Ur. 225 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Montag, 23. September 1940
Fliegen, hot man sich in den' sft gesagt und gekauft, was do war, obgleich man lieber seine alte Marke gehabt hätte. Das ist durch die Nachfüllpodtungen Erdal jetzt besser geworden. Es muß nicht eine Erdal« Blechdose sein; in der Nochfüllpackung_ ist^die gleiche Menge und die gleiche Qualität. Man setzt sie einfad» in die leere Erdal-Blechdose ein
ÄSSErdal
Aus der (Stahl Gießen.
Wie halte ich die Zimmer warm?
Wir wollen zwar nicht hoffen, daß der kommende Winter wieder so bitterkalt wird wie der letzte. Aber vorsorgen wollen wir trotzdem, daß wir unsere Räume möglichst warm haben auch wenn wir nicht beliebig viel Heizmaterial verfeuern können.
Was kann eine vorsorgliche Hausfrau alles tun, um die Zimmer möglichst warm zu halten? Es handelt sich vor allem darum, ein unnützes Eindringen der Kälte von außen möglichst zu verhindern. Schon mit einfachen Mitteln läßt es sich erreichen. Am wirksamsten sind dicke Vorhänge, die man vor die unteren Teile der Fenster hängt, auch vor die Balkontüren, durch die es mit Vorliebe hindurchzieht. Besitzt man keine Vorhänge, und ist der richtige Stoff jetzt nicht leicht zu beschaffen, so findet man gewiß noch eine alte „Portiere" oder eine Decke, die sonst nicht regelmäßig gebraucht wird. Selbst ein kleiner Teppich ist verwendbar, wenn man ihn mit Ringen zum Aufhängen versieht.
Es zieht durch die Fensterritzen! Das läßt sich vermeiden durch das Abdichten mit Filzstreifen oder schmalen Resten von festem Stoff, die man dazwischen klemmt. Ein gutes Mittel sind auch kleine Kissen oder Polster auf die Fensterbretter gelegt und dicht unter die Ritzen geschoben oder zwischen den Doppelfenstern befestigt. Hier finden geschickte Hausfrauen sicher manche Möglichkeit, aus hübschen bunten Stoffresten diese Polster herzustellen; innen füllt man sie mit Holzwolle, oder mit Flicken, mit Resten aus asten Kissen, oder auch mit Zeitungspapier. Auch die einfache Holzwolle, ja selbst trockenes Moos zwischen die Doppelfenster gelegt, tut gute Dienste, um Wind und Kälte abzuhalten. Auf Balkontüren, diese „Kälteeinfallstore", sollte man besonderes Augenmerk haben, daß sie gut und dicht schließen; sonst muß man sie besonders abdichten.
Auch die Verdunkelung muß richtig angebracht sein. Die Jnnenfenster dürfen deswegen nicht offengelassen werden. Dadurch entweicht zu viel Wärme. Hier ist die Möglichkeit das Verdunkelungspapier nur oben zu befestigen, es dann hockzurollen und die Rolle mit einer Schnur festzubinoen, die beste Lösung. So lassen sich die Fenster richtig schließen. Am bequemsten ist es freilich, sich aus festem Papier ein Rouleau machen zu lassen; es ist allerdings etwas eurer, dafür aber leichter zu handhaben.
Wie ist es mit dem Fußboden? Das Zimmer ist so fußkalt. Auch dann kann man Abhilfe schaffen, indem man unter den Teppich ein oder mehrere Lagen Zeitungspapier legt.
Unbeachtet bleiben auch oft Bodenluken und Flurfenster. Wenn man nicht dafür sorgt, daß sie dicht schließen, vor allem auch wirklich fest geschlossen sind und nicht aus „Versehen" stundenlang offenstehen, sind sie geradezu heimtückische Wärmezerstörer.
