23-/24- man 1940
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
llr.70 Zweites Statt
Oeutsche Ostern *1940.
-u on Curt Höhet.
„Es ist der Charakter der Deutschen, daß sie über Hem schwer werden, daß alles über ihnen schwer iirb", — sagt Goethe einmal über sein Volk. Qit anderen Worten: es wird uns nicht leicht e m a ch t ... Jahrhundertelang hat es über uns etegen wie schwere Winterwolken, wir saßen auf ?r Schatten- oder Winterseite des Lebens. Dann der brach immer wieder aus uns ein Frühling sroor, der die Welt erschütterte oder beglückte. Ja, > ist unser Charakter, das Leben und die inneren inge nicht leicht zu nehmen, sondern uns mit ihnen u quälen. Aber das Ziel ist dann immer eine achtende Blüte des Lebens, der Kunst oder des Giftes, immer etwas, das man von uns noch nicht vollte ...
So sind wir österlichen Wesens. So ist Ostern ein est, das unserem Charakter gemäß ist. A u f b r u ch f unsere Sache, Aufbruch in Neuland, Aufbruch in Paffen des Leibes und Geistes, Wagnis und Wun- i?r des Werdens. So gesehen ist das Reich Gottes inwendig in uns, und wir sind beauftragt, es im- tier und immer wieder neu zu verkündigen in Tat nd Schöpfung.
Wer aber spürte in diesen Zeiten, in diesen ampfzeiten der Deutschen nicht, daß wir wieder a n in e r Wende stehen, daß wir es wieder schwer aben, schwer nehmen, daß das Schicksal „über uns hwer wird ..."? Wer vermöchte sich in dieser Ge- enroart dem Ungeheuren zu entziehen, das das Daltenbe Schicksal mit uns vorhat? — Wir sagen 25 nicht mit bem Hochmute anderer Völker, die ch für „auserwählt" halten, denn wir nehmen es i nun einmal zu „schwer". Wir haben aber die ! raft des inneren Schauens, die das Groß^, Er- abene der Geschichte wahrnimmt, für wahr nimmt nd als Verpflichtung in uns auf nimmt. Das ist nfere deutsche verwandelnde Kraft. So ist uns njer Reich nicht ein Besitz, sondern eine Auf- a b e. So war das Reich der Deutschen immer in -n besten Zeiten eine Aufgabe, die in Europas Tlitte die Ordnung hielt und das vielgestaltige Le- !sn unseres Volkes und der ihm zur Obhut An- i$rtrauten zur Blüte brachte.
Aber Goethe fährt fort an anderer Stelle: Möge ich noch erleben, daß die edle Nation, die ;d) bisher unter Druck und Murren verbitterte und i tzt in Kampf und Streben Luft macht, endlich zu iem wahren Genuß ihrer selbst gelingt ..." Ist es nicht immer dasselbe? Schaut !ier nicht der Genius das ewige Streben und Kämpfen der Deutschen und empfindet er nicht leutsch und österlich, daß nur der erlöst werden Innn von der Schwere, der immer strebend sich bemüht.. .? — Und als Ziel sieht er, daß der Deutsche endlich zu dem „wahren Genuß seiner selbst cslange..." Das haißt: daß er sich selber bewußt Eierbe, seiner Größe unb seines inneren Reichtums;
nß er die Schwere — vorübergehend? — überwinde (rb sich österlich dem ahnenden Glück der Vollendung ingäbe.
