Ausgabe 
21.12.1940
 
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Pool nur noch zwei Drittel ihres Friedenstempos erreiä)en. Nimmt man an, daß der Schiffsbau in den übrigen englischen Hafenstädten nicht schwerer beeinträchtigt ist, und stellt man in Rechnung, daß die Gesamtproduktion der englifdjen Werften im Frieden eine Million BNT. jährlich betrug, so er­gibt sich, daß die heutige Erzeugungskapazität der englischen Wersten allenfalls ausreicht, um in einem Jahr die Schifssverluste von einem, höchstens zwei Monaten auszugleichen. Diese Bilanz mufj für die britischen Kriegsmacher erschreckend sein, umso mehr, als keine Möglichkeit besteht, den Schiffsbau an­derer Länder für die englischen Bedürfnisse zu mobilisieren, wie es noch im Weltkrieg geschah. Der Wettlauf zwischen den Bersenkungsziffern und den Neubauziffern ist daher schon entfdücben. John Bull sieht sich auf eine schiefe Ebene gesetzt, auf der es kein Halten mehr gibt.

In dieser ungemütlichen Situation hot Chur­chill tkiü Dümmste getan, was er tun konnte. Er hat alle vorhandenen Reserven an Empire-Trup­pen, an modernen Waffen, an Transport- und Kriegsschiffen zusammengerafft, nicht etwa, um der bedrohten Insel Luft zu oersä>affen, sondern um diese Reserven auf einen, wenn auch dem wichtig­sten Nebenkriegsschauplatz, für eine Gewaltunler- nehmung einzusetzen. . Daß England burd) seine Df (e nsjve in Aegypten die Italiener ent­scheidend treffen und vielleicht sogar zur Kapitula­tion zwingen könnte, wie gewisse britische Presse­organe in ihrem Spekulationseifer verkünden, hat Churchill natürlich selber nicht angenommen. Es bleibt zur Erklärung der Wüstenschlacht also nur ihr Propagandazweck. Um die Inselbevölkerung von ihrer mißlichen Lage und von der Erkenntnis der deutschen Luftüberlegenheit abzulenken um aber auch den Glauben der mißtrauischen Pankees an die Macht des Empires wiederherzustellen, wurde das Abenteuer der Wüstenschlacht unternommen. Aber alle Welt ist sich darüber klar, daß die Er­folge dieser englischen Gewaltanstrengung, die ja aus einer Notlage geboren wurde, in keinem Ber- bältnis zu den ungeheuren Kosten stehen. Neben den sehr starken Verlusten an Menschen und Mate­rial, darunter zwei Kreuzern auf dem Kampffeld, mußte die englische Kriegführung eine weitere Schwächung der Inselverteidigung und der Insel­versorgung in Kauf nehmen, onne daß Aussicht bestünde, die im und am Mittelmeer eingesetzten Kräfte für den Inselschutz wieder frcizubekommen. Es hat sich nämlich schon jetzt erwiesen, daß selbst eine starke personelle und materielle Uebermacht nicht ausreicht, um den zähen Widerstandswillen der italienischen Soldaten zu brechen. Dabei sind bisher nur ganz geringe Teile des italienischen Kriegspotentials überhaupt in Anspruch genommen worden. Entwickelt nunmehr Italien seine geistigen und materiellen Energien, deren Vorhandensein cs in früheren Kriegen, in Abessinien und Spanien, hinreichend bewiesen hat, jo muh die Lage der Engländer im östlichen Mittelmcer bald hoffnungs­los werden. Im übrigen darf sich der Glücksspieler Churchill darauf verlassen, daß die Stahlachse, wie Mussolini die deutsch-italienische Freundschaft ge­nannt hat, ihrem Namen unter allen Umständen Ehre machen wird. H. Evers.

Rekordernte in USA ,aber Hungers­not im Miffiffippi-Gebiet.

