Ausgabe 
22.8.1940
 
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gefahren bis zum erhöhten Place Etoile. Schon mancher Reisende wurde hier klein und bescheiden und fand seine Vaterstadt nach diesen Eindrücken überzeugender Baukunst von Jahrhunderten minder­wertig und nichtssagend.

Aus der Gruppe Soldaten neben uns einer der vielen, die täglich interessiert und offenen Auges mit ihren Offizieren durch Paris fahren oder mar­schieren, vor dem Grabmal des Unbekannten Sol­daten unter dem Arc de Triomphe salutieren, Notre Dame, das Pantheon und Napoleons unnahbaren Marmorsarkophag im Jnvalidendom besuchen er­tönt die Stimme eines jungen Leutnants:

Laßt mal erst den Führer Berlin fertig bauen! Und eins soll keiner beim ehrlichen Be­wundern vergessen: Wir sind so, wie unsere neuen Bauten, aber für die Franzosen von heute sind die Pariser Boulevards eine ganz falsche Kulisse. Es hat schon mancher ein Schloß geerbt und wußte sich trotzdem nicht wie ein Schloßherr zu benehmen."

Ein handfester Vergleich.

Etwas handfester, aber deshalb nicht weniger treffend, hat ein Soldat, mit dem wir zusammen­saßen, ausgedrückt, was er nach seinem Besichti- gilngsvormittaä von Paris denkt. Er war Rhein­länder und nahm seinen Vergleich deshalb aus dem speziellen Wortschatz.

Wissen Sie, wie mir Paris vorkommt? Wie eine schöne alte, begehrenswerte Flasche Wein, deren Aroma einen schon von ferne verlockt von der man aber beim Näherkommen mit Enttäuschung feststellt, daß sie halb geleert stehen blieb, weil schon andere merkten, daß sie nach dem Korken schmeckt."

Unsere Soldaten erkennen gerade in Paris sehr schnell, wie von den Franzosen ein großes Erbe der Vergangenheit in Selbstherrlichkeit und Genuß ver­tan wurde und von den stolzen Idealen und ge­priesenen Begriffen nichts übrigbleib als Aeußer- lichkeiten, als der hohle Schein und die tote Phrase. Tot und hohl wie die imposanten Bauten, die den Franzosen allzu lange die Illusion der Macht und der europäischen Vorherrschaft erhielten.

Le ersatz."

,-Unser Brennstoff, unsere Reifen, unsere Stoffe, unsere Motoren sind schlechter als ausländische? Mir kann keiner mehr was erzählen. Ich bin jetzt zigtausend Kilometer durch Frankreich gerollt, habe französische und englische Wagen gefahren und kenne mich aus.Se ersatz" war hier ein Schlag­wort für Minderwertigkeit. Von wegen! Ich habe den englischen Brennstoff klopfen und klingen hören und habe die viel gerühmt en Autos und Reifen schlapp machen sehen, wo unsere ruhig und zuver­lässig das schwierigste Gelände nahmen. Don un­seren Flugzeugen gar nicht erst zu sprechen. Und die Qualität der französischen Uniformen kann jeder in jedem Gefangenenlager bewundern. Tauschen will da bestimmt keiner.

Klar, die anderen haben mehr Rohstoffe, aber wir können besser arbeiten. Sie sollen mal erleben, wenn die Franzosen vor einem deut­schen Panzerwagen stehen! Was den Polen die Pappe war, war denenle ersatz". Von dem Traum wenigstens sind die Herren gründlich ge­heilt. Aber bei uns ist auch so mancher kuriert, der noch nach dem Ausland schielte und dort alles für besser hielt. Jetzt weiß jeder genau, was deutsche Arbeit wert ist."

Eins sei diesen Gedanken eines deutschen Sol­daten, die kurz nach dem Gespräch notiert wurden, noch zugefügt. Der Sprecher war im Zivilberuf nicht vielleicht Lehrer, sondern Schlosser. Womit nicht nur gesagt werden soll, daß er von seinem Fach etwas versteht, sondern auch festgestellt wird, daß der deutsche Arbeiter den Fehler früherer Ge­nerationen bestimmt nicht hat, alles Ausländische anzubeten. Dafür aber bringt er einen in der Welt einmaligen und ebenso berechtigten Stolz auf das Werk seiner Fäuste nach Hause mit.

Wenn es anders gekommen wäre...

