Ausgabe 
23.3.1940
 
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Aus der Stadt Gießen.

Fest des Lebensglaubens.

w Von Werner Lenz.

Die staatliche Gesundheitspflege im Kreise Gießen.

Die Gesundheitspflegerinnen als gute Beraterinnen und Helferinnen.

In diesem Jahre 1940 fallen Frühlingsanfang und Ostern kalendarisch ziemlich genau zusammen; das bedeutet ein besonders frühes Osterfest nach einem ungewöhnlich kalten Winter. Die Härte die­ses Winters, der nun allmählig der Frühlingssonne erliegen muß, ist no<h verstärkt worden durch die Tatsache, daß es ein Kriegswinter gewesen ist, eine Opfer, Taten und Entsagung fordernde Zeit mit all den Beschwernissen, die eine neuzeitliche Krieg­führung mit sich bringt. Darum hat die heurige Osterzeit ganz besondere Bedeutung für den licht- frohen und zukunftsgläubigen Menschen; und das Ethos der Ostern, wie das Hochgefühl des Sonnen­sieges in deutschen Gauen lebt nach diesem Winter mit verstärkter Lebensenergie auf! Das Licht der Ofterfonne, darauf vertraut der Deutsche, soll und wird nicht nur das sehnlich erwartete Frühjahr ins Land führen, sondern der Glanz und die Wärme der Lenzessonne soll auch in der eindrücklichen Symbolik, die ihr deutscher Volkssinn stets zuge­stand, die innere Kraft unserer Seele neu beleben, soll unser zuversichtliches Vertrauen auf den glück­lichen Ausgang unseres volklichen Ringens erneu­ern und wo es noch nötig ist vermehren.

Stets war im frommen Sinne unserer Nation das Ostererlebnis bestimmt durch die eigenartige, doppelt geheiligte Sinnbildlichkeit, die dem lenz- lichen Osterfeste als einem lieblichen Naturereignis und einer ehrwürdigen Kirchenfeier zweiwurzelig zugrunde liegt. Die Auferweckung der nordischen Heimatlande aus ihrem Winterschlafe und die Auf­erstehung des Herrn bedeuten von jeher dem oer­manischen Menschen ein urewiges Zeugnis sieghaf­ten Lebens, sowie eine Verheißung friedfertigen Schaffens; und harmonisch stimmt dazu der uner­schütterliche, sehnsüchtige Wunsch aller deutschen Herzen, in dem nun heraufsteigenden Ostermorgen- rot das segensvolle Vorzeichen eines durch das deut­sche Schwert endgültig gesicherten Völkerfriedens sehen zu dürfen und begrüßen zu können! Rechter Osterglaube im altüberlieferten Volkssinne ist ge- kennzeicknet durch die Freude über das alljährlich neu sichtbar werdende Phänomen, daß, wie der Nacht das Morgenlicht dem Winter der Früh­ling, ja, daß selbst dem Tode ewig junges Leben folgen muß.

Und so ist es ganz erklärlich, daß in unserer ernsten Gegenwart das Erlebnis des Krieges dem Osterfest eine neue Note beifügt, nämlich den zum alljährlichen Frühjahrssehnen und Osterglauben stimmenden Wunsch, daß unsere Durchhaltekraft an deren Unerschütterlichkeit die Heimat so guten Anteil hat wie die im Felde stehende Wehrmacht in diesem Selbstbehauptungskampfe der deutschen Nation Frucht, Lohn und Erfolg durch den herr­lichsten Sieg finden werde. Wenn also jetzt wieder­um der Klang der Osterglocken über das erwachende Land tönt, dann wird ihr verheißender Schall das deutsche Gemüt wie ein Vorklang beglückender Frie­densglocken grüßen; und wie ein kriegsfestes Herz innere Kraft aus einem eisernen Siegeswillen zieht, so empfängt eine gegen ihren Willen zum Kriege gezwungene Nation aus ihrem tiefsittlichen Frie­denswillen die stählerne Energie zum letzten Ein­satz aller Kräfte für die höchsten Güter.

