Ur. 120 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 23. Mai (940
Aus der Stadt Gießen.
Der Brief.
Mit der Morgenpost war er angekommen. In froher Erregung griff die Mutter danach. Wahrhaftig, es zitterten ihr die Hände dabei. Und als sie den Umschlag geöffnet hatte, mußte sie sich erst einmal setzen, so überwältigte es sie. Ein Brief von ihm, Gott sei Dank! Endlich hatte der Junge geschrieben. Sie suchte mit nervösen Bewegungen das Brillengehäuse^ aber dann tanzten trotz der Augengläser die Buchstaben noch eine Weile, ehe sich die Schriftzüge schließlich deutlich abhoben.
Er fei noch gesund und bei bester Verfassung, schrieb der Junge. Erlebt habe er in der letzten Zeit unendlich viel, so viel, daß er zum Schreiben keine Zeit gehabt habe. Auch jetzt schreibe er diese Zeilen auf der Fahrt, die immer weiter vorwärts führe ins Feindesland. Es sei großartig gewesen, wie alles vor sich gegangen sei, er empfinde mächtigen Stolz, dabei gewesen zu sein. Um ihn brauchten sie sich zu Hause keine Sorgen zu machen, er komme schon immer durch. Und wenn die Post mal etwas länger ausbleibe, so erkläre sich das aus den besonderen Verhältnissen. Auf frohes Wiedersehen in der Heimat und herzliche Grüße.
Die Mutter lehnte sich aufatmend zurück. Dann strich sie liebevoll über den Brief. Es ging ihm vortrefflich, dem Jungen, er war gesund. Mit einem glücklichen Lächeln erhob sie sich, um ihrer Nachbarin Bescheid zu geben. Es tat so gut, mit einem Menschen darüber zu sprechen, und dann hatte die Nachbarin ja schon immer an seinem Geschick besonderen Anteil genommen. Auch damals schon, als er noch in kurzen Hosen zur Schule ging. Und hatte nicht die Nachbarin in den letzten Tagen so häufig gemeint, um den Jungen brauche man sich nicht zu sorgen, den beschirme sein guter Stern? In der Tat, so und ähnlich war immer wieder die Antwort gekommen, wenn die Mutter ängstlich darauf hin- §ewiesen hatte, daß immer noch keine Post vom ungen eingetroffen sei.
Mittags kam der Vater. Auch er hatte seine Frau ttnnter wieder zurechtgewiesen mit ihren bangen Zweifeln. Nun hatte der Junge geschrieben, jetzt schien alles wie verklärt. „Na, ich habe es ja immer gewußt", sagte der Vater voll Stolz, „er ist ein ordentlicher Kerl, auf den kann sich sein Leutnant verlassen".
Der Brief aus dem Felde war wie eine große Beglückung gekommen ... H. W. Sch.
Tageskalender für Donnerstag.
Volkstümliche Vorträge der Ludwigs-Universität: 20.15 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Institut, Lud- wigstraße 34, Professor O l t über „Das Zeichnen als zweite Sprache im Unterricht"; 20.15 Uhr im Physikalischen Hörsaal, Stephanstraße 34, Professor Vogelsang über „Deutscher Soldatenglaube in den letzten drei Jahrhunderten". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Liebesschule".
Oie Universitäts-Bibliothek jedermann zugänglich.
Es wird immer wieder die Beobachtung gemacht, daß allgemein die Ansicht besteht, die Bibliochek öffne ihre Pforten nur für Angehörige der Universität. Es dürfte deshalb gerade in der gegenwärtigen Zeit angebracht fein, Darauf hinzuweisen, daß allen Volksgenossen und Dolksgenossinnen, die wissenschaftliche Neigungen haben, die sich fortbilden oder sich Aufklärung in irgendeiner Frage verschaffen wollen, die Bibliothek zugänglich ist. Der große Lesesaal mit einer Handbibliothek von über 4000 Bänden, darunter alle größeren Nachschlagewerke, und das Zeit- schriftenzimmer, in dem über 1800 verschiedene Zeitschriften ausliegen, sind Samstags von 8 bis 13 Uhr, an den übrigen Werktagen von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Die Benutzung ist kostenlos. Im großen Lesesaal werden auch wertvolle und zeitgemäße Neuerscheinungen und Erwerbungen zur Ansicht und Einsichtnahme ausgestellt. Vormerkungen für Entleihung dieser Werke werden von dem Lesesaalbeamten angenommen. Die Entleihung von Büchern nach außerhalb des Hauses aus den fast 800 000 Einzelstücke zählenden Beständen der Anstalt erfolgt gegen ganz geringe Gebühren.
