Norwegen schon auf der Märztagung des „interalliierten" Kriegsrats als Ziel der „neuen Aktivi- lät" ins Auge gefaßt war und nun auf der achten Tagung des „interalliierten" Kriegsrats am 22. und 23. April anscheinend in den Vordergrund des Interesses gerückt ist. Was man mit einer Aktivierung des Balkanraumes beabsichtigt und wie wenig man gesonnen ist, dabei auf die Wünsche der Zunächstbeteiligten, nämlich der Balkanstaaten selber, Rücksicht zu nehmen, geht aus den verschiedensten Aeußerunaen maßgeblicher westlicher Politiker zweifelsfrei hervor. So meint der berüchtigte Kriegshetzer Duff Cooper, Churchills Vorgänger in der Admiralität, man müsse sofort einen soliden Block in Südosteuropa bilden, der verpflichtet sei, den Alliierten dabei zu helfen, Deutschlands Wehrmacht eine vernichtende Niederlage zuzufügen. Dabei dürfe man nicht lange fragen, was diese kleinen Staaten wünschten, wenn einer zögere, müsse man dieses Zögern sofort überwinden. Und der ehemalige französische Kriegsminister Fabry meint, man brauche der ungeheuren Macht der Westmächte nur einen Stützpunkt zu geben, dann werde ihr nichts widerstehen können. Jeder fühle, daß die Türkei eines Tages dieser Stützpunkt werden könne, sie befinde sich im Herzen des politischen und militärischen Problems, morgen schon könne sie zum Herzen des augenblicklichen Konflikts werden.
Es ist zwar bekannt, daß in der Türkei seit langem britische und französische Militärmissionen an der Arbeit sind. Auch wird immer wieder geflissentlich von der in Syrien aufgestellten britisch-französischen Armee gesprochen, als deren Operationsziel man einmal den russischen Kaukasus, dann wieder die Dardanellen und Rumänien nennt Aber es scheint doch so, als ob man sich in Paris und London seiner Sache noch keineswegs so sicher ist, wie man vorgibt und daher erst einmal eine gründliche propagandistische, diplomatische und wirtschaftspolitische Vorbereitung für erforderlich hält. Zu diesem Zweck haben die französischen und englischen Gesandten bei den Balkanstaaten in Paris und London eingehende Instruktionen erhalten, mit denen sie soeben nach den Balkanhauptstädten zurückgekehrt sind, um hier sofort mit den maßgebenden Persönlichkeiten des politischen Lebens Fühlung zu nehmen. In welcher Richtung man am ersten auf Erfolge hofft, wird daraus ersichtlich, daß die Diplomaten der Westmächte bei ihrer Rückkehr auf ihre Posten von „Einkaufskommissionen" begleitet waren, die vermutlich nichts anderes sind als Agenten der kürzlich von England gegründeten staatlichen Südost-Handelsgesellschaft „Ecco", die keinen anderen Zweck hat, als den normalen ausschließlich auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittenen und daher natürlicherweise nach dem großen mitteleuropäischen Wirtschaftsraum orientierten Handelsverkehr der Balkanstaaten zu stören oder oar ganz zu unterbinden. Wenn Chamberlain diesen wahren Charakter seiner Handelsgesellschaft mit der scheinheiligen Behauptung verschleiern möchte, sie solle nur der dauernden Erhöbung des Güteraustausches zwischen England und'den Balkanstaaten dienen, so hat man in Belgrad, Sofia und Bukarest dies Manöver doch schnell durchschaut, zumal es auch an englischen Drohungen nicht fehlte, man werde, falls die Balkanstaaten ihre Lieferungen an Deutschland nicht einstellten, ihnen. selber die Zufuhren aus Frankreich und dem britischen Empire sperren, sie also in die Blockade einbeziehen, die man, fteilich lückenhaft genug, über Deutschland verhängt hat.