Wir haben nun gewiß seit den Tagen Goethes einen schnellen Gang der Entwicklung genommen, richt immer in seinem Geiste, sondern zu Zeiten Mzu diesseitig und leichtfertig, fremden Vorbildern verfallen und ohne die innere Ehrfurcht vor dem Rutschen Wesen. Wir mußten deshalb durch manche tiefe und zuletzt durch ein schauriges Inferno der l äuterung gehen. Das macht: es ist uns eben nicht gegeben, die uns aufgegebene Schwere leichtfertig cbzuwerfen und uns des äußerlichen Genusses des Lebens zu freuen. So wie einst herrliche Blutströme ter Germanen im Süden verkamen und sich auflisten, so droht auch uns, der gewordenen, gefestig- >n Nation, immer die Gefahr, uns selber zu ver- eren, wenn es uns — einfach gesagt: zu gut ^Ietzt aber, in diesem neuen Zeitalter der werden- zn echten Gemeinschaft, sehen wir wieder eine um d)eure Aufgabe, eine Weltaufgabe der Seele und es Geistes, eine Schöpferaufgabe vor uns. .Und so nd wir vor der Gefahr bewahrt, leichtsinnig unser bestes zu vergessen. Wir müssen wieder einmal den
Kampf aufnehmen um eines Ideals willen, und dabei ist uns am wohlsten ...
Freilich, dabei wird uns auch immer wieder mit einem anderen Genius der Deutfchheit klar: „... daß irgend etwas hundertmal wichtiger ist, als die Frage, ob wir uns wohl ober schlecht be= inben: Grundinstinkt aller starken Naturen, — olglich auch, ob sich die anderen gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um derentwillen man nicht zögert, Menschenopfer zu bringen, jede Gefahr zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die große Leiden- chaft ..." (Nietzsche). Und das will und kann eine Art Menschen nicht verstehen, für die das Ziel der Komfort und die Ausübung ein unvergleichliches Vergnügen ist. Das begreift an uns niemand, der Zeit seines Lebens nur um „Sicherheit" bangt, die ihm zwar keiner gefährdet, die er aber immer durch eine Art Mensch bedroht sieht, die sich nichts daraus macht ...
Es liegt also ganz an den Völkern, an den Menschenarten draußen in der Welt, ob sie innerlich die Möglichkeit besitzen, uns und unsere Aufgabe zu verstehen, mit uns mitzugehen. Der Werdende wird immer dankbar sein: er wird den österlichen Geist der Deutschen begreifen können, er wird durch ihn bereichert und zu dem Besten in ihm selbst geführt werden. Das bedeutet nicht: daß wir diese Völker draußen verführen, unserer Art zu sein, sich uns zu
Bukarest, März 1940.
Die Weltpresse hat in der letzten Zeit verschiedentlich beunruhigende Nachrichten über d ie Lage im Nahen Osten gebracht, Nachrichten, die erkennen lassen, daß die Westmächte eine Ausdehnung des Krieges auf das östliche Mittelmeer und das Schwarze Meer wünschen. Freilich sagten diese Nachrichten, zumal sie aus englisch-französischer Quelle stammten, die brutale Kriegsabsicht nicht offen heraus, sondern suchten hinten herum die günstige Atmosphäre für ein dunkles und gefährliches Spiel zu schaffen. Daher behaupteten sie in irgendeiner Form Angriffsabsichten auf die Türkei, Afghanistan, Iran, den Irak und Indien. Allerdings erinnerte dieses Verfahren, nachdem man kurz vorher das Vorhandensein der Orientarmee der Westmächte demonstriert und General Weygand im ganzen Nahen Osten durch seine Reisen und Besprechungen eine beträchtliche Aktivität entfaltet hatte, allzu stark an das „Haltet-den-Dieb"-Geschrei des Uebeltäters, der die Aufmerksamkeit der Verfolger von sich ablenken will. Selbst der Türkei, die durch ein Bündnis mit England und Frankreich verknüpft ist, ist dieses Geschrei # lästig geworden, und ihr Ministerpräsident Revfik Saydaw hat in seiner Rundfunkansprache vom 29. Februa, erklärt, er sehe keinen Grund, warum die Sowjetunion die Türkei angreifen solle. Einige Tage vorher schrieb bereits ein so eindeutig den Westmächten freundlich gesinntes türkisches Blatt wie „Ian", die Gerüchte, daß Afghanistan und Iran Kriegsvorbereitungen träfen, weil sie von einem Angriff bedroht feien, könnten nur von Kreisen aus- gestreut werden, die den Krieg nach dem Orient tra- Polen so schnell zu Ende geführt, um im Westen Polen so schnell zu Ende geführt, um im Westen stark zu fein. Es wäre also wenig wahrscheinlich, daß Deutschland jetzt eine neue Front aufrichten wolle und das türkische Blatt „Son Telegraf" wandte sich gegen die Ansicht, daß Sowjetrußland als Angreifer im Nahen Osten in Frage komme.
