hatte, hatte der' Franzose zuletzt alles stehen und liegen lassen, und reicye Beute war der Angriffs- truppe in die Hand gefallen. Doch sah sie sich, selbst mitgenommen von der blutigen Arbeit und in die Tiefe der Weygand-Lime immer weiter hineinstoßend, am nächsten Tage der gleichen Aufgabe gegenüber.
lieber Remiencourt, Dommartin und Moreuil brach die Division am nächsten Tage immer weiter in das französische Verteidigungssystem hinein, um immer wieder aus Dörfern und Waldstücken von heftigstem Feuer empfangen zu werden und sich einem Widerstand gegeuüberzusehen, der an Härte nicht abnahm, sondern bei dieser und anderen Divisionen der deutschen Angriffsgruppe an Stärke immer noch zuzunehmen schien. Die Entscheidung hier, wo die Truppe fühlte, daß der Durchstoß durch die Befestigungslinie der feuerspeienden Dörfer vor dem Erfolg stand, brachte erst ein Regiment, das noch an der Somme zwischen Amiens und Corbie gestanden hatte und nach Durchbrechung und Ueberwinduna der dortigen befestigten DiKfer den Anschluß an Die Division, es wußte um den erbitterten Widerstand, der sich längs der Straßen in südlicher Richtung noch zu verstärken schien, und obwohl alle Flußübergänge zerstört waren, marschierte dieses Regiment ohne Rast und ohne Fahrzeuge, die Maschinengewehre, die Granatwerfer und die anderen Infanteriewaffen in der Hand und auf dem Rücken mit sich schleppend, auf den Brennpunkt des Kampfes zu. Der Gegner hielt diesen Stoß nicht mehr aus. Im blutigen, auch nächtlichem Häuserkampf ward er hier geworfen, und nun machten sich, nachdem der deutsche Angriffsschwung erst richtig zur Auswirkung gekommen war, drüben die ersten sichtbaren Zeichen der Auflösung bemerkbar. Die unerwartete Stoßkraft der deutschen Regimenter, die es fertiggebracht hatten, auch die festen und so nachhaltig verteidigten Stützpunkte der Weygand- Linie zu durchbrechen, die, auf den Straßen sich vorwärtskämpfend, Dorf um Dorf schließlich in ihre Hand brachten, hatten die Widerstandskraft der französischen Truppen schließlich zermürbt. Der Rückzug der französischen Armeen, die die Weygand- Linie unter allen Umständen hatten halten sollen, begann, er artete bald in Flucht aus, die Gefange- ' nenzahlen mehrten sich, und während die deutsche Artillerie das Hintergelände, fernliegende Dörfer und die Rückzugsstraßen mit schwerem Feuer belegte, fand man bereits in den nächsten Tagen einzelne Orte vollgestopft mit zurügelassenen französischen Fahrzeugen, mit noch geladenen Geschützen und mit einer Unmasse von fortgeworfenen Gerät- und Ausrüstungsstücken.
Wohl wechselten immer wieder Angriff und Verfolgung, und in zahlreichen, oft mehrfachen täglichen Marschgefechten wurden die südlich liegenden, nun schnell abermals zur Verteidigung hergerichteten Dörfer und Gehöfte genommen, aber die Tatsache der Durchbrechung der Weygand-Linie ließ den Widerstand des Gegners erlahmen. Zn zahllosen langen Kolonnen auf den Straßen vorwärts marschierend und fechtend, brach die deutsche Angriffsgruppe nach Süden sich Bahn und erreichte schon in den nächsten Tagen das Dorf Maianelay südlich Montdidier. Motorisierte Vorausabteilungen jagten hinter dem Feine her, der wichtige Oise-Uebergang von Ereil wurde in nächtlichem Häuserkampf genommen, ein Brückenkopf gebildet, man drang in den Wald von Ehantilly ein, und so stand die Angriffsdivision von Amiens bereits am siebenten Angriffstag in der Gegend von Senlis vor der Schutz- stellung von Paris, die der Franzose, weil er anders nicht mehr konnte, nun vor dem beabsichtigten deutschen Angriff räumte. Er gab Paris damit auf.