Manche Leute vermeiden im Winter ängstlich das Lüsten und wundern sich, wenn sie in der verbrauchten Zimmerluft trotzdem dauernd frostig sind. Dabei ist richtiges und gründliches Lüften auch in der kalten Jahreszeit eine Selbstverständlichkeit, durchaus eine Voraussetzung für gute Zimmerwärme. Es nutzt gar nichts, wenn eine frostige Seele denkt „nur das Fenster nicht weit ausmachen, die kostbare Wärme geht fort!"; denn wenn man das Fenster nur einen Spalt weit aufmacht, wird es auch nicht viel besser. Natürlich ist auch das Gegenteil falsch: das Fenster stundenlang offenstehen lassen! Dann kühlt natürlich das ganze Zimmer aus. Lüften muß man also nach einer rationellen Technik: dazu gehört nichts als Mut. Einmal — oder mehrere Male in entsprechenden Abständen, je nach der Beanspruchung des Zimmers — werden die Fenster weit geöffnet und evtl, etwas Durchzug gemacht, etwa 5 bis 10 Minuten lang, und dann werden sie wieder sachgemäß verschlossen, damit sich die Luft wieder erwärmen kann._________J- J
Die Sportler sammelten für das Kriegs-WHW.
Dotter und erfolgreicher Einsatz in Stadt und Land.
•» Am Samstag und am gestrigen Sonntag standen die Stadt Gießen und zahlreiche Orte des Kreises Wetterau, ebenso wie überall im Reiche, im Zeichen des Sports und des Kriegs-Winterhilfswerks 19 40/41. Die erste Reichsstraßensammlung für das 2. Kriegs-WHW., bei der schöne Büchlein unter dem Gesamttitel „Des Führers Kampf im Osten" zum Verkauf gelangten, war bekanntlich dem NS.-Reichsbund für Leibesübungen und dem Sportamt „Kraft durch Freude" übertragen worden, die durch ihre Sportler und Sportlerinnen auf allen Straßen und Plätzen den Verkauf der Abzeichen durchführen ließen. >
Schon am Freitagabend setzten zahlreiche Sportler und Sportlerinnen mit ihrer Sammeltätigkeit ein. Im Verlaufe des Samstagnachmittag war der erste Höhepunkt des tatfreudigen Sammelwerks zu verzeichnen. Ueberall konnte man den eifrigen Sammlern und Sammlerinnen mit den bekannten roten Sammelbüchsen des WHW. begegnen. Don den ältesten Semestern — wie beispielsweise dem 81jährigen Turner Dm p per, der in Begleitung des ebenfalls hochbetagten Ehren-Gauoberturnwarts Will und anderer Turner eifrig dem Verkauf der WHW.-Abzeichen oblag — über die mittleren Jahrgänge bis zu den jüngsten Sportlern und'Sportlerinnen ließ es keiner an Tatbereitschaft fehlen, um der großen Sache zum vollsten Erfolg zu verhelfen. Und wenn einem "Sammler oder einer Sammlerin die AbzeichemBüchlein ausgegangen waren, so wurde trotzdem nicht Schluß gemacht, sondern- nach früher schon oft bewährtem Muster der Sammelbetrieb weiter fortgesührt, denn durch ein freundliches, aufmunterndes Wort wurden immer wieder Groschen oder Fünfer usw. für die Sammelbüchse locker gemacht. Dem tatkräftigen Einsatz ver Sammler und Sammlerinnen entsprach in anerkennenswerter Weise wieder die Opfersreudigkeit der Volksgenossen, die gerne ihren Beitrag für die große Sache des Kriegs-WHW. leisteten. Wie am Samstag auf Straßen und Plätzen, so war auch am gestrigen Sonntag als zweitem Höhepunkt die Sammeltätigkeit auf den Sportstätten und den Platzen der Vereinsveranstaltungen eifrig im Gange, denn auch hier legten die Sportler und Sportlerinnen Wert darauf, daß neben den Eintrittsgeldern die dem WHW. zuflofsen, noch eine zusätzliche Leistung durch die Sammeltätigkeit erreicht wurde
So kam es denn, daß in Stadt und Land die für den Kreis Wetterau bereitgestellten 100000 Abzeichen, von denen 36 000 Stück allein auf die Stadt Gießen entfielen, vollkommen verkauft wurden und darüber hinaus noch ein erkleckliches Mehr auf bem Wege Über die Sammelbüchsen dem Kriegs-WHW. zufloß.
