Ausgabe 
22.5.1940
 
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reits für vollbeschäftigt undunabkömmlich" hält

Letzt kein Recht auf Bequemlichkeit.

Ein Appell an berufslose Töchter und Frauen ohne Hausmutterpfiichten.

Unter dem MottoArbeit die Frauenpflicht der Stunde" wendet sich die Abteilungsleiterin im Frauenamt der DAF., Frau Alice Rilke, mit einem Appell an die Öffentlichkeit. Darin verweist sie auf die Zehntausende weiblicher Angestellter und Hun­derttausende von Arbeiterinnen, die heute die deut­sche Kriegswirtschaft mit tragen. Viele von ihnen seien noch Mütter und Hausfrauen zugleich. Sie würden in der nächsten Zeit manche neue Mitar­beiterin in den Betrieben neben sich sehen. Es wür­den zusätzliche weibliche Arbeitskräfte gebraucht. Ueberall ergehe der Aufruf zur Mitarbeit nun auch an jene Frauen, die bisher noch nicht unmittelbar Kriegsarbeit leisteten. Selbstverständlich seien da­mit nicht jene gemeint, die nicht bereits durch die .Betreuung ihr-r Kinder oder durch sonstige, wirk­lich tagsüllende Arbeit beansprucht würden.

Allerdings: eine nur auf das eigene Wohlbefin­den gerichtete Beschäftigung könne und dürfe die Mitarbeit in kriegswichtiger Tätigkeit nicht aus­schließen. Das müsse mit ollem Ernst und aller Konsequenz verstanden werden, obwohl es für manche einen sehr fühlbaren Eingriff in ihre bis­herigen LebensFewohnheiten bedeute. Das hätten fraglos in erster Linie die bisher berufslosen oder noch nicht in der Berufsausbildung stehenden Töch­ter zu verstehen. Deren Zahl sei im heutigen Deutschland indessen nicht mehr sehr groß. Es gebe aber noch eine beachtliche Zahl von Frauen, deren Tätigkeit lediglich dem persönlichen Wohlergehen und noch in keiner Weise auch der Volksgemeinschaft

Am Montag wurde Fabrikant Arthur Pfeif­fer in Wetzlar die Würde eines Ehrensena- torsderLudwigs-UniversitätGießen übertragen.

Arthur Pfeiffer gründete 1890 in Wetzlar mit bescheidenen Mitteln eine Werkstätte für physikalische Apparate und Geräte und hat sein Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte mehr und mehr ausbauen können. Durch eigene Forschungsarbeiten hat er auf dem Gebiete der Fernzünder für Gaslampen bahn­brechend gewirkt. Die Hauptaufgabe, die er sich spä­ter stellte, war die Herstellung von Vakuumpumpen. Dieser Fabrikationszweig diente in seinen Anfängen hauptsächlich der Fortentwicklung der elektrischen Glühlampen und hat später insbesondere in der chemischen Industrie einen großen Abnehmerkreis gefunden. Die Fabrikate der Firma Pfeiffer sind im In- und Ausland weit bekannt.

Neben den zahlreichen Aufgaben, die sich für den Firmengründer aus seinem Unternehmen er­gaben, nahm sich Arthur Pfeiffer immer noch Zeit ür gemeinnützige Vorhaben. Er ist seit Jahrzehnten in der Turnerschaft führend tätig und hat durch seine Mitarbeit in der Gießener Hochschulgesellschaft engste Fühlung zur Universität Gießen. Seit Jahren ist er Präsident des Derwaltungsrates dieser Gesellschaft. In zahlreichen weiteren Ehrenämtern stellte er seine umfangreichen Erfahrungen und Kenntnisse in den Dienst der Allgemeinheit.

