Nr. 199 Zweites Blatt
geheuer Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag. 23 August 1940
Zeder zu lufischuhlnäßigem Verhalten verpflichtet.
Eigenbrötler unerwünscht.
Aus der Stadt Gießen.
Mit dem Fahrrad unterweas
In Großdeutschland fahren rund 20 Millionen Menschen Rad. Das ist ein- Viertel der Bevölkerung. Seit Kriegsbeginn hat sich diese Zahl noch bedeutend erhöht. Durch die Ablieferung von Kraftfahrzeugen an die Wehrmacht und Stillegung vieler Autos und Motorräder, soweit sie nicht lebenswichtigen Interessen dienen, sind viele Kraftfahrer zum treuen Fahrrad zurückgekehrt: manche sind auch zum erstenmal „in den Sattel gestiegen".
Das Fahrrad, einst ein wenig geringschätzig das „Auto des kleinen Mannes"' genannt, hat sich zum Volksfahrzeug entwickelt. Mehr als ein Drittel aller erwerbstätigen Volksgenossen benutzt ein Fahrrad für den Weg von und zur Arbeitsstätte, oder um dem Broterwerb erfolgreicher und zeitsparend nach- aehen zu können. Und neben den Arbeitern und Angestellten fahren die Direktoren, die Aerzte uni> Rechtsanwälte und andere Angehörige der freien Berufe auf den vorbildlichen deutschen Radfahrwegen. Schauspieler von Bühne und Film haben längst ihren „fabelhaften" Mercedes mit einem schnittigen Fahrrad vertauscht, und manche sind geradezu begeisterte Radler geworden, zumal in der Erkenntnis, daß ihnen diese Art der Bewegung ausgezeichnet bekommt. Kleingewerbetreibende verwenden die praktischen Fahrrad-Anhänger, auf denen sie ihre Ware holen und ihren Kunden zustellen. Auf dem Lande gar ist das Fahrrad mangels anderer Verkehrsmittel geradezu unentbehrlich. Ausgezeichnete Dienste leistet es auch bei der Wehrmacht und beim Arbeitsdienst: ist es doch so gut wie in jedem Gelände zu fahren, in der Wartung anspruchslos und in der Unterhaltung äußerst billig. Wie das Fahrrad von den heutigen Verkehrsmitteln überhaupt das billigste ist. Ja, es stellt sich noch billiger als unser Schuhzeug, wie kluge Statistiker ausgerechnet haben.
Wenn sich uns damit auf Schritt und Tritt die vielseitige Verwendungsmöglichkeit des Fahrrades und damit sein großer Wert erweist, wenn es nicht nur als unerläßliches Verkehrsmittel im Berufsleben „seinen Mann steht", sondern auch unzähligen Menschen die Möglichkeit bietet, die zahllosen Schönheiten der Natur ihrer näheren und weiteren Umgebung kennenzulernen, so erkennt man auch, wie wichtig eine ordnungsgemäße Pflege des Fahrrades ist, um es immer tadellos in Stand zu falten und ihm so eine lange Lebensdauer zu sichern.
Abgesehen davon, daß heute jedes Fahrrad in seiner Ausstattung den Verkehrsvorschriften genau entsprechen muß (es muß zwei voneinander unabhängige Bremsen haben, ferner bei Dunkelheit oder Nebel Lampen mit weißem oder schwachgelbem Licht und-an beiden Seiten der Tretteile Rückstrahler von gelber Färbung und ein rotes Schlußlicht führen, sowie eine helltönende Glocke haben), sollte jeder Radfahrer grundsätzlich folgendes beachten: man wähle eine kleine Üebersetzung: zwei Drittel aller Radfahrer fahren zu hoch übersetzt, was sich insbesondere beim Radwandern nachteilig auswirken muß. Nie versäumen, den Lagern des Rades Del zu geben. Ueberlaufendes Del wischt man sorgfältig ab, denn Del und Straßenstaub geben einen Schmirgel, der die Jnnenmechanik des Rades schnell zerstört. Die Nickelteile des Rades werden bei feuchtem Wetter zweckmäßig leicht eingefettet. Die Kette reinigt man im Petroleumbad. Man nimmt sie durch Lösen der Kettenbolzenmutter und Herausschrauben des Kettenbolzens von den Zahnrädern, rollt sie zusammen und legt sie in ein flaches Gefäß mit Petroleum, läßt sie einen Tag im Bade, nimmt sie dann nach mehrfachem Ausschwenken im Bade aus dem Petroleum und legt sie in Sägemehl. Das Sägemehl zieht die Feuchtigkeit auf und läßt sich mit einer Bürste leicht entfernen. Den Gummireifen muß man vor Benzin schützen, ebenso vor Del, Fett, Trockenheit und Hitze. Benzin löst ihn auf, Del und Fett greifen ihn an, Trockenheit dörrt ihn aus und Hitze dehnt die eingepreßte Lust bis zum Zerspringen des Reifens. Fahre nie auf schwach aufgepumpten oder gar luftleeren Reifen? Die Ränder der Felgen wirken wie Messer auf Mantel und Schlauch.
