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WEIHNACHTSBRIEF
AN DIE FRONT
Irene Gayda»
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Ich wohne am Rande der Stadt. Morgens seh
de Wlttenver. D£)m tBctt QU5 die Sonne zwischen brandigem bem. Gewölk aufgehen, und beim Frühstück seh' ich auf
^Um über diese Frage hinwegzukommen. stimmt
Ich weiß nicht, wo Dich diese Weihnacht findet, Nicht, ob ein festlich Baum Dir Aug’ und Her? erfreut Wie bist Du in der Heil’gen Nacht so weit! Doch sieh: Nun fühl ich doppelt, was uns bindet,
Und teurer noch war mir Dein Bildnis niet Gelassen und bewehrt trittst Du dem Feind entgegen, Und bittest dennoch um der Mutter Segen Und beugst vor einem armen Kind das Knie!
Schatten und halb im Licht, bas ist die Beleuchtung dasür.
So schreckt mich denn auch diese Trennung nicht: Wir wollen beide nach den Sternen sehen, Wo still die Runen unsres Schicksals stehen - Dann tun wir wieder schweigend unsre Pflicht...
Ellrich,
Oer große Himmel
Don htuno Brehm.
Das aus dem Jahre 1544 stammende ^^enber- Äche Schulgesangbuch verdanken wir t:...
homaskantor Georg Rhaw. In ihm sehen wir -2S schon aus dem beginnenden 14. Jahrhundert »mmende, auch jetzt noch viel gesungene:
dann sei kein Schaf!"
Das war eine Antwort, und wenn ich mir
überlege, meine Herren, die schlug schwerer ein als eine Achtunddreitziger? Wir machten unsre dummen Gesichter, aber da sagte der kleine Tödlein mit seiner stillen Stimme:
„So, jetzt wollen wir ein Weihnachtslied singen." Er wartete auch nicht den berühmten Tenor von Oskar Schmidt ab, sondern stimmte selber das alte Liedchen an.
Was soll ich noch länger von diesem Abend erzählen? Es war ganz feierlich, und feierlicher hätte es nicht daheim bei Muttern jein können. Die drei Kerzchen, das rote, das weiße, das gelbe, leuchteten, wir faßen halb im Licht und halb im Schatten. Wenn man so ein altes Lied singt, das man schon als Kind gesungen hat und das zur gleichen Zeit Millionen anstimmen, meine Herren, ich kann mir nicht helfen, aber da ist es gut. wenn das Licht nicht zu scharf in die Gesichter fällt. So halb im
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■ n die „Musae Sioniae“ nahm Prätorius auch das »ute wieder zu Ehren gekommene alte Preislich nf das Kind in der Krippe auf: „Quem pastoses 1 a u d a vere“.
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Joachim Tödlein lächelte, es war ein Knaben- lächeln, ein ganz stilles, stolzes Jungenlächeln, und er sagte leise:
„Wenn dich Gott zum Widder geschaffen hat.
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dem Wetter, sondern nach der Seit richten. Alles hat seine Zeit, und mag der Advent tausendmal dem Oktober gleichen, die Drachen glauben nicht daran, sie steigen nicht auf. Vielleicht gibt es ein Land, vielleicht ist es Felix Arabia, das aus den neuen Karlen nicht mehr zu finden ist, wohin jene Drachen, die nicht an den Telephondrähten hängen- bleiben, fliegen und von den glücklichen Arabern aufgespießt und gebraten werden. Denn bei uns fliegen jetzt statt der Drachen Abend für Abend schwarze Krähenwolken dahin und senken sich kräch- zervd über die Wälder, über den schönen Berg mit dem albernen Turm, der das Kind eines Schloß- turmes und eines Fabrikrauchfangs ift
Und wenn die Kinder dem Krähenvolk nachblicken, dann fragen sie, wie groß der Himmel ift „Alles, Kinder, was ihr seht, ist lauter Himmel." „Und hinter dem Berg dort?" „Ist immer noch Himmel."
