Ausgabe 
19.9.1940
 
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taikräftige Unterstützung Italiens durch Deutschland und gleichzeitig eine Bloßstellung der plutokratischen Staaten des Genfer Vereins, die unter Englands Führung vergeblich gegen Italien marschierten. Der Bürgerkrieg in Spanien sand Deutsche, Italiener und Nationalspanier als Waffengenossen gegen eine international zusammengewürfelte, von England und Frankreich aus dirigierte Horde. Auch diesen Einsatz verloren die englischen Plutokraten. Die Vorspiele des jetzigen Entscheidungskampfes, die Beseitigung der Schmachbestimmungen des Versailler Vertrages und die Beseitigung der künstlich gezogenen Grenzen gegenüber der Ostmark, sind mit Italiens Unter­stützung von Deutschland gewonnen worden, und als der Entscheidungskamps ausbrach, hat Italien dem gemeinsamen Geist und Sinn der Achsenmächte auch äußerlich zunächst durch seinenon belligeranza, dann durch seine Kriegsbeteiligung an Deutschlands Seite Ausdruck gegeben. Im Wiener Schieds­spruch regelten beide Länder zusammen die bisher unlösbar scheinenden Balkanverhältnisse nach den Prinzipien des Rechtes und der Gerechtigkeit und traten damit einen zur Freude der Briten ständig schwelenden Brandherd endgültig aus. Die so vor­bereitete Neuordnung Europas und Afrikas wird durch diese beide« Mächte erfolgen, und daß sie schon weit vorgeschritten ist, das beweist gerade die Häu­fung der diplomatischen Arbeiten der Achse und die neueste Reise Ribbentrops in die Hauptstadt unseres Verbündeten. E. S.

Neue heimtückische Angriffe auf Hamburg.

Wohnungen und Arbeitersiedlung betroffen

Hamburg, 18. Sept. (DNB.) Nach einigen ruhigen Nächten ist Hamburg in der Nacht zum Mittwoch erneut von britischen Bomben­fliegern besucht worden. Erneut haben sie lediglich nichtmilitärische Ziele heim- gesucht und unter der Zivilbevölkerung in ihren Heimstätten ihre Opfer gefunden. Am Justus-Stran- des-Wea ist auch mit den schärfsten Augen kein militärisches Ziel zu entdecken oder auch nur ein in­dustrieller Betrieb zu sehen. 400 Meter entfernt liegt der Ohlsdorfer Friedhof, der vor einer Woche bereits einmal durch britische Heimtücke verwüstet wurde. Ein Teil der Zerstörung bietet sich in dem Häuserblock, den wir betreten. Ein langgestreckter Klinkerbau, der in sieben Häuser aufgeteilt ist, Wohnungen kleiner Hamburger Bürger, kleiner An­gestellter usw. Vier der Häuser sind durch die Wucht der Sprengbomben zerstört worden. In Schutt und Trümmern liegen die Wände, Decken und Räume. Hier sind leider sieben verletzte Volksgenossen zu beklagen. Die anderen Be­wohner, über hundert an der Zahl, mußten ihre Heimstätten räumen, denn auch die drei leichter beschädigten Häuser sind nicht mehr bewohn­bar, da ein Langzeitzünder in einem der Treppenhäuser niedergegangen ist. Don den fünf Sprengbomben ist eine vor einem Hause niederge­gangen, es wurde eingedrückt und mit unzähligen Nissen bedeckt, so daß auch dieses Haus mit drei Stockwerken verloren ist. Vier Häuser wurden völlig zerstört, drei beschädigt, Hunderte von deutschen Menschen ihrer Heimstätte beraubt, und nicht weit davon die große Ruhestätte der Toten: das sind die Heldentaten der Royal Air Force!

Im Weichbild der Stadt hat der Feind mit Bos­heit und Bedacht eine Schrebergartensied- lung angegriffen und bei hellstem Mondschein im Reihenwurf sieben Langzeitzünder-Bom­ben aus ein Gelände abgeworfen, auf dem Ham­burger Arbeiter ihre Blumen, ihr. Obst und Ge- müsse ziehen. Das Schrebergartengelände dieser Steubensiedlung" ist Gefahrenzone" gewor­den, die umliegenden Häuser sind geräumt, auch die schmucken Gärten sind verloren. Ueberall ist w in an der Arbeit, zu retten, was zu retten ist, Mauern abzustützen, Schutt aus dem Weg zu räumen. Ham­burgs Bevölkerung ist durch Churchills Buben­streiche nicht eingeschüchtert.

