London das Mrtschastszenlrunl Englands.
Durch die ständigen Angriffe der deutschen Luft- roaffe auf London werden snstematlsch die wirt- schaftlichen Anlagen der englischen Hauptstadt zerstört, die in stärkerem Maße als in anderen Landern die wirt -östliche Zentrale und ein Mittel- vunkt der Rüstungsindustrie des Landes ist. Werke der Rüstungsindu^ie befinden sich sowohl in der Stadtmitte Ms auch in den Vororten, namentlich in den östlichen und südöstlichen, lediglich ein Teil der Londoner Rüstungswerke ist im Woolwich-Arsenal, im Osten Londons, zusammengefaßt. Die Bedeutung des Woolwich-Arsenals kann man schon daran erkennen, daß im letzten Friedensjahr rund 20 000 Arbeiter in seinen Fabriken beschäftigt waren. Hier werden schwere Geschütze, Flugzeugabwehrkanonen und andere Waffen hergestellt.
Im Londoner Vorort Dagenbam, ebenfalls im Osten der Stadt, befinden sich Munitionsfabriken. In den südöstlichen Bezirken von Crayford und Dartfort liegen^prengstoffwerke. Auch im Norden der Stadt gibt es zahlreiche Rüstungsbe- triebe. Die wichtigsten befinden sich in Enfield und Waltham Abbey, wo Pulver, Sprengstoffe und Handseuerwaffen hergestellt werden. Zahlreiche andere Rüstungsbetriebe liegen in verschiedenen Stadtteilen des nördlichen London verstreut. Im Stadtinneren haben Werke der Flugzeug- i n d u st r i e und der für die Rüstung arbeitenden Eisen- und Maschinenindustrie ihren Standort. Ferner sind hier Werke für die funken- telegraphische Ausrüstung für Flugzeuge und Heer sowie zur Herstellung elektrischer Spezialinstrumente, Gasmasken und Wehrmachtsgeräte vertreten. Bedeutende Werke der Flugzeugindustrie befinden sich ferner im Süden und Westen der S^adt. Unter den südlichen Vororten ragt besonders Croydon mit seinen Werken zur Herstellung von Geschützen und Flugzeuggerät hervor. Dom Süden zieht sich über den Westen bis zum Norden ein ganzer Kranz von Werken der Flugzeugindustrie und Flugzeugzube- hörindustvie. Werke der Flugzeugberstellung verteilen sich z. B. auf WeybvDge, Cricklewood, Hayes und Kingston os Thames.
London ist auch der Standort wichtiger Industrien, die als Unterlieferanten der Rüstungsindustrie von Bedeutung sind oder deren Produktion für Rüstungszwecke verwandt wird. So ist beisviels- weise ein großer Teil der optischen Industrie Englands in London konzentriert. Außerdem ist
London der Hauptstandort für die Herstellung feinmechanischer Apparate. In London sind auch die größten Unternehmungen der K a u t - lchukindustrien zentralisiert. Außerdem ver- jüyt London selbstverständlich über andere Industriezweige mit wehrwirtschaftlicher Bedeutung, wie z. B. Schlossereien, Reparaturwerkstätten, Automobilwerke; ferner gibt es in London zahlreiche Betriebe, die für die Versorgung der Millionenstadt von großer Bedeutung sind. Von großer wehr- wirtschaftlicher Bedeutung sind die Tanklager für Mineralöl im Londoner Hafengebiet, deren Fassungsvermögen über eine Million Tonnen beträgt.