„Und hinter dem Schneeberg dort drüben, ganz weit draußen?"
„3mmer wieder Himmel. Kinder, immer wieder Himmel."
„Und wer ist größer", fragt die kleine Tochter, „her liebe Gott ober der Himmel?"
„Der Himmel natürlich", antwortet der kleine Sohn, „denn wäre der Himmel nicht größer, wie konnte dann der liebe Gott drinnen wohnen?"
So ist es, Kinder, so ist es. Und wir alle wohnen darunter. Aber nun sind die Kinder schlä'riq, sie sollen nicht später schlafen gehen als die Krähen.
Run schlafen sie, und träumen sie, nun wachsen sie im Schlaf und werden größer, sie, die vor kurzem kaum über den Tischrand greifen konnten, die beben nun die Augen in die größere und in die ärmere Welt der Erwachsenen und Entwachsenen; sie lösen sich los und tragen sich unter dem großen Himmel ihre kleine Welt zusammen.
Gott möge sie und uns alle beschützen — und wenn wir wieder einmal ein schweres Herz haben, so wollen wir horchen, ob es nicht auch Freud« ift, die so an unserer Brust hämmert.
Meine Rasiekbande lachte, was sollte ich machen? Ich lachte null Ich nahm den Anzug und jagte:
„Oskar", sagte ich, „den hebe ich gut auf, den ziehe ich zu deiner Hochzeit an", habe ich aefagt, und dann tranken wir. Der kleine Mennig fagte:
.Zinder, laßt uns mal ein schönes Lied singen!"
„Erst soll Oskar seine Klamotten verteilen!" sagte Oechsle, „bann wollen wir fingen."
Oskar zwirbelte seinen kleinen, schwarzen Schnurrbart und holte aus dem unergründlichen Lumpen- ack ein wahres Hutungetüm. Er ließ den Hut wie einen Teller auf der Hand kreiseln und sagte:
„Wer soll diesen Jndianerstutz bekommen?"
„Der Korporal!" lachte Karle Occhsle.
„Nein, der ist für unseren sieben Joachim Tödlein", sagte Oskar und warf innerem jüngsten Mann den Blumenbänderhut in den Schoß. Und der kleine Tödlein, der sonst immer ganz still war und keinen Mucks sagte, auch dann nickt, wenn es ganz dicke Lust gab, die schweren Brocken orgelten und Eisenbahnen fuhren, der kleine Tödlein nahm den Hut und verließ den Stollen.
„Geh, Joachim, was ist denn los?" rief ihm einer nach
Aber Tödlein antmbrtete nicht.
Nach zehn Minuten kam er wieder, den Stahl-
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die Freundin ein Lied an, so albern, wie es nur in einem Lesebuch stehen kann. Aber die Kinder singen es falsch und es wird dadurch ein wenig schöner. Dann schweigen sie, und aus der Nachbar- schäft klingt wieder jene Stimme herüber, die man jonst nur gegen Mittag an schönen Tagen h-ren kann, eine Helle, wunderliche Knabenstimme, die einzelne Töne hervorstößt und in gleichmäßigen Abständen wiederholt. Ja, in dieser Hellen, schönen Stimme ist alles enthalten, was das Leben lind und begehrenswert macht. In dieser Stimme liegt Jugend, Reinheit, Sonne und leichter Wind, liegt Spiel und Lauschen und 2lnetnanberfügen_ der verstreuten Schönheiten. Kein Lieb kann schöner fein, keines kann tiefer rühren.