Die Anfangsschwierigkeiten des Terrains und eines unerbittlichen Winters, mit denen die sowjet- russische Armee in Finnland zu kämpfen hatte, haben in den Köpfen einiger voreiliger Blitzstrategen in der Welt merkwürdige und für ihre eigene Sicherheit gefährliche Vorstellungen auch über die Pro-
beugen, sich uns zu unterwerfen — im Gegenteil: es bedeutet, daß wir diesen bereiten Völkern eine innere Freiheit zu sich selber bringen, daß wir das Beste in ihnen frei machen für sie selber. Wenn wir die Arbeit ehren und in der Arbeit den Sinn des Lebens sehen, so wird das jungen, emporstrebenden, freiheitsdurstigen Völkern nicht mißfallen, es wird sie hinreißen zu wetteifernder Tat. Müde und alte Völker, genußsüchtige und ausbeuterische aber muß es verstimmen... Es muß sie verstimmen, wenn wir die wahre Men- schenwür'de des Volksgenossen erklären und unter uns verwirklichen, denn das heißt, daß jede Ausbeutung menschenunwürdig sei. Jede wahrhaft revolutionäre und damit schöpferische Idee wird auf diese Feindschaft stoßen, aber sie wird sich nichtsdestoweniger durchsetzen. Sie wird bereit sein, jede Gefahr zu laufen und das Schlimmste auf sich zu nehmen, weil sich in ihr ja der Mensch seiner Würde, feiner Werte und feiner Zukunft besinnt.
Das allein verbürgt die Ueberroinbung jenes Nihilismus, den der Führer am 30. Januar dieses Jahres wieder als den Feind der Kultur, als den Feind des heutigen Menschen schlechthin gebrand- markt hat. Wenn es eine Auferstehung in unserer Zeit gibt, dann ist es die, die den Menschen von diesem Gespenst rettet. Das aber vermag allein der deutsche, österliche Geist.
bleme des Nahen Ostens erzeugt, und England nährt, wie aus den letzten Aeußerungen des früheren Kolonialminifters Amery vor der Londoner Gesellschaft für den Nahen und Mittleren Osten hervorgeht, diese Illusionen, weil es neue Hilfsvölker braucht, die den Vorbildern Polens und Finnlands folgend, bis zum letzten Soldaten für die heilige Sache des englischen Pfundes zu kämpfen, bereit sind. Von Sebaftopol ist in diesem Zusammenhänge allerdings nicht die Rede, obwohl es doch der wichtigste russische Kriegshafen auf der Krim ist. In den letzten Tagen ist in der Moskauer „Prawda" ein eindrucksvoller Bericht über die modernen, unterirdischen Betonbefestigungen und die unsichtbaren Küstenbatterien von Sebaftopol erschienen, mit dem unmißverständlichen Hinweis, daß das damals bedeutend schwächer befestigte Sebaftopol bereits im Krimkrieg den verbündeten Engländern, Franzosen und Türken zwei Jahre lang standgehalten hat.