So wird das Licht der Ofterfonne auf ein ent­schlossenes Volk blicken. Es wird mit diesem Oster­fest ein Sommer anbrechen, der den Segen der deutschen Scholle erneut in unser Volk strömen lassen wird; es wird uns mitten im Kriege die Arbeit des deutschen Bauern, der uns die Gaben der Heimat zubringt, zuversichtlich stimmen: Seht her, die Sonne steigt täglich seit der Tagundnacht­gleiche zur Osterzeit; seht, diese Sonne bereitet die neue Ernte vor, die uns ebenso gut Rüstung und Schlagkraft bringt, wie die Schmiedearbeit in den Werkstätten des deutschen Heeres! Der Sommer zieht durchs Tor der Ostern ein; und mag auch der Osterzeit ein Aprilsturm folgen, der Sieg deut­schen Lebeusglaubens ist dennoch gewiß.

Tageskalender für Samstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Ihr Privatfekretär". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Leidenschaft".

Seit Jahren sind die Gesundheitspflegerinnen des Staatlichen Gesundheitsamtes Gießen in Stadt und Land, besonders in den Dörfern, bekannt und hochgeschätzt. Im Volksmund werden sie, wegen ihrer dunkelbraunen Tracht, von jeher kurzwegdie braunen Schwestern" genannt. Den Landfrauen und besonders den jungen Müttern sind sie als erfahrene und gute Beraterinnen und Helferinnen jederzeit sehr willkommen. Nicht selten finden sie bei ihrem Besuch in den Dörfern irgendwo in einer Familie oder auf dem Bürgermeisteramt die Bot­schaft einer ratsuchenden Frau oder Mutter vor, die da lautet:Wenn die Schwester kommt, schick' sie ja zu mir", und ebenso oft hören sie bei ihrem Besuch in den Familien die frohen Worte:Ich freue mich sehr, Schwester, daß Sie zu mir kom­men!" In der Tat kann man diese Wertschätzung der Gesundheitspflegerinnen seitens der Landbe­völkerung verstehen, wenn man über das weite und vielseitige Arbeitsfeld dieser Frauen unter­richtet ist. Darüber sei heute einiges mitgeteilt.

Der Aufgabenkreis der Gesundheitspflegerinnen des Staatlichen Gesundheitsamtes, die teilweise auch im Auftrage des Kreisfürforgeamtes tätig sind und ebenso an den Obliegenheiten der NSV. in ge­wissem Ausmaße Mitarbeiten, umfaßt kurzge­sagt die Gesundheitspflege des Menschen vom Säugling bis zum Greis. Diese Helferinnen küm­mern sich von Amts wegen um das Wohlergehen und Gedeihen des Säuglings, des Kleinkindes und des Schulkindes; sie führen die gesundheitliche Auf­sicht über die Pflegekinder, die sie regelmäßig be­suchen, um sich immer wieder von dem Befinden und den Fortschritten der Kinder zu überzeugen; sie widmen ihre Arbeitskraft und ihr Wissen auch beratend dem Kampf gegen die Tuberkulose, der Fürsorge für Körperbehinderte, nicht zuletzt auch der Beratung und Aufklärung der Hausfrau und Mutter in allen Angelegenheiten der Gesundheits­pflege der Familie. Dazu gehört die Beratung in allen Angelegenheiten der Wohnungshygiene; hier spielt die^Beratung zur Verhütung von anstecken­den Krankheiten und zur Verhinderung der Weiter­verbreitung solcher Krankheitsfälle aus andere Fa­

milienglieder oder auf Nachbarn eine wesentliche Rolle. Der Kamps gegen die Krankheit selbst bleibt selbstverständlich dem Arzt vorbehalten; mit dieser Aufgabe hat die beratende Tätigkeit der Gesund­heitspflegerinnen nichts zu tun. Besonderes Augen­merk richten die Gesundheitspflegerinnen auch auf die Beratung der Mütter zur richtigen Ernährung und Pflege ihrer Kinder, vor allem der Kleinkinder und der Schulkinder. Werden bei der schulärztlichen Untersuchung der Kinder von dem Schularzt Be­anstandungen des Gesundheitszustandes eines Kindes erhoben, so machen die Gesundheitspflegerinnen die­sen Sachverhalt zum Gegenstand einer beratenden und aufklärenden Aussprache mit den Müttern, denen sie auf Grund langjähriger und reicher Er­fahrungen wertvolle Hinweise geben können. Ein besonders wichtiges Arbeitsgebiet in der Gegen­wart ist die. Mitwirkung der Gesundheitspflegerin­nen bei der großen Aktion zur Bekämpfung der Rachitis (Englische Krankheit); hierbei kommt es auf die Tätigkeit der Gesundheitspflegerinnen in den Mütterberatungsstunden, wie auch bei den Hausbesuchen in hohem Maße an. Die Maßnahmen der Hygiene in der Haushaltsführung und in der Lebensmittelverwertung find weitere bedeutsame Pflichten der Gesundheitspflegerinnen.