Die Bedeutung des Londoner Hafens, des größten der Welt, ist für England lebenswichtig. Er verfügt über 39 Hafenkammern mit zusammen 260 Hektar Wasserfläche und 55 Kilometer Kailänge; 21 Schleusen im Londoner Hafengebiet sorgen für die Unabhängigkeit des Hafens von Ebbe und Flut, lieber diesen Hafen wird ein Gebiet von rund 20 Millionen Einwohnern und damit nahezu 40 v. H. der gesamten englischen Bevölkerung versorgt, lieber lieber die Größe des Umschlages im Londoner Hafen geben die Einfuhrziffern des Jahres 1937 Auskunft; in diesem Jahr wurden über den Londoner Hafen nach England einqeführt: rund 2.4 Mill. Tonnen Weizen, rund 0,4 Mill. Tonnen Milchprodukte, rund 0,5 Mill. Tonnen Futtermittel, rund 0,8 Mill. Tonnen Früchte und frisches Gemüse, rund 4’0 Mill. Tonnen Fleisch, rund 1,5 Mill. Tonnen sonstige Lebensmittel einschl. Zucker, rund 0,8 Mill. Tonnen Gummi, rund 3,5 Mill. Tonnen Erdöl einschl. raffiniertem Erdöl, rund 1,0 Mill. Tonnen Metallwaren, rund 0,6 Mill. Tonnen Papier. lieber London gehen u. a. 60 v. H. der englischen Bleieinfuhr, rund 60 v. H. der englischen Zinkinfuhr, rund 40 v. H. der Wolleinfuhr, rund 30 v. H. der Schnittholzeinfuhr, rund 62,5 v. H. der Rundholzeinfuhr, rund 30 v. H. der Oelkuchen- und sonstigen Kraftfuttermitteleinfuhr. Auch a I s Ausfuhrhafen von Fertigwaren ist der Londoner Hafen von großer Bedeutung. Es wurden über London ausgeführt 02 Mill. Tonnen Metallwaren, 0,3 Mill. Tonnen Koks und 0,2 Mill. Tonnen Teer. Aus diesen Darlegungen geht hervor, daß mit London das wichtig st e englische L e - benszentrum getroffen wird, Tag für Tag liegt dieses nun im zerstörenden deutschen Bombenhagel.
ist Leopold Stern, ein früherer Mitarbeiter am „Figaro", aus Paris gekommen und fein fchr-ist- ftellernder Kollege Jacques Ebstein, ehemaliger Direktor der Pariser Zeitschrift „L'Ordre". Sie geben Interviews und lasten chre Ansichten mit ihrem Bild veröffentlichen; man stellt sie als vollkommene „gentlemen“ dar und erfreut sich über den „Enthusiasmus", mit dem sie jeden Brasilianer, der es hören will, ihrer großen Sympathien für Brasilien versichern.
Zweifellos haben sie dies auch nötig, die Männer, die hier noch von ihrem verblichenen europäischen Ruhm zehren können. Aber wie lange wohl noch? Sie sind nicht unklug; sie geben vor, Romane über Brasilien schreiben au wollen, — ein sehr kluger Vorwand, mit dem sie sich für die erste Reise wenigstens ihre Aufenthaltsgenehmigung in Brasilien gesichert haben. Natürlich setzen sie große Hofinungen auf ihre später einmal in Angriff zu nehmenden romanhaften Arbeiten, unter denen vor allem der von Herrn Stern geplante Roman besonders utopisch zu werden verspricht, insofern er mit diesem Zukunftswerk eine Vertiefung des französisch-brasilianischen Verständnisses anstrebt. Dabei scheint diesem „französischen" Literaten aber vollkommen zu entgehen, daß er damit in keinem Fall seinem besiegten und geschlagenen „Vaterland" dient; denn gerade in der nächsten Zukunft wird Frankreich eine Festigung von Beziehungen nicht jenseits des Atlantischen Ozeans, sondern vordringlich und ausschließlich bei seinem nächsten Nachbarn, bei Deutschland suchen müssen und wollen.
