Hilfsbereitschaft in den Reisezügen.
Personen, Frauen, Mütter mit Kindern usw. in erster Lime berücksichtigt werden.
Es darf von den deutschen Volksgenossen erwartet werden, daß sie dieser durch den Krieg bedingten Notmaßnahme das notwendige Verständnis entgegen bringen, und daß auch die Reisenden mit Fahrausweisen 1. und 2. Klasse die durch die stärkere Belegung der Abteile der Polstertlasse entstehenden Unbequemttchkeiten willig auf sich nehmen.
Ebenso darf erwartet werden, daß jüngere Reisende, die einen Sitzplatz innehaben, älteren Personen, insbesondere Frauen, die zufällig keinen Platz gefunden haben, ihren Sitzplatz wenigstens zeitweilig zur Verfügung stellen, um diesen Reisenden allzu große Härten zu ersparen.
Die Deutsche Reichsbahn weist nochmals daraus hin, daß es den Reisenden nicht gestattet ist, eigen- mächttg in den Abteilen einer höheren Wagenklasse Platz zu nehmen. Es bleibt vielmehr unter allen Umständen die Zuweisung von Plätzen in der nächsthöheren Klasse durch das Zugbegleitpersonal abzuwarten, wenn in der dem Fahrausweis entsprechenden Klasse keine Plätze mehr frei sind.
Kriegslagen zur Einkommensteuer.
die Aufwendungen für den Luftschutzkeller trotzdem einkommensteuerlich im Jahr der Aufwendung berücksichtigt werden.
Im Rahmen der Familienunterstützungen werden feuerfreie Beihilfen auch gegeben, wenn dadurch ganz oder teilweise Aufwendungen gedeckt werden sollen, die in der Einkommen- und Lohnsteuer als „Sonderausgaben" bezeichnet werden, z. B. also Beiträge für Lebensversicherungen. Aufwendungen, die durch die steuerfreie Beihilfe gedeckt sind, werden überhaupt nicht als Sonderausgaben gewertet. Für die Berechnung des zugelassenen Höchstbetrages abzufähiger Sonderausgaben kommen daher nur die Leistungen aus eigener Tasche in Betracht, eine in der Praxis für die betroffenen Familien wesentliche Verbesserung.
In diesem Rahmen ist noch ein neuer Erlaß des Reichsfinanzministers über Rückstellungen für Urlaubsaufwendungen zu erwähnen. Es waren Zweifel entstanden, ob wegen der nachttäglichen Gewährung oder der Abgeltung des Urlaubs in dem Hauptabschluß für das erste nach dem 4. September 1939 endende Wirtschaftsjahr eine Rückstellung gemacht und steuerlich anerkannt werden kann. Der Minister hat yierzu bestimmt, daß derartige Aufwendungen Betriebsausgaben sind, die in wirtschaftlichem Zusammenhang mit dem Dorangeaangenen Wirtschaftsjahre stehen. Eine feuerfreie Rückstellung für solche Aufwendungen ist anzuerkennen. Die Rückstellung ist in dem Hauptabschluß für das erste Wirtschaftsjahr, in dem der Urlaub nachgewährt ober abgegolten werden konnte, zu Gunsten des Gewinns aufzulösen.
Einbürgerung der im Reich lebenden «Südtiroler.
Der ReichsfüHrer ff, ReichskommMr für die Festigung deutschen Volkstums, gibt bekannt:
Auf Grund von Abmachungen, die im vergangenen Jcchr zwischen dem Deutschen Reich und Italien getroffen wurden, kann zur Zeit jeder Volksdeutsche mit italienischer Staatsangehörigkeit in einem besonders verkürzten und gebührenfreien Einbürge- rungsverfahren die deutsche Reichsangehörigkeit erwerben, wenn er aus dem ehemaligen Südtirol stammt und jetzt im Großdeutschen Reich lebt. Der Anttag auf Durchführung des Einbürgerungsverfahrens ist schriftlich an die Einbürgerungsstelle beim Reichsstatthalter in Tirol und Vorarlberg (Innsbruck) zu richten. Diese Einbürgerungsstelle läßt den einzelnen Antragsteller durch eine örtlich zuständige Dienststelle die Formblätter vorlegen, die von ihm für den Erwerb der Reichsangehörigkeit, sowie die Aufgabe der italiemschen Staatsangehörigkeit ausgefertigt werden müssen.