Auch Hamm und Krefeld von den Maten der RAF. heimgesucht.

Köln, 19. Sept. (DNB. Funkspruch.) In der Nacht zum Mittwoch wurden bei einem Nachtan­griff auf Hamm Spreng- und Brandbomben ge­worfen. Wieder hat die ,Iöniglicke" Luftwaffe be­wußt und systematisch auf Wohnviertel ihre Bombenlast abgeworfen. Ein Wohnhaus wurde zer­

stört, ein anderes schwer beschädigt. Militärische oder sonstige kriegswichtige Ziele wurden nicht ge­troffen. Empörend war der Angriff an einem Sonntagmittag auf das Dörfchen Wie- s ch e r s h ö f e n bei Hamm, wo die englischen Flie­ger mit Maschinengewehren in die Einwohner schos­sen. Hierbei wurde ein Schulkind getötet. Weitere Angriffe der Briten richteten sich auf ein großes Geschäftshaus im Stadtkern von Hamm, auf Wohn­siedlungen in Heesen bei Hamm, wo in einem Hause sieben Personen getötet wurden, darunter die Großmutter, die Mutter und die beiden Kinder einer Familie, auf Bauernhäuser in Berge und Rhynern in der Nähe von Hamm sowie auf Siedlungshäuser in Radbod.

Ein weiteres Verbrechen verübten die Nacht­piraten in den späten Abendstunden in Krefeld. Auch hier ließen britische Flieger ihre Bombenlast mitten in ein Wohnviertel fallen, das bei dem hellen Mondlicht deutlich zu erkennen und außerdem durch Leuchtraketen als Ziel ausgemacht war, fallen. Zwei Wohnhäuser wurden zerstört. Allein hier wurden drei Personen getötet, mehrere andere verletzt, zum Teil sehr schwer. Eine andere Bombe krepierte in einer Siedlung. Hier waren zwei Todesopfer zu beklagen, dazu viele Verletzte. Sogar ein kleines alleinstehendes Haus wurde beworfen. Fünf wehrlose Menschen sind also hier das Opfer Churchillschen Verbrechertums geworden.

Mit deutschen Kampsflugzeugen nach Schottland hinauf.

Bon Kriegsberichter von Oanwitz.

DNB...., 18. September. (PK.) Selbst droben am Firth of Clyde ist man vor deutschen Bombenangriffen nicht sicher. Auch nach Schottland hinauf reicht die Schlagkraft der deutschen Luft­waffe. In dieser Nacht hat G l a s g o w , die zweit­größte Stadt der Insel, etwas von den deutschen Vergeltungsmaßnahmen zu spüren bekommen. Glas­gow ist eines der großen Zentten der britischen Schwerindustrie, bekannt vor allem durch feine mächtigen Werftanlagen.

Der schlanke Feldwebel am Steuer unserer Dora wird vielen daheim in Deutschland bekannt sein. Mit derselben Meisterschaft, mit der er heute den Steuerknüppel handhabt, ist er jahrelang einer der Großen unseres Rudersports ge­wesen, vielfacher Meister im Einer. Er hat sich in zahlreichen Einsätzen so ausgezeichnet, daß er be­reits das EK. I trägt.

Bald nach dem Start dringen wir in eine dunkle Wolkenwand. Regen streift am Fenster vorbei. Die richttge Waschküche umfängt uns. lieber den Wolken steht der Mond, über Schottland wird er unser bester Verbündeter. Da reißt die Wolkendecke auf,

und unter uns liegt Glasgow. Dom Mond beleuchtet der dunkle Streifen des River Clyde, die Werften und Fabriken auf beiden Ufern des Flusses. In aller Gemütsruhe kreisen wir über der Stadt. Wie aus der Landkarte präsentiert sie sich, von irgendeiner Abwehr ist zunächst nichts zu mer­ken. In Werftanlagen auf dem Nordufer liegen unsere ersten Treffer. Zehn Minuten dauert es, bis sich endlich ein paar Scheinwerfer besinnen. Nach allen Richtungen hin suchen sie uns, leuchten Wolke für Wolke ab und können nicht verhindern, daß wir neue Ziele ausmachen. Vom Heckstand aus beobachte ich die Treffer. Einwandfrei läßt sich erkennen, wie drunten die Bomben zünden. Auch als alle Bom­ben gefallen sind, haben wir keine Eile, den Himmel über Glasgow zu verlassen. Kommandant und Flug­zeugführer wollen sich selbst noch von dem Erfolg des Angriffes überzeugen und so sieht die ganze Besatzung noch einmal das Bild der vom deutschen Bombenregen getroffenen Stadt. Nicht das ge­ringste Opfer, nicht die kleinste Beschädigung un­serer stolzen Vögel hat dieser Nachtflug nach Glas­gow gekostet.

