Ausgabe 
19.8.1940
 
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jetzigen englischen Machthaber ist daher das erste Gebot für ganz Europa und auch für die übrigen neutralen Staaten. Während einige Länder, wie die Vereinigten Staaten von Amerika und Ar­gentinien, bereits seit langem die Meere um Eng­land als Kampfgebiet erklärt und den Schif­fen, Flugzeugen und Bürgern ihrer Staaten ver­boten haben, sich in diese Gefahrenzone zu begeben, ist eine solche Maßnahme bei anderen neutralen Staaten bisher nicht erfolgt. Deutschland, das diese Länder wiederholt gewarnt hat, ihre Schiffe in das Seegebiet um England zu schicken, hat die Regierungen dieser Staaten nunmehr n o ch e i n - mal in einer Note aufgefordert, ihren Schiffen das Befahren der deutsch-englischen Kriegszone zu verbieten. Es liegt im Interesse der Staaten selbst, daß diesem. Ersuchen baldig st entsprochen wird. Die Reichsregierung muß ihrerseits jedenfalls folgendes feststellen:

Der Seekrieg ist in dem Gebiet um England in vollem Umfang entbrannt. Das gesamte Gebiet ist mit Minen verseucht. Die Flugzeuge greifen jedes Schiff an. Jedes neu­trale Schiff, das dieses Gebiet in Zukunft be­fährt, seht sich daher der Gefahr der Vernichtung aus. Die Reichsregierung lehnt in Zukunft ohne jede Ausnahme die Verantwortung für irgend­welche Schäden, die Schiffen jedweder Art oder Personen in diesen Gebieten zustoßen sollten, ab.

Durch ein völliges Fernhalten ihrer Schiffahrt von den britischen Inseln werden die neutralen Staaten auch chrerseits am besten zur Vermeidung von Komplikationen und zur schnellen Beendigung dieses Krieges beitragen. Auch wird es auf diese Weise Mr. Churchill und sonstigen Interessenten in Zukunft schwerer gemacht werden, einen neuen Athenia"-Fall zu konstruieren, d. h.: ein Schiff eines dritten Staates durch eigene U-Boote ver­senken zu lassen und dann Deutschland die Ver­senkung zuzuschieben in der Hoffnung, die öffentliche Meinung dieses Staates damit gegen Deutschland aufzuhetzen und in den Krieg zu treiben. Deutsch­land ist überzeugt, daß es durch die endgültige Be­seitigung des heutigen britischen Piratentums nicht nur Europa, sondern allen neutralen Staaten der Welt einen Dienst von historischer Bedeutung leistet.

Das Blockadegevlet um England.

Berlin, 18. Aug. (DNB.) Das Seegebiet um England, vor dessen Befahren die neutrale Schrst- fahrt in der Note an die neutralen Regierungen dringend gewarnt wird, ist geographisch wie folgt begrenzt:Von der französischen Atlantikküste auf 47 Grad 30 Minuten Nord, zwei Grad 40 Minuten West, nach Punkt 45 Grad Nord, 5 Grad West, nach Punkt 45 Grad Nord, 20 Grad West, nach Punkt 58 Grad Nord, 20 Grad West, nach Punkt 62 Grad Nord, 3 Grad Ost, von hier nach Süden zur belgischen Küste, dann der bel­gischen und französischen Küste folgend zum Aus­gangspunkt."

Trotz eindeutiger Warnungen.

Amerikanisches Transportschiff in das Operationsgebiet an der britischen Aordküste dirigiert.

Berlin, 17.Aug. (DNB.) Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika hat durch eine Verbalnote der amerikanischen Botschaft in Berlin der Reichsregierung am 9. August mit­geteilt, daß das Trupventransportschiff der ameri­kanischen ArmeeAmerican Legion" am 16. August von dem finnischen Hafen Petsamo nach N e u y o r k fahren werde, um amerikanische und andere Staatsangehörige nach den USA. zu bringen. In der Verbalnote wurde mitgeteilt, daß das Schiff bei Tag und bei Nacht in einer bestimm­ten Weise gekennzeichnet und beleuchtet sein wird. Das Schiff soll außerdem auf seiner Fahrt von Petsamo nach Neuyork einen b e st i m m- ten Kurs einhalten, der u.a. zwischen der Insel Rona und dem Kap Wrath an der Nordküste von England durchführt. Die amerikanische Regierung hat die Erwartung ausgesprochen, daß das Schiff nicht angehalten oder behelligt werde. Die Botschaft hat außerdem die Zusage von Frei geleit er­beten.