Die Frist für die Stellung des Einbürgerungs- anttages läuft mit dem 30. Juni 1940 ab. Jeder Volksdeutsche italienischer Staatsangehörigkeit, der aus dem ehemaligen Südtirol stammt und die Reichsangehörigkeit erwerben will, wird sich daher, wenn er dies noch nicht getan hat, zweckmäßig sofort schriftlich an die Einbürgerungsstelle beim Reichsstatthalter in Tirol und Vorarlberg tn Innsbruck wenden.
Gießener Schlachtviehmarkt.
Auf dem gestrigen Gießener Schlachtoiehmartt (Schlachttieh-Aerteilungsmarkt) in der Viehverstei- gerungshalle Rhein-Main kosteten: Kühe 43,5, Färsen 44,5, Kälber 30 bis 62, Hämmel 42 Rpf. je ¥2 Kilogramm Lebendgewicht. Für Schweine wurden je Kilogramm Lebendgewicht folgende Preise be- zahtt: Klasse a (150 kg und mehr) 1,10, bl (135 bis 149,5 kg) 1,10, b2 (120 bis 134,5 kg) 1,10, c (90 bis 119,5 kg) 1,08, d (80 bis 89,5 kg) 1,02, e—f (unter 80 kg) 0,98, gl (fette Specksauen) 1,10, i (Alt- schneider) 1,10, g2 (andere Sauen) 1,02, h (Eber) 1,02 RM. — Marktverlauf: Auftrieb gut, alles zu- geteilt.
Notizen für den 26.3unL
Sonnenaufgang: 5.04 Uhr, Sonnenuntergang: 21.51 Uhr. — Monduntergang: 12.07 Uhr, Mondaufgang: 24.52 Uhr.
Notizen für den 27. Juni.
Sonnenaufgang 5.04 Uhr, Sonnenuntergang 21.51. Uhr; Monduntergang 1.10 Uhr, Mondaufgang 1.12 Uhr. Mond in Erdferne.
*
** Mit dem Eisernen Kreuz ausge=, zeichnet. Der Unteroffizier Willi Werner und der Gefreite Otto Schober, beide bei einer Nachrichtenabteilung in Frankreich, erhielten für Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz II. Klasse.
Strafkammer Gießen.
In nichtöffentlicher Sitzung wurde gegen Otto Thron in Kohden wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen und wegen Blutschande und gegen seine Stieftochter in Kohden wegen Blutschande verhandelt. Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnisstrafe von 2J ah re n und 6 Monaten, abzüglich zwei Monate Untersuchungshaft, die Mitangeklagte Stieftochter zu einer Gefängnisstrafe von 4 Monaten verurteilt
Amtsgericht Gießen
Ein Mann in Kirch-Göns hatte einen Strafbefehl über 20 RM. erhalten wegen der Beschuldigung, am 4. Dezember v. I. mit einem Motorrad auf der Straße Klein-Linden—Gießen einen Der- kehrsunfall verursacht zu haben. Gegen den Strafbefehl legte der Angeklagte Einspruch ein. Der Anklagevertreter beantragte wiederum eine Geldstrafe von 20 RM. Der Angeklagte wurde freigesprochen.