Es hatte alles nichts genutzt. Die Tapferkeit der französischen Soldaten, die der Führer in der Präambel der Waffenstillstandsbedingungen in Compiögne dem französischen General ausdrücklich bestätigen ließ, war groß gewesen, ihre Standfestigkeit gut und ihr Widerstand war mit äußerster Härte durchgeführt worden. So bleibt es tin besonderes Ruhmesblatt der deutschen Divisionen, daß sie auch in der neuen Kampfesweise, die man den „Krieg der Straßen" nennt, siegreich blieben. Wohl hatten die Franzosen erkannt, daß der Ausbau erkennbarer Stellungslinien in dem heutigen Blitz-
kriea und bei der Ueberlegenheit der deutschen Luftwaffe nicht mehr angewandt werden konnte. Ingrimmig um die Verteidigung ihres Landes bemüht, verlegte die französische Führung den letzten und entscheidenden Kampf an die Straßen und in die Dörfer, und wenn so ungezählte Dutzende von Dorfstätten in Brand aufaingen und in Trümmer fielen, so ist das eine Angelegenheit, die Frankreich allein tragen muß. Wesentlich allein bleibt hier die Feststellung, daß die neue Kampfesweise der Franzosen von der deutschen Führung und der deutschen Truppe schnell erkannt, daß alle Folgerungen gezogen und alles getan und hergegeben wurde, um die Ueberlegenheit des deutschen Angriffs auch hier, in dem „Krieg an den Straßen", nicht scheitern zu lassen. Mit beispielloser Wucht warfen sich die deutschen Infanterie-Regimenter, oft unterstützt durch
die Bresche schlagenden Stuka-Geschwader, den flammenspeienden Dörfern entgegen, mit größter Treffsicherheit bekämpfte die Artillerie den Widerstand, mit unbändigem Schneid drangen die Stoßtrupps der Infanterie und der Pioniere in die feuersprühenden Festungen ein, und Dorf um Dorf fiel so nach meist heftigstem Häuserkampf doch in die Hand der deutschen Truppen. Der Kampf hatte nicht unwesentliche Verluste gekostet, aber auch dieser Feldzug war bereits am Dritten Tage mit der Durchbrechung der Weygand-Linie gewonnen, und der Einmarsch und Durchzug durch Paris gaben den siegreichen deutschen Regimentern jene Anerkennung ihrer Bewährung, die der Soldat braucht, wenn er nach so hartem und blutigem Kampfe gegenüber einem tapferen /Segnet das Ziel erreicht hat.
London unter ständigem Lustalarm.
Stockholm, 19. Sept. (Europapreß.) „Heute haben die Sirenen so gut wie den ganzen Tag geheult, und schließlich wurde es fast unmöglich, zwischen Warnung und Entwarnung zu unterscheiden." So schreibt der Londoner Korrespondent von „Stockholms Tidningen" über die deutschen Angriffe vom Mittwoch. Man habe den Eindruck gewonnen, daß die Luftkämpfe über London intensiver würden. Der achte Luftalarm des Mittwoch dauerte bis zum Morgengrauen des Donnerstags. Er hatte bei Sonnenuntergang begonnen. Der englische Rundfunk spricht erneut von zahlreichen Bombenabwürfen auch über dem Zentrum Londons. Gleichzeitig mutzte der Sprecher des britischen Nachrichtendienstes einräumen, daß „non der Küste bis nach London und von London bis an die Küste" den Mittwoch über ständig Luftkämpfe r ast e n. Stellenweise habe man allein 2 00 deutsche Jagdmaschinen als Bealei- tung der Bomber in der Luft gesehen. Die in London angerichteten Schäden sino nach den Andeu- dungen des Nachrichtendienstes wiederum erheblich. Es entstanden Brände, und die lange Liste der vernichteten Londoner Luxushotels trägt seit der Nacht zum Donnerstag einen weiteren Namen. Die drei größten Warenhäuser der englischen Hauptstadt, nämlich Bourne and Hillingworth, Evans und John Lewis' sollen getroffen worden sein. Das Warenhaus John Lewis, das in Flammen stand, gehörte dem englischen Ernährungsminister Lord W o o l t o n. Das Hauptgeschäft war in mehreren nebeneinanderliegenden Gebäuden der Oxford Street untergebracht. Ebenfalls beschädigt sind das Seiden haus Liberty und das Warenhaus Galleries Lafayette. Auch die unter den Tanzfreunden bekannte Straße Lambeth W a l k hat von den deutschen Bomben etwas abbekommen. Bomben fielen ferner in der Nähe von Scotland Pard und der Downing Street. Man rechnet mit vorerst 90 Toten und 380 Verletzten. Das Parlamentsgebäude ist auch von einer Granate getroffen worden. „Aftonbladet" teilt mit, daß die Granate in der Bibliothek des Unterhauses landete, aber nicht zur Explosion kam. Erst später habe man festgestellt, daß es sich nicht um eine deutsche Bombe, sondern um ein englisches Flak-Geschoß gehandelt habe.
