Ausgabe 
21.10.1940
 
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Montag, 21. Oktober M0

Hr.249 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Aus der Stadt Gießen.

Zwischen Hell und Dunkel.

Zwischen Hell und Dunkel liegt die Stunde der Dämmerung. Wenn sie kommt, dann senken sich blaue Schatten aus die Stadt, die schleiergleich das Häusermeer einhüllen, so daß alle Konturen un­deutlicher werden, bis sie schließlich ganz und gar verschwimmen.

In diesen Herbstwochen kommt die Dämmerung von einem Tag zum anderen zeitiger. Dabei ist sie anziehender als zu jeder anderen Zeit des Jahres. Wenn bei schönem Wetter die Sonne glutrot unter den Horizont sinkt und ihren Widerschein an den Türmen und Dachgesimsen noch ein Weilchen spie­len läßt, dann erfüllt sich die Luft mit jenem grau­blauen Dunst, den man zu schmecken scheint und der nach Herbst und Vergänglichkeit riecht. Je mehr die Sonne schwindet, um so intensiver breitet sich der Abenddunst aus, bis er sich endlich immer mehr verdichtet. Dann ist es nicht mehr weit bis zur völ­ligen Dunkelheit, mit der die Nacht den Tag ab­lüft.

Zuvor aber kann man das langsame Verdäm­mern des Tages in all seinen reizvollen Stadien beobachten. Die Schatten, die zunächst noch still in den Winkeln hockten, beginnen hervorzukriechen und erstaunlich zu wachsen. Die Geschäftsstraße hat sich in einen Halbschatten gehüllt, der alle Farben stumpf erscheinen läßt. Am Kirchturm spielt minu­tenlang noch ein Lichtreflex, allmählich steigt er in die Höhe, doch mit einem Male hat auch ihn die Dämmerung verschluckt. Und je mehr die Hellig­keit schwindet, um so deutlicher wird der herbst­liche Charakter der Abendstimmung spürbar, deren Romantik unverkennbar ist.

Früher flammten dann in den Straßen die Lich­ter auf, deren lockende Farbigkeit dem Stadtbild eine besondere Note gab. Dieses Feuerwerk bunter Leuchtzeilen und Transparente ist heute ebenso aus­geschaltet wie die strahlende Lichtersülle blitzender Schaufenster. Dafür behauptet die Dämmerung länger als sonst ihr Feld, und wer sie beobachtet, wird finden, daß es durchaus lohnend ist, dem Spiel zwischen Hell und Dunkel gelegentlich zuzu­schauen. H. Wi Sch.

Bornotize«

Tageskalender für Montag.

Gießener Vortrags-Ring: 19.30 Uhr in der Neuen Aula der Universität Dr. Paul RohrbachMit Auto, Bahn und Flugzeug durch Afrika von Nord nach Süd". Gloria-Palast (Seltersweg):Ver­klungene Melodie". Lichtspielhaus (Bahnhof­straße/:Michelangelo".

Ortszeit für den 22. Oktober.

Sonnenaufgang 8.03 Uhr, Sonnenuntergang 18.15 Uhr. Monduntergang 13.23 Uhr, Mondaufgang 22.38 Uhr.

Beftrakung von preistreibern.

NSG. Der Reichsstatthalter in Hessen Landes­regierung, Stelle für Preisbildung, hat den In­haber einer Konservenfabrik wegen grob fahrlässiger Zuwiderhandlungen gegen die Preisvorschriften bei her Kalkulation seiner Verkaufspreise im Unter- werfunasverfahren in eine Ordnungsstrafe von 7000 RM., eine Obstgroßhändlerin wegen unzu­lässiger, grob fahrlässiger Preisüberschreitungen im Unterwerfungsverfahren in eine Ordnungsstrafe von 4Ö00 RM., den Inhaber einer Möbelfabrik wegen unzulässiger, grob fahrlässiger Aenderung seiner Zahlungs- und Lieferungsbedingungen im Unter­werfungsverfahren in eine Ordnungsstrafe von 2500 RM., einen Mitinhaber einer Leberwarenfabrik wegen schuldhafter Verfehlungen gegen die Leder­preisverordnung, die hierzu ergangenen Preiserrech­nungsvorschriften sowie die Preisstopverordnung im Unterwerfungsverfahren in eine Ordnungsstrafe von 2500 RM. und den Inhaber einer Lederwarenhand­lung wegen grob fahrlässiger Zuwiderhandlungen gegen die Lederpreisverordnung und die hierzu er­gangenen Preiserrechnungsvorschriften im Unter­werfungsverfahren in eine Ordnungsstrafe von 2000 RM. genommen.

