Ausgabe 
20.6.1940
 
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kürzlich festgelegt worden, daß diese Betreuung im Rahmen der Jugendarbeit des Reichsnährstandes von den Jugendwartinnen in engster Zusammen- arbeit mit den Untergauführerinnen zu erfolgen hat. Die Obsorge gliedert sich nach zwei Richtun­gen hin, in die Einzelbetreuung, die sich immer wiederholt, und in die Pflichtjahrtreffen in den Kreisen. Die Kreisjugendwartinnen und ihre Hel­ferinnen sorgen dafür, daß das Pflichtjahrmädel in die BDM.-Arbeit im Dorfe eingegliedert und daß es wiederholt während ihres Aufenthaltes auf dem Lande aufgesucht wird. Das Mädel hat also stets das Gefühl, daß man sich um sie kümmert, und es werden bei dieser Betreuung so manche Mißverständnisse geglättet und kleine Sorgen be­hoben werden können. Mindestens dreimal im Jahr wird in jedem Kreis ein Pflichtjahrtreffen stattfin­den, das erste möglichst bei Einsatzbeginn aus einer Anzahl von Kreisen liegen bereits Berichte solcher Treffen vor das zweite zur Weihnachts­zeit, das dritte kurz vor der Entlassung. Im fröh­lichen Lagerbettieb werden die im Kreise einge­setzten Mädel zusammen sein, für manche wird so ein Treffen, das mit einer entsprechenden Schulung verbunden ist, den letzten Anstoß geben zum Ver­bleib in der nach der Ausbildungsordnung des Reichsnährstandes für die Jugend so aussichtsrei­chen Landarbeit.

Opern-Abend in Bad-Nauheim.

Am morgigen Frettag, 21. Juni, findet im Großen Bühnensaal des Kurhauses in Bad Nauheim ein Gastspiel der Frankfurter Oper mit der OperMona Lisa" von Max von Schillings statt. Die Oper wird in der Originalbesetzung des Frankfurter Opern­hauses aufgeführt. Die Titelpartie singt Elsa Km ent. Die männlichen Hauptpartien werden von Heldenbariton Jean Stern und lyrischem Te­nor Jakob Sabel gesungen. Musikalischer Leiter ist der 1. Kapellmeister der Frankfurter Oper Otto Winkler. Das Kurorchester ist durch Mitglieder des Frankfurter Opernhaus-Orchesters auf 67 Mit­glieder verstärkt.

Glehener Dochenmarktpreise.

* G i e ß e n, 20. Juni. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, aus­ländische Eier 10% bis 11, Kartoffeln, % kg 5 Rpf., 5 kg 48 Rpf., 50 kg 4,15 RM., Wirsing, % kg 22 bis 25 Rpf., gelbe Rüben, das Bund 25, Mifch- gemüse 8 bis 12, Tomaten 55, Zwiebeln 17, Meer­rettich 30 bis 70, Kirschen 45 bis 55, Stachelbeeren (unreif) 20 bis 23, Erdbeeren 50 bis 65, Blumenkohl, das Stück 20 bis 60, Salat 10 bis 15, Salatgurken 40 bis 60, Oberkohlrabi 15 bis 20, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Radieschen, das Bund 10 bis 12 Rpf.

** Der Gebrauch von Hand» und Ta­schenlampen während der Verdunke­lung ist nur gestattet, wenn die Lampen vorschrifts­mäßig abgeblendet sind. Gemäß Erlaß des Reichs­ministers der Luftfahrt kann die Abblendung er­folgen durch eine eingebaute Abblendoorrichtung (Abschirmung, lichtdämpfende Filter) oder behelfs­mäßig durch Einlage von Zeitungspapier zwischen Glühbirne und Scheinwerferlinse. Für die behelfs­mäßige Abblendung reichen bei den üblichen Taschen­lampen zwei Lagen Zeitungspapier aus. Bei licht- stärkeren Handlampen find entsprechend mehr Lagen erforderlich. Farbige Lichtwirkungen sind unzulässig. Hand- und Taschenlampen werden vorschriftsmäßig gehandhabt, wenn ihr Lichtschein nicht nach oben dringt und andere Verkehrsteilnehmer nicht ge­blendet werden.

Aus her engeren Heimat.