In einem Gefangenenlager. Ein Posten zeigt uns einige der schwarzen, vertierten Exemplare, die Frankreich zu Vorkämpfern der Kultur, Menschen­würde und Freiheit erklärte.Wer sich unter Kul­turschande nichts vorstellen kann, soll uns hier mal besuchen. Ich kann jedem praktischen Aufklärungs­unterricht geben. Sehen Sie sich diese dreckigen, brutalen und sturen Kreaturen an. Wir aber, wir sind in den Augen der Franzosen die Boches und Barbaren. Wenn man jetzt mit dem Poilu spricht, will er auf einmal mit diesen schwarzen Brüdern nichts mehr zu tun haben. Aber in Paris und in

Mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

Berlin, 22. Aug. (DBB. Funkspruch.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch das Ritter­kreuz zum Eisernen kreuz an folgende Offiziere verliehen: Generalleutnant von Ehappuis, Generalleutnant W i k t o r i n, Generalleutnant Frhr. von Gablenz, Generalmajor S inhe- n i ch, ^-Oberführer Keppler, ^-Oberführer Steiner.

General von Ehappuis hat den Angriff sei­ner Jnf.-Divrsion über Aisne-Kanal und Aisne am 9. 6. so vortrefflich vorbereitet und in schweren Kämpfen Lurchgeführt, daß sie als erste Division der Armeefront eine Acht-Tonnen-Brücke aufbauen konnte, die dann von Teilen der Nachbardioision mitbenutzt wurde. General W i k t o r i n hatte mit seiner motorisierten Division entscheidenden An­teil an dem Siegeslauf von der Aisne bis zur Ein­nahme der Festung Epinal. General Frhr. von Gablenz leitete in vorderster Linie eine Kampfhandlung seiner Jnf.-Division, durch die hart­näckigster Widerstand gebrochen, ein Brückenkopf er­richtet und gegen alle Gegenangriffe gehallen wurde. Als sich der Feind im Morgengrauen zurückzog, stieß der General sofort persönlich mit einem Späh­trupp nach und gab so den Nachbardivisionen das Zeichen zum gleichen Vorgehen. General Sintze- n i ch hat in kühnem Zugriff die Loire-Brücken in Orleans in die Hand genommen und gehalten.

Das von ^-Oberführer Keppler geführte Re­giment der Waffen-^ hat als einziges Infanterie- Regiment im Rahmen eines Armeekorps den Durch­bruch durch die Grebbe-Linie erzwungen. Bei Er­kundung, Einsatz und Führung seines Regiments hat sich Oberführer Keppler besonders ausgezeichnet. Er hat das III. Batl. persönlich zum gewaltsamen lieber» gang über die Issel und zur Erstürmung des Greb­ben-Berges unter starkem feindlichen MG.- und Arttlleriefeuer angesetzt. Im Feldzug gegen Hol­land wurde das von ^-Oberführer Steiner ge­führte Regiment der Waffen-^ als einziges Infan­terie-Regiment einer Kampfgruppe zur Wegnahme der Inselgruppe Seeland eingesetzt, die von fran­zösischen Truppen verteidigt wurde.

Der rasche Vorstoß bis Dlifsingen in drei Tagen unter Erstürmung von zwei starken Verteidigungs­stellungen ist der überlegenen Führung des ^-Ober­führers Steiner zu verdanken. Er hat feine Batail­lone am Veveland-Kanal und am Damm zur In­sel Walcheren in Zusammenarbeit mit den Stukas unter starkem feindlichen Feuer . anaesetzt. Der schnelle Erfolg hatte wellgehenden Einfluß auf die Kämpfe vor Antwerpen, dessen Nordwestfront nun­mehr von der Schelde aus erreichbar war. ^-Ober­führer Steiner hat sich auch am La Bassöe-^Kanal und an der Lys, sowie an der Südfront besonders bewährt.

Ll-Vool- und Schnellboot- Kommandanten ausgezeichnet.

Berlin, 21; Aug. (DBB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz: Kapitänleut­nant Lemp, Kommandant eines U-Bootes, Ka­pitänleutnant Liebe, Kommandant eines U- Bootes, Oberleutnant z. S. F l m m e n, Kom­mandant eines Schnellbootes, Oberleutnant z. S. Freiherr von Mirbach, Kommandant eines Schnellbootes.