Die Zusammenarbeit zwischen Theorie und Praxis erfuhr durch Arthur Pfeiffer insofern eine erhebliche Förderung, als er bereits vor Jahren veranlaßte, daß Gießener Hochschullehrer vor der Arbeiter- und Angestelltenschaft von Wetzlarer Firmen Fachvor­träge hielten. Anderseits sorgte er dadurch für eine Förderung der Wissenschaft, daß er zahlreichen Uni­versitätsinstituten und Forschungsanstalten durch Überlassung von Apparaturen die Möglichkeit zur Fortführung ihrer nicht zuletzt im Interesse der Wirtschaft liegenden Tätigkeit gab.

oder halten läßt, der denke nur an seine persönliche Bequemlichkeit, aber nicht an den Krieg und dessen unerbittliche Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit des Krieges sei ein höheres Gebot als das in nor­malen Zeiten nachfühlbare Bedürfnis nach der schönen Sicherung eigener Ansprüche im persönlichen Bereich. Niemand dürfe vergessen, daß der Verzicht auf häusliche Bequemlichkeit und die Doppelbe­lastung der Frau seit Jahren schon vom deutschen Arbeiter und seiner mitschaffenden Frau in Selbst­verständlichkeit geleistet worden ist und daß diese Arbeiterfrauen in Hunderttausenden von Fällen auch noch Mütter sind. Gewiß werde danach ge­strebt, die natürliche Lebensform der Mutter in Haus und Familie zu erhalten, ja für möglichst alle Mütter zurückzugewinnen. Aber die Doppelaufgabe der Frau sei notwendig in der Gegenwart unseres Volkskampfes.

gilt. .

Wer ohne eigenen hausmütterlichen Pflichtenkreis

Arthur Pfeiffer, Wetzlar Ehrensenator der Universität Gießen.

Don der Universität Gießen.

Von der Pressestelle der Ludwigs-Universität wird uns mitgeteilt: Landgerichtsrat Dr. Weber aus München ist von dem Herrn Reichswissenschafts­minister ersucht worden, im laufenden Trimester Vorlesungen über bürgerliches Recht und Zivilprozeß an der hiesigen Universität zu halten.

78000 RM.

für das Deutsche Rote Kreuz.

Die Haussammlung für das Deutsche Rote Kreuz am vorigen Samstag und Sonntag erbrachte im Be­reich des Kreises Wetterau der NSDAP, den statt­lichen ^Betrag von 78 000 RM. Die Summe ist noch

Zur Verleihung der Würde des Ehrensenators der Universität Gießen hatten sich am Montag, einige Wochen nach dem 50jährigen Bestehen der Firma, der Rektor, der Prorektor und die Dekane unserer Universität nach Wetzlar begeben. Dort fand im Werk des neuen Ehrensenators eine kurze, würdige Feier im Beisein der ältesten Mitarbeiter Arthur Pfeiffers sowie des Kreisleiters und des Bürgermeisters von Wetzlar statt. Der Rektor der Gießener Universität, Professor Dr. Kranz, wür­digte die Verdienste des neuen Ehrensenators und betonte insbesondere dessen soziale Einstellung und seinen Gemeinschaftssinn. Die Ehrenurkunde, die er Herrn Pfeiffer überreichte, hat folgenden Wortlaut:

Der Rektor der Ludwigs-Universität ernennt hierdurch

Herrn Archur Pfeiffer auf Grund seiner Verdienste um die Ludwigs-Universität zum

Ehrensenator.

Zum Zeugnis dessen ist diese Urkunde ausgestellt worden.

Gießen, den 20. Mai 1940.

Der Rektor Dr. Kranz."

Arthur Pfeiffer berührte in seinen Dankes- worten kurz seine Einstellung zur Arbeit, zum Ver­dienst und der Frage der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Fabrikation. Er hat in seiner mehr als 50jährigen selbständigen Tätigkeit jetzt zum zweitenmale in tatkräftigster Weise sich und sein Werk an den Aufgaben eingesetzt, die ein Krieg an ein Unternehmen seiner Art stellt. Auch hier­durch hat er besonders bewiesen, daß ihm die Ar­beit für die Gesamtheit besonders am Herzen liegt.

nicht als endgültig anzusehen, da die Meldungen einiger Ortsgruppen noch ausstehen. Man rechnet mit einem Gesamtergebnis von rund 80 000 RM. In der Stadt Gießen, einschließlich der Vororte Klein« Linden und Wieseck, wurden 18 000 RM. erbracht.