Hinzu kommt ein Weiteres: Die Türkei hat zwar einen Beistandspakt mit England und Frankreich abgeschlossen, und ihre Staatsmänner haben im vergangenen Jahre auch sonst manches getan, was von jener klassischen Neutralitätslinie abweicht, mit der vor zwanzig Jahren der große Kemal A t a t ü r k den Bestand seines Vaterlandes — wohlgemerkt gegen die Engländer! — gerettet hat. Aber der Dreierpakt besitzt auch die „R u s s e n k l a u s e l", die jede Beistandsverpflichtung der Türkei ausschaltet für den Fall, daß sie dadurch in einen Konflikt mit Sowjetrußland kommen konnte. Was aus einer sich gegenüber Sowjetrußland aggressiv verhaltenden Türkei werden würde, darüber sind sich alle türkischen Politiker, mögen sie im einzelnen auch noch so ententefreundlich sein, nur zu klar, als daß sie es auch nur theoretisch darauf anfommen lassen möchten. Auch darüber, daß schon die stillschweigende Duldung der Durchfahrt alliierter Kriegsschiffe durch die Dardanellen als türkische Beteiligung an einem englisch-französischen Angriffe auf Sowjetrußland ausgelegt werden müßte, dürfte es keinen Zweifel geben. Wenn man den Worten maßgebender türkischer Auslandsdiplomaten Glauben schenken darf, so denkt die Türkei auch nicht daran, englischen Forderungen dieser Art nachzugeben. Die beiden anderen Anliegerstaaten Bulgarien und Rumänien haben aber keinen anderen Wunsch als neutral zu bleiben und den
Krieg im Schwarzen Meer, der ihren ganzen <5e6* handel zerstören würde, zu vermeiden. Der Balkanbund, dem Rumänien angehört und dem Bulgarien sich seit der Belgrader Konferenz sehr genähert hat, liegt ganz auf der Linie dieser Friedenspolitik.
In diesem Zusammenhang ist noch das nahöstliche Bündnissystem von Saadabad zu erwähnen, dem außer der Türkei der Irak, Iran und Afghani st an angehören. Der Pakt von Saadabad ist ein D e f e n s i v b ü n d n i s und sieht eine gemeinsame Aktion der Unterzeichnermächte für den Fall vor, daß einer von ihnen von irgendeinem anderen Staate angegriffen wird. Er erstrebt nichts als die Erhaltung der gebietsmäßigen Unversehrtheit und politischen Unabhängigkeit jedes Mitgliedstaates. Die vier Mitgliedsstaaten bilden einen Block von annähernd 50 Millionen Menschen und 3,4 Millionen Quadratkilometer Flächeninhalt.
Aus allem Gesagten geht hervor, daß der Schlüssel zum Frieden auf dem Balkan und im Nahen Osten bei der Türkei liegt, welche die Hüterin der Einfahrt ins Schwarze Meer ist. Gibt sie dem Kriegsausweitungsdrang der Westmächte nach und geht sie dabei von ihrer Neutralität ab, öffnet sie also den Kriegsschiffen der Westmächte die Meerengen, dann kann sie weder auf die Hilfe ihrer Partner aus dem Balkanpakt, noch auf die des Nah-Ost-Paktes rechnen, da beide Verträge nur Defensivpakte sind. Nimmt sie aber ihre Rolle als Wächterin und Treuhänderin des Friedens im Schwarzen Meer ernst und sollten dann die Westmächte trotzdem versuchen, die Durchfahrt durch die Meerengen mit Gewalt zu erzwingen, so treten sowohl die Beistandsverpflichtungen des Balkanpaktes wie die des Saadabad-Paktes in Kraft, ganz abgesehen von der natürlichen Unterstützung, die die Türkei in diesem Falle von Sowjetrußland haben würde.
Man weiß in Frankreich und England sehr gut um die Hemmungen der Türkei, aber indem man tendenziöse Behauptungen als Tatsachen hinstellt, versucht man, die öffentliche Meinung in den Ländern des Balkans und des Nahen Ostens zugunsten einer kriegerischen Verwicklung im Nahen Osten zu beeinflussen, von der die obenerwähnte türkische Zeitung sprach. Dieser Spannungs- und Unsicherheitszustand zwingt die Staaten des östlichen Mtt- telmeeres und des Schwarzen Meeres dazu, immer stärker zu rüsten und ihre Armeen auf einer Stärke zu erhalten, die den landwirtschaftlichen und industriellen Produktionen einen guten Teil der Arbeitskräfte wegnimmt und die Finanzkraft der betreffenden Länder auf die Dauer ruinieren muß. Dieses Negatioum ist das einzige Beachtliche, das England und Frankreich den betroffenen Ländern zu bieten haben, im Gegensatz zu Deutschland, das ihnen in gleichbleibendem, ja steigendem Maße ihre Agrarüberschüsse abzunehmen und trotz des Krie- ges gegen lebenswichtige Jndustrieprodukte — sogar solche militärischer Natur — einzutauschen vermag.
