Aus -er Stadt Gießen.
(Sommerferien.
Das Wort „Ferien" gehört zu den Lieblings- wörtern unserer Kinder. Selbst die Kleinen, die erst wenige Wochen zur Schule gehen, sprechen seit Tagen davon, daß jetzt die großen Ferien kommen. Sommerferien ist ein Wort mit Inhalt, der Inbegriff von Freiheits Erholung und Lebensfreude.
Und nun ist es soweit. Die Ranzen und Schulmappen haben für einige Wochen Ruhe. Sie bleiben an ihrem Platze liegen. Die große Pause ift gekommen, die Tage der Erholung fangen an.
3n diesem Fahre des großen Weltgeschehens wurde ja wohl das Wort Ferien öfters vergessen, die Erwachsenen denken kaum noch daran. Unsere Fugend aber vergißt es nicht. Sie hat ja auch manches geleistet in den letzten Schulwochen. Reben der Schularbeit sammelte sie eifrig Altmaterial, brachte Knochen mit in die Schule, Korke, Stanniol u. v. a. An manchen Nachmittagen ging es hinaus, um Kamillen, Lindenblüten und andere Heil- pflanzen zu suchen. Das können die Kinder .freilich nun auch in den Ferien. Aber zunächst wollen sie einmal ausruhen, sie wollen eine richtige Freizeit haben. Und die soll ihnen auch werden.
Die Erwachsenen sagen bei ihrem Urlaub: Jetzt vor allem richtig ausschlafen! Aber die Kinder sind meistens Frühaufsteher, auch in den Ferien. Das ist gut so, denn der Morgen des Sommers ist am schönsten. Fhn können sie jetzt voll und ganz genießen. Wie oft haben sie in den letzten Wochen mit Sehnsucht nach den weißen Wölkchen am Himmel geschaut! Wer doch da mit hinausfliegen könnte in die weite Welt! Aber die Schule war unerbittlich. Tag für Tag, Stunde für Stunde mußte gearbeitet werden.
Nun sind die Kinder Herr über ihre Zeit. Sie können all' das genießen, was chnen der Alltag nur zeitweise gab. Der eine kann Sport treiben, soviel er will, ein anderer wieder eine Leseratte, kann sich mit dem Buch in den Schatten der Anlagen, des Gartens oder des Waldes setzen, ein dritter kann wandern oder seine Bekannten auf dem Lande besuchen und dort bei der Feldarbeit tüchtig zugreifen. All das sind Ferienfreuden.
Kommt einmal Regenwetter oder sonst ein Hindernis, dann werden die Kinder noch lange nicht mißmutig. Die sogenannten stillen Tage lenken den Blick auf die schönen Bücher, oder auf eine kleine Handarbeit.
Und wie wir nach einem arbeitsreichen Tage am Abend zufrieden zurückblicken können, so werden auch unsere Buben und Mädchen nach dem Ferienschluß beglückt festftellen, daß sie sich erholt und gekräftigt haben in den schönen Tagen der Sommerferien. Mit neuem Mut und neuer Kraft werden sie ihre Schulaufgaben vornehmen. Die Erinnerung an die Sommerferien aber wird noch lanae Zeit ihr Leben erhellen. H.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Deutsche Arbeitsfront, NS.-Gemeinschaft „Straft durch Freude": 20.15 Uhr im Stadttheater „Großer Bunter Abend". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Lauter Liebe"; 14.45 Uhr Wochenschau-Sondervorstellung „Siegesfahnen über Deutschland". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Sommer, Sonne, Erika".
Tageskalender für Sonntag.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Wieseck: 14 und 15.30 Uhr im Saale Braun Ueberreichunq der Mütter-Ehrenkreuze dritter Stufe. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Lauter Liebe"; 11 Uhr Wochenschau- Sondervorstellung „Siegesfahnen über Deutschland". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Sommer, Sonne, Erika". — Deutsche Stenografenschaft: 9 Uhr in der Oeffentlichen Handelsschule, Werner- wall 11, GaUverbands-Leistungsschreiben.
Notizen für den 29.3unl
Sonnenaufgang: 5.06 Uhr, Sonnenuntergang: 21.51 Uhr; Mondaufgang: 1.36 Uhr, Monduntergang: 16 16 Uhr.
Notizen für den 30. Juni.
Sonnenaufgang: 5.06 Uhr, Sonnenuntergang: 21.50 Uhr; Mondaufgang: 2.01 Uhr, Monduntergang: 16.01 Uhr.