NSG. Es vergeht kaum ein Tag, da nicht in der Presse auf die Erfüllung der Lustschutzpflicht hin- gewiefen wird. Mit grenzenloser Geduld werden die wichtigsten Luftschutzprobleme immer wieder erörtert, und die inzwischen eingetretenen Ereignisse haben die Zweckmäßigkeit der erlassenen Anordnungen vollauf bestätigt.
Wir sind daher nicht mehr aewillt, das luftschutzwidrige Verhalten einzelner Außenseiter, die vielleicht glauben, ein Sonderrecht für sich in Anspruch nehmen zu können, weiterhin zu ertragen. Im Falle der Gefahr kann und muß jeder Disziplin beweisen. Weder Wiüerspensttg- keit, noch Trotz, Gleichgültigkeit oder mangelnde Einsicht sind die Kennzeichen der Freiheit. Wer zweckmäßiges Verhalten als Zwang empfindet, wer sich außerhalb der Schicksalsgemeinschaft stellt, darf sich nicht wundern, daß die ständige Mißachtung allgemein gültiger Pflichten für ihn unangenehme Folgen zeitigt. Wenn der Appell an die Vernunft versagt, müssen eben handfestere Mittel zur Anwendung gelangen, um dem unüberlegten Eigen- brötlertum das Handwerk zu legen.
Wie tief und einschneidend diese Mittel sind, beweisen die von den zuständigen Behörden bei Schadensfällen getroffenen Entscheidungen. Entschädigungen für entstandene Personenschäden werden in all den Fällen abgelehnt, in welchen die Be-
2)er Drtsverband Gießen des Sparerbundes hielt am gestrigen Donnerstagabend unter Leitung seines Vorsitzenden, Postassistent a. D. N o r t h , im „Bayerischen Hof" eine gutbesuchte Mitgliederversammlung ab. Im Mittelpunkt des Abends stand ein Vortrag des früheren Drtsverbands-Vorfitzenden Lorenz über das Thema „Unsere Aufgaben im Kriege".
Der Redner schilderte einleitend die Finanzmaßnahmen des Reiches zur Durchführung des Krieges, den Kreislauf des Geldes vom Sparer über die Geldinstitute zum Reich, ferner die Bedeutung des Ausspruchs des Reichswirtschaftsmimsters und Reichsbankpräsidenten Funk, daß im heutigen Deutschland Arbeit gleichbedeutend sei mit Geld. An Hand von Beispielen veranschaulichte er dann die Steigerung der Produktionsleistung, die gegenüber der Zeit vor hundert Jahren ganz gewaltig ist, wobei natürlich auch die modernen Hilfsmittel an Maschinen usw. einen wesentlichen Teil zu dieser Produktionssteigerung beitragen. Auch das Gebiet der Steuer- und Devisenpolitik, die auf eine Basis gebracht werden müsse, die in einem Verhältnis zueinander stehe, wurde gestreift.