Oas Handwerk in der Kriegswirtschaft.
gaben im Feldheer geschult. Rund 50 v. H. dieser Männer, die aus dem Heere herausgezogen werden, kommen bereits aus der Küche, viele aus ersten
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Oer Gauleiter spricht zur Führerschaft des Handwerks.
ebildet,
die beim Feldheer in
gängen gründlich behandelt, vor allem wird dabei
Blick auf die Schweinemästerei des EHW. — (Aufnahme: Neuner.)
Hotels Deutschlands, rund 30 v. H. ^kommen aus dem Metzgerberuf, die restlichen 20 v. H. find von Haus aus Bäcker.
Aus den ausgebildeten Köchen und Zahlmeistern
die Notwendigkeit einer ausreichenden Vitaminver- jorgung herausgestellt. Den „blauen Heinrich" des letzten Krieges gibt es nicht mehr. Durch Zusatz von Gemüsen oder Gewürzen in getrockneter, gemahlener und gepreßter Form wird diese Anreicherung erreicht.
Notizen für den 24. Viai.
Sonnenaufgang: 5.17 Uhr, Sonnenuntergang: 21,27 Uhr. — Monduntergang: 7.57 Uhr, Mond- aufgang: 24.03 Uhr.
gegen Zahnsteinansatz, zahnfleischkräftigend, mikrofein, mild aromatisch, - und so preiswert!
„Blauen Heinrich" a-bts nicht mehr.
Soldaten lernen in der heereslehrküche die Wissenschaft der modernen Küche.
Lpd. In Frankfurt a. M. wurde eine der beiden Heereslehrküchen eröffnet, in denen die Heeresköche die Wissenschaft einer modernen Soldatenküche kennenlernen. Deutschland hat aus dem Weltkrieg gelernt, daß die richtige Verproviantierung, eine ausreichende, gesunde, nahrhafte, abwechslungsreiche und schmackhafte Soldatenkost von größter Bedeutung ist für Moral und Kampfkraft der Truppe.
Feldköche und Zahlmeister werden für ihre Auf-
4<Jpr die große Tube die kleine Tube
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Mästerei vermuten. Unser Bild gibt einen Eindruck von den Ställen des Er- nckhrungshilfswerks.
Die Anlage hat im vergangenen Jahre eine Vervollständigung erfahren. Ein zweiter Stall wurde gebaut und im September feiner Bestimmung übergeben. Gleichzeitig wurde ein weiterer Anbau errichtet, in dem ein
oder weniger ungeduldig, auf die Mahlzeiten. Der „Tisch" für die Tiere ist stets reich gedeckt. Täglich werden 80 Zentner Küchenabfälle verfüttert. 70 Zentner werden zur Zeit aus den Straßen unserer Stadt gesammelt, und drei Mann, die Tag für Tag unterwegs sind, haben reichlich zu tun, um das Futter yeranzuschaffen. Mehrere Zentner werden täglich aus Gemeinschaftsküchen geholt. Bei der reichlich bemessenen Kost entwickeln sich die Tiere ausgezeichnet, und in stets gleichen Zeitabständen werden die ausgewachsenen, fetten Tiere zum Gießener Mittelmarkt gebracht und den einheimischen Metzgern zur Versorgung der Bevölkerung überantwortet.
Die Tiere werden als Läuferschweine mit einem Gewicht von 35 bis 45 Kilogramm aus Hannover
Mit berechtigtem Stolz zeigt uns der Sachbearbeiter der NSÄ.-Kreisamtsleitung, Hildebrandt, die gesamte Anlage. Jede der beiden langgestreckten Ställe vermag 200 Schweine zu fassen. Gegenwärtig liegen 370 Tiere in der Mast und harren, mehr
werden Lehrstäbe ge
einem bestimmten Bezirk die Feldköche schulen und die Zubereitung der Lebensmittel überwachen. Alle Fragen der Soldatenkost werden in diesen üehr-
NSG. Auf einer Arbeitstagung der Führerschaft des Handwerks im Bezirk Hessen konnte Landes- Handwerksmeister Gamer den Ehrenmeister des rhein-mainischen Handwerks, Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger, begrüßen.