Ein Frühlingstag steht vor mir, an dem alle Birken winkten und alle Primeln leuchteten, ein Tag, an dcm man keinen Schritt tun konnte, der nicht des Herzens übervollen Krug zum Schwanken und Ueberfließen gebracht hätte Und an diesem Tage jang in das scheue Schauen und zage Wandern hinein eine Knabenstimme die gleiche Weise. Welch ein Glück, nach so viel schweren Jahren wie- der diese Stimme hören zu dürfen. Denn der Knabe von jener seligen Wiese damals wird wohl, wenn ihn nicht der Krieg verschlungen hat, ein Mann ge» worden sein. Aber nun ist er wieder da, ein anderer und doch derselbe. Auch meine Kinder hören diese Stimme, aber sie versuchen es nicht, sie nachzuahmen, denn diese eine Folge von Tönen weiß wohl immer in allen Zeiten nur ein Kind für ein ganzes Land, für das es bann feine Stimme erhebt und singt. Möge die Sonne noch recht lange ichei- nen, damit der Schnee mir nicht den kleinen Men- fchen dort drüben vertreibt, damit dieses Früh- lingsst mmchen nicht in bas Zimmer verdankt werbe!
Am Sonntag kommen hier bei uns die Leute vorbei und gehen dahin, als wären sie- schon völlig auf bem Lanbe.
Die Drachen sink) verschwunden, diese papierenen Zugvögel, die sich, wie alle Kinderspiele, nicht nach
Damals im Argonnerwald.
Dechnachtskrzadlunq von Max Barchel.
„Untere KorporcUschaft war schon in Ordnung" erzählte der Briefträger Buck, „wir waren eine Rasselbande, die noch den Teufel aus der Holle geholt hätte. Der Hauptraßler war Oskar Schmidt jnb der leiseste Mann bei uns der Joachim Töd- [ein. Aber das werdet ihr selber wissen, wenn ich mit meiner Geschickte fertig bin. Also", er zündete sich langsam die Pfeife an, „es war m Den Ar- gönnen Weihnachten 1915. Oskar Schmidt ließ sich 3on bem Oberleutnant Psleiderer beurlauben und ging nach Varennes, der kleinen, zertrichterten Stadt •in Der Aire, und kam erst gegen Abend zurück, die Larenner Straße wurde beschossen. Richtig, mir aaen bei Le Four de Paris irn ersten Graden.
Am Heiligen Abend wurde fast gar nicht geschos- en. Don uns nicht und auch vom Schangel nicht. Wir holten am Nachmittag am Bahnhof „Schwarze Marie" kleinen Tannen. Da hinten gäbe noch Wald sei uns war alles kaputt, die Höhen waren ganz oaumlos, hier und da stand nur wie ein zersplit- etter Sloßzahn eines Urwelttieres ein zerschossener Baumftamm. Schnee gab es keinen, aber Regen, aft den ganzen Winter regnete es bei uns. Wenn mir zwei Winter in der nassen Stellung zugebracht gatten, uns wären, lacht nicht, Schwimmhäute zwi- chen den Fingern gewachsen.
Nun wurde es langsam dunkel, die schummrige Zeit kam, alles wurde schattenhaft und traumhaft mie im Walde, obwohl es bei uns gar keinen Wald nab. Vielleicht bilde ich das mir jetzt nur ein, daß -s traumhaft war, vielleicht war der Hellige Abend Daran schuld, daß alles geheimnisvoll und märchen- gast wurde. Ja märchenhaft! In den Unterständen wurden die kleinen Tannen angesteckt. Auf jeden Baum tarnen drei Kerzen, eine weiße, eine rote, eine gelbe.
Oberleutnant Pfleiberer ließ die Zugführer und Korporale au sich kommen. Er saß mit gegrätschten Beinen auf dem Stuhl, hatte die Mütze aus der Stirn geschoben und rauchte seine ewigen Zigaret- :en. Er sagte uns:
„Lassen Sie den Leuten so viel als möglich De- rnegungsfreiheit. Heute nacht sotten auch die Burgen mit Posten schieben, sonst wissen Die Brüder überhaupt nicht mehr, wie es einem armen ehr- icken Landser zumute ist. Hoffentlich bleibt alles -upig. Gesungen darf werden, aber leise. Jnstruie- -en Sie die Mannschaften. Sind Wein und Zigaretten schon ausgeteilt?"