Washington, 20. Dez. (Europapreß.) Wie das Dgrardepartement bekanntgibt, war das Ergebnis der diesjährigen Ernte das größte, was je­mals erreicht worden ist. Es übertrifft selbst das des bisherigen Rekordjahres 1937. Der höhere Ertrag wird auf stärkeren Einsatz von Maschinen und Arbeitskräften unb auf verbesserte Anbaumethoden zurückge- fuhrt. Je Acre wird ein Mehrertrag von 18,5 v. H. gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1923/32 er­rechnet. Bei Gemüse ist das Ernteergebnis um 43 v. H., bei Obst um 33 o. H. und bei Getreide um 4,5 v. H. höher als der Durchschnitt dieser zehn- jährigen Vergleichszeit. Im Gegensatz zur allgemein günstigen Ernährungslage in USA. herrscht in einigen Gebieten außergewöhnliche Not. Besonders schwer betroffen sind die niedrig gelegenen Farmen im Mississippi, Süd-Alabama und zum Teil in Louisiana, wo die Ernte durch U e b e r f d) ro e m m u n g e n größtenteils vernichtet wurde und etwa 1,5 Millionen Far­mer buchstäblich hungern müssen.

Amerikas Llnsicherheitszone.

bon innerer Berliner Gchustlettung

Es Ist nicht das erstemal, daß englische Kriegs­schiffe ohne Rücksicht auf die panamerikanische Sicherheitszone deutsche Schiffe in diesem Gebiet Der folgt und angegriffen Haden, wie es jetzt wieder jroei deutschen Schissen ergangen ist. Die beiden Fälle sind insofern außerordentlich bemerkenswert, als sich einmal die völlige Unsicherheit in der ame­rikanischen Sicherheitszone kraß offenbart und außerdem amerikanische Zerstörer dabei eine höchst eigenartige, zum mindesten ungeklärte Rolle gespielt haben.

Die Bestimmungen über die Sicherheitszone sind vollkommen eindeutig. Am (Eröffnungstage der pan­amerikanischen Konferenz in Panama, am 23. Sep­tember vergangenen Jahres, hat der Ches der Ab­ordnung der Vereinigten Staaten, Unterstaatssekre­tär Sumner Welles, persönlich die Vorschläge der amerikanischen Regierung eingebracht. Diese fordern als ersten und wichtigsten Punktdie Frei Haltung ber Territorialgewässer des gesamten Erdteiles von kriegerischen Operationen". Der amerikanische Unterstaats­sekretär fügte in feiner Rede ausdrücklich noch hin­zu:Die Zeit ist gekommen, wo die 21 amerika­nischen Republiken erklären müssen, daß sie die Sicherheit ihrer Bürger oder des legitimen Handelsrechtes nicht durch kriegerische Ope­rationen in nächster Nähe der Küste der Neuen Welt gefährden lassen werden."

Am 3. Oktober hat dann die Panama-Konferenz, also einschließlich der USA., den Vorschlag der Sicherheitszone um den amerikanischen Kontinent herum angenommen; er ist seitdem alsErklärung von Panama" bekannt geworden und besagt: In­nerhalb der Sicherheitszone sind alle kriegeri­schen Handlungen ber Land- und Seestreit, kräfte kriegführender Staaten verboten, so daß die in der Sicherheitszone verkehrenden Passagier- und Frachtdampfer, welcher Nationalität sie auch fein mögen, keinem Angriff ausgesetzt sind. Aus- drücklich wird festgestellt, daß die Sicherheitszone das Karibische Meer und den Golf von Mexiko zu Inlandgewässern macht, ja daß sogar die Sicherheitszone dort, wo die Kustenlinie zurück- weicht, eine Breite bis z u 600 Seemeilen erreicht.

Es ist also festzustellen, daß die Errichtung der amerikanischen Sicherheitszone von den Ver­einigten Staaten selbst verlangt und durchgesetzt

wurde. Trotzdem haben die USA. bisher in keinem einzigen Fall der Verletzung dieser so­genannten S.cherheitszone durch englische Kriegs­schiffe Schritte in London unternommen, die dem Elfer Washingtons auf der panamerikanischen Kon­ferenz entsprochen hätten. Darin liegt zweifellos eine wiederholte Ermutigung für Die britischen Seeräuberschiffe, sich um die Zone überhaupt nicht au kümmern. In den beiden neuen Fällen ist aus­drücklich festgestellt worden, daß amerikanische Zer- störer nach ihren eigenen Angaben die beiden deut­schen Schiffe bis an die Grenze der Sicherheitszone begleiten wollten. Es ist eine völlig ungeklärte Frage, warum die Zerstörer das entweder trotz ihrer Mitteilung nicht getan haben, sich also viel­leicht wohlweislich aus Sichtweite hielten, ober was sie beim Einbruch der englischen Kriegsschiffe in die Hicherheitszone" unternommen haben.