Ausgiebig behandelte der Redner hierauf die Zinssätze und Zinssenkungen, die einen Fortschritt im gesamten Geldwesen bedeuten, und er kam dabei auf die Sicherheiten der Kapitalanlage'zu sprechen, wobei er betonte, daß gerade die Sicherheit der Geldanlage in einem Reich das Wichtigste für den Sparer sei. Drei Hauptaufgaben der Sparer-Schutzkassen stellte der Redner besonders heraus: die früher einsetzende Verzinsung der Spareinlagen, hie Vergünstigung der Spargelder bei der Berechnung der Einkommensteuer und die Errichtung eines sogenannten „Härtefonds", aus dessen Mitteln es ermöglicht werden soll, besonders bedürftigen Sparern helfend beizustehen.
Eingehend wurde dann in längeren Ausführungen darauf hingewiesen, daß sich heute noch eine große
Auch soll man sein Rad nie lange auf den Reifen stehen lassen. Das Gewicht des Rades drückt die Reifen zusammen und verleiht ihnen Druckstelle. Hänge das Fahrrad im Ruhestand hoch oder setze es in einen Fahrradständer. Fahre auch nie ohne Flickzeug für deine Reifen aus! Sollte der neue Sattel anfangs zu hart fein, kann man die Rückseite des Sattels mit Lederfett einreiben; dadurch wird das Leder weicher. «Vor der Fahrt nicht ver-
troffenen es schuldhaft versäumt haben, die vorhandenen Schutzräume aufzusuchen.
Wäre die Verpflichtung zum Aufsuchen der Luftschutzräume nicht schon eindeutig in den Bestimmungen der 10. Durchführungsverordnung zum Luftschutzgesetz verankert, so müßten allein die Entscheidungen der für Entschädigungsansprüche zuständigen Reichsbehörden die letzten Zweifel darüber zerstreuen, o*b man verpflichtet ist, den Lustschutzraum aufzusuchen oder nicht. „Ja", wird nun mancher einwenden, „wenn die Flak schießt oder wenn es schwere Brocken hagelt, werde ich selbstverständlich den Schutzraum aufsuchen, aber ..." und nun kommt eine Unzahl von Einwendungen.
Auf alle Einwände, mögen sie lauten, wie sie wollen, gibt es nur eine Entgegnung: Dom Augenblick des Fliegeralarms bis zur Entwarnung bzw. bei Flakfeuer (auch wenn kein Alarm vorausgegangen jein jollte) besteht unmittelbare Gefahr und ist jedermann laut Gesetz zu luftschutzmäßigem Verhalten verpflicht et. Diese Anordnung ist so eindeutig, daß sich jegliche Diskussion erübrigt.
Verdunkelung.
1.— 7. September von 20.05—6.40 Uhr
8.—14. September von 19.45—7.00 Uhr
15.—21. September von 19.30—7.05 Uhr
22.—28. September von 19.15—7.15 Uhr.
Anzahl „vergessener Sparbücher" in Schränken, Truhen ujw. befänden, und daß auch heute noch die Möglichkeit bestünde, derartige in „Vergessenheit geratene^ Sparbücher, wenn sie auch noch von vor Jahren herrührten, vorzulegen und aufzuwerten. Ein Ueberbl'itf über die Entwicklung der Spartätigkeit ergab das erfreuliche Resultat, daß trotz des Kriegsjahres die Spargelder um rund 10 Millionen RM. gestiegen find. Die Deutsche Sparerschutz kasse in Berlin, zu der auch der Drtsverband Gießen zählt, habe allein einen Einlagenzuwachs von einer halben Million zu verzeichnen. Diese Einlagezunahme beweise weiterhin, daß sich Deutschland seit 1933 von den Fesseln der Plutokratie, bei der nur Geld Macht bedeute, frei gemacht habe.
Der Redner zeigte in feinen weiteren Ausführungen den Zuhörern Wege, die zum Sparen führen und wies vor allem darauf hin, daß gerade die Hausfrau in ihrem Wirkungskreis berufen fei, den Sparsinn in der Familie zu fördern, sei es durch Sparen von Geld oder durch Sparen in Haushaltsdingen selbst. In diesem Kriege müsse jeder Volksgenosse, ob Mann oder Frau, darauf bedacht sein, den Lei- jtungswillen und die Leistung selbst zu steigern, denn die Notzeit erfordere Sparmaßnahmen nach allen Richtungen hin zu Gunsten der deutschen Volkswirtschaft, denn sparen sei heute auch eine nationale Pflicht.
