Ausgabe 
25.6.1940
 
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Kr.148 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger tSeneral-Anzeigrr für Oberheffen)

Dienstag, 25. Zum WO

Aus der Stadt Gießen.

Die rote Traumblume.

Wenn die brennend roten Blüten des Klatsch­mohns die sommerlichen Aehrenfelder weithin leuchtend durchsetzen, so beweist das eine voranae- gangene Trockenheit, die das Wachstum von Korn und Weizen empfindlich hemmte, so daß das rasch wuchernde Unkraut überhandnehmen konnte wäh­rend es in regenreicheren Perioden von den 'dichten Schwaden der üppig aufschießenden Halme leichter erstickt wird. So malerisch ein von wildem Mohn durchflammtes Feld wirkt, der Bauer der im Schweiße seines Angesichts Korn und Weizen aus­geworfen, verwünscht den roten Wildling, den der Feind gesät".

Dennoch war im vorchristlichen Altertum der rote Mohn die heilige Blume der Demeter, der Korn­mutter und Göttin der Feldfrüchte. Als sie einst auf der Suche nach ihrer von Hades in die finstere Un­terwelt entführten Tochter Persephone wehklagend umherirrte, fiel ihr in der Umgebung der pelopon- ncsischen Stadt Sikyon ein riesiges Mohnfeld auf, und sie deutete die Blumen als Grüße und Träume ihrer Tochter, die diese aus dem Schattenreich in die Gefilde des Lichts emporsandte. So erhielt die Stadt den Namen Melone, die Mohnstadt, und die Blume wurde als Träumebringerin und sanfte Ber- söhnerin mit dem Tod verehrt.

Ihrer haben die Dichter immer wieder in Rausch­und Traumliedern gedacht, die an die Tiefen ihres Wesens rühren, verdanken wir doch ihr das gefähr­liche Morphium und Opium.Schmück' dir das Haar mit wildem Mohn, die Nacht ist da, die Nacht ist da, all ihre Sterne glühen schon!" beginnt Richard Dehmel ein lockendes und aufrührerisches Gedicht, während Uhland vor dem Träumen im Mohnfeld warnt, weil es uns der Wirklichkeit ent­rücke und dem wahren Leben entfremde. Wer in das tagwache, zu Taten rufende Leben und sieht des Traumgottes Morpheus Arme sinkt, verschläft das tagwache, zu Taten reifende Leben und sieht am Ende all die berauschenden Bilder seiner Phan­tasie in Nichts zerflattern. Träume sind Schäume! Wie die leicht im Winde verwehenden Blütenblätter des Mohns find sie flüchtig, und man behält von dem Strauß, den man im Verlangen nach immer schöneren, von tieferer Leuchtkraft glühenden Blüten gesammelt, am Ende nicht viel mehr als .kahle Stengel in der Hand.

So stehen auf dem rot flammenden Mohnacker die Gegensätze: Leben und Traum, das Brot brin­gende Getreide und die rote Traumblume. Jenes vermittelt die Kräfte, deren wir zu einem gesunden Leben bedürfen, zu Tätigkeit und Werk, die eine Nation stark machen, ihre Aufgabe auf der Erde zu erfüllen. Der Mohn aber, der den Morphium- und Opiumgenuß 'ermöglicht, ist ein Betäubungsmittel für Schwächlinge, die der harten Wirklichkeit nicht gewachsen sind. Er erschlafft die Nerven, und seine zum Unheil sich auswirkenden Kräfte können nur im Dienste eines gewissenhaften Arztes einem Kranken heilsam werden.

Roter Mohn, so leuchtend und lockend, und doch Widerton des wachen Lebens, der kraftvollen männ­lichen Tat. P. B.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Wehrwissenschaftlicher Vortrag der Ludwigs- Universität: 20.30 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34, spricht der Rektor Pro­fessor Dr. Kranz überSoldatentum auf rassischer Grundlage". Gloria-Palast (Seltersweg):Lauter Liebe". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Som­mer, Sonne, Erika".

Notizen für den 25. Juni.

Sonnenaufgang: 5.04 Uhr, Sonnenuntergang: 21.51 Uhr. Monduntergang: 11.03 Uhr, Mond­aufgang: 24.29 Uhr.