Oie Ferien in Hessen.

Die Ferien in Hessen für das Schuljahr 1940/411 wurden wie folgt festgesetzt:

Sommerferien: 49 Tage, 1. Juli bis 18. August einschließlich.

Herbstferien: 14 Tage, 16. bis 29. Oktober einschl.

Weihnachtsferien: 15 Tage, 22. Dezember bis 5. Januar 1941 einschließlich.

Osterferien 1941: 7 Tage, 12. bis 18. April ein« schließlich.

Die Festsetzung der Sommer- und Herbstferien gilt für alle Schulen in den Städten Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach a. M. und Worms. Für alle übrigen Orte des Landes sind die Som­mer- und Herbstferien nach dem Stand der Ernte- i arbeiten im Einvernehmen mit den Schulämtern / festzulegen. Für die Landbezirke mit Heuernte im Juni sind 14 Tage der Sommerferien vorzubehal­ten, für die Weinlesebezirke kommen 7, Tage ber( Sommerferien zusätzlich zu den Herbstferien. Die weiterhin sich etwa ergebende Inanspruchnahme von Schülern durch kriegsbedingten Einsatz wird, durch die vorstehenden Festlegungen nicht berührt. (

Hände weg vom Vogelnest!

Des Jahres hohe Zeit ist gekommen. Das Blüheck des Frühlings beginnt jetzt Frucht zu werden Ueber­all in Wald und Feld begegnen wir dem neuert Leben. Das Wild führt seine Jungen in der Däm­merung aus der schützenden Dickung und die Nest­linge der Vögel sperren nach Futter. Es ist kein Münder, wenn es uns um diese Zeit besonders hinauszieht in die Natur, aus der wir Freude und Erholung schöpfen. Gewiß dürfen wir die Tiere des Waldes in ihren Lebensäußerungen belauschen und uns an ihnen erfreuen, aber Hände weg vom Vogelnest und vom Jungwild! Bezähmen wir unsere Neugier und meiden wir Dickungen und Nistplätze. Schon eine unbedachte Bewegung kann die schreckhaften Jungvögel aus dem Neste scheu­chen, und sie gehen elend zugrunde. Das Wild nimmt Jungtiere, die von Menschenhand berührt sind, oft nicht mehr an. Der Reichstierschutzbund weist alle Volksgenossen darauf hin, daß jedes Be« unruhigen und Nachstellen geschützter Tiere, also auch der Vögel, verboten ist, ebenso die Beteiligung Jugendlicher und die Aussetzung von Prämien beim Kampf gegen die Sperlinge.

Gießener Schlachtviehmarkt.

Auf dem gestrigen Gießener Schlachtviehmarkk (Schlachtviehverteilungsmarkt) in der Viehversteige­rungshalle Rhein-Main kosteten: Ochsen 43, Bullen : 39 bis 49,5, Kühe 23 bis 43,5, Färsen 30 bis 49,5, Kälber 32 bis 63, Hammel 15 bis 33 Rpf. je Vz kg Lebendgewicht. Für Schweine wurden je kg i Lebendgewicht folgende Preise bezahlt: Klasse a , (150 kg und mehr) 1,09, bl (135 bis 149,5 kg) , 1,09, b2 (120 bis 134,5 kg) 1,09, c (90 bis 119,5 t kg) 1,07, d (80 bis 89,5 kg) 1,01, ef (60 bis 79,5

geben ihren Kleinen gern bekömmliche Milchgetränke, Breie und leichte Gebäcke Dazu dient das bewährte Kindernährmittel

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Aus -er Stadt Gießen.