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Der Berichterstatter der spanischen Zeitung „Pa" schildert, wie zwei Bomben seinem Hotel gegenüber niederfielen und stundenlang die Gäste im Schutzraum festhielten. Wenn es dennoch infolge der großen Ausdehnung Londons Quartiexe in London gibt, welche unbeschädigt sind, so sind doch alle Bewohner von den Schrecken der durchgemachten Leidenszeit mitgenommen. In den Augen aller Londoner liest man den Eindruck der vergangenen Tage. Vor allem der R i e s e n b r a n d der Stadt wird aus dem Gedächtnis der Londoner noch längst nicht verschwunden sein, wenn die materiellen Schäden wieder gutgemacht worden sind. Die deutschen Bombardierungen haben das Verkehrsnetz der Stadt völlig desorganisiert. Es ist keine Ausnahme, daß Arbeiter mit zwei und drei Stun
den Verspätung in ihre Betriebe kommen, nachdem sie Irrfahrten durchgssmacht haben, welche einer Fahrt zum Nordpol ähnlich sind.
Neues Funkbild aus London.
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Dieses Bild, das von London nach Neuyork und von dort weiter nach Berlin gefunkt wurde, veranschaulicht die Wirkung der deutschen Vergeltungsangriffe auf das Herz des Empires. Es zeigt vernichtete
Lagerhäuser in London. — (Associateb-M.)
London bei Aacht wie ein verlassenes Dors.
Neuyork, 20. Sept. (Europapreß.) Der „New Port Times" ging am Donnerstag ein neues Stimmungsbild ihres Korrespondenten aus London zu. Darin heißt es: „Mit ihren Millionen in der Untergrundbahn und in überfüllten Luftschutzräumen zusammengedrängten Menschen wirkt Englands Hauptstadt nach Einbruch der Dunkelheit wie ein verlassenes Dorf. Jeder Gang von dem „Untergrundbüro" zu der „Untergrundhöhle", in der geschlafen wird, ist wie ein Laufen durch Niemandsland. Die Bombenkrater und die zerstörten Gebäude, an denen man auf seinen üblichen Rundgängen oorbeifommt, vermehren sich mit jedem neuen Tag."
„Associated Preß" bezeichnet den letzten deutschen Nachtangriff auf London als den „bisher schwersten
Vergeltung für Bethel.
Don unterer Berliner Schristleitung.
Wieder hat die Royal Air Force im Auftrags Churchills ein gemeines und abscheuliches Verbrechen begangen: sie hat bei einem Nachtfluge die Bobelschwmgh scheu An st alten in Bethel bei .Bielefeld angegriffen, in denen kranke und hilflose' Kinder untergebracht sind. Es kann gar keine Rede davon sein, daß die Royal Air Force sich geirrt hat, denn die Bobelschwinghschen Anstalten bilden eine umfangreiche Anlage, die auch in England sehr wohl bekannt sind. Churchills Royal Air Force geht mit dem ausdrücklichen Befehl auf-den Nacht» flug, Wohnviertel anzugreifen sowie Objekte, von denen anzunehmen ist, daß es bei einem Bombenangriff Tote und Verletzte geben muß.