Kapitänleutnant Lemp hat Minenausgaben un­mittelbar vor der englischen Küste erfolgreich durch­geführt. Außerdem versenkte er aus stark gesicher­ten Geleitzügen elf Handelsschiffe mit 50 000 BRT. Bei allen seinen Unternehmungen hat er besonderen Schneid, großes Können und größte Einsatzbereit- schäft gezeigt. Kapitänleutnant Liebe hat 14 Schiffe mit 97 296 BRT. meist aus gesicherten Ge­leitzügen versenkt. Oberleutnant z. S. Kimmen versenkte auf Vorstößen im Kanal einen Zerstörer, einen Tanker von 12 000 BRT., zwei bewaffnete feindliche Frachtdampfer und ein Motorschiff. Ober­leutnant z.S. Freiherr von Mirbach schoß einen bewaffneten feindlichen Handelsdampfer in Brand und versenkte auf Vorstößen im Kanal einen Zerstörer und drei große bewaffnete feindliche Handelsdampfeo

den Hafenstädten sieht man überall die Mischlinge, die karierten Ehepaare und französische Mädels mit Negern Arm in Arm.

Uebrigens, wenn Sie durch Reims kommen, sehen Sie sich das Denkmal an, auf dem die schwar­zen Visagen in Erz verewigt sind über der In­schriftDen Helden der schwarzen Armee". Wenn es anders gekommen wäre und wir heute nicht hier in Frankreich stehen würden, hätten sie das nächste Denkmal ihrer Kulturschande wahrscheinlich auf dem Deutschen Eck in Koblenz errichtet."

Nicht anders gewollt, nicht anders verdient.

Wenn einer noch nicht weiß, was Volksge­meinschaft ist und Sozialismus" er­klärt ein Feldwebel, der zu Hause Kreisleiter in einer Industriestadt istkann er es hier überall gratis studieren. Hier offenbart sich nämlich das krasse Gegenteil. Die in den Pariser Luxus­lokalen scheren sich den Teufel um die Millionen­heere der elendigen Flüchtlinge. Was wir hier sehen, wird uns mancher zu Hause gar nicht glau­ben, wenn wir es erzählen. Daß es die Franzosen nicht anders gewolll haben, daß sie ihr Schicksal selbst heraufbeschworen haben, wußten wir genau, als es zum Angriff ging. Daß sie nichts ande­res verdient haben als den Zusammenbruch und die völlige Niederlage, das wissen wir alle ganz genau, nachdem wir dies Volk aus nächster Nähe erleben, in dem die Parole heißt, Eigennutz geht vor Gemeinnutz, in dem die Familien verkommen wie die Aecker und jeder statt Pflichten nur Wohl­leben und statt Leistung nur die Rente suchte.

Man sollte sie alle, und die zuerst, die bei aller äußeren Unterwürfigkeit hier und da schon wieder in stiller Resistenz machen, nachdem sie die deutsche Korrektheit erfuhren, an die Trümmer und Gräber führen und ihnen klar machen: Daran bist du schuld, du und kein anderer!"

Eine Aeußerung soll nicht vergessen werden, die gerade unseren Fraüen übermittelt werden sott. Wir sind in einem der großen Kabaretts gewesen,

die der Pariser so wenig entbehren kann, daß sie sofort ihre Pforten wieder öffneten. In diesem Mekka all derer, die das Fleisch anbeten, bemicht sich die gute akrobatische und die sehenswerte tän­zerische Leistung seit Jahren, neben der Enthüllung des Aufgebots gut gewachsener Frauen Beachtung zu finden.

Das muß man schon mal gesehen haben, sonst glaubt man es nicht. Da ist alles dran. Aber auf­regen kann das unfereinen ja nun nicht. Die Auf­machung hat es bestimmt in sich. Aber von mir aus können sie die gemalle» Puppen alle behalten. Ich bin weiß Gott kein Dhristkindchen oder Moralpredi­ger, aber hiergegen der feldgraue Besucher des Kabaretts zeigt uns später ein Bild von seiner Frau, die an jeder Hand ein Kind hält tausch ich den ganzen Laden nicht ein."

Das mag, so nacherzählt, etwas konstruiert klin­gen. Doch nirgends kann man s o viel echte Verehrung für die de-utsche Frau und Mutter finden wie bei unseren Soldaten, die mm die vielgepriesene Französin aus nächster Nähe sehen und die halbwüchsigen Mädel dazu, die selbst auf den Flüchtlingswagen, auf fesch zurecht gemacht, mit brennend rotgemalten Lippen hocken uni) kokett werden, sobald sie betrachtet werden.

