den Wochenendbesuch oder die Jagdgesellschaft von Dutzenden von Gästen, jedes Zimmer mit ollem luxuriösen Komfort und eigener Bedienung für den Gast. Das Schloß steht in einem ummauerten Park, der groß genug ist, um Spazierfahrten und Reit- Partien in ihm zu machen. Wollte man die Parks der englischen Schlösser zusammen nehmen, so könnten auf ihrem Areal Hunderttausende von Bauernfamilien sitzen. Dieser Grund und Boden ist der Volkswohlfahrt entzogen und dient dem reinen Luxus der Oberklasse. In Schottland gibt es große Bezirke, die so dünn bevölkert sind, wie Innerafrika, mit nur vier bis sechs Menschen auf den Quadratkilometer, nicht weil der Boden keinen Wald oder keine Kornfelder tragen könnte, sondern weil der Eigentümer eine größere Rente von ihm bezieht, wenn er sie für ein fabelhaftes Geld zur Jagd auf das schottische Moorhuhn an die Mitglieder der Londoner Gesellschaft verpachtet. Schottische Großgrundbesitzer haben ganze Dörfer ousgesiedelt oder zur Auswanderung nach Amerika veranlaßt, um das Land für die Moorhuhnjagd zu verpachten, die alljährlich im August aufgeht.
England ist abseits von den großen Metropolen der Industrie und des Handels voll von kleinen L a n d st ä d t ch e n, in denen jedes Haus ein Zeuge des seit Jahrhunderten angesammelten nationalen Reichtums ist. Der englische Boden hat nicht, wie der deutsche, eine seit dem Dreißigjährigen Kriege ununterbrochene Folge von feindlichen Invasionen gesehen. Es ist der Stolz jedes Gutsbesitzers und jedes wohlhabenden Städters, der sich einen Land* sitz kaufen kann, auf ihm ein Wohnhaus aus der Tudorzeit unter Elisabeth, oder aus der Regierungszeit der englischen George im 18. Jahrhundert, sein Eigen zu nennen, natürlich im Innern modernisiert, wie es den Ansprüchen des Komsorts entspricht. In den Kaufangeboten auf den ersten Seiten der „Times" figuriert stets die Angabe: „Tu- dorstyle" oder „Geo'rgianstyle".
Die großen Gesellschaftswagen halten zum Frühstück, zum Lunch und zum Dinner meist in den bürgerlichen Hotels kleiner Städte, wo der wohlhabende Geschäftsmann und gelegentlich auch der Landadel verkehrt, und es wird selbstverständlich das Beste vom Besten serviert. Das geht den Industriearbeiter nichts an, und ebensowenig den Landarbeiter, die nicht daran denken können, die Lebensweise des wohlhabenden Mittelstandes mit- zumachen. Der englische Arbeiter lebt schlecht, nicht zuletzt darum, weil seine Frau, man möchte sagen, grundsätzlich nicht zu wirtschaften versteht. Man sieht das schon an ihrem schlampigen Anzug. Es gibt nichts einer deutschen Haushaltungsschule Aehnliches, und die Schenke ist nicht nur die Zuflucht des Mannes, sondern mitunter auch die stille Liebe der Frau aus dem Volk.
Der Engländer unterscheidet den „oberen" und den „unteren" M i t t e l st a n d. Der obere fängt dort art, wo man sich ausgiebige Bedienung halten kann, die in England doppelt so viel kostet wie auf dem Kontinent. Ein Jahreseinkommen von 500 Pfund Sterling — das sind nach dem Geldwert vor der Abwertung des Pfundes soviel wie 10 000 RM. — reicht kaum aus, um aus dem unteren in den oberen Mittelstand versetzt zu werden.
Auf Schritt' und Tritt spürt der deutsche Reisende in England, wie sich auf diesem Boden seit dreihundert Jahren die Erträgnisse der Plünderung und Ausbeutung fremder Länder, vor allem Indiens, des bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ausgiebig betriebenen Sklavenhandels und der monopolistischen Versorgung der übrigen Welt mit Webstoffen, Eisenwaren und Kohle angesammelt haben. Rach England ist immer nur Reichtum eingegangen. Generation um Generation hat Gewinne aus fünf Erdteilen gesammelt, und daraufhin hat sich bei der Oberschicht, die allein im Genuß dieses Zuflusses stand, der Anspruch entwickelt, daß eine Lebensführung des Luxus für sie selbstverständlich sei.