Die Flüchtigen, deren Geistigkeit der zivilisierten Welt des 20. Jahrhunderts den Stempel des internationalen Judentums aufdrücken wollte, werden früher oder später auch in Südamerika sicherlich erkannt und wegen der von ihnen inspirierten nationalen Verfallserscheinungen bekämpft werden; denn sie passen ganz und gar nicht zu dem jugendlichen Ausschwung der Konsolidierungsbestrebungen Südamerikas, die in dem strengen Nationalbewußtsein Brasiliens und der anderen Länder ihren Ursprung haben. Man weiß auch in Südamerika, daß man sich bei allen Bemühungen um eine innere Einheit nicht von der übrigen Welt und insbesondere von Europa abschließen kann; wenn sich vielmehr Südamerika als ein kulturell geeinter Kontinent zusammengefunden haben wird, dann wird dies zweifellos eine Vertiefung und einen weiteren Ausbau feiner kulturellen Beziehungen zu Europa zur Folge haben, zu jener wieder jugendlich auferstandenen „Alten Welt", die von jeher das Festland der Kulturnationen war. Damit wird dann aber auch in Südamerika der Tätigkeit jener schreibenden Herren Einhalt geboten werden, die dem aufstrebenden jungen Europa, das die ganze Welt beeindruckt, völliges Unverständnis in den Weg zu stellen versuchten. Südamerika ist auf dem besten Wege, sich zusammenzufinden; zu allen in diese Richtung weisenden, bedeutungsvollen Anfängen muß jeder gute Europäer den südlichen Kontinent Amerikas beglückwüpfchen, womit wir aber schon jetzt für Brasilien und alle anderen Lander, die eine kulturelle Verständigung suchen, den Wunsch aussprechen wollen, daß sie recht bald den Einfluß von „Europäern" auszuschalten vermögen, die sich als unwürdig erwiesen haben, solche zu sein.
Dr. Werner Aulich.
Angelsächsischer Wittschafis- westb werb in Südamerika.
R i o de Janeiro, 21. Okt. (Europapreß.) In Wirtschaftskreisen der Vereinigten Staaten hat die wirtschaftliche Betätigung Englands in Südamerika erhebliches Mißvergnügen hervorgerufen. Während England auf der einen Seite die Unterstützung der Vereinigten Staaten für seinen Krieg zu erhalten sucht, kämpft es auf der anderen Seite dagegen, daß die Union auf Kosten Englands Fortschritte auf den südamerikanischen Märkten macht. Die Miß- stimmung in den Vereinigten Staaten hat neuen Auftrieb durch die Entsendung einer englischen Wirtschaftsko mm i s s i o n erhalten, die unter Leitung von Lord Willingdon in Kürze hier eintrifft. Ein anderer Anlaß ist die Elektrifizierung der Zentraleifenbahn Brasiliens, die von der englischen Rüstungsfirma Vickers ausgeführt wird. „La Prenfa" weist darauf hin, daß die Bahn „wie zufällig" an eine Stelle führt, an der große Eisenwerke errichtet werden sollen, deren Bau von der nordamerikanischen Ein- und Ausfuhrbank durch eine Brasilien zu gewährenden Anleihe finanziert werden soll. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage, in der sich England zur Zeit
befindet, sind die Elektrifizierungsarb?iten ins Stocken geraten. Die brasilianische Regierung drängt aber auf rasche Durchführung der Arbeit. In den Vereinigten Staaten besteht lebhaftes Interesse daran, die Elektrifizierung selbst zu vollenden, wenn Vickers den Vertrag nicht erfüllen kann. Ein weiterer Streitpunkt zwischen England und den Vereinigten Staaten sind die für die Eisenbahnen notwendig gewordenen Kohlenlieferungen. Auch hierüber findet ein heftiger englisch-nordamerikanischer Wettbewerb statt.
Der italienische Bericht.
Wieder britische Bomben auf Wohnviertel oberitalienischer Städte.
Rom, 21. Oft (SRB.) Der italienische wehr- machlbericht vom Montag hat folgenden Wortlaut:
3ti Rorbafrita Erkundungstäkigkelt. Einige feindliche Luftangriffe verursachten keinen Sachschaden, es gab zwei Verwundete.
In Oslafrika wurde bei einem Zusammenstoß einer Patrouille mit feindNchen Lastkraftwagen- kolonneu an der erythräischen Grenze der Gegner zum Rückzug gezwungen.
Unsere Luftwaffe bombardierte die feindlichen militärischen Stellungen bei Habbas Wein (Kenia), den Flughafen Waijr, motorisierte Truppen auf der Straße Waijr—Gherille und in der Umgebung von Arbo, sowie im Roten Meer einen von Kriegsschiffen begleiteten feindlichen Geleitzug.