Großes Wohnungsbauprogramm in Gießen.
Am Donnerstag haben wir über einen Erlaß des Reichsarbeitsministers zur Durchführung von Wohnungsbauplänen in den Städten nach dem Kriege berichtet Wir haben uns daraufhin bei der maßgebenden Stelle der Stadt Gießen nach den hiesigen Wohnungsbauvorhaben erkundigt und dabei sehr interessante Feststellungen über ein großzügiges Wohnungsbauprogramm in Gießen gemacht.
Die Gemeinnützige Wohnungsbau G.m.b.H. als beauftragte Organisation des Oberbürgermeisters in den Angelegenheiten des Wohnungsbaues der Stadt Gießen hat ein Wohnungsbauprogramm vorbereitet und zum Teil noch kurz vor dem Ausbruch des Krieges in Angriff genommen, das sich auf die Schaffung von insgesamt über 300 Mittel- und Kleinwohnungen beläuft. Dieses große Bauvorhaben erweitert die im Fahre 1936 begonnene und bisher mit insgesamt 461 errichteten Wohnungen — davon 360 im Schwarzlachgebiet, 78 am Leimenkauter- und Läufertsröderweg und 23 im Zuge der Altstadtsanierung I am Kirchenplatz/Lindenplatz — bereits sehr fruchtbare Arbeit der Gemeinnützigen Wohnungsbau G.m.b.H. um ein weiteres bedeutsames Stück. Mit dem jetzigen Wohnungsbauprogramm von über 300 Wohnungen dürfte der nach wie vor großen Nachfrage nach Mittel- und Kleinwohnungen in weitreichendem Maße entsprochen werden.
Die künftige große Wohnungsbauarbeit erstreckt sich zunächst aus die Errichtung von 21 großen Doppelhäusern mit insgesamt 252 Wohnungen im Schwarzlachgebiet. Davon sind 8 Doppelhäuser mit zusammen 96 Wohnungen bereits im Juni vorigen Fahres in Angriff genommen worden, die Arbeiten mußten aber bald nach Kriegsausbruch eingestellt werden. Sobald die Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Wohnungsbau- tätigkeit gegeben sind — vielleicht noch im Herbst, auf alle Fälle aber unmittelbar nach dem Kriege — werden nicht nur die Bauarbeiten an diesen 8 Häusern wieder in Gang kommen, sondern auch der Bau der übrigen 13 Doppelhäuser wird sofort beginnen, so daß also das gesamte Projekt mit 21 Doppelhäusern und 252 Wohnungen in einem Zuge zur Durchführung gelangt. Bei diesem Bauvorhaben handelt es sich um die Schaffuna von 4-Raum- Wohnungen, entsprechend den Wünschen der Reichsregierung für den aus Reichsmitteln geförderten Bau von Mittel- -und Kleinwohnungen. Die Wohnungen werden teils als 3-ZimmerMohnungen mit eingerichtetem Bad und Küche, teils als 2-Zimmer- Wohnungen mit eingerichtetem Bad und Küche, ferner einem ausgebauten Zimmer im Dachgeschoß geschaffen. Gegenüber den seitherigen Wohnungsbauprojekten werden die jetzt zu schaffenden Wohnräume etwas größer sein; der Unterschied gegen früher besteht darin, daß nach den bisherigen Bestimmungen über den Bau von Volkswohnungen nicht größer gebaut werden durste und dafür auch eine entsprechende Begrenzung in der Miethöhe vorgeschrieben war. Jetzt ist es nach den neuen Bestimmungen aber möglich geworden, einen größeren Flächeninhalt für die einzelne 4-Raum-Wohnung vorzusehen, ohne allerdings dadurch die Miethöhe untragbar werden zu lassen. Die Projektierung der neuen Wohnhausbauten ist vollständig fertig, die Finanzierung ist in allen Teilen abgeschlossen und. genehmigt, das erforderliche Baumaterial ist gesichert, so daß dem Baubeginn unmittelbar nach dem Kriegsende, vielleicht auch schon vorher, nichts im Wege steht. Wenn die Bauarbeiten noch in diesem Herbst in Angriff genommen werden können, wird mit der bezugsfertigen Bereitstellung der neuen Wohnungen im Sommer des nächsten Jahres zu rechnen sein. Die neuen Häuser im Schwarzlachgebiet werden sich in ihrer architektonischen Gestaltung an die bisher dort gebauten Häuser anschließen, sie werden aber künftig Vorgärten erhalten, damit das Straßenbild noch mehr als bisher gewinnt. Die Bebauung wird in der Richtung nach dem Bahndamm zu erfolgen, jedoch eine ganze Strecke von diesem entfernt bleiben, damit dort für andere Aufgaben noch Gelände verfügbar ist. Das gesamte Baugelände befindet sich im Besitz der Stadt.