Deutsche Lt-Boote im Atlantik
Ein neutraler Bericht über die ständige Bedrohung feindlicher Geleitzüge.
Stockholm, 25. Sept. (Europapreß.) lieber die erfolgreiche Tätigkeit der deutschen U-Boot-Waffe schreibt ein neutraler Beobachter, der als Zeitungskorrespondent sich an Bord eines englischen Zerstörers befand, in „Dagens Ryheter": „Ich befand mich auf einer wochenlangen Fahrt auf einem bri
tischen Zerstörer im Nordatlantik, der einen G e - leitzug von etwa 50 Handelsschiffen begleitete. Auf der Fahrt erlebte ich eine Anzahl deutscher U-Boot, und Luftangriffe. Die Besatzung des Zerstörers mußte ständig auf der Wacht sein. Tag und Nacht, bei Sturm und Regen, mußte sie an den Geschützen und Wasserbombenvorrichtungen stehen sowie die Flakgeschosse bereithalten, denn die Deutschen waren bei -ihren Angriffen sehr emsig an der Arbeit. Die Ausgabe des Zerstörers war es, den in westlicher Richtung fahrenden Geleitzug b i s
zur Mitte der Atlantik zu begleiten und vor U-Booten zu schützen, um bann wieder einen neuen Geleitzug durch die Gefahrenzone um England zu lotsen. Am fünften Tage unserer Fahrt ereignete sich eine ohrenbetäubende Detonation, und ein 4000-Tonnendampfer, der sich in unserem Geleitzug befand, wurde torpediert und versenkt, und zwar aus einer Entfernung von nicht weniger als fünf Seemeilen. Die Verfolgung des U-Bootes war erfolglos.
Ein neues Greuelmärchen Churchills.
Neuyork, 23. September. (DNB.) Die Neu- yorker Morgenpresse bringt eine Londoner Meldung, wonach ein ungenannter englischer Dampfer, der sich mit Flüchtlingen an Bord auf der Fahrt nach Kanada befunden habe, während eines Sturmes 500 Meilen vom Land entfernt am 17. September angeblich torpediert worden ist. Rührselig wird dann geschildert, daß dabei zahlreiche Flüchtlingskinder ums Leben gekommen seien. Als Grund für die verdächtig späte Bekanntgabe des Ereignisses wird angegeben, daß man erst die Eltern der umgekommenen Kinder beenachrichtigen wollte. Ferner wird mitgeteilt, daß sich unter den Opfern.angeblich auch das als übler Hetzer bekannte britische Parlamentsmitglied Oberst Baldwin Webb, ferner der zum Geschäftsträger der „Polnischen Botschaft" in Washington ernannte Dr. Gallinsky sowie der Emigrant Rudolf Olden und Frau befunden hätten.
*
Von Zeit zu Zeit hält es Churchill für notwendig, durch ein raffiniert ausgehecktes Schwindelmanöver zu versuchen, die amerikanische Oesfentlichkeit gegen Deutschland aufzuputschen. Die Verschiffung von Plutokratenkindern, die zusammen mit Rennpferden, Windhunden und anderen „Wertgegenständen" den zu heiß gewordenen Boden der britischen Insel verließen, gibt neue Möglichkeiten verbrecherischer Brunnenoergistung. So ließ Duff Cooper bereits anfangs August durch den Londoner Nachrichtendienst die Mär verbreiten, ein deutsches Unterseeboot habe einen Dampfer torpediert, der mit evakuierten Kindern nach Amerika unterwegs gewesen sei. Nachdem amerikanische Nachrichtenagenturen diese Schauergeschichte übernommen hatten, ließ Duff Cooper die ganze Geschichte dementieren.