Oie panamerikanische Neutralitäts­kommission droht mit Sanktionen.

Rio de Janeiro, 20. Dez. (Europapreß.) In einer Aussprache über Mittel und Wege, der ameri­kanischen Sicherheitszone mehr Respekt zu verschaf- fen, betonte der Präsident der panamerikanischen Neutralitäts-Kommission Mello Franco, die Notwendigkeit, gegen Schiffe und andere Güter der- jenigen Staaten bzw. deren Bürger, die die Sicher- heitszone verletzten, Sanktionen zu ergreifen. Der Delegierte Chiles unterstrich diesen Standpunkt. Ein Unter-Ausschuß, bestehend aus den Delegierten der USA. und Mexikos, soll eine Formel ausarbei- ten, die in der nächsten Sitzung Anfang Januar zur Erörterung stehen wirb.

Requirierung der in argentinischen Häfen liegenden ausländischen Schiffe?

Buenos Aires, 20. Dez. (Europapreß.) Der argentinische Landwirtschaftsminister hat angetün« bigt, die Regierung werde zur Requirierung der in argentinischen Häfen stilllegenden ausländi­schen Dampfer schreiten, um sie für die Be­förderung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu verwenden, vor allem für den Abtransport des Fleisches aus Petagonien. Gegen­wärtig liegen 23 ausländische Schiffe mit einer Ge­samttonnage von 148 000 BRT. im Hafen von Buenos Aires.

Unvermindert heftige Kämpfe um Bardia

Rom, 21. Dez. (Europapreß.) Die Schlacht an ber libysch-ägyptischen Grenze geht, wie man aus den die Heeresberichte ergänzenden privaten Mit­teilungen politischer Kreise entnehmen kann, m i t unverminderter Heftigkeit weiter. Es ist den Engländern, die ihre Kräfte zu Lande, zu Was­ser und in ber Luft rücksichtslos einsetzten, nicht gelungen, Bardia z u erobern. Barbia ist, wie am Freitag von unterrichteter Seite mitgeteilt wurde, weiter in ber Hand ber Italiener. Der Vorstoß der englischen Panzertruv- pen wird vom Meere aus durch englische Kriegsschiffe flankiert und auch von ber Luftwaffe unterstützt. Die Engländer hatten ge- glaubt, den in Bardia kämpfenden italienischen Truppen durch Parlamentäre Uebergabever- Handlungen anbieten zu können, wurden je- doch durch eine scharfe italienische Ablehnung schwer enttäuscht. Was die Zahl ber von ben Eng­ländern gemachten Gefangenen betrifft, jo wird hier in unterrichteten Kreisen nicht bestritten, daß die Engländer tatsächlich Gefangene gemacht haben. Aus jeden Fall seien aber die von englischer Seite genannten Zahlen übertrieben.

Die amtliche italienische KorrespondenzAroi" gibt Aufschluß über bie Stärke der Streit- kräfte, bie England gegen Italien eingesetzt hat: Die von Großbritannien gegen Italien in den ver­schiedenen Abschnitten des.Krieges zusammenge- zogenen und eingesetzten Streitkräfte belaufen sich, wie man genau erfährt, auf nicht weniger als 1500 Flugzeuge, 425 000 Mann und eine Halde Mil- hon Tonnen Kriegsschiffe (diese sämtlich im Mit­

telmeer). Die Truppen sind in England, Australien, Neuseeland, Indien und anderen Teilen des Bri­tischen Weltreiches ausgehoben und ausgewählt worden. Wie Ministerpräsident Churchill Donners­tag vor dem Unterhaus bestätigt hat, wurde bie Ausrüstung für biefes Heer unmittelbar von Groß­britannien aus von Juli und August anin einer langen Fahrt um das Kap ber Guten Hoffnung" herangefchafft und besteht nach Churchills eigenen Angaben ausPanzerwagen bester Qua­lität und modernen Geschützen", die, wie er hinAugesügt hat,bei uns so knapp und zu un­terer eigenen Verteidigung nötig waren". Diese Zahlen, so schließtAroi", und diese Angaben er­läutern bie Ausmaße ber Anstrengungen des Feindes, denen unsere Soldaten gegenwärtig auf allen Schauplätzen unseres Krieges tapfer die Stirn bieten."