Heute und morgen.

Auf einer Tagung des Einzelhandels wurde dar­erinnert, daß der Kunde von heute auch der Kunde von morgen ist. Das Wortspiel soll besagen: . Jrder Kaufmann, der die Sonderumstände der I gkgenwärtigen Kriegszeiten zu einer ArtDiktatur", < »ter auch nur zu Unfreundlichkeiten mißbraucht, ' i- damit rechnen, daß der Kunde von heute iicht sein Kunde von morgen sein wird. Das ist > rt leicht faßbares Stichwort, von dem man hoffen irf, daß es in allen interessierten Kreisen Heimat- cht erwerben wird, im wohlverstandenen Vorteil , eser Kreise selbst.

Abed wir müssen die Sache auch einmal von der Öderen Seite sehen. Am wichtigsten ist die Tat­sache, daß sie das Verhältnis von Kundschaft zum g nzelhandel im großen Durchschnitt gut eingespielt yt. Die vernünftige Parole dieser Einzelhandels- jigung mußte sozusagen erinnern,, daß hier ein Problem vorliegt, daß im September die Gemüter, li sonders der Frauen, lebhaft beschäftigt hat. Wir |hb also um ein gutes Stück weiter gekommen. Uid wenn es noch eines Beweises bedürfte, so wäre e- der, daß dieSchlangen", die sich aus reiner Käufer- Nervosität damals gebildet hatten, seit- hr völlig verschwunden sind. Diese Dinge sind schon sk weit entfernt, daß sie eigentlich gar nicht mehr «Ihr sind. Und das ist überaus erfreulich. Es geht jöon, wenn man will. Die Tugend der Selbstbe- hrrschung bringt vieles zuwege, und die.Nutzan- Ssndung des Märchens vom Wettlauf des Hafens hid des Igels besteht auch heute noch zu vollem lecht.

Kleinigkeiten wird es immer zu bemängeln :ben, wie sie in allen Jahren von jeher auch schon : mangelt worden sind. Im deutschen Vaterland bt es sicherlich Geschäftsleute, die der Meinung !,d, es sei richtig, wenn sie den Kunden bei jedem mkauf von den Schwierigkeiten ihres Geschäfts r Kriegszeit erzählen. Derartige Männer, die, tbenbei bemerkt, zu allen Zeiten schongestöhnt" jiben, obwohl es meist gar nicht nötig roar, meinen < .en, sie müßten ihrer Kundschaft von geschäftlichen forgen erzählen, wie sie früher eben auch davon « redet haben. Ihnen kommt nicht der Gedanke, iiß derartiges .Mähnen" den anderen auf die Ner- Ln gehen kann. Umgekehrt gibt es auch noch Kun- |.-n, die dasselbeVerfahren^ in umgekehrter Rich- | ng glauben anwenden zu müssen; allerdings ganz Unnötigerweise.

- In allen solchen Fällen hat man es mit Men­gen zu tun, die den Aufgabenkreis ihres Berufes |nt> die Erfordernisse unserer Zeit noch nicht ganz ^ersehen und richtig verstehen. Beide sollten sich nr Augen halten, daß es besser ist, mit ruhiger Sachlichkeit und mit zeitgemäßer Betrachtung der Singe den Weg im Alltag zurückzulegen und sich hbei immer vor Augen zu halten, daß alles das, ras sie in der Heimat als Schwierigkeit ansehen, überhaupt nichts bedeutet gegenüber den gewal­lten Leistungen unserer Soldaten an der Front Md daß deren Größe die wenigen Kümmernisse in hr Heimat weit überschattet. Danach sollten sich töe richten, auch einige hier und da vielleicht noch ißcht genügend großzügig urteilende Geschäftsleute, f e sich immer das Wort vergegenwärtigen sollten, ! der Kunde von heute auch der Kunde von morgen ist.

Vornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Volkstümlicher Vortrag der Ludwigs-Universität: 50.15 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Institut, Lud- migstraße 34, Professor Glöckner überEinfüh­lung in die Aesthetik der bildenden Künste, 2. Teil: Zeichnung und Malerei". Gloria-Palast, Selters- neg:Liebesschule".

Notizen für den 23. 2Nai.

Sonnenaufgang: 5.18 Uhr. Monduntergang:...... . . . ,

s Uhr. Sonnenuntergang: 21.25 Uhr. Mondauf- und ohne soziale ober berufsmäßige Arbeit sich be- png: 23,17 Uhr, Mond in Siidwende._____________r!1-

Ungleiche Gegner.

Von Rudolf Schwanneke.

Am Ende der stillen Seitenstraße, dort, wo der Verkehr durch die Kreuzung zweier Hauptstraßen t.was lebhafter war, saß seit Menschengedenken eine <(te Obst- und Gemüsefrau und verkaufte ihre Ware. Sie zählte 70 Jahre, war ehrlich sowohl im Geschäft als in ihren Reden. Die Klagen der Haus­frauen über das teure Gemüse überhörte sie ebenso nie sie die Blicke hungriger Kinderaugen nach den pirschen, Aepfeln oder was sonst die Jahreszeit bot, Übersah. Armut, Hunger und Kälte waren ihr so natürliche Dinge, daß ihr nichts dabei einfiel. Auch iiitie niemand behaupten können,, daß die Frau , . hurd) besondere Freundlichkeit sich ihre Kundschaft Uflj erhalten suchte. ..

Eines Morgens erschien in der Tur eines Hauses ter Gasse, das ihrem Stand gerade gegenüberlag, 1 «in kleiner, vielleicht fünfjähriger Bub. Er schaute ! ernsthaft in die Welt und hielt in der Hand einen

<Iten rostigen Blecheimer. Die Blicke des Kleinen i nd der Alten begegneten sich. Schnurstracks kam tr auf seinen etwas krummen Beinen herüber, glanzte sich vor einen mit Aepfeln gefüllten Korb cuf und sagte:Du, gib mir einen Apfel."

I bewahre", erklärte die Händlerin, worauf sich ter Junge nach einer düsteren Pause zum Gehen □anbte, um seine Beschäftigung, das Sammeln von ;igaretten= und Zigarrenstummeln, Abfällen aller Urt, aufzunehmen.

Im Lause des Nachmittags kam er müde von feiner Arbeit mit dem gefüllten Eimer die Gaffe herunter gewackelt. Wieder zogen ihn die glanzen­den Aepfel unwiderstehlich an. Nachdem er sie lange betrachtet, sagte er zu der Alten, die ihn wortlos (US den Augenwinkeln ansah:Du, ich geb'^ dir auch □as aus meinem Eimer, wenn du willst.

Und ich geb dir auch gleich was!" meinte sie nit nicht mißzuverstehender Handbewegung. Betrübt schlich der Kleine davon. Ader so leicht gab er Die Sache nicht verloren.

Ein andermal blieb der Knirps vor einer Kis e mit frischen Eiern stehen.Wo sind denn die alle er?" fragte er, und da ihm keine Antwort wurde, 1 iab er sie sich selbst:Ich weiß vom Huhn.Es I fit brav von dem guten Huhn, gerade dir so schone ! große Eier zu legen." ., .

! Aber auch diese Worte, in denen gewiß eine > zroße Achtung und Wertschätzung ihrer Person

liegen sollten, verfehlten ihre Wirkung und ver­mochten die Frau nicht zu bewegen, einen rot­wangigen Apfel herauszurücken.

Obwohl sich die Alte jedesmal ärgerte, so oft sich der hartnäckige Kleine vor ihre Körbe hinstellte, um deren Inhalt mit begehrlichen Blicken zu mustern, o fing sie doch an, nach ihm Ausschau zu halten, wenn er einmal über die Zeit ausblieb. Kam er dann, so war sie begierig auf seinen nächsten An- chlag, die alle darauf hinausliefen, einen Apfel zu ergattern. Aber ihre Widerstandskraft war nicht zu brechen, wie auch seine Ausdauer.