Zum Schluß gab der Redner noch bekannt, daß ein Gesetz über die Altersversorgung in Bearbeitung sei, das der großen Masse des arbeitenden Volkes einen ausreichenden und ruhigen Lebensabend sichere.
Nachdem den Mitgliedern noch Gelegenheit zur Aussprache über die für sie wichtigen Fragen gegeben war, wurde die Versammlung in üblicher Weise geschlossen.
gessen, nachzusehen, ob beide Bremsen funktionieren, die Glocke in Drtmung ist und der Rückstrahler bzw. die Pedalrückstrahler sauber sind. Auch die Kette muß richtig sitzen, sie darf nicht klappern, sonst nutzt beim Abspringen der beste Rücktritt nichts. Muttern und Schrauben nachsehen und gegebenenfalls die Räder nachzenttieren. Dor Rost schützt man das Rad durch leichtes Einfetten mit Vaseline. Auch soll man stets zur „Ersten Hilfe" gerüstet sein; dazu ge
hört die Mitnahme einer kleinen „Fahrten-Apo- theke" (also besonders fürs Radwandern gedacht), wie man sie in jeder Apotheke fertig zusammengestellt erhalten kann. U.
Tageskalender für Freilag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die drei Codonas".— Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ihr erstes Abenteuer".
Ortszeit für den 24. August.
Sonnenaufgang 6.23 Uhr, Sonnenuntergang 20.31 Uhr. — Monduntergang 12.56 Uhr, Mondaufgang 23.03 Uhr.
BDM.-Untergau 116 Gießen.
Gruppe 2/116 Gießen-TNitte.
Die Gruppe tritt Freitag abend 20 Uhr am „Hessischen Hof", Alicenstraße, zum Gruppenappell an. Beurlaubungen sind für diesen Abend aufgehoben. HHeineinW M krall öunti Stenöe Behr.: Thealerveranstattung am Samstag, dem
24. August.
Für vorgenannte Veranstaltung im Stadttheater Gießen mit dem Lustspiel
„Triumph des Tobias"
sind noch einige Karten in unserer Verkaufsstelle, Seltersweg 60, erhältlich. 3752V
Ein Wort an alle Mütter.
NSG. Jede junge Mutter weiß, welche Erleichterung es bedeutet, wenn sie für das kommende Kindchen alles beisammen hat, was sie zu seiner Pflege braucht. In der heutigen Zeit will die Beschaffung von mancherlei Gegenständen nicht immer jo einfach gehen, wie man sich das wünschen würde. Schon die Säuglingswäsche muß mit Hilfe alter Vorräte ergänzt werden, und manche junge Mutter hat sich dazu beim Mütterdienst im Deutschen Frauenwerk Rat und Hilfe geholt. So sind aus alten Nachtjacken der Großmutter die schönsten Kleidchen und Jäckchen für das Kind entstanden. Nun braucht man aber noch so mancherlei andere Dinge. Eine Kinderbadewanne ist nötig, das Kind soll im Kinderwagen heraus an die frische Lust gefahren werden, und wenn es nicht mehr -im Körbchen liegen kann, bann muß auch ein Kinderbett beschafft werden.
Um die Anschaffung all dieser Dinge zu erleichtern, ist das Deutsche Frauenwerk auf einen guten Gedanken gekommen. Manche Mutter hat/ Badewannen, Kinderwagen, Kinderbett und mancherlei anderes noch stehen, ohne daß ihre Kinder in dem entsprechenden Alter wären. Mancher anderen Mutter würden die Gegenstände eine große Hilfe bedeuten. Nun bittet die Abteilung Mütterdienst im Deutschen Frauenwerk alle Frauen, einmal nachzusehen, was sie an derartigen Gegenständen besitzen. Es werden Listen angelegt, in denen die genaue Anschrift der Frau verzeichnet wird, sowie die Gegenstände, die sie entweder käuflich oder leihweise abgeben will. In anderen Listen werden die Namen derjenigen ausgenommen, die einen Gegenstand benötigen. So kann ein Austausch stattfinden, der für beide Teile Nutzen bringt. Die Kinderbadewanne, die in einem Haushalt zum alten Gerümpel gezählt werden muß, weil sie niemand mehr braucht, ist für den anderen Haushalt ein wichtiger Einrichtungsgegenstand, den man nicht entbehren kann.
