ab-geordneten wurden 42 Anhänger der Regierungspolitik gewählt. Damit verfügt die Regierung im neuen
Svbranse über insgesamt 14 0 Abgeordnete, während nur 20 Anhänger der Opposition vertreten sein werden. Im letzten Sobranje vertraten nur 98 Abgeordnete die Politik der Regierung. Die am Sonntag abgeschlossenen Wahlen können somit als ein großer Erfolg der Regierung Kjosseiwanoff bezeichnet werden. Von den Anhängern der Opposition wurden in Sofia die früheren MinisterpräDenten Musch ano ff und Z a n k o f f gewählt.
Oer „Asama-Maru"-Fall.
Scharfe Entschließung der antibritischen Liga in Tokio.
Amsterdam, 29. Januar. (DNB. Funkspruch.) Die brittsche Antwort auf die japanische Protestnote wegen der Aufbringung der „Asama Maru" wird wahrscheinlich erst in einigen Tagen veröffentlicht werden. Inzwischen werden die Besprechungen zwischen dem brittschen Botschafter in Tokio, Crai- g i e und dem japanischen Außenminister Arita fortgesetzt. 15 Vertreter der antibritischen Liga überreichten dem britischen Botschafter in Tokio eine Entschließung, in der es heißt: „England hat sich mit dem ,Asama-Maru^-Zwischenfall vor den Toren der japanischen Hauptstadt unter Nichtachtung der japanischen Flotte gegen Gott und die Menschen arrogant benommen. Sollte England sein Vorgehen nicht überprüfen, so muß Japan Gewalt mit Gewalt beantworten und gegen den wirklichen Feind, der den Widerstand Tschiang- kaischeks gegen Japan immer noch unterstützt, z u kriegführenden Rechten greif en. Wenn England sein Vorgehen nicht noch einmal überprüft, muß Japan Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, Hongkong und Sjngapore bedrohen und Indien in seinem Kampf um die Befreiung vom englischen Joch helfen. Wir sind entschlossen, England zu stürze n."
Aach Kündigung des jopamsch- amerlkanischen Handelsvertrages
Washington, 29. Jan. (Europapreß.) Die USA.-Presse beschäftigt sich mit dem Erlöschen des amerikanisch-japanischen Handels- und Freundschaftsvertrages und meint, daß nun eine günstige Gelegenheit gekommen sei, die USA.-Rechte in China, wie sie vertraglich festgelegt seien, wiederherzust eilen, denn Japan sei in seiner Entschlußfreiheit durch das chinesische Engagement gehemmt und infolge des europäischen Krieges in handelspolitischer Hinsicht weitgehend auf die USA. angewiesen. In Kongreßkreisen erwägt man die Frage der Verhängung des Waffenausfuhrverbots gegen Japan als Druckmittel, durch das Japan zur Beendigung des chinesischen Krieges gezwungen werden soll. Es fehlt auch nicht an Stimmen, die die Entwicklung der japanisch-amerikanischen Handelsbeziehungen mit größter Skepsis betrachten und den Wirtschaftskrieg der Regierung Roosevelt gegen Japan nur zögernd billigen. So weist General Johnson darauf hin, daß der nun zu erwartende A u s f a l l d e s USA.« Baumwollexports nach Japan in den Südstaaten keineswegs gutgeheißen n>erde, da der China-Handel durch den Ausfall keinerlei Ersatz bieten könne. Im Staatsdepartement hegt man die Befürchtung, England werde den amerikanischjapanischen Spannungszustand dazu benutzen, einen eigenen japanischen Handel zu forcieren. England habe entgegen den Erwartungen einen eigenen Handelsvertrag mit Japan nicht gekündigt. Don einer einheitlichen angelsächsischen Politik in der japanischen Frage könne also keine Rede sein.
Oie Neuordnung Elnnas.