„Zu Befehl, Herr Oberleutnant, Post und Siebes» naben liegen auch schon bereit!" antwortete unser
„Na, bann ist ja alles in Ordnung. Sagen Sie »en Leuten, der Oberleutnant und Kompamesührer wünscht ihnen von ganzem Herzen eine recht selige Weihnacht. Das Weihnachtsfest holen wir geschlossen nach, wenn wir in Ruhe sind. Ich danke ähnen. ©eggetreten!"
So einer war unser Pfletderer.
Wir gingen in die Stollen und Unterstände, bann wurden die Liebesgaben vertellt, wir verlöteten einen, der Wein war wirklich gut, und im Stötten „Waldesruh" padte Oskar Schmidt feine Schätze von Varennes aus?
Der Spaßvogel hatte in den alten, verlassenen und zerschossenen Häusern nach alten Kleidern ge- achte. Obwohl Fastnacht noch in weiter Ferne war, muß man die Feste feiern, wie sie fallen. Nicht das Kleid macht den Men-schen, sondern das Herz. Und unsere Herzen waren schon weihnachtlich, wenn innere Kleider auch fastnachtlich aussahen.
Diese Kleider, hahahaha, das waren eigentlich nur noch Fragmente einer verstorbenen Mode, was "ige ick: nur Mode? Einer verstorbenen Zeit, sage lch, und mein Freund Karl Oechsle erklärte meinem Freund Fischer:
„Narr, was willst du mit den alten ftlamotten?" Schmidt warf ihm ein geblümtes Kleid zu und »agt- ■
„Das ist für dich, Karle, das steht zu deiner bunten Schönheit."
„Wirklich?" fragte Oechsle und griff nach einem ulten Kapotthut, band die Schleife unter bem Kinn ufammen und nippte an dem Wein wie ein kleines Mädchen.
Wir alle lachten und tranken, der Wein war sehr ;:ut; der Pfleiderer gab keinen sauren Wein für seine Männer im Schützengraben. Nein, bestimmt nicht. Denn ihr das denkt, da kennt ihr den Pfleiderer chlecht. Er sorgte für seine Leute, jawoll! So einen Tompanieführer wie den Pfleiderer könnt ihr euch -chen!"
Der Briefträger Buck rauchte die zwette Pfeife !M und erzählte weiter: ..
„Also, der Oechsle bekam ein geblümtes Kleid 'nd einen altmodischen Schleiferchut, mir schmiß der fotar einen zerfetzten Anzug hin und sagte:
.Das ist für dich, Korporal Buck, geh aber vor- 'chtig damit um, wegen der Bügelfalte?"
der andern Seite, im Westen, die Hügel aufloben. Dann erhebt sich der Wind und treibt graue Wol- ten herauf, die so lange die Farben abdecken, Hügel um Hügel, bis bleierne Schwere über bem Lande rubt Nicht weit von hier muß der Föhn gebraut werden, der über die Hänge des Waldes webt, ein schweres Herz und müde Glieder macht und Sehnsucht nach der Ferne weckt.
Am Fenster stehen die Kinder, und zwischen den Fensterscheiben liegt ein Bries an das Christkind, ben die ältere Freundin, das Schulmädel, den beiden Kleinen geschrieben hat. Es steht die genaue eigene Adresse darauf und eine Anzahl von Wun- scheu — das Christkind wird ihn schon finden und wissen, für wen er gehört. _
Der kleine Mann wünscht sich Unmögliches: (Eine wirkliche, große Lampe, eine wirkliche Katze (vielleicht auch einen jungen Löwen), einen wirklichen ftunb ein wirkliches Pferd — und damit er mehr zum Küsten hat, noch einmal die S^che Mutter.