Jüdisches Vermögen wurde nicht angemeldet.

LPD. Frankfurt a. M., 19. Juni. Das Amts­gericht Frankfurt verurteilte den 74jährigen Lion Israel S e l i g m a n n wegen Vergehens gegen die Verordnung betr. Anmeldung jüdischen Vermögens zu einem Jahr Gefängnis und 2 0 0 0 0 RM. Geldstrafe, und den 66jährigen Leo Israel Katzenstein wegen Begünstigung zu vier Monaten Gefängnis. Beide Ange­klagte, die sich jetzt im Ausland befinden, waren zuletzt in Frankfurt ansässig. Seliamann unterließ es, eine Anzahl in seinem Besitz befindliche Wert­papiere anzumeDen und ins Depot zu geben, Kat­zenstein verkaufte vor der Auswanderung Selig­manns einen Teil der Papiere. Die Wertpapiere, die noch beschlagnahmt werden konnten, wurden durch das jetzt ergangene Urteil für eingezogen er­klärt.

Katze hütet junge Enten.

LPD. Frankfurt a. M., 19. Juni. Ein ebenso settenes wie eigenartiges T i e r i d y l l kann man auf einem Hof im Frankfurter Stadtteil Schwan­heim beobachten. Dort hat eine Katze Junge, was sie aber nicht adhält, gleichzeitig auch vier junge Entchen mit zu betreuen, die sie sorgsam behütet, wenn sie allzu große Spaziergänge machen wollen. Anderseits haben auch die Entchen die Katze als Ersatzmutter" anerkannt und kuscheln sich mit den

jungen Kätzchen an das Fell der Mieze, wenn sie behaglich schnurrend chren Kindergarten in der Sonne ruhen läßt.

Landkreis Gießen.

A Watzenborn-Steinberg, § 19. Juni. Gestern nachmittag trat in Watzenborn-Steinberg erstmals in diesem Jahre der Kartoffelkäfer- s u ch d i e n st in Aktton. Wieder, wie im vergange­nen Jahre, wurden verschiedene Kolonnen gebildet, die je einen gewissen Bezirk abzusuchen hatten. So wurden die gesamten Kartoffelfelder der Gemar­kung Watzenbor-Steinberg einschließlich der Gemar­kung Obersteinberg erfaßt. Erfreulicherweise konn­ten sämtliche Kolonnensührer melden, daß ein Auf­treten dieses gefährlichen Dolksernährungsschädlings hier nicht festzustellen war.

Frankfurter Schlachtviehmarkt.

Frankfurt a. M., 19. Juni. Notiert wurde Je 50 Kilogramm Lebendgewicht in RM.: Andere Käl­ber a) 62 bis 65 (gegenüber 14. 6. 62 bis 65), b) 54 bis 59 (54 bis 59), c) 45 bis 50 (45 bis 50), d) 25 bis 40 (30 bis 40), Lämmer und Hümmel a2) 50 (50 bis 51), b2) 48 bis 49 (49), c) 30 bis 42 (40), Schafe a) 42 bis 44 (44), b) (37 bis 40), c) 15 bis 32 (15 bis 23), Schweine a) 56 (56), bl) 56 (56), b2) 56 (56), c) 55 (55), d) 52 (52), e) 50 (50), gl) 56 (56). Marktverlauf: Kälber, Hümmel, Schafe und Schweine zugeteilt.

Bier Großkämpfe um die deutsche Fußballmeisterschaft.

Zwar stehen am kommenden Sonntag nur vier Gruppenspiele um die deutsche Fußball-Kriegs- meisterschast aur Entscheidung, aber alle vier sind doch von entscheidender Bedeutung, da nur Mann­schaften auf den Plan treten, die berechtigte Aussich­ten auf einen Platz in der Vorschlußrunde haben. Einer derletzten Vier" wird am Sonntag besttmmt ermittelt werden (Dresdner SC. oder Eimsbüttel), aber vielleicht kommt auch der großdeutsche Meister Schalke 04 ans Ziel. In den Gruppen 1 und 4 fallen die letzten Entscheidungen erst am 30. Juni. Der Spielplan für Sonntag lautet:

Gruppe 1: Rapid Wie« Union Oberschöne­weide.