Neben diesem großen Bauprojekt wird ejn am Eichgärtenweg bereits errichtetes Kleinrentner-Wohnhaus mit insgesamt acht Wohnungen bis zum Herbst bezugsfertig werden. Darüber hin
aus ift ein weiteres Wohnhausbauprojekt an der Fröbelstraße fertig ausgearbeitet, bei dem es sich um die Schaffung von 20 Wohnungen, je drei Zimmer mit Küche und Bad, in zwei großen Doppelhäusern handelt. Die Finanzierung dieses Bauvorhabens ist ebenfalls sichergeftellt, das Bauland ist im Besitz der Stadt, so daß auch hier sofort nach Kriegsende mit dem Bau begonnen werden kann.
Schließlich ist noch ein Bauprojekt an der Mar. burger Straße/Schwarzlachweg aus$e arbeitet, bei dem es sich um die Errichtung vg, mindestens drei Doppelhäusern mit 36 Wohnunger, je 3 bzw. 4 Zimmer mit Küche und eingerichteten, Bad, handelt. Dieses Bauprojekt wird erst zu einen späteren Zeitpunkt in Angriff genommen werden. B.
Die Betreuung der Wehrdienstdeschädigien.
NSG. Die Erfahrungen aus dem Weltkrieg mit der Betreuung der Soldaten und deren Angehörigen gaben der Führung Veranlassung, rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um in Zukunft nach Möglichkeit Mängel und Härten zu vermeiden. So find im vergangenen Jahre in großzügiger Weise mehrere Gesetze auf dem Gebiete der Versorgung und Fürsorge geschaffen worden, die den sozialen .Auswirkungen des Krieges weitgehend Rechnung 'tragen sollen. Vorbildlich wurde in erster Linie die Frage des Unterhalts für die Familien der Soldaten geregelt. Im Weltkriege hatten die Angehörigen außer der Sorge um das Schicksal des im Felde stehenden Vaters, Mannes oder Sohnes oft noch bittere wirtschaftliche Kämpfe zu bestehen. Für den kämpfenden Soldaten war dieser Zustand außerordentlich bedrückend, und es steht außer Zweifel, daß dadurch in manchen Fällen die restlose Einsatzfreudigkeit beeinträchtigt wurde. In der Erkenntnis dieser die Schlagfertigkeit der Truppe hemmenden Mängel hat der Führer dafür gesorgt, daß dem Soldaten die Sorge um die Existenz feiner Familie abgenommen wurde. Naturgemäß bringt der Krieg auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete einschneidende Aenderungen, die sich nicht vermeiden lassen. Dagegen konnte in allen Fällen die Frage des Unterhalts glücklich gelöst werden.
So selbstverständlich heute die ausgezeichnete Versorgung der kämpfenoen Soldaten auf allen Gebieten ist, so großzügig wird auch die Betreuung der Verletzten, Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen durchgeführt. Im Vordergrund der gesetzlichen Betreuung der Wehrdienstbeschädigten steht nicht die Versorgung als solche, sondern die Fürsorge. Letztere soll allerdings nicht die Aufgabe haben, bereits vorhandene Notlagen zu beseitigen, sondern vorbeugend zu wirken, um soziale Notstände von vornherein nicht aufkommen zu lassen. Die Hilfe wird daher rechtzeitig einsetzen. Mit dem Augenblick, da der Soldat aus der kämpfenden Formation ausscheidet, beginnt die praktische Umforgung. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß der verwundete Soldat schon in den Lazaretten von der Partei, ihren Gliederungen
und angeschloffenen Verbänden besonders betreut wird. Die Versorgung der Kriegsbeschädigten oder Hinterbliebenen ist Aufgabe der Wehrmacht. Plan, mäßig wird nach den Bestimmungen der Gesetz« versucht, den Wehrdienstbeschädigten, soweit sie noch arbeitsverwendungsfähig sind, einen geeigneten Arbeitsplatz zu sichern. Darüber hinaus haben bi, Fürsorge- und Versorgungsdienststellen der Wehrmacht den Auftrag, die Unterbringung dauernd zu verfolgen und den Wehrdienstbeschädigten behilfliq zu fein, die Folgen der Beschädigung möglichst zu überwinden.