Weder Jugoslawien, noch Bulgarien oder Rumänien haben sich dadurch einschüchtern lassen. Letzteres hat eben erst mit dem Deutschen Reich Maß- nahmen vereinbart, die den Waren- und Zahlungsverkehr erleichtern und damit gestatten, das weitausgreifende deutsch-rumänische Wirtschaftsabkommen vom 24. März 1939 zu intensivieren, das für eine fruchtbare Zusammenarbeit der sich auf das beste ergänzenden Volkswirtschaften beider Länder grundlegend war. Der deutsche Anteil am Import der Balkanstaaten einschließlich der Türkei ist in den fünf Jahren von 1933 bis 1938 von 25,4 auf 41,2 v. H. gestiegen. Der Wert der deutschen Ausfuhr betrug 1938 650 Millionen, der Wert der deutschen Einfuhr 672 Millionen Reichsmark. Einfuhr und Ausfuhr hielten sich also ziemlich im Gleichgewicht, wie das beim gegenseitigen Verrechnungsverkehr erwünscht ist, im übrigen der beste Beweis für die natürliche Ergänzung der Volkswirtschaften des Balkanraums und Großdeutschlands, wohingegen weder Frankreich noch England den Balkanwirtschaften genügend aufnahmefähige Absatzmärkte bieten können und daher durch gefährliche Kreditoperationen rein politischen Charakters
versucht haben, sich hier eine starke Position zu verschaffen. Der neueste Trick bezweckt, mittels der Südosthandelsgesellschast „Ecco" in größtem Umfang Rohstoffe und Nahrungsmittel aufzukaufen, um dadurch den Markt der Balkanstaaten zu stören und feine natürlichen Wirtschaftsverbindungen mit dem Reich zu durchschneiden.
Aber die Zeit ist für derartige Manöver nicht sonderlich günstig und zu dem ist man nirgends geneigt, die als vorteilhaft erprobten Handelsbeziehungen einzuschränken zu Gunsten eines höchst zweifelhaften einmaligen Konjunkturgeschäftes, dessen eindeutig politischer Charakter noch dazu die Neutralität der Balkanstaaten gefährden würde. Denn das eine hat der bisherige Verlauf des Krieges schlagend bewiesen, daß Deutschland nicht gewillt ist, eine auch nur versteckte Beteiligung am englischen Blockadekrieg ruhig hinzunehmen. Und
M o s k a u, 26. April. (DNB.) Die parteiamtliche „Prawda" lenkt in einem aufschlußreichen Artikel mit der Ueberschrift „Mister P h i l b y — der Nachfolger Lawrence'" den Blick ihrer Leser auf den Nahen Osten und insbesondere auf die Türkei, wo die englisch-französischen Kriegsausweiter nach dem Scheitern ihrer Bemühungen, die Staaten Nordeuropas in den Krieg hineinzuziehen, den Kriegsbrand zu- entfachen versuchen. Wie in den Kriegsjahren 1914/18, so schreibt die „Prawda", sei mit dieser unterirdischen Wühlarbeit im Nahen Osten ein eigenes Spionagezentrum mit dem Sitz in Kairo gegründet worden, das die politischen und strategischen Erkundungen zur Vorbereitung des nahöstlichen Waffenplatzes zu treffen hat. Der Hauptagent dieser Zentrale in Kairo sei ein gewisser Mr. P h i l b y , ein würdiger Nachfahre des berüchtigten Obersten Lawrence, der seit 20 Jahren in den Ländern des arabischen Ostens ein dichtes Netz politischer Intrigen und Aufstände spinne, indem er sich gleichzeitig großzügig des „allmächtigen Goldes" bediene.