Die Schwestern vom Roten Kreuz, von der NSV. und die Mädel vom Frauen-Hilfsdienst haben man­ches Wort gehört, das sie von rauhen Kriegern nicht erwartet hätten, und nur zu oft den Ausspruch: Endlich wieder eine deutsche Frau.

Oie Elitetruppen.

Doll Stolz beobachtet man, wie die deutsche Sol- datendisziplin und Kameradschaft auf den Franzosen wirkt und ihnen Bewunderung wider Willen ab» zwingt. Zweifelnd hat ein guter Bürger im Caf6 de la Paix einen jungen Offizier gefragt:Grüßen die deutschen Soldaten zu Hause auch so stramm oder nur hier?"

Und ein anderer Feldgrauer wußte zu erzählen, daß ihm ein Franzose, beeindruckt von dem Der- balten der deutschen Truppen, gesagt hat:Das sind

80. Geburtstag des Vaters des Fernsehens.

Am 22. August begeht Oberingenieur Dr. h. c. Paul Niptow, der Erfinder des Fernsehens, seinen 80. Geburtstag. Unser Bild ist die neueste Auf­nahme des Erfinders und zeigt den Jubilar in feinem Heim vor einem Fernsehempfangsgerät.« (Scherl-Bilderdienft-M.)

doch wohl alles besonders ausgebildete Elitetruppeni die Sie nach Paris geschickt haben?!"

Man hörte richtig die Angst heraus, daß nach­her die regulären Truppen kämen, die auftreten würden, wie die Franzosen an Rhein und Ruhr.

Oos Englandlied.

Jeden Nachmittag konzertieren deutsche Militär- kapellen auf der Freitreppe vor der Oper von Paris. Die Klänge haben es in sich und die Pariser viel Zeit (wohl deshalb, weil Vichy Geduld pre­digt und die Pariser das mll Nichtstun übersetzen)^ Sie lauschen und beobachten noch intensiver. Als das Englandlied ertönt, wird mit überraschender Vehemenz applaudiert und sogar eine Wiederholung erreicht.

Warum sie klatschen? Ein junger Flieger, der die Franzosen genauer kannte, meint: Manche sicher, weil sie Englands gemeinen Verrat endlich begriffen haben, andere, weil sie meinen, daß der Beifall für die Deutschen sich schon irgendwie ren­tieren würde, und die nächsten, weil sie glauben, daß ihnen die Melodie nichts schadet, den Deutschen aber, die an allemnationalen Unglück" schuld sind, doch vielleicht der Krieg gegen England.

Illusion und Selbsttäuschung sind immer noch Trumpf. Obwohl Pötain gerade in Vichy verkündet hatte, daßfein Platz mehr in Frankreich für Illusionen und Lügen ist".

Oer Wunsch aller.

Die Haltung und den Geist unserer Soldaten in Frankreich kennzeichnet man nur sehr unvollkom­men, wenn man nicht einen Ausspruch festhält, der einem überall im Gespräch begegnet. Er ist der Schlußpunkt und das Ausrufezeichen hinter allen Unterhaltungen über den Dienst und das Leben im besetzten Gebiet:

hoffentlich sind wir gegen England mit dabei!"

So denkt der deutsche Soldat, dem wir -in Frank­reich begegnen und der uns zum Schluß, einer für alle, auftrug:

Grüßen Sie meine Frau. Und die andern auch."

Welche andern?"

Na alle, Mensch!"

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25"

Gegen Zahnsteinansatz -

bsiängieimdtaii

Roman von Helene Kalisch

Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München

2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Benommen erhebt er sich nach dem Aktschluß, läßt sich vom Strom der Menge über die Treppen In den Erfrischungsraum und wieder zurück treiben. Nach dem ersten Klingelzeichen wird er von einer großen schlanken Dame angehalten.Guten Abend, Hans!... So war es vorhin doch keine Täuschung, als ich dich durch das Glas erspähte, aber glaubte, in dem einspännigen Herrn in der Rangloge einen Doppelgänger von dir zu erblicken!"

.Guten Abend, Käte! Welch merkwürdiges Zu­sammentreffen? Aber du brauchst mir nicht den einspännigen Ranglogenherrn vorzuhalten. Der ist..." Bergholz räuspert sich Zufall!... Ich erhielt die Karte ziemlich spät meine Frau war ausgegangen. Doch wie geht es dir, Käte?

Dante Hans. Gut wie immer."

