Ausgabe 
24.2.1940
 
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durch von Vereisungsgefahr bedroht, während der finnische Eismeerhafen Linahamari im Petsamo- korridorgebiet ebenso wie das russische Murmansk durch Ausläufer des Golfstroms vor Vereisung ge­schützt sind. Die Russen boten Finnland neben er­heblichen wirtschaftspolitischen Vorteilen noch um­fangreiche Gebietsabtretungen in dem zum Teil von finnischen Lappen bewohnten Ostkarelien als Kom­pensation an, aber in Helsingfors waren Kräfte am Werk, die einen friedlichen Ausgleich verhinderten, dann freilich, als es zum Kriege kam, das irre­geleitete Finnland elend im Stich ließen, denn mit ein paar Freiwilligen und veralteten Flugzeugen

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läßt sich der Kampf eines 3Vs-Millionen-Volkes ge­gen die russische Weltmacht nicht beeinflussen. Wenn auch Rußland nur die Truppen der nordwestlichen Militärbezirke aufbot, so waren diese doch in einer Stärke von etwa 500 000 Mann der finnischen Ar­mee, die etwa 350 000 Mann im Höchstfälle mobil gemacht haben dürfte, zahlenmäßig beträchtlich über­legen. Auch waffentechnisch waren die Russen, die mehrere hundert Panzerwagen und eine starke Luft­flotte einsetzen konnten, den Finnen weit voraus, da diese wehrwirtschaftlich in hohem Maße vom Aus­land abhängen und bei den finanziell begrenzten Mitteln des dünn bevölkerten Landes über leiftungs- fähige eigene Waffen- und Munitionsfabriken kaum verfügen. Freilich hat die kleine finnische Armee eine vorzügliche Ausbildung genossen und wird von einem ausgezeichnet geschulten Ofsizierkorps geführt. Der finnische Oberbefehl liegt in den Händen des schon genannten Feldmarschalls Mannerheim, die russischen Truppen werden von General Stein geführt.

Den Russen lag daran, sich möglichst schnell in den Besitz der umstrittenen Gebiete zu setzen. Das gelang ihnen zuerst im äußersten Norden, wo der schmale Petsamo-Korridor, der zwischen russischem und norwegischem Gebiet Finnlands Zugang zum Eismeer darstellt, von den schwachen finnischen Grenztruppen gegen den russischen Vorstoß nicht zu halten war. So besetzten die Russen am 1. Dezember den Hafen Linahamari und den finnischen Teil der Fischerhalbinsel und drangen dann entlang der erst vor wenigen Jahren vollendeten berühmten Eis­meerstraße, die über mehr als 500 Kilometer hin­weg den Eisenbahnendpunkt Rovaniemi mit Lina­hamari verbindet, nach Süden bis nach Nautsi am Südende des zu Norwegen gehörenden Gebiets­streisens vor. Dann wurde die Kälte, die in diesen

arktischen Tundren die Temperaturen unter 40 Grad sinken ließ, zum besten Verbündeten der finnischen Verteidiger. Die ungeheuren Entfernungen und das Fehlen von Straßen erschwerte den Russen das Heranbringen von Nachschub und Verstärkungen, sie konnten ihre zahlenmäßige Ueberlegenheit nicht ent­falten, der Einsatz von Kraftwagen wurde durch Schnee und Kälte äußerst erschwert, die Russen zogen sich daher auf Salmiiärvi zurück. Damit ist es hier zu einem Stillstand der Operationen ge­kommen.