Gauamtsleiter Gamer gab in feiner Eigenschaft als Landeshandwerksmeister und Gauhand- werkswalter der DAF. vor den bezirklichen Handwerksführern einen umfassenden Rechenschaftsbericht über die Leistungen des Handwerks in der Kriegswirtschaft. Trotz mancher Anfangsschwierigkeiten bei der Umstellung hat sich der Handwerker schnell auf die Aufgaben eingestellt, die die Kriegswirtschaft von den einzelnen Betrieben fordert. Besonders haben sich zur Durchführung kriegswirtschaftlicher Aufgaben auch die von der Handwerksführung geschaffenen wirtschaftlichen. Einrichtungen, wie Landeslieferungsgenossenschaften, Gemeinschaftswerkstätten und / Arbeitsgemeinschaften bewährt. Mit Stolz konnte der Landeshandwerksmeister auch von den guten Ergebnissen der Ausbildung des handwerklichen Nachwuchses berichten.
Gauletter Sprenger
wies dann ausgehend von dem Aufruf des Führers, daß wir im entscheidenden Kampf für die nächsten 1000 Jahre stehen, auch dem Handwerker seinen Platz in der geschlossenen Front des deutschen Volkes. In dem Block der deutschen Volksgemeinschaft steht geschlossen das deutsche Handwerk; denn wir wissen alle, daß wir um die Freiheit und Zukunft unseres Volkes kämpfen. So ist dieser Gemeinschaftsgeist, der der wahre Geist des deutschen Volkes ist, zur höchsten Entfaltung gelangt, und diese wunderbare Gemeinschaft wird die anderen erdrücken. Es ist heute notwendiger denn je, daß jeder sich der Pflicht der deutschen Arbeit erinnert, dessen muß sich das deutsche Handwerk, die schöpferische Grundlage des werkenden Volkes, bewußt sein. Er ist bekannt, daß der Wendepunkt im deutschen Handwerk damals 1848 eintrat, als der Heidelberger Gesellen-Verein eine Abordnung nach Frankfurt am Main schickte, um dafür zu sorgen, daß der Handwerksgeselle, der Lehrling wieder in die Familie eingegliedert werde und keine soziale Abstufung mehr erfolgen solle. Damals ist der Schnittpunkt erfolgt. Die Handwerksfamilie war mit Gesellen und Lehrlingen eins. Die soziale Betreuung ist nichts anderes als eine Selbstverständlichkeit, wie sie im Handwerk immer gepflogen worden ist.
Der Gauleiter dankte dann dem Landeshand- werksmeifter besonders dafür, daß er das Handwerk im Gau Hessen-Nassau einer so erfreulichen Entwicklung zugeführt hat, wie das auch durch feine verschiedenen Sondermaßnahmen bewiesen worden sei. Uebergehend zu der Bildung der Genossenschaften und Landeslieferungsgenof- f e n f d) a f t e n führte der Gauleiter weiter aus, daß man von einer Theorie nicht leben kann, sondern es müssen Wege gegangen werden, die praktisch sind und sich den gegenwärtigen Verhältnissen anpassen. Wenn eine Zusammenarbeit gelingen soll, müssen Opfer gebracht werden. Wer einer Genossenschaft angehört, muß einen Teil feiner Selbst auf geben. Heute schon sei der praktische Erfolg zu sehen. Alle sollen erkennen, daß dies für die Organisation eine Notmaßnahme ist, die jetzt aufs höchste gesteigert werden muß, um jede einzelne Kraft einzusetzen. Später wird der Weg ein ganz anderer sein. Er führt wieder hin zum einzelnen Handwerksmeister und eigner Verantwortung, um erfolgreich bestehen zu können auf dem Gebiet der Leistungssteigerung. Einen besonderen Raum nimmt die Rohstoff-Frage ein. Die Art der Verarbeitung ist eine grundlegende Angelegenheit, an deren Anfang wir noch stehen. In der Hauptsache kommt es darauf an, daß in restloser verantwortungsvoller Arbeit das erreicht wird, was auferlegt ifi, Nur wer mit Interesse und Begeisterung an seiner Arbeit steht, kann das Produkt formen, das der höchsten Qualität entspricht.