ZM.-Untergau 116 Wetterau.

Alle Teilnehmerinnen des Schulungslagers Mar­burg bringen am Freitag bis 18 Uhr ihre Nähr­mittelkarte zum DM.-Untergau. Außerdem müssen zum Schulungslager noch Schlafsack, Dirndlkleid und Schwimmzeug mitgebracht werden.

Raucher im Walve kann jeder verhasten.

Waldbrände sind fast ausschließlich darauf zu­rückzuführen, daß Spaziergänger und Ausflügler im Walde in sträflicher Verantwortungslosigkeit rauchen, oder sonstwie mit Feuer hantieren. Die Werte deutschen Volksoermögens, die auf diese Weise alljährlich vernichtet werden, sind unüber­sehbar..

Es geht hier nicht nur um die Erhaltung des deutschen Landschaftsbildes, sondern zugleich um den Schutz einer unserer wichtigsten Rohstoffquellen, die gerade während des Krieges besonderer Pflege be­dürfen. Daher ist es selbstverständlich, daß der natio­nalsozialistische Staat jeden, der sich in frevelhafter Weise an diesem wertvollen Gemeinschaftsgut ver­sündigt, als Volksschädling betrachtet und mit hohen Strafen belegt.

Das Strafgesetzbuch und die Verordnung 3um Schutze der Wälder, Moore und Heiden gegen Brände drohen bei Zuwiderhandlungen gegen die einzelnen gesetzlichen Bestimmungen neben Geld­strafe auch «empfindliche Freiheitsstrafen an. Es muß auch immer wieder darauf hingewiesen werden, daß

nach § 127 der Strafprozeßordnung jedermann be­fugt ist, jemanden, der bei Verstoß gegen die zum Schutze des Waldes gegen Brandgefahr erlassenen Bestimmungen auf frischer Tat betroffen oder ver­folgt wird, bei Fluchtverdacht oder bei nicht sofort gegebener Möglichkeit der Personalfeststellung auch ohne richterlichen Befahl vorläufig festzunehmen.

Auch die Bestimmung des § 330 c des Strafgesetz­buches ist in diesem Zusammenhang von erhöhter Bedeutung, wonach derjenige, der bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe keiftet, obwohl dies nach gesundem Volksempfinden seine Pflicht ist, insbesondere, wer der polizeilichen Aufforderung nicht nachkommt, Geld- oder Freiheitsstrafe verwirkt hat.

Ebenso wie die polizeilichen Organe angewiesen sind, gegen Waldbrandstifter als Volksschädlinge rücksichtslos einzuschreiten, wird auch von jedem an­ständigen Volksgenossen erwartet, daß er beim An­treffen derartiger Frevler im Walde im Interesse des Volksganzen in der angedeuteten Weise oorgeht.

Der letzte Sprung des alten Löwen."

Dortragsabend des Gießener DörtragSringeS.

Der Gießener Vortragsriizg (Goethebund, Kauf­männischer Verein und Volksbildungsstätte Gießen) hatte für den gestrigen Montagabend zu einer Dortragsveranstaltung in die Neue Aula der Uni­versität eingeladen, die, wie kaum eine andere, die Züge einer unmittelbaren Aktualität trug.

Kreisleiter Backhaus

sprach zu Beginn in großer Ueberschau von den gegenwärtigen großen und umwälzenden Ereignis­sen, die für die nächsten Jahrhunderte für ganz Eu­ropa von entscheidender Bedeutung sind. Er stellte die Ignoranz Englands heraus, das seit Jahrhun­derten, wie mit Blindheit geschlagen, die natur­gegebenen Notwendigkeiten der Völker mißachte und vor allem der Auffassung gewesen sei, das 80-Mil- lionen-Volk der Deutschen, das rassisch hochwertigste Volk, in seinen Lebensrechten beschneiden zu können. Englands Trabanten seien jetzt nacheinander un­schädlich gemacht worden. Frankreich, Englands mächtigster Bundesgenosse, habe nun die Waffen strecken müssen, und jetzt richte sich die ganze deut­sche Kampfkraft gegen den Urheber alles Unglücks auch in diesem Kriege: gegen England! In kurzen Zügen sprach der Kreisleiter davon, wie gerade die­ser Abend den Zuhörern das Bild Englands vermit­teln solle, wie es von bedeutenden Engländern selbst gesehen wurde. Nun sei der Zeitpunkt gekom­men, da England die Schuld von Jahrhunderten zu sühnen habe.

