*♦ Eine Tomate im Gewicht von 1% Pfund zeigte uns gestern Herr Heinrich Seu- l i n g aus Alten-Bufeck. Die außerordentlich große Frucht hat er in seinem Garten geerntet. Da wird diese Frucht allein schon einen ausreichenden Tomatensalat geben.
Amtsgericht Gießen.
Der W. B. in Heuchelheim war wegen Vergehens gegen die Verordnung über die Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels angeklagt. Er hatte seine Arbeitsstelle an zusammen 41 Tagen widerrechtlich und ohne Grund verlassen. Gegen den Angeklagten, der geständig ist, war bereits Wirtshausoerbot er- aen. Er war auch bereits mehrmals verwarnt en. Dem Antrag des Anklagevertreters entsprechend wurde er zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten, abzüglich 1 Monat Untersuchungshaft, verurteilt.
Strafkammer Gießen.
Der H. P. aus Berlin, zuletzt in Bleichenbach wohnhaft, war durch Urteil des Amtsgerichts Ortenberg vom 16. Juli wegen Betrugs im Rückfall zu einer Gefängnisstrafe von 1 Jahr und 2 Monaten verurteilt worden. Er hatte sich in
Schickt Zllufinette an die Front!
Der Frontsoldat wird dafür dankbar fein.
der Zeit vom 19. Dezember 1939 bis 4. März 1940 Krankengeld und Hausgeld in Höhe von 322,41 RM. auszahlen lassen, obwohl ihm in dieser Zeit sein Gehalt von monatlich 200 RM. weitergezahlt wurde. Gegen das Urteil legte er Berusuna ein. Trotz ordnungsmäßiger Ladung war der Angeklagte zum Verhandlungstermin nicht erschienen, weshalb feine Berufung verworfen wurde.
Aus der engeren Heimat.
Senatspräsident i. R. Or. Wilhelm Keller f.
LPD. Darmstadt, 20. Sept. Senatspräsident Geheimrat Dr. h. c. Jakob Wilhelm Keller ist in Darmstadt im 90. Lebensjahr gestorben. Nach .Ablegung der juristischen Fakultätsprüfung in Gießen und der hessischen Staatsprüfung in Darmstadt war Dr. Keller zunächst Substitut beim Staatsprokurator in Alzey, später in Mainz, wo er auch als Landrichter und Landgerichtsrat tätig war. 1895 wurde er als Oberlandesgerichtsrat an das Hessische Oberlandesgericht nach Darmstadt berufen, dessen Senatspräsident er seit 1. Oktober 1909 war. Dr. Keller war lange Zeit Mitglied des Verwaltungsgerichtshofes, der Staatsprüfungskommission und mehrere Jahre Vorsitzender der Reichsdisziplinar- kammer. Zehn Jahre leitete er die von ihm mitbegründete hessische Rechtsprechung" und war meh- rere Jahre Vorsitzender des Hessischen Richtervereins. Die Universität Gießen verlieh ihm 1907 den Ehrendoktortitel.
Landkreis Gießen.
* G r o ß e n-L i n de n, 21. Sept. Am heutigen Samstag, 21. September, kann der Musiker und Zeitungsoertreter Heinrich Geißler in guter körperlicher und geistiger Frische seinen 7 5. Geburtstag begehen. Der Jubilar hat seit fast zwei Jahrzehnten die hiesige Vertriebsstelle des „Gießener Anzeigers" inne und füllt diesen Posten trotz seines hohen Alters in gewisserhafter Weise aus. Seit über 40 Jähren gehört er der hiesigen Freiwilligen Feuerwehr und dem Gesangverein „Germania" an. Möge dem allseits geachteten und beliebten Manne noch ein- schöner Lebensabend beschieden sein. Auch wir bringen dem alten Herrn unseren herzlichen Glückwunsch zum Geburtstage dar.
Schweinemarkt in Homberg.
—.— Homb erg, 19.September. Der Auftrieb zum gestrigen Schweinemarkt betrug 156 Ferkel. Man bezahlte für 6 bis 8 Wochen alte Ferkel 16 bis 20 RM., 8 bis 10 Wochen alte 20 bis 25 RM., 10 bis 12 Wochen alte 25 bis 30 RM. Der Handel war schleppend, es verblieb Ueberftand.
