, Coening-Standard" jetzt das Geständnis entschlüpft, die vergangene Woche sei „Die schwerste in Englands Geschichte" gewesen! Oder wie will Churchill es begründen, daß er noch nach dem Verlust des Somalilandes und der fernöstlichen Positionen behaupten läßt, England sei stärker als je, gleichzeitig aber die Bettelei um die amerikanische Hilfe bis zur „Verpachtung" britischer Inseln im westlichen Ozean an die USA. treibt!
Schon Mitte Mai verbreitete die englische Regierung die offizielle Meldung, die deutschen Verluste in der Luft seien „mindestens viermal so groß" wie die englischen — wie kommt es dann, daß jetzt viereinhalb Mottate später noch immer keine englische Luftoffensive erfolgte, obwohl sie schon ein paarmal angekündigt worden ist, oder daß anderseits die angeblich so geschwächte deutsche Luftwaffe mit immer größeren Teilen ihrer Luftflotten Tausende und aber Tausende von Bomben in die empfindlichsten englischen Gebiete werfen kann, ohne daß die Royal Air Force es zu hindern vermag?! Und wie kommt es dann, daß ein ehemaliger englischer Flieger- aefteral in der „Times" unbehindert von der englischen Zensur schreiben darf, es wäre geradezu Selbstmord, englische Bomber bei Tage über Deutschland fliegen zu lassen?!
Zwei Monate oder 60 Tage können eine sehr lange Zeit sein, wenn man Tag für Tag zusehen muß, wie der Gegner vom Festland herüoerkommt und Stück für Stück der englischen Kampfrüstung in Trümmer schlägt. Zwei solcher Monate haben aber auch dem Engländer drüben und dem Ungeduldigen hüben eine sehr eindringliche Belehrung darüber erteilt, was England bevorsteht, wenn die deutsche Luftwaffe einmal den Dernichtungsstoß gegen Albion einleiten wird. Es ist bisher viel, viel mehr in England vernichtet worden, als die zurückhaltenden Wehrmachtsberichte so auf den ersten Blick hin bei der täglichen Lektüre vermuten lassen. Es läuft aber zu ungeheuren Summen auf, wenn man die Tagesleistungen aus zwei Monaten addiert. Auch die Engländer addieren: aber sie behalten die Endsummen für sich in den verschwiegenen Zimmern der Downing Street — man kann schließlich dem ohnehin ungläubig gewordenen „Mann auf der Straße" angesichts des Ausbleibens ausländischer Lieferungen nicht auch noch jugeben, daß die täglichen Verminderungen des britischen potentiel de guerre weder durch die lügnerische Umkehrung von Abschuß^ah.len noch durch die famose „Millionen-Armee" der Heckenschützen irgendwie ausgeglichen werden können ..
uns
daran hindern!
Deutsche Stukas legen Muston in Trümmer von Kriegsberichter Kappe.
DRB........, 28. Aug. (PK.) Zum vierten
Male griff ein starker deutscher Kampfverband den britischen Flugplatz M a n st o n an. Die Staffeln liegen in Bereitschaft, unsere schnellen Maschinen sind bereits mit Bomben versorgt. Am Mittag ist Start! Weiße Haufenwolken zuerst, strahlendblauer Himmel über der See und England. Wir klettern langsam in kältere Zonen, um es der Flak nicht allzu leicht zu machen. Da schwirren unsere Jäger heran, die den Begleitschutz übernehmen. Wie Windhunde jagen sie um unseren Verband herum. Die Sicht ist pracytvall. Links vor uns liegt Dover. Wir steuern die Küste an. Ramsgate unter uns, keine Flak, keine Jäger. Da kommt der Befehl von der Führermaschine durch „Fertigmachen zum Sturz".