Or. Leonhard Blaß

sprach dann über das ThemaDer letzte Sprung des alten Löwen". Der Redner, der sich zunächst mit der Geschichte Englands beschäftigte und Eng­lands Haltung den Völkern des Kontinents gegen­über charakterisierte, führte heran an eine Reihe von Persönlichkeiten, die in England die Politik vor dem Weltkrieg gestalteten. In einem längeren Zitat ließ er hierauf den bekannten Dichter Bernard Shaw zu Worte kämmen, der in klarer Erkenntnis der Dinge Englands Weg kennzeichnete und sein Ende voraussagte, wie es sich nun anbahne.

In klaren Sätzen sprach der Redner dann davon, wie es England mit seiner Bündnispolitik immer wieder verstanden habe, andere für feine (Eng­lands) Interessen ins Feuer zu schicken und die Bundesgenossen dann im entscheidenden Augenblick zu verlassen. Zahlreiche Beispiele ließen diese Poli­tik Englands durch die Jahrhunderte erkennen.

Dann führte Dr. Blaß in die jüngste Vergangen­heit zurück und zitierte einen der bedeutendsten Engländer, der als Freund der Deutschen zu hohem Ansehen gelangte, wenn auch nicht in den Augen der Engländer: Huston Steward Chamberlain. Er sei der Seher des Dritten Reiches schon während des Weltkrieges gewesen. Chamberlain sprach von

der Brücke, die das englische Volk mit dem deut­schen von der rassischen Grundlage her verbinden könnte, er wußte aber auch, wie dos englische Volk durch seine Regierung bewußt irregeführt wurde im Urteil über den artverwandten deutschen Menschen. Er habe England in seinem ganzen moralischen Verfall und in all seiner Lügenhaftigkeit erkannt und das Lügenspiel Englands, mit dem eine ganze Welt während des Weltkriegs vergiftet wurde, als das größte Verbrechen gebrandmarkt. Schon im Jahre 1916 habe er gesagt, daß Deutschland um der Welt willen in diesem Kriege siegen müsse. Deutsch­land müsse Weltfaktor werden und ein Wahrer des Weltfriedens, der England niemals sein könne. Der Seher Huston Steward Chamberlain habe aber auch den Führer Adolf Hitler vorausgeahnt, als den Mann mit dem starken Herzen, und er sei der erste Ausländer gewesen, der den Führer nach einer kur­zen Begegnung im Jahre 1923 in Bayreuth als den Mann der deutschen Zukunft erkannt habe. Wörtlich habe er schon damals geschrieben:Deutschland, dieser Adolf Hitler wird einst deine Zukunft ge­stalten!"

In seinen weiteren Darlegungen beschäftigte sich der Redner in lebendiger Vortragsweise mit einer Reihe weiterer englischer Schriftsteller, die ihrem eigenen Vaterland mit klarer Offenheit und muti­gem Herzen den Spiegel vor das Gesicht hielten, das Regierungssystem geißelten, die Politik Englands scharf treffend charakterisierten und harte Anklagen erhoben. In diesem Zusammenhana nannte er Shakespeare, Thomas Carlyle, Lord Byron, John Hestings, Edward, Carpenter und Strickland.

Abschließend beschäftigte sich der Redner mit der Gewaltherrschaft und Grausamkeit der Enaländer in ihrer Kolonialpolitik. Er erinnerte an den Opium­krieg, an das Verbrechen an den Buren, an die Schandtaten in Indien, an die Ausrottung der In­dianer in Nordamerika, und er ließ erkennen: wie es England dabei nie um das Wohl der Kolonial­völker ging, sondern immer um Englands nüchterne Interessen. Mit Worten bzw. Liedern und Gedichten des Tirolers Renk, von Knut Hamsun, Gorch Fock und Hermann Löns fand der aufschlußreiche Vortrag seinen Abschluß.

