Nr. 195 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, (9. August 1940
Aus der Stadt Gießen.
Enttäuschter Wagemut-
Auf einem Steinpfosten vor einem Neubau, wohl zur Einfriedigung des künftigen Vorgartens mit etlichen andern in entsprechenden Entfernungen voneinander ausgestellt, saß kläglich weinend ein blonder Knirps. Die Tränen kullerten chm in dicken Perlen über die Wangen, während sich die Hände krampfhaft an den unbequemen Sitz festklammerten und die kurzen Beine haltlos baumelten. Wahrscheinlich hatte ihm die mit hilfreich ausgestreckten Armen vor ihm stehende, ein wenig größere Schwester mit vieler Mühe hinaufgeholfen, weil ihn der Stein wohl wie ein begehrenswerter Thron gereizt hatte. Er hatte größer sein wollen als sie und bewundert werden ob seiner Tat. Nun brüllte er enttäuscht an dem kleinen Mädchen vorbei in die böse Welt, die ihn genasführt hatte. Besonders empörte ihn, daß die Kleine auch noch lachte und gar nicht seine verzweifelte Lage zu verstehen schien. Er trat mit den Füßen nach ihr, als ihre Hände nach seinen Armen packten.
Wie oft wird der Knirps noch später aus ähnlichen Situationen, die sich wiederholen werden, lernen müssen, daß die schöne Welt doch kein Märchenland ist, in dem man sich nach Lust und Laune vergnügt. Vorerst erscheint ja vieles noch ein Wunderreich, das man nur mit kindlichen Augen anzu- schauen braucht, um es jedem Wunsche nach zu verwandeln. Da werden die Bordsteine des Bürgersteigs zu einem eisernen Schienenweg, auf dem man Schnellzug spielen kann, indem man mit Schnauben und emsig kitschenden Schuhsohlen das Vorwärtsstürmen einer Lokomotive nachahmt. Da bietet ein Sandkasten Baustoff genug zu Türmen und Burgen, zu Tunnels und Brunnen. Die Kinderphantasie ist unerschöpflich im Erfinden von Spielen. Denn das ist ihre Welt. Und es erstaunt einen immer wieder, wie rasch sich Kinder in jede Rolle hineinfinden, mit welch' köstlichem Nachahmungstalent sie einzelne Berufe spielen. Ähre Darstellung vergißt vor allem die wesentlichsten Gesten nicht und versteht es bis ins kleinste Einzelheiten ungeschminkt zu charakterisieren. Aber wie oft werden sie auch diese Wunschwelt einstürzen sehen.
Als ich mich nach einigen Minuten aus meinem Rückweg nach dem heulenden Knirps umsah, fand ich ihn bereits zwischen andern Kindern munter umherspringend. Er hatte sein Erlebnis auf dem Stein schon vergessen. Aber so schnell wird er ihn nicht wieder erklettern, weder allein, noch mit fremder Hilfe. Dagegen wird er eines Tages über solche Pfosten im „Bocksprung" hinwegsetzen, wie er auch andere Hindernisse des Lebens nehmen wird. Und vielleicht bleibt die erste Unerschrockenheit des Knirpses ihm trotz aller heutigen Tränen auch weiter treu, denn: „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten." <?. 8.
Dornotizen.
Tageskalender für Alonkag.
NSG. „Kraft durch Freude": 16 und 20 Uhr im Gloria-Palast (Seltersweg): Gastspiel Olga Tschechowa. — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Lumpaci Vagabundus".
Ortszeit für den 20. August.
Sonnenaufgang 6.16 Uhr, Sonnenuntergang 20.39 Uhr. — Monduntergang 9.45 Uhr, Mondaufgang 21.23 Uhr.