Und da soll die Welt diesen neuesten Schwindel glauben. Selbst wenn tatsächlich ein britischer Dampfer unter den angegebenen Umständen untergegangen sein sollte, würde die Verantwortung für den Verlust von Menschenleben ausschließlich Churchill und seine Plutokratenclique treffen. Deutschland hat, um den ihm aufgezwungenen Krieg beschleunigt zu einem siegreichen Ende zu bringen, Die totale Blockade um die englischen Küsten erklärt. Der Dampfer, der, wie die Times offen zugibt, im Geleitzug fuhr und sicherlich — wie alle britischen Schiffe — bewaffnet war, hat Krieasgeblet durchfahren und mußte daher mit Verwickelung in Kriegshandlungen rechnen. Es ist, wie von deutscher Seite wiederholt betont wurde, ein unverantwortlicher Leichtsinn. Kindertransporte einer derartigen Gefahr auszusetzen. Die Schuld für alles, was den Kindern dabei zustoßen könnte, trifft einzig und allein die britische Regierung.
Wenn man sich allerdings die Namen der weitem ren angeblichen Opfer ansieht, so erscheint dieser vermeintliche „Kindertransport" in einem besonderen sehr eigentümlichen Licht. Es handelte sich um einen Transport übelberüchtigter Hetzer, die in Amerika gegen Deutschland Stimmung machen wollten. Diesem Transport hat man offenbar ein paar Plutokratenkinder angeschlossen, um auf jeden Fall einen Propagandaerfolg buchen zu können — entweder mit lebenden Hetzern ober mit den toten Kindern. Wahrlich ein teuflischer Dreh. Ebenbürtig dem echt englischen Vorschlag, deutsche Kriegs- und Zivilgefangene an besonders gefährdeten Stellen unterzubringen, damit die Deutschen ihre Bombardierungen unterlassen. Wie dem auch fei, das Blut der englischen Kinder, die als Opfer raffinierter Propa- gandatricks ums Leben gekommen fein sollten, kommt ebenfalls über das Haupt Churchills und feiner Clique.
Georg VI. als Sachwalter Churchills.
Stockholm, 24. Sept. (Europapreß.) König Georg von England sprach in den Abendstunden des Montags über den Rundfunk zum englischen Volk und zu den Völkern des britischen Weltreiches. Wer die Reden des Königs seit seiner Thronbesteigung verfolgt hat, konnte beobachten, daß noch niemals die Worte des Monarchen von einem derartigen Ernst getragen waren wie am Dienstag. Der Anlaß zu der Rede war die Stiftung eines Verdienstkreuzes für Frauen und Männer des englischen zivilen Hilfsdienstes. Einleitend erinnerte Georg VI. daran, daß es gerade ein Jahr her fei, daß der Krieg begonnen habe. Seit Beginn des Krieges habe sich viel ereignet, große Nationen seien gefallen. Den Ernst der Lage charakterisierte das englische Staatsoberhaupt mit den Worten: „D i e Schlacht steht vor unserer Tür. Die Jnvasionstruppen sind kaum 20 Kilometer von unseren Küsten entfernt. Wir stehen mitten in der Frontlinie. Tag und Nacht werden wir von der feindlichen Luftwaffe angegriffen." König Georg erinnerte bann an alle bie Alliierten und Snmpathisterenben, bie heute auf Englanbs Seite ftünoen. Er hob in diesem Zusammenhang besonders Amerika hervor, dessen Unterstützung er mehr als einmal unterstrich.
Mit besonderem Nachdruck beschäftigte sich der König mit dem Schicksal Londons., das die gefährlichste Stellung in der Frontlinie einnehme. Die Stadt fei ständig den Bombenabwürfen des Feindes ausgesetzt, und zwar in einem stärkeren Ausmaß, als bas bei anberen Städten der Fall sei. London trägt zur Zeit bie Hauptlast bes Krieges", rief König Georg aus. Daher fei es auch recht unb billig, wenn er ber Londoner Bevölkerung beson
dere Worte des Dankes und der Anerkennung für ihre Haltung zolle. Er und die Königin hätten viel von dem Elend gesehen, das innerhalb der Londoner Bevölkerung angerichtet worden fei. Ihre Herzen feien bei ihnen, unb die Hoffnung bes Königspaares auf eine Besserung bes Loses fei groß.