Nachdem Kreisleiter Backhaus noch die nach Mitternacht eintretende Waffenruhe im Westen be­kanntgeben konnte, des Führers und unserer sieg­reichen Wehrmacht gedacht war, fand der Vortrags­abend mit den Liedern der Nation seinen Abschluß.

50 Rpf.-Aickelmimzen außer Kurs.

Nach einer Verordnung des Neichsministers der Finanzen gelten die Nickelmünzen im Nennbetrag von 50 Rpf. ab 1. August 1940 nicht mehr als ge­setzliches Zahlungsmittel. Die Münzen behalten also

ihre Kaufkraft nur noch bis zum 31. Juli 1940. In dem folgenden Monat, also bis 31. August 1940, werden die Münzen noch von allen Reichs- und Landeskassen sowohl in Zahlung genommen, als auch gegen andere Zahlungsmittel umgetauscht. Mit dem 31. August 1940 hört die Einlösungspflicht auf. Die Münzen haben dann nur noch ihren Metall- wert. Zur Vermeidung von Verlusten ist es ratsam, die 50-Rpf.-Stücke aus Nickel umgehend bei einer Kasse einzuzahlen.

Achtung vor dem Kornfeld!

Das Feld, auf dem jetzt das Brotgetreide mehr und mehr heranreift, soll von allen Volksgenossen mit der Schonung und Achtung behandelt werden, die seiner Bedeutung für die Ernährung zukommt. Diese Mahnung ist gerade jetzt besonders angebracht, wo Kornblumen und Mohn blühen und Kinder und Spaziergänger gerne geneigt sind, sich einen Strauß der blauen Blumen zu pflücken, oder eine Mohn­blume zu brechen. Nicht immer sind diese Blumen vom Rande des Kornfeldes aus zu erreichen, und oft kann man beobachten, wie sich Kinder und Er­wachsene hinüberneigen, erst einen Fuß in das Korn­feld setzen und wenn auch das noch nicht zum Ziele führt den zweiten folgen lassen. Aber auch bei den Spaziergängen auf den Wegen durch die Kornfelder wird nicht genug Aufmerksamkeit auf­gebracht. Man weicht vom Rain ab und tritt mit den Füßen Kornhalme nieder. Ja, wahre Pfade führen zeitweilig durch das Kornfeld.

Der Bauer bemüht sich mit allen Mitteln und unter Anwendung seiner eigenen und seiner Mit-

® Zuckerkrankheit

Seit 10 Jahr, leide ich an Zuckerkrank^ heil. Nachdem ich Ihren Karlssprudel regelmäßig getrunken habe, zeigte dieärztl. Untersuch. ca.*/i %. Ich trinke dieses Wasser weiter. Hans Busch, Buchdr.-Besitzer, Arnsberg (Westf.), Jägerstr. 30.9.36- 20 grobe Flasdien RM 12.60, SO grobe Flasthen RM 25.. Fradit hin> und zurüdt trägt der Brunnen. Heilquelle Karlssprudel, Biskirchen Ai

Helfer Kräfte, die Ernährung des deutschen Volkes sicherzuftellen. Darum haben die Kinder und Er­wachsenen die Pflicht, äußerste Sorgfalt beim Blu­menpflücken und beim Spaziergang walten zu las­sen. Jeder muß darauf achten, daß das Brot, das nun heranwächst, nicht mit Füßen getreten wird. Jeder muß mithelfen und derartige Beschädigungen der Getreidefelder zu verhindern suchen.