Gruppe 2: TDd. Eimsbüttel Dresdner SC. Gruppe 3: Schalke 04 Fortuna Düsseldorf. Gruppe 4: 1. FC. Nürnberg Kickers Offen» hach.

Borentscheid zu den Untergau- meisterschasten in der Leichtathletik.

Am 23. Juni in Gießen.

Am 23. Juni beginnt in Gießen um 9 Uhr vor­mittags auf dem Universitätssportplatz der Vorent­scheid zu den Untergaumeisterschaften in der Leicht­athletik. Gleichzeitig finden Vorentscheide statt in Friedberg (im Rahmen des Kreissporttages des NSRL.), in Butzbach, i« Grünberg, in Groffen- Buseck und in Lich. Der Vorentscheid gibt jedem Mädel Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen. Besonders können sich hier diejenigen Mädel hervortun, die als ehemalige Mitglieder eines

Sportvereins heute in den Leistungssportgruppen des BDM. zusammengefaßt sind. Während die Wett­kämpfe von Jungmädeln, BDM.-Klasse B, BDM.- Klasse A und BDM.-Werk durchgeführt werden, werden Meisterschaften nur i« der Klasse A (16- bis 18-Jährige) ausgetragen. Die Auswahl zu den Unter» gaumeisterschaften wird an Hand dieser Ringvor- entscheide getroffen. Sie werden am 30. Juni in Bad- Nauheim ausgetragen. Die Schwimmeisterschaften für den gesamten Untergau finden am 7. Juli in Klein-Linden statt.

Tag der Handball-Entscheidungen.

Der Abschluß in der Lahnpokalrunde bringt uns am nächsten Sonntag noch einmal Hochbetrieb. Es werden nicht weniger als zwei Entscheidungen er­wartet, die endgültigen Aufschluß über die Gestal­tung der kommenden Entscheidungsrunde geben sol­len. Daneben findet ein Treffen statt, das über den Rahmen der üblichen Spiele hinausgeht. Es han­delt sich dabei um die Begegnung Tv. Lützellinden gegen Turngesellschast Offenbach in der Zwischen­runde um die Feststellung der gebietsbesten Hand- ball-Dereinsmannschaft.

Zunächst stehen sich in Hörnsheim

Tv. Hörnsheim Tv. Hochelheim gegenüber, die beide mit der gleichen Punktzahl die Spitze der Tabelle in der Staffel 1 anführen. Da Hörnsheim in der Zwischenzeit seine Mannschaft wesentlich verstärken konnte, aber auch Hochelheim einen überaus starken Gegner darstellt, ist mit einem Spiel zu rechnen, das Erinnerungen an ver- gangene Zeiten wach werden läßt. Wenn mir auch glauben möchten, daß Hörnsheim dem Gegner star­ken Widerstand entgegensetzen wird, so ist doch kaum anzunehmen, daß sich Hochelheim die ihm ge­

botenen Chancen nehmen läßt. Die Einhett ist sicher» lich in der Lage, ihre Erfolgsserie fortzusetzen und danach in den kommenden Entscheidungsspielen ein gewichtiges Wort mitzureden.

In Allendors/Lahn treffen die Mannschaften 2Nlv. Gießen Tv. Heuchelheim aufeinander. Da Gießen seine kampferprobte Elf nicht mehr zur Verfügung hat, rft der Ausgang die- ses Spieles vollkommen offen. Es ist sogar, damit zu rechnen, daß Heuchelheim Vorteile hat. Immer­hin läßt sich über den Ausgang keine klare Voraus- sage treffen, weil sicher auch der Mtv. eine Mann­schaft auf die Beine bringen wird, die einem star­ken gegnerischen Ansturm gewachsen ist. Auf das Spiel

Tv. Lützellinden Turngesellschaft Offenbach ist bereits verwiesen worden. Lützellinden hat die ihm gebotenen Chancen, sich entsprechend vorzube- reiten, am letzten Sonntag nicht genutzt. Ob es trotz, dem bei dem starken Gegner zu einem Sieg reichen wird, bleibt abzuwarten. Wenn man auch Ver­trauen zu dem Vertreter des*Bannes 88 haben kann, so weiß man, daß die Gegner über ein ganz vorzügliches Können verfügen, technisch und taktisch außerordentttch gut sind. Wenn Lützellinden Wert daraus legt, an den weiteren Spielen beteiligt zu sein, kann nur geraten werden, alles auf eine Karte zu setzen und jede sich bietende Möglichkeit zu nutzen, um den Gegner niederzuhalten.- Die Mannschaft ist zwar noch verhältnismäßig jung.