Ein Mann in Beuern hatte einen Strafbefehl über 100 RM. erhalten wegen der Beschuldigung, seinen Kraftwagen, der nur zur Beförderung von Brot zugelassen war, für eine andere Fahrt benutzt zu haben. Gegen den Sttafbefehl legte er Einspruch ein. Dem Anttag des Anklagevertreters entsprechend wurde der Angeklagte zu einer Geldstrafe von 100 RM., ersatzweise 20 Tage Gefängnis, Der»
Die Erfüllung der Ausgaben für Kriegführung und lebensnotwendige Kriegswirtschaft durch die Deutsche Reichsbahn haben die bekannten Einschränkungsmaßnahmen im Reisezugdienst notwendig gemacht. Eine starke Besetzung der verkehrenden Reisezüge ist die Folge. Mit erhöhtem Andrang ist in den Sommermonaten zu rechnen. Die Unterbringung der Reisenden in den Zügen und die Zuweisung von Sitzplätzen sind daher oft schwierig und mel- fach unmöglich. ,
Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in den der Beförderung von Reisenden dienenden Zügen und zur Sicherstellung der Unterbringung einer möglichst großen Zahl von Reisenden auf Sitzplätzen ist das Zugbegleitpersonal angewiesen, bei starkem Andrang die Abteile der 1. und 2. Klasse ebenfalls mit bis zu 8 Reisenden zu besetzen, soweit die Bauart der Wagen dies zuläßt. Die hierbei hindernden beweglichen Armstützen sind in solchen Fällen hochzuklappen und die in der 1. Klasse befindlichen losen Armstützrollen in den Gepäcknetzen unterzubringen. Bei der Zuweisung von Sitzplätzen in der nächsthöheren Klasse sollen hilfsbedürftige und altere
Der Sachbearbeiter des Reichsfinanzministeriums, Oberregierungsrat Dr. Oeftering, klärt in der „Deutschen Steuer-Zeitung" Zweifelsfragen, die sich durch die Kriegsverhältniffe bei der Einkommensteuer ergeben haben. , ei . ,
Zu den Luftschutzaufwendungen bemerkt er, daß der Hausbesitzer berechtigt ist, die Angaben, die mit der Sicherung und Erhaltung der Mieteinnahmen und der Nutzung der Wohnung im eigenen Haus zusammenhängen, als Werbungskosten geltend zu machen. Aufwendungen eines Hausbesitzers für den zivilen Luftschutz seines Hauses gehören lich zu solchen Aufwendungen und sind deshalb als Werbungskosten fteuerfrei. Sie können sogar im Kalenderjahr der Ausgabe ohne Rücksicht auf die Nutzungsdauer voll abgesetzt werden, wenn sie ausschließlich und unmittelbar durch Zwecke des Luftschutzes veranlaßt worden sind. Die Verdunkelungsaufwendungen für die eigene Wohnung des Hausbesitzers rechnen jedoch zu den Kosten der Lebensführung und können nicht als Werbungskosten geltend gemacht werden. Auch jeder Mieter hat ja die Pflicht zur Verdunkelung, ohne daß er seine Unkosten dafür als Werbungskosten fteuerfrei machen könnte. Aufwendungen für Zwecke des zivilen Luftschutzes im Rahmen der erwähnten Grundsätze können auch bei den Einkünften aus selbständiger Arbeit als Betriebsausgaben im Jahr her Ausgabe voll abgesetzt werden. Bei Neubauten von Einfamilienhäusern sind die Aufwendungen für den Luftschutzkeller in voller Höhe vom Grundbetrag des Nutzungswertes abzugsfähig. Fallen die Aufwendungen und die erstmalige Nutzung des Ein- familienhauses in verschiedene Jahre, so können
urteilt Die wiederhotten Vorstrafen wegen Vergehen gegen das Kraftfahrzeuggesetz kamen sttaf- erschwerend, die kurze Fahrsttecke und demzufolge der geringe Benzinverbrauch kamen strafmildernd in Bettacht.
Der falsche Lustschutzkontrolleur.
Lpd. Frankfurt a.M., 25.Juni. Der 22mal vorbestrafte 55jährige Kurt Lindner spielte sich als Luftschutzkontrolleur auf, der nachzusehen habe, ob die Dachböden entrümpelt seien. Man vertraute ihm auch Schlüssel an. Lindner brach in eine Mansarde ein und stahl Wäsche, die er fortbrachte. Als er ein zweites Mal die Sache probierte, wurde er auf der Treppe erwischt, als er eben in einem Koffer neue Beute davontragen wollte. Es war ausgefallen, daß er sich so lange in den oberen Stockwerken aufhielt. Die Strafkammer setzte dem verbrecherischen Treiben des Gauners jetzt ein Ziel und verurteilte ihn zu 2% Jahren Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust und erkannte auf Sicherungsverwahrung.