Die Arbeit dieser Helferinnen als Beauftragte des Staatlichen Gesundheitsamtes in Gießen er­streckt sich mit Ausnahme der Stadt Gießen auf den ganzen Landkreis Gießen. Dieser ist in drei Arbeltsbezirke eingeteilt, von denen je einer durch eine Gesundheitspflegerin fortlaufend und ständig betreut wird. Jeder Bezirk hat ungefähr die gleiche Beoölkerungszahl; allerdings sind die Be­zirke mit Orten von geringerer Einwohnerzahl räumlich wesentlich größer als der Bezirk, der eme Reihe größerer Ortschaften umschließt und dadurch auf engerem Raum eine geringere Zahl von Or­ten hat. Die Auswirkung für die Gesundheitspflege­rin eines weniger dicht bewohnten Bezirks besteht darin, daß sie viel längere Wege zurücklegen muß, um ihren Aufgabenkreis ausreichend erfassen zu können. Z.B. gehören zum Bezirk Grünberg 38 Ortschaften, die im Lumdatal, in der nordöstlichen

Ecke des Kreises Gießen, über Grünberg hinaus, und herunter bis in die Gegend zwischen Lauback und Hungen liegen; der Bezirk Lich umfaßt 30 Ortschaften, die vor allem in der Wetterau $u fin­den sind; der Bezirk Gießen-Land erstreckt sich auf 16 Ortschaften, die in der Hauptsache die großen Dörfer in der näheren Umgegend von Gießen bar- stellen. Die drei Gesundheitspflegerinnen des Staat­lichen Gesundheitsamtes Gießen sind mit Aus­nahme eines Amtstages in jeder Woche, an dem sie in den Amtsräumen in Gießen die schrift- lichen Arbeiten auf Grund ihrer Außentätigkeit zu erledigen haben die ganze Woche draußen in ihren Bezirken tätig. In Mütterberatungsstunden, bei Hausbesuchen, bei Besichtigungen von Klein­kindern usw. üben sie ihre segenbringende Tätigkeit als Beraterinnen und Helferinnen der Mütter und Hausfrauen aus. Dabei wird ihnen die Arbeit nicht immer leicht gemacht. Gegen manches Vorurteil und gegen manche von altersher eingewurzelte falsche oder durch wissenschaftliche Erkenntnisse längst überholte Ansicht haben sie anzukämpfen. Aber in den meisten Fällen gelingt es ihnen doch, dem Bes. seren den Weg zu öffnen und damit eine Verbesse­rung in der Lebensführung und der Gesundheit der Familien herbsizuführen.

Mit ihrer Arbeit leisten die Gesundheitspflege­rinnen des Staatlichen Gesundheitsamtes Jahr um Jahr vielen Familien in den Landorten und in den kleinen Städten wertvollen Dienst. Bei Wind und Wetter sind diese Helferinnen unterwegs, um ihrer schönen Aufgabe gerecht zu werden. Groß ist die Zahl der Frauen und Mütter in unseren Dör­fern, die ihnen von Herzen Dank wissen dafür, daß sie mit Belehrung und guten Ratschlägen den Hausmüttern in manchen schwierigen Lebenslagen zur Seite stehen und dadurch zum Glück und zum Gedeihen der Familien beitragen. Für ihre vor­bildliche, stille und unermüdliche Arbeit gebührt diesen Helferinnen als guten Dienerinnen unserer Volksgemeinschaft aber auch die wohlverdiente öf­fentliche Anerkennung. B.

Caf6 Leib: 9 bis 19 Uhr AusstellungDie Dicke Berta".

Tageskalender für Sonntag.