** Grüße aus Norwegen. Mit dem Auftrag: „Grüßen Sie unsere schöne Heimat" übermitteln uns „einige muntere Hessen" aus Norwegen, dem Lande der Mitternachtssonne, einen Kartengruß. Die Karte ist unterschrieben von Soldat Karl R e i n s ch m i d t, Soldat Friedrich Bischoff, Soldat Rudolf Stumpf, Soldat Georg Rühl, Gefreiter Peter L i n d e n f e l d < Hermann Röhm, Otto Schenker, Soldat Ludwig Setzer. Wir erwidern die Grüße mit allen guten Wünschen für Euch liebe Soldaten aufs herzlichste.
** Zucker zur Bienenfütterung. Zur Zeit findet an die Imker die Auslieferung von Zucker zur Bienenfütterung statt. Es werden je Bienenvolk 7,5 kg Zucker zu einem Preise abgegeben, der durch einen zu Lasten der Zuckersteuer gehenden Reichszuschuß verbilligt werden konnte.
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Neue Mitglieder des Gtadttheaters.
Nachstehend bringen wir weitere Mitteilungen neuer Mitglieder unseres Stadttheaters über ihren Werdegang.
Otto (Zöllner:
Hof i. Bayern hatte ich dann Gelegenheit, das Fach 3U wechseln und spielte dort die Komiker im Schauspiel und in der Operette, bis ich durch Intendant Hans Walter Klein an das Stadttheater Gießen verpflichtet wurde. Wenn ich dem Gießener Theaterpublikum so gefalle, wie mir Gießen gefällt, habe ich keine Sorgen mehr.
Arthur Apelt:
Während der Gymnasialzeit musikalische Studien. Nach Beendigung des Gymnasialbesuches zunächst mehrere Fahre im Bankgewerbe tätig. Hierauf Wiederaufnahme der Musikstudien an der Orchester- und Opern-Schule der sächsischen Staatskapelle (Lehrer: Operndirektor Kutzschbach, Kapellmeister Hintze, Prof. Lederer, Dr. Stagemann u. a.). Nach Abschluß der Studien zwei Jahre Assistent bei Staatskapellmeister Karl Maria Pembaur, dem inzwischen verstorbenen Chordirektor der Dresdner Staatsoper. Don dort aus mehrjähriges Engagement an das Stadttheater Göttingen, zunächst als Chordirektor, während der letzten drei Jahre als Kapellmeister.
Arthur Apelt, Kapellmeister der Oper und Operette.
Otto S ö l l n e r,
Vorgeschichtliche Stunde im Oberhessischen Museum.
Eine Veranstaltung der NS.-Gemeinschast „Krast durch Freude^.
Musikalischer Oberleiter und 1. Kapellmeister.
In Krefeld begann 1926 meine Kapellmeisterlaufbahn. Dort konnte ich mir ein Repertoire von über 50 Opern erarbeiten. Rege Tätigkeit im Konzertsaal, verbunden mit kompositorischem Schaffen, füllten die Jahre bis 1935 aus. Auf ein Gastdirigie- ren mit „Tosca" wechselte ich nach Aachen, mit „Tosca" nach Trier 1939 und mit „Tosca" stellte ich mich in Gießen vor. Ob „Tosca" weiterhin meine Schicksalsoper bleiben wird? Mit „Paganini" und „Macht des Schicksals" leite ich den Auftakt zur musikalischen Spielzeit, mit Beethoven-Abend im 1. Städt. Sinfonie-Konzert die Konzerttätigkeit ein. Und nun freue ich mich, im Zusammenwirken mit meinen Arbeitskameraden dem Gießener Publikum Vermittler zu Opern- und Konzerterlebnissen sein zu können.
Kurt BoSny:
Ursprünglich war ich in einem technischen Beruf tätig. Doch nach Beendigung des Weltkrieges und nachdem ich in Deutschlands schwerer Zeit als Freikorpskämpfer meine Pflicht getan hatte, ging ein schon lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Nach gründlicher Ausbildung im Schauspiel und in der Operette wurde ich an das Stadttheater Frankfurt a. d. Oder verpflichtet. Es folgten Neiße, Hiegnitz, Allenstein. Rudolstadt, Stettin und Essen, xntf ich als Operettenbuffo tätig war. Am Grenzlandtheater
Kurt B o s n y, Komiker.