Die Entschlossenheit Englanbs, im.Sinne ber Chur- chillschen Forberung weiterzukämpfen, auch wenn London in Trümmer gelegt werde, kennzeichnete König Georg mit den Worten: „Die Mauern Londons mögen zertrümmert werden, aber ber Geist dieser Stadt wird bestehen bleiben." Das gleiche gelte auch für England, das eines Tages dastehen werde als die Bastion der Freiheit unb bie Bastion bes Kampfes gegen bie Unterbrückung. König Georg schloß mit dem Hinweis, daß der Bevölkerung des Landes unb befonbers ber Hauptstadt im kommenden Winter große Leiben bevorstehen würben. Der Winter sei kalt unb bunte!, aber man habe die Hoffnung, baß nach biefer Kälte unb dem Dunkel wieder Licht werde.
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In der allgemeinen Rede-Inflation, die der britischen Bevölkerung mehr die Nervosität ihrer regiereben Hetzerclique verrät, als daß sie ihr, wie beabsichtigt, Trost unb Mut im Hagel deutscher Bomben einflößen könnte, wurde jetzt das letzte Pferd aus dem Stall geholt. König Georg ist im bombensicheren Keller des Buckingham-Palastes ans Mikrophon gestellt worben. Wie nicht anders zu erwarten, hielt er sich als getreuer Sachwalter ber plutokratifchen Kriegstreiber an ihre Rezepte unb setzte seinen ßanbesfinbern einen reichlich abgestandenen Ausguß aus abgebrauchten Schlagwörtern
vor, der genau bas Gegenteil von dem erreichen muß, was beabsichtigt ist. Eine Erbärmlichkeit ist es, wenn sich sogar der König herabläßt, an der erneuten ruchlosen Greuelhetze teilzunehmen, mit der England seine letzten abgenutzten Karten im Ausland auszuspielen sucht, und von „zerstörten, an Schönheit reichen unb interessanten Gebäuden und blindlings angegriffenen kleineren Behausungen" spricht. Wer hat ungeschützte Wohnviertel und einsame Bauerngehöfte monatelang mit Bomben belegt? Wer hat deutsche Kirchen, Gedenkstätten und Nationalheiligtümer bewußt zerstört? Auch das Zeugnis britischer Flieger hat eindeutig ergeben, daß diese Ziele vor dem Abwurf forgfältig mit Leuchtschirmen ausgemacht waren. England ist es, dessen König sich nun nicht schämt, die Schuld anderen aufzulaben, die sein eigenes Gewissen bedrücken müßte.
Eine Erbärmlichkeit sondergleichen aber war es, wenn Georg VI. sich ans Mikrophon zerren ließ, um seinem „Kummer" über das torpedierte
Erst wenn wir unsere Zähne richtig pflegen; werden sie nicht mehr unsere Sorgenkinder sein.
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Kinderschiff Ausdruck zu geben. Wenn auch noch nicht feststeht, daß das Schiff tatsächlich von einem deutschen U-Boot torpediert wurde, so steht jedenfalls so viel fest, daß sich an Bord des bewaffneten Schiffes plutokratifche Hetzer befanden, die die Kinder nur zur Tarnung gebrauchten, um von dem heißen Boden Englands ungestraft in sichere transatlantische Gefilde gelangen zu können. Anscheinend ist es aber dem Scharfsinn Georgs entgangen, daß er seine Greuelmärchen selbst Lügen straft, wenn er erklärt: „Die Männer unb Frauen in den Fabriken unb auf ben Eisenbahnen, die ohne Rücksicht auf alle Gefahren ihre Arbeit erfüllen und alle Dienste und Notwendigkeiten unseres gemeinsamen Lebens aufrechterhalten, bie unsere Frontstellung besetzt halten unb sie mit Waffen versorgen, verbienen ihren Platz mitten unter den Helben dieses Krieges." Damit ist dem Lästerer das unfreiwillige Geständnis entschlüpft, daß tatsächlich die deutsche Luftwaffe bei chren Angriffen kriegswichtige Anlagen zum Ziele macht, daß Waffenfabriken und Verkehrslinien als ein Zentrum britischer Kriegsanstrengungen dem deutschen Vergeltungsschlage zum Opfer fallen.