Darum vergeßt nicht, liebe Hausfrauen, meldet dem Deutschen Frauenwerk, was ihr geben könnt und was ihr braucht. Alle Dienststellen der NS.- Frauenschaft — Deutsches Frauenwerk —, vor allem die Mütterschulen, nehmen Meldungen entgegen.
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♦* Wild- und Katzenfelle sind beschlagnahmt. Aus gegebener Veranlassung wird darauf aufmerksam gemacht, daß folgende deutsche Wildfelle beschlagnahmt sind: Felle von Iltissen, Stein- und Baummardern, Bisam, Maul- würjen, Dttern, Wieseln, Eichhörnchen, Hamstern und Katzen (ausgenommen Scheckenkatzen). Diese
Die Ausgaben des Sparers im Kriege.
Durchfonnter Alltag.
Zu Ferdinand Waldmüllers 75. Todestag am 23. August.
Die deutsche Kunst zwischen den Freiheitskriegen und der Revolutionsära hat es sich gefallen lassen müssen, nach einer Witzfigur der „Fliegenden Blätter" mit dem Namen „Biedermeier" getauft zu werden. Die Bezeichnung ist, wie fast alle Sttl- etikettierungen, irreführend, mindestens nur für einen kleinen Teil der Künstler in dieser Epoche zu- treffenb. Denn gerade von der gespreizten Sentimentalität Biedermeiers hat sich das deutsche Bur- aertum des Vormärz ziemlich freigehalten. Es war selbstbescheiben und genügsam, es hatte sich unter dem Druck der innerpolitischen Reaktion von den aroßen Weltbegebenheiten in die enge Behaglichkeit des Hauses zurückgezogen, aber es war innerlich gesund und geistig regsam, ganz im Gegensatz zu dem satten und bequemen Philistertum der Gründerperiode, an das man heute denkt, wenn das Wort „Bürger" zuweilen als Kennzeichnung einer Gejinnungsweise gebraucht wird, die überwunden werden muß. r ...
Man kann die positiven Werte ?u%e.rg
lichen Lebensstils in der Zeit von 1815 bis 1848 nicht besser charakterisieren als mit dem Hinweis auf das Werk des Wiener Malers Ferdinand Georg Wald müll er. Mit diesem typischen Desterreicher, einem artverwandten Zeitgenosien des Dichters Adalbert Stifter, erreicht der künstlerische Realismus des „Biedermeier" seinen Höhepunkt. An Frijche der Anschauung und malerischer öinn- lichteit kommt ihm unter den deutschen Nacy- romantitem keiner gleich, auch sein .^rbbeutsches Gegenstück Franz Krüger nicht, der sich zu Ivaio- müller verhält wie ein hochbegabter Jllusttator zu einem geborenen Maler.