Churchill handelt dabei nicht nur aus seiner verbrecherischen Mentalität heraus, er tut auch das, was im englischen Parlament, was im englischen Rundfunk, was in der englischen Presse rückhaltlos gefordert wird. Am schärfsten hat das ein Mitglied des Unterhauses zum Ausdruck gebracht in einem Brief an die „Times", den diese Zeitung, die sonst so reserviert tut, abgedruckt hat. Dieser abgefeimte Schurke fordert nichts anderes von der Royal Air Force, als daß sie zwölf deutsche Städte mit ihrer ganzen Bevölkerung vernichten soll. Vierundzwanzig Stunden später ging offenbar die Royal Air Force daran, dies Vernichtungswerk zu vollziehen, selbstverständlich unter dem Schutz der Nacht, weil sie aus vielfacher Erfahrung weiß, daß Angriffe bei Tageslicht von der deutschen Luftwaffe mit einem Gegenangriff beantwortet werden, der die Vernichtung der englischen Flieger bedeutet.
Churchill hat das abscheuliche Mordhandwerk der Royal Air Force anbefohlen, er hat es immer noch steigern lassen trotz aller Warnungen, an denen es nicht gefehlt hat. Der Führer selbst hat das Verbrechergesindel, das in London das Empire regiert, darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn die abscheulichen Angriffe auf wehrlose deutsche Frauen und Kinder im Hinterland nicht aufhören, die Vergeltung hart und erbarmungslos sein wird. Churchill hat sich um diese Warnung nicht gekümmert, er läßt vielmehr durch Presse und Rundfunk die Meinung formen, als ob das englische Volk mit all dem zufrieden sei, was Churchill und seine Royal Air Force sich leisten. Die deutsche Luftwaffe hat die kriegswichtigen Anlagen in England angegriffen, hat mit zermalmender Wucht London spüren lassen, was kommen muß, wenn sie weiter wie bisher im deutschen Hinterlande Krankenhäuser bombardiert, Frauen und Kinder tötet sowie ein sinnloses Zerstörungswerk am Eigentum der deutschen Zivilbevölkerung verrichtet. Daß die deutsche Luftwaffe hart und erbarmungslos zuschlägt, das wird die Antwort sein, über die dann kein Heulen und Zähneklappern hinweghilft. Die Royal Air Force war es, die den Krieg über die Front hinweg ins Hinterland getragen hat, die Frauen und Kinder tötet, ein Verbrechen, das Vergeltung finden wird. .
Angriff auf diese meist bombardierte Stadt der Weltgeschichte". Die Autobusse, so heißt es in dem Bericht, krochen nach Ende des letzten Alarms vorsichtig durch die beschädigten Straßen und waren oft zu langwierigen Umwegen gezwungen. Oxford Street und Regent Street waren für den Verkehr vollkommen gesperrt. Unter den beschädigten ober zerstörten Gebäuden befinden sich das London er Rathaus an der Westminster Brücke gegenüber dem Parlament, das Warenhaus Robinson am Oxford-Circus und das an der Themse gelegene staatliche Verwaltungsgebäude Somerset-Haus. Zahlreiche andere Gebäude wurden in ihren Grundfesten erschüttert. lieber 1000 Personen flüchteten durch die von Bränden erhellten Straßen aus einem zwanzig Meter tiefen Unterkunftsraum, als eine Riesenbombe ein berühmtes (nicht näher bezeichnetes) Londoner Gebäude über ihnen trgif und in Brand setzte. Die neutralen Militärattaches in London stimmen darin überein, daß das anhaltende Born-
Wer segelte —?
Don Ehrich Körding.
Eine leichte Brise verwandelte das Wasser des Langen-Sees in eine mattierte Silberplatte. Hier und dort reckten einzelne Segeljachten die schlanken Möwenflügel ihrer Segel empor. Der scharfe Bug einer hellgrauen Motorjacht zerschnitt das Wasser wie ein Messer. Einschläfernd stand das gleichmäßige Brummen des Motors in der weiten Stille.