Schanghai, 29. Ian. (DNB.) Wie Wang- T s ch i n g - w e i auf der Tsingtauer Konferenz erklärte, wird die neue chinesische Nationalregierung alle ausländischen Anleihen, die vor Ausbruch des chinesisch-japanischen Konfliktes ausgenommen wurden, grundsätzlich anerkennen. Alle während des Konfliktes aufgenommenen Anleihen müßten vor Anerkennung auf ihre Rechtmäßigkeit geprüft werden. Die neue Nationalregie-
Barbaren des Seekrieges.
Während Winston Churchill immer wieder e* zählt, daß die deutsche U-Boot-Gefahr gebannt sei, und trotzdem in merkwürdiger Geistesverwirrung weiter versichert, England müsse jetzt alles tun, „um die deutschen U-Boote abzuwürgen und die See von Minen zu säubern" — eine, wie Churchill selbst zuaibt, kostspielige und anstrengende Aufgabe — hat ein deutsches U-Boot diesem verzweifeln, den Bramarbas die beste Antwort erteilt. Es ver. senkte aus einem Geleitzug, der von der französischen Kolonie Senegal nach Bordeaux unterwegs war, zwei Frachtdampfer, und zwar auf der Höhe der durch ihren Wein bekannten por. tugiesischen Stadt Porto (Oporto). Die torpedier, ten Frachter waren französischer Nationalität, sie hießen „Alsacienne" und „Tourny". Die Sicherung dieses Geleitzuges hatten englische Kriegsschiffe übernommen. Die Mannschaften der „Tourny", die von dem Spanienfrachter „Castillo de Monforte" übernommen und nach Vigo gebracht wurden, haben dort so merkwürdige und so' schwerwiegende Angaben gemacht, daß wir uns näher mit ihnen beschäftigen müssen.
Die Besatzungsmitglieder der ,Zourny" schilderten zunächst die Wirkung des Unterseebootangriffes. Die im Geleitzug fahrenden Frachter und die englischen Kriegsschiffe seien „sofort aus- e i n a n d e r g e st o b e n". Jedes Schiff versuchte sich also unter der Einwirkung der U-Bootpanik zu retten, so gut es konnte, wobei die englischen Kriegs- schiffe mit gutem Beispiel vorangingen! Auf diese Weise ist der Geleitzug wohl derartig auseinander geraten, daß keiner der Frachter Zeit fand, sich um die Mannschaften der torpedierten Schiffe zu kümmern. Erscheint schon dies Verhalten seltsam und dem Prinzip der seemännischen Ehre zuwiderlaufend, so ist die feige Haltung der englischen Kriegsschiffe, die doch diesen Geleitzug sichern sollten, geradezu skandalös. Sie überließen die Mannschaften der sinkenden französischen Frachter ruhig ihrem Schicksal und suchten s e l b st das Heil in der Flucht, und Mar so gründlich, daß sie nicht wieder aufzufinden waren. Denn wie die Seeleute von der ,»Tourny" weiter erzähltem sind sie in ihren offenen Rettungsbooten ftun*
rung strebe im übrigen eine Einheitswahrung für ganz China an. Post, Telegraf, Eisenbahnen, Wehrmacht, Polizei und Zoll werden der neuen Nationalregierung unterstellt. Die Zölle sollen für ganz China einheitlich festgesetzt werden. Die I n n e n m o n g o l e i, d. h. Tschachar und Suiyuan, werde autonom, während Nord- china, d. h. die Provinzen Hopei, Schansi und Schantung bis zur Lunghai-Bahn, dem nord- chinesischen Rat für politische Angelegenheiten unterstellt werde. Dessen Hauptaufgabe soll aber lediglich darin bestehen, den wirtschaftlichen Wieder- aufbau zu leiten und für die Sicherheit des Landes zu sorgen. Die neue Nattvnalregierung werde allmählich eine eigene Armee schaffen, deren Garnisonen über ganz China verteilt sind. Bis zum Abschluß eines endgültigen Friedens bleibe die Der- antwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Händen der japanischen Armee.
Italiens Verteidigungsanlagen.
