m. HO Zweites Blatt
Aus der Stadt Gießen.
Diese Fliegen...
3a, diese Fliegen ... Man könnte aus der Haut fahren, wenn man nur daran denkt. Gesetzt den Fall, du hast dich, nach dem Mittagessen zu einem kurzen Schlummer aufs Ohr gelegt. Nur ein paar Minuten willst du die Köstlichkeit der horizontalen Lage genießen, die ja auch im Sommer sehr verlockend ist. Du dehnst dich frohgemut, klappst deine Äugendeckel zu und schwebst bald in jenem seligen Zustand, der dem Schlaf ooranzugehen pflegt. Auf einmal summt etwas an deinem Ohr vorbei, verschwindet, kehrt wieder, und dann krabbelt es hundsgemein auf deiner Nase. Sofort schlägst du zu, Itriffst aber leider nur die Nase, während die Fliege summend weiterfliegt.
Mit munteren Sinnen murmelst du eine ein» heutige Verwünschung und legst dich auf die andere jseite. Aber kaum hast du jenen schönen Dämmer» Instand wieder erreicht, da summt es abermals. Es st nur ein ganz leises, doch niederträchtiges Summen, und ob du willst oder nicht, du mußt darauf »Ören, es geht nicht anders. Mit geschlossenen Augen gerätst du in jene leicht nervöse Spannung, wie sie t»er Jäger auf dem Anstand erlebt. Bald ist das Summen ganz nahe, dann tönt es wieder ferne, aber an die Nase wagt sich die Fliege diesmal nicht, llls könnte sie deine Gedanken erraten, umkreist jie dich strategisch und sitzt plötzlich auf deinem Handrücken. Du fährst zusammen, die Fliege ist -ort, und an Schlaf ist nicht mehr zu denken, denn las Viertelstündchen hat bereits sein Ende gefunden.
Viele kräftige Schimpfworte gelten deshalb den fliegen, deren Konjunktur wieder gekommen ist. sticht nur wegen des allerorts gestörten Mittagschlafes. Es gibt weitaus wichtigere Gründe. Man .raucht nur an die Milch in der Küche zu denken, • her an den Speisentisch, wo sie es fertigbringen, ;d) mit boshafter Frechheit auf den schönsten Gerichten zu tummeln. Und weil sie keinen Unterschied nachen, treiben sie sich ebenso ungeniert auch an venig einladenden Stätten herum. Die Stuben- tiegen nicht weniger wie die blauen Brummfliegen, jeren aufreizendes Surren nervöse Menschen rasend nachen kann.
Die menschliche List sucht die List der Stubenfliege zu übertrumpfen. Mit Leimtüten und jenen Klebe- - reifen, die überall nicht eben dekorativ von der Decfe herabhängen. Andere stellen der Fliege mit gefährlichen zuckrigen Flüssigkeiten oder mit beson- !ers gebauten Fliegengläsern nach. Der Erfolg ist .nbeftreitbar. Leider findet er seine Grenzen an der .nglaublichen Fruchtbarkeit der Fliege. Wenn auch .ngezählte Heere vernichtet werden, so finden doch rigtäglich neue Legionen den Weg in die Küchen .nd Speisezimmer. Es ist eben eine Plage mit den fliegen. Erst im Herbst beginnt sie nachzulassen, tber bis dahin sollten wir einen erbarmungslosen ?»krmchtungsfeldzug führen. Das sind wir nicht nur lern Mittagsschlaf schuldig. H. W. Sch.
Tageskalender für Mittwoch.
Volkstümlicher Vortrag der Ludwigs-Universität: '0.30 Uhr im Botanischen Institut, Brandplatz 4, Professor Dr. Küster über „Gartenkunst in drei Jahrhunderten". — Gloria-Palast (Seltersweg): lauter Liebe". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): ,Sommer, Sonne, Erika".
Hitler-Jugend Bann 116.