Der wichtigste Abschnitt des Kriegsschauplatzes wurde natürlich die Karelische Landenge zwischen Ladoga-See und Finnischem Meerbusen. Hier war die schon genannte Mannerheim- Linie, die von Taipale im Osten über Suwanto und Summa nach Koivisto (dem einst viel genann­ten Björkö) verläuft, das Rückgrat des finnischen Widerstandes gegen den russischen Vorstoß. Die Mannerheim-Linie wird als ein im Gegensatz zum deutschen Westwall und der französischen Maginot- linie loses System von MG.-Nestern und betonierten Artilleriestellungen geschildert, das unter geschickter Ausnutzung des außerordentlich unübersichtlichen, von zahlreichen Seen durchzogenen Geländes an­gelegt ist und als Rückhalt den Duok, den sich seen-> artig verbreiternden Ausfluß des Saimaa-Sees, in die Verteidigung einbezogen hat. Dieser Befesti- aungsgürtel ist auch durch Landminen stark ver­seucht, so daß die Russen hier vor einer schwie­rigen Aufgabe standen. Mehrere Durchbruchsver- suche, die die Russen zu Anfang des Krieges mit fünf Infanterie- und einer Panzer-Division unter­nahmen, blieben denn auch in den ersten finnischen Verteidigungslinien stecken. Das war wohl auch der Grund für den Versuch, die Mannerheim-Linie nördlich des Ladoga-Sees zu umgehen. So wurde von Petrosawodsk aus der Angriff einer dritten russischen' Armeegruppe angefetzt, der bis Tol- vajärvi vorgetragen werden konnte, dann aber nach einem Gegenangriff der Mnnen geaen Weihnachten zum Stehen kam und seitdem bei Äegläjärvi, etwa 50 Kilometer jenseits der Grenze, in Stellungskampf überging, auch weiter nördlich bei Liekfa und Kuhmo herrscht seit langem schon Stellungskrieg.

Der vierte russische Hauptstoß richtete sich pegen den sog. Flaschenhals zwischen der russisch-finnlschen Grenze und oem Bottnischen Meerbusen, wo sich die Breite des finnischen Gebietes zwischen den Städten Raate und Oulu (schwedisch: Uleaborg) von etwa 600 Kilometer auf rund 200 Kilometer verengt. Das strategische Ziel des russischen Oberbefehlshabers lief hier auf eine Isolierung Nordfinnlands unt) eine Abschnürung der im Süden konzentrierten finnischen Verteidigungskräfte von der Landverbin- dung mit Schweden hinaus. Der Angriff wurde etwa 50 Kilometer vorgetragen. Dann kam es bei Suomusfalmi und an den Ufern des Kuantajärvi- Sees zu erbitterten Kämpfen. Der finnische Heeres­bericht meldete Anfang Januar einen durchschla­genden Erfolg der finnischen Waffen, jedenfalls blieb hier der russische Vorstoß ebenso in Schnee und Eis stecken, wie der weiter nördlich über Salla auf Peltoseniemi und Savukofki angesetzte, hier liegt die Front immerhin etwa 120 Kilometer jen­seits der Grenze. Die Ausgangslinie des russischen Vormarsches an der über etwa neun Breitengrade hin gestreckten Ostfront ist die im Weltkrieg ent­standene Murmanbahn. An ihr liegt im Süden das schon genannte Petrosawodsk am Onega-See unt) im Norden an einer Bucht des Weißen Meeres das russische Militärlager Kandalakscha. Aber je weiter sich die russischen Truppen von der Bahnlinie ent­fernen, um so größer werden in diesem ganz spär­lich besiedelten und wegearmen Gelände die Schwie­rigkeiten des Nachschubs. Wenn man sich dann noch die bittere Kälte und die ungeheuren Schneemassen dieses Winters vor Augen hält, kann man die An­forderungen ermessen, die an die hier kämpfenden russischen Truppen gestellt werden.

Seit dem 11. Februar haben sich daher die An­griffe der Russen auf die Mannerheim-Linie auf der Karelischen Landenge konzentriert mit dem Erfolg, daß nach russischen Heeresberichten die finnische Stellung bei Summa und Kamärä durchbrochen wurde und die Russen sich auf dem Vormarsch auf Mpuri (schwedisch: Mborg) befinden, das schon im Feuer ihm Artillerie liegen soll. Koivisto (Biörkö) in oen finnischen Schären ist bereits in russischem Besitz. Da die Russen auch die Einnahme

Ist das Neutralität?"

Mißbrauch der belgischen Flagge zur Tarnung eines englisch-amerikanischen Gchiffskaufs.