„Seht — die ,Ingrids" sagte Verhagen, der Besitzer der Motorjacht. Er beutete voraus, wo an Steuerborb ein weißer Schärenkreuzer ruhig seine Bahn zog. Bald lag bas schnellaufende Motorboot auf gleicher Höhe. Man sah an der Steuerpinne den anscheinend einzigen Insassen zurückgelehnt sitzen. Er schien bas Nahen bes Motorbootes nicht bemerkt zu haben.
„Ingrid — ahoi!" rief Karls en, ber mit einigen Freunden einer Einladung Verhagens zu einer Ausfahrt gefolgt war. Der Steuermann der ,Ingrid" hörte den Ruf nicht. Regungslos hockte er am Steuer. Die Motorjacht ,Ilans" fuhr nun in ermäßigter Fahrt eine Bootslänge entfernt neben dem Schärenkreuzer her.
„Hallo — Borckl!" rief Dr. Stamcmn, Axzt und Wassersportler. Er legt die Hände zum Trichter an den Mund. „HalloooU"
Der Mann am Steuer der Ingrid" regte sich nicht. Starr saß er da, die Rechte an ber Steuer- pinne. Durch nichts zeigte er, baß er „Klaus" bemerkt ober bie Rufe gehört hatte. ,Lum Teufel, was ist denn los?!" brummte Verhagen und brachte das Motorboot noch näher an die Jacht heran. „Borck? Eingeschlafen?" rief Karlsen und legte sich weit über Bord, um einen her ab hängenden Fender des Seglers zu ergreifen. „Borck — Herrgott noch mal!" „Stoppen, Verhagen!" rief er bann im Tone jähen Entsetzens.
Die beiden Boote lagen bald Bord an Bord vertäut. Mit einem Satz war Stamann hinüber und beugte sich über den bewegungslos am Steuer Menden Borck. „Tot —I" rief er und sah kopfschüttelnd umher. „Anscheinend Herzschlag!" Inzwischen war Karlsen und ein weiterer Mitfahrer ebenfalls auf die Jacht gesprungen und machten sich an bas Bergen ber Segel. Dann umstanden sie den Toten, der in unheimlicher Teilnahmslosigkeit, bie geöffneten Augen gläsern gerabeaus gerichtet, als wolle er ein einmal erfaßtes Ziel unter allen Umständen festhalten, am Steuer saß. Mit sanfter Gewalt löste Stamann bie verkrampfte Rechte Borcks von der Steuerpinne. „Der Tod hat ihn ganz plötzlich erwischt, man muß es wenigstens annehmen." Er fügte hinzu: „Es muß vor höchstens zchn Minuten geschehe^ sein. Wehr läßt sich im
Augenblick nicht sagen. Kommt, wir fahren zurück."
Schweigend bestiegen bie Freunde wieder das Motorboot. Die Segeljacht im Schlepp, steuerte man dem Lande zu.
„Sagen Sie, Doktor", fuhr Karlsen aus tiefem Nachdenken auf und unterbrach das ernfte Schweigen, „steht es außer Zweifel, daß der Tod Borcks ungefähr zehn Minuten vor unserem Zusammentreffen eingetreten ist? Können es nicht, nun sagen wir: fünf Minuten gewesen sein ober noch weniger?"
Dr. Stamann zuckte bie Schultern. „Wozu diese Frage? Ist bas so wichtig? Es kann sich höchstens um einen Unterschieb nach oben handeln!" Dann sagte Karlsen langsam und spähte aus verkniffenen Augen über ben ftieblichen See zurück, „dann würbe Borck — ermordet!"
Alle fuhren auf und sahen den Sprecher an. „Unsinn!" erwiderte der Arzt und bewegte unwillig den Kopf. „Herzschlag, daran ist nicht zu deuteln, lieber Freund!"
„Einerlei, Borck starb keines natürlichen Todes!" beharrte Karlsen. „Vorausgesetzt immer, sein Tob trat wirklich mindestens zehn Minuten vor unserem Zusammentreffen mit der Ingrid" ein. Herzschlag? Vielleicht — und trotzdem ein Verbrechen!"