Sonntag, 30. 3uni, Bad-Nauheim, Ernst-Ludwig- Schule,
Sonntag, 7. Juli Londorf, Schule,
Sonntag, 14. Juli, Gießen, HJ.-Heim, Graben- straße.
An diesen Schulungen haben teilzunehme^: sämt- lche Stamm- und Jungstammführer, sämtliche Ge- flaschaftsführer und Fähnleinführer, sämtliche So- sMreferenten und Sozialwarte der HI. und des 'I. Ein Vertreter kann nicht gestellt werden. Die Schulung beginnt jedesmal um 10 Uhr. Die Fahr- ! rten sind zwecks Rückerstattung zu behalten. Ver- plegung bzw. Reisemarken sind mitzubringen. Die Tagung ist gegen 16 Uhr beendet. Sollte an einem Mer Tage Einheitsdienst sein, so muß dieser durch dn Stellvertreter durchgeführt werden._____________
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch, 26. Zum 1940
(Aufnahmen s2j: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Zeitgemäßes Schwimmbad Klein-Linden.
Oben: Der Sprungturm mit seinen drei den sportlichen Vorschriften entsprechenden Sprungbrettern.
Unten: Das Plansch- becken für die Kleinsten, kreisrund, mit niedrigem Rand und *mit einer Schrägfläche als Eingang.
An schönen Sommertagen ist das vor einiger Zeit errichtete Schwimmbad Klein-Linden das Ziel vieler Badegäste. Un- fere Bilder zeigen Einrichtungen des Schwimmbades.
Das duch und seine Leser in Knegszeiten.
Eine Umfrage beim Gießener Buchhandel.
Der Krieg zeigt — das lehrt uns jeder Tag — immer neue und immer andere Wirkungen. Neben aller Härte, allem Schweren, allem Opfer steht auch manche günstige Seite. Eine dieser günstigen Auswirkungen ist z. B., daß der Mensch in schwerer Zeit sich häufiger eines guten Freundes entsinnt: des guten Buches.
Bei einer Umfrage im Gießener Buchhandel erfuhren wir darüber mancherlei. Die starke Nachfrage nach Büchern fetzte schon 14 Tage nach Kriegsausbruch ein. 14 Tage lang etwa war es still. So, als müsse sich die Menschheit erst auf den Krieg einfteUen. Aber dann wurden schon die Bücher für die Soldaten gekauft. Immer mehr Kunden betraten die Läden der Buchhändler. Zu Weihnachten gar setzte geradezu ein Sturm auf die Buchhandlungen ein. Lebhaft ging es in den Buchhandlungen zu, bis noch vor kurzem, bis zum Beginn der Offensive im Westen. Doch auch jetzt wird noch viel nach, neuen Büchern gegriffen.
Wir erkundigten uns, was wohl die Soldaten gerne lesen. -UeberaU wurde uns eine ähnlich lautende Antwort: .Lustiges!" Die heitere Literatur steht im Vordergrund. Ludwig Thoma, Wilhelm Busch, Spörl, Hans Gras, Banzhaf u. a. wurden immer wieder verlangt. Fast vermochten die Buchhändler bisher nicht, den vielen Wünschen gerecht zu werden. Viele von den kleinen handlichen Büchern wurden gleich ins Feld verschickt. (Die Verlage hatten zu ihren Büchern gleich die passenden Feldpostverpackungen geschaffen.) Mancher Soldat, der hierher auf Urlaub kam, oder hier im Quartier lag, griff auch nach ernsteren Büchern. So wurden Bücher von Carosfa, von Rilke verlangt, eine kleine Feldausgabe von Goethe wurde ebenfalls häufig erbeten. Sehr erfreulich war es, festzustellen, daß Walter Flex, Hermann Löns und Bruno Brehm
viel gekauft wurden. Aber auch I. C. Heer, Gottfried Keller und Ganghofer standen hoch im Kurs. Mancher Unteroffizier oder Feldwebel kam in die Buchhandlungen, erbat eine Auswahl Bücher für feine Kameraden, kam wieder und brachte nicht etwa Bücher zurück, sondern gleich das Geld dafür — feine Kameraden hätten ihm die Bücher förmlich aus den Händen geriffen! Bevorzugt waren die Reihen kleinerer Bücher, wie sie von den Verlagen in regelmäßiger Folge und in immer gleicher, oft sehr geschmackvoller Ausstattung, herausgebracht werden. Selbstverständlich waren auch die Volksausgaben stark begehrt.