Beschlagnahmter Zucker.
Lpd. Biedenkopf, 25. Juni. Ein Gemischtwarenhändler aus dem Kreis Biedenkopf hatte einem Bekannten 94 Pfund Zucker ohne
Zuckerkarten, angeblich aus dem Bestand seines Haushaltes, überlassen. Bei einer Autokontrolle kam die Sache heraus und der Händler sowohl wie der Käufer wurden durch den Landrat in Ordnungsstrafen von je 150 RM. genommen. Der Zucker verfiel der Beschlagnahme.
Landkreis Gießen.
ch Lollar, 25. Juni. Der frühere HJ.-Gefolg- schaftsführer der Gefolgschaft 23, Oberscharführer Helmut V i e h l von hier, der in einem -Infanterie- Regiment mitkämpft, erhielt für Tapferkeit vor dem Feind das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
# Mainzlar, 25. Juni. Der Gefreite Otto Sommer von hier, der im Westen in einem Infanterie-Regiment dient, und der Gefreite Heinrich Klingelhöfer in einer Landesschützenkompanie, wurden zu Unteroffizieren befördert. — Die Schüler der hiesigen Schule zogen dieser Tage unter Leitung von Lehrer Wagner aus, um Kamillenblüten zu sammeln, die zu Heilzwecken verwendet werden sollen.
Frankfurter Schlachtviehmarkt.
Frankfurt a. M., 26. Juni. (Vorbericht.) Kälber 25 bis 65 RM., Hämmel 30 bis 50, Schafe 16 bis 44, Schweine 50 bis 56 RM. — Alles zugeteilt.
G. A.-Gpori.
Fußball-Doppelveranstaliung im Olympia-Stadion.
Am 30. Juni sollten die Gruppenspiele um die deutsche Fußballmeisterschaft beendet werden, aber dieser Plan läßt sich durch den Ausfall des zweiten Spiels zwischen Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf am vergangenen Sonntag nicht ganz verwirklichen. Da dieser Kampf aber von entscheidender Bedeutung ist, wurde er bereits für den 30. Juni neu an- gesetzt, und zwar nach Berlin. Im Olympa-Stadion findet eine Doppeloeranstaltung mit den Spielen Schalke — Fortuna und Union Oberschöneweide — Rapid Wien statt. Außerdem sind für kommenden Sonntag noch die beiden restltchen Spiele der Gruppe 4 angesetzt, so daß sich folgender Kampfplan ergibt:
Gruppe 1: Union Oberschöneweide — Rapid Wien.
Gruppe 3: Schalke 04 — Fortuna Düsseldorf.
Gruppe 4: Sv. Waldhof — Kickers Offenbach; Stuttgarter Kickers — 1. FC. Nürnberg.
Fußball-Ergebnisse der 2. Klaffe.
Großen-Vuseck — Steinbach 7:2 (6:1).
Der Tabellenführer ließ es sich nicht nehmen, einen weiteren Sieg an seine Fahnen zu heften, diesmal mußte Steinbach eine Niederlage einstecken. Das Spiel begann mit stürmischen Angriffen der Gäste, die jedoch an der aufmerksamen Hintermann- chaft der Platzherren scheiterten. Dann hatte Gro- zen-Buseck mehr vom Spiel und schoß in regelmäßigen Abständen sechs Tore, denen der Gegner nur eins entgegensetzen konnte. Nach der Pause nahmen die Steinbacher eine Umstellung der Mannschaft vor, die besonders die Verteidigung stärkte, so daß die Angriffe der Gastgeber daran scheiterten. Jeder Mannschaft gelang noch ein Tor.
Garbenleich — Heuchelheim 7:3 (2:3).