Unsere Sportler und Sportlerinnen, die bei dieser Gelegenheit übrigens auch für ihre sportlichen Bestrebungen werben konnten, haben allen Grund, nut ihrem Einsatz und dessen Ergebnis für das WHW. zufrieden zu fein.
Filmvorführungen im Dienste der guten Esche.
Der Schiklub Gießen veranstaltete zusammen mit dem Kanu-Klub am Samstagabend im „Burghof" eine Filmvorführung über die einschlägigen Sportarten. Vereinsführer Dörfner vom Schi-Klub begrüßte zunächst die Besucher und wies in seinen weiteren Ausführungen auf die Bedeutung des Kriegs-Winterhilfswerkes hin, dessen erste Straßensammlung in diesem Jahre von den Amtsträgern und Mitgliedern des deutschen Sports mit voller Hingabe zu der großen Sache zu leisten sei. Auch dieser Abend sei ein Beitrag für das Kriegs-Winter- hilfswerk.
Dann rollte der erste Film vor den Augen der aufmerksamen Zuschauer ab. Er zeigte Ausnahmen aus den Dolomiten mit einem idealen Schigelände und die Leistungen von geübten Schifahrern im Hochgebirge. Bilder über die richtige Besteigung von über 2000 Meter hohen Bergen und die darauffolgenden kühnen Abfahrten wechselten miteinander ab. Die schönen Ausnahmen fanden allgemeine Bewunderung, insbesondere bei den schifahrenden Zuschauern, bei denen sicherlich Erinnerungen an ihre eigenen Schitouren wachgerufen wurden.
< Als zweiter Film folgte ein Bildstreifen vom Rollschuhlauf. Die Aufnahmen wurden auf der Rollschuhbahn in Frankfurt gemacht und zeigten im ersten Teil die Grundbegriffe des Rollschuhlaufes. Alle Figuren des Rollschuhlaufes wurden dem Rollschuhläufer selber wie auch dem Laien in anschaulicher Weise gezeigt. Der zweite Teil des Films gab einen Ausschnitt vom Rollschuh-Kunstlauf. Die einzelnen Aufnahmen vermittelten einen Einblick in die Kunst des Rollschuhlaufes und in das harte Training, dem sich die Läufer und Läufe-
Kleiner Rundgang ai
In der Moltkestraße, im Haus Nummer 27, hämmert einer aus Leibeskräften — in der Werkstatt für Segelflugzeugbau ist die Flieger-HI. an der Arbeit. In einer geräumigen Werkstatt, mit Werkzeugen und Maschinen ausgezeichnet eingerichtet, find Tragflächen und andere Teile von Segelflugzeugen aufgebaut, daran die Hitlerjungen mit sichtlicher Freude arbeiten, gilt es doch, einen „Bruch" auszubessern. In einer leider nur kurzen Unterhaltung wird uns erklärt, daß die Flieger-HI. in vier Gruppen jeweils zwei Abendstunden hier am Segelflugzeugbau arbeitet und baut unter der Anleitung des Bauleiters, um nach Ableistung der erforderlichen Baustunden zur Segelfliegerprüfung zugelassen zu werden, die mehrmals mit gesteigerter Flugleistung abgelegt werden muß. Der blonde Junge, hoch aufgeschossen und mit unvermeidlichem Schopf, gibt auf
rinnen zur Erzielung solcher Leistungen unterwerfen müssen. Dr. Pfeffer begleitete den Bildstreifen mit fachlich aufklärenden Worten, die als eine begrüßenswerte Ergänzung der Aufnahmen angesprochen werden konnten.