Bei dem im Wehrmachtbericht vom Donnerstag erwähnten Lustangriff auf den englischen Stützpunkt Perim wurden — wie nachträglich festgestellt wurde — zwei kleinere dort stationierte Kriegsschiffe versenkt.
Feindliche Flugzeuge bombardierten Decamero, wobei es unter der eingeborenen Bevölkerung einen Toten und elf Verwundete gab. Leichter Schaden an Baracken; ferner wurden wirkungslos Bomben abgeworfen auf Asmara, Gura, Agordat und 2Haf- faua.
Von der Schweiz kommend wurden vom Feind Luftangriffe auf oberitallenische Orffchaften durchgeführt. 3n Verona wurden ein Privathaus und ein Wohltäffgkeltsinstitut beschädigt, wo 60 Waisen und 150 Arme untergebracht waren. 3ns- gesamt sind 3 Tote und 12 Verwundete zu beklagen. 3n der Provinz Pavia wurden zwei Wohnhäuser zerstört, wobei es vier Tote und einen Verwundeten gab. 3n der Provinz Alessandria wurden drei Häuser zerstört, eine Person getötet und zwei verwundet, eine davon schwer. 3n der Ortschaft Borgi Verezzi (Savona) wurden in einem Gehölz kleine Brände verursacht, eine Kirche schwer getroffen und die benachbarten Häuser leicht beschädigt, ohne Personen zu verletzen. Bei zwei anderen Ortschaften wurden Bomben auf freies Feld abgeworfen.
Englische Flieger verletzen erneut Schweizer Hoheitsgebiet.
Bern, 21. Okt. (DNB.) Der schweizerische Armeestab teilt mit: „In her Nacht zum 21. Oktober wurde schweizerisches Hoheitsgebiet durch englische Flieger mehrfach verletzt. Einflüge erfolgten über die Iura grenze nach Südosten. Unsere Fliegerabwehr hat an mehreren Orten Feuer gegen die Flugzeuge er. öffne t." Hierzu wird ergänzend gemeldet: In Bern wurde um 22.15 Uhr Fliegeralarm gegeben,
der eine Stunde dauerte. Um 0.25 Uhr erfolgte ein neuer Alarm. Die Luftschutzsirenen ertönten auch in Zürich, Freiburg, Genf, Lausanne und Neuenburg. In Lausanne schreckten die Sirenen in kaum vier Stunden die Einwohner achtmal auf. In Wallis wurde beobachtet, daß die Flugzeuge über das Simplon-Massio in d i e Lombardei einflogen. Unter der Überschrift „Fängt die Geschichte wieder an?" schreiben die „Basler Nachrichten": „Ziemlich genau sieben Wochen nach der letzten Verletzung des schweizerischen Luftraumes haben die Engländer unser Gebiet wieder überflogen, um in Italien Kriegsziele anzugreifen. Damit ist die leidige Streitfrage zwischen Bern und der englischen Hauptstadt wieder aufgerollt und die Schweiz wird ganz energisch vorstellig werden müssen. Es hat den Anschein, daß starke Verbände unser Land überquerten."
Rationierungsmaßnahmen h der Schweiz.
Basel, 21. Okt. (Europapreß.) Wie das eidgenössische Ernährungsamt mitteilt, wird sämtliche im Inland erzeugte Milch der Ablieferungspflicht unterstellt. Erlaubt ist jedoch bis auf weiteres die normale Abgabe von Milch an bisherige Kunden. Um dem Schwarzhandel mit Butter vorzubeugen, ist die gesamte Erzeugung auf sämtlichen Pro-
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duktionsstellen und von einzelnen Produzenten, soweit sie nicht der Selbstversorgung dient, ablieferungspflichtig. Damit die Butter-Rationierung in ihrer Wirkung nicht beeinträchtigt wird, ist dis auf weiteres ein Rahmverbot erlaßen worden. Käse und Milch bleiben frei, doch find Vorkehrungen getroffen worden, um übergebührlichen Bezügen von Milch und Käse entgegenzutreten. Die bisher nicht rationierten tierischen Fette sind jetzt ebenfalls der Rationierung unterstellt.