Er sieht in ihre grauen, von dunklen Wimpern umsäumten Augen.Daß wir uns gerade hier bei der Tristan-Vorstellung begegnen, Käte? ...

Du meinst, da fallen einem die Jugendtorheiten wieder ein?" Die bräunliche Haut ihres ruhlaen Gesichts färbt sich ein wenig dunkler. Doch ihr La» cheln ist verhalten; überlegen dünkt es ihn. ,Zch muß eilen. Die kleine dicke Dame da drüben ist meine bereits ungeduldig wartende Kollegin. Wir müssen noch zum dritten Rang hinauf, was bet ihr nicht so schnell geht. Also guten Abend, Hans. Ich würde mich freuen, wenn du dich wieder mal bet mir sehen ließest!" Ihre schlanke Hand druckt die seine.

,Ein merkwürdiger Tag ist heute', denkt er, als er sich wieder zu seinem Platz begibt und die Un­ruhe vor dem Aktbeginn ihn umschwirrt.

Tristan und Isolde war ihm schon einmal zum erschütternden, aufwühlenden Erlebnis geworden ihm und Käte Weber, der er eben begegnet ist.

Hatte sich heute davon etwas in ihm dunkel und unverstanden geregt, als eine so auffallend schöne Trägerin der Jsoldenrolle unvermittelt in fein Da­sein trat? Etwas, das Käte Weber eben mit dem Wort ,Hugendtorheiten" bezeichnet hatte?

Ja, ein töricht-seliger Aufruhr war es damals, der ihrer seit früher Kindheit bestehenden Freund­schaft einen neuen, insgeheim erregenden und be­glückenden Sinn gab.

Ein kostbares Geschenk bedeuteten damals, in den fargen Nachkriegsjahren, die beiden Opern­karten. Sie waren zusammen in die Tristan-Auf - führung gegangen, jenem Erlebnis, das wie ein Hochofen ihre jungen Seelen umfchmolz. Sich an den Händen haltend, waren sie wie Traumwan­delnde durch die nächtlichen Sttaßen heimgepilgert, und ehe sie sich trennten, hatten sie sich geküßt zum ersten und einzigsten Male. Nie hatten sie es sich gesagt, was sie füreinander fühlten; dazu war er zu schüchtern und- Käte zu spröde und verschlos­sen gewesen. Nur ein paar Verse, die er damals verbrach, hatten den Weg zu ihr gefunden und jenes eine Mal seine scheuen Knabenlippen zu den ihren an dem Abend nach dem gemeinsamen Opernbesuch.

Dennoch war ihm diese Jugendliebe Jahre hin­durch wie ein Licht auf seinem Wege gewesen, unter dessen Schein er an mancher Klippe unbeschadet Dorbeifteuerte. Allgemach aber war er aus dem farbigen Dämmer jener unreifen Lebenszett m das nüchtern-helle Licht einer sehr unromantischen Wirk­lichkeit gerückt. Er hatte Erna Gehrke, die Tochter eines reich gewordenen Fleischermeisters geheiratet und damit seinem Leben eine solide Grundlage ge­geben. Dies war nicht nur eine zweckdienliche Hand­lung gewesen, es war ihm auch nicht schwer gewor­den, sich in die hübsche (Erna zu verlieben.

Das Haus, in dem er jetzt noch wohnt, hatte seiner Mutter gehört, die schon in seiner frühen Kindheit Witwe geworden war. Die Inflation hatte diesen Besitz gefährdet, doch das rechtzeitige Ein­greifen Meister Gehrkes rettete ihr noch einen be­scheidenen Teil der Einkünfte und ließ zwar mehr' zum Schein den Besitzanspruch bestehen. Desgleichen hatte er verstanden, es seiner Kundin und Hypothekenschuldnerin geschickt beizubringen,

daß seinem Töchterlein der Herr Sohn, der junge blonde Zahnarzt und Dr. med. besser gefalle als andere Bewerber. Er war ein guter Sohn gewesen, der sich den Wünschen seiner Mutter fügte und durch seine Heirat deren Zukunftssorgen aufhellte, den unsicher gewordenen Untergrund ihres Witwenda­seins wieder neu festigte. Sie erlebte noch die Freude an der Hochzeit, an der »on dem Schwieger­vater schön und teuer eingerichteten neuen großen Wohnung ihres Sohnes, in der er sich seine Praxis gründete. Aber es war doch besser für sie, daß sie den nach einiger Zett sacht und allmählich immer üppiger ins Kraut schießenden Ehestandsjammer nicht mehr miterlebte.