Italienischer Wehrmachtbericht

Rom, 20. Dez. (DNB.) Der ilallenlsche Dchr- machlberichl vom Freitag Hal folgenden Wortlaut:

3m Gebiet der Lyrenalka-Grenze hat unsere Artillerie im Abschnitt von Barbla die feind­liche Artillerie sowie motorisierte Abteilungen er­folgreich bekämpft. Unsere Fliegerformationen wur­den wahrend ihrer Bomben- und Maschlnengewehr- angrifse von Gruppen feindlicher Flieger angegrif­fen. 3n heftigen Lustkämpfen wurden dabei zwei Hurrikane abgeschossen. Liner unserer Jäger ist

Zauberer mit leeren Taschen.

ton un erer Berliner Scdritt eüung.

Wie ein Illusionist und Zauberkünstler" vor dem Publikum Kaninchen und Tauben, Blumen und Eier und Taschentücher und weih Gott noch mag aus dem Nichts hervorzaubert, um nachher dazu, stehen als Mann, der gar nichts hat, also stand Churchill abermals vor den ehrenwerten Unter« Hausmitgliedern. Er malte, wie jener Zaubere, Schillersmit lieblichem Betrüge Elysium an di, Kerkerwand" des belagerten und hilflosen England und konnte doch nicht verdecken, daß diese Kerker­wand grau und beengend wirkt. Phantasie wo, seine überschwängliche und sichtlich an bie Adresse Roosevelts gerichtete Verherrlichung der tapferen Briten, bie im ägyptischen Wüstensand unter Auf. bietung aller Kräfte bas wieder genommen hätten, was sie einst so schnell an die Italiener verloren^ aber er mußte sogar bei diesem Lobgesang ^ge­ben, daß nicht aller Tage Abend wäre, wenn auch die Offensive dort unten weiter ginge.

Sonst goß er reichlich Wermut in seinen Whisky Die Lage des belagerten England? Wie hatte Chur­chill vorher renommiert! Die U-Boote waren weg, gefegt, die englische Produktion stieg schon im Ma!, als er fein Amt übernahm, von Tag zu Tag, dj, deutschen Flugzeuge waren natürlich der Helden- mütigen RAF nicht im entferntesten gewachsen unn die deutschen Flieger wurden allerwegen von ben Hurricanes und Spitfires vernicklet, also daß Chur­chill bieSchlacht um England^ bereits gewonnen hatte und sich nun zu einer kräftigen Offensiv, gegen Deutschland anschickte, zumal neue Erfindun. gen die deutschen Nachtangriffe illusorisch machten. Und jetzt muß der gleiche Churchill zugeben:Wir sind nicht befriedigt von den Resultaten bei Produktion. Im Augenblick sind wir eine Nation, die nur zur Hälfte bewaffnet ist gegen­über einer Nation, die bereits den Sättigungs- punkt ihrer Rüstungen überschritten hat". Aber, tröstet Churchill:1941 werden wir eine eben­sogut ausgerüstete Nation sein. Das wird uns Möglichkeiten eröffnen, die uns gegenwärtig nicht offen stehen." Bis dahin wird natürlich Deutsch- land sich auf die Ohren legen.