Eine nicht weniger aktive Wühlarbeit betrieb der britische Imperialismus im Verein mit dem französischen in der Türkei, die auf der einen Seite für die Schaffung eines gegen Deutschland gerichteten militärischen und wirtschaftlichen Waffenplatzes auf dem Balkan, auf der anderen Seite zusammen mit dem Irak für die britischen Pläne i m Nahen Ost en ausgenutzt werden soll. Das Blatt erinnert an den Mißerfolg der Engländer, den Befreiungskampf der Türkei unter Kemal Pascha aus- zichalten, und an die freundschaftlichen Beziehungen, die die Türkei mtt der Sowjetunion verbanden und sie davor bewahrten, in eine Halbkolonie des englisch-französischen Imperialismus verwandelt zu werden. Die jahrelange Wühlarbeit der englischen unb französischen Agenten habe zur Kapitulation der Türkei vor dem englisch-französischen Imperialismus geführt. Alle gegen die Türkei ae- richteten britischen Machenschaften der letzten 10 bis 15 Jahre hätten auch einen ausgesprochen antisowjetischen Charakter getragen. Auch der von den Engländern angezettelte Kurdenaufstand habe nur dem einen Ziel gedient, einen geeigneten Waffenplatz für einen Angriff auf die Sowjetunion zu schaffen. Das englisch-
Stockholm, 26. April. (Europapreß.) Don der Ueberlegenheit der deutschen Streitkräfte in Norwegen, von der Blitzesschnelle, mit der die deutschen Truppen im Oesterdal nach Norden vorstoßen und von der korrekten Haltung der deutschen Luftwaffe, die bemüht sei, unnühe Opfer auf norwegischer Seite zu vermeiden, spricht deutlich der Bericht eines Korrespondenten der schwedischen Zeitung „Stockholms Tidningen", der seine Angaben auf Berichte von Norwegern stützt. Auch die neue Verteidigungslinie, die von den Norwegern errichtet worden sei, sei binnen 24 Stunden von den vormarschierenden deutschen Truppen durchbrochen worden. Bei Koppang hätten die Norweger ihren größten strategischen Fehler gemacht. Sie hätten sich von den Deutschen umzingeln lassen, so daß sie der Vernichtung ausgesetzt gewesen wären.
Weiter heißt es dann in dem Bericht: „Ein bezeichnender Vorfall, der einen interessanten Einblick in die Psychologie des Krieges gibt, wird mir von
es weiß sich mit den im Balkanraum interessierten Großmächten Italien und Rußland ebenso wie mit den Regierungen der Balkanstaaten selbst einig in dem Wunsch, den Südosten aus dem Kriege her- auszuhalten. Die plutokratischen Störenftiede dürfen überzeugt sein, daß man ihre Manöver, mögen sie sie tarnen wie sie wollen, sehr genau durchschaut Der schon erwähnte Ausbau des deutsch-rumäni- schen Wirtschaftsverttages, die Aufnahme von Handelsbeziehungen zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion, die Verbreiterung des bulgarisch-russischen Warenaustausches und die rumänisch-italienische Fühlungnahme sind Vorgänge, die zeigen, daß auch die zunächst Beteiligten auf der Hut sind und bereit stehen, den auf wirtschaftlichem Gebiet vorgetragenen Angriff Englands auf den Frieden des Südostens zu parieren. Dr. Fr. W. Lange.
französische Kapital breite sich immer mehr in der Türkei aus, wobei sich die Vertreter der britischen und französischen Firmen und Konzerne nebenbei mit Spionage beschäftigten. Ein bezeichnendes Beispiel dafür sei der Vorsitzende der britischen Rüstungsfirma Vickers Armstrong, Lender, gewesen, der sieben Angehörige des türkischen Kriegsministeriums bestochen und sich dadurch in allen Rüstungsunternehmungen und kriegswirtschaftlichen Bettie- ben der Türkei Eingang verschafft habe.
Sine römische Warnung.
Die militärischen Vorbereitungen der Westmächte im Nahen Osten und in Afrika.