Als dritten und letzten Film sah man Aufnahmen aus dem Kanusport. Eine Kanufahrt auf einem Wild wasser in Oberbayern in der Nähe des Ammersees zeigte alle Schönheiten, die mit einer Paddelfahrt auf einem solchen Gebirgsbach verbunden sind. Eingeschlossen in hohe Berge zieht der Wild- bach seinen Lauf, und auf dem reißenden Wasser, in seinen Stromschnellen und über seine Wehre sah man die Paddler mit ihren wendigen Booten alle mit einer solchen Fahrt verbundenen Gefahren überstehen, abgesehen von einigen kleinen an sich bedeutungslosen Aufenthalten, hervorgerufen durch das Umkippen eines Bootes und ähnliches. Glücklich und wohlbehalten gelangen sie auf den Ammersee. Damit fand die wohlgelungene Filmveranstaltung ihr Ende.
n Sonniagvormiltag.
alle Fragen erschöpfend Auskunft; wir aber müssen weiter und verabschieden uns mit herzlichem Dank.
Auf dem kurzen Weg zum Stadttheater hören wir aus einem Lautsprecherwagen, daß ein Seemann sich durch nichts erschüttern läßt. Ebenso unerschütterlich waren die Kinder -zu ihren Vorführungen angetreten, um im Kreis zu fingen und zu tanzen „Wir haben eine Ziehharmonika". Sie fangen und tanzten noch anderes zur Freude der zahlreichen Zuschauer, unter die sich einige der kleinen Turnerinnen und Turner mit den Sammelbüchsen mischten.
Faustballspiele auf Oswaldsgarten und ein Radrennen „Rund um die Anlagen", in drei Klaffen gefahren, ziehen eine erhebliche Anzahl von Zuschauern an sich, die den Leistungen der Konkurrenten nach jeder Runde lauten Beifall spenden. Auch hier klappern unentwegt die Sammelbüchsen mit gutem Erfolg.
Der Einsatz des Fußballs.
Man kann ruhig behaupten, daß seit dem Spiel der Stadtmannschaft gegen die Marinemannschaft der Waldsportplatz einen derartig farbigen und auf technisch hoher Stufe stehenden Kampf nicht gesehen hat. Bis zur letzten Minute stand nicht fest, wer den Platz als Sieger verlassen würde. Wenn die Flieger den Sieger stellten, so verdanken sie es in erster Linie ihrem Halblinken Lutter, der einmal mehr bewies, was eine Spielerpersönlichkeit für eine Mannschaft bedeutet. Damit sind mir schon bei der Mannschaftskritik. Die Flieger hasten einen schwachen Punkt in ihrem Tormann, der große Unsicherheit bei flachen Bällen bewies. Die übrigen Spieler zeigten reifes technisches Können und vergaßen nie, daß in der Gesamtleistung der Grund jedes Erfolges liegt. Demgegenüber zeigte die Stadtmannschaft von vornherein durch das Nichtspielen von Anton und Heeg Schwächen, die trotz allem Eifer der Ersatzleute nicht ausgeglichen werden konnten. Auch die teilweise Unsicherheit von Fischer trug zur Niederlage bei. Als auffallend schußunsicher erwies sich der Linksaußen, der mehrmals Gelegenheit hatte, dem Spiel die entscheidende Wendung zu geben. Schiedsrichter Zitzer leitete korrekt und großzügig. Entsprechend den Leistungen war auch der finanzielle Erfolg. Damit zeigte sich, daß der Aufruf an
die Gebefreudigkeit der Anhänger des Fußballs seinen Zweck nicht verfehlt hatte, lag doch die Zuschauerzahl über dem Doppelten der Zahl bei anderen Spielen.