Besserung der russisch-japanischen Beziehungen.
H s i n g t i n g, 21. Okt. (DNB.) Die Nachrichtenagentur „Taß" in Schankhai hat der Kokutsu-Presse x vorgeschlagen, einen Nachrichtenaustausch vorzunehmen. Die Zeitung „Mandschu Nitschi Nitschi" schreibt, daß sich nach einer Erklärung des neuen japanischen Botschafters in Moskau, Täte- Fama, die russisch-japanischen Beziehungen auf Grund der neuen, durch den Dreimächtepakt geschaffenen Situation von Tag zu Tag besserten. Die früheren llebertreibungen der ideologischen Unterschiede zwischen Rußland und Japan- Maiidschukuo hätten beständige Reibereien zur Folge gehabt, während die jetzige Politik a a f praktischen Erwägungen beruhe, die a ü f- klärend wirkten.
Neuer japanischer Befehlshaber in Südchina.
Tokio, 21. Okt. (DNB.) Die Ernennung Generalleutnants U f h i r o g u zum Befehlshaber der japanischen Südchinaarmee, sowie die Bombenangriffe auf die neugeöffnete Burmastraße zeigten, so meint die nationalsozialistische „Kokumin Schim- bun", die feste Entschlossenheit der japanischen Wehrmacht, der neuen Lage zu begegnen. Der japanischen Südchinaarmee komme nach dem Einmarsch in Franzosisch-Jndochina besonders große Bedeutung bei. Japan sei entschlossen, gegenüber allen Unter- stützungsstraßen für Tschiangkaischek einen entscheidenden Schlag durchzuführen und damit eine schnelle Beendigung des Chinakonfliktes zu erzielen. Wenn England und Amerika auch künftig weiterhin derartig feindliche Maßnah- men durch führten, so werde Japan diesen Aktionen radikal entgegentreten. Unter all diesen Gesichtspunkten sei die Ernennung Ushirogus umso bemer-
„Michelangelo."
Em Tobis-Degeto-Film im Lichtspielhaus.
Dieser Film, von Curt Oertel unter Mitarbeit von J-B, Malina und / Dr. W. Pleister geschaffen, der bis heute einschließlich im Lichtspielhaus gezeigt wird, stellt eine seither seltene, große und bis zu einem gewissen Grade neue Form des sogenannten Kulturfilms dar: wenn man den Kulturfilm als Gattungsbegriff von der ungleich häufigeren und geläufigeren Erscheinung des Spielfilms ab- grenzen will, wird man vielleicht die Handlungs- losigkeit, das Undramatische des Kulturfilms als wesentlichstes Unterscheidungsmerkmal hervorheben; daneben wohl auch die lehrhast-erzieherische Absicht, das Bildungselement. Was dieses betrifft, so ist es im Michelangelo-Film, wie auf den ersten Blick zu erkennen ist, in hohem Maße gegeben; was die Dramatik angeht, die mehr oder minder entscheidend den Spielfilm auszeichnet, so fehll sie einem Kulturfilm wie diesem durchaus nicht. Da es hier unternommen wurde, Leben und Werk eines einsamen Weltgenies, das Michelangelo hieß, in verhältnismäßig wenigen Bildern zu erfassen und, wenigstens andeutend, nachzubilden mit den unendlich verfeinerten Mitteln der neuzeitlichen Filmoptik, so mußte etwas eminent Dramatisches entstehen, denn Leben und Werk dieses Künstlers waren in sich im ursprünglichsten Sinne des Wortes dramatisch. (Das griechische Wort Drama bedeutet Handlung.) Nur wurde hier stllgerecht auf den Menschen als Träger der Handlung, das heißt also auf den Schauspieler, verzichtet. Zwischen Florenz und Rom, zwischen den Jahren 1475 und 1564, spannen sich die Linien, die ein ungewöhnliches Leben und ein unerhörtes Werk begrenzen. Die Mittel der Darstellung sind: in erster Linie die Kamera; daneben das begleitende, schildernde, erläuternde Wort — es waren verschiedene männliche und weibliche Sprecher dafür eingesetzt, deren Namen nicht genannt werden, aber man hört mehrfach sehr deutlich die Stimme von Matthias Wie. man heraus —; in letzter Linie und hier eigentlich entbehrlich die untermalende Musik (Alois M e • lichar als Komponist und die Berliner Philharmoniker).