Vogelschutzmaßnahmen im Herbst.

Unsere Zugvögel sind in wärmere Länder ge­zogen. Nur die winterharten Vögel beleben noch unsere Fluren, so die nützlichen Meisen. Sollen sie im kommenden Jahr in unseren Gärten nisten, dann müssen wir jetzt schon Nistkästen besorgen

Letzter Appell an die Vernunft.

Der Nationalsozialistische Gaudienst der Gaulei­tung Hessen-Nassau teilt mit:

Von Tag zu Tag wird es jetzt früher dunkel, und damit ist es den Feindfliegern, die es nur wagen, im Schutze der Nacht ihre heimtückischen Angriffe durchzuführen, möglich geworden, schon in den spä­ten Abendstunden ins Reichsgebiet einzufliegen. Es wird deshalb jetzt häufiger Vorkommen, daß man auf der Straße vom Fliegeralarm überrascht wird. Das Aufheulen der Sirenen ist das Signal dafür, daß in den nächsten Minuten schon Tod und Ver­derben die Stadt treffen können. Trotzdem jeder­mann weiß, daß unsere Gegner sich ein Vergnügen daraus machen, ihre Bomben inmitten dichtbevölker­ter Wohnviertel abzuwerfen, verkennen doch noch viele Volksgenossen den Ernst der Lage und spa­zieren trotz Fliegeralarm unbekümmert auf der Straße herum, oder setzen einfach ihren Weg fort, als wäre nichts oeschehen. Da niemand behaupten

kann, daß er im Unklaren darüber ist, wie er bei Fliegeralarm oder Flakfeuer zu handeln hat, be­deutet dieses Verhalten eine Disziplinlosigkeit sonder­gleichen. Jeder vernünftige Mensch wird schon von sich aus die vom Gesetzgeber getroffenen Anord­nungen befolgen und sofort den nächstgelegenen Schutzraum aufsuchen. Die Unvernünftigen und Un­belehrbaren aber werden es von nun an zu spüren bekommen, daß es Zwangsmittel gibt, um ihnen die nötige Einsicht beizubringen. Es sind Anord­nungen ergangen, daß die Polizeiorgane mit den schärfsten Mitteln gegen jeden vorgehen sollen, der durch sein disziplinloses und luftschutzwidriges Ver­halten gegen die Volksgemeinschaft verstößt. Die im Luftschutzgesetz vorgesehenen Strafen sind hart und werden von nun an jeden treffen, der glaubt, sich den Anordnungen des Gesetzgebers widersetzen zu können. Die Zeit der Verwarnungen ist jetzt end­gültig vorbei.

Heilkräutersammiung 1940.

t Großen-Linden, 20. Oft. Die von Leh­rer Reck verwaltete Bezirkssammelstelle Gießen- Land der Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzen­kunde und Heilpflanzenbeschaffung (RfH.) hat bis jetzt insgesamt 216 kg getrockneter Heil­and Teekräuter an die Hauptsammelstelle in Frankfurt a. M. zur Ablieferung gebracht. Diese vorläufige Gesamtmenge setzt sich aus den folgenden Drogen zusammen: Himbeerblätter 54,4; Kamillen 37,8; Ackerschachtelhalm 32,7; Brombeerblätter 31,6; Schafgarbenblüten 22; Erdbeerblätter 21; Mai­blumenblätter 5,8; Brennesselblätter 3,7; Spitzwege­richblätter 3; Johanniskraut 3; Erdrauchkraut 3 kg, kleinere Mengen Mutterkorn, Lindenblüten, Taub­nesselblüten, Holunderblüten, Pfefferminzblätter. Die einzelnen Sammlereinheiten sind an dem Er­gebnis wie folgt beteiligt: Schule Holzheim 47; Schule Watzenborn-Steinberg 45,3; Schule Allendorf a. d. Lahn 25,6; Schule Großen- Linden 25,5; Schule Leihgestern^ 19,5; Schule Heuchelheim 17,2; Schule Grönin­gen 16.7: Schule Lnnq-Göns 5; Schule Gar­benteich 2,7; NS-Frauenschaft Grün in gen 3,8; NS.-Frauenschaft Leihgestern 2; Jung­