Die Schwester ist weniger m der Wirklichkeit daheim, sie verdreht ein wenig die Augen und sagt: „Wie schön die Sterne sind?'
Wie dumm Du bist", sagt der solchen Schwarme- rei'en abholde Bruder, „das sind lauter Laternen, das sind die Laternen in der Stabt"
Unten sind die Laternen , belehrt chn bte Schwester, „oben aber die Sterne."
Unb wer sogt dir", fragt der kleine Mann, „daß die" Sterne nicht auch Laternen sind?" Und tn der oeit wo die Kinder auf jedes Bild zwischen den Vögeln auch einen Zeppelin malen, ist das eine Frage die sich nicht so ohne weiteres beantworten
Das Weihnachttklnd im Schnee.
Von Hane (Lhr.stcph Raerfld.
Unter den vielen jungen Winterwanderern, die vor den anderen nicht zurückstehen wollten unb Weihnachten in seinem Ursprungsland, in Schnee unb Eis ,eiern wollten, gefeilten sich diesmal auch zwei Menschen, die ihr erstes Weihnachten in ihrer jungen Ehe in der Bergeinsamkeit feiern wollten. Freilich war in den vergangenen Tagen der erste Schatten über ihr junges Glück gefallen. Marie hatte dieses erste Weihnachten schon im Traum oorausgelebt. Der Weihnachtsbaum war heimlich besorgt, der Baumschmuck — selbst gebafteüe bunte Ketten — war hergestellt. Ja, der mit Ztttern begonnene Versuch, selbst Pfefferkuchen zu backen, war ihr geglückt. Und nun erklärte Ernst mit einer unbarmherzigen Bestimmtheit, daß alles fei nicht das Weihnachten für junge Leute. Wenn zwei Menschen sich durchs Leben fckinden wollten, mußten sie sich auch genug ertüchtigen. Drum gehöre der junge Mensch im Winter auf die Bretter. Unb dann sei es sicher, daß es auf einer Baude in den Bergen tausendmal fröhlicher zuginge als daheim.
Marie gab nach. Er sollte ein glückliches Weihnachten erleben. Die Frau, und fei sie noch fo jung, hatte immer im Geben und Verzichten ihren Anteil am Glück. Vielleicht hatte Ernst auch die größere (Erfahrung. In der großen Stadt fegte wohl der Wind durch die Gasten und sein eiskalter Atem erinnerte die Menschen, daß es Winter sei. Aber der weihnachtliche Schnee war wieder ausgeblieben. Schon tauchten aber in der Ferne die Berge auf und vom Kamm her leuchtete der Schnee. Kaum, daß sie in Schreiberhau den Zug verlassen hatten, konnten sie bie Bretter abschnallen und in den Wunderwald der Weihnacht treten. „Hab ich nicht recht gehabt, Kind", fragte Ernst, und triumphierte heimlich. „Gewiß ist der lebende Weihnachtsbaum auch im Winterfchmuck herrlich, aber es ist nicht unser Weihnachten. Glaub mir, man braucht die Menschen dazu, die alle in einer Gemeinschaft stehen!" — .Hast du wirklich Sorge, daß wir allein blieben? Mein Kind, bas, was du dir zum Fest so heiß fetzt wünschst, bas wirst du um dich haben."