Träger der Handlung" sind allein Natur und
bildende Kunst; Landschaften und Städtebilder von großer Schönheit, der Film „spielt" ja an den erlauchtesten Stätten und Schauplätzen des klassischen Italien. Monumentalplastik, große Architektur, große Malerei bilden eine manchmal überwältigende Dreiheit: in Michelangelo war das Wunder dieser dreifachen, ebenbürtigen Begabung und Begnadung vereinigt — wenn man das Dichterische, wie es sich in den Sonetten spiegelt, einmal als Nebenbegabung aus dem Spiel lassen will. Die Kamera nun (H. Ringger) baut das Werk des Buonarotti, das in feinen letzten Gipfelungen zu schlechthin übermenschlichen Masten emporwächst (man denke nur an die Sixtinischen Deckengemälde) in außerordenllich schonen und eindrucksmächtigen Photographien vor dem Beschauer auf: es war hier ein empfindlicher Sinn für lebendige, beseelte Form an der Arbeit, der mit der beweglichen Kamera das Werk liebevoll umkreist, abtastet, im Spiel von Licht und Schatten plastisch nachbildet und vor Augen führt. Es wird indessen nicht zu übersehen sein, daß sich auch die Grenzen eines solchen, an sich höchst dankenswerten, anregenden und bildenden Filmstils bemerkbar machen: vor allem läßt gelegentlich die berechtigte Freude am Detail den Gesamteindruck zu kurz kommen, und auch die oft unvermittelt schnellen und schroffen Ueberblenbun- gen beeinträchtigen hier und dort verweilenden Genuß und Aufnahmefähigkeit des Beschauers. Die gewaltig ansteigende Reihe der Werke bildet das szenische Skelett dieses Bilderdramas; feine Szenen sind gefüllt vom nicht minder dramatisch wirkenden Bericht der Werkgeschichte und eines Lebenslaufes, der nur vor dem farbig und figurenreich bewegten und erregten Hintergrunds des italienischen 16. Jahrhunderts begriffen werden kann und seine entscheidenden Akzente erhält. — Es ist kein Zweifel, daß dieser Film ein wenig mehr voraussetzt und vom Beschauer verlangt als ein durchschnittlicher Spielfilm; kein Zweifel aber auch, daß der empfängliche und kunstwillige Besucher sich reich belohnt fühlen und mit großen Eindrücken und vielfältiger Anregung entlasten finden wird.
Zuvor läuft die reich beschickte neue Wochenschau; sie berichtet u. a. von der Rückführung der Deutschen in Bessarabien, von den jungen, aufbauwilligen Kräften in Norwegen, von. der Truppenschau am
Jahrestage der Eroberung Warschaus, von Hebungen unserer Panzertruppen und Stoßtrupp-Pioniere im besetzten Gebiet, von Deutschlands Wacht an der Kanalküste und von siegreichen Luftkämpfen über England. Hans Thyriot.
„Zufälle" bei der Entstehung des britischen Weltreichs.
Als „Treppenwitze der Weltgeschichte" kann man eine Reihe von Zufälligkeiten ansehen, die zum Entstehen des britischen Weltreichs entscheidend beigetragen haben. Das ist keineswegs eine boshafte Ausdeutung mancher Geschehnisse durch feindliche Ausländer, vielmeyr hat eine für diese Geschichten so zuständiae Quelle wie die „Time s" vor Jahren in einem Aufsatz „Accidents of Empire” die fast unglaublich grotesken Umstände erzählt, unter denen dem britischen Reiche seine heutigen Glanzstücke, Indien, Australien und Neuseeland, einverleibt worden sind. Merkwürdig ist, daß die „Times" diese Betrachtungen gerade in der Zeit der jungen Liebe zwischen Engländern und Franzosen anstellte: es muß für die neuen Freunde ein besonderes Vergnügen gewesen sein zu lesen, wie die Engländer es immer verstanden haben, ihnen das Nachsehen zu lassen.