Im gleichen Augenblick knallt es neben, über und unter uns aus allen Rohren. Donnerwetter, das Flakfeuer liegt nicht schlecht! Aber hindurch müssen wir. Schwere Batterien haben eine dichte Wand vor unser Ziel gelegt, ein Wölkchen steht neben dem anderen. Unbeirrbar ziehen wir durch. Deutlich hört man das Krepieren der Granaten. 30 Meter vor uns, 20 Meter zurück, 50 Meter über uns —... Das spritzt heute wieder mal ganz anständig.
Die erste Kette setzt zum Sturz an. Geschlossen seht der Verband im steilen Winkel herunter. Wir ehen den Aufschlag der Bomben, Feuer- chein, Rauch und Qualm. Jetzt sind wir an der Reihe. 4000 Meter, 3000 Meter, 2000 Meter ... immer noch weiter herunter. 600-Stundenkilometer- Fahrt. Wir stürzen auf das Ziel zu, immer größer werden die Hallen, die Zelte, die Unterkünfte. Da vorn liegen die Munitionsbunker! Hinein! Bomben heraus, und dann zieht die Maschine in weitem Bogen und rasender Fahrt wieder dem Meere zu, um aus dem Bereich der Flak zu kom- men, die wild und unaufhörlich schießt. Unsere Bom- men haben gesessen. Und immer noch stürzen Maschinen auf chr Ziel, zerstören die letzten Reste des großen Flugplatzes. Dichte Rauchwolken steigen auf, der ganze Platz ist ein gehüllt.
Da ruft der Heckschütze nach vorn: „Jäger, Jäger!" Drei, vier Hurricane und einige Spitfire kurven über uns. „Sie . sind noch von dem Platze gestartet, gerade als wir angriffen!", ruft der Flug- zeugführer. „Die anderen beiden Ketten werden wir wohl mit den Bomben erwischt haben." In einigen hundert Meter Entfernung wird ein Kamerad von drei britischen Jägern bedrängt. Als einer mit einer langen Rauchfahne wie eine lodernde Fackel ins Meer stürzt, nehmen die beiden übrigen- Reißaus. Aber hinter uns knallt es bedenklich. „Fünf Jäger!" brüllt der Bordfunker. Im gleichen Augenblick spritzen wie der Blitz unsere Me 109 heran, lieber dem Kanal setzt ein wilder Luftkampf ein. Sekunden später fallen im gleichen Augenblick zwei Briten vom Himmel. Der erste brennend, der zweite durch eine Explosion in der Luft zerrissen. Aber noch ist die Gefahr nicht vorüber. Eine Defiant versucht heranzukommen. Durch die Garbe des Engländers hindurch zieht die Maschine mit höchster Fahrt dicht über die Wasserfläche. Unsere 109 haben auch diesen Gegner dann erledigt. Wackelnd kommen sie auf uns zu und begleiten uns zur« französischen Kanalküste zurück.
Aber auch wir sind nicht ganz heil davongekom- men. Als wir landen, fehlen einige Maschinen. Dann trudeln nach und nach die Meldungen ein „An der Kanalküste sind notgelandet ...", einer unserer stolzen Vögel ist drüben geblieben. Wir sahen wie die Besatzuna absprang und sich die Fallschirme öffneten, während der Vogel brennend in die Tiefe
stürzte.
Manston ist ein Trümmerfeld. Die Hallen sind Ruinen, die Werften brennen, die Munitionslager explodierten, das Rollfeld ist ein Trichterfeld besät mit unzähligen Trümmern. Wie stark die Wirkung der bisherigen deutschen Angriffe schon gewesen ist, konnten wir vor allem daraus entnehmen, daß die Briten anstelle der unbenutzten Hallen setzt große Zelte aufbauten. Bomben auf Manston! so hieß der Auftrag. Wir haben den Auftrag erfüllt! Keine Flak und keine Jäger konnten
Für draufgängerische Tapferkeit mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.
Berlin, 26. Slug. (BKB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres das Ritterkreuz zum Eisernen kreuz an folgende Offiziere verliehen: Oberstleutnant Eibl, Oberstleutnant von Wickede, Oberstleutnant Belle, Oberstleutnant Schönfeld, Major W lldermuth und Major Krähenberg.