mädel Großen-Linden 5 Kilogramm. Die Sammeltätigkeit ist noch nicht abgeschlossen. Die Gauwaltung des NS.-Lehrerbundes und die Gau­abteilung der RfH. haben zu nochmaliger Sammel­tätigkeit nach den Herbstferien aufgerufen. Es kön­nen bis in den November hinein in erster Linie noch Brombeerblätter gesammelt werden, für die vor allem die Wehrmacht einen großen Bedarf angemel­det hat. Dazu kommt die restlose Einbringung der Hagebutten, deren Ernte wegen des hohen Vitarnin-OGehaltes der geschätzten Wildfrucht von großer wehrwirtschaftlicher Bedeutung rft

J Lich, 21. Oft. Die Heilkräuter-Sammelstelle in Lich, die von Apotheker Weber geleitet wird, hat bisher 116 kg Trockengut und 15 kg frische Wildfrüchte an die Gausammelstelle des Gaues Hessen-Nassau in Frankfurt a. M.-Höchst versandt. Das Sammelgut ist aufgebracht worden von: Schule Lich 48,2; Jungvolk Li ch 10,5; Jungmädel L i ch 9,2; Schule Alb ach 4.3; Schule Birklar 18,5; Schule Dorf-Gill 20; Schule Eberstadt 9; Schule Muschenheim 7.9; Schule Steinbach 4,2 kg.

und aufhängen, daß sie im Winter Zuflucht nehmen können und sich daran gewöhnen. Aus Nisthöhlen, die im Sommer bewohnt waren, müssen wir das alte Genist entfernen, weil dieses stark mit Milben und Flöhen (Blutsauger) durchsetzt ist, welche un­sere Schützlinge aussaugen. Die Vögel werden da­durch sehr geschwächt und sind dann nicht mehr so widerstandsfähig. Wir dürfen auch nicht ver-gessen, daß tiefer Schnee die Vögel ihrer natürlichen Nah­rung beraubt. Kerbtierfressende Kleinvögel können aber höchstens einen Tag ohne Nahrung bleiben. Wir sind dann gezwungen, sie zu füttern. Die Vor­bereitungen dazu müssen schon jetzt getroffen wer­den. Man reinigt und füllt die Futtergeräte. Für die Singvögel sammelt man Beeren und Sonnen- blumenkerne, um sie im Winter getrocknet aus­streuen zu können. Wieviel Freude können wir mit einer Winterfütterung, mit ein paar Nistkästen uns und unsern Kindern machen, und mit ganz geringen Mitteln! Und wie nützlich sind derartige Maßnah­men, wenn sie sachgemäß durchgeführt und erprobte Geräte verwendet werden.

Hitler-Jugend

spielt unh singt in Frankreich.

Auch Gießener Jungen und Mädel dabei.

HI. und BDM. haben gemeinsam eine Spiel­schar aus Jungen und Mädels zusammmmengestellt, die demnächst auf Veranlassung des Oberkomman­dos der Wehrmacht eine Fahrt durch Frankreich machen und vor den Soldaten spielen und singen soll. Drei Tage lang waren die Jungen und Mä­dels in einem Lager imHaus der Jugend" in Frankfurt zusammengefaßt, um hier gemeinsam zu proben und sich zusammen einzuspielen. Aus den verschiedenen Gebieten des Gaues batten sich die musik- und sangbegabten jungen Menschen zusam­mengefunden, aus Frankfurt, aus Homburg, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt, Gießen usw. Sie gehören

den verschiedensten Berufen an, einige sind noch in der Lehre, andere haben schon ausgelernt und stehen im Beruf als Verkäufer oder a^s Stenotypistinnen, eine Laborantin befindet sich un r ihnen, eine Mu­siklehrerin, eine Studentin, und eine andere kam eben aus dem Arbeitsdienst und hat noch keinen festen Beruf. Alle aber verbindet die Liebe zur Mu­sik und zum Gesang und deshalb wurden sie aus der großen Schar der Hitler-Jugend und des Bun­des Deutscher Mädel im Gau ausgewählt.