„Ich verstehe nicht!" sagte Doktor Stamann kurz. Das Motorboot legte am Landesteg des Jacht-Klubs an. Verhagen eilte sofort zum Fernsprecher, um das Nötige zu veranlassen.
„Borck tot?" fragte ein herbeieilendes Klubmitglied erschrocken. „Dor einer knappen Stunde haben wir uns noch unterhalten. Er wollte nach Cranz hinübersegeln, um dort einen Landkauf in Ordnung zu bringen."
„Da hatte er wohl Geld bei sich?" unterbrach ihn Karlsen.
.Zufällig weiß ich, baß er zur Anzahlung fünftausend Mark mitnahm", war bie Antwort, „über was tut das zur Sache?"
„Werden wir gleich sehen!" sagte Karlsen und entnahm ber Brusttasche des Toten eine braun- lederne Brieftasche. Er öffnete sie — sie enthielt kein Gelb. Karlsen nickte vor sich hin.
„Das besagt doch nichts", sagte Verhagen, „er war vielleicht schon brühen und befand sich auf ber Rückfahrt. Sie sehen Gespenster, Karlsen!"
„Borck war nicht so lange unterwegs, um schon auf der Heimfahrt zu fein", erwiderte Karlsen kurz. „Wir werden sehen!"
Er wandte sich an Stamann: „Kommen Sie mit, Doktor! Ihr Boot ist schnell. Fahren wir rasch zur Falken-Jnsel hinüber. Kommen Sie, kommen Sie!" drängte er ungeduldig. „Machen Sie das Boot schon klar, ich muß noch schnell hinauf!" Damit eilte er weg. Der Arzt blickte ihm kopfschüttelnd nach.
«Gehen Sir mit, Doktorl" riet Verhagen. «Sie.
werden ja bald zurück sein. Sie wissen ja um Karl- sens kriminalistische Ader. Vielleicht fantasiert er doch nicht!"
„Unsinn!" knurrte der Doktor, schritt aber doch zum Steg, an dem sein Motorboot lag. Als er den Motor angeworfen hatte, sprang Karlsen zu ihm hinein. Gleich darauf schoß das kleine Boot davon, Richtung nehmend auf die buschbewachsene Falken- Jnsel.
„Wie kommen Sie darauf, einen Mord zu vermuten?" fragte Stamann. „Es ist doch einwandfrei ein Schlaganfall!"
„Fahren Sie bitte nicht so auf die Insel zu, sondern machen Sie einen weiten Bogen. — So, ja. — Ich werde Ihnen alles erklären, wenn wir bie Insel durchsucht haben, eher nicht."
„Die Insel durchsucht? Ja, wozu denn nur, Mensche ns kind?"
Karlsen erwiderte nichts. Seine Augen waren auf die rasch größer werdende Insel gerichtet, die unbewohnt und schilfumwachsen mitten im Sangen» See lag. Das Motorboot näherte sich ihr von der Seite.
„So, da wären wir!" meinte der Arzt, als das Boot in einen engen Schilfkanal einfuhr, der bis an die Insel heran führte. „Da ist der kleine Steg schon. Nun haben Sie das Kommando!"
„Nehmen Sie erst das!" sagte Karlsen, dem erstaunten Arzt einen Revolver in bie Hand drückend. „Wir wollen den Raubmörder suchen!" Das Gesicht Stamanns drückte größten Unglauben aus. Aber er beteiligte sich doch eifrig an der Suche. Sie durchstreiften die kleine Insel nach allen Seiten, fanden aber nichts Verdächtiges. Als sie nochmals ein Dickicht durchstöberten, blieb Karlsen plötzlich stehen und horchte angespannt auf.
„Was war das?" flüsterte er. „Hören Sie!"
Ein surrender Ton war in ber Luft.
„Himmel, bas Boot!" Karlsen sprang vorwärts und drängte sich ungestüm durch das Schilf zum nahen Steg.
,/)alt, Hände hoch!" hörte Um ber ihm auf den Fersen folgende Arzt rufen. ,Hände hoch, Mann, sofort!"