Bei erfreulich großer Beteiligung erklärte am gestrigen Sonntagoormittag der Direktor des Ober- bessischen Museums, Dr. Krüger, in interessanten Ausführungen und mit ausgezeichnetem Anschauungsmaterial in den Räumen des Museums die vorgeschichtliche Entwicklung der Menschheit im mitteleuropäischen Raum, insbesondere in unserer oberhessischen Heimat.
Die vorgeschichtliche Forschung ist allen Spuren nachgegangen und weist heute menschliche Tätigkeit mit Sicherheit über einen Zeitraum von etwa 360000 Jahren nach. In der Aelteren Steinzeit, etwa von 360 000 bis 12 000 vor Christi, haben wir es bereits mit der Gattung Mensch zu tun, das beweisen die Funde bei Ausgrabungen. Wir wissen, daß die Menschen damals in Höhlen gehaust und von Jagd und Fischerei gelebt habens Sie waren noch nicht seßhaft, sondern'sind, wenn die Jagd nicht mehr genügend Nahrung bot, weitergewandert, um neue Jagdgebiete zu suchen. Ihre Werkzeuge waren aus Stein. Behauen, einseitig geschärft als Handkeil, oder wie eine Säge zugerichtet, hat der Stein als Gerät und als Waffe gedient.
Der Rückgang der Vereisung in unserem Gebiet bis an den nördlichen Alpenrand einerseits und bis Skandinavien anderseits (etwa 8000 bis 5000 vor Christi) bringt mit einer Wärmeperiode von durchschnittlich 5 Grad höheren Temperaturen als heute eine Vegetation, die etwa der des Mittelmeerrandes entspricht. Die Menschen wohnen in Halbhöhlen, bearbeiten den Stein weitergehend, indem sie ihn mit Holzstab und Sand durchbohren, befestigen Stiele und schaffen sich Hammer-, Beil- und Äxt- Geräte, die sie bereits zum Ackerbau benutzen. Dadurch weitgehend seßhaft geworden, pflanzen die Ackerbauern der jüngeren Steinzeit bereits Einkorn, Emmer, Gerste, Hirse, Flachs, Weizen, Roggen, Hafer, Buchweizen, bereiten Mehl- auf flachen Steinen und spinnen ihren Flachs.
Um 4000 bis 2500 vor Christi wird die Kultur der jüngeren Steinzeit überlagert von der Michels- berger Kultur (nach dem Fundort Michelsberg in Baden). Die Menschen der Michelsberger Kultur (Westeuropäer mit ostischem Einschlag) sind seßhafte Ackerbauern und wohnen in DorfsiedlungAk, in Pfahlbauten, an Seen und Flüssen. Sie benutzen das Walzenbeil.jjur Bearbeitung des Bodens, den Tulpenbecher ohne Standfläche als Tongefäß, den Backteller und die Schale. In ihrer weiteren Entwicklung (von 3000 bis 2000 vor Christi) verbreitet sich die Michelsberger Kultur von der Bodensee- und Oberrheingegend über das Alpenvorland, den Rhein abwärts in die Stuttgarter und Heidelberger Gegend, schließlich über die W e t t e r a u nach Mittel- und Norddeutschland. In Pfahlbauten und
in befestigten Höhensiedlungen wohnen die Menschen, benutzen spitznackige Beile in Hirschhornschäf- tung (Fund vom Bodensee im Oberhessischen Museum) als Werkzeuge und Schalen mit genähtem Rand als häusliche Geräte. Funde aus dieser Zeit wurden bei Lang-Göns und auf dem Hausberg bei Butzbach ausgegraben. Die Tongefäße der Michelsberger Kultur werden in ihren späteren Formen aus dem Flaschenkürbis entwickelt und mit Bandornamenten verziert. (Bandkeramische Funde aus Griedel bei Butzbach im Oberhessischen Museum.) Für die Bestattung der ToteU waren bereits zwei Riten im Gebrauch: das Skelettgrab (gegen Ende der jüngeren Steinzeit, Ausgrabung in L e i h- g e st e r n) und das Brandgrab. Als Sondererscheinung der bandkeramischen Kultur der Wetterau liegt im Oberhessischen Museum ein Brandgrab mit einer Schmuckkette aus flachen, durchbohrten Kieseln, die man dem oder der Toten mitgegeben hat.