Ein Spiel zweier verschiedener Halbzeiten^ In rfcer ersten Spiechälfte waren die Gäste stark überlegen und holten sich das Führungstor, doch war der Ausgleich bald darauf hergeftellt. Noch zweimal waren die Gäste erfolgreich. In der letzten Minute konnten die Platzherren verkürzen. Nach der Pause waren die Gäste nicht wiederzuerkennen. Sie liehen stark nach, so daß Garbenteich außer dem Ausgleich noch weitere vier Tore erzielen konnte.
VfB.-Reichsbahn II — Slein-Linden I 1:0 (1.-0).
Endlich ist es den Grünweißen gelungen, das erste Spiel für sich zu entscheiden. Da die Gäste nicht rechtzeitig anwesend waren, wurde an- und ab gepfiffen. Im nachfolgenden Freundschaftsspiel hatten zwar die Gäste in der ersten Zeit mehr vom Spiel, die bestgemeinten Schüsse wurden aber von dem guten Torwart der Grünweißen gehalten. Die Grünweißen machten sich bald frei und gingen ihrerseits zu Angriffen über. Bei einem dieser Angriffe wurde das einzige Tor des Tages und damit der Sieg erzielt. Die zweite Spielhälfte wurde mit Rücksicht auf das nachfolgende Spiel gegen Steinberg nach kurzer Dauer ab gepfiffen.
Grüningen — Hungen 2:1 (1:1).
Nun ist es auch den Grüningern gelungen, den ersten Sieg an ihre Fahnen zu heften, daß es ausgerechnet Hungen war, das verlieren mußte, ist besonders bemerkenswert, da das Vorspiel 16:0 für Hungen endete. Die Platzherren waren besser und haben auch verdient gewonnen. Die Gäste wehrten sich tapfer. Der Torwart der Gäste vermied eine höhere Niederlage. Auf beiden Seiten wurde hart und mit größtem Einsatz gekämpft.
*
Daubrlngen 1. Jgd. — Watzenborn-Steinberg 1. Jgd. 4:0 (2:0).
Am vergangenen Sonntag erkämpfte sich die 1. Jugend von Daubringen auf ihrem Waldsport' platz, gegen die 1. Jugend von Watzenborn-Steinberg, einen schönen Sieg von 4:0 Toren. Einige Schwächen im Sttrm müssen allerdings noch behoben werden. Diese beiden Mannschaften zeigten den Zuschauern durch ihr ruhiges und sachliches Können ein sehr interessantes Spiel.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Sa-mstagnach mittags geschlossen.
Keine SM von Hauck.
Roman von Lharlotie Kaufmann.
26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Gesine Wing merkte nicht, daß man sie ansah, daß sie den Männern auffiel, hier in diesem besuchten Tanzlokal, weil sie so jung war. Es waren zuviel Lichter da, als daß sie die Männerblicke gesehen hätte. Und sie hatte auch schon zuviel Wein getrunten.
„Wann geht der letzte Dampfer?" fragte sie und lächelte.
„Um ein Uhr heute. Weil Feiertag ist."
„So, so, um eins." Sie fühlte ihre Füße schwer werden und lächelte weiter wie im Traum.
Huith aber starrte auf bas Männergesicht an der Wand unter den bunten Lampenschirmen, das er zu erkennen glaubte. Das er kannte, ganz gewiß.
„Ist was mit Ihnen?" fragte (Mine Wing. „Fehlt Ihnen etwas? Sie haben zuviel Wein getrunken. Zuerst Grog und dann Wein. Das war zuviel."
„Nein, nein, mir fehlt gar nichts. Außerdem bin ich nüchtern wie ein Fisch. Das bißchen Wein." Wieder sah er sich um.
„Wie spät ist es jetzt, Herr Lehrer? Wir dürfen den Dampfer nicht versäumen."
„Zeit genug." Er dachte und grübelte. Das Gesicht an der Wand ... es hatte eine Bewandtnis mit diesem Gesicht. Er mußte schon davon geträumt haben. Woher kannte er den Mann?
„Wollen Sie nicht doch einmal nach der Uhr schauen, Herr Lehrer? Oder haben Sie keine Uhr?"