Rom, 27.April. (Europapreß.) Unter der Ueberschrift .^Herunter mit der Maske!" befaßt sich das Wochenblatt „Azione Coloniale" mit den unter durchsichtigen Vorwänden vorgenommenen Trup- penzusammen^ie Hungen der W e st - mächte im Nahen Osten, in Aegypten und in Kenya (Britisch-Ostafrika). Diese Anhäufung englisch-französischer Streitkräfte sei allein gegenJtalien gerichtet. Italien fürchte diese zweideutigen Manöver ebenso wenig, wie es sich seinerzeit durch die anmaßende Ansammlung der Home Fleet im Mittelmeer habe ins Bockshorn jagen lassen. Aber es wolle Klarheit und die Demaskierung der dunklen Umtriebe der westlichen Demokratien, eine Aufklärung oder besser gesagt ein Eingeständnis ihrer zweideutigen Absichten durch die Engländer, die eine „militärische Maschine gegen die italienischen Besitzungen in Afrika aufgebaut hätten. Ueberbies seien die militärischen Vorbereitungen der Westmächte in Afrika und im Nahen Osten so geführt worden, daß andere Länder, wie Aegypten und die Türkei, zu einer stark italienfeindlichen Haltung veranlaßt worden seien. Daraus ergebe sich die Zweideutigkeit der französisch-englischen Politik, deren Folgen leicht verhängnisvoll für das bisher friedliche Leben des Mittelmeerbeckens werden könnten. Das italienische Volk lasse sich durch das englischfranzösische Doppelspiel nicht täuschen und habe sofort die uneingestandenen politischen und militärischen Ziele der westlichen Demokratten erkannt.
norwegischer Seite erzählt. Eine deutsche Patrouille wurde von Norwegern angegriffen, denen es gelang, den Anführer der Deutschen, einen Unteroffizier, schwer zu verwunden. Halb im Schnee einge- graben und mit einer großen blutenden Wunde gab der deutsche Unteroffzier weiter seine Kommandos. Aus seinen scharfen Worten mußten die Norweger entnehmen, daß ihnen eine große Uebermacht gegenüberstand, sie zogen sich deshalb zurück. Der deutsche Unterofizier starb an seinen Wunden. Er blieb auf dem Schlachtfeld liegen, hatte aber den deutschen Vormarsch gesichert."
Der Korrespondent bestätigt, daß der deutsche Vormarsch entlang des Oesterdals mit einer unheimlichen Schnelligkeit vorwärts gehe. Wo sich Widerstand von norwegischer Seite zeige, werde er gebrochen. Als den Deutschen in einem fleinen Ort Widerstand geleistet worden sei und sich in einer Privatvilla norwegische Truppen verschanzt hätten, hätten die Deutschen die Luftwaffe innerhalb
Die plutokralische Wühlarbeit im Achen Osten.
Moskau stellt antisowjetischenCharakter französisch-britischer Machenschasten fest.
Deutsche Kriegführung im schwedischen Urteil.
In dieser Lagekarte sind verzeichnet die in den deutschen Wehrmachtberichten bis 26. April einschließlich genannten. Orte. —, (Scherl-Bilderdienst-M.)
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kurzer Zeit verständigen können, die dann mit einer unheimlichen Zielsicherheit das norwegische Maschi- nengewehrnest mit einer kleinen Brandbombe aus der Luft vernichtet hätte. Wenige Sekunden nach dem Einschlag habe das Haus in Flammen geftan- den und der' norwegische Widerstand sei endgültig beseitigt gewesen.
Am Schluß seines Berichtes gibt der Korrespon- deut Einzelheiten über die Beschießung eines norwegischen Truppentransportes im Glommetal wieder, aus denen hervorgeht, mit welche ^Zielsicherheit die deutsche Lustwafte arbeitet und wie man bemüht ist, unnötige Opfer auf norwegischer Seite zu vermeiden. Es heißt, daß der Zug, in dem sich die norwegischen Truppen befanden, durch eine Sprengbombe größeren Kalibers zum Stehen gebracht worden fei. Die Bombe sei zwischen die Lokomotive und den Tender geworfen worden. Die Lokomotive sei in zwei Teile gespalten gewesen. Um auch die Verbindung nach rückwärts abzuschneiden, habe das deutsche Flugzeug dann eine andere Bombe hinter den letzten Wagen des Zuges geworfen. Durch dieses geschickte Manöver seien nur sieben von den 165 im Zuge befindlichen Soldaten getötet worden.