Stadttheater: 19 bis 22 UhrDer Freischütz". Gloria-Palast, Seltersweg:Ihr Privatsekretär". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Leidenschaft". Caf6 Leib: 9 bis 19 Uhr AusstellungDie Dicke Berta".

Tageskalender für Montag.

Stadttheater: 19 bis 22 UhrDer Graf von Luxemburg". Gloria-Palast, Seltersweg:Ihr Privatsekretär". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Leidenschaft". Caf6 Leib: 9 bis 19 Uhr Aus­stellungDie Dicke Berta".

Ostern im Gießener Stadttheater.

Am ersten Osterfeiertag wird zum erstenmal die Neueinstudierung der OperDer Freischütz" von Carl Maria von Weber aufgeführt. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung Hans Geißler. Es wirken mit: Anni Assion, Friedel Fornallaz; Gustav Bley, Heinrich Durst, Gert Geiger, Herbert Hirche a. G., Bernhard Schmitz, Hans Albert Schewe, Max Schneider-Oest. Chöre: Richard Boeck. Bühnen­bild Karl Löffler. Außer Miete!

Am zweiten Osterfeiertag findet eine Vorstellung der Operette von Franz LeharDer Graf von Luxem­burg" statt. Musikalische Leitung: Richard Boeck. Spielleitung: Harry Grüneke. Die Titelpartie singt Christoph Reuland. Chöre: Richard Boeck. Bühnen­bild: Karl Löffler. Außer Miete.

Llchlbildervorlrag über Irland.

Der Goethe-Bund, Kaufmännische Verein und die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde' Gießen ver- ansbalten in Arbeitsgemeinschaft mit der Volksbil­

dungsstätte Gießen der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" am Donnerstag, 28. März, 20 Uhr, in der Neuen Aula der Universität einen Lichtbilder­vortrag des Reiseschriftstellers JoaHirn Gersten - berg mit dem ThemaIrland, die grüne Insel". Ursvrünglich war für diesen Abend eine Lesung des Dichters Hermann Claudius angesetzt, die jedoch wegen eines Unfalls des Dichters auf einen späteren Termin verschoben werden muß. Joachim Gersten­berg lebte vorübergehend in Irland, in monate­langen Reisen lernte er dies eigenartigeLand der Träume, Whiskys und Rebellen" fennea.

Keine Autosünven zu Ostern!

Anläßlich des Osterfestes warnt der Reichsver­kehrsminister dringend vor unbefugter Benutzung von Kraftfahrzeugen. Kraftfahrzeuge dürfen nur be­nutzt werden, wenn sie rot bewinkelt find. Fahrzeuge mit dem roten Winkel wiederum dürfen nur dann gebraucht werden, wenn die Fahrt im dringenden öffentlichen Interesse liegt. Es lasse sich daher nie­mand verleiten, während der Osterfeiertage sein Kraftfahrzeug zu unberechtigten Fahrten zu verwen­den. Der Kraftfahrzeugverkehr wird scharf Über­wacht und jeder Mißbrauch unnachsichtlich streng geahndet.

Ausstellung:Dicke Bertas

Im Caf6 Leib ist in diesen Tagen ein unge­wöhnliches Schauspiel zu sehen: dieDicke Berta", jenes geheimnisvolle Riesenstück, das sofort zu Be­ginn des Weltkrieges den belgischen und den fran­zösischen Festungen heftig zusetzte. Es hoffdelt sich bei dem ausgestellten sagenhaften Geschütz um eine Nachbildung in der Größe der Geschütze, die wäh­rend des Weltkrieges verwandt wurden. Das Ge­

schütz, das sicherlich auf jeden Betrachter einen star. ken Eindruck macht, ist völlig maßstabgerecht von einem niederrheinischen Mvdellschreiner aus Holz gefertigt worden und stellt ein getreues Abbild des Originals dar.