Rom, 29. Jan. (Europapreß.) In Gegenwart des Unterstaatssekretärs des Krieges, General Soddu, hat Mussolini die Generäle Monti und Arno ro so sowie Oberst Fortunato empfangen. In einem über einstündigen Bericht hat General Montt über die Fortschritte im Bau der Verteidigungsanlagen des Mutterlandes Bericht erstattet. Der Duce hat alsdann den Stellvertreter des Generalstabes der Territorialarmee, General B e r g i a, empfangen, der ihm über die Luftabwehr Bericht erstattete. Mussolini hat mit Genugtuung davon Kenntnis genommen, was auf diesem wesentlichen Gebiet der Landesverteidigung geleistet worden ist und Richtlinien erteilt für eine weitere Verstärkung, die neben der Vermehrung der Waffen in einem Uebungskurs zur Ausbildung der Bestände der Dicat (Luftabwehr) zu einem noch festzusetzen- den Zeitpunkt bestehen.
Oer Ernst des Lebens.
Don Otto Anthes.
Fünf Jahre war Peter alt, als er die ersten Hosen mit richtigen Hosentaschen bekam. Er hatte sich schon immer mannhaft gefühlt, aber nun erst war ihm die Möglichkeit gegeben, diesem Gefühl den entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Wenn er jetzt, beide Hände von seitwärts tief in die Taschen geschoben, pfeifend über den Hof wandelte oder brettbeinig am Kaltbach stand, dann war er sich bewußt, in jedem Betracht seinen Mann zu stehen.
Peter war der Sohn des Freiherrlich vom Stein- schen Amtmanns und wohnte im Flügel des Stammschlosses derer vom Stein in Nassau an der Lahn. Der Freiherr, einst die Hoffnung Deutschlands, hatte sich alternd dorthin zurückgezogen, gänzlich vollgesvgen von Verachtung der Welt und der Menschen, nachdem er das Katzbuckeln der deutschen Fürsten vor Napoleon miterlebt und nachher bei der Neuverteilung von Deutschlands Land und Leuten auf dem Wiener Kongreß ihr Feilschen und Markten um eben dieses Land und seine Bewohner angesehen hatte; und gleicherweise angewidert von dem Verhalten der Neuverteilten, die vor ihren neuen kleinen Göttern ebenso dienerten und sich unwürdig machten, wie sie es vordem vor den alten getan hatten.
Peter wußte davon nichts, aber er war ein unerschrockener Bub, der sich auf seine Art den Dingen der Welt gegenüber behauptete. Als ihn sein Vater zum erstenmal einer kleinen Missetat wegen übers Knie legte und ihm dos Höschen stramm zog, hatte er den Kopf herumaedreht und indem er den Zur Züchtigung Entschlossenen schelmisch zugleich und warnend ansah, nur gesagt: „Du, du!" Worauf der Vater, gänzlich entwaffnet, das Stöckchen finken ließ, den Buben freigab und, wie um sich zu entschuldigen, zur Mutter sagte: „Er hat den Ernst des Lebens noch nicht erfaßt."
Dieser Peter also strich eines Tages, aus der elterlichen Wohnung kommend, über den Schloßt)of, als der Freiherr aus der Pforte trat. Peter, der ihm geradewegs vor die Füße gelaufen war, machte kurz Halt und verbeugtc sich, wie man es ihn gelehrt hatte.
„Willst du nicht die Hande aus den Hosentaschen nehmen, wenn du mich grüßest", sagte der Freiherr.
»No", sagte Peter.
„Warum willst du denn nicht?"
„EU warum soll ich dann?"
„Weil es sich schickt."
Peter sah den ernsten Mann eine Weile gerad und offen an, bann schüttelte er den Kopf. Und dann sagte er: „Weil du es bist." Zog langsam die Hände seitwärts aus den Taschen, machte noch eine Verbeugung und ging davon.
Der Freiherr folgte ihm eine Zeitlang mit dem Blick. Dann rief er: ,^omm doch noch einmal hier-
Zögernd kam der Bub zurück.