Die Reichsregierung hat daraufhin der Botschaft der Vereinigten Staaten geantwortet, daß im vor­liegenden Fall kein Anlaß für eine Zusage bestehe, da es eine Selbstverständlichkeit sei, daß deutsche Streitkräfte ein neutrales Wehrmachtsschiff nicht angreifen. Die Reichsregierung erklärte sich jedoch bereit, die zuständigen deutschen Stellen von der Abfahrt des Schiffes aus Petsamo und von dem beabsichtigten Kurse informatorisch zu verstän­digen. Am 14. August hat die Reichsregierung der amerikanischen Botschaft in Berlin mitgeteilt, daß die zuständigen deutschen Stellen nach Kenntnis­nahme des beabsichtigten Kurses darauf hingewiesen haben, daß dieser Kurs des Schiffes das militä­rische Operationsgebiet um England stark berührt, daß mit einer derartigen Fahrt außerordentliche Gefahren verbunden seien. Es wurde desyalb der Dringende Rat erteilt, daß dieAmerican Legion" auf einer ungefähr­licheren Route zurückfahre. Diese Warnung wurde auch in Besprechungen mit der amerika­nischen Botschaft erörtert, wobei insbesondere auf die völlige Verseuchung des Seegebietes um Eng­land mit Minen hingewiesen wurde.

Am 16. August mittags teilte die amerikanische Botschaft durch eine Verbalnote mit, daß die American Legion" von Petsamo am selben Tage abfahre. Ferner wurde entgegen der deutschen War­nung mitgeteilt, daß das Schiff die zu e rst an­gegebene Route befahren werde.

Das Auswärtige Amt stellte daraufhin durch eine

Verbalnote, am 16. August der amerikanischen Bot­schaft gegenüber fest, daß das Schiff sich trotz der Warnung in voller Kenntnis der Gefahren in das Operationsgebiet begebe. Die Reichsregierung müsse deshalb die Verantwortung ableh- n e n , wenn dem Schiff irgendwelche Nachteile hier­aus entstehen sollten. Die Verantwortung müsse einzig und allein bei der Regierung der Vereinig­ten Staaten von Amerika liegen. Die Reichsreaie- rung hat iM übrigen auf den Umstand hingewiesen, daß die endgültige Mitteilung Über die Abfahrt der American Legion" dem Auswärtigen Amt erst am 16. August mittags zugegangen ist, ob­wohl der amerikanischen Botschaft vorher als späte­ster Zeitpunkt für eine Benachrichtigung über den endgültig beabsichtigten Kurs ausdrücklich der 15. August genannt worden war.

(Sin gefährliches Experiment.

Das ist doch eine sonderbare Sache, daß die ame­rikanische Regierung ihren Truppentransporter American Legio n", der Amerikaner aus Osteuropa von dem finnischen Hafen Petsamo um das Nordkap herum, also jenseits des 71. Breiten­grades, in die nordamerikanische Heimat zurück­bringt, ausgerechnet zwischen dem Kap Wrath und der Insel Rona in die Heimat zurückkehren lassen will. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die Passage zwischen den Faröer-Jnseln und Island der gerade Weg ist. In dieser Gegend und zu dieser Jahreszeit gibt es selbstverständlich auch keine Eisberge mehr, um einen ganz unwahr­scheinlichen Erklärungsversuch für diesen rätselhaften Entschluß vorwegzunehmen. Denn das Gebiet zwi­schen Kap Wrath und der Insel Rona liegt um den 59. (!) Breitengrad, unmittelbar vor der Nordküste Schottlands. Kap Wrath ist der nordwestlichste Punkt Schottlands. Und die Insel Rona, die in manchen Karten gar nicht verzeichnet ist, finden wir, wenn wir nördlich des 59. Breiten­grades einen Strich von den Orkneys nach Westen und einen anderen Strich von den Hebriden nach Norden machen. Auf den Orkneys ist in und um Scapa Flow die wichtigste englische Flottenstation der Nordsee.