Die elf Tore. Die Flieger haben Anstoß und kommen sofort auf dem linken Flügel durch, scheitern jedoch an dem rechten Verteidiger. Auch der Gegenangriff der " Stadtmannschaft bleibt ohne Erfolg. Ueberraschend füllt das erste Tor. Der Halblinke
Rückkehr eines Soldaten.
Von Rudolf Schneider-Gchelde.
Er kommt zurück und lächelt. Das Glück leuchtet ihm aus den Augen, er tritt ein und setzt sich an den Tisch und blickt umher, um sich zu vergewissern, ob alles noch so ist, wie es war. Man sitzt ihm gegenüber und blickt auch ihn daraufhin an, ob alle- ist, wie es war.
Es scheint sich nichts verändert zu haben. Er ist der gleiche gute Junge, als der er ausgezogen ist, er hat das gleiche Gesicht wie vordem, dieselben Hände, er hebt und senkt die Schultern genau so wie frsiher und hat auch noch die Grübchen in den Wangen; und schließlich — stellt sich heraus — ißt er genau so gern Pfannkuchen wie ehemals.
Hat sich wirklich nichts verändert? Er war im Krieg. Er hat gekämpft. Er hat geschossen und es wurde auf ihn geschossen. Es war ein hartes und gefährliches Leben, das er führte, er hat dem Tod ins Auge geblickt — und gar nichts soll sich verändert haben?
Er sitzt zwischen den anderen, als wäre nichts gewesen, und nimmt an der Unterhaltung teil, als habe er nie etwas anderes getan. Er reicht dir Feuer für deine Zigarre, er bietet dir einen Stuhl an, sagt bitte, wenn er etwas wünscht, und danke, wenn er es erhält, er schlägt nicht mit den Fausten auf den Tisch, er entwickelt nicht die Spur von einem wilden Lagerleben, und wenn du es nicht wüßtest, würdest du niemals glauben, daß er im Krieg gewesen ist, daß er Soldat ist und morgen vielleicht wieder in den Krieg zieht. Du wurdest niemals ahnen und kannst es auch jetzt nicht verstehen, daß dieser Körper im Feuer lag, daß diese Arme und Hände Maschinen bedienten, die Untergang bedeuten.
Es ist derselbe Körper, der sich nun behaglich reckt, sind dieselben Augen, die jetzt harmlos und heiter leuchten, dieselben Arme und Hände, die sich schmeichelnd um eine Mädchenhüfte legen. Wie geht ^Es "geht so zu, daß mehr und Vielfältigeres im Menschen steckt, als wir in unserer üblichen Zerstreutheit annehmen. Was im Menschen als Idee schwingt oder klingt oder kreist, ist durch ihn zu verwirklichen. Je ausschließlicher die Idee ist, um so mehr schließt ihre Verwirklichung das übrige Menschliche in uns aus. Im Ruhezustand sozusagen, im Frieden, in der Behaglichkeit feines zivilen Lebens ist der Mensch mehr oder weniger, was Artung Neigung und Erziehung aus ihm machen. Daraus ergibt sich die Vielfalt unseres Lebens. Don einer Idee aufgerufen und in ihren Bann gebracht, versinkt mit der zunehmenden Annäherung
an den Gehalt der Idee alles andere in ihm, es tritt in den Hintergrund, nicht um gänzlich zu verschwinden, sondern im Sinn einer Latenz. So wird gegebenenfalls der große Liebende, so wird der Held, so wird auch der Soldat.