Abgerissene englische Sperrballone eine Gefahr für Schweden.

Stockholm, 19. Sept. (DNB. Funkspruch.) Die englischen Sperrballone, die vom Sturm in England losgerissen und in steigender Anzahl Schweden überfliegen, wachsen sich zu einer immer größeren Gefahr für Schweden aus. Jetzt wurde bereits die schwedische Luftwaffe eingesetzt, und durch Flakartillerie ist man bemüht, die unerwünsch­ten Eindringlinge herunterzuholen. Die treibenden Sperrballone haben mit ihren langen Schleppseilen außerordentlichen Schaden angerichtet, insbesondere an den schwedischen Ueberlandleitungen. Auch der große schwedische Sender M o t a la wurde heute vormittag so stark durch die englischen Sperr­ballone beschädigt, daß er feine Sendungen unterbrechen mußte. Die schwedische Heimwehr wurde eingesetzt, um bei der Beseitigung der eng­lischen Sperrballone mitzuwirken. Selbst über Stockholm wurden englische Sperrballone ge­sichtet. So u. a. in 400 Meter über dem Flugplatz Bromma und Ullrichsdal, dem Schloß des schwe­dischen Kronprinzen, weitere zwei Ballone in Sur­berg, weitere zwei in der Nähe des schwedischen Senders Spanga bei Stockholm und drei weitere Ballone in Södertälje.

Don zuständiger Stelle wird hervorgehoben, eine wie außerordentliche Gefahr gerade auch für das schwedische Verkehrswesen bei der fortge­schrittenen Elektrifizierung der schwedischen Bah­nen, diese englischen Sperrballone mit ihren eisernen Schleppseilen bedeuten. Die Ballone zerreißen mit diesen die Hochspannungen, so auch die für die ge­samte Stromversorgung von Göteborg und Malmö. Der Verkehr auf den schwedischen Westküste-Bah­nen ruht. Zahlreiche Hochspannungsleitungen der Elekttizitätswerke Trollhättan sind vernichtet. Bei Gudbrandstorp wurde ein Zug mit mehreren hun­dert Passagieren auf freier Strecke durch die Unterbindung der Stromversorgung festgehalten. Die Passagiere mußten bis in die Nacht hinein warten, ehe man genügend Autobusse zur Ver­

fügung Hatte, um die Fahrgäste abzuholen. Aehn- liche Vorkommnisse werden von der Strecke Göte­borgStockholm, Karlshammer, Christiansand und Karlskrona gemeldet.

In Kopenhagen sind in der Nacht zum Mitt­woch die Straßenbahnen auf der Strecke stehenge- blisben, da die Oberleitungen zerrissen wurden. 35 bis 40 englische Sperrballone flogen von Westen her über J u tl and und treiben bei starkem Sturm über die Inseln Fünen und Seeland m verhältnis­mäßig raschem Tempo. Sie schleppen lange Draht­seile hinter sich her, die Telephonleitungen zerstör­ten und Gebäudeschäden anrichteten. Die deutsche Luftabwehr hat bisher sieben Sperrballone abge­schossen. Große Schäden werden auch aus Esbjerg Ribe und Barde gemeldet. Außerdem ist das Fern­sprechamt von Tisted beträchtlich in Milleidenschaft gezogen worden.

irr losgeriffene britische Sperrballons abgefchoffen.

Berlin, 18. Sept. (DNB.) Wie schwierig die Witterungsverhältnisse zur Zeit über dem Kanal und den britischen Inseln sind, geht aus der Tatsache her­vor, daß Dienstag 52, Mittwoch 12 0 britische Sperrballons losgerissen wurden und nach dem Festlande trieben. Sie wurden vondeut - scheu Fliegern abgeschossen, damit sie nicht an Hochspannungsleitungen Schaden an­richteten.

Starker Rückgang der englischen Kotzlenproduttion.