Man erinnert an denA t h e n i a" - Zwischenfall, bei dem Churchill schon in den ersten Kriegslagen Menschenopfer nicht scheute, um die Amerikaner in den Krieg zu Hetzen. Aber es gibt auch in den Ver­einigten Staaten selbst Kreise, denen jedes Mittel recht ist, um eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen.

Oie neue Do 215.

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Das neueste Dornier-Flugzeug Do 215, über dessen Fertigstellung wir schon ausführlich berichtet haben, hat gegenüber der Do 17 eine stärkere Bewaffnung und ist ihr an Schnelligkeit noch überlegen.

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Für sie gibt es ein anderes Gegenstück: die Ver­senkung des amerikanischen SchlachtschiffesMain e" am 15. Februar 1898 im Hafen von Habana, die von den Amerikanern als erwünschte Gelegenheit benutzt wurde, Spanien herauszufordern und zur Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten zu ver­locken. Heute wird angenommen, daß diese Spren­gung derMaine" ein Werk amerikanischer Agenten gewesen ist. Die deutsche Regierung hat sowohl durch ihre Verbalnote an die Vereinigten Staaten wie durch ihre totale Blockadeerklärung der britischen Inseln klargestellt, daß die amerikanische Regierung mit dieser willkürlich gewählten Route s e l b st j e n e Gefahrenzone gesucht hat, vor der von deutscher Seite eindringlich gewarnt wurde. Zur Abrundung des Tatbestandes bleibt nur zu erinnern, daß die Regierung der Vereinigten Staaten bisher ihren Schiffen das Befahren gefährdeten Ses- gebietes verboten hat und daß die Abreife der American Legion" von Petsamo nicht rechtzeitig gemeldet wurde.

Bubenstreiche

-er Royal Aire Force.

Goethes Gartenhaus in Weimar und der Neußer Ehrenfriedhof bombardiert.

Weimar, 17.Aug. (DNB.) In der vergange­nen Nacht griffen englische Flieger in größerer Zahl außer vielen anderen Orten in Thüringen auch die Gauhauptstadt Weimar an. Hier versuchten sie nicht nur verbrecherisch die deutlich bezeichnete Rote-Kreuz-Dienststelle an der Belve- derer Allee mit Bomben zu belegen, sondern schreck­ten sogar davor nicht zurück, Goethes Garten­haus im Park, eine Stätte, vor der sich die ganze Welt in Ehrfurcht neigt, zu bombardieren. Die Bomben schlugen in einem Umkreis von 20 bis 30 Meter um das Haus herum ein. Auch Bom­ben mit Zeitzündern wurden in größerer Zahl gefunden. Wie durch ein Wunder ist das Ge­bäude vor größerem Schaden bewahrt geblieben. Da bei dem hellen Mondschein das Gelände genau zu übersehen und das Gartenhaus klar zu erken­nen war, bedarf es keiner Frage, daß es sich bei dem verruchten Anschlag um einen ganz bewußten Bubenstreich gehandelt hat.

Wie die deutschen Truppen bei chrem Vormarsch im Weften des öfteren strategische Schwierigkeiten in Kauf genommen haben, um künstlerisch und kul­turell wertvolle Bauwerke zu schonen, ist auch in der ausländischen Presse immer wieder hervorge­hoben worden. Die britischen Flieger aber scheuen sich nicht, ohne irgendwelche sonstigen Gründe, aus sinnloser Zerstörungswut die aller Welt heilige Stätte anzugreifen, an der einer der

größten Dichter und Denker Werke von unvergäng- licher Größe schuf. England hat damit seinen heuch. lerisch gepredigtenKrieg für die Kultur" erneut ins wahre Licht gestellt.

In der Nacht zum 16, August haben die britischen Luftpiraten nun auch den Neußer Ehren­riedhof, die Ruhestätte gefallener Soldaten, zum Ziel eines Luftangriffes gemacht. Eine Bombe wurde in der Nähe des Ehrenmales abgeworfen. Nur durch eine Baumpflanzung wurde verhindert, daß Schaden angerichtet wurde. Da das Gräber« seid des Ehrenfriedhofes mit den gleichmäßigen weiß leuchtenden Kreuzen auch aus der Luft ohne weiteres als solches zu erkennen ist, darf ohne weiteres angenommen werden, daß die Bombenabwürfe darauf mit voller Ab« sicht erfolgt sind. Diemoralische Wirkung", die die britischen Flieger mit diesem Angriff beabsich« tigten, dürfte sich allerdings in anderer als in der von ihnen beabsichtigten Weise auswirken. Die ver­abscheuungswürdige Tat hat in der Bevölkerung größte Empörung und Abscheu erweckt.