Es wirkt geradezu komisch, daß die britische Herrschaft über Indien ihren Ursprung in einem Steigen des Pfefferpreises um 2 Unzen hat. Während des ganzen 16. Jahrhunderts war der Handel zwischen Europa und Indien ein Monopol in der Hand der Niederländer. Plötzlich, im Jahre 1599, setzten diese den Preis des Pfeffers von 3 Schilling auf 6 Schilling per Pfund. Die Londoner Kaufleute versammelten sich zu einem Protest gegen diesen „unchristlichen" Pfefferpreis und lieber, als sie sich dieser Last unterwarfen, vereinigten sie sich, um dem holländischen Handel durch eine Kompanie unter dem Titel „The Governor and Company of the Merchants of London trading to the East Indies„ Trotz zu bieten. Erst 82 Jahre ist es her, daß die britische Krone von der alten „John Compagny“ die Zügel der vollen Regierung Indiens übernahm.
Nicht minder interessant ist der Weg, wie das große Australien für die britische Rasse gewonnen worden ist. Der Teil der Insel, der jetzt den Staat Viktoria bildet, war in Wirklichkeit von einer
französischen Expedition unter Kapitän Baud in annektiert worden, der das Territorium „Napoleon- Land" benannte und die Küsten und die heutige Stadt Melbourne ,^aiserin-Josefine-Land" taufte. Nur wenige Tage vor dem Landen der Franzosen in Australien war aber das Gebiet von einer britischen Gesellschaft annektiert worden; nichtsdestoweniger wären die Franzosen Besitzer geblieben, wäre nicht Kapitän Baudin nach verschiedenen Inseln abgefahren, um die wissenschaftlichen Mitglieder seiner Expedition abzuholen, die darauf bestanden, eine Sammlung von Südseeschmetterlinqen und Muscheln machen zu lassen. Ohne diesen Aufschub würden die Franzosen den Briten wirklich zuvorgekommen sein, und die Geschichte registriert die ungeheure Wut, die der französische Kommandant gegen seine wissenschaftlichen Begleiter losließ, deren Leidenschaft für Entomologie Großbritannien den riesigen Staat Viktoria zugeschanzt hat.
Auch die Erwerbung von Neuseeland ist ein solcher Witz der Geschichte. Vor etwas über 100 Jahren wurde in England erkannt, daß Frankreich die Annektion von Neuseeland anstrebe. Sofort wurden in England Anstrengungen gemacht, um die Regierung zu veranlassen, dem französischen Nachbar zuoorzukommen. Aber das Kolonialamt wollte nicht, und so unternahm es eine Privatgesellschaft, Neuseeland von britischen Kolonisten besiedeln zu lassen. Die französische Expedition und die Schiffe der privaten englischen Unternehmung fuhren gleichzeitig ab. Aber die französischen Emigranten wollten in ihrem patriotischen Gefühl nicht an S t. Helena vorbeifahren, ohne Napoleons Grab besucht zu haben. Von dort wollten sie die Zweige der Trauerweide mitnehmen, um in dem neuen Frankreich, das in Neuseeland gegründet werden sollte, die Erinnerung an den großen Toten zu pflegen. Alle Trauerweiden in Neuseeland, die heutzutage dort wachsen, sind Abkömmlinge von der, die über Napoleons Grab gewachsen ist, und sie sind ein Denkzeichen der Tatsache, daß, als die französischen Schiffe im Mai 1840 Neuseeland erreicht hatten und die französischen Würdenträger, begleitet von den Priestern im vollen Ornat, an Land stiegen, um die Trikolore feierlich zu hissen, sie von den britischen Ansiedlern empfangen worden sind, die infolge des Aufenthalts der Franzosen in St.Helena gerade drei Tage vorher die brü tische Flagge gehißt hatten. G IG