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Oberstleutnant Eibl erstürmte mit einem Infanterie-Bataillon den bollwerkartig ausgebauten
und zäh verteidigten Stützpunkt Chuignolles, wo- durch ein weiteres Vorgehen der deutschen Kräfte auf Proyart ermöglicht wurde. Dieser durch drauf- aängerische Tapferkeit und durch gewandten Einsatz erzielte Erfolg schuf die Grundlage für weitere Deutsche Angriffserfolge. — Oberstleutnant von Wickede hat mit seinem Infanterie-Regiment während der gesamten Kampfhandlungen im Westen in vorderster Linie gestanden. Daß es die ihm gestellten Aufgaben so hervorragend erfüllt hat, ist in erster Linie der Umsicht und dem rücksichtslosen persönlichen Einsatz seines Kommandeurs zu verdanken.
„Gefährliche Zweideutigkeiten."
Aegyptens Haltung ein Schutzgraben für britische Offensivdrohungen geaen Italien.
Rom, 27.Aug. (Europapreß.) Das „ägyptische Problem" wird von Gayda im „Giornale d'Italia in einer Weise klargestellt, die den Aegyptern die Augen über die Gefahren öffnen sollte, denen sie sich aussetzen, wenn sie ihr Land den Engländern als Basis für eine Kriegführung gegen Italienisch- Nordafrika zur Verfügung stellten. Veranlassung zu dem Artikel geben die amtlichen englischen Meldungen, in denen behauptet wird, verantwortliche ägyptische Staatsmänner, beispielsweise der Ministerpräsident und der Kriegsminister, hätten erklärt, daß die Aegypter an der Seite der Engländer gegen die Italiener kämpfen würden, falls letztere einen Angriff gegen ägyptisches Gebiet unternähmen.
Demgegenüber stellt Gayda fest, daß, wie dem ägyptischen Volk bekannt sei, Italien keine Angriffsabsichten gegen das von England unterjochte Land hege und ganz allgemein keine feindselige Haltung gegenüber den Arabern und dem Islam einnehme, denen es im Gegensatz zu England stets religiöse, nationale und politische Achtung bewiesen habe. Die italienische Politik gegenüber Aegypten wie gegenüber allen Ländern, die mit Italien eine Land- oder Wassergrenze gemeinsam hätten, richte sich nach wie vor nach den eindeutigen Worten Mussolinis beim Eintritt Italiens in den Krieg.
Nun sei es aber für die ganze Welt und auch für die ägyptische Nation fein Geheimnis, daß die Engländer sich über alle Klauseln ihres Bündnisvertrags mit Aegypten hinweggesetzt und d a s ganze Land mitsamt seinen Hoheitsgecklässern zu einem Stützpunkt für ihre Angriffe gegen Italienisch-Nordafrika und so - gar gegen Italien selbst ausgebaut hätten. Jeden Tag gingen von den Flottenstützpunkten, den Flugplätzen und der Landesgrenze Aegyptens die Versuche der Engländer aus, ihre Offensive im Mittelmeerraum gegen Italien zu führen. Das im Kriege befindliche Italien habe um so mehr alle Veranlassung, mit aufmerksamem Blick nach Aegypten zu schauen, und alle die Maßnahmen, die darauf hinzielten, jede Drohung von dorther zu beseitigen, erschienen gerechtfertigt.