Zeitschriften.
— In knapp fünf Jahren ist unsere Luftwaffe aus» gebaut worden und stellt heute eine triegsentschei« dende Macht bar. Wie das möglich war, schilderte der Staatssekretär der Luftfahrt und Generalinspekteur der Luftwaffe, Generaloberst Milch, dem Hauptschriftleiter der „Sirene" in einer Unter- rebung. Die neueste „Sirene" bringt außerdem einen aufschlußreichen Bildartikel über die Ausbildung der Selbstschutzkräfte während des Krieges. Ein anderer behandelt Derbrennungsschäden am menschlichen Körper.
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Der Nahe Osten und der Krieg.
Von unserem Or. He.-Korrespondenien.
Dichters Osterspaziergang.
Von Otto Anthes.
Der deutsche Dichter Emanuel (Seibel war in (ine Vaterstadt Lübeck zurückgekehrt, nachdem ihm ie königliche Gnadensonne von München jäh in Ingnade erloschen war, weil sein Auge über die lyrische Grenze hinaus nach dem größeren Reich haute. So sehr ihm bei diesem Umbruch seines gebens die Heimat als bergender Hafen erschienen >ar, vermochte er sich doch nicht leicht in die Enge er alten schlafengegangenen Hansestadt einzufügen. Um so lieber überließ er sich, als nun Ostern herangekommen war, seiner langjährigen Gewöhnung und schritt in der ersten Frühe des Ostersonntags aus dem Holstentor ins Freie hinaüs.
Er war dennoch nicht fröhlich dabei. Die karge giatur des Landes an der Ostsee hielt selten mit tem Kalender Schritt. So war auch diesmal der Himmel grautrübe, es wehte ein kalter Wind, und Sibem lag die Ahnung von einem Ungeheuren, das ch vorbereitete, wie eine schwerdunkle Wolke über >ni deutschen Land. Es war das Jahr 1869.
Auf der Puppenbrücke überquerte er den Stadtgraben, schenkte aber dem Gott Merkur kaum einen Nick, obwohl der noch immer in seiner verächtlichen Stellung den alten hansischen Trotzubermut bekundete. Fast schämte er sich des schalkhaften Terschens, das er einmal auf ihn gemacht. Nach Imks hin schaute er, wo die Lachswehr lag em Lustgarten an der Trave, der seine ersten unschul- bigen Jugendliebeleien gesehen hatte unb t)ann seine Hochzeit mit der Heißgeliebten, die ihm der Tod nur allzu bald entrissen. „Alles vorbei, murmelte er vor sich hin. Er war noch nicht alt, noch nicht fünfzig, und doch war ihm, als ob das Leben mit all feinen milden und grelleren Lichtern nun hinter ihm läge und vor ihm nur Dunkel. Denn auch das Schicksal Deutschlands war zweifelhaft, selbst 'hm, bem hoffnungskühnen Herold des neuen Reiches.
Zur Hohen Liet wollte er, dem verwunschenen Kalb, von dem eine Ausschau auf die Ostsee winkte, riick ins Weite, Erhebung übers Niedrige. Und : nun fing es auch noch an zu regnen. Der Dichter warf den „Plaid", den er stets statt des Ueberrocks trug, um die Schultern und drückte den Schlapphut tiefer ins hagere, von eisgrauem Schnauz- und rpitzbart umgrämte Gesicht. So kam er nach Nat- 6au, zwischen der uralten Feldsteinkirche und dem Pfarrhaus hindurch, wo Blücher 1806 vor den nach- bränynten Franzosen hatte kapitulieren müssen,
weil er kein Pulver und kein Brot mehr hatte. Lauter schwer lastende Erinnerungen! Dann aber stand die Hohe Liet hoch über dem Dorf. Hohe Buchen bedeckten weiträumig die Kuppe der Anhöhe, die man in dieser Umgebung wohl einen Berg nennen mochte, kirchenstill war es jederzeit im Innern, und ein Erdwall umzog das Ganze, wie um es noch deutlicher vom flachen Land ringsum zu scheiden. Wie das ungeheure Hügelgrab eines ganz Großen aus der Vorzeit ragte die Hohe Liet aus dem Land empor.