Stadttheater Gießen.
Auf vielseitigen Wunsch wird am morgigen Sonntag das erfolgreiche Lustspiel „Hochzeitsreise ohne Mann" von Leo Lenz noch einmal aufgeführt. Es ist damit allen, die während der Vorspielzeit keine Gelegenheit hatten, sich dieses unterhaltsame Werk anzusihen, noch einmal die Möglichkeit geboten, das Versäumte nachzuholen. Die Spielleitung hat Hans Albert Schewe. Das Bühnenbild stammt von Karl Löffler. Es wirken mit: Hannelore Hinkel, Hilde Kneip; Kurt Bosny, Walter Erler, Hans Geißler, Karl Volck. — Die Vorstellungen müssen p ü n k t - l i ch zu den angegebenen Zeiten beginnen, damit die behördlich vorgeschriebene Beendigungszeit der Veranstaltungen eingehalten werden kann.
Orlszeii für den 22. September.
Sonnenaufgang 7.11 Uhr, Sonnenuntergang 19.23 ilhr. — Monduntergang 12.49 Uhr, Mondaufgang 22.13 Uhr.
Ortszeit für den 23. September.
Sonnenaufgang 7.13 Uhr, Sonnenuntergang 19.21 Uhr. — Monduntergang 13.46 Uhr, Mondaufgang 22.57 Uhr.
Die Sprechstunden der DAF., Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung, Gießen, werden ab sofort Montags und Freitags von 17 Uhr auf 19 Uhr verlängert. Anmeldungen zu Lehrgemeinschaften können insbesondere von den Arbeitskameraden abgegeben werden, die erst nach 17 Uhr kommen können. Dauer der Sprechstundenverlängerung bis 11. Oktober 1940 einschließlich. 4183D
Hatsherren-Sihung in Gießen.
Am kommenden Mittwochnachmittag findet sine öffentliche Beratung des Oberbürgermeisters mit den Ratsherren der Stadt Gießen statt. Auf der Tagesordnung stehen der Erlaß einer Betriebs- fatzung für die Stadtwerke, Rechnungen der ehe- maliaen Gemeinden Wieseck und Klein^Linden für das Rj. 1938, die Neufestsetzung der Straßenfluchtlinie im Hitlerwall zwischen Gartenstraße und Moltkestraße , der Erlaß einer Gebührenordnung für die Friedhöfe in den Stadtteilen Wieseck und Klein-Linden und einer Polizeiverordnung zur Friedhofs- und Begräbnisordnung der Stadt Gießen.
Ab 1. Oktober rotes Schlußlicht an Fahrrädern.
Es wird nochmals darauf ^ingewiesen, daß nach einer Verordnung des Reichsministers des Innern alle Fahrräder ab 1. Oktober 1940 bei Dunkelheit rote Schlußlichter führen müssen. Zulässig sind hiernach vorerst rote Lampen jeglicher Art, also außer elektrischen Schlußlichtern auch solche rote Laternen, die durch Petroleum, Karbid usw. geheizt werden. Es wird also nicht etwa nur elektrisches Schlußlicht verlangt. Mit gelben Pedalrückstrahlern brauchen nach wie vor nur alle neu in den Verkehr gelangenden Fahrräder versehen zu fein.
Frachtbriefe sorgfältig ausfüllen.