Mit einem eindringlichen Appell an die Hand
werker des Gaues Hessen-Nassau, sich bewußt zu sein, daß sie an ihrem Platze werken und schaffen für das ganze deutsche Volk, für die Gegenwart als Untermauerung der Zukunft nach dem einziaen Befehl unseres Führers, schloß der Gauleiter feine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen.
Fünf tüchtige' Handwerksmeister des Gaues, die im Leistungskampf der Betriebe mit dem Leiftungs- abzeichen „Vorbildlicher Kleinbetrieb" ausgezeichnet worden sind, wurden dem Gauleiter durch den Landeshandwerksmeiftör vorgeftellt. Die Arbeitstagung brachte dann eine Reihe von Fachvorträgen und die Beratung von Sonderausgaben.
, . Büro und ein Aufent
haltsraum für die in der Schweinemästerei beschäftigten Männer untergebracht sind. Außerdem wurden drei Garagen erbaut, die für die Wagen bestimmt sind, die für die Herbeischaffung her Küchenabfälle aus den Haushaltungen angeschafft werden sollten. Diese Anschaffung wurde durch den Ausbruch des Krieges verhindert. Die nach der Stadt zugewandte Stirnseite des Anbaues trägt die Zeichen der NSV. und die Aufschrift „Ernährungshilfswerk — Mästerei Gießen".
Von der Arbeit des Gießener Ernährungshilsswerkes
400 Schweine in den Buchten. — Silowirtschafi.
In mehrfach angenehmem Sinne fällt die Wirkungsstätte des Ernährungshilfswerks Gießen auf. Seine Wirtschaftsgebäude am (Bleiberger Weg mit ihren weißen Wänden und den leuchtend roten Dächern nehmen sich im Grün der Wiesen und Bäume sehr gut aus. Wer ohne Wissen um den Zweck dieser baulichen Anlage näherkommt, wird zunächst kaum eine Schweine-
Brüssel und Antwerpen.
Von 3on Stammet.
In den beiden belgischen Städten kommt einem die Zweisprachigkeit des Landes so recht zum Bewußtsein. Während in Antwerpen das Flamen- tum vorherrschend ist, *mirb die Landeshauptstadt Brüssel durch das Wallonentum bestimmt. Die leibhafte, oft unruhige Art des Wallonen gibt dem Leben der Stadt das Gepräge, das geschäftige Treiben auf den breiten Straßen und Boulevards und die vielen Hotels zwischen den großen Warenhäusern und vornehmen Privatbauten leihen auch äußerlich Brüssel jenen besonderen Rhythmus des Lebens.
Seltsam mutet es an, wenn man aus den neuzeitlichen Straßen plötzlich auf den Alten Markt (Grande placq^ kommt, wo vergangene Jahrhunderte lebendig zu werden scheinen: das zu Anfang des 15. Jahrhunderts erbaute gotische Rathaus, wor dem einst Herzog Alba die Grafen Egmont und Horn enthaupten ließ, dann das Brothaus und die vielen Zunfthäuser mit den malerischen Giebeln aus dem 17. Jahrhundert, sie stehen fast unverändert da, unberührt vom heutigen hastigen (Betriebe, und der im Frühsommer beginnende, täglich stattfindende Blumenmarkt verstärkt noch den Eindruck vergangener Zeiten. Der 118 Meter hohe s Rathausturm schaut über die Niederstadt hinweg, 2tn Meisterwerk mittelalterlicher Baukunst, ebenso Sie Kathedrale von St. Gudula aus dem 12. Jahrhundert; sie steht auf den Resten einer alten Kapelle des heiligen Michael; diese Kapelle stammt aus den lagen Ottos des Großen, der in einer Urkunde □us dem Jahre 966 die Siedlung Bruoscella betätigt. Nach wechselvollen Schicksalen erhob KarlV Brüssel zur Landeshauptstadt und umgab sie mit ürstlichem Prunk. Späterhin war die Stadt abwechselnd Hauptwaffenplatz der Spanier und Nie- »erlänber, bis sie 1830 zur Hauptstadt des unab= gängigen Königreichs Belgien .erklärt wurde.