Mit der Verordnung des Chefs des Oberkoiw mandos der Wehrmacht vom 12. Juli 1939 ist bi-
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Mithilfe bei der Betreuung der Wehrdienstbefchr. digten und der Hinterbliebenen der neuen Wehr, macht der Nationalsozialifttfchen Kriegsopferversor. gung übertragen worden. Mit dem Ausscheiden aus dem Dienstverhältnis wird demnach der Soldat des neuen Einsatzes, wie bisher der Soldat des Welt« krieges, in die Rechen der Mitglieder der für sie von der Partei geschaffenen Organisation einzufügen sein, um dort für sein ferneres Leben in jeder Hinsicht kameradschaftlich beraten und umsorgt zu werden. Das gleiche gilt für die Witweir, Kriegereltern und Kriegerwaisen. Die Hinterbliebe, nenbetreuerinnen stehen als Schwestern des gleiche,, Schicksals mit Rat und Tat den Angehörigen zur Seite und helfen Hindernisse aus dem Leben der Betroffenen räumen. Die Amtswalter und Helferinnen der Nationalfozialistifchen Kriegsopferversorgung sind angewiesen, bei Bekanntwerden irgendeine» Falles unverzüglich helfend einzugreifen.
DieAufgaben-esBetrie-sjugendwalters
Gchulungstagung der DAF. in Gießen.
Der Kreisjugendwalter der DAF. Steinl hatte für den gestrigen Freitag nachmittag die Betriebs- jugendwalter des engeren Bezirks um Gießen im Fahnensaal der DAF. versammelt, um in grundsätzlichen Zügen die Aufgaben des Betriebsjugend- walters zu umreißen. Er sprach davon, daß in der Gegenwart die Betreuung der Jugendlichen besonders wichtig fei, denn auch die Jugend habe daran mitzuarbeiten, den Endsieg sichern zu helfen. Besonders in der Kriegszeit fei der Jugend die innere Verpflichtung zu immer besserer Leistung aufgegeben.
In seinen weiteren Darlegungen sprach Pg. Steinl über die Zusammenarbeit von Hitler- Jugend und Jugendwaltung der DAF. Der Be- triebsjugendwalter oder die Betriebsjugendwalterin müsse unbedingt der HI. bzw. dem BDM. angehören. Der Betriebsjugendwart gehöre zu den engsten Mitarbeitern des Betriebsobmannes und des Betriebsführers und er müsse sich in allen Dingen, die die Jugend des Betriebs angehe, einschalten. Wöchentlich seien Appelle abzuhalten, bei denen die Jugendlichen des Betriebs vereinigt werden. Die im Betrieb Neueintretenden seien jeweils in einem kurzen feierlichen Appell in die Betriebsgemein- fchaft aufzunehmen. Eine große Aufgabe erwachse dem Bettüebsjugendwalter in der beruflichen und
sozialen Überwachung. lieber die Art der sozialen: Betreuung ergebe sich aus dem Jugendschutzgesetz, jeglicher Aufschluß. Die erhöhten Anforderungen,, die heute an die Jugendlichen gestellt werden, forderten auch eine sorgfältige Urlaubsgeftaftung, die den Jugendlichen tatsächlich zur Erholung diene" müsse. Durch die Einführung des Betriebssports- solle die Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Der Betriebsjugendwalter habe ferner darauf zu sehen,.
In den Gießener Familienblättern beginnen wir am heutigen Samstag mit dem Abdruck von
Robert Hohlbaum: Stein.
Der sudetendeutsche Dichter, ein Meister des modernen geschichtlichen Romans, dessen Drama „Lombardische Nacht" im Gießener Stadttheater vor einigen Wochen großes Interesse gefunden hat, gestattet hier packend und kraftvoll das leidenschaftliche Ringen einer starken Führerpersönlichkeit um die Durchsetzung seiner großen Ideen in bewegter Zeitenwende.
Keine Spur von Hauil.
Roman von Charlotte Kaufmann.
29. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„3m Krautweg, aha", wiederholte Fromme!, ,-und weiter?"
Huith zog verlegen die Schulter hoch. „Ja, sonst nichts weiter ... ich dachte mir ...ich dachte mir, daß Sie vielleicht im Krautweg weiter nachforschen. Krautweg Nummer 78. Es war ein Haus mit einem Garten und einer eisernen Gartentür."
Fromme! sah mit bohrenden Augen auf seinen Gast, „und Sie meinen, daß dieser nächtliche Besucher im Cafe Corso ... möglicherweise ... unter Umständen ... der Maler Hauck gewesen sein könnte?"