Berlin, 24. Febr. (DNB.) Unter der Ueber- schriftIst das Neutralität?" schreibt derVölkische Beobachter": Aus Belgien und aus den Vereinig­ten Staaten kam in den letzten Tagen die Nachricht, daß die amerikanische United States Line acht ihrer Handelsschiffe mit insgesamt 65 000 Ton­nen an eine neugegründete belgische Reederei verkauft habe. Es ist noch bekannt, daß sich die United States Line Mitte Dezember bemühte, die Schiffe auf eine zu diesem Zweck neu- gegründete norwegische ReedereiNorth Atlantic Transport Compagnie zu überführen, daß aber die norwegische Regierung ihre Zu­stimmung zu diesem Flaggenwechsel verweigerte, nachdem sich herausgestellt hatte, daß es sich um ein von englischer Seite durchgeführtes Tarnungsmanöver handelte, daß'in der nor­wegischen Öffentlichkeit eine lebhafte Ablehnung ausgelost hatte. Da die amerikanische Reederei offensichtlich fest entschlossen war, unter Umgehung des amerikanischen Neutralitätsgesetzes ihre' Schiffe in irgendeiner Form wieder für den Verkehr nach England einzusetzen, hat sie nunmehr das mit Nor­wegen gescheiterte Manöver mit Belgien w i e- derholt und ist dabei erfolgreich geblieben. Die Tatsache, daß zur Uebernahme der amerikanischen Schiffe auf die belgische Flagge erst am 13. Fe­bruar mit dem Sitz in Antwerpen eine neue Reederei gegründet wurde, deren Aktien­kapital sich nur auf 500 000 Franken beläuft, wobei fast die Hälfte der Aktien im Besitz der United States Line verbleiben, beweist, daß es sich um eine getreue Wiederholung des mit Norwegen ver­suchten Manövers handelt.

Die ,Libre Belgique" stellt fest, daß diese Trans­aktion in belgischen Schiffahrtskreisen mit größtem Erstaunen aufgenommen worden sei, wobei man sich besonders über den angegebenen Verkaufspreis von vier Millionen Dollar wundere, da die ange­kauften Schiffe tatsächlich mehr als das Dop­pelte wert seien. Auffällig ist überdies, daß die Schiffe für den Handelsverkehr zwischen den Ver­einigten Staaten und Belgien, England und Frank­reich eingesetzt werden sollen. Bemerkenswert ist

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weiter, daß die belgische Regierung ihre für den Flaggemvechsel erforderliche Zustimmung erteilt hat. Durch diese Duldr»ng des amerika­nisch-englischen Scheinmanövers, das wegen der Er­folge der deutschen Seekriegführung die Einstellung neutralen oder neutral-getarnten Schiffsraumes m britische Dienste bezweckt, hat sich die belgische Re­gierung einer bedenklichen Verletzung ihrer Neutralitätspflichten schuldig ge­macht. Man hätte annehmen dürfen, daß sie sich ebenso wie die Regierung Norwegens gegen einen so offen erkennbaren Mißbrauch ihrer Flagge energisch zur Wehr gesetzt und geeignete Maßnah­men zur Verhinderung derartiger Scheingeschäfte ergriffen hätte.

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von Muola im Zentrum der finnischen Verteidi­gungsstellung melden, wird es fraglich, ob die Fin» nen den östlichen Teil der Mannecheim-Linie wer- den halten könnten, da sie fürchten müssen, um­gangen zu werden. Mit Wiborg, einer bedeutenden Industrie- und Handelsstadt mit 73 000 Einwoh­nern, würde den Russen die zweitgrößte Stadt des Landes in die Hände fallen. In Helfingfors gibt man zu, daß h'be Lage überaus ernst ist, zumal das mildere Wetter den Russen erlaubt, ihre Panzer­verbände und die den Finnen weit überlegene Luft­waffe in erheblich größerem Umfange als bisher einzusetzen.