In voraussichtlich vierzehn Tagen bis drei Wochen soll die Fahrt durch Frankreich beginnen. Vierzehn Tage lang wird die Spielschar aus Hessen-Nassau unterwegs sein, und wir sind überzeugt, daß sie unseren "Soldaten in Frankreich viel Freude bringen wird. An der Fr^rt werden auch einige Jungen und Mädel aus Gießen teilnehmen.

Frohe Stunden

für unsere Verwundeten.

Das Oberkommando der Wehrmacht veranstaltete durch die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" in einem hiesigen Lazarett ein Konzert, das als Virtuose Musik" Kompositionen von Beethoven, Dvorak, Chopin, Hubay, Drdla, Sarasate und Liszt brachte. Ausführende waren die Violinkünstlerin Maxi I a g s ch i tz aus Mainz und der Klavier­künstler Willi Renner aus Frankfurt a. M. Die hervorragenden Leistungen der beiden Künstler lie­ßen die Werke der Komponisten in schönster Weise zur Geltung kommen und begeisterten die dank­baren Zuhörer immer wieder zu so starken Bei- fallskundgebunaen, daß sich die Künstler schließlich au einer Zugabe bereitfinden mußten. Es war eine sehr schöne Veranstaltung, die den Zuhörern noch lange in guter Erinnerung bleiben wird.

Ferner gab das Musikkorps eines Seeflieger- Horstes, das sich auf einer Konzertreise auch in Gießen und Jlmgegenb aufhielt und hier mehrere

Konzerte veranstaltete, den verwundeten Kamera­den in beiden Reserve-Lazaretten ebenfalls je ein Konzert, womit den Lazarettinsasse» eine große Freude bereitet wurde. Die hervorragenden instru- mentalen Darbietungen wurden mit dankbarem Bei­fall aufgenommen;

Ferner erfreute ^die Kindergruppe der Ortsgruppe Gießen-Süd unter Führung ihrer Leiterin Frau Nau die Verwundeten mit einem frohen Besuch, bei dem die Kleinen den Soldaten Blumen, Kuchen, Zigaretten und sonstige Liebesgaben überbrachten, sie gleichzeitig mit kindlich schlichten Liedern er­freuten und durch ihr frohes Geplauder beim Gang durch die Krankenzimmer köstlich unterhielten. Un­tere verwundeten und kranken Soldaten wußten den kleinen Besuchern herzlich zu danken.

Monatsappell

der Kameradschaft ehem. 116cr.

Zum ersten Male trafen sich die Mitglieder der Kameradschaft ehemaliger 116er Gießen am Sams­tagabend in ihrem neuen Kameradschaftsheim Pfälzer Hof" zum Oktober-Appell, der sehr gut besucht war. Kameradfchaftsführer Hans Bill be­grüßte die Kameraden und beglückwünschte beson­ders den Kameraden Ludwig Groh, Gnauth- straße 7, der am 21. Oktober seinen 75. Geburtstag in seltener Rüstigkeit feiern kann. Kamerad Groh diente von 1883 "bis 1^86 aktiv im Gießener Regi­ment und widmete über 40 Jahr seine Kraft als Oberpostschaffner dem Staate.

Kamerad Bill legte dann in längeren Ausfüh. rungen die Gründe bar, die zur Verlegung des

Vergessen Sie nicht Ihr Los zur 4. Deutschen Reichslotterie Ziehungsbeginn schon morgen! 4726d

Kameradschaftsheimes führten, und die von den Kameraden gebilligt wurden. Weiter gab er das Ergebnis der letzten Sammlung für Kinder- und Waisenheime bekannt, das gegenüber dem Ergeb­nis des Vorjahres um das Doppelte höher war. Er dankte allen denen, die sich für die Sammlung einfetzten, dankte aber auch den freudigen Gebern.