Berlin, 18. Sept. (DNB.) Nach einer Meldung der holländischen ZeitungAlgemeen Handelsblad" hat die Kommission Ridley, die zur Untersuchung der Möglichkeiten für synthetische Treibstoffgewin­nung eingesetzt war, einen außerordentlich starken

Deutsche Vergeltung.

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Unser Bild zeigt die Ruinen eines durch deutsche Flieger während der Vergeltungsangriffe auf die britische Metropole in Brand geworfenen Hauses i n dem Lagerhausdistrikt an den Themseufern. (Associctted-Preß-M.)

Rückgang der englischen Steinkohlen­produktion, die der Mulangspuntt für die synthetische Benzinerzeugung fern soltte, festgestellt. Die Kommission fügt dieser Feststellung hinzu, daß das Nachlassen der Förderung in erster Linie auf die allgemeine Abnahme der Arbeits» l e i st u n g e n zurückzuführen ist. Ferner deutet die Kommission an, daß auch die Grubenholz­frage eine Rolle dabei spiele. Schließlich werden Streiks und der schlechte Gesundheitszustand der englischen Bergleute als Ursache für den Rückgang der Kohlenproduktion angegeben. Angesichts der ständigen Angriffe der deutschen Luftwaffe auf Eng­land steht der Produktionsrückgang im Kohlenberg, bau keineswegs vereinzelt da. Schon jetzt sind ähn­liche und zum Teil noch schärfere Rückgänge auch in anderen Wirtschaftszweigen zu beobachten, über deren Ausmaß jedoch von englischer Seite jede An­gabe vermieden wird.

Oie Neustruktur Japans.

T o k i o , 18. Sept. (DNB.) Der Vorbereitungsaus- schuß für die Durchführung einer Neustruktur Japans hielt unter Vorsitz des Ministerpräsidenten K o n o y e seine letzte Sitzung ab. Der Ausschuß legt alle wei­teren Entscheidungen in die Hände des Minister­präsidenten. Die Bewegung, die alle Teile der Be­völkerung und alle Gebiete des nationalen Lebens umfassen soll, dürfte den NamenBewegung zur Förderung der kaiserlichen Politik" erhalten. Konoye erklärte, er glaube, daß die allgemeine Lage Japans in allernächster Zukunft noch ernster werde. Um die nationale Krise zu überwinden, müsse die ge­samte Nation wie ein Mann zusam­men st e h e n. Admiral Sujetsugbezeichnete als Voraussetzung für das Gelingen der Neustruktur, daß die Regierung mit aller Kraft die Lösung desChinaproblems betreibe und klare außen­politische Richtlinien zeige. Das japanische Volk werde dann in seiner Gesamtheit das Gelingen der Neu­struktur verwirklichen helfen.

Oer Berliner Besuch Gerrano Güners

Berlin-, 18. September. (DNB.> Der spanische Innenminister Serrano S u n e r stattete dem Reichsorganisationsleiter Dr. Ley in dessen Ber­liner Dienststelle in der Tiergartenstraße einen Be­such ab. Dr. Ley unterrichtete den Minister über den Ausbau der Partei.und der Deutschen Arbeits­front. Dann nahmen Dr. Ley und seine spanischen

Letzter besuch bei Hermann Stehr

Don Alsons Hayduk.

Es war einer der vielen regnerischen Augusttage diefes Jahres 1940, vor wenigen Wochen also. Tief hingen die Wolken über dem Schreib erhau er Tal, und droben am Kamm brodelten die weißen Nebel. Zur vereinbarten Stunde stand der Besu­cher vor dem Faberhaus, das jenseits des rauschen­den Zacken den Blick zu den blauen, zur Höhe hin­aufpilgernden Bergwäldern des Riesengebirges er­hebt.

Die Hand lag noch auf der Klinke der kleinen Gattertür, da trat der Dichter aus dem Haus, ganz so, wie es seit Jahren immer gewesen, mit bedäch­tigem Schritt, das weiße Haar vielleicht noch leuch­tender als sonst, die Augen im Glanz jener gewin­nenden, stillen Heiterkeit, die das Wesen des nun im siebenundsiebzigsten Jahre stehenden Meisters in zunehmendem Maße verklärte.

Der Gast freute sich nicht wenig, den Verehrten so frisch und gesund und, wie die ersten Worte er­gaben, so lebenszugewandt und aufgeschlossen an- zutteffen, trotz des Leides, das das jahrelange Siechtum und der Tod der Gatttn dem Dichter zugefügt hatten.