Oer englische Fliegerangriff auf Brüffel.

Brüssel, 18. Aug. (Europapreß.) In der Nacht zum Sonntag wurde Brüssel das Opfer eines eng­lischen Fliegerüberfalls. Nachdem englische Bomber bereits längere Zeit über der in mildem Mondlicht still daliegenden Stadt gekreist waren, erfolgten etwa 15 Minuten nach Mitternacht Bombenabwürfe in das Zentrum Brüssels. Mehrere Häuser wurden völlig zerstört. In weitem Umkreis wurden sämtliche Schaufenster und Fensterscheiben vom Luft­druck herausgerissen. In jedem Falle handelte es sich um Wohnhäuser, deren friedliche Einwohner getötet oder verletzt wurden. Gleichzeitig wurden Bauern getroffen, die mit ihren Gemüse- und Obstwagen bereits am Abend angelangt waren, um ihre Er­zeugnisse am Sonntagmorgen auf dem Frühmarkt feilzubieten. Bis 4 Uhr morgens waren 7 Tote und 22 Schwerverletzte geborgen. Unter den Toten be­finden sich zwei Frauen und ein Kind.

Die Empörung unter der Brüsseler Bevölkerung über diesen gemeinen Ueberfall ist groß. Jedermann weiß, daß sich im Zentrum Brüssels keinerlei militärische Anlagen befinden. Diese Tat­sache war. den Engländern, die im Mai selbst die Stadt besetzt hielten, genau bekannt. Die Zeitungen brandmarken deshalb auch die Feigheit diesesun­würdigen englischen Verbrechens gegen Brüssel". So schreibt dieNation Belge": Kein Vorwand kann gefunden werden außer der Tatsache: die englischen Flieger zeigen sich als wirkliche Perbrecher. Möchten alle einsichtigen Leute endlich einsehen, daß mit der englischen Barbarei Schluß gemacht werden muß."

Oer Strahlende.

Von Otto Erich Kiesel.

An jedem Morgen, wenn eben das Frühlickt des Spätsommers über die Dächer der Stadtrandhäufer in milden Wogen hinschwillt, bricht aus dem Ge­büsch und Gesträuch der Schrebergärten längs der Bahn eine ungeheure Horde von Spatzen mit Schilpen und Ziepen und bevölkert die Wiese vor unserem Haus, die recht verwahrlost daliegt wie ein von Motten großfleckig leer gefressener Tevpich. Ich weiß nicht, was die Spatzen an diesem Rudi­ment eines einst berauschend grünen Wiesenteppichs noch haben. Tatsache ist jedoch, daß sie allmorgend­lich mit unvorstellbarem Gelärm über die Grün­flecken herfallen, miteinander fürchterlich randa­lieren um dann plötzlich kein sterblich Wesen weih' warum wie auf Kommando aufzuschwir- ren, in die Verstecke ihrer Schrebergärten einzu­fallen und von dort einzeln und in kleinen Schwün- gen wieder, auf den zerfressenen Wiesenteppich zu­rückkehren. Sie bewegen sich zwischen den Gräsern wie eine Kolonie ausgebrochener Feldmäuse, man sieht die braungrauen Federwämse ruckartig wei­terrücken und begreift nicht, was es in der Schä­bigkeit dieser Grasflecke überhaupt noch zu räu­bern gibt. Spatzen gelten nun einmal als die Philo­sophen des Möglichen, sie schmausen zur Reifezeit an den Obstbäumen und Spalieren, und wenn die Kost anfängt knapp zu werden, begnügen sie sich mit jenen Produkten, die den Hesperidenäpfeln viel­leicht in der Farbe ähneln, im übrigen aber ihrer Herkunft nach gerade von den Schrebergärtnern be­nötigt, jedoch infolge der Motorisierung der Ver­kehrsmittel ebenso vergeblich wie leidenschaftlich ge­sucht werden. Das Spatzengelärm dringt allmorgend- lich als Weckruf des neuen Tages in jenes Halb- bewußtsein, das, sphärisch zwischen Schlaf und Wachwerden gebettet, köstlich im Aufklingen der schlafgestärkten Sinne ist. Unser erster Blick an jedem Morgen gilt dieser Lärmkompanie, deren Unbekümmertheit die unbewußte heroische Unver­zagtheit jener ist, die sich um den morgenden Tag nicht sorgen, insonderheit nicht, wenn der heutige reichlich gedeckten Tisch bringt. Ganz gegenwärtig, schwärmen sie gesättigt auf, sitzen in Reihen auf den Gartenzäunen, stieben einzeln und zu Paaren da­von und verbringen nun den Tag in fernen und