Nun habe der halbamtliche „Daily Telegraph" vom 25. August versichert, daß die Bande, die Aegypten an das mächtige England knüpften, sich im Geist und in der Form gegen Italien verst ä r k t hätten. Falls dies wahr sei, meint Gayda,
so wäre automatisch die ganze Lage geklart. Die verantwortlichen Leiter Aegyptens wurden da- mit vor ihrer Nation die Verantwortung übernehmen, die sich aus dieser freiwilligen und direkten Mitschuld am Krieg gegen Italien ergäbe. Aber auch ohne formelle Bindungen sei die nW oder weniger freiwillige, aber tatsächlich und nicht mehr zu übergehende Mitschuld offensichtlich, in die Aegypten von England hineingezogen worden fei. Man müsse von einer von dem britanmslerteu Aegypten ausgehenden O f f e n s i v d r o h u n g sprechen, gegen die Italien das Recht und die Pflicht habe, alle Defensivmaßnahmen z u ergreifen, die die Regeln des Krieges notwendig erscheinen ließen. England könne nicht beanspruchen, und Aegypten dürfe nicht hinnehmen, daß die angebliche ägyptische Neutralität und Unabhängigkeit von Tag zu Tag mehr der Schutzgraben für offene Vorbereitungen und unvorhergesehene aggressive Vorstöße der Engländer zur See, in der Lust und zu Land gegen das italienische Gebiet in Afrika und gegen Italien selbst würden. Es sei notwendig, aus diesen gefährlichen Zweideutigkeiten herauszukommen.
3faUenif(6er Wehrmachtsbericht.
Rom, 26.Slug. (DRB.) Der Italienische wehr- machlsberichl vom Wontag hat folgenden Wortlaut:
Der Flottenstützpunkt von Alexandrien ist erneut in aufeinanderfolgenden wellen von unseren Fliegerformationen bombardiert worden. Alle Flugzeuge sind zurückgekehrt.
Lin englischer Bomber, der bei Lampedusa wassern muhte, ist gesunken. Die aus einem Offtzier und zwei Unteroffizieren bestehende Besatzung ist gerettet und gefangengenommen worden.
Eines unseres im Atlantik operierenden U-Boote hat ein großes feindliches Petro- leumfchiff torpediert und schwer beschädigt.
Zn O st a f r i k a haben feindliche Luftangriffe auf M o g a d i s ch o vier Berwundete zur Folge gehabt. 3n Gallabat wurden acht Kolonialsoldaten getötet und rund 40 verletzt. In Lombolcia wurde ein Kind getötet und 15 Askaris verletzt. Die Wate- rialschäden sind unbedeutend.
— Beim Vorstoß einer motorisierten Division von Langres auf Desoul fiel Oberstleutnant Schön- felo am 16. Juni die wichtige 21 ufgäbe des Schutzes Der Nordflanke gegen starke mit Bahn und Kraftwagen auf Neufchateau nach Süden herangeführte feindliche Kräfte zu. Durch geschickten Slufbau seiner infolge des ununterbrochenen Einsatzes schon erheblich geschwächten Abteilung und durch stete persönliche Einwirkung in vorderster Linie gelang es ihm, feindliche motorisierte Kolonnen zum Abdrehen zu zwingen, die Bahn an mehreren Stellen zu unterbrechen und dadurch etwa 15 Eisenbahnzüge an der Weiterfahrt zu verhindern. Durch zusammengefaß- les Feuer wurden stärkere ausgeladene Kräfte zersprengt und zur Flucht oder zur Uebergabe gezwungen. Es gelang Oberstleutnant Schönfeld, alle feindlichen Durchbruchsversuche von Norden zu unterbinden.
Am 13. 5. setzte Oberstleutnant Velke mit Teilen feines Pionierbataillons in kürzester Zeit südlich Givet eine Aufklärungsabteiluna und zwei JN- fanteriebatatUone über die Maas. Arn 14. 5. säuberte er mit seinen Pionieren im schweren Häuserkampf die Vorstadt von Givet. In der darauffolgenden Nacht setzte er mit anderen Teilen seines Bataillons an einer zweiten Stelle Verbände in stärkstem Abwehrfeuer über die Maas. Auch hier kam es zu einem Häuserkampf, in dem er persönlich führte. Gleichzeitig leitete er den Bau einer 16- Tonnen-Brücke. Am 23. 5. führte er in flankierendem feindlichen Abwehrfeuer den lieb er gang über den Scarpe-Kanal, am 5. und 6. Juni schlugen seine Pioniere eine Brücke über die Somme bei Abbeville. — Major Wildermuth hat bereits am 14. 6. durch die Wegnahme der Höhe 304 nördlich Cappel den ersten Einbruch in dic Maginotlinie im Angriffsstreifen seiner Division herbeigeführt.