Dante, es geht mir gut", sagte Hermann Stehr, und ich hoffe, auch bald wieder meine Arbeit auf­nehmen und die Maechler-Trilogie vollenden zu können. Die letzten Monate waren ja nicht leicht für mich. Und der Krieg nimmt einen auch mir. Man hängt ja mit jeder Fiber am Gesamtschicksal. Da ist alles Persönliche wie weggewischt."

Seit Wochen wartet er, daß sein Jüngster auf Urlaub komme. Der Besucher erinnert sich, daß es gerade ein Vierteljahrhundert her ist, seit Stehrs ältester Sohn Willi als Fähnrich an der Loretta- höhe im Weltkrieg gefallen ist. Ungebeugt steigt der Alte die Stufen zum Obergeschoß voran, wo sich sein großer Arbeitsraum befindet.

Es hat sich nichts darin verändert. Von den hohen Regalen grüßen die vielen Bücher in alter Vertrautheit, durchs offene Fenster die heimatlichen Bergwälder, deren Atem hereinströmt über die

zahlreichen Erinnerungsstücke langsam, aber unent­wegt gewachsenen Ruhmes.

Dem Kriegsgeschehen gilt, wie könnte es anders sein, die erste Unterhaltung. Hermann Stehr ist voll tiefer Bewunderung für die Waffentaten des erneuerten Deutschland, für den Elan der Jungen, die die Zukunft des Reiches auch im Frieden zu sichern wissen würden, für hie säkulare Erscheinung des Führers, von dem der Dichter meint, daß die Kernpunkte feiner Kraft in der Gewinnung des deutschen Arbeiters und in der Lösung der sozialen Frage lägen, in der Ueberwindung der sprichwört­lichen deutschen Zwietracht.

Frau Ursula tritt ein, die einzige Tochter, die monatelang den einsame« Vater betreut, so oft es ihr eigener Haushalt in Frankfurt am Main ge­stattet. Sie beftätigt, daß hn Eltern hause von früh- auf darauf gehalten wurde, keine Unterschiede zwi­schen hoch und niedrig, arm und reich zu machen, sondern die vielen Menschen, die bei ihnen aus und ein gingen, nach ihrem Wert, ihrer Leistung beur­teilen zu lernen.

Wieder allein, verweilt Hermann Stehr bei den geweckten Erinnerungen seiner Kampfjahre, da er sich mit Gott und der Welt herumschlug, um zur inneren Klarheit, zu seinem eigensten Wesen zu gelangen.

Ein Lächeln huscht über fein ausdrucksvolles Ge­sicht:Ich bin jahrzehntelang ein schwer verdau­licher Brocken gewesen."

Wie er nun aus dieser Zeit mit lebhcftter Stei­gerung in Stimme und Gestik weitererzählt, kann der Gast sich nicht des Bedauerns enthalten, daß kein autobiographisches Buch vorläge, worin all die äußeren Vorgänge und die innere Reife im Zu­sammenhang aufgezeigt sei.

Geht mir mit Erinnerungsliteratur! Der Dichter soll nicht von sich schreiben, sondern fein Erleben gestalten. Das ernpinfche Ich ist belanglos gegen­über dem Letzten, Unaussprechlichen, das wir Seele und Gott nennen. Einiges aus meiner Entwicklung steht übrigens imStundenglas", und das um« «te Bekenntnis meiner selbst ist und bleibt eiligenhof", in dem eigentlich alles enthal­ten ist."

Diese Worte überklingen heute alle weitere Zwie­sprache im Faberhaus und dann beim frohgestimm­

ten Abendtrunk in der gegenüberliegenden Lukas- mühle zu Oberschreiberhau; denn diese Worte wa­ren das unbewußte Vermächtnis beim letzten Besuch.

Klatschen und Zischen.

Richard Wagner nennt einmal den lebhaft sich kundgebenden Beifall des Publikums im Theater das unentbehrliche Element, auf dessen Wogen sich die Ungeheure Aufregung der schöpferischen Selbst- entäußerung getragen fühlen will. Dieses wunder­bare Spiel mit sich selbst, bei welchem der Spieler sich gänzlich selbst verliert, ist keine Unterhaltung zum eigenen Vergnügen; es ist ein gegenseitiges Spiel, bei dem euch Zuschauern der Gewinst ganz allein überlassen ist; aber ihr müßt ihn euch aneig­nen; die erhabene Täuschung, an welche der Mime seine ganze Persönlichkeit setzt, muß euch durch und durch einnehmen, und aus euch muß ihm die ei­gene, außer sich versetzte Seele antworten, wenn er nicht als lebloser Schatten nun daoonschleichen soll".