Nun hatte Churchill in seiner letzten Suada nod| getröstet, 1942 oder vielleicht 1943 werde das ent­scheidende Jahr der britischen Offensiven fein. Des- mal behauptet er, er habe damals nicht sagen wol­len, er fei ber Meinung gewesen, daß der Krieg bis dahin dauere, aber und nun hatten wohl alle Zuhörer irgendeine Churchilliabe erwartet. Churchill fuhr jedoch verblüffend fort: .aber es iffl für die Landwirtschaft und die Schiffahrt notwen­dig, der Zukunft ins Auge zu sehen." Man ist wirk-

nicht zurückgekehrt. 3n der Nacht zum 19. Dezember wurde Alexandrien bombarbhrL

An der griechischen Front sind im Ab­schnitt der 11. Armee immer noch harte fiümpfe im Gange. Am gestrigen Tage wurden feindliche Truppenzusammenziehungen au verfch ebenen Siel» kn intensiv mit Bomben belegt. Während eines die­ser Angriffe wurde eine unferer Bomberformalioue» von vier Gloster angegriffen, von denen drei bren­nend abgeschosseu wurden. Unserepk<f>.atcine (Sturzkampfbomber) haben einen Dampfer ange­griffen und versenkt, Truppenzusammenziehungea. Kraftwagen und Nachschubkolonnen mit Bombern und WG.-Feuer beleok.

Während eines feindlichen euftangriffversuchtt auf B a l o n a wurden am 18. Dezember von unse­ren Jägern drei Blenheim abgeschossen.

In O st a f r l k a an der Sudan-Grenze Patrouil­len- und Artillerietatigkeit. Am 19. Dezember rour« Öen feindliche Depots und Berfeibigungsanlagen bei Metemma getroffen. Am 18. Dezember Hal unsere Luftwaffe nördlich des Bahnhofs von E r l b a und des Eisenbahnknokenvunktes von h a i y n I u n c t io n den Feind mit Bomben und Sprenggranaten angegriffen, wobei mehrere Voll­treffer erzielt wurden.

Feindliche Flugzeuge haben in vier aufeinander­folgenden Wellen Bomben auf Brindisi geworfen. Tuns Zivilpersonen, darunter zwei Frauen, wurden leicht verletzt.

Der König im Kindergarten.

X on Mare Stahl.

Er trug eine goldene Krone aus Pappe und »ar erst zwölf Jahre alt. Außerdem mar er ein Mädchen. Es hatte es übernommen, die Rolle des Königs zu spielen, denn die Buben waren für die Königsrollen als nicht geeignet abgelehnt worden, sie waren zu ruppig, bohrten ohne königliche Würde in der Nase herum und ließen die großen roten Hände links und rechts herabhängen. Ja, wenn sie etwa einen Stuka-Flieger hätten darstellen dür­fen oder einen U-Boots-Kommandanten aber einen König ... und dann noch inRumpelstilz- chen" das fei ferne von ihnen!

Auch von den zehn- und zwölfjährigen anderen Mädchen war es die reine Barmherzigkeit, daß sie überhaupt mitfpielten. Aber sie taten es fürbie Kleinen", wie sie mitleidig sagten, benn der Win­tergarten auf dem Dorf wurde geöffnet, und die Großen waren geloben worben, sich die ganze Herr- lichkeit anzusehen. Also hatten sie Mutters Kleiber- schrank durchwühlt und eine ganze passable Kostü- mierung zustande gebracht.

Eigentlich hielten sie bas Ganze für einen Jux und hatten es nicht ernst genommen, aber so geht es ja nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen in manchen Rollen des Lebens, denn au, einmal, als es endlich so weit war, sahen sie mit Entsetzen, daß sogar der Herr Bürgermeister und der Herr Kreisamtsleiter und wer weiß was sonst noch für gewichtige Leute im Zuschauerraum anwesend waren. Das Herz rutschte dem König in die samte­nen Königspumphosen: er verlor einige Male den Faden, und wenn er nicht so treue Diener gehabt hätte, die eifrig und laut soufflierten, wäre es aus gewesen mit dem ganzen Königtum.

Für seine Jugendlichkeit war er schrecklich hab- gierig und zwei Frauen aus dem Publikum lach­ten und sagten, das fei ganz richtig so, Männer seien immer schreckliche Egoisten. Dieser König wollte z. B., daß die arme Müllerstochter drei Kam­mern voller Stroh zu Gold spann, ein merkwür­diges Verlangen, aber Könige haben manchmal Grillen, und Dann war auch eigentlich der Vater der Müllerstochter an der ganzen Kalamität durch seine Redseligkeit schuld.