Anzeigepflicht bei Geschästsschließungen

Durch Erlaß des Reichswirtschaftsministers vom 12. Oktober 1939 und 10. Januar 1M0 wurde be­stimmt, daß Einzelhandelsverkaufsstellen, die infolge von Zwangsbewirtschaftungsmaßnahmen oder der Einberufung des Inhabers geschloffen werden, nach Beendigung des Krieges genehmigungsfrei wieder eröffnet werden können, sofern die Schließung der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel angezeigt wird. Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel hat mit Genehmigung des Reichswirtschaftsministers eine entsprechende Anordnung erlassen, wonach die Mel­dungen der Unterabteilung Einzelhandel der zu- ftänoigen Wirtschaftskammer zu erstatten sind. Der Reichswirtschaftsminister hat in einem Bescheid vom 8.4.1940 festgestellt, daß diese Regelung für alle Einzelhandelsverkaufsstellen gilt, ohne Rück­sicht daraus, ob und in welcher Organisation der gewerblichen Wirtschaft der Inhaber der Verkaufs- stelle als Mitglied erfaßt ist.

Gießener Wochenmarktpreise.

* G i e ß e n, 25. Juni. Auf dem heutigen Wochen« markt kosteten: Markenbutter, X> kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, Eier, aus­ländische, 10 bis 11, Kartoffeln, alte, % kg 5, 5 kg 48 Rpf., 50 kg 4,15 RM., neue, kg 17 Rpf., Wir­sing, grün, 22 bis 25, Gelberüben, das Bund 21 bis 25, Spinat, Vi kg 12 bis 15, Römischkohl 15, Boh­nen, grjin, 35, Erbsen 35 bis 40, Mischgemüse 12, Tomaten 37 bis 65, Zwiebeln 17, Meerrettich 70, Rhabarber 10 bis 12, Himbeeren 50 bis 78, Kirschen 43 bis 50, Stachelbeeren 23 bis 28, Johannisbeeren 30, Erdbeeren 40 bis 55, Blumenkohl, das Stück 20 bis 80, Salat 10 bis 15, Salatgurken 40 bis 60,

Vom Kriege.

Friedrich Theodor Vischer der große Prediger des Schönen, der zugleich selbst ein echter Dichter und ein kernhafter deutscher Mann war, hat im Kriege 1870 spät im Silberhaar das große Erlebnis feines Daseins gefunden und fein Welt­gefühl auf eine ganz neue Warte gestellt. Er, der seinen lieben Deutschen so oft im zornigen Ernst und derben Spott einen Spiegel ihrer Unsitten und Fehler vorgehalten, er wurde zum Lobredner des geeinten Vaterlandes und sang sein Heldenge­dicht vom deutschen Krieg. Dem Monumentalwerk seiner Aesthetik hat er damals ein neues Kapitel angefügt, in dem er in uyvergänglichen Worten das Schöne im Kriege darftellte.

Der Krieg ist darum nicht unästhetisch, weil, er wild, weil er furchtbar ist", sagt Vischer.Denn auch das Schreckliche hat ästhetischen Reiz. Wir legen den Homer nicht weg, wenn wir lesen, mit welcher grausamen Genauigkeit er Verwundungen be­schreibt, wir steigen gern die Treppe des Kapi­tols hinauf, um die Statue des sterbenden Fechters zu sehen, wie er, zu Boden gesunken, mit der brei­ten Wunde in der Brust, noch einen Augenblick den Oberleib aufrecht hält." Aber von dieser Schauerwelt furchtbarer Gefühle, in die uns das Bild der Zerstörung versenkt, wenden wir uns empor zum Bild der zerstörenden Kraft und füh­len uns eins mit dem Helden, wachsen an ihm und mit ihm.Der Krieg läßt die Kraft erschei­nen." So leuchtet uns das Bild des wilden, hohen, furchtbar schönen Heros, wenn Achilles auf die Feinde einwütet,wie ein wirbelnder Wald brand , wenn die herrlichen Gestalten der altgriechischen Tempelreliefs gegeneinander stürmen. ,,-00(9 nur im Kampfe der einzelnen liegt das vnnlict) Schöne des Krieges: Das Getümmel, die JJtenge, ter Drang, der unaufhaltsame Sturm und Stotz Ton Massen vereinigt die tätigen Kräfte zu einer gehäuften und dadurch für Auge und Phantasie umso aeroaltigeren Wirkung."