Vadite et plaudite Geht und spendet Beifall! lautete darum schon das Schlußwort der antiken Schauspieler am Ende ihres Spiels, und auch die englischen Komödianten wandten sich mit einer derartigen Bitte an ihre Zuschauer. Dabei mußten sie es aber in Kauf nehmen, daß man ihnen auch das Mißfallen bezeigte, was zuweilen in ausgiebi­gem Maße geschah und schließlich zu Verboten jeg­licher Aeußerungen der Zuschauer führte. So ver­ordnete ein Pariser Edikt von 1749, daß alle Zu­hörer, und besonders die im Parterre, sich ganz ruhig zu verhalten haben,nicht zischen und pfei­fen, die Akteure nicht unterbrechen und von ihren Oertern nicht weggehen" dürfen.

Dieser Auffassung waren auch der Herzog Karl August von Weimar und Goethe. Bei der so un­glücklich verlaufenen Erstaufführung von Kleists Zerbrochenem Krug" ereignete sich ein Vorfall, der in dem Weimarischen Hoftheater noch nie da- gewesen war und der als etwas Unerhörtes be­zeichnet werden konnte: jemand begann zu pfeifen. Der Herzog, der seinen Platz auf dem sogenannten bürgerlichen Balkon hatte, beugte sich über die Brüstung und rief:Wer ist der freche Mensch,

der sich untersteht, in Gegenwart meiner Gemahlin zu pfeifen? Husaren, nehmt den Kerl fest!" Das geschah, und der Uebeltäter wurde drei Tage auf der Hauptwache eingesperrt.

Goethe, der zwar Riemer vertraulich gestand, wenn es ihm Anstand und Stellung erlaubt, hätte er auch gepfiffen, hielt sonst nicht weniger streng auf ruhiges Betragen der Zuschauer. Gewöhnlich saß er selbst mitten im Parterre auf einem Sessel, sein gewaltiger Blick beherrschte den Kreis um ihn her und hielt die Mißvergnügten im Zaum. Bei der Aufführung von SchlegelsAlarcos" brachte er die durch die unfreiwillige Komik der Tragödie er­zeugte Heiterkeit zum Schweigen, indem er mit Donnerstimme rief:Man lache nicht!" Schließ­lich untersagte er dem Publikum überhaupt jede Aeußerung des Beifalls oder Mißfallens

Auf anderen Bühnen war aber unterdessen der Beifall geradezu gefordert und zu immer leiden­schaftlicheren Formen gesteigert worden. Beliebte Schauspieler wie Dobbelin, Christ, Fleck wurden bereits beim ersten Auftreten mit Klatschen be­grüßt. Eine vorher in Deutschland ganz unbekannte Begeisterung ergriff die Theaterbesucher bei Brock- mannsHamlet". Ihm wurde in Norddeutschland zum erstenmal die Ehre eines Hervorrufes zuteil. Dieses Beifallszeichen, das aus Italien stammt, war in Deutschland von dem Ballettmeister No- oerre eingeführt worden, der beim Klatschen mit einer eleganten Verbeugung auf der Bühne er­schien. Der erste Schauspieler aber, den das Publi­kum selbst vor die Rampe rief, war der wüsteTy­rannenspieler" Vergopzomer, als er am 4. Juni 1774 als Weißes Richard III. in Wien debütierte.

Von nun an stieg der Grad der Beifallsäußerun­gen im Theater gewalttg an, von Wien aus, wo sich der große Schröder noch jedem lauten Jubel vornehm entzogen hatte, verbreitete sich die Bei­fallsraserei über alle deutschen Bühnen. Hatte der so sehr gefeierte Jffland den Hervorruf am Ende eines ganzen Gastspiels als besondere Auszeich­nung ausgenommen, so verlangte und erhielt schließlich jeder Schauspieler Hervorrufe nach je­dem Akt, jabei offener Szene". Lorbeerkränzs wurden überreicht, und seit den Triumphen der göttlichen" Sonntag kam das Pferdeausspannen dazu. C. K.