Der Soldat wird nicht dadurch allein aus dem Menschen, daß er seine zivile Kleidung mit der Uniform vertauscht. Das ist nur der erste Schritt. Der Soldat entwickelt sich allmählich durch die Unterwerfung unter den Befehl, die Ausschaltung der privaten Möglichkeiten also, durch die Gemeinsamkeit der Lebensweise, die Verneinung der individuellen Wunscherfüllungen also, durch die Einordnung in eine eherne Gesetzmäßigkeit, die Ausschaltung der subjektiven Willensbildung also. Doch erst im Einsatz, fm Kriege, kommt der Soldat wirklich zum Vorschein, und erst mit der zunehmenden Steigerung des Einsatzes tritt er immer stärker und einziger hervor, bis er zuletzt, im Einsatz des Lebens, den Menschen in sich gewissermaßen ausstoßend, ganz und gar Soldat ist, nur noch Soldat.
Nur so, aber auch tatsächlich so erklären sich die übermenschlichen Leistungen deß Soldaten (in Wahrheit übermenschliche, roffl sie über dem Menschlichen liegen), die Ausdauer, die Todesverachtung, der Heldenmut, die Unbesieglichkeit. So, aber wieder tatsächlich so erklärt sich auch, daß alle, an die der Bann der Idee nicht herangetragen worden ist, die- Verwandlungen des Menschen zum Soldaten nicht verstehen und ebenso wenig die Rückverwandluna: daß der Soldat auch ist wie wir. Aber mit abnehmender Inanspruchnahme des Soldaten im Menschen regt sich naturgemäß jeweils der Mensch in ihm; es wacht all das auf, was während der Erfüllung des Begriffs Soldat untergetaucht und kaum noch vorhanden war.
Es hat einen tiefen Sinn, wenn wir sagen: er starb als Soldat; denn es will heißen und heißt: er starb schmerzlos, in einer Form seiner Existenz, in der alles Menschliche wie Leib, Kummer, Angst, Qual aus ihm abwesend war. Es hat einen nicht minder tiefen Sinn, daß wir den Verwundeten vom Kriegsrecht ausnehmen: nicht nur, weil er im bloßen Sinn des Wortes kampfunfähig ist, sondern weil sein Menschliches, das durch die Verwundung aktuell Gewordene, ihn an der Verkörperung des Soldatseins verhindert.
So verstehen wir, was wir nicht verstehen konnten: Das Lachen, die Freude, die Harmlosigkeit, die Liebenswürdigkeit, die Lebenslust des Soldaten, der nach Hause gekommen ist. Jener Inbegriff des Soldatentums, dem er draußen verhaftet war, verlangt hier keine Erfüllung mehr, und fein ganzes Menschliches, in dem sich vieles aufgestaut hat, meldet sich zum Leben an: Der Gatte, der Vater, der Sohn, der Freund, der Liebhaber, sie alle kommen ans Licht. In diesen menschlichen Bezirken des Da
seins hat sich wirklich nichts verändert außer, daß alles wie neugeboren erscheint, verändert jedoch hat sich etwas in den übermenschlichen Bezirken: hier ist eine Ahnung zum Erlebnis und zur (Erfüllung geworben, etwas, was Möglichkeit war, wurde Wirklichkeit, und wenn wir sehr feine Augen haben, sehen wir diese Veränderung trotz der Grübchen in den Wangen, obwohl die Hände, die Augen, das Gesicht, die Gebärden und — um es noch einmal zu sagen — auch die Liebhaberei für Pfannkuchen dieselben geblieben sind. Das Wissen ums Leben hat in unserem Soldaten zugenommen, mit anderen Worten, er ist gereift.
Und wenn er auf unsere direkten Fragen, wie alles da draußen war, vielleicht zögernd antworten wird: Ich weiß selbst nicht, es war — wie in einer andern Welt, so ist er doch in dieser andern Welt gewesen. Er sagt die Wahrheit, er war mehr als ein Mensch: Er war in einer anderen Welt.
Randbemerkungen.
Von Sigmund Graff.
Sage mir, wer mit dir aus demselben Grund herzlich lachen kann, und ich will dir sagen, wer dein Freund ist.