Volkslieder im Gemeinschaftssingen.
Gfs. Die Jugendgruppe des Deutschen Frauenwerkes hat es sich zur Aufgabe gemacht, unsere Frauen die schönen Volkslieder zu lehren. So erklang in jeder Ortsgruppe einmal an einem Montagabend der gemeinsame Gesang. Hell klangen die Stimmen, und viele hatten ihre Freude daran. Das nebenstehende Bild zeigt ein Gemeinschaftssingen in der Ortsgruppe Gießen-Nord. — (Äufn.: NS.-Frauenschaft / Deutsches Frauenwerk.)
Nachdem nun in unseren Lazaretten Verwundete untergebracht sind, hat sich erneut starkes Bedürfnis nach Büchern herausgestellt. Die Gießener Buchhändler haben sich entschlossen, in einer Gemeinschaftsspende unseren Lazaretten eine stattliche Anzahl neuer und neuwertiger Bücher zu übergeben. Selbstverständlich wird den Soldaten nur gute unterhaltende Literatur zur Verfügung gestellt. Interessant und aufschlußreich ist die Tatsache, daß von vielen Soldaten oder solchen, die es wurden, militärische Lehrbücher in ungewöhnlichem Umfang gekauft wurden.
Die Jugend, soweit sie selbst etwas Geld in der Hand hat, greift in heller Begeisterung über die großen Waffentaten unserer Soldaten nach der neuesten Kriegsliteratur. Ganz besonders haben es die neuen bunten Kriegshefte, die allwöchentlich erscheinen, den Jungen angetan. Viele Jungen wünschen sich zum Geburtstag oder zu sonst einem anderen Anlaß von ihren Eltern ein Kriegsbuch. Bücher von der Kriegsmarine, von der Luftwaffe, vom Einsatz der Panzer sind besonders begehrt. Das Buch mit Bildern steht dabei im Vordergrund.
Aber nicht nur der Soldat, nicht nur die Jugend, sondern auch die Bevölkerung überhaupt hat zum Buch gefunden. So manches Mädchen, manche Frau, mancher Manch die sonst Geld für andere Dinge ausgegeben haben, kaufen Bücher, und viele haben dabei entdeckt, daß das Buch etwas sehr Wertvolles ist, wenn man die richtige Wahl getroffen hat. Diese Erscheinung ist erfreulich und läßt hoffen, daß dem Buch auf diesem Wege viele neue Freunde gewonnen werden. Bevorzugt wird meist die gepflegte, gehobene Unterhaltüngsliteratur.
Den Buchhandlungen unserer Stadt ist aber auch, veranlaßt durch den Krieg, eine neue und besondere Aufgabe erwachsen. Es galt, Landkarten* zu beschaffen. Der rasche Wechsel der Schauplätze der politischen und kriegerischen Ereignisse machte es notwendig, daß sehr rasch Karren vom Sudetenland, der Tscheche!, von Polen, Memelland, Dänemark, Norwegen, Niederlande, Belgien, Frankreich, England, Nordseegebieten, Mittelmeer und nun auch von Afrika zur Hand waren, um dem Käufer die Orientierung zu ermöglichen. Mancher Käufer ging hier auf das Ganze und kaufte kurzerhand einen Atlas in einer der handlichen Volksausgaben, um damit für alle Möglichkeiten, wie sie sich aus der gegenwärtigen Kriegsführung ergeben können, gerüstet zu fein. Gleichzeitig wurden auch viele politische Bücher und Nachschlagehefte gekauft.