VonHben äußeren machtvollen Erschernuno^n des Krieges steigen wir auf zu seinem höheren Inhalt 6s ist die mächtige Bewegung der Seele, es ist das Bild des Willens, der im höchsten Aufschwung leiner ganzen Kraft die Schrecken des Todes nicht -fürchtet, es ist noch mehr das Bild feiner Grßaberp heit in dem furchtbaren Augenblicks wo von dem

hingeopferten Leibe scheidend der Geist noch im letzten Seufzer bezeugt, daß es Güter gibt, die ihm mehr gelten, als das Leben. Heldentod ist schöner und großer Tod, am schönsten dann, wenn der Sterbende noch wissen darf, daß der Sieg gewiß ist.Legt mich in die Sonne, wendet mich nach der Sonne." Sie wissen, einer der unfrigen sagte es, als er tödlich getroffen niederfiel am blutigen Tage von Villiers, er schaute hinein, bis sie sank, die Siegeskunde erreichte ihn noch, und mit dem herrlichen Gestirn des Tages sank auch sein jugend­liches Mannesleben hinab."

Groß und schön ist der Mut des Kriegers im Kampfe, ist die Ruhe des Feldherrn mitten im Feuer, ist das unerschütterte Ausharren ganzer Scharen im Angesicht des ringsum mähenden Todes.Man sollte meinen, ein Leben, wo jede Stunde solche Schrecknisse bringen kann, müsse eine Menschenseele verdüstern. Aber die Stimmung des Tapfern ist frei und heiter. Es liegt ich weiß nicht welcher Druck der Bangigkeit auf dem Leben; man braucht nicht feig zu fein, um oft von einem Ge­fühl beängstigt zu werden, als lauern Gespenster hinter den bekannten Gestalten des Lebens. Es gibt mehr als einen Weg, sich von dieser Angst zu befreien; Arbeit, Wissenschaft, Kunst, Religion die reine nämlich, denn die trübe macht nur noch mehr Angst aber einer dieser Wege und nicht der letzte ist außer Zweifel die Fassung des Gei­stes im Kriege. Wer abgeschlossen hat mit dem Leben, wer entschlossen ist, dem wird das Gemüt hell und wolkenlos mitten unter den drohenden Bildern des Todes, ja doppelt und dreifach genießt er das Gefühl des Lebens.Gefaßt fein ist alles."

Offenbart so der Krieg alle Wunder der Kraft, so schafft er freilich auch eine Welt des Leidens. Die Kunst aber, der Genius des Schönen folgt ihm auch auf diese seine Leidenswege: der Krieg ist darum nicht unästhetisch, weil er Leiden bereitet. Leiden rührt zum Mitleid, das Mitleid aber ist schön, weil es die Fremdheit zwischen Mensch und Mensch aufhebt, weil es getrennt Töne zu einem Akkord vereinigt." Da ist der rührende Schmerz des Abschiedes, wie ihn Homer so wundervoll in dem Bilde verklärt, da Hektor von Andromache und seinem Knäblein scheidet.Den Anblick trauern­der Bräute, Frauen, verwaister Familien, denen die geliebten Häupter nicht wiederkehren, wie mag ihn die Kunst in immer neuen Darstellungen uns

bringen? Und wie weit ist das Feld der pflegenden, heilenden, tröstenden Tätigkeit der Liebe, die, im Kriege selbst tätig, eine Welt von sittlicher Schön­heit hart neben die klaffenden Wunden, Bäche des Blutes und brechenden Augen stellt. Man behaup­tet, daß den Krieg nicht beurteilen könne, wer nicht ein Feldspital gesehen habe. Wahrlich, auch in die Stätten der Krankheit, der Wunden, des Todes kehrt mit dem Erbarmen der Menschlichkeit der Engel des Schönen ein."

Und ohne Krieg., keinen Sieg. Ohne Sieg keinen Heimzug, nicht das Bild der blumengescymückten Scharen, der Freudentränen, des Jubels und Jauchzens im wimmelnden Volk, dies Wunderbild, das das Schöne im Kriege bekrönt. C. K.

Hast du die Sorge nie gekannt?

Von Hans Brandenburg.