3m Hochwald hörten sie nur das leise Geigen des Windes. Kaum aber, daß sie in den Bannwald traten, warf sich der Sturm an sie unb be- beckte sie mit unaufhaltsamen schneidendem Eisregen. Ein gellendes Heulen über ihnen verhinderte jede Unterhaltung. Die Wolken huschten über den Weg. Der Nebel löschte die Ferne aus. Sie konnten sich kaum von einer Markierungsstange zur anderen finden. Wahrhaftig, Weihnachten mußte mit den letzten Kräften errungen werden. Nach stundenlangem Ringen stand urplötzlich, wie ein Nebel- schloß, die Baude vor ihnen. Sie waren gerettet Es dunkelte schon draußen. Die Lickter aber mürben immer wieder vom Nebel verlöscht. Sie waren wirklich nicht bie einzigen Menschen. Nur wenige Tische waren noch unbesetzt. Ein Weihnachtsbaum brannte. Ein Zitherspieler ließ ohne Unterbrechung die alten Weihnachtsweisen erklingen. Ernst sah sich um. Er erkannte niemanden. Um ihn her gab es nur fremde Gesichter. Jeder sah einmal zu Den Neuangekommenen auf, bann kümmerte sich niemand mehr um den andern Tisch. Hier und da lachte eins laut auf. Die Rucksacke wurden aufgetan. Geschenke ausgepackt. Die Kellnerin stellte Kerzen auf die Tische. Marie sah sich traurig um. Sie hatte Weihnackten verloren. Weihnachten ist bas Fest der liebenden Menschen. Aber keiner kümmerte sich um ben anderen. Ernst, der die Enttäuschung wohl selber fühlte, fang zu allen Liedern immer lauter mit, aber niemand sah sich zu ihnen um. Jeder feierte in seinem kleinen Kreise am Tisch fein Weihnachten. Ernst schämte sich. Er hatte wieder einmal zu hoch von ben Menschen gedacht. Da stand ein völlig verschneiter Mann in der Baude uqjb schrie: „A Mensch ist oerlurn geganga!" Ein »war in diesem Unwetter von ben retten- larkierungsstangen abgekommen. Nur einen Atemzug lang saß alles wie versteinert an ben Tischen. Die Musik verstummte. Dann sprang hier einer auf — dort einer unb zuletzt mußten sich Marie und Ernst eilen, um den anderen nachzukommen. Die Baude blieb leer — — Nach einer Stunde aber brachten sie ein völlig erschöpftes junges Mädchen in die Baude. Der Wirt rieb sie tüchtig mit Schnee ab. Die zersplitterten Schneeschuhe lagen in der Diele. Alle umstanden die Wiedcrgefunbene. Und als sie sich erholt hatte und bann an einem Tisch saß, rückte einer um ben anderen mit heran. Zuletzt stand nur ein einziger Tisch auer in der Baude. Und alle fremden Menschen, die vordem für sich ihr Weihnachten zu feiern wünschten, faßten einander unter und fangen dabei. Sie waren eine einzige Familie geworden. Ihr Weihnachts- firb aber hatten sie alle sich in Sturm und Not selber aus den Gefahren gerettet. Im Einsatz für einen unbekannten Menschen in feiner Not waren sie zu Weihnachtsmenschen geworden.
Helm auf dem Kops, unb sagte, als sei nichts ge- schehen:
„Es regnet immer noch!"
Meine Herren! Der Oechsle sah wie ein Pfingstochse aus, der Oskar trug einen verbeulten Zylinder, der Haueisen hatte sich einen hohen Stehkragen umgewürgt und eine giftgrüne Krawatte Umgebungen, ich hatte eine Mütze auf, kurzum, wir waren schon eine wilde Bande, wir zehnte Korporalschaft, tief in der Erde im Stollen „Waldesruh", und nun kommt so ein kleiner Racker, hat den Stahlhelm auf und sagt:
„Es regnet Immer noch!"
„So?" sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen, denn die anderen sahen wie die Oelgötzen da, „da muh ich doch selber mal an die frische Luft gehen."
Ich warf die Mütze in eine Ecke. Als ich wieder in den Stollen kam, was soll ich sagen, meine Herren, da hatte der Oskar seinen Zylinder, Der Oechsle sein geblümtes Kleid, der Haueisen seinen Stehkragen mit der giftgrünen Krawatte, der John seinen harten Hut — was soll ich Das alles so haar- genau erzählen? Kurz und gut. Da hatten alle ihre alten Klamotten abgelegt und saßen wie richtige Landser Da! UnD Das alles passierte, weil Der kleine TöDlein gesagt hatte: es reanet immer noch? Und alle machten Gesichter, als hätten sie einen üblen Geschmack auf Der Zunge. Komisch, was?"