Den Hauptteil der Tagesordnung füllte eine ein- gehende Aussprache über die mit erhöhter Tätigkeit durchzuführende Propaganda- und Werbetätigkeit, zu der von der Kameradschaftsleitung Richtlinien gegeben wurden. Die Werbung geht in der Folge streng noch den von der Reichskriegerführung ge­gebenen Richtlinien vor sich, so baß die Kameradschaft ehemaliger 116er als wahre Pflegestätte soldatischen Geistes und soldatischer Kameradschaft weiterbestehen wird.

Anschließend berichteten die verschiedenen Warte über ihren Tätigkeitsbereich, und manche Anregun­gen wurden seitens der Kameraden gegeben, die den Referenten fernerhin ihre Arbeiten erleichtern werden.

Am Schluffe des dienstlichen Appells gedachte der Kameradschaftsführer der Toten des großen Krie­ges und derjenigen Kameraden, die in diesem Kriege ihr Leben gaben für das neuerftanbene Groß, beutfche Reich.

In dem anschließenden kamerabschaftlichen Teil erzählte Kamerad G l a g 0 w in humorvoller Weise, wie er 1918 in französische Gefangenschaft geriet und seine Erlebnisse in ihr. Neben den wenigen schönen Stunden, die sich die deutschen Gefangenen trotz allem Ernst und Elend selbst bereiteten, mach­ten seine Ausführungen über die mehr als dürftige Lebensweise und die schmachvolle Behandlung deut­scher Soldaten in französischer Gefangenschaft tiefen Eindruck auf die Zuhören

** NS.-Frauenschaft Deutsches Frauenwerk, Gießen - Ost. Der Gemein- fchaftsabenb findet statt: Donnerstag, 24. Oktober, für die Zellen 1, 2 und 3; Freitag, 25. Oktober, für die Zellen 4, 5, 6 und 7, jeweils 20 Uhr im Gast­hausGermania". Es läuft ein Film des Raffen- politischen Amtes. Kindergruppe: Der erste Nachmittag findet am kommenden Mittwoch wieder statt. Treffpunkt pünktlich 15 Uhr Neue Pestalozzi- schule. Dort Abmarsch ins neue Heim 15.10 Uhr.

** Ein Fünfundsiebzigjähriger. Am heutigen Montag, 21. Oktober, begeht der Oberpost-

Gießener Konzeriverein.

Klavierkonzert Wilhelm Backhaus.

Zu einem Erleben stärksten Ausmaßes und höch­ster Intensität wurde der Sonatenabend von Wil­helm Backhaus, in seiner unvergleichlichen Ein­maligkeit sich absondernd von der Reihe anderer Veranstaltungen. Vier Sonaten in einem ständigen Sichsteigern bis zur Monumentalität der Hammer­klavier-Sonate waren äußerst anspannend für den Hörer, aber doch fesselnd und bannend bis zum letzten Akkord.

Denn es geht von B a ck h a u s eine außerordent­liche suggestive Kraft aus, die mit Recht Disziplin vom Hörer fordert und ihn zum Folgen zwingt. Ruhig, fast gelassen erscheinend, wartet er bis alle ihm die notwendige Aufmerksamkeit erweisen; denn ein unerbittlicher strenger Ernst erfüllt ihn Beim Vortrag änbert sich kaum bas äußerliche Bilb, frei von allem, was nur an Pobiumsgeste erinnern könnte. Nur dem Werk ergeben, laßt er dieses m feiner inneren Kraft erwachen, aufbluhen und sich in her Schönheit feiner Gestalt, in der zwingenden Logik feines Aufbaues, in der Tiefe feines Seelischen sich entfasteu und ausbreiten. Bei diesem Künstler sind die Werk und Vortrag bedingenden Faktoren in harmonischem Ausgleich zu letzter höchster Reife entwickelt So münden instrumentales Können mu- fikalifche Gestaltungskraft und em tief« Menschen­tum in wundersamem, gegenseitigem DUichdrmgen zur höchsten Einheit, die das Werk als Ganzheit, als idealen Organismus erstehen laßt und all die Dielen Fragen nach den Emzelfahigkeiten des Vor tragenden von nornfierem ausscheidet. weil hier das Ideal feine höchste Realität gefunden bat.