„Natürlich habe ich eine Uhr." Er griff in die Westentasche, begegnete dem Blick einer fremden Frau, die am selben Tisch saß, und holte die Uhr hervor.
„Zwölf Uhr, sehen Sie. Noch eine ganze Stunde Zeit. Bis zum Hasen ist es ein Katzensprung."
Der Blick der fremden Frau störte ihn. Er sah zur Seite, aber er fühlte ihn weiter. Sie betrachtete ihn. Sie starrte ihn an, ungeniert und herausfordernd.
„Trinken Sie noch", mahnte er Gesine Wing. „Sie trinken ja gar nicht. Haben Sie vielleicht
Hunger?" Er schob ihr den Teller mit Gebäck hin, der neben der Aschenschale auf dem Tisch stand. Sie griff danach. Er sah ihre breiten Zähne im Licht erglänzen.
Wieder drehte er sich um. Weiß der Teufel, warum ihn nur plötzlich das Gesicht an der Wand esthielt und nicht mehr loslassen wollte, so daß er ganz vergaß, Wein zu trinken und sich zu unterhalten.
Jetzt wußte er es. Ganz plötzlich begriff er. Der Mann in der Ecke war der Kunstmaler Detlef Hauck. Natürlich, warum war er nur nicht gleich darauf gekommen? Das war der Mann, der sommers am Strand lag mit hellen Hosen und blanken Füßen. Der Kunstmaler Detlef Hauck.
Nein, unmöglich. Er hatte nur Ähnlichkeit mit ihm. Nur eine verdammte Aehnlichkeit.
Das war es. Er atmete auf. In einem Zug schüttete er sich den Wein in die Kehle.
Sibylles Mann — wie konnte man an solchen Halluzinationen leiden? Aber natürlich, der Grog und der Wein und das Kindergesicht eines flachshaarigen Mädchens neben ihm. Alle die verbitterten Tage und Stunden der Weihnachtsferien! Er war verrückt. Der Kunstmaler Detlef Hauck! Vermutlich fraßen ihn längst die Fische. Er hoffte es wenigstens. Seit drej Jahren hoffte er es. Er hatte einen Haß auf den Mann.
Der da drüben an der Wand winkte dem Kellner. Gespannt starrte Huith hinüber, um zu sehen, was er wollte. Es schien, als wollte er zahlen. Karsten Huith fühlte ein Ziehen in der Magengegend. Wenn es doch Detlef Hauck war?
„Ich glaube", sagte er und klappte den Deckel der Uhr auf, „wir müssen doch bald aufbrechen."
Gehorsam nickte das Mädchen. „Ja, doch —"
„Zahlen!" rief er dem Kellner zu, der vorbeischoß.
„Augenblick", tönte es zurück.
Immer noch spielte die Musik. Hundert Lampen gossen sich aus über Marmortische und Parkett. Hundert Gläser auf den Tischen blinkten, ließen die Lichtfetzen in ihrem Wein ertrinken wie bleiche Monde in hundert Seen.
Der Ober rechnete, legte diskret einen Zettel vor Huith, strich das Geld ein, dankte. Gesine Wing stand auf.
„Soviel Wein", sagte sie lachend. „Soviel Wein.
In meinem Leben habe ich nicht soviel Wein getrunken."
Sie schritten durch die Tische hindurch zur Garderobe. Er sah, daß sie schmale Schultern hatte und runde Hüften. Er half ihr in den Mantel. Als sie den hellgrauen Krimmerkragen hochschlug, lachte sie wieder.
„Ich glaube, ich bin betrunken."
„Ach wo."
Sie suchte ihre Handschuhe in der Tasche. „Wo ist nur der zweite? Ach, hier."
Drei Schritte vor ihnen ging der fremde Mann aus der Ecke durch den Tikroorhang. Es war doch der verschwundene Maler!
„Kommen Sie, Gesine."
Draußen bot er ihr seinen Arm. Lächelnd legte sie ihre runde Wollhand in den Winkel seines Ellenbogens.
Fünzig Schritte in Richtung Kehdenstraße ging der Fremde.