Einige Zahlen, die durch einen Fachmann in einem kurzen Erläuterungsvortrag bekanntgegeben werden, lassen erkennen, welche Dimensionen und Wirkungen zurDicken Berta" in Beziehung zu bringen sind. Das gesamte Geschütz, das im Caf6 Leib gezeigt wird, hat eine Länge von 16 Meter und eine Höhe von 4,75 Meter. Es nimmt nach Höhe, Breite und Länge einen erheblichen Teil des Saales ein. Die Länge des Rohres beträgt allein 6 Meter. Vom Vortragenden hörte man, daß dieDicke Berta" während des Weltkrieges in ins­gesamt 20 Geschützen eingesetzt war und auf den Kriegsschauplätzen unter den Feinden Angst und Schrecken verbreitete. Die Geschosse derDicken Berta" wogen je 20 Rentner und waren mit 2W Kilogramm Sprengstoff gefüllt. Die Geschosse konn­ten auf eine Entfernung von 10 Kilometer gezielt geschossen werden, erhoben sich im Steilfeuer bis auf etwa 4,5 Kilometer Höhe in den Luftraum, um dann nahezu senkrecht auf das Ziel, auf die Panzerkuppeln der Festungswerke niederzustürzen.

Zu der ersten Besichtigung, die am Donnerstag-

Das Vogelei.

Von Hans Wahlik.

Mein Vater war einige Jahre lang Postmeister in dem nordböhmischen Dorfe Obergeorgental. Das war ein langgestreckter, an Bach und Straße sich hinziehender Ort voll traulicher Bauernhäuser mit hölzernen hohen Sturmdächern und weinverwachse­nen Mauern, voll hübscher Garten und heimlicher Mühlen. Der Bachrand war wild bebuscht und von dem Kraut Wermut überwuchert, auf den Orts­plätzen grünten Linden. Die Kirche stand wächterlich auf einem gelinden Hügel, von den grauen, bröckeln­den Mauern eines aufgelassenen Friedhofes male­risch umzingelt. Rings um das Dorf war freundliche Bauernflur, und durch stattliche Kirschgärten stieg man empor in die Wälder des im Norden unend­lich sanft sich hinschwinaenden Erzgebirges. Bauern und Bergleute und die Arbeiter einer großen Spin­nerei lebten dort friedlich nebeneinander. In man­chen Stuben wurde Spielzeug gedrechselt, winzige Bäume und Häuser, Tiere und Soldaten wurden geschnitzt und bunt bemalt.

Das Erzgebirge mit seinen geheimnisvollen, an die Schätze einer gesegneten Felsentiese erinnernden Namen übte immer eine starke Lockung auf mich aus, und ich sehnte mich von der Dorfstraße zu ihm hinauf und wagte mich doch nicht hin, weil ich wußte, daß der böhmische Fürst die Welt, die sich droben in ihren Wäldern verschloß, mit hohen Schranken umzäunt hielt, und daß niemand hinein durfte, dem es nicht von der Försterei erlaubt wurde.

Doch einmal überwand ich die Scheu. Ich schlich heimlich in die grünen Wälder hinauf und kletterte mit unbändig schlagendem Herzen und mit einem bösen Gewissen, als überträte ich alle zehn Gottes­gebote auf einmal, über den Zaun. Da war ich denn im verbotenen Zauberland. Weiße Blumen blühten im Schatten, kalte Quellen brapsten, tiefes Moos dämpfte den Schritt. Und Erdbeeren waren da, ge» wattig groß und übersüß, und sie verdarben un- genossen. Und während es im Tal drunten nach Feld und Ernte roch,, duftete es hier fremd und feucht. Ich sah einen Holzbauer, der schlug aus einen Baum los wie auf einen Feind. Ein Hirsch mit breitem, schrecklichem Geäst auf der Stirn tauchte aus dem Gebüsch. Bäume, deren Namen ich nicht wußte, machten alles dämmerig. Zuweilen klang die Luft in den Wipfeln auf. Ich ging auf den Zehen und mit verhaltenem Atem und glaubte nun bald zu der Höhle zu kommen, darin es weiß glitzert, und eine Geisterstimme werde rufen:Nimm dir von dem Silbers Aber würde mir dann nicht die

Hand lahm sein und nicht zugreifen können, wenn ich auch noch so herzhaft wollte?