„Es besteht die Möglichkeit. Eine Aehnlichkeit war ganz zweifellos vorhanden." Huith schielte nach der Schwarzwälder Uhr, die über dem Sofa hing. Halb neun Uhr.
„Krautweg 78", wiederholte Frommel. „Den Mann werden wir uns mal anfehen. Essen Sie noch ein Brötchen, Herr Lehrer. Hier. Sie sinh ganz frisch. Das wäre ja eine fabelhafte Sache, wenn Sie die richtige Fährte gefunden hätten. Eine grandiose Sache. Gar nicht auszudenken der Erfolg."
Huith wurde verlegen. Sein Gewissen schlug. Da machte sich nun dieser Fromme! Hoffnungen auf etwas, was doch ebenso leicht nur eine Halluzination Gewesen sein konnte. Er gab sich einen Anlauf, um trommel zu erzählen, daß der Mann in der Nacht allerdings zehn Jahre älter ausgesehen habe als Hauck, daß er auch unter der Straßenlaterne, ganz zum Schluß, gar nicht mehr dem Maler ähnelte.., daß die Möglichkeit eines Irrtums viel näher lag als die Möglichkeit, den Gesuchten tatsächlich gefunden zu haben. Aber im letzten Auaenblick scheute er davor zurück, feine Zweifel zu sagen. Denn mit all diesen Zweifeln hätte er ja wirklich nicht in aller Frühe nach Gulden herüberführen und dem Sekretär Fromme! fein Frühstück wegzuessen brauchen.
.Krautweg 78", wiederholte Fromme!, „ich werde es nicht vergessen."
Es kam der eiskalte Winterwind. Vom Osten her blies er, von Sibirien schien er zu kommen.
Er pfiff übers Land. Hohl, schrill, mißtönig. Die Menschen froren. Sie versteckten sich hinter Gebirgen von Mänteln und Kleidern, und wenn sie beisammen waren, redeten sie darüber, daß der Frost und der kalte Ostwind dieses Jahr schlimmer seien als je zuvor.
Der kalte Wind drang auch in die Häuser der Esmarchstraße, in das Haus des Konsuss Petersen.
„Ilse, sehen Sie doch die Heizung nach", sagte der Konsul, „ich glaube, wir legen noch etwas darauf", und bann schlurfte er händereibend durch die Räume, kuschelte sich in einen mit Kissen ausgefüllten Polsterstuhl und jammerte.
„Diese Kälte. Meine liebe Jngeborg, was sagst du zu dieser Kälte? Meine Nase wird den ganzen Tag nicht mehr warm. Den ganzen Tag nicht."
„Trinke Glühwein", riet Jngeborg und lief hinunter in die Garage, um nachzusehen, ob der kleine Kcttalytofen im Wagen auch in Ordnung sei.
„Der Glühwein hilft nichts", sagte Konsul Petersen, als sie zurückkam. „Gar nichts. Er macht nur den Kopf nebelig und den Magen heiß. Aber die Nase friert weiter. Wo steckst du nur immer? Frierst du denn nicht?"
„Gar nicht", erwiderte Jngeborg und drehte die Nummernscheibe des Telephons. ,Hallo, Evamaria, bist du da? Höre mal, Evamaria, hast du Luft, ein bißchen mit mir hinauszufahren? Hast du Zeit? Kalt? Ach wo. Das ist doch nicht kalt. Ich habe einen Ofen im Wagen. Neues Modell. Funktioniert großartig. Ziehe deinen dicken Mantel an und einen Pullover darunter. Wo ich hin will? Ach, ein bißchen hinaus. Ich will ein bißchen mit dir reden, weißt du. Ich hole dich ab. Gleich jetzt. Wiedersehen."
„Du kannst doch bei der Kälte nicht hinausfahren. Das Wasser im Kühler friert dir ein", brummte Konsul Petersen und hauchte in die hohle Hand, um sie auf die kalte Nafe zu preffen.
„Trinke noch einen Glühwein", sagte Jngeborg und hängte den Hörer ein. „Nimm das Heizkissen und gehe zu Bett. Dann wird dir schon warm werden."
„Wo willst du denn hinfahren?"
„Ein bißchen um die Stadt."
„Hast du auch das Gefrierschutzmittel in den Tank gegossen?"
„Oh, du kannst mich nervös machen mit deiner Sorge. Als ob ich im Winter noch nicht mit dem Auto gefahren wäre." e
„Na ja. Na ja." Konsul Petersen duckte sich in seinen Kissenberg.---
Evamaria war angezogen, als fahre sie zu einer Nordpolexpedition.