Aber b<i lachten die beiden Damen und sagten ja, ja, das fei die zweite männliche Eigenschaft, die Prahlerei, bas habe schon manches Mädchen er­fahren müssen.

Die Müllerstochter erfuhr das auch. Sie klagte deshalb sehr und war ganz verzweifelt, und wenn nicht Rumpelstilzchen gekommen märe, hätte man ihren blonden Kopf von dem kindlich langen Halse getrennt. Aber so ging das Unheil gottlob vorüber und das dreimal, und sie hätte Rumpelstilzchen wirklich dankbar fein müssen. Statt besten aber be­trog sie den Zwerg, der ihr doch das Leben gerettet hatte und nur weil sie doch ganz gern die Gattin dieses so sehr habgierigen, minderwertigen Königs werden wollte.

So", sagte ber Gatte der einen ber beiden Frauen von vorhin,so sind die Frauen, erst versprechen sie das Blaue vom Himmel herunter aus lauter An ast oder weil sie gern etwas haben möchten. Aber hinterher halten sie keine Abmachun­gen und betrügen noch obendrein!

Die Müllerstochter, jetzt als Königin mit Krone und in Säckchen, erschien in einem Schleier aus steifer, weißer Gaze. Sobald sie aufftanb, blieb ber Schleier am Thron hängen, der aus einem Korbsessel mit barübergelegter weißer Bettdecke be- stand, und die beiden Diener mußten ihn ihr bei­nahe nachwerfen, als sie hoheitsvoll davonrauschle. Die beiden Diener hatten es sehr schwer. Sie muß- ten an Türen klopfen, die nicht vorhanden waren und drehten imaginäre Schlüssel im Schloß um, indem sie den Zeigefinger in die leere Luft streck- ten undSchließ auf" sagten. Es waren auch nur Zwei Diener, während bei ber alten klassischen Drei, teiligfeit ber Märchen eigentlich drei nötig gewesen wären, und so mußten sie sich vor Geschäftigkeit saft zerreißen.

Als dann das Kind der Königin gebracht wurde, das eine große glotzäugige Puppe aus Zelluloid war, rückten die längsten Insassen des Äinbergar- tens beängstigend nahe an die Bühnenabsperrung aus grün« und rotummunbenen Bindfaden, und alle waren sich darin vollkommen einig, daß die Königin unmöglich eine so süße Puppe dem grau­samen Zwerg ausliefern könne.

Ader die Gefahr ging durch die List der Königin vorbei, und ber König war dann so gnädig, das königliche Kind in den Arm zu nehmen, und hier vergaß er zum erstenmal feine Rolle und fiel mit wilden Liebkosungen über die Puppe her und be- hielt sie so ungebührlich lange, daß die Königin sie ihm endlich entrüstet aus den Armen reißen mußte.

Damit war das Spiel zu Ende. Die beiden Damen sagten, so seien die Männer zuerst fän. ben fit Kinder unausstehlich und dann wollten (le

sie nicht mehr hergeben. Und der Gatte sagte ja, ja, so seien die- Frauen, zuerst drängten sie einen, ihre Kinder zu bewundern und bann schließlich würden sie eifersüchtig.

Danach ging alles Kaffee oder ein Viertel Wein trinken in die vielen Wirtschaften am See. Die Kleinen marschierten in ihren Sonntagskleidchen mit Brezeln und Bonbons belohnt ab.

-Was ist Ihr Lieblingswunsch?-'