Im Zeitraum von 3000 bis 2500 vor Christi dringt als nordischer Vorstoß in den bandkeramischen Raum die Rössener Kultur ein (nach dem Fundort Rössen bei Merseburg) und findet über die oberhessische Brücke nach Süddeutschland weite Verbreitung. Vor allem bringt die Rössener Kultur den in formlosen Hütten wohnenden Michelsberger Pfahlbauern das viereckige Wohnhaus, außerdem vielerlei Gefäße, Behälter für Vorräte, Schalen und Vasen mit Tiefstichornamenten.
Um 2500 bis 1800 vor Christi wandern aus Nordspanien und Südfrankreich die Glockenbecherleute in die oberrheinische Gegend ein und dringen als zigeunerhafte Bogenschützen bis nach Hessen und Thü, ringen vor. Sie bringen dreieckige Kupferdolche, aus Stein geschliffene Armschutzplatten, geschliffene Feuersteinmesser und glockenförmige Tonbecher mit feinen Ziermustern in Stich- oder Rädchentechnik. In unserer Heimat erzählen Funde aus der R ö d g e - n e r Sandgrube, aus Grebenau, Friedberg, Butzbach und Alsfeld von den Glockenbecherleuten, die als nomadisierende Jäger kulturell ohne nachhaltige Wir- kung blieben.
Mit der Aufforderung, zu den kommenden Vorträgen ebenso zahlreich zu erscheinen, entließ der Vortragende seine dankbaren Zuhörer.
Orachensteigenlaffen bleibt verboten.
Alljährlich mit dem Beginn des Aberntens der Felder und Aecker beginnt die Zeit des Drachensteigenlassens durch unsere Jugend. Es wird darauf hingewiesen, daß für die Dauer des Krieges das Steigenlassen von Drachen aller Art durch die Jugend auch in diesem Herbst bis auf weiteres verboten ist.
Die schöne Melusine
Vornan bon Hans dichter
(Schluß.)
,Lst sie —" fragt der Mann ängstlich.
„— tot? I wo wird sie denn. Aber eins kann ich Ihnen flüstern, wenn ich nicht aus gewissen Gründen, die Sie einen kalten Schmutz angehen, heute wieder auf der Insel gewesen märe und nicht, wie eigentlich die Absicht war, in Lüchow, dann hätte es zwei, und wahrscheinlich sogar drei schöne Leichen gegeben. So, und wenn Sie jetzt den Rest Wasser, Den Sie noch intus haben, herausgewürgt haben, dann kümmern Sie sich gefälligst um die Dame Käte. Wenn das Wetter vorbei ist, werden Sie in Ihren Kahn verfrachtet und übergesetzt. Den Rest kann Fikchen Brümmer mit Fliedertee erledigen."
Als er wieder ins Zelt kommt, sitzt Tilde aufrecht. ,Zch danke dir schön, Heinz", sagt sie und merkt gar nicht, daß sie ihn du nennt. „Was ist mit .Lotteken'?"
„Lotteken' liegt ganz genau so hoch und trocken wie der Einbaum von Brümmer. Gott sei Dank, daß du da bist. Nun rasch in den Schlaffack. Mein trockener Trainingsanzug liegt dort. Kennst chn ja schon."
„Geh raus, Heinz", bittet sie.
Als sie warm in den Schlafsack gekuschelt daliegt und er wieder neben ihr sitzt, schweigen sie sich zuerst beide aus.
„Ich muß dir etwas erzählen, Heinz", sagt Tilde endlich leise. ,Luerst habe ich nur Angst gehabt, daß du wütend würdest, weil ich heute mit all diesen Leuten hierhergekommen und unsere Jnselruhe stören würde, aber jetzt —"
„Was gibt es denn jetzt wieder?" fragt er. Aber er schiebt es zur Sette. „Weißt du, wenn der Kranich nicht gewesen wäre."