Ein böiger Nordwestwind fegt durch die Sttaßen, stößt wild und zornig gegen die Wände und Mauer­pfeiler des mächtigen Theaterbaues, jagt um die Ecken und über die breite, jetzt fast menschenleere Sttaße, peitscht mit einem Gemisch von Schnee und Regen den Asphalt, über dessen schwarze spie- aelnbe Fläche die grellen Schlaglichter der vorüber­sausenden Autos huschen.

Nahe dem Eingang des Opernhauses stehen Reihen wartender Wagen. Schläfrig und fröstelnd hocken ihre Lenker auf den Führersitzen und harren des Ansturms der Fahrgäste nach dem Schluß der Vorstellung.

Vor dem seitlich des Eingangs aufgehängten Theaterzettel steht eine Gestalt, die wohl zur an­deren Zeit an dieser Stelle verwunderte Blicke auf sich gezogen hätte; doch es ist jetzt niemand da, der sie beachtet. Der Mann starrt auf den Zettel lange Zeit aus Augen, die tief unter seinen stark vorgewölbten Brauenbogen liegen. Er preßt die Zähne aufeinander, und über seine Wangen, die sich hager und kantig nach der Halspartie abwinkeln, läuft ein Zucken.

Er wendet sich um, das helle Licht der Eingangs­lampen beleuchtet feine Gestalt, die gut gebaut und breitschultrig ist. Doch feine Haltung ist die eines Mutlosen, Zerbrochenen, eines Menschen, der hun­gert und friert. Er trägt eine alte, ausgefranste Joppe; sie schützt nicht gegen die Nässe und Kälte der rauhen Nacht. Seine Beinkleider und auch die Schuhe sind vertragen und schadhaft. Um den Hals trägt er einen grauen Wollschal und auf dem Kopf eine Schirmmütze.

Wie unschlüssig drückt er sich noch eine Weile in der Nähe des Eingangs herum und weicht zur Seite, als sich plötzlich die Tore weit öffnen, um das Theaterpublikum herauszulassen. Die Vorstel­lung ist aus.

Eine Woge von Licht, von Stimmengewirr flutet zu ihm her. Er sieht glänzende Augen, rote Frauen­lippen, glattrasierte Männergesicyter, Pelzmäntel, zierliches Helles Schuhwerk ...Entzückend war doch die Röhl!" zwitschert eine Helle Backfisch­stimme in seiner Nähe. Er entweicht aus der Hellig­keit ins Dunkel, biegt um die Ecke und nähert sich dem Bühneneingang. Dort stehen im Halbdunkel ein paar wartende Autos. Er schleicht dicht an den Mauerpfeilern hin ein Schatten zwischen Halb­schatten und Dunkelheit. Niemand sieht ihn. Kurz nach ihm ist noch eine andere Gestalt um die Ecke gebogen. Es ist Hans Bergholz, den das Ende der Vorstellung noch nicht völlig aus seinem merkwür­digen Rausch geweckt hat. Er benimmt sich in diesen Minuten wie ein Traumbefangener, der im Halb­schlaf das Erwachen hinauszuzögern bestrebt ist, um feinen Traum noch weiterzuspinnen. Und was er als Halbwüchsiger öfters getan hatte, wenn er, noch im Banne des Miterlebten, in flammender Begeisterung zum Bühneneingang eilte, um die Helden oder Heldinnen jener bunten Scheinwelt, die ihn entrückt hatte, noch einmal zu sehen, das tut er auch heute.

Verschiedene Personen kommen aus der Tür; endlich auch die Erwartete. Er hört sie sprechen mit demselben Klang, den er vor Stunden in seinem Arbeitszimmer vernahm. Aber sie ist jetzt nicht in der weiblichen Begleitung, sondern ein Herr aeht zur Linken ein großer ältlicher Herr. Bergholz folgt den beiden, die zu einem der wartenden Autos gehen, unbefriedigt in feinem noch immer nicht ge­sättigten Erlebnishunger.

Der Führer des Wagens hat schon den Motor angelassen. In dem Augenblick, da Krau Röhls Be­gleiter den Schlag öffnen will, taucht hinter dem Wagen hervor die Gestalt eines Mannes aus dem Dunkel, der wie ein Vagabund aussieht. Die Sän­gerin stößt einen Schrei aus.

(Fortsetzung folgt.)