Am 16. 6. sicherte er durch zwei tollkühne Husarenstreiche, in deren Verlaus er mit nur vier Mann zwei französische Kompanien gefangennahm, die Eroberung von Vie und die Besetzung der Brücke, wodurch die Voraussetzungen für den raschen Heber- gang über die Seille und die Verfolgung des Gegners geschaffen wurde. — Major Kratzenberg hat am 15. 5. mit feinem Bataillon, unterstützt durch Pioniere und eine Panzerkompanie, den Durchbruch durch die Dyle-Stellung bei Sfraoge und Cortil-Noiremont trotz stärkster feindlicher Gegenwirkung und unter Abwehr eines gegen den linken Flügel seines Bataillons mit Panzern und Schützen geführten feindlichen Gegenangriff erzwungen.
Das Winterhilfswerk
beginnt am 1. September.
Berlin, 26. Aug. (DRB.) Das Winlerhilfswerk beginnt diesmal bereits am 1. September. Bon diesem Tage an werden auch die freiwilligen Opfer von Lohn, Gehalt ufw. einbehalten werden.
Förderung des Kulturfilms.
Berlin, 26. Aug. (DNB.) Der Kulturfilm ist neben der Wochenschau auf dem Gebiete des Filmes ein besonders wichtiges Mittel der belehrenden Unterhaltung und Erbauung, der politischen Erziehung und der allgemeinen Volksaufklärung. Daher hat der Präsident der Reichsfilmkammer die deutsche Kulturfilm-Zentrale errichtet, die alle Kulturfilmvorhaben betreut und fördert, gegebenen» falls auch durch Beihilfen. Die Filmtheater bringen die dafür erforderlichen Mittel durch Förderungs» betröge auf. Gleichzeitig wurde der Mindestaufwand für Die Herstellung von Kulturfilmen, auch in An-
Die Fabel
vom friedfertigen Messer.
Von Paul Gurk.
Ein Messer beschloß, in sich zu gehen und friedfertig zu werden, sein Leben der Betrachtung zu widmen und alle die guten Eigenschaften des Holzes anzunehmen, das es sonst verächtlich geschnitten hatte. Es wollte genau so nachgiebig, formlos, sriedevoll und jedem fremden Willen untertan sein wie bas Holz, Das nach dem Grundsatz zu leiden pflegt: Der Klügere gibt nach!
Das Messer ergab sich also der Betrachtung, befliß sich einer breiten Ungeschliffenheit und nahm sich ängstlich davor in acht, irgendeinem Ding wehe zu tun.
Ein hartnäckiger Schleifstein drehte sich eines Tages sausend in seiner Nähe und flüsterte ihm erregt und kurzatmig zu: „Wie ist es mit uns beiden, Messer? Wollen wir nicht nähere Bekanntschaft machen und miteinander tanzen? Du bist aus Mangel an Unterhaltung und Reibung schon ganz stumpfsinnia geworden!"
Das Messer blickte starr auf seinen Firmenstempel wie der Versunkene auf Den Nabel und sprach endlich vor sich hin: „Versuche mich nicht, Hartschädel! Ich habe dich erkannt! Du suchst nur meinen Umgang, um dich an mir zu reiben und mich scharf zu machen. Ich habe mich jedoch von allen Scharfmachern zurückgezogen und nicht mehr wie du jene unselige Lust am Funkensprühen, das du „Geist" benennst und das im Grunde nichts weiter ist als ein Eingriff in Die wohlerworbenen Rechte anderer! Es ist nicht gut, wenn in der Welt alles auf Der Schneide steht! Ich tue Buße für meine Betätigung, Die Rücksichtslosigkeit war, und ergebe mich Der beschaulichen Betrachtung. Der Friede und das Mitlew sind in mir eingezogen. Ich fühle schon, wie sich meine Gefühle, meine Moleküle, anders lagern und ihre gefährliche Härte und Angriftslust verlieren. (Entferne dich und laß dich wo anders an jenem Rad weiter drehen, Das Du Weltgeschichte zu nennen pflegst!"