Weihnachten ist die Zeit der Wunsche. Wenn die Menschen sich auch im allgemeinen zu allen Zeiten so ungefäyr dasselbe wünschen, so gibt es doch auch allerlei Ablpandlungen, in denen sich der Geist der Zeit spiegelt. Ein altesTaschenbuch zum geselligen Vergnügen" aus dem jür uns Deutsche denkwürdigen Befreiungsjahr 1813 enthält eine Reihe von Fragespielen, wie sie damals in Gesell­schaften gegeben wurden. Wir finden da die Beant- wortung von Fragen wie:Wo wünschen Sie die- fen Tag zu verleben?"Was ist Ihr Steckenpferd?" ujw. Eine der Fragen, deren Beanwortung am aufschlußreichsten für bie Zeit ist, lautet:Was ist Ihr Lieblingswunsch?" Sa erfahren wir einiges über bie Sehnsüchte ber Menschen von 1813.Das schönste Reitpserb in ber Stabt au haben."Nach Italien reifen zu können, um die Schönheiten bes Altertums zu sehen."Die Person heiraten zu können, die mein Herz besitzt."Daß mein Weinfläschchen die Eigenschaft von der Witwe ihrem Oelfrüglein hätte."Ein neues Gesetzbuch ganz nach der Natur und meinem Herzen machen au dürfen."Unter allen meinen Bekannten am schönsten zu tanzen."Alle Lie- besoerhältnisse in der Stadt zu wissen."Alle Sprachen Europas sprechen zu können."So schön malen zu können wie Angelika Kauffmann." Datz alle Aerzte und Advokaten auf Pensionen müßten gefetzt werden."So oft ich in den Schubsack greife, allemal einen Dukaten darin zu finden."Mit dem schönsten Bärmuff prangen zu können."So dichten zu können wie Stol­berg." «hundert Jahre alt zu werden und dabei immer gesund zu sein."Aus kleinen Steinchen Gold machen zu können."Daß sich in der Welt Gerechtigkeit und Frieden küssen mochten."Ein Gläschen alten Rheinwein in dessen Vaterland trin-1 fen zu können."Alle neuen Moden zuerst zu Haden."Daß man zuweilen hinter den Vorhang der Zukunft gucken könnte." CK. j

Krastleistungen der Insekten.

Wohl jeder hat schon einmal mit Erstaunen ge« sehen, welche Lasten eine kleine Ameise zu bewegen vermag und in welcher Geschwindigkeit sie Tannen« nadeln, kleine Zweige und andere Beutestücke fort« fmleppt und in ihrem Bau in Sicherheit bringt Man hat berechnet, daß ein Mensch, wenn er übet verhältnismäßig ebenso viele Kräfte verfügen wollte, befähigt sein müßte, zwei Eifenbahnloko« Motiven auf feine Schultern zu heben und fortzu« tragen.

Ein anderes Beispiel für die Riesenkräfte, über oie die Insekten verfügen, bietet die gewöhnliche Kafemilbe, die weniger als einen halben Millimeter lang ist und doch bie Kraft hat, aus einem Gefäß herauszuspringen, bas fünfzehn Zentimeter tief ist Ein Mensch, der entsprechend starke Beinmmkeln hatte, wäre befähigt, aus einem fast zweihundert m tiefen Brunnen herauszuschnellen. Wie gering sind gegenüber diesen gewaltigen Leistungen die Spitzen« leiftungen unserer Leichtathleten. Auch der kleine Ohrwurm ist ein wahrer Herkules in ber Tierwelt Man hat schon verschiedene Versuche gemacht, feine Stärke anschaulich vor Augen zu führen, und selbst bei großen Zumutungen hat der Ohrwurm durch die Leichtigkeit, mit der er sie bewältigte, immer wieder überrascht So hat man ein solch kleines Tierchen, dessen wir uns mit einer Handbewegung entledigen, wenn es zufällig beim Durchstreifen einer Hecke an unserem Anzug halten bleibt, an einen kleinen Wagen gespannt, der sechsundvierzig­mal sein eigenes Gewicht hatte, und mühelos zog der Ohrwurm das Wägelchen vorwärts. Nun legte man in den Wagen einen Gegenstand, der wie­derum zweihundertmal so schwer war wie der Wurm, und der Ohrwurm zog auch diese Stft Wenn ein Pferd entsprechend Diel Kräfte hätte, so könnte es mühelos eine Last im Gewicht von zwei­hundert Tonnen fortbewegen.

Fast alle Käfer besitzen fo ungewöhnliche Kräfte. Der stärkste unter ihnen, der Schwergewichtsmeister ihrer Klasse, ist wohl der immerhin zwölf Zenti­meter lange Goliathkäfer, ber in Südamerika vor« kommt. Er ist weder giftig noch gefährlich, obwohl man ihm beides zuweilen nachsagt, richtig dagegen ist, daß er zwischen seinem Hals und seinen Schul­tern eine Stelle hat, die wie ein Schraubstock wirkt. CK