Der Frachtbrief, der die Eisenbahnsendung begleitet, muß in allen Teilen richtig und vollständig ausgefüllt sein, damit das Frachtgut ohne jede Verzögerung zum Bestimmungsbahnhof geleitet werden kann. Um Verzögerungen bei der Uebernahme der Sendung durch die ReichÄahn zu vermeiden, ist es notwendig, den Frachtbrief und die Begleitpapiere möglichst frühzeitig auszufertigen und etwaige Zweifel durch Rückfrage bei der Güterabfertigung zu klären. Besonders wichtig ist die richtige Angabe des Empfängers mit vollständiger Anschrift. Kann der Empfänger auf dem Bestimmungsbahnhof nicht ermittelt werden, so entsteht für die unbestellbare Wagenladung eine unnötige Stillstandszeit. Im Frachtbrief ist ferner der Bestimmungsbahnhof tarifmäßig richtig zu bezeichnen, damit der Wagen nicht etwa wegen ungenauer Bezeichnung des Bestimmungsbahnhofs lange Jrrläufe zurückzulegen hat. Wichtig ist es auch, daß die etwa auf dem Bestimmungsbahnhof gewünschte Entladestelle schon vom Absender im Frachtbrief angegeben wird. Auf diese Weise wird vermieden, daß der Wagen auf dem Bestimmungsbahnhof zuerst an der Ladeftraße und dann auf Antrag des Empfängers in zeitraubender Verschiebearbeit an anderer Stelle bereitgestellt wird. Falls solche Umstellungen vorgenommen werden, wird die standgeld- freie Zeit jetzt von dem Zeitpunkt der ersten Bereitstellung an gerechnet.
Oer schlechte Schmerzenskind
Häufig kann man von den Hausfrauen die Klage hören, daß der Druck des Gases beim Kochen sehr zu wünschen übrig lasse. Namentlich in der Hauptkochzeit wird der schlechte Gasdruck besonders unangenehm empfunden. Wir haben uns mit der Leitung des Gaswerkes über diese Frage unterhalten und können zur Auftlärung und als Anregung unseren Hausfrauen folgendes Mitteilen.
Die Schwierigkeiten unserer Gasversorgung sind der Leitung des Städtischen Gaswerks sehr gut bekannt. Seit Jahren ist ja auch schon beim Werk und bei der Stadtverwaltung das Bestreben vorhanden,, durch den Neubau eines Gaswerks oder auf eine andere ausreichende Weise die Gasversorgung unserer Stadt auf eine bessere Grundlage zu stellen. Diese Bestrebungen konnten bis zum Ausbruch des Krieges leider nicht zum erhofften Erfolg gebracht werden, und jetzt im Kriege ist natürlich eine derartig grundlegende Neuordnung nicht möglich. Vom Gaswerk aus wird aber alles getan, um im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten die Gasversorgung der Bevölkerung nach besten Kräften zu gewährleisten. Das Merck hat hierbei aber mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die zum Teil von der Bevölkerung selbst kommen und durch deren Mithilfe beseitigt oder zum mindesten verringert werden können, wenn namentlich unsere Hausfrauen in verständnisvoller Weise dabei mithelfen.
Der Gasverbrauch in Gießen hat gegenüber dem vorigen Jahre eine sehr große Steigerung erfahren, die darauf zurückzuführen ist, daß heute in vielen Haushaltungen wesentlich mehr Gas gebrannt wird als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. So bezifferte sich z. B. die Steigerung des Gasverbrauchs im Mai 1940 auf 32 Prozent gegenüber dem Mai 1939, im Juni 1940 war eine Steigerung um 15,3 Prozent gegenüber dem Juni vorigen Jahres zu verzeichnen, im Juli 1940 lag der Verbrauch um 18,56 Prozent über dem Juliverbrauch des Vorjahres, im August dieses Jahres war eine Steigerung um 14,4 Prozent gegenüber dem vorjährigen August zu verzeichnen. Diese Steigerungssätze sind aber — wohlgemerkt — die Tagesdurchschnitte, der Verbrauch in den Spitzenzeiten, also gegen Mittag etwa in der Zeit von 11 bis 13 Uhr und am Abend in der Zeit von 18 bis 20 Uhr, ist um etwa 100 v. H. hoher als im Vorjahre.
Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Kohle selbst begründet. Während -sich das Gaswerk früher die Kohle nach eigenen Wünschen und unter dem Gesichtspunkt der besten Vergasungsmöglichkeiten aussuchen konnte, ist diese Auswahl jetzt im Kriege nicht möglich. Das Werk muß aus den angelieferten Kohlen den bestmöglichen Gasertrag herauszuholen versuchen, was aber nicht immer in so weitgehendem Ausmaß möglich ist, wie die Werkleitung selbst und die Verbraucher es sich wünschen. Es ist eben nicht jede angelieferte Kohle eine ausgesprochene Gaskohle, wie man sie früher zur Verfügung hatte, sondern es müssen auch andere Kohlensorten, deren Ausbeute an Gas etwas geringer ist, mit in die Gasöfen genommen werden. Dabei bleibt das Gaswerk immer bemüht, die höchste Kapazität der Gasmenge in dem großen Gaskessel vorrätig zu halten, bei dem plötzlichen stoßweisen Anschwellen in den
Pullover aus Zellwolle.