Der Schleifstein blieb vor Erstaunen einen Augen- blick stehen. Dann aber gab er sich einen Schwung und pfiff spöttisch. „Auch gut! Bleibe also redlich
und nähre dich im Lande! Wundere dich aber nicht, wenn du bald zum alten Eisen gehörst! Wir haben nämlich zur Zeit Die Zeit des Stahls und des Steins, nicht die des Holzes!"
Damit begann der Schleifstein zu sausen und das Eisen zu suchen. Das friedfertige Messer aber versank weiter in Betrachtung des Firmenstempels und fühlte mit der Wonne der Verwitterung, wie feine Moleküle sich immer ruhiger und einfacher lagerten und endlich einschliefen. Es Dauerte nicht lange, so war das Messer rostig geworden, zerfressen von Ruhe,- Dtttleid und Ungeschliffenheit, und es wurde zum alten Eisen geworfen, genau wie der Schleifstein es ihm vorausgefagt hatte!
Oie grüne Lola.
Von Wilhelm Gcharrelmann
Die frohesten Tage meiner Jugend steigen wieder vor mir auf, wenn ich an sie zurückdenke. Ihre Eltern wohnten noch nicht lange in unserer Stadtgegend, als sie eines schönen Sonntagsmorgens in einem so auffällig grünen Kleide zu uns zum Spiel auf Die Straße kam, daß sie im Augenblick Den Namen weg hatte, den sie unter uns seitdem nie wieder losgeworden ist: Die grüne Lola!
Sie hätte auch die wilde Lola heißen können, denn wild war sie wie ein Straßenkreisel, Die Haarzöpfe wie ein paar Stricke im Nacken, Die Röcke fliegenD wie Wäsche im Wind. Dabei handfest und mutig, ja, verwegen und draufgängerisch, ging sie über Helder und Felder, wie man bei uns sagt, und bald war es für uns kein rechtes Spiel mehr, wenn
sie nicht mittat.
Das dauerte, bis sie aus der Schule kam, und in eine Pension in Thüringen gegeben wurde. Als sie aber ein paar Jahre später wieder von dort zurückkam, blieb uns der Gruß einfach im Halse stecken — so schön mar ie geworden. Schön und vornehm muß man schon agen. Es war, als wenn sie es überhaupt nie gerne en wäre. Wir empfanden ledensalls einen Mordsre pett vor ihr. Ausgesprochen hat es damals wohl keiner, aber wir hatten wohl alle den Eindruck, daß wir im Stillen und ohne es zu wollen die Rollen vertauscht hatten — nun waren wir die Grünen ..
Das gina so, bis es Frühling wurde, und Der gute Pütt sich bis über beide Ohren in sie verliebte.
„Rede doch keinen Unsinn!"
„Morgen wirst du es selber in den Zeitungen lesen."
„Und wer ist Der Glückliche?"
„Dr. Graf!" sagt er, Gram und Verzweiflung in seinem Gesicht.
„Wer? Unser Geographiepauker? Du weiht es gewiß?"
„Totsicher."
„Menschenkind, wenn sie da nun deine Verse auch ihrem Verlobten zu lesen gibt?"
„Nicht wahr? Ein Glück, daß ich ihr die Gedichte ohne Unterschrift geschickt habe."
„Na, hör mal —I"
„Ich hab's auch nicht gern getan, das kannst du mir glauben", antwortete er. „Aber ich hätte sonst wohl nicht die Traute gehabt — und nun ist es bas einzige Glück bei Der ganzen Geschichte ..."
Dr. Graf strahlte, als er am anderen Morgen zu uns in die Klasse trat, Pütt aber fehlte, saß zu Hause, las Lenau und seufzte, daß sein Leben ver» pfufeht sei.