„Oie Deutschen in Deutschland selbst treffen."
Stockholm, 23. Sept (DRV.) 3n einer Mgi- tationsansprache, die der britische Luftmarschall im Rundfunk an Amerika richtete, entschlüpfte ihm das Geständnis, daß es der englischen Luftwaffe bei ihren Einflügen gar nicht um militärische Ziele, sondern einzig und allein um Angriffe auf die Bevölkerung deutscher Städte zu tun ist. „Wir haben es satt", sagte er, „Bomben auf militärische Ziele niederzuwerfen. Wir wollen auch die Deutschen in Deutschland selb st treffen, und das ist es, was wir vor allem tun wollen. Berlin, Stettin, Leipzig, Bremen und Hamburg, alle diese Städte fühlen regelmäßig die Wucht unserer Bombenangriffe. Und selbst wenn wir einen langen und beschwerlichen Flug dorthin zurücklegen müssen, so ist die Anstrengung schon der Mühe wert."
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Damit ist Churchills brutaler Mord befehl auch von kompetentester Seite bestätigt. Nachdem verschiedentlich englische Zeitungen aüsgeplaudert hatten, daß das Ziel der nächtlichen Mordflüge kein anderes sei, als der lieber fall auf d ie deutsche Zivilbevölkerung und nachdem bie Praxis ber RAF.-Flieger uns das Nacht für
Frau Alltagssorge.
Lon Felix JRiemfaften.
Ein jedes Schiff muß ein bestimmtes Mindestgewicht an Ballast haben, sonst liegt es nicht gut. Sind Waren ober Güter nicht da, so nimmt ber Schiffer Sand als Ballast ein. Besser dies, als gar nichts. Nur ein armer Laie kann meinen, so ein Schiff müsse boch um so besser fortkommen, je weniger es belastet sei. Der Mann von^der Waterkant denkt anders. Ballast ist immerhin noch etwas mehr, als nur Ballast.
Beim Schiff kann man es messen, man stoßt auf Tatsachen und Erfahrungen, aber beim Menschen kann man bie Tatsachen nicht messen, unb die Erfahrungen liegen tief innen und sind nicht klar nachweisbar.
Ein gewisser Ballast muß vorhanden sein, eine kleine Portion Sorgen beschwert uns sehr gut. Aber das will niemand alauben. Keine Sorgen zu haben, bas muß herrlich sein, denken viele, unb je jünger sie finb, um so lieber und eher denken sie so. Es dürste sich lohnen, tiefer in diese Sache einzusteigen. Oder lohnt es sich nicht allemal über dies Ding, das wir unser Leben nennen, nachzudenken?
Unser ganzes Leben dreht sich allein ums Denken. Das Nichtdenken gehört nämlich zum Leben so gut wie bie Rückseite zur Vorderseite. Nur im Schlafe sind wir erlöst vom Denken, aber selbst da arbeitet das Traumdenken in uns fort. Und nun gucken wir uns den wachen Tag einmal an.
Gott fei Dank haben wir zu arbeiten, und die Arbeit leitet unser Denken sehr bequem. Sie springt uns an mit tausend Fragen, und indem wir überlegen, wie wir dies unb das am besten ausführen können, sind wir schon hinaus über etliche Stunden des Daseins. Und alle diese Gedanken sind — Sorgen! Ober ift das keine Sorge, stets zu überlegen, wie wir unser Bestes tun können? Was hält uns denn anders in Spannung als die leise Furcht (und Hoffnung), alles möge gut und richtig gewesen sein?! Nein, von den Sorgen leben wir geradezu, ohne unsere Sorgen hätten wir nicht unsere Gedanken, unsere Gedanken aber find unser einziger Halt.
Wenn du in deinem Leben langsam immer mehr eine gewisse Leere aufkommen fühlst, eine allzu große Sicherheit, eine geradezu sichere Zuversicht, eine — sagen wir es ruhig — eine gar zu fette,
faule Zeit ohne Angst vor Ueberraschungen, dann fühlst du dich keineswegs besser, fonbern schlechter. Das Leben bedeutet dann nichts mehr, es schreckt dich nicht, es nötigt dich nicht, und wenn nun auch sonderlich große Hoffnungen ebenfalls fehlen, bann geschieht dem Menschen etwas schlechthin Unerträgliches: es geht ihm zu gut, und er langweilt sich! In diesem Zustande gibt es außer einem erneuten Wettrennen zu einem ganz überraschend großen Glück eigentlich nur ein einziges anderes Heilmittel: ein ganz gewaltiges Erschrecken, eine groß auf- stehende Angst, eine nagende Sorge!