„Was hat Greta Kranick gesagt?" will Tilde wissen.
„Du wärst ein liebes Mädel und ich wäre ein großer Esel, hat sie gesagt. Und wenn ich die Melusine fertig kriegen und dich behalten wolle, dann
müsse ich schon etwas dafür tun und nicht immer—" „weglaufen", ergänzt sie.
„Und jetzt bleibst du schön liegen, und ich bringe die völlig überflüssige Besatzung der Insel samt Boot in die Heia."
„Ausgeschlossen", sagt sie energisch und denkt an Wilhelm Hellwig. ,Zch muß zuerst noch etwas in Ordnung bringen, und dazu muß ich in der Wald- michle sein."
„Wenn es fein Miß", brummt er.
Wilhelm Hellwig hat von der ganzen nächtlichen Aufregung nichts gemerkt. Als Tilde in der Nacht mit den beiden Geretteten eintrifft, hat das resolute Fikchen einen ordentlichen Grog fertig und packt alle drei, als sie ihn im Leibe haben, ins Bett. Heinz Deetjen hat auch keine Lust mehr, auf die Insel zurückzukehren und kriecht, wo alles besetzt ist, auf den Heuboden und schläft, weil er ja genug getan hat, sofort fest ein.
Am frühen Morgen klopft es an Tildes Tür, und als sie verschlafen öffnet, sicht Agnes Sprenger vor chr.
„Wo kommen Sie denn her, Sprenger?" wundert sich Tilde, und noch mehr wundert sie sich über das Aussehen der ehemaligen Kollegin. Agnes ist nämlich gar nicht so gepflegt angezogen, wie es sonst ihre Art ist. Im Gegenteil! Das Haar ist nur rasch unter die Kappe gezogen worden, der Regenmantel staubig und bespritzt.
„Ich bin mit einem Motorradfahrer hierher- gefommen", stottert Agnes. ..Den hab ich auf der Straße angehalten. Aber ich bin froh, daß Sie noch da sind."
„Wollen Sie denn mit uns fahren?" fragt Tilde und weiß immer noch nicht, was sie aus dem Häufchen Unglück, das da auf ihrer Bettkante hockt, machen soll.
„Schließen Sie doch erst mal die Tür tu", schluckt Agnes. „Ich will ja alles erzählen." Uno als Tilde ihr den Gefallen getan hat: „Ich bin ein Biest, Fräulein Rohloff, ein ganz großes Biest. Aber ich hab's wirklich nicht fo gemeint und habe auch schon wieder alles in Ordnung gebracht."
„Was haben Sie denn in Ordnung gebracht, Agnes?"
„Das mit dem Deetjen. Der kommt bestimmt
heute hierher, oder wenn Sie darauf nicht warten wollen, dann brauchen Sie nur auf die duselige Insel zu fahren, auf der wir den Film drehen, da ist er."
„Und was soll ich denn auf der Insel mit ihm machen?" forscht Tilde und kann sich das Lachen kaum verkneifen.
„Eigentlich brauchen Sie gar nichts zu machen", schluckt Agnes. „Er weiß ja schon, daß Sie nicht Hellwigs Frau sind."
„Hat chm das denn jemand eingeredet?"
„Nein, aber Bobby hat doch alles vermanscht, und da hat er gedacht, daß Sie, und dann hat er gedacht, daß ich. Hu — hu — hu —" heult sie. „Es rft zu greulich alles, und mit dem Film mag ich auch nichts mehr zu tun haben. Ich hab' dem Bobby einen Brief geschrieben, und bann bin ich weggelaufen unb bin nun eben hier. Ich will noch nach Berlin fahren." Als sie das 'raus hat, setzt sie sich plötzlich aufrecht hin und trocknet ihre Tränen. „Aber wenn Sie doch den Deetjen gern haben und der Deetjen Sie, was wollen Sie denn eigentlich von Hellwig?"