Ein Ackerstück drängte sich wie eine Bucht in den Wald hinein. Dort saß auf dem Wall ein alter Bauer, einen groben Sack über^en Kopf gezogen, anzuschauen wie ein Gnom. Der Dichter empfand plötzlich aus seiner abgrunbtiefen Trauer heraus das Bedürfnis nach Mitteilung. Er breitete feinen
Plaid" aus und fetzte sich neben den Bauern.
„Nun?" sagte er.
„Tsche!" sagte der Bauer.
„Tsche!" wiederholte er nach einer Weile. „Dat s nu Ostern." t ,
„Ja", nickte der Dichter, „das Fest der Auf- erstehung alles Irdischen." Und dann fuhr er herum und setzte jenem wie ein Pistol die Frage auf die Brust: „Was haltet Ihr von der Auferstehung?"
Der Bauer wiegte den Kops.
„Wie Gott will. Ick stah mit up, ick bliev ook l*"unb dabei könnt Ihr Euch beruhigen?" zürnte Gei bei. „Euer Acker hier, seid Ihr nicht gewiß, daß er seine Ernte bringen wird, rote auch das Wetter heute sei?" v ,
Dat ward hei woll", antwortete der Bauer bedächtig. „Awwer de Acker roeet dor nix vom"
Aber Ihr feit) doch ein vernünftiger Mensch unb könnt denken." lieber ihnen 'm den Busch, der sich von oben schützend über die Stelle neigte, flatterte in diesem Augenblick ein Fink, schüttelte sich und fing, da er sich nun geborgen fühlte, plotz- lich laut und hell zu fingen an
„Ho?" lachte der Bauer. „Schall ick oernunfzgen Minschen mi von die unoernünftge Kretur beschämen laten? Hei flaut un piept und singt un roeet von gor nix. Un hofft bat beste."
Also hoffen wir das beste! sagte der Dichter grimmig und erhob sich. Als er auf der.Hohe der Kuppe stand unter den lichten Buchen, blinkte weit draußen zwischen zwei Dünenhängen die Ostsee aus. Einen Augenblick nur, aber es war die Sonne gewesen, die die See hatte aufleuchten lassen. Da siel es wie eine Last von dem Dichter ab. „Sonne,
Fink und Bauer", sagte er leis vor sich hin. „Wir wissen nichts, aber daß wir vertrauen, das ist alles. — Es muß doch Frühling werden", fügte er mit einem Vers hinzu, den er vor langen Jahren gedichtet hatte und dessen hoffnungsstarke Inbrunst ihm nun wie ein Trost und eine Verpflichtung erklang.
Anderthalb Jahre später zerriß der Donner der Kanonen von Weißenburg, Wörth und Sedan den trüben Dunst, der über Deutschland gelegen war, und der Dichter stimmte sein Saitenspiel noch einmal zu dem herrlichen Lied: Nun laßt die Glocken — Darin es heißt: Der Herr hat Großes an uns getan.
Kleine Frühlingskantaie.
Von Karl Hans Bühner.
Was ein rechter Frühling ist, kommt über Nacht ins Land. Es war im März, noch lag dichter Schnee auf Erde und Haus. Die alten Leute im Dorf verhießen.zwar mit dem wechselnden Mond auch anderes Wetter. Es fiel noch einmal Schnee, die Kälte stieg wieder, und der Himmel blieb danach einige Tage bewölkt.
Da geschah etwas Seltsames mitten in einer gewöhnlichen Nacht: ich erwachte am Krachen der Truhen und am Knistern des Holzes und hörte es eintönig auf die Rinnen draußen und auf das Blech ums Haus herum klopfen — ich wußte, was dieses bedeutete: der Föhn war von den Bergen herunter gekommen. Es wurde Frühling —
Die gan,y> Nacht hindurch strich ein warmer Wind durchs Haus, blies in die Ritzen und fegte im Flur umher. Das Morgenlicht hinterm Vorhang kam eher als sonst und schien, auch ein wenig eindringlicher. Als ich aufftanb, ging gerade der Knecht über den Hof, die Rohrstiefel angezogen, em paar Pflöcke und Bretter unter den Arm geklemmt, und Säge und Beil geschultert.