Mit großer Freude gewannen wir aus der Umfrage bei unseren Gießener Buchhändlern den Eindruck, daß die Bevölkerung unserer Stadt, die Soldaten und nicht zuletzt die Jugend nicht nur regen Anteil am deutschen geistigen Schaffen nehmen, sondern auch mit aller Aufmerksamkeit die Entwicklungen der jüngsten Zeit verfolgen, soweit sie in Büchern und Heften ihren Niederschlag finden. Die Buchhändler lassen sich deshalb keine Mühe verdrießen, um dLM Leser all das zu verschaffen, was 1 er haben will und glaubt, haben zu müssen. N.
Wie weit hört man Kanonendonner?
Das Rätsel der „Zone des Schweigens".
Immer näher rückt der Krieg an England heran, e; wurde berichtet, daß der Geschützdonner der Schlachten in Flandern bis zur englischen Küste uib sogar bis London zu hören gewesen ist. Es i): adelt sich hierbei um eine Entfernung von 200 b3 250 Kilometer. Auch aus dem Weltkrieg sind i'nliche Feststellungen bekannt geworden nach brien man den Donner der gewaltigen Artillerie- ötiachten bei Verdun weit über den Rhein hinaus ir rheinisch-westfälischen Gebiet, ja sogar noch aus bin Höhen des Teutoburger Waldes gehört habe, tobei sich zeigte, daß die Hörbarkeit in erster Lime di westlicher Luftzufuhr besonders weit und deut- üc| war. Damals wurde verschiedentlich die Frage uffgeroorfen, ob diese Behauptung überhaupt ge- fr-nmt hat — schließlich ruft ja ein entferntes Ge- iOtter ein ähnliches Geräusch wie entfernter Ge- iäiutzdonner hervor — und wie man sich eine 2lus» ji?ituna des Schalls auf solche Entfernungen er» W- ren soll. , , , s.
Die hier vorliegenden Tatsachen haben auch die dt andere Beachtung der Wissenschaft gefunden, vor dsm gilt das für die der Ballistik, die sich von leher Hr di^se Schallerscheinungen sehr interessierte, ^-o in Deutschland eine wissenschaftliche Kommission bi: Frage der Schallausbreitung bei großen Expm- iimen systematische untersucht und hierbei den Em- hjj der oberen Luftschichten als ein sehr wichtiges Bin ment festgestellt. Weitere Untersuchungen dieser i ge nach einem genau durchdachten Plan wur- iei ferner im letzten internationalen Polarjayr an» .letellt; deutsche Forscher beteiligten sich Öaran mit ütierstützung der Notgemeinschaft der Deutschen M ssenschaft. Bei diesen Persuchen wurden msgesam
Mio Kilogramm Sprengstoff verbraucht, um recyt Mc ftige Schallwellen zu erzeuaen.