Waldmüller, der kleinen Verhältnissen entstammte — der Vater war Schankwirt — war eme ausgesprochene Kampsnatur. Sein leidenschaftlicher Widerspruch galt dem von der barocken Hos- unv Salonkunst überkommenen großen Hsi^Enbllde, wie es auf ber Wiener Akademie nach feststehenden Mustern gepflegt wurde, er galt vor allem „öem gänzlich seelenlosen, im bürokratischen und pedan- tischen Schulzwang geleiteten, dem Geiste wahrer Kunst gänzlich entfremdeten akademischen Unterricht", den er durch freie Meisterschulen „wo em unabhängiger, liebevoller Lehrer seine Erfahrungen an freudige Schüler verpflanzt", ersetzt wissen wollte,
während er im Staate den aroßzügigen Mäzen alles dessen sah, „was der freie Unterricht an wirklichen Kunstschöpfungen in das Leben ruft". Mit dieser Parole, die er mit gewandter Feder vertrat, wollte er einer unkonventionellen, wahrhaft volkstümlichen Kunst „voll hoher deutscher Natur" den Weg weisen und einer Lehrmethode Bahn brechen, die es dem Schüler ermögliche, seinem eigenen Genius zu folgen. Nur die innigste Der- ttautheit mit der Seele der Natur und der ständige Umgang mit dem lebenden Modell könne die Kunst aus der ttaditionellen Zwangsjacke befreien — alles Forderungen, die wir heute als selbstverständlich betrachten, die es aber damals durchaus nicht waren, vielmehr auf die offiziellen Hüter der Stabilität so revolutionär wirkten, daß sie nicht eher ruhten, als bis sie den unbequemen Kollegen, der auch als Professor kein Akademiker geworden war, vor die Tür gesetzt hatten. Mit der Dienstentlassung Waldmüllers und seiner Pensionierung mit halbem Gehalt — einer Strafe, die den Unbemittelten hart traf — endete der jahrzehntelange Kampf mit einem jcheinbaren Siege der Akademie und dem Verschwitz- den des inneriich unüberwundenen Rebellen in völlige Zurückgezogenheit. Als ihm der Tod am 23. August 1865 den Pinsel aus der Hand nahm, war er schon halb vergessen. Erst das Zeitalter der Freilichtmalerei hat ihm den Kranz verliehen, den die Mitwelt ihm vorenthielt. Allerdings: ein Geschlecht, das sich willig vor den Triumphwagen eines Makart spannen ließ und damit einer Karikatur des Bürgerlichen huldigte, blieb sich nur selber treu, wenn es den Meisterwerken Waldmüllers keine Beachtung schenkte.
In seinen' Bildern lebt die beste österreichische Tradition, aber mit der wienerischen Anmut und Liebenswürdigkeit verbindet sich etwas Modernes und Weltmännisches, das den Lokalcharakter fast wieder aufhebt und uns Waldmüller als eine europäische Erscheinung verstehen lehrt. Indem er seine Landschaften in das volle Sonnenlicht taucht, wird er zu einem der ersten Entdecker des Atmosphärischen, nur daß bei ihm die Konturen sich unter dem Ein- jluß von Licht und Luft nicht auflösen, sondern erhalten bleiben, ebenso wie die Farben, deren ungebrochene Buntheit noch nichts von der raffinierten Dptif der späteren französischen Impressionisten ahnen läßt. Man tut Waldmüller unrecht, wenn man ihn nur nach seinen Sittenbildern beurteilen wollte, bei denen sich zuweilen die Lust am Erzählen allzu sehr geltend macht. Das Beste neben den Landschaften, in denen die menschliche Staffage so ungezwungen mit dem sonnet)urchfluteten Frei
raum verbindet, werden immer seine Bildnisse bleiben, deren jumelenfafter Schmelz zuweilen an Holbein denken lassen kann. Da gibt es keine Pose, kein Arrangement nach bewährten Rezepten. Ein jedes stellt einen einmaligen, in der jeweiligen Menschlichkeit begründeten Fall dar und läßt die Anteilnahme des Herzens erkennen, ohne welche kein Porträt vor dem Urteil bestehen könnte. Die Modelle sind meist dem Alltag entnommen, und je weniger „prominent" sie sich geben, um so schöner sind ihre Bildnisse geraten. In ihnen hat Waldmüller dem deutschen Bürgertum des Vormärz ein Denkmal gesetzt, das unvergänglich ist.
Ernst von Niebelschütz.
Grenzen fließen...
Äon Richard Guringer.
Was du rührst mit Geisterhand, alles wird dir nah verwandt. Grenzen • fließen ...
Es kommt eine Zeit, da wir erkennen, daß der Führer sein Volk nur geprüft hat, ob es würdig ist der Sendung, die er ihm seherisch zuerkannt. Er hat sich einst dem Magneten verglichen, der alles, was Stahl ist, an sich zieht. Aber er zieht nicht nur Stahl an sich; er tastet — bis in die geheimsten Schichten — die deutschen Möglichkeiten ab und nimmt sie beim Wort: Die Liebe, mit der heut der deutsche Boden nach unerschlossenem Erz durchforscht wird, ist nur ein Gleichnis. Es steckt noch Metall im deutschen Volk, das noch nicht flüssig geworden ist, das noch nicht eingeschmolzen ist, das noch nicht geläutert ist, das seine gültige Form noch nicht hat.