So kann der Ausgang dieses Krieges, auf den sich die Firmen in törichtem Vertrauen auf eine Hilke der westlichen Plutokratien eingelassen haben, trog der zähen Tapferkeit der finnischen Truppen, denen die genaue Kenntnis des schwierigen Ge­ländes zustatten kam und trotz umsichtiger Führung der finnischen Operationen bei der Ueberlegenheit der Russen kaum noch zweifelhaft sein. In Helsing- fors hat man nicht rechtzeitig begriffen, daß Finn­land genau so wie Polen lediglich mißbraucht wer­

den sollte als ein Bauer auf dem Schachbrett der westlichen Kriegsmacher unb es trotz aller phrasen­reichen Beteuerungen rücksichtslos fMen gelassen wird, wenn die Herren in Paris und London, di« Finnland in den aussichtslosen Kampf gehetzt haben, das Spiel hier oben im Norden verloren geben. Seit Wochen gchen die Bemühungen dieser Herren, auch Schweden und Norwegen in den Krieg hinein­zuziehen. Aber König Gustaf von Schweden hat in seiner Erklärung vor dem Staatsrat jede militä­rische Intervention Schwedens strikt abgelehnt, und es scheint, als ob das schwedische Volk trotz aller Agitation gewisser aktivistischer Kreise vernünftig genug ist, um den verantwortungsbewußten Stand­punkt seines Königs zu teilen. Nicht anders steht es in Norwegen, das ja eben erst durch den em­pörenden Piratenüberfall auf den deutschen Damp­ferAltmark" innerhalb der norwegischen Hoheits­gewässer eine bittere Lehre erhalten hat, mit welch zynischer Brutalität England die Rechte kleiner Völker mit Füßen tritt, wenn es ihm darum zu tun ist, sie zu Werkzeugen seiner Kriegspolitik zu machen. Wenn nun auch der britische Generalstabs- chef, General Jronside, der schon 1919 die englisch» französischen Jnterventionstruppen befehligte, die

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Der Dichter und der Winter.

Von Wilhelm von Scholz.

Das Schönste, was je ein Dichter vom Winter gesungen oder erzählt hat, ist wahrscheinlich das kleine Märchen von AndersenDer Schneemann". Da schildert der große dänische Dichter, der wie kaum ein anderer die einfache Seele des Kindes und des schlichten Mannes zu belauschen verstand, die seltsame und fast unbegreifliche Sehnsucht eines solchen weißen Gesellen nach dem hitzesprühenden Ofen, den er aus seiner Kälte hinter den befrorenen Scheiben im behaglichen Zimmer glühen sieht.

Ja, nicht nur die Seele des Menschen ist oft närrisch die der Märchengestalten ebenso! Aber das ist doch zu toll, daß ein Schneemann nach dem Ofen Sehnsucht haben soll, an dem er schmelzen und seine Seele aushauchen mühte, nicht wahr?

Wie schön und tiefsinnig ist die Lösung des Rät­sels, die der Tauwind bringt, als er den armen sehnsüchtigen Burschen schmelzen läßt, bis er zu­sammenfällt und nur noch ein schmutziges Häuflein ist: der Stock, den der Schneemann als Halt und Seele im Leib haben muß, damit er fest und auf­recht stehen kann, war bei unserem Freunde der Stiel der Kohlenschaufel!

So war er von vornherein eigentlich zum Schnee­mann verdorben. Den Kohlenschaufelstiel trieb es aus seiner jahrelangen Gewohnheit zum eisernen Wärmespender und der Kohlenschaufelstiel war ja doch die Seele des Schneemannes.

Aus dem Winter hat der Dichter dies Geheimnis gefunden, weil er gefühlt hat, wie der Winter des Jahres und des Lebens, wenn es ringsum weiß und still geworden ist, die Menschen mehr von ihrem Innern, von ihrer Seele führen und die erstaun­lichen Widersprüche darin zutage treten läßt, als das ganze übrige Jahr, 'wo sie tätig und in ihre Arbeit eingespannt sind und nicht so viel Zeit haben, groß auf ihr Inneres zu achten.

Die Dichter sind wohl alle Liebhaber des Früh­lings. Und wenn Goethe im Osterspaziergang sagt:

Der alte Winter in seiner Schwäche

Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er fliehend nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur.

Aber die Sonne duldet kein Weißes spricht er so recht die Freude des echten Dichters aus, der im Herzen immer ein Mann des Volkes ist, über den ausgetriebenen Herrn von Schnee und Eis, wie das in zahllosen, zum Teil noch heute auf» geführten, sinnbildlichen Spielen vom Winteraus­treiben dargestellt ist. Da wird mter lustigen SpotL-

versen, Hallo und Tanz zum Schluß eine weiß an- gekletdete Strohpuppe, die den Winter vorzustellen hat, verbrannt.