Das Geräusch der Quellen wurde drohend. Ein Schuß fiel in einem fernen Grund. Angst stieg in mir auf, der Förster könne mir begegnen, der Matkn mit dem finsteren Bart, mit der scharf gehackten Nase und den schwarzen, verschnitzten zuckenden Brauen, wie ich es im Bilderbuch gesehen. Und der Gedanke kam mir in die Quere, der Förster könne mich, wenn ich durch das Dickicht flüchte, für einen jungen Hirsch hatten und nach mir schießen. Und gar als das Gemurmel sehr ferner Glocken anhub, fürchtete ich, ich fände nimmer heim zu Vater und Mutter, oder es wären die Ettern drunten im Tal schon längst gestorben, und es lebten auch die an­dern Leute nimmer, die ich gekannt und die freund­lich zu mir gewesen waren. Und der Zauber der kühlen Wildnis hielt mich nimmer, ich lief aus allen meinen Kräften hinab ins Dorf, wo die Bauern wohnten und die vertrauten Bergleute.

Ein andermal zog ich mit bert Buben hinauf in den Fürstenwald. In ihrer Gemeinschast hoffte ich mich gesichert und frei von Angst, die den Einsamen so leicht beschleicht und zurücktreibt. Wir kamen zu einem tannenumsäumten, entlegenen Teich, der sich in dem Loch eines eingestürzten Bergwerkes gebildet hatte, und dort flüsterten die Jungen und hatten etwas Geheimes vor. Endlich kroch einer ins Ge­büsch und brachte ein mit winzigen Eiern gefügtes Nest hervor. Weil sie nun fürchteten, ich als der Jüngste und Einfältigste unter ihnen würde aus­schwätzen, was sie als verboten und strafwürdig wußten, so begehrten sie, ich sollte eines der Eierlein zerschlagen. Sie wollten mich mitschuldig machen, damit ich niemandem erzähle, was sie getan, und drängten mir ein Ei in die Hand. Ich nahm es, und es durchschauerte mich. Es wär noch warm vom Leib der Vogelmutter, es war zierlich und mit bun­ten Pünktlein übersät. Es war Leben. Als die Ka­meraden mich zögern sahen, schalten sie mich den dummen Hans und obendrein noch einen Feigling. Aus Scham schleuderte ich mit einem prahlerischen Wort bas Ei zur Erbe, und es zerschellte.

Ich konnte an jenem Tag keine rechte Freube mehr gewinnen. Unb als ein verborgener Sögel sehr traurig zu fingen anfing, meinte ich, jetzt klage bie Vogelmutter, ber ich bas kleine Ei zerstört hatte, unb Schmerz unb Reue besingen mich, als hätte ich mit meiner prahlerischen Tat viele taufenb fingenbe Kehlchen getötet unb ganze große Wälber stumm gemacht, unb ich lief bavon, bie Stimme bes flogen» ben Tieres nimmer zu hören.

Diese Stimme bringt noch heute aus ber Ferne der Kindheit herüber zu dem 3tan,n« Und wenn

ich einmal fühlend ich zu unrechter Stunde lustig bin, so brauche ich nut an das erbrochene Walb- oogelet denken, dann bin ich sogleich emji unb still.

3m Vorfrühling.

Von Maria Kahle.

Inniger als bie Blüte bes Mai ist bie Ver- heißuna der ersten linden Märztage.

Die Wiesen sind noch fahl unb von einem welken Gelb, aber bie hinschwellenben Wasser bes Flusses, die von ber Schneeschmelze getrieben werben, schimmern blau auf, fobalb bie Sonne am Mittag- Himmel strahlenb Durchbricht. Unb von allen Hän­gen kommen glitzerhelle Wasser geflossen, bas ist ein Rieseln unb Schluckern unb Plätschern, als hörte man bie Erbe wohlig schmatzenb bas viele Naß aufsaugen.

lieber ben Bergen aber, an benen bie Mittag­sonne bie letzten weißen Flanken von Schnee weg­taut, über ben Bergen hängt schon ein blauer Hauch wie vom Frühling. Nie stehen bie Buchen- wälber so rötlich eisern, Heere von Lanzen, nie tritt ihre Winterstarre so nackt hervor wie unter diesem mattblauen Himmel, dem kleine weiße Wölkchen die erste Zärtlichkeit des Frühlings schen­ken. Nie sind die Bäume am Straßenrande so sehn­süchtig in der ausgebreiteten Kahlheit ihrer Aeste wie an solchen Märztagen. Die Luft riecht nach Sttoh unb Dung unb braunen offenen Erbschollen, sie schmeckt feucht von ber Süße unb Sanftheit bes Regens, ber am Morgen nieberschauerte, unb ist noch weich burchtränkt davon.