B Betrachten wir uns kurz me Ergebnisse dieser ^suche. Eine starke Schallwelle vermag Zunächst Mi umgebende Luft in einer Entfernung von 50 ms
I 0 Kilometer zu erschüttern und dadurch hörbar zu ' [ Derben, natürlich spielen dabei auch die Wmdver- rWünisse eine Rolle. Seltsam aber ist es, daß sia) i t diesen mehr oder weniger kreisförmigen -öe- l|h- ein ringförmiges Gebiet ausbreitet, in &as * fflsqoall von dem betreffenden Mittelpunkt zu brin
gen vermag, weshalb man von einer „Zone des Schweigens" spricht. An diese Zone des Schweigens schließt sich jedoch ringsum ein zweiter Bereich der Hörbarkeit, falls die Luftverhältnisse günstig sind und der Explosivnsherd genügend stark ist. Für die Lage der Grenze zwischen diesem Bereich und der „Zone des Schweigens" ergab sich eine starke Abhängigkeit von der Jahreszeit: sie liegt im Winter etwa 110 Kilometer von der Schallquelle entfernt, im Sommer dagegen »bei 190 Kilometer. Die Wissenschaftler sprechen hier vom „anormalen Schall", der hinter diese Grenzlinie zu gelangen vermag. Im Falle des anfangs erwähnten Kanonendonners der Schlacht in Flandern, den die Engländer mit Schrecken auf ihrer Insel vernahmen, kann es sich also nur um eine Erscheinung dieser Art gehandelt haben, ebenso sind jene Schallerscheinungen zu erklären, die man während des Weltkrieges in Westdeutschland bzw. dem Teutoburger Wald -beobachtet hat.
Wie vorhin schon erwähnt wurde, sind bei der Uebertragung von Schallwellen auf sehr weite Entfernungen die oberen Schichten der Atmosphäre wesentlich mit beteiligt. Man muß sich die Sache so vorstellen, daß diese Wellen bis zu einer gewissen Höhenschicht auffteiaen und dann im Bogen wieder herabsteigen, so daß auf diese Weise die „Zone des Schweigens" überbrückt wird. Aus der Laufzeit der Schallwellen hat man folgern können, daß der oberste Teil dieser Schallbrücke zwischen 30 und 70 Kilometer Höhe liegt, sich also in einem Gebiet befindet, wo die Lufttemperatur mit wachsender Höhe wieder zunimmt. Schallgeschwindigkeit und Temperatur stehen nämlich in einem physikalischen Zusammenhang, der für unsere Frage eine bedeu» tende Rolle spielt.
gn jener Höhenlage, in der die Schallwellen ihren höchsten Punkt erreichen, ist die Lust relativ reichlich mit Ozvngas durchsetzt, so daß man geradezu von einer Ozonschicht spricht. Hier findet em ständiges Wechselspiel zwischen dem Lustsauerstost und der Ultraviolettstrahlung der Sonne statt: der kurzwellige Teil dieser Strahlung, der sehr reich an Energie ist, vermag die Moleküle des Sauerstoffs zu zerschlagen und aus ihren Atomen das Ozon auf
zubauen. Ultraviolettstrahlen mit längeren Wellen dagegen führen das Ozon wieder in gewöhnlichen Sauerstoff zurück. Diese Vorgänge sind nun mit einer erheblichen Wärmeentwicklung verbunden und führen daher zu der erwähnten Temperaturzunahme.
So hat sich ergeben, daß auch das Rästel der anormalen Schallausbreitung in letzter Instanz von der Sonne gelöst wird, die mit ihren ungeheuren Kräften den Luftraum beherrscht und auch die Schallwellen, die von der Erde ausgehen, in aanz bestimmte Linien und Formen lenkt. W.L.
Spiel mit dem Sohn.
Von Joseph Baur.
Ein Nachmittag mit meinem achtjährigen Jungen ist für uns beide etwas Besonderes und für mich voller Überraschungen. Diesmal habe ich ihm das Radfahren beigebracht, und nun liegen wir im Gras und ruhen aus. Das heißt: das Ausruhen ist ganz meine Angelegenheit; ich möchte ein wenig schlafen. Aber der gänzlich unverminderte Betätigungsdrang meines Sohnes äußert sich zunächst darin, daß er mich heimlich mit einem Grashalm kitzelt, um dann mit bewundernswert teilnahmsvoller Miene zu fragen, ob mich die Mücken gestört hätten. Schließlich muß ich eine Menge merkwürdiger Fragen beantworten — und wehe, wenn das nicht genau und goldrichtig geschieht! Schnell bin ich dann vom Be» lehrer zum Belehrten degradiert.