Auch die Metallspende dieses Krieges ist nur ein Gleichnis für diesen Prozeß. Wir haben schon einmal Gold geopfert, Messing und Kupfer zusammengetragen: nicht ohne romantischen Rückblick auf die Zeit der Freiheitskriege. Was jetzt geschah, ist ohne Vorbild. Der große Umschmelzungsprozeß, den wir uns so oft geweissagt, wird sichtbar in seinem eigensten ©innbifb. Was keine Antikitschkommission je vermocht hätte, geschieht: aus Zufalls-Formen wird edles Metall noch einmal erlöst. Erstarrtes fließt. Und selbst das lang gehegte Erbgut althergebrachter Erinnerungen schont sich-nicht, um neu zu dienen. Volksdeutsche, die mit dem großen Treck aus ihrer Fremde heimgefunden, lieferten Urvätergoldmünzen ab, legten sie auf den Tisch und sagten: ,La sind sie; wir wisien, der Führer braucht
sie." Und sie selbst sind doch deutsches Gold, bas nun mit Zinseszins zurückrollt. Auch sie hat der Führer an sich gezogen. Da ließen sie alles, und brachen auf und zogen heim ins heilige Reich. Wem graut noch, daß die Grenzen fließen?
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Wir Dichter haben es längst geahnt, daß bet Deutsche mit seinem Fernweh nicht nur einem Laster nachlief. Die Rücksiedlung der deutschen Siedler bringt dieses Lasters Tugend ans Licht. Was aus sah wie eine Heimafflucht, wird sich als roeit- schauende Weisheit der deutschen Vorsehung erweisen. Sie haben viel da draußen gelernt, die deutschen Weltläufer, auch für ihr Deutschtum. Sie wissen einiges zu lehren. Wahrscheinlich haben sie Deutschland gesucht auf ihrer Wanderung um die Welt. Vielleicht ist der Peer Gynt doch ein deutsches Symbol, und Solveyg eine deutsche Sage? Am Ende war es doch kein Zufall, daß ausgerechnet Dietrich Eckart um den nordischen Faust gekämpft hat? Am Ende findet das deutsche Wesen, das ausgestreut war über die Erde, noch in ganz anderem Sinne heim als wir wagten, es zu hoffen. Ein Conrad Ferdinand Meyer sah den Tag, an dem da wird gespannt ein einig Zelt ob allem deutschen Land. Inzwischen dämmern Möglichkeiten, die noch ein ganz anderes Licht auf Dietrich Eckarts Wahr- wort werfen: „Alle werden heimwärts finden. Du, du hast es längst getan."
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Der Erdball schrumpft. Er ist geschrumpft. Die Lanbkarte ist zusammengeschrumpft wie Balzacs magische Eselshaut. Wenn Zeit eine Funktion des Raums ist, so ist Raum offenbar nicht minder eine Funktion der Zeit. Die Länder sind aneinander gerückt, nicht nur aus der Vogelschau. Es werden die Nachbarländer sich anünefe Nähe gewöhnen müssen. Sie mag zunächst beklemmend sein. Und doch wiederholt auch da sich nur, was einst Sippe an Sippe schloß, Stamm an Stamm. Der Mensch wächst; die Erde wächst nicht mit. So nämlich läßt sich dies Schrumpfen auch deuten. Die Volksgemeinschaft der Völker kommt; nicht freilich die des grauen Chaos, aber die der neuen Drtmung. Sie wird Einordnung heißen müssen.
Es ift vordem in der Politik nur immer von Grenzen gesprochen worden, von Grenzen, die die Völker scheiden. Nun wird die Rede davon sein, ob, was Gott vereinigt hat, Menschenwitz entzweien durfte.
Was nicht mitlebt, wird sicht leben.