Der Karle Oechtte meinte:
„Du bist ein seiner Kerle, Tödlein, aber warum hast du den Spaß nicht mitgemacht? Du bist doch sonst kein Spielverderber?"
Schtteßttch kam auch noch der Oberleutnant Pfleiderer, er ging durch alle Stollen und Unterstände, und bei uns tteß er eine Flasche Rum da und sagte:
„Da ist noch eine Pulle Feuerwasser zum Einheizen, laßt ihn euch gut schmecken!"
Er stellte den Rum auf den Tisch und verschwand.
Meine Herren, so haben wir damals in den Argonnen Weihnachten gefeiert. Nein, es ist nichts passiert, es gab (eine Kanonaden und keine Vor- stöhe, keine Patrouillen und keine Sprengungen. Himmelfahrten haben wir die genannt. Dabei sind wirklich viele Kameraden zum Himmel geflogen. Und endlich kam der Korporal Heinrich Gras unb brachte bie Post!
Na fa, da haben wir die Briefe von zu Haufe gelesen. Dann haben wir von dem Rum einen ganz steifen Grog gemacht, und als ich dann Graben- dienst hatte, regnete es nicht mehr, aber drei, vier Sterne standen am dunklen Himmel.
Weiter habe ich nichts zu erzählen. Nein."
„Was ist aus dem Joachim Tödlein geworden?" fragte einer von den Zuhörern in dem kleinen Dorfgasthaus.
„Ach, der ist heil und gesund aus dem Kriege heimgekommen, er lebt in Berlin und hat einen guten Namen als Musiker. Und jetzt ist er wieder draußen ... Ihr kennt ja seinen Spruch: Wenn Dich Gott zum Widder geschaffen hat, dann sei kein Schaf!" sagte der Briefträger Buck und zündete sich in dem nachdenklichen Schweigen, bas seinem Bericht folgte, eine neue Pfeife an.
,Zoseph, lieber neue min, hilf mir wiegen min tinbelin, daz got müeffe bin loner fln in himmelrich ..."
Einen besonders wertvollen Schatz besitzt die '-reußische Staatsbibliothek in einem Autograpy t~is bem Liederbuch der Anna von Köln aus Dem 5. Jahrhundert, bas das herrliche, uralte «1 n (,u 1 ci jubilo“ enthalt.
Noch manche andere Sammlung ältester Dolk»' weisen, in denen weihnachtliche Klange auftauchen, in der Musiksammlung der Preußischen Staats- tlbliothek zu finden. Nennen muß man Das -Mainzer C a n t u a 1" von 1605, ,Lwolf ttristliche Lobgesänge" Spangenbergs aus Dem We 1545, eine Sammlung des Thomaskantors ( aloifius von 1597 und das --Paderborner Gesangbuch", aus dem Beginn des 17^. Jahrhunderts.
aber gilt es ein schmales Bändchen verminter »ter 3u ermähnen, das der Groß e im Re^e b r Kirchenmusik Dem deutschen Volke l734 schenkte. *'5 Leipziaer Thomaskantors Johann Sebaf -achs , Weihnachtsoratorium", das als ^stne Mtbarteit gehütet wird. Wuchtig wnd klar stehen 9lot?nföpre auf den Linien, das Papier 'st aus- x-nützt bis zur letzten Ecke. „Es begab sich, daß ein
-bot ausging vom Kaiser Auaustus steht am Mang, unb diese einzigartige
^’t dem starken und jubelnden We'hnac^tschor -Dies ist der Tag, den Gott gemacht ...