Die Reichsstelle für Kleidung und verwandte Gebiete hat entschieden, daß Frauen-Pullover aus Zellwolle zu derselben Punktzahl auf die Frauen- Kleiderkarte abzugeben sind wie wollene oder wollhaltige Pullover. Der zellwollene Frauen-Pullover mit Aermeln ist also mit 19 Punkten zu bewerten, der zellwollene Pullover ohne oder mit Vi-Aer- meln mit 14 Punkten. Ferner hat die Reichsstelle entschieden, daß gehäkelte Mützen genau so zu behandeln sind wie gestrickte Mützen und demnach kleiderkartenpflichtig sind.
(Siebener Vochenmarktpreise.
* Gießen, 21. Sept. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, ausländische Eier 12^, Kartoffeln, Vi kg 4,5 bis 4,-s, 5 kg 4'5 bis 4t', Wirsing, kg 7 bis 8, Weißkraut 5, Rot-
Gasdruck — der Hausfrauen.
Spitzenzeiten ist es aber oft nicht möglich, den gewünschten Druck durchzuhalten. Der Gasbehälter hat eben auch nur ein begrenztes Fassungsvermögen, das unter den jetzigen Verhältnissen nicht erweitert werden kann.
Ein wesenllicher Faktor aller Schwierigkeiten liegt aber auch in den Jnstallationsanlagen mancher Häuser, namentlich in älteren Gebäuden. Hier sind im Laufe des jahrzehntelangen Bestehens der Gasinstal- lationsanlagen durch neue Einrichtungen und Anschlüsse mancherlei Verwinkelungen und ähnliche Hemmnisse zustandegekommen, die sich in der Gaszufuhr störend bemerkbar machen. Auch durch die Verlegung von Straßenleitungsgasrohren mit erheblich größerem Durchmesser und dadurch bedingter vermehrter Gaszufuhr können solche Hemmnisse in den Häusern selbst nicht ausgeglichen werden. Die Leitung des Gaswerkes hält es für wünschenswert, daß die Bewohner älterer Häuser und solcher Gebäude mit vielfachen Leitungen doch einmal einen Jnstallationsfachmann darüber befragen, ob er nicht durch Aenderung eine glattere Installation herbeiführen kann. In manchen Fällen würde es nur geringer Veränderungen bedürfen, um ausreichende Abhilfe zu schaffen.
Für nkdnche Hausfrau wäre es vielleicht auch einzurichten, daß sie gewisse Mahlzeiten nicht gerade in der Spitzenoerbrauchszeit von 11 bis 13 Uhr kochen, sondern den Kochvorgang etwa auf die Zeit von 8 bis 10 Uhr vorverlegen könnte, um kurz vor der Mahlzeit das Effen nur noch aufzuwärmen. Da in der Zeit von 8 bis 10 Uhr der Gasverbrauch weit geringer ist, als in der Spitzenzeit von 11 bis 13 Uhr, könnte das Essen in einem wesentlich kürzeren Zeitraum fertiggestellt werden, das kurze Aufwärmen kurz vor Tisch wäre im Vergleich zu der verkürzten Kochzeit am frühen Vormittag nicht weiter von Belang. Wenn derartige Verlegungen des Kochvorgangs in einer großen Reihe von Haushaltungen durchgeführt würden, könnte auch für das Gaswerk eine Entlastung in der Spitzenzeit eintreten, und damit wäre dem Werk, aber auch der Allgemeinheit der Haushaltungen ein guter Dienst erwiesen, bei dem sich der Gasverbrauch auf mehrere Stunden gleichartig verteilen und dadurch stets besser sein würde. In den Haushaltungen sollte man auch bestrebt sein, das Baden unter Benutzung de? Gases als Heizquelle auf solche Zeiten zu verlegen, in denen der Gasverbrauch nicht gerade durch Kochen besonders stark in Erscheinung tritt, also entweder auf den frühen Vormittag, oder die frühen Nachmittagsstunden (z. B. Samstags und Sonntags), oder auf die späteren Abendstunden. Aus diese Weise kann in den Haushaltungen mancherlei Mithilfe zur Ueberwindung der Klagen über geringen Gasdruck geleistet werden.