Hast du die Sorge nie gekannt? So fragt sie selbst, die Sorge, den greifen Faust. Während ihre drei Geschwister Mangel, Schuld und Not in die verschlossene Tür des reichen Mannes nicht ein­dringen können, schleicht sich die Sorge durchs Schlüsselloch ein. Sie spricht:Wen ich einmal mir besitze, dem ist alle Welt nichts nützö ... Er ver­hungert in der Fülle ..." Die wahre Sorge, die unheilbare, scheint also nur dem Reichtum bei­gegeben zu sein, und ihn wollen wir ihr ruhig überlassen. Wer die andere Art von Sorge, die Sorge aus Not, kennt, der erfährt viel leichter auch den Segen der Not, vor dem das Gespenst der Sorge flieht. Gewiß gibt es Sorge und Not genug, und erst recht in einer schweren Zeit wie der heutigen. Wir wollen sie nicht übersehen und gering schätzen, wir wollen sie nach Kräften lindern helfen, aber wir müssen doch andererseits jedem Bedrängten zugleich zu verstehen geben, daß in einem Augenblick, wo ein ganzes Volk um seine Existenz kämpft, auch die größte Sorge des ein­zelnen zurückzutreten hat. Das kann um so leichter gelingen, als gerade in dieser Zeit die Volksgemein­schaft ihr Hilfswerk mit verdoppelter Opferwillig­keit fortsetzt und den einzelnen heute erst recht nicht darben lassen möchte.

Wir wollen uns also keine Sorgen einbilden, keine Sorgen machen. Und Misere Frauen sollten dies häßliche Hauptwort nur noch in der

schönen Form des Tätigkeitswortessorgen" kennen. Wenn sie für ihre Familie wirklich sorgen, so wird ihnen unser Dank und unsere Liebe heute und in Zukunft noch mehr denn je gehören, geräde weil dies Sorgen und Fürsorgen unter er­schwerten Umständen geschieht, weil sie die Lebens­mittelmarken studieren und einteilen, an Bezug­scheinstellen und in Läden anstehen oder gar mit ungewohnter Berufsarbeit in die Breschen der Män­ner springen müssen. Die weibliche Erfüllung all dieser tausend Alltagspflichten bewundern wir, aber wenn sie wirklich mit allerhand kleinen Sorgen un­vermeidlich verbunden ist, so dürfen sich die Frauen doch sagen, daß sie durch solches Tun sich und uns und unser ganzes Volk nur vor größerer Not und Sorge schützen und daß ihre Männer und Söhne draußen noch viel mehr auf sich nehmen, ja, jeder« zeit ihr Leben zu opfern bereit sind.

Weil dies so ist, darum sollen die Frauen ihren Männern draußen nicht mit den noch erhöhten Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten ihres All­tags beschwerlich fallen. Jene können in den gewal- Hgen Geschehnissen und Anforderungen des Krieges solchen Klagen höchstens das Ohr öffnen, um sich mit ihnen das Herz überflüssig zu belasten. Das ist kein Mangel an Verständnis. Denn wofür zieht der Mann ins Feld? Gewiß für das Vaterland; doch das Vaterland ist ihm kein leerer und allge­meiner Begriff, sondern es lebt für ihn in der leibhaftigen Wirklichkeit von Heimat und Scholle, von Weib und Kind, von 5)aus und Herd. Der wahre Soldat wird seinen Lieben daheim ebenfalls nichts vorjammern, er wird sie nicht quälen und aufregen mit der Erzählung seiner Strapazen und Gefahren. Dennoch, und erst recht deshalb, wird die liebende Frau, weil sie zwischen den Zeilen zu lesen versteht, in einem geheimen Wissen ermes­sen und fühlen, wieviel er auf sich nimmt. Daß solch wissendes Geheimnis, solch rücksichtsvolles und be­redtes Schweigen wieder zwischen den Menschen sein kann, ist eine schöne und edle Frucht des Krie­ges und seiner schmerzlichen Trennungen. Das Männerheer draußen und das Frauenheer daheim, die äußere und die innere Front sind ebenbürtig und eins, wenn sie sich gegenseitig erheitern und aufrichten und unter der Oberfläche tapferer Hal­tung, frischer Lebensberichte, erkämpfter Gelassen­heit erst recht erkennen, wie sehr sie nur füreinander dulden und ausharren, daß sie nur desto enger ver­bunden, nur füreinander da fink