Während in Brüssel das Alltagsleben mehr auf Schauen und Genießen abgeftellt zu fein scheint, sst in dem geschäftigen Antwerpen alles Sinnen und Tun auf Erwerb gerichtet, und die vielen Fremden scheinen nur zu kommen, um ihre Ge- «chäste zu erledigen. Der Hafen ist es, der dieser Handelsstadt das eigene Aussehen gibt. Jenseits leer letzten der mächtigen Schleusen liegen die Schiffe der fremden Länder, dazwischen viele Bar
kassen und Leichter, die durch' ihre eigentümlich schmale Bauart (aus Stahl) auffgllen. Ueber den Hafen und die Scheldemündung ragt der silbern schimmernde Turm der Kathedrale Onze lieve Vrouwe Kerk (Unserer Sieben Frauen Kirche), der schönsten gotischen Kirche Belgiens. Die ältesten Nachrichten über bfe Stadt, die man später die Königin der Schelde" genannt hat, reichen bis in das 7. Jahrhundert zurück; der Name „Antwerpen", früher „Hantwerpen", kommt von dem Ausdruck „ane de Werp“ (An der Werft). Als 1488 das reiche Brügge es mit dem römischen Kaiser verdarb, riß Antwerpen das Erbe an sich, und als Karl V. im Jahre 1520 feinen prunkvollen Einzug hielt, war die Machtstellung des Stadt besiegelt; damals weilte auch Dürer in den Mauern Antwerpens, wo auch die Welser und Fugger ihre Kontore hatten. Mit begeisterten Worten beschreibt Meister Albrecht in seinem Tagebuch die alte Stadt und vor allem die Kathedrale, in deren mächtigen Toren er die glänzende Prozession der Wallfahrer verschwinden sah. Dürer schildert auch, wie er von der Malerzunft Antwerpens eingeladen wurde; aus feinen Worten ersieht man, wie diese Stadt einen deutschen Meister zu ehren verstand. Um 1540 galt Antwerpen als die reichste und mächtigste Handelsstadt der Welt und zählte mehr als 200 000 Einwohner. Damals entstanden viele der hohen Zunfthäuser, die sich die Gewandschneider, Bogenschützen, Küfer usw. errichteten. Das um 1565 vollendete Rathaus ist ganz im Renaissancestil gehalten; zu den ältesten öffentlichen Gebäuden gehört der Steen, das alte Schloß an der Schelde, das später umgebaut und als Museum für Altertumskunde eingerichtet worden ist. Das gegen Ende des 16. Jahrhunderts vollendete Hanfahaus ist zum Teil von deutschen Baumeistern erbaut worden.
Die Zeiten des Bildersturms und die Herrschaft Albas warfen die Stadt zurück, die Einwohnerzahl sank auf 55 000. Den schwersten Schlag fügte Alexander von Parma der Stadt zu, als er sie nach vierzehnmonatiger Belagerung zur Uebergabe zwang. Wohl kamen jetzt friedlichere Zeiten, aber der Handel erreichte nicht mehr annähernd die alte Höhe. Einen großen Teil des Antwerpener Kunst- besitzes schleppten die Franzosen nach Paris. Napoleon baute den Hafssn zum Kriegshafen aus. 1814 mußte die Stadt eine harte Belagerung durch die Engländer erdulden. Erft nachdem 1830 die südlichen Provinzen der Niederlande sich losrissen und zum Königreich Belgien zusammenschlofsen, erlebte
Antwerpen einen neuen Aufschwung. Obwohl die Stadt größer als Brüssel und dazu Welthafen ist, blieb sie im eigentlichen Sinne eine bürgerliche Kleinstadt, in der die Flamen mit behaglicher Freude ihrer Arbeit nachgehen, während in Brüssel alles geschieht „im Licht der königlichen Residenz".
Dirk.
Von Werner Schumann.
Aus einer kleinen Stadt des Westens stammt der arme, etwa zwölfjährige Junge Dirk. Als unsere motorisierte Kompanie gegen Abend einrückte, stand er in den Reihen seiner Klassenkameraden. Er schrie nicht, er winkte nicht, er behielt die Hände in den Hosentaschen, aber seine grauen, ruhigen Augen Prahlten das ganze Erlebnis der Stunde wider. Unter hunderten von Kindern blieb mir dieser eine hochgeschossene, schmalköpfige Junge im Gedächtnis. Im Dunkel der fremden Stadt nahm er uns wie selbstverständlich die Quartierzettel aus der Hand und führte jeden zu feiner Unterkunft. Vom Augenblick unseres Einzugs an fühlte er sich zugehörig und ging nicht eher heim, bis auch der letzte Wagen auf dem Parkplatz untergebracht, der letzte Motor endlich verstummt war.