Deutsch-dänische Gchicksalsverbundenheit.
Kopenhagen. 26. April. (Europapreß.) In einem längeren Aufsatz beschäftigt sich „Faedrelan- bet" mit Dänemarks Verhältnis zu Deutschland. Es müsse für einen jeden klar sein, daß Dänemark nun militärisch und politisch Deutschlands Geschick teile. Nachdem die Regierung das Geschick Dänemarks in die Hände der deutschen Soldaten gelegt habe, stehe Dänemark mit Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich, sozial, finanziell und in jeder anderen Hinsicht. „Deutschlands Erfolge bedeuten Frieden für Dänemark. Auf Gedeih unb Verberb sinb wir in bem großen Ringen solibarisch geworben mit Deutschland" Das dänische Volk habe bie Freund- schaft mit Deutschlanb aewählt im Vertrauen auf bas Gelöbnis ber deutschen Regierung einer ritterlichen Respektierung ber bänischen Rechte unb nichts fei feit ben Tagen ber Besetzung Dänemarks geschehen, bas zu Zweifeln Anlaß gegeben hätte. Es sei nun Sache ber Dänen, für bie weitere Ausgestaltung unb Festigung eines guten Verhältnisses zwischen ben beiben Staaten alle Kräfte einzusetzen. «
Stimme des Vorfrühlings.
Bon Hans Brandenburg.
Unterhalb des Dorfes und feines Kirchbühels zieht sich die Gemeindeviehweide hin. Es ist ein umzäuntes großes Gelände, ausgebreitet genug für viele Hofe, für ein ganzes weiteres Dorf mitsamt seinen Wiesen, Feldern und Aeckern, unb doch brachliegend, ein Stück Oedland unb Urlaub. Es läßt das Dorf und feinen stämmigen Zwiebelturm zurück wie ben letzten Steilrand bewohnter Küste und sicht die fernen blauen Alpen vor sich aufgeigen wie ein fremdes Gebirge über Busch unb Steppe irgendwo in Wildwest. Im Sommer ist es oft kaum zugänglich oder fast nur für ben barbeinigen Hüter« buben, weil das Jungvieh, das sich dort wie freies Wild verliert, bie vielen feuchten Stellen zu un- burchdringlichen Morästen zerstampft odek stall- begierig das Gatter umstellt. Aber im Vorfrühling vor dem Sius trieb, wenn Schnee unb Schneeschmelze bie Huflöcher eingeebnet und bie Stürme ber Tag- unb Nachtgleiche ihre Tümpel ausgetrocknet haben, tarnt man einbringen unb bleibt, außer bem Jäger, ber einzige Mensch in biefem Revier.
Unb nicht nur ben Jäger kann bie geheimnisvolle Stimme locken, die nun dies Reich — ihr Reich — zu beherrschen beginnt. Sie lockt schon vor Tag bis zum Gasthaus herauf, baß man sich in die Kleider wirft, das Glas umhängt und nüchternen Maaens die holprige Gaffe hinabeitt. Nur der Bach schließt sich an, ber unter ber Kirche entspringt unb, zum Brunnen gefaßt, doch von ihm weitergegeben wirb, baß er, von ben Schattenleibern der Forellen durchschossen, die jungen Erlendickichte ber Viehweibe burchschlängelt. Seine Räuber sinb im Gehölz von dichten Trupps des großen Schneeglöckchens ge- säumt, bie man vor Weiße manchmal kaum sieht, da nur das erwachende Licht selbst in Hellen Flecken zwischen ben Bündeln ber Stämmchen aufzublinken scheint.