Leibesübunaen in den Schulen.

Sommerfampffplele

zwischen den Sommer- und herbstferieu.

Um den Leistungsstand in den Leibesübungen nach Möglichkeit während des Krieges zu halten, fallen auch in diesem Sommer, den schwierigeren Verhältnissen enffprechend i« einfacherer Form, Wettspiele ausgetragen werden. Die Mädchen spie­len wieder Grenzball. Es ist dies ein Spiel, das seit seiner Einführung schon eine große Leistungs­steigerung in der Wurfweite und der Fangsicherheit gebracht hat, und immer gern gespielt wird. Die Jungen sollen mindestens auch Grenzball spielen. Da, wo es die Verhältnisse gestatten, soll Fußschlag- ball als Wettspiel durchgeführt werden. Dies ist ein vom Schlagballspiel abgeleitetes Spiel, bei dem der Ball ein Hohlball, mit dem Fuß abgeschlagen wird. Erfreulich ist, daß in den größeren Schulen der Kreise Gießen und Friedberg gern Fußschlagball gespielt wird und zu einer guten Form entwickelt wurde. In seiner Vielseitigkeit macht es den Jun­gen viel Freude, vor allen Dingen wird dadurch der Abschlag (Hoch- und Weitschlag), das Zuspiel, der Fang, das Einkreisen und der Lauf in spielen­der Form geübt.

Zur Klarstellung der Regeln und als Vorberei­tung für die gleichmäßige Durchführung der Wett­spiele hält der Kreissportlehrer im Juni und Juli in den Bezirken der Kreise Gießen und Friedberg Arbeitsgemeinschaften ab, in denen beide Spiele gezeigt und erläutert werden. H.

Kurze Sportnotizen

Das Reichsbundpokal-Endspiel zwi­schen den Bereichsmannschaften von Bayern und Sachsen ist zum 30. Juni angesetzt. Der Kampfort steht noch nicht fest.

Eine Fußballelf der Kriegsmarine spielte in Südbaden gegen den VfB. Waldshut und siegte mit 7:2 (5:2) Toren.

Drei deutsche Weltrekorde im Ge­wichtheben, ausgestellt von den Wienern Rich­ter und Valla, wurden jetzt anerkannt, so daß Deutschland nun 21 von 35 Bestleistungen in seinem Besitz hat.

Keine Spur von Hauü.

Roman von Lharlotte Kaufmann.

2l. Forffetzung. (Nachdruckverboten!)

Er ist ein bißchen faul", sagten die Leute in Stein, und die Fischer stießen lachend ihre schweren Boote ins Meer und zogen ihre Netze über den Strand.

Sie konnte ihn nicht aufrütteln aus seinen Ge­danken, so sehr sie sich mühte. Sie konnte ihn nicht ändern.

Trotzdem liebte sie ihn. Und sie setzte ihre Liebe um in Arbeit und Sorge um den Mann, so daß die Fischer in Stein zu ihren Frauen sagten:Wenn der Hauck seine Frau nicht hätte, dann könnte er sich längst ersäufen."

An all dies wollte sie aber heute nicht denken.

Uebrigens mußte die Begegnung damals tm Nebel doch nur eine Täuschung gewesen fein. Weder in Sörup noch in Stein oder Teek hatte man einen Fremden gesehen oder gar einen Mann, der irgend­wie dem verschwundenen Maler gleich sah.

Als Sibylle ein paar Tage später Huich erzähll hatte, daß ihr ein Fremder ins Rad gelaufen wäre, hatte er gemeint, es wäre vielleicht der Knecht vom Rübsam-Hof gewesen.Der hat doch eine Liebschaft mit des Schmiedes Tochter."

Die nächtliche Begegnung mit ihrem Erschrecken verging im Licht der Tage, im Treiben des Schnees über der See, in der Vorbereitung für die Ferien­fahrt.