Alte Bekannte lernt man oft ganz neu kennen, wenn man nach längerer Trennung überraschend wieder mit ihnen zusammentrifft. Sie haben dann keine Zeit, Maske zu machen — wie wir keine Zeit haben, uns früherer Urteile oder Vorurteile zu erinnern. Infolgedessen erscheinen sie uns nicht selten von einer Seite, die wir — im Positiven wie im Negativen — vielleicht viele Jahre lang gewohnheitsmäßig übersehen haben.
Wertbeständige Menschen sind noch begehrter als wertbeständige Papiere. *
Je größer eine Gesellschaft ist, um so mehr verlagert sich ihr Niveau nach unten. Je edler ein Mensch ist, um so mehr zieht er seine Gesellschaft zu sich empor.
Wer keine Schwäche hat, kann nur schwer geliebt werden. Leute, die allgemein beliebt sind, haben die Eigenart, den andern Leuten (bewußt oder unbewußt) immer wieder denselben kleinen Fehler oder dieselbe kleine Schwäche vor Augen zu fuhren — wobei es sich selbstverständlich um eine allgemein bekannte, vielen Menschen gemeinsame Schwäche handeln muß, da nur eine solche Schwäche sympathisch ist. Leute, die allgemein unbeliebt sind, sollten sich prüfen, ob sie nicht einen beliebten Fehler — mehr als den Leuten lieb ist — vor den Leuten verstecken.
Alle Liebe entsteht durch die Entdeckung einer Schwäche, der man zu Hilfe kommen möchte.
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Wer einem großen Mann das Kleine nimmt, das ihm anhaftet, nimmt ihm zwar nicht die Größe, aber er macht sie unsichtbar. Bilder ohne Schatten wirken nicht. Was wäre der Alte Fritz ohne die Schnupftabakdose? * i
Die Popularität vieler bedeutender Männer beruht allein darauf, daß sie eine große Leistung durch eine kleine Schwäche ergänzen. Sie korrigieren dadurch gleichsam den Vorsprung, den ihnen Natur und Schicksal vor allen anderen gegeben haben. Ihre Schwäche — und wenn sie sich bloß durch einen immer verrutschten Schlips dokumentiert — ist die Treppenstufe, über die ihnen die unbevorzugte Mitwelt neidlos nahe kommen kann. Denn Erfolg ohne Einschränkung fordert den Neid, Leistung ohne Schwäche den Widerspruch heraus. Unfehlbare Menschen sind entweder uninteressant ober unheimlich. Achilles ohne seine Stärke ist nichts. Achilles ohnck seine Ferse ist noch weniger.
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An geliebten Menschen gefällt uns meist nicht das Schöne, sondern das Charakteristische. Stupsnasen werden ebenso heiß geliebt wie griechische Profile.
In der Kunst darf ich das, was mir nicht in den Kram paßt, getrost übersehen, denn die Pointe meiner Kunst bestimme ich selbst. Im Leben darf ich das, was mir nicht in den Kram paßt, unter keinen Umständen übersehen, denn die Pointen des Lebens bestimmt das Schicksal. *
Kraft und Gefühl wohnen in einem guten Herzen ebenso dicht beisammen wie in einem schlechten Roheit und Sentimentalität.
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Der Trieb zur Kunst: Sich selbst spüren wollen ..« Sich selbst genießen wollen. Der Weg zur Kunst: Sich selbst opfern.
Kunst ist Steigerung. Ein Mord auf der Bühne ist viel furchtbarer als ein Mord im Leben — oder er hat nichts mit Kunst zu tun.
Es gibt auch eine geniale Ordnung. Und ein leerer Schreibtisch ist nicht immer der Beweis für einen hohlen Kopf. Wahre Führernaturen erkennt man nicht selten an der „Aufgeräumtheit" ihrer Umgebung. Ihr Geheimnis besteht darin, durch blitzschnelle Erledigung alles Unwesentlichen für alles I Wesentliche eine unvorstellbare Menge Zeit zu haben.