Die technischen Einrichtungen des Gaswerks können unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht erweitert und dem stark gestiegenen Verbrauch entsprechend angepaßt werden. Ein Neubau des Gaswerks kann auch erst nach dem Kriege mit mehr Aussicht auf Erfolg in Betracht kommen. Bis dahin müssen also die Verbraucher an ihrem Teile durch zweckmäßige Maßnahmen und teilweise Umstellungen in der Küchenwirtschaft mithelfen zur Behebung der gegenwärtigen Schwierigkeiten. B.
kraut 8 bis 10, gelbe Rüben 7, rote Rüben 8, Spinat 15 bis 18, Römischkohl 10, Bohnen (grün) 16 bis 20, (gelb) 20, Unterkohlrabi 7, Tomaten 12 bis 16, Schwarzwurzeln 30, Rhabarber 10, Kürbis 7, Pilze 45, Feldsalat (Vio) 10, Aepfel,' kg 15 bis 25, Birnen 15 bis 30, Zwetschen 14 bis 16, Mirabellen 30, Blumenkohl, das Stück 10 bis 40, Salat 8 bis 10, Salatgurken 10 bis 30, Einmachgurken 1% bis 4, Endivien 5 bis 10, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bund 10, Zwiebeln, % kg 12 Rpf.
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** VomVe ran st all un gsring des Bannes und Untergaues 116 wird mitgeteilt: Die Karten für die Eröffnungsvorstellung am 30. September sind an folgenden Tagen auf der Verwaltungsstelle abzuholen: Mittwoch, 25. September, 15 bis 17 Uhr; Freitag, 27. September, 17 bis 18 Uhr; Samstag, 28. September, 17 bis 19 Uhr.
Wenn Augen versagen Magnus^Brillen tragen!
Roman von Helene Kalisch
Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München
28. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Es ist gegen Martas Natur, tatenlos zu bangen und zu warten. Sie faßt den Vorsatz, zu der Frau zu gehen und sie zu bitten, daß sie Klaus freigibt. Sie will selbst die Entscheidung mit herbeiführen. Es regt sich unter diesem Entschluß auch — von ihr nicht klar erkannt — eine leise Neugier, die andere von Angesicht zu sehen, die einst so große Gewalt über den Mann hatte, dem sie jetzt angehört und der sie lieb hat. Sie fühlt eine Unruhe, die sie treibt, zu ihr zu gehen, damit er es nicht tut.
Es gelingt ihr, die Wohnung zu erfragen. Eines Vormittags macht sie sich auf den Weg dorthin. Ein junges Mädchen öffnet ihr die Wohnungstür und fragt, was sie wünsche. „Ick möcht' Frau Röhl in einer wichtigen persönlichen Angelegenheit sprechen", sagt sie.
Die Kleine mit dem zierlichen Häubchen auf dem ondulierten Haar mustert sie erstaunt, läßt sie dann aber eintreten. In einem Vorraum, den eine buntfarbige Ampel erhellt und in dem weißlackierte Dielenmöbel stehen, muß Marta warten. Hinter einer der weißen Türen klingt Klavierspiel, und dann singt eine Frauenstimme. Von einer tieferen Lage steigt sie schwindelnd schnell zu einer hohen auf, hält den höchsten Ton mit einem langen Triller fest.
Marta ist sehr beklommen zumute, ihr Herz klopft schnell. Da drinnen, das ist sie, die berühmte Sängerin, die einst Klaus Tjadens Frau war. Sie muß ihren Mantel, den sie anbehalten hat, öffnen, das Blut drängt ihr fo heiß zum Kopf. Dann sieht sie eine Dame auf sich zukommen. Sie ist dunkel gekleidet und hat kurzgeschnittenes, leicht angegrautes Haar. Die sehr hellen Augen mustern sie mit kühler Neugierde. „Was führt Sie zu uns?"