Oberhalb ber Bachaue in der freien Steppe ist ein besseres Durchkommen. Denn der fahle Grasboden liegt teigig angedrückt, und wo er sumpfig rvird, überbrücken ihn schmale Kiesbänke. Sie sind gepolstert von Huflattichen unh winzigem Singer
traut wie vom vorgesandten Gold der noch nicht erschienenen Sonne ober von Hundsveilchen wie von dem luftblaffen Blau, das schon aus bem noch dunstigen Himmel sinkt. Kleine Grate erheben sich mit einzelnen großen Fichten. Deren Stämme sind in Jahren abgescheuert von den Fellen der Rinder, die hier chren Regenschutz suchen, und der Grund um ihre Wurzeln ist tennenglatt getreten, daß man auf ihm trockenen Fußes vorwärtsgelangen kann.
Schweigt denn die Stimme, die bis ins Haus drang, nun wieder ganz? — Nur ein Lerchengesang perlt einsam herab. An den träumenden Bergwänden über dem Mittelgründe des kahlen Buschwalbes beginnen die Felsbänder zu schimmern. Es gilt weiter vorzudringen. Das Schusternagerl spickt dunkelblau die halb winterliche Erde, auch die ersten Kelche des großen Enzians sind schon da, aber noch fröstelnd geschlossen. Dann wird es wieder feucht und schwammig unter dem Tritt: man muß sich auf die Inselchen retten, die ein Weißdorn, ein Heckenrosenbusch, ein Zwergwacholder austrocknete, unb gerät doch zuletzt in die noch größere Nässe ber Quell- und Waldstreifen, die quer abwärtsziehen zum Bach hinunter. Man kann nur noch von Ballen zu Ballen, von Rand zu Rand springen, ans Gebüsch geklammert, aber Leberblümchen, Anemonen und Seidelbast glänzen farbig aus dem fahlen Dickickt, Dotterblumen prangen über kiesigen Sickerbecken, auf Sumpfblößen stickt sich die erste Mehlprimel. Und horch, hier erwacht aus tieferen Gründen die betörende Stimme wieder. Sie rollt, sie gurrt und gurgelt, sie quillt glucksend auf mit einem Vortakt, zweimal gleich und das dritte mal höher.
Aber bie Wacholderdrossel keckert dazwischen, der lästtge Warner. In einer ganzen Schwarmlinie flaniert diese Sicherheitspolizei ber Krammets- vögel flinkflügelig unb hellbäuchig bas Gelände ab, daß bie Hasen davonhoppeln unb bie Rehe mit weißen wippenden Spiegeln von den Aesplätzen in die Waldung brechen. Nur Kohlmeise unb Amsel, Buchfink unb Rotkehlchen in ber Bachregion lassen sich nicht irre machen.
Unb nun lockt die Stimme jenseits des Baches. Da gibt es kein Halten mehr. Wie im Rausche geht es durch dick unb bünn, wenn auch leise unb vorsichtig genug, hMin in ditz Aue und übey den einzsgey
geländerlosen Steg, über den Zaun unb in bas Moor hinaus in Richtung auf die weiße Landstraße, die gegen die Berge zieht. Dort bildet für das Heranpirschen ein einzelner Heustadel Sichtdeckung. Doch die Stimme der Spielhahnbalz läßt sich nicht mehr stören, sie wird lauter und lauter. Man gelangt über schwanke Sprossen auf eine Jägerkanzel und hebt, zitternd vor Aufregung, bas Glas ans Auge. Auf anderen Tribünen, frei stehenden Birken, thronen abwartend die Hennep. Im leichten Nebelstreifen zwischen den Stämmen ist der Kampf- und Tanzplatz der dunklen Hähne. Sie gurren und rollen, sie zwischen und fauchen, sie haben sich rund aufgeblasen und den Stoß mit den weißen Unterfebern hochgefächert, sie gleiten und springen gegeneinander an wie Schwimmer in der durchsichtigen Schicht der wasserhellen Nebelslut, und plötzlich Mhen bie' Rosen der Köpfe im aüfblühenden Sonnenlicht.