Die beschaulich-nachdenkliche Gestimmtheit des Jungen dauert jedoch nicht lange. Er fjnnt auf ein Spiel, etwas Luftiges soll es sein. Was kann man aber schon Vergnügliches beginnen mit einem Vater, der unbedingt im Gras stilliegen will? Doch da hat er es schon. Er rückt ganz nahe mit seinem Gesicht an das meine, und das neue Spiel ist so: Man muß sich ernsthaft gegenseitig in die Augen schauen, und wer zuerst lacht, hak verloren.
Also, es beginnt Spiel eins. Mein Söhnchen schaut mir mit streng väterlicher Miene finster in die Augen. Ich muß sofort heftig darüber lachen. Aestch! Verloren! Er sucht zwei Hölzchen, das Taschenmesser wird gezückt, ich bekomme eine Kerbe aufs Holz geritzt.
Spiel zwei. Diesmal schaut er nicht finster, aber ganz unbewegt, mit gleichsam versteinertem Gesicht Nur die Augen darin sind lebendig, sehr lebendig,
zu lebendig, sie lachen zweifellos. Und diese lachenden Augen in dem komisch unbewegten Gesicht wirken unwiderstehlich ansteckend. Ich presse die Lippen zusammen, leider vergeblich. Schon zuckt es um die Mundwinkel, und dann platze ich los. Verloren! Er frohlockt gar nicht mehr, gibt mir nur ruhig lächelnd noch eins aufs Kerbholz. Seine Siegesgewißheit ist beinahe unverschämt
Ich nehme mich zusammen. Spiel drei. Väterlich finster, unter gesenkter Stirn hervor, mit energisch zusammengekniffenem Mund, nehme ich den Burschen aufs Korn. Er pariert sofort, mit genau nachgeahm- ter Miene, nur noch um etliche Grade finsterer, drohender, zusammengekniffener. Es gelingt mir knapp, standzuhalten, bis er unvermittelt eine Energiegrimasse ins Treffen führt, die mich zur Strecke bringt Ich bekomme eine neue Kerbe aufs Holz. Ob Grimassen kein Verstoß gegen die Spielregel seien, versuche ich einzuwenden. Nein, sie sind es nicht; im Gegenteil: väterliche Grimassen sind offenbar sehr erwünscht.
Aber warte! Spiel vier. Wir schauen einander ruhig in die Augen, und ich beginne, dieses Sohnes- gesicht nahe vor mir besinnlich zu studieren. Jetzt habe ich einen Ueberlegenheitspunkt. Ich denke nach und wundere mich. Darüber vergesse ich fast die Lachgefahr. Während ich unverändert ernst bleibe, entsteht ganz langsam ein Lächeln um seinen Mund. Dann löst er den Blick von dem meinen und gibt sich gelassen eine Kerbe aufs Holz. „Drei zu eins", sagt er, „— Pause!" Er legt sich zurück ins Gras und bringt zur Abwechslung wieder einmal eine Frage: Warum auf der Welt etwas wachse? — Es sei eine Spielerei des lieben Gottes, sage ich leichtfertig. „Nein!" werde ich belehrt. Sondern? „Weil wir sonst verhungern müßten!"
Dann kommt Spiel fünf. Ich nütze die schone Gelegenheit, noch einmal in aller Ruhe das rätselhaft Seelische in den Augen dieses Kindes, das mein Sohn ist, zu erfassen. Wir bleiben beide beharrlich ernst. Auch er scheint jetzt das Interessante des väterlichen Blickes zu erleben. Ich weiß nicht, ob er noch ans Spiel denkt. Jedenfalls: ich lächle, und er ritzt mir sehr befriedigt eine weitere Kerbe aufs Holz. Damit beenden wir das Spiel. Ich habe vier zu eins verloren. Die Kerbhölzer nimmt er mit nach Hause.
Ich aber sinne noch ein wenig: — mein Sohn sah mich an! ' -