Marta nennt ihren Namen und sagt noch einmal: sie bitte darum, Frau Röhl in einer wichtigen persönlichen Angelegenheit sprechen zu dürfen.
„Wollen Sie mir nicht diese Ihnen wichtig dün- kende Angelegenheit wenigstens anbeuten?" sagt die Dame mit einem leicht abwehrenden Lächeln. „Zu uns kommen sehr häufig Leute, die Frau Röhl in persönlichen Angelegenheiten sprechen möchten; sie kann unmöglich alle anhören."
Marta hat gewisse Schwierigkeiten vorausgesehen und war darauf gefaßt, hochmütigen Menschen gegenüberzutreten. Aber es fällt ihr doch unsäglich schwer, vor diesem kalten Gesicht von ihrer brennenden Not zu sprechen. „Ich komme wegen der Scheidungsangelegenheit ... Es ist ein Brief geschrieben worden ..."
Die Dame macht ein erstauntes Gesicht. „Deswegen? ... Ja,, ganz recht. Frau Röhl hat das Ersuchen abgelehnt. Aber bitte, was haben Sie ..."
Der neugierige Ausdruck in dem Gesicht vor Marta verändert sich, wird geringschätzig. „Sie sind selbst daran interessiert? ... Vielleicht gar der eigentliche Anlaß?"
Marta nickt mit heißen Wangen. „Jawohl! Und deshalb muß ich unbedingt Frau Röhl sprechen. Also erlauben Sie ..." Sie geht auf die Tür zu, hinter der die fremde, seltsame Stimme singt.
Aber sie erreicht sie nicht; die Dame stellt sich davor auf. „Ich bitte sehr ... So geht das aber nicht! Sie können sich doch nicht der Sitte eines Hauses widersetzen, auch wenn Ihnen dergleichen fremd ist! Nehmen Sie Platz, und warten Sie; ich werde sehen, ob Frau Röhl Sie empfängt."
Das klingt sehr zurechtweisend und von oben herab, daß es Marta verwirrt. Sie tritt zurück, setzt sich und starrt auf die Tür, hinter der die Dame verschwunden ist. Ein helles Auflachen hört sie.
Sie atmet gepreßt. Das ist nun doch so ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat. Sie fühlt Abwehrmaßregeln und Waffen, mit denen zu kämpfen sie nicht gewöhnt ist. Aber mit aller Inbrunst will sie .nur an bas Ziel denken und sich nicht entmutigen lassen.
Es ist notwendig für Maria, diesen Vorsatz in sich zu festigen, denn als ihr endlich gestattet wird, vor die Frau zu treten, an die sie sich mit einem schicksalbedeutenden Anliegen wenden will, da erscheint ihr das Vorhaben plötzlich ungeheuerlich.
In dem sehr kostbar ausgestatteten Zimmer sitzt
Dietmuthe Röhl am Flügel. Die Spitzen ihrer gespreizten Finger liegen noch auf den Tasten. Ohne aufzustehen, wendet sie der Besucherin nur das Gesicht mit den großen glänzenden Augen zu. Ihre roten Lippen sind leicht geöffnet in einem Lächeln staunender Neugier und leiser Belustigung. Vom Fenster her trifft ein Sonnenstrahl ihr rötliches Lockenhaar, läßt es goldig schimmern.
Marta kommt zögernd näher und starrt sie an wie eine unbegreifliche Erscheinung. So also sieht die aus, die ihr Klaus früher geliebt hat? ... Sie spürt einen Ruck im Herzen, wird sich mit Schreck und Pein des eigenen Aussehens bewußt, das ihr im Gegensatz zu dieser blumenhaft schonen und gepflegten Erscheinung grob und unschön dünkt. Sie kämpft gegen qualvolle Verlegenheit.
Klaus Tjadens Frau erwidert mit leichtem Kopfneigen ihren Gruß und sagt lächelnd: „Ich bin sehr gespannt, was Sie mir sagen wollen, Fräulein ..."