„Warum hast du nun bei mir die Hände doch aus den Taschen genommen, obgleich du nicht wolltest?"
Wieder schaute ihm der Bub stracks ins Gesicht.
„Weil Vater sagt, daß du der beste Mann in Deutschland bist."
Da legte der Freiherr die Hand auf des Buben Schulter.
„Du hast recht, mein Sohn", fernte er. „Mach nur so weiter! Nur vor den Besten soll der Deutsche sich beugen. Vor den andern nicht."
Nun aber hatte der Vater aus dem Fenster seiner Amtsstube den Vorgang beobachtet. Als Peter sich zur Mittagszeit einfand, befragte er ihn darum. Und Peter erzählte ohne Scheu, daß er die Hände hatte aus den Taschen nehmen sollen und nicht gewollt hätte. Was hinterher gekommen war, insbesondere das Lob, das er schließlich geerntet hatte, verschwieg er. Da wurde der Vater fuchsteufelswild.
„Willst du denn nie lernen, was sich gehört?" schrie er. „Du bist doch nachgerade alt genug. Marsch hinaus! Ich will dich heut nicht bei Tisch sehen."
Peter ging stumm hinaus und verweilte vor der Tür in finsterem aber verhaltenem Trotz, weil er sich unschuldig fühlte, nachdem der Freiherr selbst ihn belobt hatte. Er wäre aber lieber gestorben, als daß er das zu seiner Verteidigung gesagt hätte. Als indes Babett, die Magd, mit den verführerisch duftenden Kartoffelkräppeln an ihm vorbei durch die Tür ging, da konnte er nicht widerstehen. Er trat hinter der Babett ein, schlenderte nachlässig zu seinem Tischplatz und sagte herablassend: „No, dann will ich noch einmal mit euch effe".
Da konnte der Vater sich nicht halten, er prustete los und rief: „Nein, er wird ihn nie erfassen, den Ernst des Lebens."
Peter aber, indem er seinen Kartofselkräppel auf der Gabel zum Munde führte, sah ihn vorwurfsvoll an und dachte: „Wenn ihr wüßtet, wie ernst mir das alles ist!"
Alkoholfreier Punsch.
Es gibt ein sowohl ungeschriebenes als auch geschriebenes Gesetz, das lautet, wie jeder Schauspieler weiß: Auf der Bühne darf kein Alkohol getrunken werden. Dieses Verbot gilt immer und überall, selbst dann, wenn der Autor Schwipsorgien auf der Bühne zu entfesseln für notwendig hält und nicht einmal Heinz Rühmann hat im „idealen Gatten" feinen Mordsrausch durch einen echten Kirsch nachholen dürfen.
Kein Gesetz aber ist so streng, als daß es nicht doch umgangen werden könnte. In Tittsberg ist auch das Alkoholverbot einmal — aber wirklich nur ein einziges Mal — durchbrochen worden, und das war so:
Das Sommertheater hatte den „Goldfisch" zu spielen, einen Schwank, in dessen drittem Akt sich alles — die Handlung, der Dialog und die Schauspieler — um eine Punschterrme dreht. Nun herrschte am Abend der Erstaufführung in Tüts- berg ein Wetter, an dem niemand den sprichwörtlichen Hund auf die Straße zu jagen gewagt hätte. Es goß in Strömen, das Thermometer zeigte auf zehn Grad und der Bühnensaal — ein Holzschuppen, durch dessen Fugen der Wind fegte — war ungeheizt. Das Publikum saß — in Mäntel und Decken gehüllt — mit finsteren Gesichtern auf den harten Stühlen. Die Schauspieler in vorschriftsmäßigen Sommerfähnchen und ärmellosen Polo- Hemden — klapperten wie die Mühle am Bach. Der zweite Akt, der ausgerechnet im „Sonnenlicht eines überheißen Sommertages" spielte, wirkte wie blutiger Hohn auf den Seelenzustand der Zuschauer, und als in der Pause gut zwanzig ältere Damen aus dem froststarrenden Spiel auf der Bühne die Konsequenzen zogen und das Theater verließen, da beschloß Hermannrich, der Spielleiter, zu handeln: Er goß, ängstlich in eine dunkle Ecke gedrückt, eine ganze Flasche Kognak in das bereitstehende Kupfergefäß, das theoretisch den aktfüllenden Punsch, prak- tisch aber nur ein paar Liter labbrigen Tee enthielt.