Plötzlich bist du wach unb munter geworden, plötzlich bist du alarmiert, plötzlich weißt du, daß bu noch da bist, leben willst, leben mußt, unb daß du alle deine Kräfte jetzt nötig hast. Und das wieder macht dich bewußt, das hebt dich, spannt dich an, es gibt dir eine riesige Neugier auf den kommenden Tag. Wer aber neugierig ist auf morgen, der wünslyt, morgen zu leben, er bejaht das Dasein.
Hätte allein der Mensch die Wahl, so würde er natürlich lieber bie süße Medizin nehmen, nicht die bittere. Also von Freude zu Freude unb vom Glück zu neuen und größeren Glücken. Aber alsdann müßte ber Baum wohl in ben Himmel hineinwach- sen, zuletzt, nicht wahr? Und barum ist es weise und für uns und unserer Art passend, daß die Natur uns mit Sorgen beschenkt. Die Sorgen geben uns andauernd etwas zu tun. Sie stellen uns lauter Ausgaben, halten uns beständig wach, sie schenken uns lauter kleines Glück durch bie vielen kleinen Siege, mit denen wir gegen bie Sorgen staubhalten. Einen Groschen zu sparen durch kluge, kleine Tricks, das ist kein geringerer Triumph, als einen Groschen äu verlieren ober zu finben, und wenn wir uns fragen, weshalb manche unscheinbaren Leute so stolz sind, so zufrieden, so voll von guter Meinung auf sich, so finden wir hier eine Erklärung. ©re haben sich mit ihren kleinen Sorgen gut geschlagen, und durch die kleinen Sorgen haben sie erst die Erfahrung gemacht, was für Teufelskerle sie eigentlich seien. Gar nicht so dumm, gar nicht so unfähig, im Gegenteil, höchst schlau, sehr tapfer, sehr widerstandsfähig, das sind sie. Da macht es ihnen Spaß.
Nein, wer ihnen-die Sorgen sämtlich wsgnähme, der nähme ihnen mehr als nur Sorge.
Man muß sich einmal vorstellen: gar keine Sorgen! Das ergäbe eine sehr große Sorge, nämlich die, wie so ein Mensch überhaupt noch leben kann.
Was für Dummheiten er nun nächstens wieder ausbrüten wird, um nicht ganz und gar zu verfetten unb zu verdämmern.
Diese Ueberlegung brauchen wir aber gar nicht anzustellen. So hartherzig ist die Natur nicht, daß sie die Menschen ins Leben stieße, ohne" ihnen wenigstens etliche große Dauersorgen unb einen ganzen Schwarm von kleinen, beftänbig wechselnden Alltagssorgen als notwendigen Ballast mitzugeben.
Nur an einem gewissen Punkt werden Sorgen bedrohlich, nämlich bann, wenn sie unsere seelischen Kräfte übermäßig beanspruchen, und wenn der Kampf gegen sie hoffnungslos zur Niederlage vorausbestimmt ist. So weit aber kommt es nicht allzu oft. Im allgemeinen richtet der Mensch sich auf seine Sorge ein. Was sollte sonst werden aus jenen, die chronisch krank sind? Sie mußten dem Verstände nach alle umkommen vor Verzweiflung, aber sie kommen nicht um. Sie sagen „mein Leiden", unb siehe da, „ihr Leiden" wirb zu ihrem Leben, zu ihrer großen Hauptsache, jum Angelpunkt für sie, unb indem sie sich bamit umher schlagen, haben sie etwas, das sie munter hält unb ihre Kräfte in Umlauf bringt!