Aber dem Zauber des Winters haben sich die Dichter dennoch nie entziehen können. Das Lautlos- und dabei Licytwerden der Welt, die den Blutlauf ihrer Adern, der Bäche, anhält, das Sicheinhüllen der Natur in die meldeten, rveißeften Daunendecken, die es gibt, dabei die scheinbare Erstarrung des Lebens, das doch nur auf seine Wiedererweckung wartet wie Dornröschen dies Märchen verdankt nach einer Deutung einem Winter-, Lenz-, Natur­mythos seine Entstehung hat die Dichter stets im Innersten berührt:

Nicht ein Flügelschlag geht durch die Welt, Still und blendend lag der weiße Schnee. Nicht ein Wölkchen hing am Sternenzelt, Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf, Pis sein Wipfel in dem Eis gefror;

An den Aesten klomm die Nix' herauf, Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da, Das die schwarze Tiefe von mir schied;

Dicht ich unter meinen Füßen sah

Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet sie

An der harten Decke her und hin

Auch hier ist aus der Anschauung des Winters für einen großen deutschen Dichter, Gottfried Keller, ein Schicksal und zugleich ein Naturmythos gewor­den: freies Elementarwesen und Mensch in ihrer Sehnsucht zueinander und ihrer ewigen Trennung voneinander, wie es viele Nixenmärchen schildern, sind hier im Bilde des Winters zu ergreifendem Ausdruck gebracht.

Eins aber scheint allem gemeinsam, wozu der Winter die Dichter angeregt hat: Sehnsucht ist überall in der Dichtung des Winters! Sie ist nicht stets als Sehnsucht nach dem Wiedererwachen des Lichtes, der Wärme, nach dem Steigen der Sonne und dem Erblühen der Natur ausgesprochen. Sie verkappt sich wie beim Schneemann in die Sehn­sucht nach dem warmen Ofen oder, wie bei der Nixe, in die nach dem Menschen-Mann. Aber sie ist immer das Sprengenwollen der Fesseln des Winters.

Selbst wenn sie sich scheinbar ins Gegenteil ver­mummt, ist sie echte Sehnsucht. So singt Lenau:

Frost, friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde!

Daß einmal Ruh' mag drinnen sein, Me hier im nächtlichen Gefilde," _

Nächtlicher Fischfang in der Adria.

Von Anion Schnack.

Die dreiundzwanzigste Stunde nachts ist eine schöne Stunde, wenn sie vom südlichen Meere ge­boren wird und mit dem unmittelbar bevorstehen- den Aufgang des Mondes zusammenfällt. In der dem Mittag ausgesetzten Steinbrüstung der Ter­rasse eines am Meer gelegenen Hauses an der Adria zittert noch leise Wärme, kein Windzug, nicht der stillste Lufthauch blättert in den Gehölzen, schwarz, grenzenlos und leblos liegt d-er Meerspie­gel. Wo mögen nun die Kobolde umhergehen, die nach den Vorstellungen des bosniakischen Schäfers Höhlungen unter den Lorbeerbäumen haben? Irren sie umher mit winzigen bläulichen Laternen in den Händen oder an den Zipfeln der Mützen? Wohin hat sich, die Schnauze auf die muschelsplittrige Erde gedrängt, der Igel begeben, der während der ver­sengenden Mittagsglut unter den Reisighaufen am Ziegenstalle schlief? Möge seine nächtliche Jagd auf Kerfen, Spinnen und Würmer erfolgreich sein; man muß das Tier lieben; denn in seinen flinken Augen funkeln Klugheit und List.

Der ewig irrende Silen, den der aus den Kel­lern der Bauern gestohlene blutschwarze Wem müde und berauscht gemacht hat, ist, an den Stamm des Olivenbaumes gelehnt, in einen bleiernen Schlaf gesunken, den Mund voll Asphodelosbeeren, seine behaarte Hand ist zum Schlupfwinkel für die Nacht­kröte geworden, auf die Motte lauernd, die mit ge­sprenkelten Flügeln und rotem Kopfhöcker aus dem Besengebüsch des Goldginsters aufsteigt.