nahen Gärten, die sie sich offenbar planmäßig zu- geteilt haben; denn hier und da steht man sie immer wieder wütend aufeinander losstürzen, um Eindringlinge zu verjagen.

Eines Morgens ist unter den Spatzen ein frem­der Gast, einer, der seltsam aufrechten Fluges mit ihnen über die Wiese segelt, sich immer wieder mit ihnen niederläßt. Sein Gefieder schimmert bläulich im Flug, und da wissen mir: ein Wellensittich, der, seinem Bauer entronnen, sich mit den Freischärlern der Vogelwelt angefreundet hat. Tagelang fliegt er mit ihnen, sitzt mit ihnen auf den Gartenzäunen, aber im Flug sondert er sich von ihnen ab; denn seine schwalbenspitzen Flügel leihen ihm größere Kraft. Die Spatzen tun ihm nichts, denn Wellen­sittiche sind unverzagte Burschen und hacken mit ihrem krummen Schnabel erbarmungslos zu. All die Tage sehen wir ihn und bedauern ihn, denn der Herbst wird seiner Freiheit bald ein grausames Ende bereiten.

Da geschieht das Wunderbare: an einem Tag ist zwischen den Grauröcken noch ein neuer Gast, ein goldschimmernder Vogel. Ein entflogener Kanarien­vogel, tippen wir. Aber da schwirrt der Haufen auf und wir sehen allen voran den Wellensittich an der Seite des neuen Ankömmlings. Sie fliegen, als ob sie zusammengehörten, und da erkennen wir, daß der Neue auch ein Wellensittich ist; mit einem Gefieder von köstlichem Gelb, so hell und leuchtend wie Gold aus der Schmelze, wie das Gelb der Sonnenblumen, die den Schrebergärten das orphische Geglühe von Zaubergärten leihen.

Nun ist die vermottete Wiese die Sensation der ganzen Gegend; mit jedem Tag wird der Flug der Wellensittiche sicherer und krastvoyer. Sie hocken zwischen den Spatzen immer nebeneinander, Art­genossen, von gleichen Willen zur Freiheit, vom gleichen Schicksal zusammengeweht. Wir nennen den gelben Neuankömmling denStrahlenden" und freuen uns, wenn wir sein Goldgefieder in der Schar der morgendlichen Lärmmacher entdecken. Tagsüber rücken Frauen und Kinder mit Vogel­bauern an, um die Wellensittiche, die immer mehr zu verwildern scheinen, in die Gefangenschaft zu- rückzulocken. Bis auf Greifnähe lassen sie die Men­schen auch herankommen, äugen schiefköpfig zu ihnen hinunter, dann segeln sie in ihrem seltsam halbaufrechten Flug so erscheint er wenigstens dem Auge davon. Weg über die Schrebergärten, weg über die Schlucht der Bahnlinie und hinüber

nach den Prunkwiesen der Tennisplätze. Einige Kluge geben das Bemühen, die Vögel zu fangen, als vergeblich auf; dann beginnen einige Jungen, in einer Art atavistischer Anwandlung, wenigstens das zu zerstören, was man nicht besitzen kann, nach ihnen mit Steinen zu schleudern. Sie treffen nicht und die beiden Fremdlinge bleiben das bunte Wun­der der armseligen Wiese. Manchmal schießen sie nebeneinander her, sich überholend in tänzerischem Umeinander, sie kreischen dabei urtönig, wild, ein ungebändigtes Jauchzen, Triumph der Lebenslust.