Die Folgen dieser Notwehrhandlung waren gewaltiger, als Hermannrich zu hoffen gewagt hatte. Allein die Überraschung der Schauspieler, als sie zum erstenmal statt des kraftlosen Tees ein immerhin Leib und Seele wärmendes Etwas kosteten, gab dem Spiel jene übermütige Fröhlichkeit, die eigentlich schon lange da sein sollte. Im Verlauf der nächsten Viertelstunde aber, während der nach dem Willen des Autors von allen, auch von den Schauspielerinnen, tapfer gezecht wurde, steigerte sich diese
Fröhlichkeit zu einem Taumel des Beschwipstseins, der sowohl über die Absichten des Spielleiters als auch über die Selbstb eh er rschung der Darsteller weit hinaus ging. Die letzte Szene, in der Fräulein Eleonore auf einen Tisch zu springen und eine Rede Zu halten hatte, fiel sozusagen unter eben diesen Tisch. Denn Eleonore war ganz und gar nicht mehr in der Lage zu reden, geschweige denn zu springen.
Der Vorhang fiel. Das Publikum, überraschend mitgerissen von der bacchantischen Glut dieses Spieles, applaudierte. Hermannrich aber stand bleich in den Kulissen und rang die Hände. „Kinder", stöhnte er, „könnt Ihr denn so wenig vertragen? Eine einzige Flasche Kognak in so viel Tee, und--4
3n diesem Augenblick packte jemand seinen Arm, Es war Horich, der Direktor. „Was sagen Sie?' ächzte er, ,/5ie haben auch Kognak in den Punsch getan?"
,Zch höre immer Kognak!" rief der Hauptdarsteller, der soeben mit unsicheren Schritten von der beifallumbrandeten Bühne kam, „das Zeug hat ab et doch nach Aquavit geschmeckt!"
„Ach", flüsterte der Autor (der immer und immer roieber den Erstaufführungen beizuwohnen pflegte), „ine beiden Flaschen Aquavit habe ich in den Tee geschüttet."
Die Schauspieler waren geneigt, sich vor Lachen in die Finger zu beißen. Der Direktor, der nicht einmal mit disziplinarischen Strafen zu drohen in der Lage mar, stand wie zur Salzsäule erstarrt. In diesem Augenblick trat Huske, der Inspizient, zu der Gruppe. „Aber Herrschaften", sagte er, was habt Ihr denn da eigentlich getrunken? Soeben habe ich festgestellt, daß Frau Klanke vergessen hat, den Tee in die Punschbowle zu gießen!" rie.
Guten Morgen, John Bull!
. — Der Münchner Schriftsteller Eugen Kalk« ! ch m i d t, der 1914 bis 1918 als Kriegsberichterstat- kr tätig gewesen ist, erzählt im Februarhest von Belagen & Klasings Monatsheften eine reizende ! schickste von einem U-Boot, das an einer Boje vor der Themse festgemacht hatte und mit weißer Farbe ™rote Boje schrieb: „Guten Morgen, John Bull! Wie hast du heut nacht geschlafen?" Dann ftihr das U-Boot nach Hause. Als es nach einigen Tagen wiederkam,' war die rote Boje mit der weißen leuchtenden Farbe inzwischen grau angestrichen, aber oas hinderte die U-Boot-Jungen nicht, eine neue Anschrift anzubringen: „John Bull, du altes Dussel- tierl Du luchft uns, unö wir lagen hiexl'