Noch ist ber Winter ba, unb er wirb aufs neue heranbrausen mit Schneestürmen unb eisflirren« den Frostnächten, aber sein Bann ist schon ge­lockert, wir Düren bie erste Ahnung bes Früh­lings. Unb seine ganze Wunberherrlichfeit liegt noch vor uns; als mürbe sie uns zum erstenmal geschenft, so erwarten wir sie, unb wir sagen: Flieber!" unb atmen ben innigen weißen Duft, unb wir sehen eine grüne Wiese, überjät mit ben golbaelben Sternen bes Löwenzahn, unb blühenbe Apfelbäume. Wir werben das alles nie so inbrünstig empfinden wie heute im ersten An­hauch des Kommenden, da der Glanz und die Wonne aller Frühlinge, die wir erlebten, in un­serer wintermüden Seele aufbricht.

Daß wir leben, daß der weiße Winter uns nicht begrub in einem eisigen Grabe, baß ber süße Saft bes Neuwerbens wie im Rausch burch unser Herz unb unsere Abern zieht, wie er jetzt schon heimlich LU sieige» Leümvt in dLü Stamme^ in dm Zwei­

gen der Bäume, daß wir noch da sind auf der Erde, der in Wundern ergrünenden, und her wette Himmel sich noch über uns wölbt unk alle Fernen offen sind zum Wandern und Schauen unb Stau­nen!

Die Sträucher unb Bäume im Garten stehen wie Überhängen von einem Traum, noch winterlich, unb hoch schon fühlenb, baß sie blühen werben! Und in unfern Herzen ist etwas erwacht so gren­zenlos, bas atmet Enge und kleine Gedanken hin­weg und ist nur Sehnsucht, unendlich zu sein unb im Neuwerden all unsrer Kräfte zu blühen!

Die Ostereier des kleinen Mzatt.

Von Lola K. Wachter.

Es ist wenig bekannt, daß eine der allerersten Kompositionen des kleinen Mozart auf Ostereier ausgezeichnet mar.

Damals mar er ein kleiner, äußerst lebhafter Junge, der mit seinem Hang zum Herumstrolchen seinen Vater oft in hellsten Aerger versetzte. ^ines Tages, knapp vor Ostern, hatte es wieder mal großen Krach gegeben. Nachdenklich ging der kleine Wolfgang herum unb zerbrach sich den Kopf, wie er ben Vater versöhnen könnte.

Schließlich fanb er in ber Küche eine Anzahl Ichoner weißer Eier, die von der Mutter zum Für- ben bereit gelegt worden waren, und ein genialer Gedanke kam ihm.

Sofort nahm er sich zwei Eier, rannte in sein Zimmer damit und schrieb eine seiner ersten §°.A°^wnen, ein kleines Lied, auf die beiden. Kunstvoll saßen die Noten auf den gewölbten Stern, unb ein selbstgedichteter Text mar fein hnrberlnd) barunter geschrieben. Dieses Geschenk Wolfgangs hatte bei seinem Vater natürlich vollen Crsolg, der diesekomponierten Eier", mie er sie lacbenb nannte mit Stolz allen Leuten zeigte und bis zu feinem Tobe in einer Vitrine aufbewahrte. Jaber auch m der Vitrine von Mozarts Gaisin konnte man eine Anzahl notenbeschriebener Eier bewundern. Sie erzählte von ihnen, daß sie in ben fjten Jahren ihrer jungen Ehe von ihrem Gatten

Ostern täglich ein Körbchen mit giWmgsMumen bekommen habe, in dem stets ein St versteckt war. Auf jebem dieser Sier waren ein paar Softe unb em paar Worte aufgezeichnet. Am Ostersonntag aber zeigte sich, daß bie Sier die -träger eines ent^urfenben Liebesliedes waren, das el"*er ®ayin äum Geschenf gemacht hatte. A?£d) spater noch hat er diese Liebhaberei fort- gefttzt und Leuten, die er gern hatte, Kompositio- ne» WMMyM sH WEM LUgchW^