„Es ist jetzt vielleicht schon zu spat, daß du die Fallen in Ordnung bringst, Johannes", sagte ihm die Bäuerin vom Fenster aus. Aber der gab nicht gleich Antwort. Er blieb stehen, sah nach dem jenseitigen Hang hinüber, der auf Rufweite entfernt mar" unb wies nach dem einen Ende des schmalen Wäldchens. „Es dauert noch eine Weile", gab er schließlich Bescheid, „bis das Wasser recht fließt. Es sickert ja vorläufig noch in den Boden ... Uebn- qens ist der Fuchs wieder da. Es wird Zeit, daß man ihm die Pfote drückt", sagte der Knecht, bann topfte er aus dem Hof. „Ach, red net, jo bald
schon?" fragte die Bäuerin, schaute mit angestrengt zugekniffenen Augen nach dem Hang hinüber unb erblickte eine dunkle, sich bewegende Stelle im Schnee an der Halde. „Wahrhaftig, der Fuchs ist wieder da, dieser Dieb!" sagte sie ärgerlich unb schlug das Fenster zu. -- .
Arn selben Morgen noch gehe ich den Ram #n- auf. Die starken Grasbüschel sind schon vom Schnee entblößt, und die weiße Decke ist an vielen Stellen durchbrochen; da und dort gluckst ein klares Bächlein durch die Furt. Mit seufzendem Laut sinkt der Schnee in sich zusammen. Wind weht mich an, mtt einem Ruch Süßigkeit und Weite und Erde beladen. Die Zunge kostet schon von der künftigen Seligkeit der Welt ...
Stetig scheint der Himmel zu wachsen und der Horizont sich zu -erweitern, weil sich die Tage bereits mehr mit Licht füllen, einem vorerst ungewissen, zerstreuten Licht allerdings. Dafür entbehren auch die Nächte das unbestimmte milchige Weiß. Der Mond gibt letzte Klarheit, und die Schatten der Dinge sind wieder schärfer geschnitten.
Mit dem Regen kommen auch die Stürme ins* Land. Sie entlauben die Bäume vollends und zerren die letzten Früchte von ihren Zweigen. Aber bann pfeift und singt unb trillert es in aller Frühe vor den Fenstern, die' Vögel sitzen hoch oben in den Kronen der Bäume und singen die Sonne an und weben ihr zierliches Lied in den füllen Morgen. Die Sonne glitzert, funkelt, spiegelt sich in den Wassertropfen, die tausendfältig an den regenschweren, gönzenden Zweigen hängen wie Perlen, durchsichtiger noch als Bernstein, im leisesten Windhauch zitternd vor lauter Angst, daß er sie ab schütteln könnte.
Und bann kommt ein Tag, an dem wölbt sich der Himmel rote sonst fern und groß über dem Sichtbaren, mit einer Bläue ohnegleichen, in die man sozusagen tiefer hineinzusehen vermag. Zärt- lieber umgreift sie die Erde, umgreift sie die Werte. Beinah zu messen ist, wie die Sonne täglich ihren goldenen Bogen in die kristallene, bläulich schimmernde Schale hinaufspannt, immer höher in den Zenit hinein. Die Dämmerungen bei unbewölktem Himmel sind nun voller Uebergänge, voll kurzer, unbegreiflich zarter Uebergänge. Schon reicht reder Laut wieder weiter, und das Echo im Wald ist kräftiger geworden. Schon sind die Wiesen von blassem Grün überhaucht, und das erste Blatt sprengt bald die braunen, fiebrigen, schwellenden Knospen. In einigen Wochen steht dann die Sonne wieder hoch über unserem Scheitel, und die Bluten der Hoffnung setzen zu Früchten an <♦«