„Ich hoffe, daß du nicht weiter fährst als bis zum nächsten Caf6", sagte sie.
„Ich fahre nach Stein. Los, schiebe dich auf deinen Platz."
„Nach Stein?" Evamaria stieß sich den Kopf am Wagendach vor Staunen. „Was willst du denn in Stein?"
„Werde ich dir sagen, wenn du verstaut bist."
„Na, schön." Die Türen schlugen zu. Der Motor brummte. Der Wind pfiff über den Wagen hinweg.
Evamaria schob die Hände in die Taschen. „Und was willst du nun da draußen, meine Liebe? Zu dieser Jahreszeit in Stein. Krähen füttern?"
„Oh, weiß der Himmel, man könnte Wildenten schießen. Es soll eine Menge dort draußen geben."
„Du bist in einer kampflustigen Stimmung heute", stellt die Studentin fest. „Was fehlt dir?"
„Was soll mir fehlen?"
,wimmer noch den Kummer um den Mann? Ich dachte, du hättest das in den Weihnachsferien allmählich vergessen. Früher hast du dir doch gar nichts aus ihm gemacht."
Jngeborg krauste den Mund und sah durch das Viereck der Frostschutzscheibe. „Früher", sagte sie, „jetzt ist es aber anders. Na, lassen wir es. Vielleicht ift es nicht ausgeschlossen, daß der ehrenwerte und stolze Mister Keit in nächster Zeit doch wieder liebenswürdiger zu mir wird."
„Hast du einen Liebestrunk für ihn?" Evamaria lachte.
„Ach, ick denke, daß feine abwegige Passion bald zu Ende sein wird."
„Seine Leidenschaft? Wer fft das nun?"
„Ich sagte dir doch schon ... Frau Keit erzählte es mir ... die Malerin, mit der er in den Bergen war."
„Es soll mich freuen für dich, wenn er sie vergißt. Aber weshalb glaubst du es?"
„Nun, die Frau ist doch verheiratet. Eines Tages muß es ja aufhören."
„Und du würdest ihm großmütig den kleinen Um" weg verzeihen?"
„Das würde ich. Vermutlich."
Evamaria nahm das Taschentuch aus dem Man«- M und hustete. „Man soll sich nicht soviel Gedanken um Männer machen, das ist meine Ansicht", sagte sie. „Wenn ihm eine andere besser gefällt, nun, dann laß ihn; 's gibt ja genug Männer. Du hast mir aber immer noch nicht gejagt, was du in Stein willst, ausgerechnet in Stein."
„Ich will mich malen lassen", erwiderte Inge« borg, indes ein Schwarm Krähen aus dem Himmel kam und in die kugeligen Bäume der Landstraße fiel.
Evamaria lachte auf. Laut und herzlich und an* haltend. „Ach ... ach, du bist eben doch ein Kind, liebe Jngeborg. Malen willst du dich lassen? Von der kleinen Malerin, von deiner Rivalin. Ach, und deswegen holst du mich aus meinem warmen Zim* mer."
„Allein ist es zu langweilig", verteidigte fi4 Jngeborg.
Die Straße mündete in Teek.
Jngeborg kurbelte das Wagenfenster herunter. „Hallo!" rief sie einem vorübergehenden Mann zu. „Wie komme ich hier am besten nach Stein?"
Die Studentin duckte sich zusammen vor der Schärfe des Windes, der durch die Oeffnung griff-
„Mit dem Wagen?"
„Natürlich mit dem Wagen."
„Tja, da müssen Sie außen herumfahren. Ueber Sörup."
„Ueber Sörup?"
„Ja, da hinüber." Er deutete nach Osten.
„Ein Umweg."
„Na ja. Mit dem Auto. Für gewöhnlich geht man von Teek nach Stein am Strand entlang. Ader mit dem Wagen geht das nicht.
„Sänke." Sie drehte das Fenster wieder hoch.
„Mörderische Kälte", sagte Evamaria, „zum Fürchten —"
Sie fuhren nach Sörup und von Sörup nach Stein. In Stein hielt sie wieder.
„Wo wohnt hier Frau Hauck?" fragten sie. „Die Kunstmalerin Hauck."
„Draußen am Strand", sagten die Leute und deuteten das Meer entlang. „Dort, wo der viel- weihe Sand ift Bei den Dünen."
\ (Fortsetzung folgt)