Die Art wie Backhaus das Werk zur Klang- werdung 'führt, ist dennoch eigenartig ^pragt. Scheinbar im Augenblick werdend, tn schlichter A fchaulichkeit ersteht es als eine 3mproDb

fation. Seine Durchgliederung, die selbst das Schwie­rigste und Komplizierte klar, em sack, natürlich e - f-Heinen läßt, ersteht aus dem Pulssch °g des Wer tes. Zur Schaffung der mneren Kontrafte bedien sich Backhaus wemger der dem Spieler ui

Hanb gegebenen äußerlichen Mittel ber Phrasierung und ber bynamischen Ausstusungen; bei ihm wirb bas Zeitmaß in seiner mannigfachen Mobifizievung zum Schlaglicht für bie organischen Entwicklungen ber Thematik. So wirb sein Spiel über bie bloße Wiebergabe bes Werkes hinausgehoben zu einem Erschaffen, bas alle bie seelischen Hintergrünbe zu letzter Auswirkung lebenbig werben läßt.

Jeder einzelnen Sonate gibt Wilhelm Back­haus bas ihr nach ber Stilperiobe Zustehenbe. Neckisch, fein gegliebert, bie F-d u r = <5 0 n a t e mit ihrem Kopfsatz, bei fülligem Aufblühen ber breitge­führten Kantilene. In bem f-moll-Allegretto würbe das sich ankünbenbe Dämonische road)r und bur­schikos gab sich bas Presto. Das allmähliche Wer­ben im Eingang ber Es-dur»6onate fesselte ebenso wie bas Scherzo mit seinen vielfältigen pointierten Einzelheiten. Jrn Menuetto hielt er sich abseits von ber bei biefem Satze häufig zu treffen- senden Sentimentalität; herb unb boch in Schön­heit spannte er ben meblodifchen Bogen. Der letzte Satz mit seinem Drängen mürbe zur Coba hin zu einem Klangwunber. In der Walbstein- Sonate würben bie klanglichen Kontraste bes ersten Satzes überaus wirkungsvoll. Die Einleitung zum Ronbo war von einer inneren Spannung, die sich ständig erhöhte unb steigerte, burchzogen, unb gerabezu bannend war ber Uebergang zum Ronbo, besten Eingangsthema wie aus einer an­dern Welt erschien unb besten Durchführung bei den Hörern Stürme höchster Begeisterung weckte. _ Die B-dur-Oonate op. 106 wurde in ihren inneren Entwicklungsstabien bes Kopfsatzes zu lich­tester Klarheit, bie ber Aufnahmefähigkeit bes Hörers äußerst entgegenkam, geführt. Das breit gebehnte Abagio mürbe in ber Vielgeftalt feiner melodischen Abmanblung burch den Vortrag zu letzter Tiefe.erschlossen, unb somohl in ber lieber- Leitung zum Finale mit ihren rhapsobischen An­sätzen, mie auch in ber Fuge erwuchs ein Kamps ber Kräfte im Licht ber thematischen Schattierung unb einer bis zum Letzten sich erstreckenden plasti­schen Deutlichkeit ber inneren Struktur.

Der Dank ber Hörer steigerte sich nach ben ein­zelnen Gaben zu außergewöhnlicher Form.

Hermann Hering.

Erstaunliches Erlebnis eines berühmten Mannes.

E b i f 0 n , ber ber Menschheit so viele erstaun­liche Erfinbungen geschenkt hat, wurde einmal, als er schon ein alter Mann war, von einem Besucher gefragt, welches fein erstaunlichstes Erlebnis gewe­sen sei. Die beiben saßen in Edisons Rauchzimmer, unb über ihnen hing bas Bilbnis eines Knaben, ber einen Pack mit Zeitungen unter bem Arm trug. Das bin ich", sagte EdinsonIch war damals Zeitungsjunge, und ich arbeitet mich zu ber Würbe eines Zeitungsverkäufers in einem Zuge heraus, ber zwischen Saginaw unb Detroit verkehrte. Mit einem Pack Zeitungen unter dem Arm lief ich durch den Zug, als ein Mann mich aufhielt. Eine lange Zigarre hing aus dem Winkel seines Mundes. Ein Neger saß neben ihm.Junge, was bringst Du?" fragte er.Zeitungen", antwortete ich.Wie viele hast Du?"34 Stück".Schmeiß sie zum Fenster raus", befahl er.Ich bezahle alle". Schon flatter­ten bie Blätter durch das offene Fenster. Träge wandte er sich zu dem Neger und sagte in befeh­lendem Ton:Nicodemus, rechne mit bem Jungen ab!" Der Farbige bezahlte mich.