Ich darf Detlef nicht vergessen, befahl Sibylle sich. Ich will ihn nicht vergessen. Ich liebe ihn. Immer noch. Er soll zurückkommen. Heute, morgen. Und in jeder stillen Nacht wußte sie stets von neuem mit einer Deutlichkeit ohnegleichen, mit einer Sicherheit, die durch nichts erschüttert zu werden schien, und die der Tag doch immer wieder ins Wanken brachte, daß der Fremde eben doch Detlef gewesen war.

Als Joachim von seiner Tour zurückkam, lag der Schatten des Berghauses bereits lang und schwarz auf dem Schnee.

Er suchte Sibylle und fand sie eingewickelt auf der Terrasse. Allein.

Nanu", sagte er,frierst du noch nicht?"

Sie schlug die Augen auf, Bernsteinaugen, die an Moorwasser erinnerten und an einen Sommertag.

Da bist du ja", sagte sie und richtete sich auf.

Ist es schön gewesen?"

Natürlich. Ich bin sechsmal gefallen. Toll, nicht wahr? Einmal hat es mich so hineingeworfen, daß ich beinahe eine Schaufel gebraucht hatte, um mich wieder herauszubuddeln. Jetzt habe ich Hunger."

Er half ihr sie aus den Decken zu wickeln. Am Geländer der Terrasse blieben sie eine Weile stehen und sahen in die Tiefe. Ein Wagen der Bergbahn kam herauf. Die Drahffeile zitterten.

Nächstes Jahr", sagte er, in die Ferne schauend, werden wir nicht in ein Berghotel gehen, sondern auf eine Hütte. Da braucht man sich nicht dauernd umzuziehen. Und dort werde ich dich dann Schi­fahren lehren, auch wenn du dann wieder nicht willst."

Die Drahffeile der Bah« zitterten stärker. Sie schwirrten und fangen. Das Dach der Gondel schob sich höher, näher. Ein fremdes Wesen inmitten des Berges.

Nächstes Jahr, ging es Sibylle durch den Sinn, er denkt an nächstes Jahr, während ich kaum wage, bis morgen zu denken.

Karsten Huith verbrachte den Weihnachtsabend hinter dem großen Kachelofen feines Wohnzimmers.

Die Bettina hatte ihm einen Weihnachtsbaum ge­putzt, mit weißer Watte,.bebenden Glitzerkugeln und roten Kerzen.

Er fand ihre Handlungsweise übertrieben roman­tisch. Sie war überhaupt so ungewöhnlich und fast unangenehm festlich gewesen, schon den ganzen Tag. In aller Frühe bereits, als sie ihm half, kleine Ge­schenke für die Kinder herzurichten, mittags, als sie ihm einen Festttfch deckte.

Heute ist doch noch ein ganz gewöhnlicher Werk­tag", wehrte er ab.Was denken Sie sich! Feiertag ist erst morgen."

Bei mir zu Hause ist heute schon Festtag", er­läuterte sie.Zum mindesten vom Mittagessen ab." Und er mußte sich gefallen lassen, daß sie Aepfel unter den Weihnachtsbaum legte und den Nuß­knacker aus der Küche holte.

Am Abend überreichte er ihr dann das Geschenk, das er. für sie besorgt hatte, und fühlte sich un­behaglich. Als sie endlich gegangen mar mit vielen Wünschen für einen schonen Abend, seufzte er auf.

Er stellte das Radio an und drehte es wieder ab. Er ließ die roten Kerzen des Weihnachtsbaumes ver­brennen und vertropfen. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die warmen Ornamente des Kachel­ofens, und feine Gedanken liefen hinter all feinen einsamen Weihnachtsabenden her.

Obwohl er eine Heimat befaß, Eltern, Freunde, war er doch Weihnachten eigentlich immer allein gewesen.

Karsten Huith war nicht senttmental, er war nur trotzig und jung.

Er ging zum Tisch hinüber,, öffnete einen Berg Walnüsse und zerstteute die gelbbraunen zackigen Schalenreste über das Tischtuch. Sein Vater machte das auch immer so, und dann pflegte die Mutter über die Unordnung zu zanken.

Er einen Apfel. Er versuchte in einem Buch zu lesen. Es war alles nichts.