„Marta Ellrich heiße ich."
„Fräulein Ellrich. Bitte, nehmen Sie doch Platz!" „Ich mochte Sie gern allein sprechen", sagt Marta, eine Rauheit in der Kehle bekämpfend.
Die beiden Damen tauschen einen Blick und lächeln. Die schone Frau schüttelt ablehnend den Kops. „Die Anwesenheit meiner Freundin braucht Sie nicht zu stören, sie ist mit allen meinen Angelegenheiten vertraut."
Marta setzt sich auf einen gepolsterten Stuhl — innerlich frierend, obwohl es im Zimmer warm ist. Erst nachdem die „Freundin" auch Platz genommen hat und deren Blick sie losläßt, kann sie sprechen — das Vorbringen, was sie sich zu sagen oorgenommen hat. Sie bittet Klaus Tjadens Frau, ihn freizugeben, da doch eine Ehe zwischen ihnen beiden seit langen Jahren nicht mehr bestehe und ihm alles Frühere versunken und ausgelöscht fei, er jetzt in einer ganz anderen Welt lebe.
Während Marta spricht, sieht Dietmuche sie aufmerksam an,- und in ihren stahlblauen Augen ist ein eigentümliches Glitzern, ein Ausdruck, den sich Marta nicht zu deuten weiß, bei dem sich ihr Herz zusammenzieht, obwohl das reizende Gesicht da vor ihr unentwegt lächelt.
„Wie hübsch Sie das zu sagen wissen? ,ei Nicht wahr, Kläre?
„Ja, Dieta", bestätigt die andere Dame. „Weil auch ich den Eindruck des Netten, Soliden von Fräu^ lein Ellrich hatte, redete ich dir zu, sie anzuhören. Sie hebt die Lorgnette an die Augen, mustert Marta und fragt: „Sie sind Hausangestellte, Fräulein Ell* rief), nicht wahr?"
Marta streift sie mit einem Blick und schüttelt den Kopf. Trotz ihrer Scheu und Verlegenheit, die aui dem Gefühl des äußeren Abstandes zwischen diesen Menschen und sich kommt, wehrt sich doch etwas in ihr gegen eine lächelnde, hochmütige Überlegenheit, ein Nichternstgenommenwerden, das ihr gezeigt wird. Sie sieht Dietmuthe an mit fragenden, finsteren Augen.
Die schöne Frau hat sich zurückgelehnt, sie dreht an den kostbaren Ringen, die ihre weißen Finger schmücken, schweigt minutenlang. Zu der Frage in Martas Blick hebt sie wie bedauernd die Schultern. „Es tut mir leid, liebes Fräulein, aber ich kann und will meinen bereits mitgeteilten Entschluß nicht ändern. Wenn ich von meinem Mann geschieden sein wollte, hätte es längst geschehen können! ... Sie mochten gern, daß Klaus Sie heiratet, nicht wahr?"
Marta drängt das Blut zum Kopf; sie fühlt sich wie an den Pranger gestellt. Sie nickt, während sich ihr Mund kläglich verzieht.
Die beiden Damen tauschen einen Blick, lächeln ein wenig dabei; ihnen scheint diese Stunde, die ihr das Herz spaltet, eine erheiternde Sache zu sein.
„Sie sind der Meinung, ich sei für Klaus nicht mehr da, er denke nicht mehr an mich?" hört sie Dietmuthe fragen. „Das trifft nicht ganz zu. Vor einigen Monaten tauchte er eines Abends am Opernhause vor mir auf — sah freilich zum Erschrecken heruntergekommen aus."
,Za!" ruft Marta erregt. „Dantals war er auch dem Untergang nahe und wäre wahrscheinlich umgekommen, wenn ich ihm nicht geholfen hätte! Durch mich gewann er wieder Halt, fand einen neuen An- fang und Verdienst. Ich habe ihm wieder neuen Mut zum Leben gemacht! Jetzt kommt er vorwärts; es geht ihm nicht schlecht. Und all so 'n Luxus wie hier" — sie deutet mit der Hand rundum — „der is ihm fremd geworden, und er macht sich nichts daraus!"
(Fortsetzung folgt)