Aber ist es nicht das? Eben das? In Umlauf sein, tätig sein, Erwartungen haben, Sorgen und Hoffnungen?! Das ist es. Daß wir leben. Erst sehr weit hinten kommt bie ganz andere Frage, wie wir leben. Obwohl auch diese eine Frage von großem Gewicht ist. Jeder Philosoph gibt uns eine „Gebrauchsanweisung für bas Leben".
Leider widersprechen sich diese Gebrauchsanweisungen.
Ermüdung und Müdigkeit.
Die körperliche Ermüdung wird, ohne daß man sich über bie letzten Hintergrünbe bereits im klaren wäre, mit einem Verbrauch ber Muskelkräfte begründet, der durchaus nicht immer bewußt erlebt wird. Es gibt leichtere Grade von „Ermüdung", bie sich bei dem betreffenben Menschen noch nicht als „Mübigkeit" äußern. Geistig fühlen wir uns erst bann mübe, wenn uns bewußt wird, daß Aufmerksamkeit unb Konzentrationsfähigkeit nachlassen, baß unter Gebächtnis uns im Stich läßt, baß unsere Schlagfertigkeit erlahmt unb baß unsere Aus- brucksfähigkeit nicht mehr auf der gewohnten Hohe ist. Körperlich macht sich bie Ermübung bei uns als Müdigkeit bemerkbar, wenn unsere Bewegungen
nicht mehr so frisch unb zielstrebig finb, wenn die körperliche Kraft im allgemeinen nachläßt, und unsere Leistungen immer mehr Unsicherheitsfaktoren aufweifen.
Die Tatsache, daß die geistige Aufnahmefähigkeit bei der Ermüdung in gewissem Grade versagt, so daß wir beispielsweise em gesprochenes Wort zwar noch Horen, dem Sinn der Rebe aber nicht mehr folgen können, beruht in einer Beeinträchtigung der Tätigkeit der Großhirnrinde, die bis zur völligen Ausschaltung führen kann. Es ist bekannt, daß der Schlaf nicht allem durch bie zunehmenbe Ermüdung und durch die Abnahme der geistigen unb körperlichen Leistungsfähigkeit erzwungen wird, fonbern baß auch psychische Vorgänge wie bie Langeweile ober Eindrücke aus der Umwelt — denken wir an einen monotonen Vortrag — an das Gähnen eines Nachbarn, an gleichmäßige Geräusche — an der Entstehung des Schlafes Mitwirken können.
Diese Erkenntnis hat man sich in der ärztlichen Heilkunde schon längst zu eigen gemacht, um durch beruhigenden Zuspruch, durch gleichmäßiges Streichen unb durch suggestive Mittel ben Schlafzustand zu erzielen, wenn er sich auf natürlichem Wege nicht einftellen will. Das Gefühl bes „Ausgeschlafenfeins" macht sich erst bann bemerkbar, wenn bie durch ben Kräfteverbrauch eingetretenen physikalisch-chemischen Veränberungen im Organismus burch die erholende unb erfrischenbe Wirkung bes Schlafes mieber ausgeglichen finb. Ist ein Schlaf vorzeitig unterbrochen worben, so wirb immer ein „Schlafbesizlt" selbst bann bestehen bleiben, wenn man sich den Tag über für eine Zeit frisch und leistungsfähig fühlt.
Eine völlige lleberroinbung ber Mübigkeit und eine wirkliche Erholung geschieht tatsächlich nur burch ben Schlaf, ber nicht nur zur Wiederherstellung der vorher verbrauchten Spannkraft führt, sondern ber auch eine Erfrischung bes Körpers zum Beispiel nach schwächenben Infektionskrankheiten bewirkt. Die Ueberroinbung ber Mübigkeit, die Erholung unb die Erfrischung des Selbes unb der Seele kann, das steht fest, durch körperliche und psychische Ruhe allein nicht erzielt werden. Tiere liegen dem Schlafentzug eher als dem Nahrungsmittelmangel. Tatsächlich fühlen sich bie Menschem die an Schlafarmut leiden (völlige Schlaflosigkeit ist wohl selten festzustellen), auch dann, wenn sie nachts geruht haben, den Tag darauf wenig frisch und wohl, sie sind in ihrer körperlichen unb seelischen Leistungsfähigkeit entschieden beeinträchtigt. GIG