Nach wenigen Schritten stand Doktor Stamann neben Karlsen, ein paar Meter vom Motorboot entfernt. Im Boot stand geduckt ein Mann, beide Hände gekrallt erhoben. „Er wollte mit unserem Boot auskneifen!" sagte Karlsen. „Da haben wir ben Mörber oder die Todesursache! Aussteigen, los!" Widerwillig kam der Mann dem Befehl nach. Als er vor den beiden Freunden stand, sagte Karlsen, ohne ihn aus den Augen zu lassen: „Durchsuchen Sie seine Taschen, Doktor, ich passe auf!" Zu seiner maßlosen Verblüffung fand Stamann in den Taschen der zerschlissenen Jacke einen alten Revolver und fünftausend Mark in zusammenge- timllten Hundertmarkscheines. Als er den Kerl w
sah, überzog eine fahle Blässe dessen stoppeliges Gesicht.
„Also doch!" murmelte ber Arzt fassungslos. ,LVie war das möglich?" „Ich kann Ihnen den Hergang schildern, Doktor!" sagte Karlsen, ein grimmiges Lächeln auf den Lippen. „Dieser Kerl hatte irgend-- wie Wind bekommen von den fünftausend Mark, mit denen Borck nach Cranz segeln wollte. Er hat ihm unterwegs, wahrsckeinlich kurz vor der Falken- Jnsel, in einem Ruderboot aufgelauert. — War es so?" herrschte er ben Mann an, der zusammenzuckte. „Was geschah weiter?"
„Ich bat ben Herrn, mich an Bord zu nehmen, da mein Paddelboot leckte", fuhr der Mann mit rauher Stimme fort „Und dann hielt ich ihm den Revolver vor die Brust und verlangte das Geld. Und da —" Da er stockte, fuhr Karlsen fort: „Und da erlitt Borck vor Schreck und Erregung einen Herzschlaa! So war es, stimmt es?" Als der Mann schweigend nickte, fügte Karlsen hinzu: „Dann sind Sie wahrscheinlich bis in den äußeren Schilfgürtel dieser Insel weitergefahren. Hier haben Sie gewendet, haben den Toten, der nur in sich zusammengesunken war, wieder ans Steuer gesetzt, haben ber Jacht bie Richtung in ben See hinausgegeben unb sich selbst hier versteckt. Sie selbst wollten später in ber Dunkelheit zum Lanb hinüber fahren. War es so?" Der Mann nickte. Wiberstanbslos ließ er sich
„Nun rasch zurück zum Klub!" sagte Stamann. „Aber nun erklären Sie mir, wie Sie eigentlich auf ben Mordverbacht und die Zusammenhänge gekommen sind?"
„Das will ich Ihnen sagen", erwiderte Karlsen ernst. „Nach Ihrem Befund mußte der Tod Borcks ungefähr zehn Minuten vor unserem Zusammentreffen mit ihm eingetreten sein, nicht später. Der Kurs der ,Ingrid" aber wies rückwärts genau auf die Falken-Jnsel. Das war es! Und den Weg von der Insel bis zu unserem Treffpunkt mußte die Jacht in höchstens fünf Minuten durchlaufen haben. Sie mußte also bei bet Insel über Stag gegangen sein. Anders ist es nicht möglich, da der Kurs weder rechts noch links vorbeiführte. Aber — wer segelte? Denn jemand muß doch bei der Insel Steuer und Segel bedient haben — unb zwar ein Lebender! Da Borck bereits tot war, mußte es ein anderer gewesen sein. Dann aber konnte nur ein Mord vorliegen oder der Tod durch einen geheimnisvollen Unbekannten verursacht worden sein. Der Täter aber mußte aller Wahrscheinlichkeit nach an der Falken-Jnsel bie Jacht verlassen haben, um sich zunächst auf ber Insel zu verstecken. Dort mußte er sich am sichersten fühlen unb sein Versteck wohl erst bei Dunkelwerden verlassen. Vor allem, wenn er beobachtet hatte, wie wir die ,Hngrid" anhielten und mit ihr zum Klub zurückftchren."