Ich ging in meinen Verschlag zurück unb über­legte, ob ich es noch einmal versuchen sollte. Ich kehrte in ben Rauchwagen zurück mit einem Stapel von Zeitschriften, ben ich kaum schleppen konnte. Keine einzige ließ ich liegen. Mein seltsamer Kunde sah mich kommen.Hallo, Junge", rief er.Was bringst Du?"Zeitschriften".Wieviel?" Ich gab bie Ziffer an.Schmeiß sie alle zum Fenster raus." Ich tat es. Unb so würbe bie ganze Strecke mit Literatur gepflastert.Nicobemus, rechne mit bem Jungen ab" befahl mein verrückter Freund aus bem Süden.

Ich begriff die Situation. Mein Kunde hatte wohl auf irgend eine Weise viel Geld gemacht unb ver­gnügte sich jetzt bamit, bie Leute in Erstaunen zu setzen. Ich schoß nach meinem Verschlage zurück. Er war noch halb voll mit Sensationsromanen, und viele von ihnen waren bereits vergilbt, weil ich sie nicht absetzen konnte. Der Schaffner half mir, alles auf meine Anne zu laben. Keuchend schleppte

ich die Last in den Rcruchwagen. Wieder dasselbe Spiel. Es dauerte einige Zeit, bis ich meine ganze Bibliothek herausgefeuert hatte. Meine Rechnung wurde voll bezahlt.

Ich kehrte nach meinen leeren Derschlag zurück. Da hatte ich noch die paar Kästen stehen, in denen ich meine Zeitungen, Zeitschriften und Bücher auf­zubewahren pflegte. Auch die brachte ich zu dem Manne, und er befahl mir;Wirf sie aus dem Zuge". Ich schleppte sie auf die Plattform und stieß sie herunter, eine nach der andern, Nicodemus zahlte mir, was ich dafür forderte. Ich hatte bas beste Geschäft meines Lebens gemacht unb genug Gelb erworben, um mich nun anderen Dingen au- zürnenden ..." C. K.

Zeitschriften.

Das Oktoberheft ber ZeitschriftNeues Volk" (Verlag Berlin SW 68) bringt u. a. einen anregenb bebilberten AufsatzVon Geschlecht zu Geschlecht", ber sich mit Sippenpflege unb Sippen« oerbänben beschäftigt. Besonbers aufschlußreiches Bilbmaterial, zusammengestellt aus französischen Zeitschriften, illustriert ben aktuellen BeitragSo sieht Frankreich bie schwarzen Franzosen" von Wal­ter Mertzig. Weiter lieft man einen Gebenkartikel für bie Opfer bes Bromberger Blutsonntags, einen BeitragWartheland Bauernland" unb eine interessante, anschaulich illustrierte Gegenüberstellung Waffen einst und heute" von Dr. Max Domschke.

Das große Wintermoben-Heft berM 0 - b e n w e l t" (Deutscher Verlag, Berlin) zeigt auf vielen, zum Teil bunten Seiten in Pho­tos unb Zeichnungen bie neue Mobe dieses Winters. Das schöne Heft bringt nach einem ein­leitenden Artikel über bie Winte-mode 1940 130 reizende Mobelle für jede Tageszeit. Man findet Praktisches unb Elegantes, Kleider, Komplets und Kostüme, Mäntel verschiedenster Art, auch mit Pelz­besatz, Blusen, Hüte, sportlicke Kleidung, Modelle für Vollschlanke usw. usw. Auch allerlei Strickklei­dung wird gezeiat und viele Vorlagen für Kinder. Gin paar hübsche Puppenkleiber beschließen fragt Heft.