Ja, die Sonne ist da, als ob sie allein Sieger wäre. Ihr hält nur ein einziger der Hähne stand. Er hat sich die höchste Birke erwählt und stimmt auf ihr in der rot aufgehenden Scheibe einen überroältigenben und unerschöpflichen Gesang an, ein sprudelndes, inbrünstig auf und ab orgelndes Liebeslied wie auf einer großen Okarina.
Italienischer Opernabend im Gtadttheater.
Deutsch-italienischer Kulturaustausch.
Dem deutsch-italienischen Kulturaustausch bietet sich besonders auf dem Gebiete der Musik reiche Möglichkeit, die Anschauungen und geistigen Güter ber beiben Achsen-Nationen einander näherzubrinaen unb im gegenseitigen Sichkennenlernen bie geknüpften Bande zu fertigen und zu vertiefen. Wie schon vor zwei Jahren, so wurde auch diesmal der italienische Opernabend zum Gegenstand lebhafter Beifallsbezeugungen. Denn es ist ein eigen Ding um bie Art bes Musizierens biefer italienischen Künstler, die von einer unermüdlichen Sanges- bzw. Musizierlust erfüllt sind, sich selbst immer wieder aufs neue an ber Freude bes Gegenwärtigen im Klangliches begeistern upb zu einer geradezu ungewohnt
ten Freigiebigkeit in der Fülle der Gaben bereit sind. Dieses Gebenkönnen und Mitreißenwollen erscheint als ihr besonderes Lebenselement, bas sich im Widerhall bes Hauses erstärkt und aufsteigert. Solches Aufgehen im Erleben bes Gesanges sieht nur bas eine Ziel, zu beglücken, unb läßt alle anderen Rücksichten gegenüber einem unbeschränkten Einsatz stimmlich-physischer Kräfte unbedenklich zu- rii cf treten. Das körperliche Durchleben des Gesanges bestimmt ihre Gebärde und Mimik, die gesangliche Phrase weist ihrem Dortrag in seiner individuellen Struktur bie Richtung.
So mußte dieser Abend bei ben Hörern zünden; einmal durch die Auswahl der Glanzpunkte aus der italienischen Opernliteratur unb durch bas Brio, bas die Wiebergebenden ausstrahlten. Wanda Sorgi (Sopran ber Oper San Carlo, Neapel) bestätigte auch diesmal wieder ihre Fähigkeit zur Koloratur; zumal in dem Rondo aus „Lucia di Lammermoor" von Donizettt mit feinen Kadenzen unb seinen Rouladen. Don eigener Wirkung war die Arie ber „Mimi" aus Puccinis „Bohörne"- Aldo Tamagni (Heldentenor ber Mailänder Oper) glänzte mit einer angesichts seines Alters geradezu erstaunlichen Höhe in den Arien von Puccini; ja, im Duett aus „Rigoletto" konnte er den Schluß piit einem hohen „Des“ krönen. Wie bei dem früheren Konzert, so wurde auch hier das Duett aus der „Macht des Schicksals" von Verdi zu einem klangvollen Sichzusammenschließen des Tenors mit dem Bariton Domencio Marabottini (Oper in Rom), der auch diesmal wieder in dem „Kredo" aus Verdis „Othello" einen Höhepunkt von bannender dramatischer Kraft gab durch Volumen, Klang- traft und Farbe seines Organes.
Jeder der Solisten dankte mit einer Zugabe, bie seine Fähigkeiten ins hellste Licht stellte. Zum Schluß fanden sich die drei Stimmen zu klanglichem Prunk in bem Terzett aus ,/Luria di Sammer* moor". Am Flügel waltete Heinrich Göldner (Berlin) mit Nachgiebigkeit für bie Gewohnheiten bes einzelnen Sängers unb Anpassungsfähigkeit für die verschiedenen Stile. 3pit der Pastorale und Capriccio von Scarlatti erwies er sich als ein- Pianist von beachtlichem Können.
Dr. Hermann Hering