„Sie wollen wohl etwas von Hellwig?" fragt Tilde und setzt sich neben Agnes und streichelt ihre Hand.
„Er ist ja solch großer Dussel", sagt Agnes leise. „Aber ich glaube, er rft viel besser als Bobby und als all die Jungen, die ich bisher gekannt habe."
„Das sollten Sie ihm selber fagert", meint Tilde.
So kommt es, daß Wilhelm Hellwig, als er ausgeschlafen hat und seinen ersten Gang vor das Haus macht, zuerst auf Tilde stößt.
„Sie haben mich gestern etwas in Berlin gefragt, Herr Hellwig." Tilde hat ihre schöne Rede genau zurechtgelegt und ist nicht willens, sich unterbrechen zu lassen. „Und ich will Ihnen heute auch antworten."
Als sie eben weiterreden will, steckt Heinz Deetjen den Kopf zum Heuboden heraus und erkennt sie.
„Morgen, Tilde", ruft er. „Ausgeschlafen?
„Ja, Heinz, du auch?" Und zu dem verblüfften Hellwig. „Ich habe mich nämlich mit Herrn Deetjen verlobt, Herr Hellwig."
„Ach nee", staunt der.
„Aber für Sie habe ich auch eine Bestellung. Ich kann doch nun nicht mehr in Ihrer Firma arbeiten, weil ich in Hallersdorfer Teerofen gebraucht werde.
Da wollte ich Ihnen einen sehr guten Ersatz empfehlen. Ich glaube, Agnes Sprenger käme ganz gern zu Ihnen."
„Woher wissen Sie denn das?" stotterte Hellwig.
„Sie hat es mir selber gesagt, und wenn Sie mit chr reden wollen, sie sitzt unten in der Fliederlaube." Dann tritt sie noch einmal ganz dicht zu chm heran. „Vielleicht braucht Agnes gar nicht zu wissen, was Sie mich gestern gefragt haben — wenigstens heute noch nicht."
„Da könnten Sie wohl recht haben", sagt Hellwig.
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Nachzutragen hat ein gewisser Chronist folgendes: Im Spätsommer wird unter dem Funkturm in Berlin die Gartenbau- und Wochenendausstellung eröffnet. Auf dieser Wochenendausstellung sind viele Häuser. Uns interessiert aber nur eins von ihnen, das der Firma Deetjen in Hallersdorfer Teerofen. Und in ihm ein neues Geschirr und eine Figur als Blickfang: die schöne Melusine in Blau.
„Die schöne Melusine ist eine sagenhafte Gestalt und die Stammutter des Hauses Lusignan", doziert der Studienrat Müller seinen Schülerinnen vor. „Sie hatte ein Geheimnis vor ihrem Gatten und verlangte, daß er ihr vertrauen solle. Als er das nicht tat —"
,Zst ja Unsinn", brummt Heinz Deetjen, der in dem Hause drinnen neben Tilde sitzt. „Die schöne Melusine ist durchaus nicht die Stammutter der Lusignan."
„Sondern, Heinz?"
„Die der Deetjen, der Töpfermeister Deetjen, aber das geht niemanden etwas an, denn eigentlich —"
„— eiaentlich wollte ich damals nur auf Urlaub gehen", sagte Tilde. Dann geht sie ans Telephon und läßt sich mit Hellwig & Holzmann verbinden. ,Lst dort Frau Hellwig?" fragt sie. „Syier ist Tilde. Heinz möchte wissen, ob ihr heute zum Kaffee in die Ausstellung kommt unb das neue Geschirr ein- weiht. Du mußt erst deinen großen Bären fragen, ob er einverstanden ist. Also frag chn, und dann sag Holzmännchen, er solle auch mitkommen, es gäbe hier allerlei zu erzählen."
„Gibt es doch, Heinz?" fragt sie, als sie den Hörer aufgelegt hat.
„Bei uns sicher", lacht der. „Ob's bei den Hellwigs auch so ist? 9lat man kann ja nicht wissen."'