Allmählich brach der Winter an. Der Wind pfiff eisig durch die Straßen, und die Alte zog ihren Mantel fester um sich. An einem besonders kalten Abend hatte sie einen blechernen Topf aus das Kohlenbecken gesetzt, um sich den Magen mit einem Schluck heißen Kassee zu wärmen. Alles eilte, um in die gewärmte Stube zu kommen, nur der Kleine blieb heute länger aus als sonst. Die Alte erhob sich und blickte die Straße entlang, er war noch immer nicht zu sehen. Kopfschüttelnd trank sie ihren Kas- fee und brummte vor sich hin:So'n Bengel der Teufel hol' ihn treibt sich bei solchem Wetter herum!" Wieder erhob sie sich. Da kam, gegen den eisigen Wind kämpfend, eine kleine, krummbeinige, Dornübergebeugte Gestalt daher. Ihm schien heute die Lust zur abendlichen Unterhaltung vergangen zu sein, denn ohne aufzublicken stapfte er die Stu­fen zum Haus empor, aber die Tür war verschlos­sen.

Richtig", dachte die Frau,die Hausleute sind ja zu einer Hochzeit, da haben sie abgeschlossen und der Vater des Bengels ist noch aus Arbeit. Eine Mutter hat er ja nicht mehr, der Junge."

Der Kleine stellte den Eimer vor die Tür und verweilte einen Augenblick ratlos. Dann lief er plötzlich zu der Alten hinüber und streckte ihr die blaugefrorenen Händchen entgegen, während ihm Tränen über die Backen rollten.

Meinst, es gibt einen Apfel? Nichts!" Dabei hielt fie ihm ihre Kaffeetasse hin, die er in einem Zuq leertrank, die Augen ängstlich auf die Frau gerichtet, die zu schelten sortfuhr. Mit einem Mal, sic wußte selbst nicht, wie es geschehen war, hatte sie den frierenden Bub auf dem Schoß. Sie schlug den weiten Mantel um ihn, und immer weiter scheltend, hielt fie ihn fest an sich gepreßt. Bald hörte sie an den ruhigen Atemzügen des Kindes, daß es fest eingeschlafen mar. Da schwieg fie und rührte sich nicht mehr. Noch ni$ hatte an dem Her­

zen der Matrone ein nfenschliches Wesen geruht, weder Liebe noch Güte hatten diese starren Arme zu öffnen vermocht. Immer skeptisch, immer auf den Vorteil bedacht, der ihr stets zweifelhaft er­schien, sobald ein Mann dabei im Spiel war, war sie einsam durchs Leben gegangen. Jetzt aber glitt von dem kleinen Wesen in ihren Armen eine wohl­tuende Wärme auf fie über, während sie auf seine Atemzüge lauschte.

Als der Vater des Kindes heimkam, rief sie ihn heran und legte den schlaftrunkenen Jungen be­hutsam in seine Arme. Eine Stunde später als gewöhnlich fuhr sie mit ihren Körben heim.

Am nächsten Morgen, als der kleine Junge zur gewohnten Stunde aus dem Hause trat, um wieder einer Arbeit nachzugehen, schaute er, wie sich be­sinnend, zu der Alten hinüber. Dunkel erinnerte er sich des Wohlbehagens, das er gestern Abend emp- unden. Ohne Mutterliebe aufgewachsen, wußte er nichts von ihrem fürsorglichen Walten. War ihm da­von eine Ahnung geworden am Herzen der Matrone?

Plötzlich stand er wieder vor ihr auf seinem Platz vor dem Korbe rotleuchtender Aepfel, aber heute sah er über sie hinweg in das faltige Gesicht der Alten und sagte, diesmal ohne Nebenabsicht: Du, dich heirate ich!"