„Kennen Sie den?" fragte Gesine Wing und zitterte in der Winterkälte. „Sie sehen ihm so nach."
,^Ja, bei Gott, es ist mir, als würde ich ihn kennen. Kommen Sie."
„Wo wollen Sie hingehen?"
„Ich will mal sehen, welche Richtung er einschlägt."
„Müssen wir nicht zum Hafen?"
„Das hat noch Zeit. Es ist noch nicht halb eins."
Sie bogen in die Kütersttaße ein. Der Mann war jetzt hundert Schritte vor ihnen.
„Er geht sehr rasch", flüsterte Gesine. Ihre Füße waren schwer vom Wein und vom Tanzen. Sie schloß die Augen und trippelte an Huiths Arm durch die stille Straße. Die Häuser der Stadt blickten auf sie herunter, schlafend, mit dunklen Fenstern. Kein Mensch war unterwegs, nur sie und der Fremde dort vorn.
Sie kamen auf den Rathausplatz. Kugelige, laublose Bäume und Sträucher starrten in den Anlagen. Es war schneidend kalt. Von Osten her wehte ein häßlicher Wind.
„Frieren Sie?" fragte Huith, und Gesine antwortete: „Nein", obwohl sie zitterte.
„Was ist das für ein Mann vor uns?" wollte sie wissen.
„Ach, ein ... ein Bekannter. Von früher. Ich möchte nur gern wissen, wo er wohnt." Er wunderte
sich, daß sie den Fremden nicht kannte. Sie mar doch aus Teek. Aber vermutlich war sie noch ein Kind gewesen, als der Maler am Strand lag, und hatte sich nicht groß um ihn gekümmert.
„Warum rufen Sie ihn nicht? Sprechen Sie ihn doch an. Er soll Ihnen sagen, wo er wohnt. Kennt er Sie denn nicht?"
„Natürlich kennt er mich. Selbstverständlich. Das heißt, wenn ich ihm sage, wer ich bin. Im Augenblick scheint er mich allerdings nicht erkannt zu haben. Vielleicht hat er gar nicht hergeschaut."
„Soll ich chn rufen?"
„Nein, nein, um Gottes willen, feien Sie still Wenn ich ihn erst anspreche ... dann komme ich nicht' so rasch wieder weg. Ich will nur sehen, wo er wohnt. Nur rasch sehen, wo er hingeht."
Gesine Wing dachte nichts weiter. Es war ja- belanglos, wer dieser Fremde war. Ihre Fuße waren so wohlig schwer, und in ihrem Kopf kreiste- es wie ein Karussell. All die spärlichen Laternen, biet Firmenschilder an den Häusern, die steinernen ©tu-' fen vor den Türen drehten sich um sie, zogen sich' auseinander, schoben sich zusammen wie ein Schisser" klavier.
„Ich bin betrunken", sagte sie ftöhlich. „Wirkliche Herr Huith, ich bin betrunken.
Sie bogen in den Exerzierplatz ein. Eine IM schlug zweimal.
„O Gott, wir müssen zum Hasen."
„E^ ist erst halb eins", beschwichtigte Huith. kann nicht mehr weit gehen."
Aber der fremde Mann mit dem breiten Mantel» rücken ging weiter und weiter. Längst mußte er ge* merkt haben, daß ihttl jemand folgte. Die Straße» waren ja menschenleer, und immer noch liefen P6 hinter ihm drein, mit zweihundert Meter Abstand eilig und gleichen Schritt mit ihm haltend.
Je länger Huith diese Schritte vor sich sah, diese» Rhythmus eiliger Füße, desto vertrauter wurde iW der Fremde, desto bestimmter wußte er: das ist Detlef Hauck. Sibylles Mann. Der verschwundene Kunst' maler, nach dem die ganze kleine Wett der Küste^ die Polizei und das betriebsame Rechtsanwaltsburoo von Dr. Thomas Mjölln seit Ewigkeiten suchten.
Die Straßen wurden breiter. Baulücken körnen kleine Gärten.
(Fortsetzung folgt)