Am schönsten ist es aber, wenn derStrahlende" allein daherfährt; nie zuvor habe ich ein Wesen seinem Element so f)ingegeben gesehen, wie diesen goldenen Vogel. Sein Flug ist rhythmisches Schwin­gen, Eintauchen und Emporgleiten, einer Melodie folgend, nur ihm und der Luft vernehmbar. Wie gewaltig die Bogen, die er fliegt, sein Schrillschrei ist wie Lachen und Girren, hohnvoll und glücklich. Die ganzen Wiesen ringsum haben nur Augen für diesen fremden Goldvogel; sie kennen das ängstliche Geflatter ausgerissener Kanarienvögel und hielten auch ihn für einen dieser gelben Jämmerlinge; jetzt wissen sie, daß der Zauber meerferner Küsten Wäl­der um ihn ist und' in dem harten Rauschen seiner Flügel die Stimme jener Urwaldferne. Sie lieben ihn alle, die Wiesen, die zierlich beschnittenen Baum- reihen an den Tennisplätzen, die schon farbig prun­kenden Herbstblumen, ja, ich glaube, die hohen Pappeln, die am Stadtparkrand aufgereiht stehen wie grüne Wachtsoldaten, recken sich jetzt noch ein­mal so hoch über das andere Gewipfel, bloß um den strahlenden Flieger zu sehen.

So füllt er mit seinem Glanz den Tag von der Frühe bis in den Abend; wenn es regnet und weht, bangt uns um ihn und wir fragen uns beim Schlafengehen: Wird er morgen wiederkommen? Und er kam immer wieder, und mit ihm sein blauer Genosse; wir dachten gar nicht daran, daß sie Leu­ten weggeflogen waren. Sie gehörten uns, gehörten zu der vermotteten Wiese, zu allem, was hier den Tag ausmacht.

Dann ging der Spätsommer in den Herbst über; die Tage wurden kürzer; der Spatzenlärm kam später und später, aber immer waren noch die bei­den Fremdlinge mitten in der lärmenden Horde. Die Wohnhütten der Schrebergärten haben mor­gens weiß überreifte Dächer; wenn ich zur nächt­lichen Stunde wachliege, treibt der Wind das dürre Laub raschelnd über den Asphalt; es hört sich an

wie der leise, melodische Fall melancholischen Re« gcns. Es sind nur zwei entflogene, verwilderte Vögel, die die Freiheit mehr liebten als die Ge« borgenheit ihrer Käsige, zwei Vögel, was das schon ist. Aber Trauer geht über meine Seele da ich denke, wie sie in der kühlen Nacht in ihren Ver­stecken frieren, wie sie, Kinder einer wärmeren Zone, grausam vom Herbst zusammen gekrallt wer­den.

Aber am Morgen sind sie wieder da; im Grau des regenwindschweren Tages umwittert sie eine sich bald vollendende Tragik. Scheint es uns so oder ist es wirklich so, daß ihr Flug nicht mehr so lebend- kühn ist? Alle Gärten trauern, gelb rotes Laub wirrt auf ihren Wegen.

Und eines Morgens sind sie nicht mehr da; auch am andern Morgen nicht, und auch am dritten nicht. Eine Woche vergeht, wir sehen die fremden Vögel nicht mehr.

Aber die Spatzen sind noch da und plündern die verwahrloste Wiese von Gott weiß was aus.

Warum sträuben sich die Haare?

Wenn mir in einer Abenteuergeschichte lesen, daß sich dem tapferen Helden oder der schönen Heldin in irgendeiner furchtbaren SituationDie Haare sträubten", so schütteln wir wohl ungläubig den Kopf und halten diese Schilderung für einab­gebrauchtes Klischee". Tatsächlich kann sich aber unser Haar aufrichten undsträuben", wenn uns ein starkes und plötzliches Entsetzen überfällt. Jedes Haar wird durch einen winzigen, aber vollständig entwickelten Muskel in feiner Lage gehalten. Im normalen Zustande ist dieser Muskel schlaff, und in­folgedessen liegt das Haar glatt. Wird aber der Muskel durch eine Erregung straff angespannt, dann zieht er das Haar empor, und es hängt von der Lange des Haares und der Stärke der An­spannung ab, ob das Haar sich nur leicht erhebt oder gerade aufrichtet. Der Muskelvorgang ist genau derselbe wie der bei einem Hunde, dessen Rücken­haare sich vor einem Kampf aufrichten. Auch hier ist es die starke Erregung, die die Muskelspannung heroorruft, wie ja überhaupt alle Nervenerregungen die Muskeln beeinflussen. Der Haarmuskel gehört zu denen, über die wir keine Macht haben; er tritt automatisch in Tätigkeit. G,K<