Da mußte die Alte lachen, zum erstenmal herz­lich lachen, und ohne Besinnen suchte sie ihm den schönsten Apfel aus dem Korb. Es war der einzige s^eiratsantrag in ihrem Leben gewesen.

Oer Besuch.

Von K. Franke.

Als der Zug an der kleinen Station hielt, war es schon dunkel. Zwei Menschen gingen durch den schmalen Streifen Licht an der Sperre: Ein Soldat und eine Frau. Die Frau wurde erwartet. Ein Mädchen sagte: Da bist du ja, Mama. Der Soldat zögerte, den Bahnhof zu verlassen. Vielleicht war er fremd hier. Man konnte das denken. Als ein Bahnhofsbeamter vorbeikam, fragte er ihn nach einem Gasthaus.

Kommen Sie nur! sagte der Beamte.

Kennen Sie auch eine Frau Holsten? fragte der Soldat im Gehen.

Nein, er wäre erst vor kurzer Zeit hierher ver­setzt worden.

-Im Gasthaus kannte man Frau Holsten. Natür­lich! sagte die Wirtin, der Sohrt war. doch Meger?

Ja, diese Frau Holsten.

Warten Sie, ich schicke meinen Jungen mit, da« mit Sie in der Dunkelheit zurechtkommen.

Hier! deutete der Junge, als sie einige Straßen weit gegangen waren.

Der Soldat läutete.

Mein Name ist Joachim Erler, stellte er sich der Frau vor, die öffnete.

Bitte! sagte die Frau, die Trauerkleidung trug. Im Wohnzimmer saßen sie einander gegenüber*. Auf dem Schreibtisch stand ein Bild. Die rechte obere Ecke war mit dem Band des Eisernen Kreu­zes umlegt, darüber ein dunkler Flor.

Sie kannten ihn wohl? fragte die Frau mit einem Blick auf das Bild.

Ich bin gekommen, um Ihnen alles zu sagen! erwiderte der Soldat.

Alles zu sagen? Einen Augenblick wunderte sich die Frau. Wie soll ich das verstehen?

Es war die Bitte, doch endlich zu sprechen.

Ich muß Ihnen sagen, begann der Mann, daß ich mit Ihrem Sohn drei Tage lang das Schick­sal getauscht habe. Das kam so: Meine Frau stand vor der Entbindung. Ich wollte in ihrer schweren Stunde bei ihr sein. Es war das erste Kind, das sie erwartete.

Ich reichte Urlaub ein. Es wäre nicht mögfid) gewesen, wegzukommen, denn meine Staffel war für die nächsten Tage zu Aufklärungsflügen vor­gesehen. Da sprang Ihr Sohn für mich ein. Am ersten Tage schoß er im Luftkampf einen feind­lichen Jäger ab, am zweiten wurde er selbst ab* geschossen. Er starb den Tod, der mir bestimmt war. Ich bin gekommen, Ihnen das zu sagen. Es wäpe nicht gegangen, Ihnen das zu verschweigen^

Die Hände der Frau suchten etwas, das sie fassen konnten. Sie fanden nichts.

Darf ich jetzt gehen? bat der Mann, der spürte, daß er nun ein Mensch zuviel im Zimmer war.

Bitte! sagte der Mann dann von der Tür her; Müssen Sie mich jetzt hassen?

Da hob die Frau ihr Gesicht. Ich bin doch eine Mutter! sagte sie nur. Eine kleine Weile schien es. als mühte sie erschauern vor dem Schicksal, das siä zur Mutter bestimmt hatte; denn es ist das här­teste Schicksal in Zeiten, da Krieg ist.

Dann ging die Frau zu dem Mann hin und sagte: Wenn Sie wieder draußen sind, will ich beirrt Unnennbaren für Sie bitten als wstxey Sie flieht eigener Jungs