„Ach, sei kein Narr!" sagte ich.
„Aber erlaube mal", fuhr er auf. „Versetz dich bitte mal in meine Lage, ja?!"
Ich zuckte die Achseln und gina.'
Zu Hi^use wartete ein Brief auf mich, merkwürdig dick und schwer.
Als ich ihn neugierig öffnete, zog ich ein Bündel rosaroten Papiers heraus. „An Lola" stand darauf.
Ein Kärtchen lag dabei. Die Verse seien ja ganz oiektzüer sprechend, nur viel zu überschwänglich. Vielleicht habe ich ja Talent, nur an sie, Lola, möchte ich keine wieder richten. Die Zeit der Jugendtorheiten müsse nun vorbei fein ...
Das hatte mir gerade noch gefehlt!
Stehenden Fußetz hetzte ich sofort wieder zu Pütt und schleuderte ihm wütend seine Verse wieder auf Den Tisch.
„So, Da wären Deine Gedichte wieder! — Nein, komm, hier, lies erst mal dieses Kärtchen hier. Don Lola, ja! Und nun versetz dich mal in meine Lage, ja?"
„Wie?" stammelte Pütt, fassungslos in seiner Überraschung, und überfloa hastig Lolas Zeilen.
„Aber das ist doch wirklich zu arg", rief er dann aus. „Nun habe ich die Verse geschrieben — und vun Du hast Den Ruhm davonÜ"
Keiner hätte es wagen dürfen in seiner Gegenwart noch weiter von der „grünen" Lola zu reden ... Im übrigen seufzte er, wo es nichts zu seufzen gab, begann Verse zu schreiben und malte den Namen seiner Angebeteten auf seine Löschpapiere, Heftumschläge und Tintenklapven„ kurz, er war in Dem Zustand, der an Deutlicykeit nichts zu wünschen übrig zu lassen pflegt.
Eines Tages machte er mich zu feinem Vertrauten, nahm mir einen Eid ab, daß ich ihn nicht mit einem Sterbenswörtchen verraten werde und beichtete mir unter Seufzern, Hoffnungen und trüben Ahnungen, was wir alle längst wußten, ihn aber aus Teilnahme und Hinterlist nicht hatten merken lassen.
„Sie weiß also, da du sie liebst?" fragte ich ihn.
„Nein, nicht. Deswegen wollte ich ja gerade mit Dir reden. Was meinst du, wenn Du ihr meine Verse überreichtest?"
„Ich?" fragte ich verwundert.
„Ich glaube, es wäre der beste Weg. Es ist gewiß nicht ganz einfach. Aber sie wohnt ja in eurer Nachbarschaft und da ist es für dich ja nicht weiter schwer, eine Gelegenheit abzupassen, nicht wahr?"
Dabei wollte er mir ein kleines BünDel rosafarbener Papierblätter überreichen, die er — sinnig, wie er nun einmal veranlagt war — mit einem grünen BänDdjen umwunden hatte.
„Nein", sagte ich, „es wird doch besser sein, du besorgst bie Sache selber. Du bist entschieden näher daran als ich."
Unserer Freundschaft drohte ein ernstlicher Riß.
Nach ein paar Wocheü aber trieb es ihn doch wieder zu mir. Trüb und bleich trat er eines Abends in meine Stube.
Mir schwante nichts Gutes.
„Nun?" fragte ich. „Haft du Antwort von Lola?" Er preßte meinen Arm, als wollte er ihn zerbrechen.
„Nein, noch nicht", stöhnte er.
„Ja, was ist Dir Denn? Deine Verse haft du ihr doch gegeben, nicht wahr?"
,Äch hab sie ihr durch die Post geschickt, ja." „Aha! Jedenfalls weiß sie also, wie sie mit dir dran ist."
„Das ist anzunehmen. Aber gerade das ist es ja! Denke dir, vor einer Stunde erfahre ich, daß sie - daß sie verlobt iftl"