Dirk blieb uns fortan treu. Er las den Soldaten die Wünsche vom Gesicht ab, erwies uns von früh bis spät kleine Gefälligkeiten und kaufte Tag für Tag Zigaretten, Limonade, Ansichtskarten und Kuchen ein. Weil er nicht einen Groschen unterschlug, obwohl er manchmal mit einer vollen Tasche klimpernder Münzen abzog, durfte er sich zur Belohnung jeden Mittag einen kriegsmäßigen „Schlag" aus unserer Feldküche holen. Die Landser nannten ihn nicht ohne Zärtlichkeit „unser Soldatenjunge" und lachten ihn an, wie sie es sonst nur mit den Mädchen taten. Dirk, der sich aufs „organisieren" verstand, wurden schließlich die kniffligsten Sonderaufträge anoertraut. Wahrhaftig, er ging für uns Nachrichter durchs Feuer.
Ich werde nie vergessen, wie Dirk eines Morgens in aller Gottesfrühe, als ich durchgefroren nach kurzem Schlaf aus dem Lastkraftwagen kroch, um die Wache abzulösen, mich mit einer großen Thermosflasche heißen Kaffees und einer Zweipfundtüte Pfirsiche empfing und sagte: Den Kaffee schickt Ihnen Mutter, aber die Pfirsiche hab ich selbst irgendwo heimlich gepslüA," Lch drohte ihm, worauf I
er gelassen hinwarf: „Es ist doch Krieg, Kamerad!" Kamerad Dirk durste in den LKW. schlüpfen und die Elemente der Feldfernsprecher prüfen, was er mit dem Taschenmesser leidenschaftlich tat.
Als besondere Auszeichnung aber galt es, daß unser kleiner Freund auch an den Bauübungen in der schönen Umgebung des Städtchens teilnehmen durfte. Ueberall war er aktiv dabei, und die Wachtmeister ließen ihn schmunzelnd gewähren, wenn er uns die Knarre ober den Stahlhelm tragen und beim Stangensetzen und Kabelziehen half. Hurtig wie ein geschmeidiges Eichkätzchen kletterte er in die Baumkronen, um an den Zugstellen kunstgerecht abzubinden.
Als wir nach Wochen wieder abzogen und marschbereit auf dem Marktplatz hielten, wo die halbe Stadt sich zum Abschied von den „Strippenziehern" versammelt hatte, wollte es Dirk einfach nicht in den Kopf, daß unerbittlich die Trennungsstunde geschlagen hatte. Blaß und mit tränenden Augen hockte er im LKW. auf der Rückentrage. Bis ins Innerste war er aufgewühlt. Die Soldaten scherzten mit ihm, weil es ihnen allen nahe ging. Es war etwas in dem Jungen erwacht; eine frühreife Knabenseele bebte, noch halb unbewußt, dem Abenteuer und der Gefahr entgegen. Und es bedurfte einer ernsten Ermahnung des Leutnants, um den schweigsamen, besessenen und treuen Jungen da- von abzuhalten, seiner ahnungslosen Mutter einfach durchzubrennen. Er wollte durchaus mit uns in den Krieg ziehen, aber wir machten ihm klar, daß ein marschmäßig gepackter „Affe" doch noch zu schwer für feine schmalen Schultern sei und daß er noch sehr viel lernen müsse, um einmal ein guter Funker zu werden.
Achtzehn Tage später, als größere Erlebnisse dies Idyll schon fast verdrängt hatten, wurde mir beim abendlichen Postempfang ein dickes Paket ausgehändigt. Es enthielt vier arg zerlesene Kna- benbücher aus dem Regal unseres Dirk: „Gullivers Reifen" und drei Winnetou-Bände von Karl May, und dazu einen rührend-unbeholfenen Brief, dem ich erschüttert entnahm, daß es fein kostbarster Besitz gewesen war, den Dirk da „seinen Heben Soldaten" opferfreudig übereignete. In einer der Schwarten stak noch ein Fetzen Stanniolpapier und ein kindlich bemaltes Lesezeichen. Wer hätte die Grausamkeit begehen können, Dirk feine Schätze zurückzusenden? Ich blättere und lese zuweilen darin, und die eigene Jugend wird wiedex wach.