Oh undurchdringliche und geheimnisvolle Schwärze, die breite Flügel, mit höllischer Farbe gezeichnet, weithin über Meer und Bergwand geschlagen hat! Noch immer sucht der schnaufende und dicke Hirte Ivo ein verirrtes Schaf im Geklüft der Gebüsch­wildnis. Langsam wandert sein Windlicht, verlöscht und taucht wieder auf.

*

Nun gleitet an der Küste ein anderes Licht heran. Von der Insel Daxa und von einem Felsenvor­sprung der Halbinsel Lapad lösen sich zwei andere. Der Mond, der in dieser Nacht fast volle Gestalt annimmt, ist noch nicht zu scheu. Der große Pinien- und Zypressenberg hält die runde Scheibe hinter seinem steinernen Vorhang. Nur ein sanfter grün­licher Schein schwimmt ungenau in den erzenen Zyprchenrvlplefir. Das die SMe, in chm

Viertelstunde das schöne Gestirn aufsteigen und die ganze Meeresbucht in eine brennende und funkelnde Metallschmelze verwandeln wird.

In dieser Zeitspanne stockschwarzer Nacht liegen das Geheimnis und der Reichtum des Fischfangs mit der Stechgabel. Die Fischer schlagen der Neu­gierde der Fische ein Schnippchen dem kalten Fisch äuge wird durch die Azetylenlamve, die an der Bootsspitze angebracht und mit starken Blendspie- geln versehen ist, eine heftige und künstliche Sonne vorgetäuscht, die den Fisch aus der Tiefe an die seichte Oberfläche lockt. Im stechenden Strahl der Lampe wird der glatte Meerspiegel, der nur leise und kaum gefvahr atmet, im Umkreis von fünf bis sechs Metern durchsichtig und glasgrün; man kann die Steine des felsigen Strandgrundes sehen und zählen und der Fischstecher stößt den Speer nur da, wo das Meer nicht mehr als zwei Meter Tiefe hat, und tiefer ist der ganze Rand dieser steinverkruste- ten Küste nicht.

Lautlos ist der Schlag des verhalten und schwer­mütig singenden Ruderers, lautlos ist der nieder- stoßende Stich' der mit Widerhaken versehenen Gabel. Ein Fisch in der Größe eines halben Armes zappelt am herausgezogenen Dreizack; her schla­gende Fischschwanz wirft einen jähen, kurzen Sil­berblitz. Als die Hand des glücklichen Stechers nach dem Fisch greift und ihn aus den Widerhaken löst, habe ich den Eindruck eines dünnen, absterbenden Schreies, vom Fische ausgestoßen, von dem es doch heißt, daß er ein stummes Wesen sei.

Trotzdem ist das nächtliche Bild herrlich und schön. Ich liebe den Dreizack des Poseidon. Mit ihm hat vor zweitausend Jahren der römische Kolonist an dieser klippenreichen Küste nach der Zahnbrasse, her Goldbrasse und dem Wolfsbarsch gestoßen, von der harzreichen Holzfackel aus den algenbewachse- nen Spalten her Tiefe in das flache Rand gemässer gelockt. Denke niemand, daß dieser nächtliche Fisch­fang leicht sei her Fisch ist scheu und schnell und Entfernung und Wassertiefe täuschen.

Noch einen Fisch streift her Mann von her Gabel; diesmal hat sie ihn meisterlich zwischen den Kiemen aufgespießt. Dann steigt her Mond über hie blau angelaufene Hügellinie und das Meer in der run­den Bucht ist eine einzige Metallscheibe, die unter dem heimwärtsgerichteten und nun heftigen Ruder­schlag zerbricht und flimmernd wieder zusammen­schießt. So ist manchmal diese Vormitternachts­stunde im Süden von mythischer Art, als wären zweitausend Jahre Vergangenheit für eine kurze Zeit zurückgekehrt oder aufgehoben, und als wäre der Zuschauer im zypressenümstandenen Haus ein römi- IM Dichter ifl M ÄerbaMUvL Htzraz meimtroegM