Er war nun einmal unruhig und unzuftieden. Er konnte nichts dafür.

Er nahm die Landkarte aus der Schublade und versuchte Reisen zu machen in Gedanken. Es war dies an ruhigen Tagen seine Lieblingsbeschäftigung. Er vermied geflissentlich, seinen Blick auf die baye­rischen Berge zu werfe«, und schlug gleich die Sud­see auf. Er wanderte über Neuguinea und nach Australien hinüber.

Ach, es war langweilig und öde. Der Allas klappte zu.

Er knipste wieder das Radio an.

Weihnachtsmusik, Kindersingen, Glockenläuten.

Ich will nicht allein sein, sagte Huich in das Glockenläuten hinein. Ich will nicht allein sein. Ich will heiraten und eine Frau haben. Ich will Sibylle ...

Das Glockenläuten verklang, und die letzte blut­rote Kerze vertropfte arff den Boden. Morgen würde die Bettina mit einem Löschpopier die Wachsspritzer aufbügeln.

Er drehte kein Licht an. Im Finstern griff er wieder nach einem Apfel und ihn. Er war süß und genau so, wie sich ihn seine Kindersehnsucht jedes Jahr gewünscht hatte. Ein Weihnachtsapfel.

Als er ihn verzehrt hatte, tappte er im Dunkeln aus dem Zimmer, schlüpfte draußen in Mantel und Hut und trat ins Freie.

Heber Dörup lag eine dunkle, sternenlose Nacht. Es war warm. Karsten Huith hatte im Sinn, einen weiten und ermüdenden Spaziergang zu machen

über Stein hinaus am Meer entlang, ganz weit bis zur Schönborner Landsttaße hinüber, bis zu Rüb» fams Hof.

Aber als er an Frau Krugs Laden vorbeikam, stand die Betttna unter der Tür.

Ach, Sie sind's, Herr Lehrer. Ich hörte Ihre Gartentüre klappen und dachte mir schon, wer da wohl nachts ums Haus schleiche."

Ja, ich bin es nur."

Wollen Sie einen Spaziergang machen? Es ist warm heute nacht, nicht wahr? Ganz plötzlich so warm."

,^Ja, abscheulich warm. Anstatt zu schneien, wie man das immer auf Weihnachtsbildern sieht, weht eine Frühlingslust."

Wollen Sie nicht ein wenig hereinkommen, Herr Lehrer, und sich meinen Baum ansehen?"

Sie stand da, mit den Härcken über der weißen Spitzenschürze, und blickte ihn an. Natürlich wußte sie, daß er sich langweilte, daß chn das Alleinsein umhertrieb. Sie war ja nicht mehr so jung. Sie hatte ja auch schon ihr Teil hinter sich.

Ja, lassen Sie ihn mal sehen."

Sie führte ihn hinein in ihr winziges Stübchen, mit den alten, dunkelbraunen Möbeln, den Nippes» fachen auf der Kommode, den Familienbildern an den Wänden.

Huith kannte die Stube gut. Aber das flackernde Kerzenlicht legte heute einen eigenen und fast fremd­artigen Reiz auf alles altmodische Gerät und ließ eine Stimmung entstehen, die so durch und durch Weihnachten war, daß er wortlos gehorchte, als sie ihn bat, sich auf das Plüschsofa zu fetzen.

Sie eilte und schenkte ihm roten Wein ein.

Es ist nicht gut, wenn man Weihnachten allein ist", sagte sie dobei.Ich kenne das. Diele Jahre. Dann meint man, draußen in der Luft wäre es besser, und bekommt doch nur nasse Füße, ohne daß die Gedanken sich wegschieben lassen. Versuchen Sie doch einmal ein Honigplätzchen. Und hier ein biß» chen Jngwergebäck. In Holland macht man diese Jngwerkuchen viel. Ich bin mal dort in Stellung gewesen, ehe ich geheiratet habe." Sie bekam rote Backen, und ihr krauses Haar bewegte sich. Sie sah nicht älter aus als dreißig.Heute ist ein gutes Ge­schäft gewesen in meinem kleinen Laden", berichtete sie, als müsse sie ihn mit Gewalt ablenken von trau­rigen Dingen.Lametta und Wunderkerzen und tausend Dinge." (Fortsetzung folgt.)